Part 22
»Ich kampiere auf dem Sofa nebenan. Das geht sehr gut. Wir lassen die Türe auf, und du brauchst nur zu rufen, wenn du irgend etwas wünschest.«
»Laß dir von der Wirtschafterin Decken geben. Es wird dir kalt werden.« Ihre Schultern bebten.
»Mach dir doch keine Gedanken um mich, Liebste.«
»Liebste — —,« murmelte sie.
»Ich besorge dir noch schnell einen heißen Tee,« sagte er aufgeregt. »Wir werden die Erkältung schon aus dem Felde schlagen. Du hast nun genug gelitten.«
Sie sah ihm mit glänzenden Augen nach, als er das Zimmer verließ. Unten traf er den alten Klaus, Heinrich Koch und die Wirtschafterin. Er verständigte sie mit wenigen Worten und setzte sich schweigsam neben den Herd, um auf den Tee zu warten. Als er wieder hinaufstieg, kam Koch ihm nach. »Kann ich dir behilflich sein?«
»Ich danke dir. Ich hoffe, sie wird bald einschlafen.«
»Du, Joseph, ich warte hier unten.«
»Willst du nicht auch zu Bett? Es ist spät.«
»Ich habe so das Gefühl, als ob du heute gern einen Menschen um dich wüßtest.«
»So warte.« Und er stieg eilig hinauf.
Frau Marias Augen waren nicht von der Tür gewichen. Und wieder glänzten sie auf, als er eintrat. Er gewahrte diesen Blick und errötete. »Ist dir wärmer geworden?« fragte er.
»Du sollst dich nicht ängstigen, Joseph. Sonst muß ich aufstehen und erst für dich sorgen.«
Er stützte ihren Rücken und reichte ihr den Tee. »Trink. Er ist glühend heiß. Aber die Wirtschafterin schwört auf ihn.«
Sie schlürfte ihn langsam ein, und wenn sie absetzte, lehnte sie den Kopf gegen seinen Arm. Den Blick ließ sie nicht mehr von ihm.
»Wie hübsch das ist. Zwei alte Leute ...«
»Ja, Maria, viel Staat wirst du nicht mehr mit mir machen können. Meine Eitelkeit ist der Zeit unterlegen. Kein Haar auf dem Kopfe, das nicht tributpflichtig geworden wäre. Grau, grau, grau.«
»Und ich bin weiß.«
»Wie dich das Weiß kleidet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß du je anders gewesen bist. So friedlich und so mütterlich macht es dich. Ich bin nur verwittert.«
»In jedem Zug bist du wie früher. Wenn man älter wird, hat man andere Schönheitsbegriffe, und das ist gut.«
»So,« befahl er, »und jetzt keine weiteren Schmeicheleien.« Er ließ ihren Kopf in die Kissen sinken und wickelte sie fest in die Decken. »Wenn du mich liebhast, schläfst du auf der Stelle ein.«
»Ich will erst sehen, daß die Wirtschafterin dir dein Sofabett richtet.«
»Unverbesserliche du. Ich werde sie also rufen.«
Tringche kam mit Decken und Kissen, bereitete das Lager, sah nach der Frau, klopfte an ihren Betten herum und verschwand mit vielen guten Wünschen.
»Gute Nacht, Joseph.«
»Gute Nacht, du liebe Frau.«
Sie schloß einen Moment die Augen, öffnete sie groß, hob die Arme und zog schnell seinen Kopf an ihre Brust. »Du! — — — Nun sind wir alte Leute .... Gute Nacht.«
Er saß auf dem Bettrand, bis sie eingeschlafen war. »Nun sind wir alte Leute,« wiederholte er sich. Und er schüttelte den Kopf. »Man muß den Kreis nur etwas enger ziehen, und man bleibt jung. Der alte Klaus fühlt sich wie ein Jüngling.«
Er erhob sich leise und ging aus dem Zimmer. Dabei fiel ihm ein, daß Heinrich Koch auf ihn wartete. »Ich werde mich noch ein Stündchen zu ihm auf die Diele setzen. Wir haben als Knaben zusammen begonnen und schließen als Grauköpfe den Kreis. Was darin ist, bedeutet nun für uns die Jugend.«
Heinrich Koch saß am Eichentisch und träumte. Das Lampenlicht beschien sein ernstes, faltiges Gesicht. Als er Ottens Schritt vernahm, sprang er auf und ging dem Freund entgegen. Stumm streckte er ihm die Hand hin. Es wurde ein kräftiger Druck.
»Was bedeutet das, Heinrich?«
»Das bedeutet einen Glückwunsch.«
»Bist du auf deine alten Tage Gedankenleser geworden?«
»Dazu bedarf es bei dir keiner Kunst. Du bist gottlob keine komplizierte Natur, und deine Augen blicken wie ein Paar Seemannsaugen, die nach langem bösen Wetter endlich wieder Land erblicken. Land, Joseph!«
»Ich danke dir für deinen Glückwunsch. Du hast dich nicht geirrt. Heinrich, ich spür’ wieder mein Blut kreisen.«
»Der Mensch muß eine Aufgabe haben. Du bist ein glücklicher Mann.«
Sie saßen sich gegenüber wie so oft und betrachteten sich wie nach einer langen Trennung. »Der alte Klaus ist zu Bett,« sagte Heinrich Koch, »wir sind, glaube ich, die einzigen Nachtschwärmer in ganz Zons.«
»Maria fieberte. Aber sie ist leicht eingeschlafen.«
»Nur sorgenfreie Menschen schlafen leicht ein. Gibt dir das nicht zu denken, Joseph?«
»Ich sehe alle die Nächte vor mir, in denen sie schwer einschlief. Ihr Leben darf nicht kurz sein, wenn das Versäumte eingebracht werden soll. Und doch ging es um Sekunden.«
»Dort?« Heinrich Koch wies still nach dem Fenster.
»Ja. Dort.«
Sie horchten beide hinaus. Aus der Ferne dröhnte es dumpf zu ihnen herüber. Der feuchte Südwind jagte die Schollen rheinab und zerbrach das Ufereis. Wie ein Geisterkampf klang es durch die Nacht.
»Morgen,« sagte Heinrich Koch, »morgen oder in zwei Tagen wird der Strom frei sein von einem Ufer zum andern. Und er wird die kurze Strecke bis in die Niederlande wieder seine Pflicht erfüllen können.«
»Er — und ich, Heinrich. Die kurze Strecke bis in die Niederlande.«
»Aber besser münden als er. Nicht verzettelt in kleinen Kanälen. Stolz und kühn muß es ins Meer gehen.«
»So haben wir es uns erträumt, als wir jung waren.«
»Und wir wollen sorgen, daß wir uns vor unserer Jugend nicht zu schämen haben. Du vor allem, Joseph, du für mich mit. Das Abendrot soll so leuchtend sein wie das Morgenrot. Nur nicht klein werden.«
»Es sind fast dieselben Worte, die ich Maria sagte, als ich ihr zum erstenmal von meiner Liebe zu ihr sprach. Sie glaubte es mir. Damals! Und nun wird es Zeit, daß ich auch dies Versprechen mit manchen anderen einlöse. Damals — —! Ich bin inzwischen fünfundfünfzig Jahre alt geworden, aber es sind viele Kriegsjahre darunter, und die zählen doppelt. Damals glaubte ich, sie würden nur die Hälfte zählen, und weiß Gott, in der ersten Zeit war es so, und so blieb es noch lange, weil Maria mir alles um eine gute Hälfte erleichterte. Damals,« sagte er, und wieder »damals — damals —« und begann zu erzählen, als gälte es eine frohe Beichte, von Dingen, deren er niemals einem dritten gegenüber Erwähnung getan hatte, von Marias einsamer Jugend, ihrer ersten Begegnung in Koblenz, ihrer Kameradschaft und ihrer Liebe. Den ganzen Frühling ließ er lebendig werden und alle Frühlingshoffnungen und Erfüllungen, ihre gemeinsamen Reisen, das Mutterwerden Marias, seinen Vaterstolz, die Ehe, die sie ihm zu einem Hafen umgestaltet hatte, bis er die letzte, verhängnisvolle Ausfahrt getan.
Eine feine Röte stand auf des Professors Stirn. »Nun habe ich alles miterlebt,« sagte er, »ich danke dir, Joseph.«
»Mir ist fast,« meinte Joseph Otten, »als hätte ich in dieser Nacht das Rätsel meines Niedergangs gelöst.«
»Dann ist der Niedergang gebannt.«
»Willst du es wissen?«
»Ach, Alter, ich weiß es schon so lange. Aber man muß es selber empfinden, wenn es Wunder wirken soll.«
»Ja, Heinrich, ich hatte mir stets die Sorgen abnehmen lassen und nie welche übernommen. Das war es. Und ich stand grimmig beiseite und glaubte, meine Kräfte wären erschöpft, weil ich nicht wußte, was noch mit ihnen beginnen.«
Heinrich Koch deutete mit einem Blick zur Decke. »Maria hat dir eine Aufgabe gebracht?«
Otten erhob sich. In seiner hageren Gestalt spannte sich jeder Nerv. »Das Kind ist in Gefahr,« sagte er, und es war, als ob ein Lachen in seinen Augen aufspränge, ein jäher Lebenshunger.
»Weissagte ich dir nicht, daß du ein glücklicher Mann seist?«
Die beiden Graugewordenen standen und sahen sich mit blitzenden Augen an. Draußen fegte der Nachtwind über Rheinwiesen und Strom. Das Grollen des Eisgangs brach nicht ab. »Er wütet, weil ich Sieger geblieben bin. Hörst du’s?« Und sie lauschten hinaus und lachten kurz vor sich hin ....
»Ich muß nach Maria sehen. Laß es erst morgen werden. Ich lebe noch.«
Sie reichten sich die Hand, und Otten ging hinauf. Aufrecht und jung. Nie, so war ihm, hatte er sich glücklicher gefühlt als in dieser Stunde.
=XIX=
Die Glocke der Zonser Pfarrkirche läutete den Sonntag ein. Das ganze Land ringsum sog die Feierlichkeit ein, die wie ein alter Segen über Wiesen und Äcker schritt, und lag lautlos und erwartungsvoll. Der Wind hatte die Wolken vertrieben. Eine wärmende Vorfrühlingssonne zog auf und schien ruhig auf Landschaft und Strom, der fast die ganze Breite seines Bettes zurückgewonnen hatte und nun auf starkem Rücken das rasch zu Tal gleitende Eis wie ein leichtes Spielzeug trug. Selten nur klang ein Ton durch die Stille, wenn sich vom Uferrand eine neue große Scholle löste, sich verwundert um sich selber drehte und pfeilschnell den Gefährten in die trügerische Freiheit nacheilte.
Tringche, die Wirtschafterin, kam aus der Frühmesse, die sie seit dem Tage, an dem die sonderlichen Gäste in ihr Haus gezogen waren, nie versäumte. Die Gemeinde war klein, es gab nicht viel zu schauen, und die einfache Seele nutzte Zeit und Gelegenheit, die Fürbitte der lieben Heiligen auch für die Hausgenossen zu erflehen, die daheim geblieben waren und auf ihre Art eine direkte Verständigung mit dem Herrgott herbeizuführen trachteten. Als sie in die Küche trat, brannte bereits das Feuer, und der Professor stand neben dem Herd und achtete auf das Wasser, das gerade ins Kochen geriet.
»Is die Frau als munter?« fragte sie und griff ohne weiteres mit zu.
»Munter wäre zu viel gesagt. Aber sie ist aufgewacht. Wir wollen schnell für den Tee sorgen.«
Wenige Minuten später stand Heinrich Koch mit dem Teebrett vor Ottens Tür und klopfte leise. Joseph Otten öffnete. Er nahm das Teebrett entgegen, dankte mit einem Neigen des Kopfes und trat, die Tür behutsam schließend, ins Zimmer zurück. Aus der Kammer kamen kurze, schnelle Atemzüge.
Vorsorglich kühlte Otten das Getränk und trug es ans Bett. »Es wird dir gut tun, Maria.«
Beim Klang seiner Stimme schlug sie die Augen auf. »Mir ist so heiß, und es drückt auf der Brust und im Kopf.«
»Wir werden’s schon niederzwingen.«
»Joseph,« sagte sie nur, faßte seine Hand und trank gehorsam.
Nach einiger Zeit fragte sie nach dem Wetter. »Die Sonne ist durch? Bitte, stoß den Laden zurück. Ich möchte die ganze Kammer voll Sonne sehen.«
Er willfahrte sofort. »Du brauchst dich gar nicht zu rühren. Ich schiebe dir ein Kissen unter den Kopf, und du kannst vom Bett aus gerade durch das Fenster blicken. Ist es schön?«
Sie lag und sah mit großen Augen in die Sonne. »Wunderschön« — — —
Gegen Mittag wurde sie unruhiger. »Joseph — es ist doch mehr als eine Erkältung. — Das Atmen schmerzt mich so. Und es klopft — überall.«
Er hielt ihren Puls zwischen den Fingern und befühlte ihre Stirn. »Ich lasse sofort den Arzt holen. Der soll dem Fieber zu Leibe. Und morgen bist du gesund.«
Auf der Treppe hatte er eine kurze Unterredung mit Koch, der sogleich Hut und Mantel nahm und sich nach Dormagen aufmachte, um Arzt und Apotheke aufzusuchen. Darüber wurde es Nachmittag. Otten saß am Bett seiner Frau und hielt ihre Hand. Er hatte ihr eine kalte Packung um die Brust gemacht und sie nach einigen Stunden erneuert. Danach fühlte sie Erleichterung.
»Schreibe nichts an Carmen. Sie soll sich nicht erschrecken.«
»Ist sie denn allein zu Haus?«
»Das Mädchen ist bei ihr. Die ist zuverlässig. Und Moritz Lachner wird nach ihr sehen.«
»Wissen sie, daß du hier bist?«
»Moritz Lachner weiß es. Er wird es ihr sagen.«
»Wenn dir morgen besser ist, Maria, gehe ich nach Köln.«
Sie drückte seine Hand, schloß die Augen und schlummerte wenige Minuten. In ihr Gesicht trat ein schmerzlicher Ausdruck. Unruhig bewegte sie den Kopf und erwachte. »Der Atem — will gar nicht.«
Durch die Wirtschafterin hatte er sich Eis besorgen lassen. Er schlug ein Stück in kleine Teile und gab sie ihr ein. Dabei stützte er wie eine Mutter, die ihrem Kinde helfen möchte, ihren Kopf, und sie drückte ihr Gesicht fest in seinen Arm.
»Bleib so, Joseph.«
»Gern, Liebste ....«
»Als ich ein kleines Mädchen war, hatte ich einmal das Fieber. Das ist meine schönste Erinnerung an meine Kindheit. Klingt das nicht komisch? Und doch ist es so. Denn damals — bekümmerte sich meine Mutter — den ganzen Tag nur um mich. Wie wohl das tat. Wenn ich in ihrem Arm lag, war ich sofort still — und träumte. Von bunten Wiesen und warmer Sonne darauf, und einer Schaukel zwischen zwei Obstbäumen, auf der ich mich — ganz sachte — schaukelte. Das war ein wonniges Gefühl. Frei — und doch geborgen. Jetzt schaukele ich wieder.«
»Weil du geborgen bist.«
»Weil ich geborgen bin. Ja — —. Wie wunderbar das ist, daß sich das — wiederholt. Jetzt wiederholt. Ich hab’ nicht lange — ein kleines Mädchen sein dürfen. Daher sind mir auch die Tage — so treu im Gedächtnis geblieben. Und später — wenn ich einmal von Herzen müde war — habe ich mich heimlich immer nach ihnen gesehnt. Oft — oft sehr stark. Aber ich hatte ja — den großen Jungen zu schaukeln, der mein Mann war. Das ging vor. Und nun — tust du mir denselben — Liebesdienst.«
»Sprich nicht so viel, es strengt dich an.«
»Das tut nichts. Ich habe eigentlich — nie viel im Leben gesprochen. Aber heute macht es mir Freude. Ich kann dir das nicht erklären. Aber es ist mir so, als ob ich immerfort — immerfort mit dir plaudern müßte. So vieles, was ich versäumt habe — dir zu sagen. Ich war immer zu beschämt, es auszusprechen. Du solltest mich nicht für aufdringlich halten. Daß ich dich so heiß liebte.«
»Du — du —« sagte Otten und wiegte sie leise.
»Nun bin ich wieder — in der Schaukel. Die einzige schöne Kindererinnerung, die mir geblieben ist, nimmt Gestalt an — daß ich sie greifen könnte. Das ist — wie eine Auferstehung. — Ach du — — bei dir ist es so gut ....«
»Ich glaube,« sagte Otten, »du willst mir gar noch danken.«
»Ich habe Grund dazu. Nein, widersprich nicht. Wenn ich einmal sterben sollte — will ich ihn dir sagen.«
Er wiegte sie hin und her. Sein graues Haar lag dicht an ihrem vor der Zeit gebleichten.
Vor dem Hause fuhr die Kalesche des Arztes vor. Heinrich Koch hatte ihn erst erwarten müssen und ihn nach kurzer Aufklärung gleich mitgebracht, nachdem sie sich in der Apotheke mit allem, was in Betracht kommen konnte, versehen hatten. Der Arzt klopfte an die Zimmertür, und Otten rief »Herein!«, ohne seine Frau aus dem Arm zu lassen. Einen Moment blieb der Arzt, betroffen von dem seltsamen Bild, auf der Schwelle stehen. Dann trat er rasch näher und nannte seinen Namen.
»Gestatten Sie, daß ich sofort die Untersuchung vornehme?«
Jetzt erst machte Otten Platz. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und stand am Fußende des Bettes, damit Frau Maria ihn sehen könnte. Es tat ihm weh, als der Arzt ihre Brust enthüllte.
Die Untersuchung zog sich eine geraume Weile hin. Zwischendurch stellte der Arzt einige Fragen nach allem, was voraufgegangen war. Bevor Otten antworten konnte, antwortete Frau Maria. Sie wollte nicht, daß er sich mit einem Bekenntnis peinigen sollte.
»So, so. Sie sind bei dem Unwetter am Rhein gewesen. Diesen Frühlingsstürmen ist nicht zu trauen. Und jedenfalls befanden Sie sich in einer seelischen Erregung, die Sie zur Aufnahme der Krankheit noch geeigneter machte. Nun, es ist nur eine Affektion. Die Hauptsache ist, gnädige Frau, daß Sie aufs genaueste die Vorschriften befolgen. Dann werden wir bald wieder am Rhein spazieren gehen. Aber bei besserem Wetter. Soll ich aus dem Kloster eine Schwester herbitten?«
»Wenn Sie ~mir~ die Dienstreichungen anvertrauen könnten, Herr Doktor,« sagte Otten und trat vor, »so wäre es mir lieber. Was mir an Geschicklichkeit abgeht, ersetze ich durch Zuverlässigkeit.«
»Ich dachte nur, daß sich Frauen gegenseitig —«
»Meine Frau ist nur an mich gewöhnt.«
»Schön. So darf ich Sie wohl informieren, und am besten im Beisein der Wirtschafterin.«
Otten öffnete höflich die Tür, nickte seiner Frau zu und folgte dem Arzt, der auf der Treppe stehen blieb. »Hören Sie, Herr Doktor Otten, das ist keine leichte Affektion, wie ich es vorhin zur Beruhigung Ihrer Gattin hinstellte. Ich habe die Pflicht, Ihnen gegenüber offen zu sein. Und ich kann es doch?«
»Ohne Schonung, wenn ich bitten darf.«
»Es ist eine Lungenentzündung, die sich rapide entwickelt hat. Wenn ich auch nicht gleich das Schlimmste befürchte, so muß ich Sie doch auf den Ernst der Situation aufmerksam machen. Meine Vorschriften müssen auf das peinlichste befolgt werden, eine Nachtwache muß sein, die alle zwei Stunden die Packungen wechselt und jede Minute bereit ist, beizuspringen, der Kranken durch Eisstückchen Erleichterung zu verschaffen und ihre Herztätigkeit durch einen Trunk Champagner anzufeuern. Ich möchte Sie noch einmal fragen: Soll ich nicht lieber eine Vinzenzschwester bitten?«
»Herr Doktor,« antwortete Otten ruhig, »wenn die Möglichkeit besteht, daß es sich für meine Frau nur noch um ein, zwei Nächte handeln könnte, so will ich diese Nächte für mich allein haben.«
»Die Möglichkeit ist nicht außer Frage. Vor morgen ist Genaueres nicht zu bestimmen. Andernfalls aber —«
»Andernfalls — und ich hoffe mit aller Kraft, daß dieser andere Fall eintritt — kann kein Mensch schneller die Genesung meiner Frau herbeiführen helfen als ich. Ich allein bin der Gewinnende — wie ich der Verlierende sein würde.«
Sie gingen die Treppe hinab und trafen Heinrich Koch und den alten Klaus auf der Diele. Und während der Arzt aus den mitgebrachten Vorräten ein paar Medikamente hervorsuchte, hatte sich Otten stumm zu den Freunden gesellt und saß zwischen ihnen. Mit heimlichem Staunen betrachtete der Arzt das seltsame graue Kollegium ....
Dann rief er die Wirtschafterin und wiederholte seine Vorschriften. Otten hatte sich sofort erhoben.
»Ich fahre jetzt nach Hause,« wandte sich der Arzt an ihn, »aber ich werde heute abend gegen zehn Uhr wieder hier sein, um der Patientin, falls die Atmungsbeschwerden sich steigern sollten, ein paar Stunden Schlaf zu verschaffen.«
Otten reichte ihm die Hand. Sein Auge ruhte für Sekunden auf dem Gesicht des Arztes, als ob es dort mehr zu lesen gäbe. Dann ließ er die Hand fallen. »Haben Sie Dank.«
»Auf Wiedersehen.«
Otten grüßte, wandte sich um und ging an den Freunden vorbei, die hinter ihm dreinschauten, bis er die Treppe hinauf war, und auch dann noch horchten, bis sie die Türe seines Zimmers ins Schloß gleiten hörten.
Er konnte nicht sofort in die Schlafkammer gehen. Mitten im Zimmer stand er, mit weit geöffneten, ungläubigen Augen, und sein Kopf wiederholte sich beständig die Worte des Arztes. »Es ist Gefahr — es ist Gefahr.« Das war ja nicht auszudenken. Das mußte einen anderen betreffen, nicht ihn. Nicht ihn und Maria. Sein Gesicht verzog sich, daß es um Jahre älter erschien, seine Augen suchten ratlos in allen Ecken. Und wieder arbeitete sein Gehirn, daß es ihn schmerzte. Bei Gott, der Arzt war hier gewesen, der Arzt hatte gesprochen, von Maria gesprochen, es ließ sich nicht aus der Welt schaffen, was er gesagt hatte, Maria war in Gefahr. Maria ...? War es denn möglich, daß sie ihn allein lassen wollte? Wie das? Hatte er sie nicht allein gelassen und es alle die Jahre gewünscht, daß er allein bliebe? Aber das war doch gewesen! Was hatte das Gestern mit dem Heute zu tun? Was waren ihm alle die Jahre? Was bedeuteten sie für ihn? Nur eines hatte noch Geltung. Das, was geschehen war, seit er sie wieder hatte.
Und nun — aus und vorbei? Ein letzter Blitz, der sein Leben erleuchtete und es aufrüttelte? Um ihm den Weg zu zeigen. Auch das für ihn? Und — aus.
»Nein!« stieß er hervor.
Seine Gestalt reckte sich. Seine Augen glühten. Mit geballten Fäusten stand er und zog alle Selbstbeherrschung an sich.
In der Kammer regte sich Frau Maria. »Bist du da, Joseph?«
Er ruckte mit dem Kopfe, fand ein schnelles Lächeln und ging zu ihr hinein. Sie hatte sich halb aufgerichtet.
»Hat der Arzt draußen noch etwas gesagt, was ich nicht hören sollte?«
Er legte sie sanft in die Kissen zurück. »Nur seine Vorschriften hat er wiederholt, damit dir morgen schon besser ist. Dazu mußt du nun auch helfen. Am Abend schaut er noch einmal bei dir nach.«
»Joseph — du läßt keine Schwester zu mir.«
»Ist es auch dir lieber, wenn ich dich pflege? Es ist Egoismus von mir. Ich möchte so gern ein wenig abzahlen.«
»Nein, es ist Egoismus von mir.«
Sie lag für Sekunden still und suchte ihre Brust zu beruhigen. »Es könnte,« fuhr sie fort, »auch einen andern Verlauf mit mir nehmen, als wir uns wünschen ... Sollte das sein — hab’ ich dich doch für den Rest — ganz für mich allein.«
Es rieselte durch seinen Körper. Da waren dieselben Gedanken, die er eben erst dem Arzte ausgesprochen hatte. Und nun klangen sie wieder zusammen in ~einen~ Ton, wie so oft, wie immer.
»Wir gehören zusammen,« sagte er nur.
»Spürst du das, Joseph?«
Er antwortete nicht. Er legte seinen Kopf dicht neben den ihren auf das Kissen und verharrte so. Langsam kroch der Abend ins Zimmer und umspann sie.
Wenige Worte hatten sie nur getauscht, Zärtlichkeitsworte, die nur ein Hauch waren und doch die Kammer füllten. Jetzt machte Otten Licht, nahm mit einer Geschicklichkeit, über die er selber staunte, eine neue Packung vor und reichte seiner Frau die Medizin. Die Fiebermessung ergab einen höheren Grad.
Mit dem vorrückenden Abend fühlte sie sich schwächer. Der Atem ging heißer und heftiger, und das Bemühen, es ihn nicht merken zu lassen, gab ihr wirre Worte ein. Die Wirtschafterin brachte die Kräftigungsmittel, die der Arzt verordnet hatte, und sie nahm sie ohne Zögern. Auch von dem Champagner, den Otten ihr von Zeit zu Zeit reichte, trank sie gehorsam. Dann begann sie zu erzählen, halblaut, in kurzen, abgerissenen Sätzen, die sie ihrem Atem anpaßte. Nahes und Fernes, alles mit demselben merkwürdig wichtigen Ton. Als wäre nichts Unwichtiges in ihrem Leben gewesen.
Immer länger, immer erregter wurden die Sätze. Ihr Kopf zuckte unter seinen Händen. »Wenn ich nur schlafen könnte,« murmelte sie erschöpft.
Gespannt horchte Otten auf jedes Geräusch, das von der Straße kam. Aus der Ferne ein paar Freudenjauchzer von Karnevalsbrüdern. Sonst nichts. Und die Uhr zeigte auf zehn. Jede Minute dehnte sich ins ewige. Jetzt! Räderrollen ... Er atmete auf. Vor dem Hause hielt die Kalesche.
Der Arzt hatte Lungen und Herz einer neuen Untersuchung unterzogen. Standhaft hielt Frau Maria aus, obwohl jede Bewegung sie schmerzte. »Ich bring’ Ihnen den Schlaf, gnädige Frau.« Und er vollzog schnell eine Morphiumeinspritzung. An ihrem Bett blieb er sitzen, bis die Wirkung eintrat. Mitten in der Erzählung froher Dinge, die sie bewegten, legte sie den Kopf auf die Seite und schlummerte ein.
»Eine willensklare und willensstarke Frau,« sagte der Arzt. »Keine Silbe, die auf sie selbst hinweist, keine Klage, die auf ihre Schmerzen deutet, immer nur beschäftigt mit den Angelegenheiten der Menschen, die ihr nahe stehen. Jetzt verstehe ich, Herr Doktor, weshalb Sie nicht vom Platze weichen wollen.«
Otten sah ihn düster an. Dieser Landarzt hatte die Frau nach wenigen Stunden ergründet. Aber was er da sagte, von »nicht vom Platz weichen wollen«, traf nur halb zu, traf zu spät zu, und ein Hohn lachte in ihm über das eigene, späte Verständnis. »Ja, ja —,« antwortete er.
»Ich habe viel von Ihnen gehört, Herr Doktor, und Sie in früheren Jahren auch selber bewundert. Sie haben ein reiches Leben gelebt. Vergessen Sie das nicht, wenn Anforderungen an Sie gestellt werden.«
»Nein, nein —,« erwiderte er.
»Morgen früh, gleich nach der Sprechstunde komme ich heraus. Ich wünsche Ihnen beiden eine gute Nacht.«
Dann war er allein mit der Schlummernden. Und während er sie betrachtete und seine Hände auf die ihren legte, als ob er sich ihrer vergewisserte, jagten seine Gedanken kreuz und quer, suchten ein Wort, das er soeben vernommen haben mußte, fingen es ein, trieben es im Kreise und spielten mit ihm Fangball. Anforderungen. Anforderungen. Was für Anforderungen gäbe es danach noch —
»Nichts. Keine. — Ruhe da!«