Part 11
Frau Maria lächelte vor sich hin. »Daß Sie daran so festhalten. An dem Worte ›neu‹. Sie bleibt ja doch dieselbe. Immer die, die ~wir~ für gut und schön halten, und immer die, die ~andere~ für gut und schön halten. Das wird sich niemals ändern. Nur, daß man bisher kein Wesen davon machte, wenn man die eigene für besonders schön hielt. Daraus wurde Poesie. Trägt man aber die Poesie auf den Markt, so muß wohl Marktgeschrei daraus werden. Deshalb sollte man die neue Ethik nicht immer so laut verkünden.«
Frau Amely zog die Augenbrauen hoch.
»Sei dem, wie ihm sei. Der Erfolg wird Recht sprechen. Aber jedenfalls,« und sie erhob sich rasch, »haben wir uns nicht über Dienstmädchensorgen und die billigsten Bezugsquellen unterhalten. Bei einem ersten Besuch! Wir sind also wirklich bildungsfähiger als die Männer, die über die Weinpreise noch nicht hinausgekommen wären.«
»Die armen Männer,« lachte Frau Maria belustigt.
»Wahrhaftig. Es sind arme Teufel. Und sie sollen es wissen.«
»Nehmen Sie meinen Mann aus.«
»Sie machen mich wirklich begierig, ihn näher kennen zu lernen. Er muß die Tugenden wie Orden auf der Brust tragen.«
»Kennen Sie nicht den starken Wahlspruch der Engländer, gnädige Frau? =Right or wrong, my country?= So denke ich über meinen Mann.«
»Ich hätte fast den Zweck meines Herkommens vergessen,« sagte Frau Amely. »Wollen Sie mir helfen, Ihren Mann umzustimmen? Und werden Sie mir ebenfalls die Freude machen?«
»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, an mich zu denken. Aber ich kann mich des Abends nicht gut von meinem Kinde trennen. Wir leben so zurückgezogen, daß Carmen gerade am Abend ganz auf mich angewiesen ist.«
»So schicken Sie Ihren Mann allein. Sagen Sie ihm, daß ich darauf rechnete, daß er mir nicht die Harfner- und Mignon-Idee verdürbe. Ich würde mich als Mignon so entzückend wie möglich machen. Ganz allein ihm zuliebe. — Vielleicht hilft das.«
»Es wäre wenigstens die heftigste Beschwörung.«
»Adieu, gnädige Frau. Es war eine reizende Stunde bei Ihnen.«
»Adieu, gnädige Frau.«
»Sie werden jetzt öfter von mir hören. Das haben Sie nun davon.«
»Ich werde mich gern daran gewöhnen.« — —
Frau Amely schritt die Gasse hinunter und bog am Rheinufer ab. Frau Maria sah ihr vom Fenster aus nach.
»Das ist nicht nur Kleidereleganz,« sagte sie, »das ist vererbte Kultur.« Und sie bewunderte die feine Körperlinie und die Art des Gehens. »Körperkultur. Und die Gedanken werden davon abhängig gemacht. Das ist das Geheimnis.«
Sie kehrte sich langsam ab, um in die Küche zu gehen. Es wurde Zeit, die Anrichtung des Mittagsmahls zu übernehmen. Ihr Blick fiel in den Spiegel.
»Du gehörst Joseph Otten und keinem sonst,« und sie nickte der großen, ebenmäßigen Figur, deren Bild der Spiegel zurückwarf, zu. »Das ist eine bessere Freiheit. Keinem sonst ...«
Eine halbe Stunde später kam Otten heim. Carmen hing an seinem Arm. Der Spaziergang hatte ihn erfrischt, er war munter und wortreich.
»Du hast Besuch gehabt, Maria? Carmen erzählte mir von einer Dame, der lauter Pelzschwänzchen von der Schulter gebaumelt hätten. Das Mädel will partout auch so einen Pelz.«
»Bist du ihr nicht begegnet?«
»Wie, ging sie denn, mich suchen?«
»Sie ging von hier aus das Rheinufer entlang. Ob das dem Rhein gegolten hat?«
»Schelm, du willst mich wohl eitel machen? Wer war’s denn?«
»Kennst du eine gewisse Mignon?«
»Nur die eine, von der man nie recht weiß, ob sie ein Jung’ oder ein Mädel ist.«
»Und den Harfner kennst du auch?«
»Auch den Harfner.«
»In welchem Verhältnis steht denn der zur Mignon?«
»Das wird ihm wohl selbst schleierhaft sein. Ist er der Vater, der Geschäftsführer oder — der Liebhaber?«
»Wäre das nicht eine passende Rolle für dich?«
»Höre mal,« sagte Otten und griff ihr unters Kinn, »wenn sich bei mir auch schon ein paar graue Haare zeigen, so bitte ich doch sehr, mich nicht als rätselhaften Mummelgreis zu verschleißen. Oder soll ich dir Respekt beibringen?«
»Bleibt also noch die Mignon,« lachte sie unter seinem Griff.
»Ein Wesen, von dessen Weiblichkeit ich nicht einmal fest überzeugt bin? O Maria, habe ich denn mit dir umsonst gelebt?«
Sie legte ihm die Hand auf den Mund. »Die Frau deines Freundes Lüttgen war hier.«
Verblüfft staunte er sie an. »Frau Amely — —? Hier?«
»Wegen ihres Kostümfestes.«
»Ich hab’ ihr doch unzweideutig abgeschrieben,« murmelte er und gab ihr Kinn frei.
»Sie behauptete, du zerstörtest ihre Pläne. Sie müsse dich als Partner haben.«
»Bin doch neugierig, wozu?«
»Als Harfner, Joseph, und sie würde dir zuliebe eine ganz entzückende Mignon sein.«
Otten ging zum Fenster und trommelte an die Scheiben. »Eine sehr schöne Idee,« meinte er endlich. »Schade, daß ich diese Rolle gerade nicht auf dem Repertoire habe.«
»Du willst nicht, Joseph?«
»Mich ausspotten lassen? Denn das ist doch Spott!« Er kam zurück, legte den Arm um Frau Maria und promenierte mit ihr durchs Zimmer. »Sprechen wir von was anderem. Die Sache ist erledigt.« —
Carmen hatte inzwischen den Tisch gedeckt. Frau Maria servierte selbst. Eine heitere Stimmung füllte den Raum. Und mitten in einem Gespräch fragte Otten: »Wie hat sie dir denn eigentlich gefallen?«
Frau Maria sah ihn lächelnd an. »Die Frau deines Freundes? Wie nanntest du sie doch: Frau Amely? Ja, Joseph, ich glaube, ganz so wie dir. Sehr bestechend, aber — man weiß nicht recht.«
»Ja, ja, ja. Man weiß nicht recht. Jung’ oder Mädel.«
Am Nachmittage wurde musiziert. Otten sang ein paar Balladen und einige Volkslieder, und er ließ sich von seiner Kunst weiter und weiter reißen. »Jetzt werde ich die Strophen einmal rezitieren. Gib acht, ob ich der Komposition auch nur einmal gestattet habe, den Geist der Gedichte zu Gunsten einer musikalischen Phrase zu vergewaltigen. Man singt nicht Töne, man singt ein gedichtetes Lied!« Und er sprach die Verse, daß sie ihr Innerstes offenbarten. Frau Maria saß wie im Banne.
»Hat sie eigentlich auch Geist?«
»Wer, Joseph?«
»Ach, ich kam gerade darauf. Ihr habt euch doch lange unterhalten. Lassen wir sie in Frieden.«
Wie ein farbenprangender Sonnenuntergang war der Abend. Und als die Nacht kam, zitterte es durch den Raum, in dem die drei Menschen beieinander saßen, wie eine selige, fern verhallende Liedstrophe ...
»Gute Nacht, Carmen. Gute Nacht, Töchterlein.«
Dann gingen auch Joseph Otten und Frau Maria zur Ruhe.
»Du — Maria!«
»Joseph?«
»Trotzdem! Ein Alltagswesen ist sie nicht. Sie hat was von der Sphinx. Verführerisch und grausam. Arme Opfer — —.«
»Großer Junge,« lachte Frau Maria leise ... Um sie her und in ihr war noch der Sonntag.
=X=
Rosenmontag — —! Geck, looß Geck elans! Maskenfreiheit! Eine ganze Stadt in Ekstase ...
In den Gassen und Straßen der Altstadt tobte der Aufruhr. Das Narrentum stand auf wider den Griesgram Vernunft. Es sprach seine eigene Sprache, deren gellend Gejauchz nichts wußte vom Trommelfell der Umstehenden, es machte seine eigene Musik, die in Kinderraspeln, Waldteufeln, Mundharmonikas und Vogelpfeifen versuchte, der Freude der Seele gerecht zu werden, es sang seine eigenen Lieder, trug seine eigene Tracht, und wo die Schönheit zu kurz kam, wurde sie durch Begeisterung ersetzt.
Rosenmontag ...
Die Hohestraße hatte die Führung. Wer von den Fenstern niedersah, blickte in ein Meer von blauen und roten, gelben und grünen Farben, dessen Wogen sich ballten, sich verschlangen, sich übersprangen, und aus denen Dominos, blaubekittelte Bauern, Höllenfürsten, Hexen und Balleteusen hochgehoben wurden, um zu vergehen wie ein Spuk und großkarierten Engländern, den Brüdern Straubinger, politischen und Phantasiemasken Platz zu lassen. Wo zwei Menschen nebeneinander eingekeilt wurden, bildeten sie eine Musikkapelle, wo sich ein Fräulein aus dem Trubel herausschälte, gab’s fröhliche Jagd mit anschließendem Reigentanz. Hin und wieder ein Aufkreischen über allen Lärm hinaus. Ein Kuß hatte gesessen.
Eine Schar gescheckter Narren stürmte heran, warf sich in den Menschenstrom, hieb mit den knallenden Pritschen drein, ließ Schweinsblasen auf die Köpfe niedersausen und machte die Bahn frei. »Der Zug! Der Zug! Hä kütt! Platz for der Zug! Hau, du lecker Mädchen, ich fressen dich!«
Und der Karnevalszug trabte, rollte heran. Voraus nach alter Sitte kölnische Bauern und Jungfrauen; die Funkenkompanie, die Karikatur ehemaliger Stadtsoldaten, etwas schwankend schon hinterdrein; und nun Wagen auf Wagen, auf denen in kecker Persiflage die Revüe des Jahres abgehalten wurde, der Geist der Stadtväter unvorhergesehene Würdigungen erfuhr, Denkmalsfragen gelöst wurden und eine Narrheit die andere an Witz und schillernden Farben übertrumpfte. Gedruckte Lieder flatterten in die Menge, unaufhörlich schmetterten Musikbanden die Melodie, kostümierte Reiter kitzelten mit langen Pfauenfedern die Mädchen, die lachend danach schlugen, am Halse. »Weg, du Räuwer!« — »Wat denn? Ein Pfauenaug kann doch nit blind werde!« Und Prinz Karneval, an der Seite sein hochgemutes Gemahl, entbot vom turmhohen Wagen seinem getreuen, wonnejauchzenden Volk landesväterlichen Gruß. »An alle meine Narren! Alaaf Kölle!«
Joseph Otten hatte in einem Restaurant in der Hohestraße zu Mittag gegessen. An dem Tisch, der dicht vor eines der Fenster gerückt war, saßen neben ihm seine Tochter Carmen und Moritz Lachner. Frau Maria war daheim geblieben. »Ich habe mehr davon, wenn ich euch später erzählen höre,« hatte sie gesagt; »ich bilde dann das Publikum, und ihr habt die Freude zweimal.«
Mit belustigtem Blick schaute Otten seine Tochter an. Sie hielt ihre schlanke Figur wie eine junge Dame und gab sich ein Aussehen, als ob sie gewöhnt sei, täglich in den besten Restaurants zu Mittag zu speisen und Volksbelustigungen von ihrem Fenster mit der gleichen Geneigtheit entgegenzunehmen wie etwa in Nizza oder in Rom. »Sie ist ihren Jahren an Kopf und Wuchs voraus,« dachte Otten, »man könnte sie für sechzehn halten, und sie weiß es.« Und das belustigte ihn. Moritz Lachner hingegen blieb sich seiner ungeschickten Halbreife so sehr bewußt, daß er nur zuweilen hastig um sich zu blicken wagte. Dann fragte Carmen erstaunt: »Wünschest du etwas, Moritz? Gefällt es dir nicht?« — »Nein, Nein. — O ja!« —
Als sich der Rosenmontagszug heranwälzte, hob Otten mit elegantem Schwung das junge Mädchen auf den Tisch und hielt den Arm um ihre Taille. Und sie legte schmeichelnd die Hand auf sein Haar und dachte: »Jetzt werden die Leute glauben, es ist mein Bräutigam.« Das machte sie stolz und gab ihrem feinen Gesicht einen herablassenden Zug. Moritz Lachner wandte kein Auge von ihr. Der Rosenmontagszug hatte ihm nichts mehr mitzuteilen.
»Du, Vater, schau hier!«
»Der schöne Landsknechtsfähnrich?«
»Ach, das ist ja unser Bierhändler. Nein, der rote Teufel da, der immer in die Luft federt. Siehst du ihn? Erkennst du ihn nicht? Jetzt hat er uns entdeckt. Hurra!« Und sie schwenkte die Hand wie eine Fahne.
»Das ist Laurenz Terbroich,« sagte Moritz Lachner.
»Ich mag ihn nicht gern, Carmen,« meinte Otten. »Sein Teufel hat mir zu viel Mache, gerade wie der Mensch.«
»Aber es ist doch Karneval, Vater. Laß ihn doch zu uns.«
»Na, Kind, wenn ich deinen Freund nur an Karnevalstagen zu Gesicht bekomme, soll es mir recht sein. Er ist windig und frech. Heut soll er Maskenfreiheit genießen. Den Deubel zum Gruß, Herr Terbroich.«
»Den Deubel auch, Herr Doktor!« In grotesken Sätzen war der Rotseidene durchs Lokal gesprungen und machte Miene, sich des lachenden Mädchens zu bemächtigen. »Sonst wünschen Sie nichts?« rief Otten und fing den Teufel auf.
»Meine Großmutter läßt Sie grüßen, Herr Doktor. Und Sie möchten ihr doch auch mal die Ehre geben.«
»Ich werde Sie als Quartiermacher vorausschicken, wenn Sie nicht artig sind. So, setzen Sie sich. Hier ist ein Glas Sekt. Nun wollen wir singen und klingen, bis sich draußen der Schwarm verlaufen hat.« Er hob das junge Mädchen vom Tisch herunter. Die Wogen der Fastnachtsseligkeit schlugen kräftig ins Lokal.
»Du, Carmen ...« flüsterte Laurenz Terbroich. Er saß neben ihr und erhaschte ihre hin und her pendelnde Hand.
»Ja — —?«
»Dein Vater soll dich heute abend mit auf den Gürzenichball nehmen.«
»Ich darf noch nicht hin. Ganz gewiß nicht.«
»Frag ihn doch. Die halbe Tanzstunde kommt.«
»Vater,« schmeichelte Carmen, »wohin gehen wir denn von hier aus?«
»Nach Hause, du Nimmersatt.«
»Bleibst du denn auch zu Hause? Sag doch. Oder gehst du zum Gürzenich? Ach du. Sag’s doch.«
»Du möchtest wohl mit? Kind, daran ist nicht zu denken.«
»Wenn ich einen Domino anziehe, sehe ich aus wie eine Erwachsene. Du, dann sind wir das schönste Paar. Nein, wirklich. Und du weißt es auch selber. Ach, Vater, mach mir doch den Spaß, ich hab dich doch noch nie um was gebeten.«
Er strich ihr über das erhitzte Gesicht. »Na, na, na. Ich tät’s schon. Aber die Mutter wird es nicht erlauben.«
»Wenn du’s ihr nur richtig sagst. Der Laurenz geht auch hin.«
»Soll ich das als Empfehlung nehmen?«
»Der Moritz auch,« sagte sie rasch und blickte den Abiturienten befehlshaberisch an.
»Was? Der Moritz auch? Du willst auf den Gürzenichball, Moritz?«
Moritz Lachner saß mit rotem Kopf. Er fühlte den verwunderten Blick Ottens, aber er fühlte auch die Aufforderung, die in dem Blick des Mädchens lag. »Ja, Herr Doktor,« sagte er, »ich wollte hin. Und ich würde Carmen nicht von der Seite gehen.«
Laurenz Terbroich blinzelte in sein Glas. Otten sah langsam von einem zum andern. »Das scheint mir hier ja eine Verschwörung zu sein. Aber wenn die Sache so hoch veranschlagt wird, daß selbst der Moritz lügt —«
»Herr Doktor, ich gehe ganz wahrhaftig zum Gürzenichball. Und Dominos für uns alle kann ich aus dem Geschäft meines Vaters bringen, der sich sehr freuen wird —«
»Das übrige schenk’ ich dir. Ihr seid ja eine heillose Gesellschaft. Soll ich im Gürzenich vielleicht als Kindergärtnerin auftreten?«
»Vater, sei lieb! Du sollst uns gar nicht merken.«
»Umgekehrt, mein Herzchen. Ich möchte euch sehr bemerken. Aber ich möchte nicht, daß ihr euch auch anderen bemerkbar macht.«
»Ich werde mich doch selbstverständlich wie eine junge Dame betragen.«
»Du bildest dir wohl ein, es schon zu sein, Kindskopf?«
»Sieh mich doch an,« lachte sie übermütig und fiel ihm im Lärm des Saales um den Hals. Da gab er nach.
»Ausgetrunken, ihr Herren. Wir schlagen uns jetzt durch zur Rheingasse. Der rotseidene Teufel wird uns eine Gasse bahnen, und Moritz und ich, Carmen in der Mitte, halten uns dicht an seinen Fersen. Hierher, Kellner. Die Rechnung ... Das wäre abgemacht. Und nun: vorwärts!«
»Alaaf Kölle!« schrie der rote Teufel und sprang aus dem Lokal in den Menschenknäuel, der eine Sekunde stutzte. Otten und Lachner drängten nach. Das Mädchen hing zwischen ihnen. Sie erreichten eine Querstraße und bogen ein. Hier war Luft. Und ungehindert erreichten sie in zehn Minuten die Rheingasse. Moritz Lachner verabschiedete sich. »In einer halben Stunde bin ich zurück. Ich hole nur die Dominos.« Carmen wandte sich auf der Treppe um und winkte ihm nach.
»Maria,« sagte oben Otten zu seiner Frau, »ich habe ein leichtsinniges Versprechen gegeben.«
»Es ist ja heute Karneval, Joseph.«
»Das mein’ ich auch. Man drückt ein Auge zu. Aber nun muß ich es dir wohl sagen?«
»Du willst auf den Gürzenichball. Hab’ ich’s erraten?«
»Halb. Und die andere Hälfte ist: ich hab’ dem jungen Volk versprochen, es mitzunehmen.«
»Nein, Joseph, das geht nicht. Carmen ist erst vor ein paar Tagen vierzehn geworden. Und dann der Laurenz. Der imponiert ihr durch das Geld seines Vaters sowieso zu viel.«
»Wir haben den Moritz Lachner als Gegengewicht. Und außerdem: Bin ich nicht auch da?«
»Bis zur Saaltür.« Sie hielt ihm den Mund zu. »Willst du schon wieder leichtsinnige Versprechungen abgeben? Sobald der Moritz kommt, will ich mit ihm reden. Er soll mir auf euch alle achtgeben.«
»Mit anderen Worten: eine glatte Erlaubnis. O Maria, du unterstützest den Leichtsinn deines Mannes. Aber es ging wirklich nicht anders. Das Mädel fiel mir ~zu~ lieb um den Hals.«
»Hoffentlich bleibt’s bei diesem einen Mädel, das dir heute um den Hals fällt,« scherzte sie.
»Ich krieg’ ja schon graue Haare.«
»Du kriegst immer schon graue Haare, wenn es dir paßt. Und ich fürchte fast — immer nur bei mir.«
»Carmen!« rief Otten durch die Zimmertür. »Die Mutter hat’s erlaubt! Gib ihr einen Kuß. Denn jetzt redet sie karnevalistische Sachen. Ach, Kinder,« und er schloß Mutter und Tochter in ~eine~ Umarmung, »es ist doch eine vergnügte Welt! Und da kommt schon der Moritz.«
Moritz Lachner kam die Treppe herauf. Er trug ein schwarzes Bündel unterm Arm wie ein Schneider. Carmen zog ihn ins Zimmer und begann eilfertig, den Knoten des Bündels aufzulösen. Zwei schwarze Dominos und ein feiner rotseidener fielen heraus. »Der ist für mich,« jubelte das Mädchen. »Daß du auch an die Farbe gedacht hast, Moritz.«
»Das Rot wird gut zu deinem schwarzen Haar stehen, Carmen.«
»Nein, dieselben Kostüme haben wir jetzt, der Laurenz und ich. Das ist famos!«
Daran hatte Moritz Lachner nicht gedacht. Schweigend half er ihr in den eleganten Umhang, der ihr bis zu den Füßen reichte und ihre Figur groß und schlank erscheinen ließ. Und schweigend band er ihr das Seidenläppchen vor die Augen. Sie stand vor dem Spiegel und bestaunte sich. Ein tiefer Atemzug ließ die Seide über ihrer Brust zittern.
Frau Maria winkte den jungen Mann zu sich. »Moritz, Ihnen vertrau’ ich sie an. Ich will dem Kind die Freude nicht stören. Aber ich lasse sie nur mitgehen, weil Sie dabei sind.« Sie reichte ihm die Hand.
»Ich werde mich nicht von ihrer Seite drängen lassen, Frau Doktor.« Er hob den Kopf. Vor dieser Frau wurde ihm frank und frei. Und sie nickte ihm zu wie eine gute Mutter.
Carmen war ins Nebenzimmer zu ihrem Freunde Laurenz geschlüpft. Die Hände auf dem Rücken stand sie vor ihm und wiegte sich auf den Fußspitzen.
»Donnerwetter, Carmen —!«
»Wie gefall’ ich dir?«
»Ich sagte es ja schon.«
»Du sagtest: Donnerwetter. Das ist garnix.«
»Ich möchte dir einen Kuß geben, Carmen ...«
»Wenn du mir versprichst, nie eine andere —«
»Carmen, das schwör’ ich dir!«
»Nachher — —!«
Frau Maria rief sie ins Speisezimmer. »Erst nehmt ihr jetzt alle einen Imbiß. Und zwar tüchtig, denn später kann ich euch nicht mehr kontrollieren. Dazu trinkt ihr ein Gläschen kölnisch Bier. Das kühlt. Klaus hat einen Krug frisch über die Straße geholt. Ihr kommt mir immer noch viel zu früh in den Gürzenich.«
Moritz Lachner blieb hinter seinem Stuhle stehen. »Verzeihung,« stotterte er. Und dann nahm er sein Bierglas und sagte ruhig und ohne zu stocken: »Ich möchte das Wohl der Frau ausbringen, die immer nur an uns denkt, immer nur unser Bestes will, der Frau dieses Hauses, unser aller Ideal. Frau Doktor Otten — sie lebe hoch, hoch, hoch!«
Joseph Otten erhob sich, stieß mit ihm an, faßte ihn bei der Weste, sah ihm strahlend in die Augen und ließ ihn wieder los.
»Mutter,« rief Carmen, »der Moritz liebt dich!«
»Er liebt alles, was Otten heißt,« rief der junge Terbroich, »das war schon immer so. Huh, was für ein Herz!«
Moritz Lachner setzte sich. Er blickte lächelnd auf seinen Teller. — —
Als Joseph Otten mit seiner kleinen Truppe den Festsaal betrat, zog er sich die Kapuze seines Dominos fester über die Augen. Ein prickelnder Strom durchrann ihn, ein übermütiges Gefühl, jung sein zu dürfen, und ein Mutwille, es auch zu sein! Die Geigentöne fingen sich in seinem Ohr und ließen die Gedanken hüpfen, die schönen Gestalten der Frauen umgaukelten sein Auge, blitzartige Blicke aus Seidenlarven kreuzten sich und wirbelten das Blut hoch, und das Klingklang-Gloria der Becherfreuden läutete im Hintergrund von allen Tischen. Er gedachte schnell noch ein paar Verhaltungsmaßregeln zu geben, da huschte es schon wie eine rote Flamme an ihm vorüber, ein roter Teufel und ein roter Domino, Walzertakte, Viola, Baß und Geigen, Gesang, Gelächter und Sprachenverwirrung.
»Punkt zwölf Uhr an dieser Tür, Moritz. Wenn wir uns verfehlen, direkt nach Hause!«
Der schwarze Domino neben ihm glitt stumm von dannen.
»Dieser köstliche Lärm macht betrunken,« dachte Otten, »diese Farben, diese gelösten Glieder und Sinne.«
Eine Mädchenschar umzingelte ihn. Tirolerinnen, Zigeunerinnen, Schulmädchen in kurzen Röckchen und langen Seidenstrümpfen, Tafel, Schwamm und klappernde Griffelbüchse an der Seite. Sie sangen ihm das alte Liedchen in die Ohren, das er im Kreis der Gespielen als Kind auf der Gasse gesungen hatte, das Liedchen von
»Bloh, bloh Fingerhot, Hätte mer jet, dat wär wal got, Blumen alle Tage — —«
Und die Jahre waren nicht gewesen, er spielte als ausgelassenes Kind im Mädchenkreis auf der Gasse, die Wechselstrophen fanden sich mühelos ein, und er sang zurück:
»Schäflein, Schäflein, knie dich, Knie zu meinen Füßen Und erlaube mir das Recht, Deinen Mund zu küssen.«
Er breitete die Arme aus und man stieß ein Schulmädel hinein und stob auseinander. Einen Augenblick hielt er die junge Brust fest an der seinen, dann walzte er mit seiner Beute in weitem Schwung in das Gewoge der Tanzenden.
»Für einen Domino hast du eine sehr ausgebildete Stimme,« lachte sie in seinem Arm.
»Für ein Schulmädel bist du meiner Treu auch nicht zurückgeblieben.«
»Das sieht nur so aus,« kicherte sie.
»Ich hab’s auch im Gefühl,« schloß Otten und zog sie im Tanze näher heran. Sie lehnte den Kopf gegen seine Schulter und summte beim Tanz die Melodie ...
»Halt, Maske.«
Er ließ seine Tänzerin los und wandte sich um. »Ah — —! Meinen Respekt, schöne Herzogin.«
»Kennst du mich?«
»Ich kenne dich, denn du bist in jedem Weibe. Du bist die Eva, der es heute gefällt, als Herzogin von Berg zu tanzen.«
»Und wenn es mir gefällt, mit dir zu tanzen?«
»Herzoginnen sind später meist vergeßlich. Aber auch ich habe gefürstet Blut. Denke daran.«
»Willst du?«
»Die Stunde will es.«
Er schlang den Arm um ihre Taille, die umso zarter erschien, als über den Hüften der gebauschte Rock sich schürzte.
»Du hast einen eisernen Griff,« sagte sie und bog sich im Tanz zurück. »Mit was für Geschöpfen hast du im Leben getanzt?«
»Mit Mädchen, welche Männer lieben ...« sang er ihr ins Ohr.
»Männer? Wo sind sie? Ich habe eine Neugier, einen Mann kennen zu lernen.«
»Heirate, schöne Herzogin.«
»Das tat ich schon. Und ich wurde neugieriger als je.«
»Armer Herzog.«
»Hältst du ihn für ärmer oder mich?«
»Ihn! Wen anders als ihn! Denn er hat ein weißes Weib mit rotem Blut und weiß es nicht.«
Die Geigen jubelten auf, und die Menge jubelte mit. Ein Freudenrausch lag in der Luft. Er lag in Kopf und Herz.
»Ihr Männer seid Egoisten. Weil ihr alle dasselbe Manko in euch verspürt, haltet ihr gegen uns zusammen. Ihr redet so viel und so laut von der Liebe, damit wir glauben sollen, sie wäre so und ihr verständet sie.«
»Belehre mich eines besseren, und du hast deinen ersten Schüler.«
»Mit Keckheit kommst du den Dingen nicht auf den Grund. Wenn ihr angreift, ergeben wir uns. Aber wenn ~wir~ befehlen, ~verschenken~ wir. Ahnst du den Unterschied?«
»Nein, hohe Frau. Denn wenn ihr euch ergebt, beginnt für den wahren Ritter des Turniers zweiter Teil. Durch seinen Adel die Ergebene in eine Schenkende zu wandeln. Aus Winterhaft den schüchtern knospenden Frühling zu locken, den Frühling zur Sommersonnenglut zu steigern und den Sommer zur süßen Reife des Herbstes. Nur die Entwicklung macht glücklich und hält uns voll spannenden Lebens. Ein Geschenk? Morgen ist es alt.«
Sie promenierten durch die Reihen der Paare, die Zufall, Wissen oder lustige Intrige zusammengeführt hatte.
»Sei ehrlich, Domino. Du sagst es selbst: der Wechsel macht glücklich. Das Suchen und Sichsteigern. Und ihr laßt euch an der Oberfläche genügen. Wir aber —«
»Ihr trinkt das Blut.«
»Wir trinken das Blut.« —
Sie saßen an einem Tischchen, und Otten füllte zwei Champagnergläser. Sie sah ihm auf die Hand. »Habe ich dich erschreckt?«
»Du führst sonderbare Gedanken in deinem Köpfchen spazieren. Laß mich in dein Herz sehen. Ich sehe nur die weiße Haut.«
»Sie spricht mehr als das Glaubensbekenntnis, das wir im Munde führen. Unter Rassemenschen. Aber wo sind sie?«