Der Abenteurer : $ Roman

Part 12

Chapter 123,752 wordsPublic domain

»Der eine trinkt dem andern zu, wenn es auch kein Blut ist.«

Sie hob ihr Glas und trank unter der Seidenlarve. »Kein Blut — —! Das Wort hat dich also doch erschreckt. Oder dich stutzig gemacht. Weshalb, wenn wir beide uns zur selben Rasse bekennen? Wenn ich diese Schale Wein liebe, so trinke ich sie aus. Bis auf den letzten Tropfen. Sieh her. Und wenn ich einen Menschen liebe, soll ich nur nippen? Auf morgen die Schale Wein zurückstellen und auf übermorgen? Damit der Wein sauer wird oder ein anderer ihn mir wegtrinkt? Belügen wir uns doch nicht mit schönen Worten. Menschen wie wir lieben nicht das erstbeste. Wir lieben im anderen etwas, was wir nicht besitzen, was wir haben möchten. Und wenn wir schenken, wissen wir, daß wir tauschen und daß uns im Tausch ein Gewinn bleibt. Das Blut des anderen macht uns stärker, sein bestes, sein tiefstes. In diesem Sinne trinken wir Blut, — wenn wir lieben.«

»Und wenn der eine — ausgetrunken ist?«

»So bleibt er auf dem Platze. Kein schöner Sterben in der Welt ....«

Otten beugte sich vor. Aus den Augenlöchern der Seidenmaske traf ihn ein aufzuckender Blick.

»Das mag ein schönes Spiel sein, kühne Frau. Aber es ist keine Liebe.«

»Nicht die Liebe von Schulmädchen mit zwanzigjähriger Brust und Flatterröckchen. War deine Tänzerin von vorhin ein Examen wert? Nicht die Liebe aus der Zeit, da der Großvater die Großmutter nahm. Nein, ~unsere~ Liebe.«

Otten trank sein Glas aus. Bis auf den Rest. »Streiten wir nicht über das Wort. Wenn du es für dich in Anspruch nimmst, soll es Liebe heißen. Aber deine Liebesberechnung hat einen Gedankenfehler.«

»Der wäre?«

»Sie könnten ~beide~ auf dem Platze bleiben. Der eine ~und~ die andere. =Finis Poloniae!=«

»O,« lachte sie auf — — »ich kenne mich.«

»Aber du kennst noch keinen Mann. Noch nicht! Wir gingen davon aus!«

»Und du, stolzer Domino, sprichst nur immer von ihm und zeigst ihn nicht. Das ist Männerart, und bei dir — verzeihe — kompliziert durch den Sänger.«

»Du — weißt, wer ich — bin?« fragte Otten langsam.

»Mir scheint,« sagte die bergische Herzogin und lehnte sich weit im Stuhl zurück, »ich weiß es besser als du selbst. Soll ich es dir offenbaren? Wenn du als Frau auf die Welt gekommen wärest, wärest du ich. Da du aber als Mann auf die Welt gekommen bist —«

Auch Otten hatte sich weit im Stuhl zurückgelehnt, »— so habe ich das Goethische Wort nicht vergessen. ›Die Frauen sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen.‹ Laß mir diesen Glauben, holde Unbekannte. Du gewinnst dabei.«

Sie hob den Kopf. Als ob sie lauschte. Dann stand sie mit nachlässiger Gebärde auf. »Ich finde diese Rede voll Verstand. Aber es ist Karneval, und ich möchte des Lebens Unverstand genießen. Gehen wir.«

»Zürnt mir die unbekannte Herzogin der Frauen?«

»Sie zürnt nicht. Sie findet es nur langweilig.«

»Das ist ein Todesurteil. Und da ich nun doch in Euren Augen sterben muß, möchte ich die Stunde genießen.«

»Frauen haben keine Logik. Aber Männer noch minder. Küsse mich also nicht. Du gewinnst dabei.«

»Ah — kehrst du die Waffen um? Man kann auch küssen, um zu verletzen.«

Sie legte ihre Hand wie eine Klammer um die seine. »Achtung. Der Herzog naht. Wir sprechen weiter.«

Ein schwerfälliger Domino schob sich durch die Menge. Jetzt hatte er den Tisch erreicht. Und in animierter Stimmung schlug er Otten schallend auf die Schulter. »Jupp, Jupp! Wat siehste schlääch us!«

»Kennt mich denn hier alle Welt? Trotz der Maske?«

»Erstens: deine Figur. Zweitens: daß meine Frau dich gekapert hat und dich versteckt hält. Ach — Donnerwetter — ich sollte wohl nichts verraten? Pardon. Nun ist es heraus. Schadet auch nix. Gut amüsiert zusammen?«

»Frau Amely Lüttgen — —« sagte Otten gedehnt, beugte sich nieder und küßte ihre Hand.

»Ich bin dabei, deinem Freunde etwas mehr Höflichkeit gegen uns Frauen zu predigen.«

»Läßt er sich nicht um den Finger wickeln? Das ist höchst unrecht. Vielleicht erreichst du es auf andere Weise.«

Sie lüftete für einen Augenblick die Seidenlarve. In dem blassen Gesicht glühten die Augen. »Diese zornigen Augen weich werden sehen — —« dachte Otten und konnte von dem nervösen Gesichtchen nicht los ....

»Jetzt ist der Reiz des Intrigierens vorbei,« meinte sie und fächelte sich Kühlung, »und zu neuen Abenteuern ist es zu spät. In einer Viertelstunde beginnt die Demaskierung, und bei dem Tumult möchte ich über alle Berge sein. Fahren wir nach Hause.«

»Wir —?« wiederholte Otten.

»Wenn Sie sich zu unserer Gemeinschaft rechnen.« Der Satz hatte einen Unterton. Und sie wußte, daß er ihn verstand.

»Otten fährt mit,« entschied der Fabrikant. »Joseph, mein Freund, tu’s mir zuliebe. Ein Fläschlein Rauentaler daheim und ein gutes Männergespräch.«

»Und ich?« fragte Frau Amely und ließ die Seidenlarve über die Augen fallen.

»Ein Männergespräch,« sagte Otten, »kann nur ein gutes sein, wenn eine Frau es leitet.«

Als sie im Wagen saßen, griff Otten sich an die Stirn.

»Was haben Sie, Herr Doktor? Ein Rendezvous vergessen? Das dralle Schulmädchen? Die Entwicklung vom Frühling zur ›Sommersonnenglut‹? Gott, wir sind nicht neidisch, wir fahren Sie zurück.«

»Ich habe ja meine Tochter auf dem Ball.«

»Verehrtester, Sie möchten wohl plötzlich den alten Mann spielen? Den sogenannten Vater? Fürchten Sie nichts. Wir trinken Rauentaler und führen ein gutes Männergespräch. Alles wohl temperiert.«

»Herzogin, Euer Spott könnte aus Jünglingen Männer, geschweige denn aus Männern —«

»Nun?«

»Den Mann machen.«

Hatte er sich getäuscht? Ihm war gewesen, als hätten wie zufällig ihre kühlen Finger seine Hand gestreift. Er spürte es an dem plötzlichen Stillstehen seines Herzens. Nein — es war ein Irrtum. Sie schaute in Gedanken verloren zum Fenster des rasch dahinrollenden Gefährtes hinaus. Er hatte sich also getäuscht. Aber der Gedanke, daß es hätte sein können, blieb, und er fühlte, wie das heiße Herz noch immer unregelmäßig schlug. Torheit! Diese Frau! »Ich hasse sie,« hatte ihm der Freund gesagt. Und er? Er haßte sie nicht. Er liebte sie noch weniger. Aber sie war besonderer Art. Sie interessierte ihn — aus einem Kräftevergleich.

»Der junge Lachner wird Carmen pünktlich heimbringen,« beschwichtigte er sich. »Vielleicht sind sie schon zu Haus und amüsieren sich mit Frau Maria über den väterlichen Durchgänger.« — Frau Maria — Carmen — Vater — es zog ihm durch den Sinn und versank. »Sie hat ~doch~ meine Hand gestreift ...«

»Wann soll der Kutscher Sie erwarten?« fragte ihn Frau Amely, als der Wagen hielt. »Sie sehen, auf welchen gut bürgerlichen Ton die Mitternachtsstunde gestimmt wird.«

»Um eins, gnädige Frau. Dann ist die Geisterstunde zu Ende.«

»Für heute. Oder für die, deren Geist nur für eine Stunde reicht. Treten Sie ein, meine Herren. Der Kutscher hat Weisung, Herr Doktor.«

Die Herren warfen in der Garderobe nur den Domino ab. Als sie den Salon betraten, vernahmen sie aus dem Nebenzimmer Musik. Frau Amely, im Gewand der bergischen Herzogin, das rostbraune Haar in halblangen Locken auf der nackten Schulter, saß im Musikzimmer am Flügel und spielte eine wilde, eigenwillige Phantasie, aus der es immer wieder wie ferne Geigen und Flöten erklang. Zum Hochzeitsreigen zu unheilig, zum bloßen Tanz zu toll und kapriziös — — — Karneval!

»Komm,« sagte Lüttgen und zupfte den Freund am Ärmel, »wir haben nichts gehört. Das kann lange dauern. Wir pilgern gen Rauental.« Die Geister des Weines waren über ihm.

Otten machte sich mit einer mechanischen Bewegung von ihm frei. Er trat an den Flügel. Er lehnte sich in die Buchtung. »Was ist das, was ich spiele?« fragte ihr Blick. Und er antwortete laut: »Nur ~ein~ Gedicht ließe sich dazu rezitieren, und Sie haben daran gedacht.« Sie nickte, blickte ihn immer noch an und phantasierte weiter. Und er fuhr fort: »Die Herzogin von Berg ist guter Laune, wenn sie den Erinnerungen Audienz gibt. Oder — heißt es mehr?« Sie blickte ihn an, spielte und lächelte.

»Das wird mir zu mystisch,« brummte der Hausherr. »Ich hole den Wein hierher, oder er bleibt noch ungetrunken.« Und er verschwand in seinem Arbeitszimmer.

Nun nickte sie wieder. Und in den nächsten, jauchzenden Auftakt hinein begann Otten die Ballade vom »Schelm zu Bergen« zu sprechen, im Sprechen zu leben.

Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein Wird Mummenschanz gehalten — — — — — — — — — — — — — — Da tanzt die schöne Herzogin. Sie lacht laut auf beständig — —

Sie waren allein, und doch war das Zimmer mit Gestalten gefüllt, die aus dem Klang seiner Stimme erstanden. Mummenschanz. Und sie beide inmitten. Eine Locke fiel ihr ins Gesicht. Er trat näher und strich sie zurück. Seine Hand lag auf ihrer kühlen, glatten Schulter.

»Durchlauchtigste Frau, gebt Urlaub mir, Ich muß nach Hause gehen.« Die Herzogin lacht. »Ich laß dich nicht fort, Bevor ich dein Antlitz gesehen.«

Und die Frau am Flügel bog den Kopf nach hinten, daß sie dem Mann von unten in die Augen sah, und wiederholte: »Bevor — ich — dein — Antlitz — gesehen.«

Der Mummenschanz war zu Ende. Die heraufbeschworenen Gestalten verkrochen sich in den Ecken. Sie waren allein und in der Wirklichkeit.

»Brechen wir ab,« sagte Otten und trat zurück. Mit Flasche und Gläsern klingelnd kam der Hausherr durch das Nebenzimmer. Frau Amely klappte den Deckel zu und wandte sich auf dem Drehstuhl zu den Herren. »Ist das der rechte Ort?«

»Wenn du es wünschest, konzentrier’ ich mich schleunigst wieder rückwärts.«

»Nein,« bestimmte sie, »das hieße die Stimmung zerreißen. Heute ist alles erlaubt. Die Herzogin — ist zufrieden.«

»Mein Kompliment,« lachte Lüttgen, verbeugte sich gegen den Freund und entkorkte die Flasche. »Nun wollte ich nur, du besuchtest uns im Frühling in Godesberg.« Er schenkte den Wein in die Gläser. »Vielleicht hat meine Frau in ihrem Hofstaat einen Ministerposten frei. Die Gesichter möchte ich sehen. Prosit.«

»Du würdest dich über die Gesichter nicht lange amüsieren können, Lüttgen. Denn kraft meines Kanzleramtes würde ich zuallernächst — den Hofstaat auflösen. Prosit.«

»Wenn ich die Ermächtigung dazu erteilte,« rief die Hausfrau. »Prosit.«

»Ich würde selbst vor der Kabinettsfrage nicht zurückschrecken, Hoheit. Prosit.«

»Das ist ja eine prachtvolle Zecherei!« Der Hausherr füllte jedes leere Glas. »Heut wird doch zum Reden getrunken und nicht bloß geseufzt. Du gehörst zu uns, Joseph, zu mir, wollt’ ich sagen. Stoß an. Zum Frühjahr in Godesberg. Mein Landhaus soll Tage erleben, die es sich nicht hat träumen lassen!« Seine Stimmung bekam einen sentimentalen Zug. Er erging sich in Freundschaftsbeteuerungen.

Draußen fuhr ein Wagen vor. Der Kutscher knallte mit der Peitsche. »Die Stunde ist um,« sagte Otten, »bleib sitzen, ich häng’ den Domino über den Arm. Gute Nacht.«

»Vergiß Godesberg nicht,« rief der Hausherr dem Freunde nach. Die Hausfrau gab ihm über den Korridor das Geleit. »Wissen Sie, weshalb ich den Wagen für Sie bestellte?«

»Sicher nicht, damit ich mich nicht erkälten sollte.«

»Weil ich möchte, daß Sie von hier aus sofort nach Hause fahren.«

»Der Grund?«

»Sie sollen heute mit niemandem mehr in Berührung kommen. Die Luft, die Sie aus meinem Zimmer mitnehmen, soll um Sie bleiben. Das ist — mein Gastgeschenk.«

»Gute Nacht, gnädige Frau.«

Er saß im Wagen und summte die Melodie, die er im Ohre hatte. Aus dem Gürzenich, aus dem Musikzimmer Frau Amelys. Dabei hob er die Hand und strich den Schnurrbart zur Seite. Was war das? Frau Amely — —? War sie seinen Gedanken so nahe, daß er den feinen Duft verspürte, der von ihr ausging? — Er lächelte. Der Duft kam von seiner Hand. Und seine Hand hatte auf ihrer Schulter gelegen. ...

»Sie kennt alle Hexenbräuche,« sagte er sich. Und von Zeit zu Zeit strich er sinnend über den Schnurrbart....

Daheim sah er Carmens roten Domino auf dem Sessel liegen. »Sie ist daheim.« Er betrachtete sinnend das Gewand. »Wie groß das Mädchen ist. Noch ein paar Jahre, und ich —« Er ließ den Domino fallen. »Nichts mehr denken. Nichts mehr als an das Heut. Und daß ich es in der Hand habe, es zu verlängern.«

=XI=

Es war still zwischen den Gatten. Otten saß am Tisch, öffnete die eingelaufenen Postsachen und las sie langsam durch. Wenn er einen Brief fortgelegt hatte, griff er zum zweiten Male danach. Er hatte die Zeilen überflogen, ohne ihren Inhalt in sich aufzunehmen. Frau Maria sah ihm eine Weile zu. Dann trat sie zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. »Joseph.«

Er blickte auf. »Hör doch mal, da schreibt mir mein Agent —«

»Du weißt es ja selber noch nicht, Joseph. Ich habe dich ja beobachtet und gesehen, daß du während des Lesens gar nicht bei der Sache warst. Lies nachher und in Ruhe.«

»In Ruhe.«

»Ich habe dir doch keinen Vorwurf machen wollen. Der Vorwurf trifft mich ganz allein. Ich mußte als Mutter wissen, daß man eine vierzehnjährige Tochter nicht allein auf die Redoute läßt.«

»Allein?«

»Ein Kind allein, oder zwei Kinder allein. Das ist dasselbe. Ich mußte meine beiden Kinder kennen, meinen großen Jungen und mein kleines Mädel, daß ein jedes für sich Allotria treiben würde.«

»Aber das hat Carmen doch nicht getan. Die Dinge liegen viel einfacher, als du glaubst, du mußt nur den richtigen Abstand dazu gewinnen. Sie ist eine Stunde über Zapfenstreich geblieben. Das bezeugt doch, daß sie naiv genug ist, an der kindlichen Maskerade Gefallen zu finden. Außerdem war Moritz Lachner an ihrer Seite, was dir doch wertvoller sein muß, als wenn ich sie an der Hand behalten hätte, da du mich als Hüter der Ordnung doch kaum für voll nimmst.«

»Das war ein Zufall, Joseph, ein glücklicher Zufall. Sonst nämlich wäre Carmen sicher erst in der Morgenstunde heimgekommen. Das ist es, was mich bedrückt gemacht hat. Sie hat dein Blut, und ich beklage es nicht, denn ich liebe es ja doch an dir. Aber die doppelte Pflicht habe ich, dies Temperament in den richtigen Bahnen zu halten. Es ist etwas anderes, ob ein Mann oder eine Frau dasselbe tut. Selbständigkeitsbestrebungen sprechen da gar nicht mit. Nur das Geschlecht und seine Bedingungen. Was ein Mann im Überschwang sich noch erlauben darf, muß bei der Frau schöne Form bleiben, oder sie verliert sich und ihren Wert für andere. Und den Stil, Joseph, den vermisse ich bei Carmen noch sehr.«

»Wie ernst du das sagst. Um einer Kleinigkeit willen, Maria.«

»Nein, um eines Zeichens willen. Du hast nicht das Auge dafür und kannst es nicht haben, weil du deine Tochter nur zuweilen und in gegenseitiger Sonntagslaune siehst. Ich sehe sie aber auch am Werktag, und ich ersehne von all meiner Erziehungskunst nichts mehr, als ihr auch für den Werktag die heitere Sonntagslaune zu schaffen. Und das ist nur möglich, wenn ich dafür sorge, daß die Sonn- und Festtage keinen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Sieh, Joseph, als sie diese Nacht heimkam, — meinst du, sie wäre überglücklich von ihrer Ausfahrt gewesen? Zornig war sie, geweint hat sie vor Zorn, und Vorwürfe hatte sie statt Danksagungen. Der Moritz hätte ihr den ganzen Abend verdorben. Der Moritz hätte ihr gar nicht den roten Domino besorgt, weil auch der Laurenz die rote Farbe getragen, sondern nur, damit er sie im Trubel immer hätte erkennen können, um sich an sie zu heften. Der Moritz hätte nicht geduldet, daß sie wie die anderen an fremden Tischen Sekt getrunken hätte. Und der Moritz hätte Streit angefangen, als doch die ganze Tanzstunde hätte in ein Café ziehen wollen. Alles das, ohne den Begriff in sich aufkommen zu lassen, daß der Moritz mit richtigem Taktgefühl nur Ungehörigkeiten verhindert hat. Und ich, die Mutter, die das alles hätte voraussehen müssen, war ruhig zu Hause geblieben. Das ist sehr beschämend für mich.«

»Nein,« sagte Otten, »das ist beschämend für mich. Ich hatte die Aufsicht übernommen. Aber ich sehe mehr und mehr meine Talentlosigkeit ein, Menschenkinder anders zu erziehen, als wie ich selbst bin. Damit ist aber Menschenkindern, die noch nicht wetterfest sind, wenig gedient, denn sie imitieren doch nur die Geste. Das seh’ ich auch ein. Folglich bin ich aus Selbstliebe auf dem besten Wege, mein Töchterchen zu verwirren und bestenfalls ihren Trotz zu stärken. Maria, damit die Kleine eines Tages den Menschen, die sie liebhaben, weniger Sorge macht als ich denen, die mich lieben, trete ich beschämt von der Erziehung zurück. Hoffentlich hat mein Beispiel noch nicht zu sehr Bresche gelegt.«

»Sind wir nun wieder gut Freund?« fragte sie.

»Wichtiger scheint mir die Frage, ob du nun wieder ~mein~ guter Freund bist.«

»Dein bester, Joseph. Daran wird nichts je etwas ändern.«

Er zog ihre Hand an seine Augen. »Setz dich zu mir. Wir wollen zusammen lesen, was der Agent schreibt. Natürlich, da hat er schon die ganze Tournee fix und fertig. London, Manchester, Glasgow. Und zur Butterwoche nach Rußland: Moskau und Petersburg. Garantierte Pauschal für jede Stadt. Das lob’ ich mir. Telegraphische Zusage erbeten, um abzuschließen. Nächste Woche in London erstes Konzert. Ich würde also Anfang Mai zurück sein.«

»Ich freue mich darauf, Joseph.«

»Daß ich abreise oder wiederkomme?«

»Auf das, was für dich dazwischen liegt.«

»Ja — — ich muß den Luftstrom spüren. Das ist nun einmal so. Ich glaube, meine Lungen haben doppelt so viel Sauerstoff nötig als andere Lungen. Zufuhr, Zufuhr, Zufuhr! Oder ich quengle im schönsten Sonnenschein, daß ich ein Greis werde und nicht die Hand vor Augen sehe. Maria, ob dies gesteigerte Lebensbedürfnis so sehr beneidenswert ist?«

»Ja,« sagte sie und drückte ihm die Hand. »Wenn es Menschen haben, die ihm gerecht werden können.«

»Nur gerecht?«

»Die alles — aus derselben Freude heraus tun. Man muß ihr glückliches Lachen hören. Deines hör’ ich immer.«

Da zog er sie an sich. Sein Kopf lag still an ihrer Brust. »Gute Mutter — —.« — —

Joseph Otten war abgereist. Von England her flatterten fröhliche Briefe und Karten ins Haus. »Mein Agent, der mit mir reist, ist so vergnügt, daß er singt. Da ich besser singe, muß ich also noch viel vergnügter sein.« Und ein anderes Mal: »Daß wir nie klug werden, hat der liebe Gott gewiß aus Güte so eingerichtet, damit uns auch etwas für die späteren Jahre bleibt. Oder, damit wir nicht von vornherein zu viel Unfug anrichten. Später regulieren die Zahnschmerzen den Appetit. Diese Engländerinnen, Maria! Als ich jung und töricht war, hielt ich sie für Überbleibsel aus der Eiszeit. Heute, da sie zu meiner reiferen und gefesteten Persönlichkeit (bitte nicht ›Kunst‹ zu lesen) Vertrauen fassen, merke ich, daß Eis glühend heiß auf der Zunge brennen kann. Kann —? Könnte! Die Zahnschmerzen rebellieren gegen zu viel Süßigkeit! — Und ich bin gerettet.«

Frau Maria las und schüttelte den Kopf. »Ich glaub’s nicht. Seine Zähne sind sein Stolz.«

Von Moskau aus schrieb Otten an Frau Amely.

»Verehrte Frau und Freundin! Hier ist es so barbarisch kalt, daß die Frauen selbst über ihrer Seele Pelze tragen. Das mag für den Draußenstehenden genügen, sich die Hände daran zu wärmen. Nicht mehr. Nicht öffnen! oder die Motten fliegen, und es riecht nach Kampfer. Nun, das mag in einer Stadt, in der man Stearinkerzen wie Knackwürste verzehrt, weiter nichts auf sich haben, aber — ich bin nicht in dem Tal geboren. Ich bin aus einem Lande — mag es in Deutschland, mag es anderswo liegen — in dem sich die Blumen an Düften überbieten. Streift man über ihre Blütenblätter, so wandert der Duft lange mit. Und eine Rosenart gibt es dort, nicht la France und nicht Dijon und Maréchal, ein einzelnes Exemplar, von einem Blumenkenner ›Herzogin von Berg‹ getauft. Welche Farbe? Sie hat noch nicht Farbe bekannt. Nein, nein, gewiß nicht. Die Farbe muß sich noch klären. Und der Dornen an ihrem schlanken Stamm sind noch zu viele. Nicht zum Schutz. Wer sich in einer Dornenhecke verschanzt, an dem geht der Tag vorüber. Und doch hat sie einen Duft, der mehr sein könnte als einst Erinnerung. Einmal streifte ich ein Blumenblatt. Das war wie eine kühle, glatte Schulter. Und der Duft blieb gefangen in meiner Hand und lockt mich von der eisigen Moskwa in den rheinischen Frühling, der nun bald aus dem Siebengebirge aufbrechen wird, Godesberg zu schmücken. Ich halte den Duft in meiner Hand, und ich reichte die Hand nicht weiter, damit er sich nicht mit dem Alltagsgeruch des Kampfers mische. Möge die Rose ebenso denken. Einzelexemplare haben die stärksten Pflichten: die Völker zu segnen und die Throne zu lieben. Das klingt wie Realpolitik, ist aber Idealismus. Ich bitte Sie, von den Grüßen, die ich Ihnen sende, dem Chef des Hauses, meinem lieben Freunde, einen Teil gütigst überweisen zu wollen, und salutiere jeden angewärmten Gedanken, den Sie persönlich für mich in diese Schneewüste senden. Ihr ergebener Joseph Otten.«

In Petersburg erhielt er Antwort.

»Hochgeehrter Herr Doktor! Ich finde Ihr Schreiben nicht sonderlich schwerwiegend. Es ist eine alte Weisheit, daß man sich in der Kälte am lebhaftesten nach Wärme sehnt und beim Anblick von Eisblumen nach Frühlingsrosen. Und wenn es selbst ein so entwicklungsbedürftiges Exemplar wie die ›Herzogin von Berg‹ wäre. In solchen Fällen ist man nicht wählerisch. Dies =ad I=. Und =ad II=: Ich habe mir erlaubt, die Grüße nicht in Portionen zu zerlegen und auszuteilen. Abgesehen davon, daß ich wegen der Adresse des ›Chefs des Hauses‹, der mir als solcher völlig unbekannt ist und bleiben wird, in Verlegenheit geraten wäre, hege ich nun einmal die Ihnen bekannte Antipathie gegen alle Halbheiten. Haben Sie an den Fabrikanten Herrn Karl Lüttgen zu Köln am Rhein Grüße zu bestellen, so findet sich dafür wohl im Zarenreiche noch eine Postkarte. Ich hoffe, es belastet Ihre Seele nicht, daß ich die unter meiner Adresse einlaufenden Grüße für mich behalte. Übrigens: in einem stimmen wir doch überein. In dem Gedanken an den Einzug des Frühlings in Godesberg. Suchen Sie keine Rätsel hinter diesem Satze. Für Menschen, die die Völker segnen und die Throne lieben, gibt es keine. Wenn Sie das als einen ›angewärmten Gedanken‹ nehmen wollen, so wird dies Zeichen einer hochkultivierten Intelligenz mit besonderer Zuneigung erfüllen Ihre nicht minder in der Barbarei befindliche

Amely L.«

»Ah — —,« machte Otten und strich den Brief glatt, »das ist ein kühner Schachzug. Stempelt über meinen Kopf weg meine Korrespondenz zu einer geheimen. Nun heißt es Fersengeld geben oder sich schlagen. Neutrales Land respektiert man nicht. Diese Skrupel hat unsere Kriegführung zur veralteten Moral gelegt. Man bläst das Signal ›Avancieren!‹ ohne Kriegserklärung, und — zum Teufel — ich will mit diesem Wiesel keinen Krieg.«

Er ging in seinem Hotelzimmer auf und ab. »Der arme Kerl, der Lüttgen,« dachte er. »Weshalb mußte der gute, schwerfällige Knabe an diese stahlgefederte Fechtmeisterin kommen. Ich habe, weiß Gott, Verständnis für ihn. Das ist keine Liebe um des Lebens, sondern um des Lebens und Sterbens willen. Statt des Herzmuskels fordert sie Nerven. Und Karl Lüttgen verfügt nach guter, alter Sitte nur über einen Herzmuskel. Und den erhielt er ramponiert zurück.«

Er nahm den Brief noch einmal auf und überlas ihn. Ein Lachen ging um seine Mundwinkel. »Mut hat sie, diese neue Inkarnation der alten Eva. Sie weiß, was sie will. Aber sie irrt sich in den Folgerungen. Man spielt wohl einmal aus Spielsucht. Wie Kinder, die nach Sonne haschen. Segen jeder Erinnerung! Aber nicht aus Überlegung. Dann wird das Spiel zum Geschäft, und es bleibt ein fluchender Betrogener. Das ist häßlich. Und um die Schönheit soll es doch gehen. So oder so! Also — irrt Ihr Euch in den Folgerungen, Frau Amely ...«