Der Abenteurer : $ Roman

Part 13

Chapter 133,824 wordsPublic domain

In Petersburg mußte Otten zwei Liederabende zugeben. Er schrieb es an Frau Maria. »Die Petersburger sind Franzosen. Sie machen aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Wenn diese Menschen applaudieren, delirieren sie. Aber auch mein Agent macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er singt nicht mehr, er tanzt. Wenn sich aber ein Agent nicht scheut, zu tanzen, so ist das der Beweis, daß er seinem Klienten unwiderruflich das Fell über die Ohren gezogen hat. Nun, ich beanspruchte für die beiden Liederabende, die nächste Woche stattfinden, einen Extrawalzer. Der Mensch zierte sich und meinte, er sei doch noch nicht so sicher auf den Füßen. Aber ich nahm ihn um die Taille, daß es knackte. Da ging es. — Ich frage mich jetzt: soll ich von der heiteren Newa gleich in das finstere Köln zurückkehren, oder soll ich vorsichtig sein und klimatische Zwischenstationen machen? Wie denkt die sorgende Hausmutter darüber? Ich unterwerfe mich blindlings ihrer besseren Einsicht. Und Carmen? Ich erhoffe von Deiner Erziehungskunst, daß sie den schlimmen Einflüssen eines so großen Bruders, wie ich es nun einmal bin, dauernd entrückt ist. Ich habe Euch sehr lieb. Wenn das Geheimste über mich kommt, der goldene Traum eines jeden Landfahrers, dessen Herz heißer an der Heimatscholle hängt als das Herz des Spaziergängers vor dem Tore, ist es das stille, wundertätige Bild Maria Ottens in der Rheingasse zu Köln. Ave Maria ... Dein Joseph.«

Frau Maria las. Sie hatte feuchte Augen. Drüben an der Wand schaute sein Bild ihr zu, das Bild eines Mannes in Havelock und Schlapphut. Aus lachenden Augen blickte er in die Welt. Und wie so oft aus Liebe oder Entschuldigung oder aus beidem zugleich, sagte sie auch jetzt: »Man kann das Bild nicht ansehen, ohne froh zu werden.« — — —

»Mein lieber, großer Junge,« antwortete sie ihm, »ich bin glücklich über die guten Zensuren, die Du mir einsendest. Ich bin glücklich, und Carmen ist stolz. Das ist ein Fensterchen, durch das Du in unsere Häuslichkeit hineinschauen kannst. Solltest Du noch mehr erblicken, sprich es nicht aus. Aber laß mich die Arme um Deinen Hals legen. O Du unruhiges Herz. Und je unruhiger es ist, umsomehr muß ich es lieben. So lieben Mütter aus einem unbeschreiblichen Naturgefühl ihre Sorgenkinder am heißesten. Nur eins wünschte ich: daß die Welt Dich und Dein Tun so kennen und erkennen könnte wie ich. Das ist wohl recht frauenhaft gedacht, und ich müßte eigentlich beschämt sein, an Dich den Maßstab der Welt legen zu wollen, die nie sich klarmacht, daß die großen Schatten von der vielen Sonne kommen. Aber im letzten Grunde ihres Herzens ist jede Frau — lächele ruhig über mich — ein eitles Wesen, das nur beneidet sein möchte. — Carmen ist gesund und fleißig. Sie bereitet sich auf ihre Gymnasialklassen vor. Ihre Phantasie sieht schon den Doktorhut. Zur Zeit zwar beschäftigst Du sie mehr, und unermüdlich will sie von Dir erzählt haben. — Daß Du eine klimatische Zwischenstation machst, wollte ich Dir selbst schon anraten. Kommst Du dadurch auch später zurück — die brave Frau denkt an sich selbst zuletzt — — —. Der alte Klaus bereitet mich schonend auf seine Übersiedelung nach Zons vor, die wohl schon im Herbst stattfinden kann, da er seinem Vetter nur noch bis dahin Ausstand auf Erden gibt. Er bleibt hartnäckig dabei, daß ein richtiger Hausbesitzer anderen Leuten nicht zur Last fallen dürfe. Es gäbe alsdann ärmere Teufel, die auch auf Beförderung warteten. Der ehrliche Alte wird uns sehr fehlen ... Lebe wohl, Joseph. Carmen küßt Dich. Und ich? Ich habe Dich immer lieb. Das vergiß nicht an

Deiner Maria.«

»Ich habe dich immer lieb,« wiederholte Otten. »Bei dieser Frau ist das keine Briefstellerphrase —.«

In den folgenden Tagen hielt Otten seine Liederabende, zu deren Zugabe er sich entschlossen hatte. Als er nach dem letzten Konzert in sein Hotel zurückkehrte, fand er eine Depesche vor. Er wog das Papier lange in der Hand. »Wohin ruft nun das Schicksal?« Er öffnete zaudernd.

»In Godesberg ist der Vorfrühling eingekehrt. Verstehen Sie seine Sprache?«

Keine Unterschrift. Weshalb auch? Geheimbündelei kennt keine Namen. Wie mädchenlustig die Depesche! Und — Lenzluft umwitterte die Worte, ganz warme Lenzluft. Knospende Parkbäume sah er, Mädchengestalten in hellen Gewändern, singend, springend, lockend, weichend — —. Frühling, Jugend! Und das Herz tat noch mit. Er spürte es an dem befehlenden Schlag, der ihm bis in das Mark ging. Der Frühling rief ihn, die Jugend. Das tut Frühling und Jugend nur ihresgleichen. Mit einem seltsamen Lächeln blickte Otten auf einen fernen Punkt, irgendwo in der Weite. Wie ein Seufzer strömte der Atem aus. Und er sagte laut und hinter den Worten her horchend: »Ich bin noch so jung — —!« — —

Am anderen Morgen reiste er. Die Depesche trug den Aufgabestempel: Godesberg. Frau Amely war also bereits übergesiedelt. Ob mit ihrem Manne?

Damit beschäftigte er sich auf der Fahrt. War der Fabrikant in Köln geblieben, so war auch seines Bleibens nicht in Godesberg. — Er kam zum Turnier, reite mit, wer will, um ein Kränzlein hier oder dort, weil es lenzte im Land. Aber er kam nicht, um sich etwa an einer abgekarteten Spitzbüberei zu beteiligen.

Als er nach zweitägiger Fahrt in den Kölner Bahnhof einfuhr und den Zug wechselte, um rheinauf zu gelangen, streifte sein Blick den Dom und suchte das Gassengewirr am Rheinufer. Und mit einem Male verschlug ihm eine Schwermut, die sich nicht abweisen ließ, den hochgestimmten Sinn. Dort unten, durch eine dieser Gassen, ging Maria und erzählte einem feurigen Mädel von einem siegreichen Helden wie von weiland Sigurd Drachentöter. Dieweil der Held — auf Abenteuer zog. Er wollte aufstehen, das Kupee verlassen. Da merkte er erst, daß der Zug schon fuhr, und er atmete auf, als die Häuser schwanden; und als Bonn auftauchte, in junge Sonne gebadet, wich der Alb vollends, und als das Siebengebirge seine sagenhaften Häupter hob und in der Berge Angesicht, durch den flutenden Rhein geschieden, die Burgruine von Godesberg winkte, spannte in seiner Seele die Erwartung aufs neue ihre Flügel, die Erwartung, die seinem Leben immer die Schwungkraft gegeben hatte. Seine Blicke nahmen die reiche Landschaft in Besitz, und ein anderer, ein großer landfahrender Mann voll Sonne und Kraft fiel ihm ein, Lord Byron, der dieser Landschaft den Namen »Das Paradies« verliehen hatte.

Das Paradies — —.

Was sagte doch ein anderer, schicksalsreicher Wanderer zu dem Wort? Und die Strophe Seumes flog ihm durch den Kopf: »Der Erde Paradies und Hölle liegt in dem Worte Weib.«

Der Zug hielt. Er sprang leichtfüßig aus dem Kupee. Godesberg.

Auf dem Bahnhof erkundigte er sich nach der Villa Lüttgens. Sie lag abseits, in einer ausgewählten Einsamkeit, von einem mächtigen Park umgeben. »Die Herrschaften sind bereits eingezogen,« teilte ihm der Stationsvorsteher mit. Die Herrschaften. Also beide. Trällernd marschierte er seine Straße. Ihm war jugendselig zu Mut.

»Der Joseph! Der Joseph! Die erste Lerche steigt! Herein, herein!«

»~Wer~ ist da?« fragte Frau Amely aus ihrem Schaukelstuhl heraus, der auf der Veranda in der Sonne stand.

»Der Joseph Otten! Da bist du ja, Alter. Wortfest wie ein alter Ritter. Nein, diese Überraschung, diese Überraschung —!«

Aufgeregt klopfte der Hausherr an dem Gast herum, als müsse er sich überzeugen, daß er ihn heil und wohlbehalten habe, schüttelte ihn am Rock und schob ihn endlich auf die Veranda.

»Ah, Herr Doktor — —! Sie haben uns in der großen Welt nicht vergessen?«

»Ein Vöglein sang mir vom Wonnemond in Godesberg.«

»So? Sie unterhalten Beziehungen zu Godesberg? Ach ja, die Minnesänger verstanden ja auch die Vogelsprache. Aber nun sind Sie hier. Überraschend oder nicht. Sie sind uns herzlich willkommen.«

»Das freut mich,« sagte er und kämpfte zwischen Ärger und Spott.

Der Fabrikant drückte ihn in einen Gartensessel. »Ich finde noch gar keine Worte. Nur das eine: Hier gehst du vor Anker. Nur über meine Leiche führt der Weg ins Freie. Vögelchen, nun bist du im Garn.« Und wieder klopfte er an dem Freunde herum, besann sich, fragte nach dem Gepäck und lief hinaus, den Diener zum Bahnhof zu schicken.

Joseph Otten lehnte im Sessel und blickte in den Garten, der sich im Park verlor. Neben ihm wippte taktmäßig der Schaukelstuhl. Nun hielt er inne. Ein schlanker Körper beugte sich vor. Feine, feste Finger umspannten die seinen. »So ... Ich will meinen Willkommensgruß für mich allein. Seien Sie ~mir~ willkommen. Ich habe die Stunden abgezählt und wußte, daß Sie in dieser Stunde kamen.«

»Nur ~Sie~ wußten es?«

»Ja.«

Ihre grauen Augen lächelten ihn an. Sie suchten die seinen nach Kinderart. »Böse?« — Und sie sank in den Schaukelstuhl zurück, der sofort seinen taktmäßigen Rhythmus erhob. Der Hausherr kam außer Atem durch die Halle.

»Was befiehlt mein hoher Gast? In einer halben Stunde wird zu Mittag gegessen. Wir sind hier pünktlich auf dem Lande. Aber eine halbe Stunde genügt zwei mannbaren Leuten —«

»Drei,« warf eine Stimme aus dem Schaukelstuhl ein.

Lüttgen stutzte. »Du auch? Große Ehre. Genügt also drei mannbaren Leuten, um sich bei den Göttern durch ein Trankopfer in Kredit zu bringen. Was? Das ist zugleich poetisch und kaufmännisch gesprochen. Per Prokura Otten, Lüttgen und Kompanie. Bleiben wir unserer alten Fahne treu? Mit Rheinwein füllt die Becher? Sträub dich nicht, Russensieger, nur ein Glas zum Willkomm.«

Frau Amely hielt ihren Stuhl an. »Diesmal hol’ ~ich~ den Wein. Sie sollen doch eine Hausfrau vorfinden, Sie entwöhnter Weltenfahrer. In diesem Hause bin ich die Wirtin.«

Die Herren sahen ihr nach. »Wenn sie will, hat sie Charme,« sagte der Fabrikant sarkastisch. »Und sie will.«

»Immer noch kein Ausgleich, Lüttgen?«

»Längst! Längst Waffenstillstand. Es gibt eben nichts mehr zu bekämpfen.«

»Habt ihr etwa — Geheimnisse voreinander?«

»Wie soll ich das wissen? Und warum auch? Jeder geht seinen Weg für sich, und da auf diese Weise keiner den anderen stört, so schreiten wir mit der Kultur und leben, was man heutzutage eine Idealehe nennt.«

»Aber ich finde euch doch hier ganz gemütlich beisammen?«

»Ich verbringe seit Jahren hier meine frühzeitige Urlaubswoche. Wenn der Frühling kommt, bin ich durch die Fabrik und die Gesellschaftsanforderungen so kaput, daß es mir ein Bedürfnis ist, mich mal ordentlich auszurekeln. Diesmal teilte meine Frau das Bedürfnis. Wir sind in Kleinigkeiten sehr aufmerksam gegeneinander.«

»Vielleicht störe ich?«

»Du bist wohl nicht bei Sinnen? Stören! Das Umgekehrte ist der Fall, justement. Das Umgekehrte. Das war ja ein ganz unnatürlicher Zustand, in dem wir uns hier befanden. Zwei Menschen, die sich schlechterdings nichts zu sagen haben, sitzen auf einer einsamen Insel. Aus Dekorationsrücksichten. Wirkungsvoll, aber steifleinen. Unter uns: ich habe mich in dieser drückenden Stille schrecklich gegrault. Du hast den Bann gebrochen. Es kommt Leben in die Bude.«

»Lüttgen — ich werde nicht umhin können, während meines Aufenthalts den =cavaliere servente= zu spielen. Jede Dame hat bei ihrem Gast ein Anrecht darauf. Oder der Gast hat stillschweigend die Tür von außen zuzumachen.«

Lüttgen lachte schallend. »Sind das die Schmerzen, die dich bedrücken? Ich sah dir doch gleich an, daß du was auf dem Herzen hast. Spiele du nur den =cavaliere servente=. Es wird der Gnädigen nichts schaden, einmal einen Mann kennen zu lernen, der mein Freund ist. Mein Freund, Joseph! =Plein pouvoir!= Und bei Gott, es soll mich freuen, wenn du ihr die Marotten vertreibst und ihr beibringst, Männer nicht nach dem schönen Augenaufschlag zu beurteilen. Eifersucht? Auf etwas, das ich nicht besitze? Allzu kläglich. Nur von dem Meinen lass’ ich mir nichts nehmen. Dich zum Beispiel nicht.«

»Ich bleibe nur ein paar Tage,« sagte Otten. »Ich bin durch Köln gereist, ohne Frau und Kind zu sehen. Aber ich wollte vorher noch etwas frische Luft schnappen. Das kommt denen zu Hause dann zu gute, das Blut ist ruhiger.«

»Laß sie doch hierher kommen,« rief der Fabrikant. »Du, das ist eine Idee! Wir telegraphieren an deine Frau, und sie ist mit dem nächsten Zuge hier.«

Aus der Halle kam Frau Amely auf die Veranda. Sie trug auf einem Tablett eine Flasche und Gläser. Ihre grauen Augen ruhten auf Otten. Sie wartete.

»Ich danke dir,« erwiderte Otten, »aber meine Frau ist wegen des Studiums des Kindes unabkömmlich. Außerdem,« und er blickte zu der Hausfrau auf, »ist es an einem unruhigen Gast genug.«

»Sie bürden mir da eine schwere Pflicht auf,« sagte Frau Amely und beugte sich über den Tisch, um die Gläser aufzustellen. Ein feiner Fliederduft ging von ihr aus. »Wo soll ich die Kunst hernehmen, Sie für Ihr Opfer zu entschädigen? Ich will gewiß versprechen, all meinen Geist und all meine Liebenswürdigkeit aufzubieten, wenn Ihnen das genügend erscheint.«

»Es ist um das Doppelte zu viel, gnädige Frau. Ich bin mit der Hälfte zufrieden und wähle die Liebenswürdigkeit.«

Der Fabrikant sah seine Frau mit schlecht verhohlener Genugtuung an. Frau Amely aber waltete ruhig ihres Amtes und schenkte den Wein ein. »Grüß Gott, tritt ein, bring Glück herein,« sagte sie, hob ihr Glas und stieß mit dem Gaste an. »Das ist Egoismus,« behauptete Lüttgen, »er muß auch etwas dafür erhalten. Meine Freundschaft? Die hast du schon. Nun, trinken wir trotzdem darauf.«

»Vielleicht fällt auch noch ein Restchen für mich ab, Herr Doktor. Ich werde mir Mühe geben.«

»So bescheiden, gnädige Frau? Das ist ein Sturmzeichen.«

»Ihr Männer ahnt ja gar nicht, wie bescheiden wir Frauen in unserer Freundschaft werden können.«

Er erfaßte den Doppelsinn und quittierte ihn durch eine Verbeugung vom Stuhl aus. Kurz darauf bat der Diener zu Tisch, und Otten führte die Hausfrau. Es war ein heiteres Mahl, und Lüttgen duldete nicht, daß sich der Gast in den launigen Schilderungen seiner Konzerterlebnisse unterbrach. Von Zeit zu Zeit füllte die Hausfrau die Sektschalen, und Otten freute sich der graziösen Bewegungen. »Schade, daß Sie nicht ein Junge sind, und ich nicht Zeus. Der Posten als Ganymed wäre Ihnen sicher.«

»Bleiben wir lieber auf der Erde,« entgegnete sie, »ihre Vorzüge sind noch lange nicht bekannt genug.«

Lüttgen hatte einen roten Kopf. »Wahrhaftig,« stimmte er bei, »selbst das Landleben hat seine Reize, wenn man sie in guter Gesellschaft genießt. Aber unser Freund ist verwöhnt. Die Töchter Albions und die Halbasiatinnen haben ihm zu viel Weihrauch gestreut. Er muß Männer um sich sehen, seßhafte, rheinische Männer, damit er nicht verweichlicht wird. Halt! Ich hab’s! Dieser Tag muß festlich zu Ende geführt werden. Ich bitte, mich auf zwei Minuten zu entschuldigen.«

Zwischen den Zurückgebliebenen herrschte Schweigen. Dann sagte Frau Amely und verschränkte die Hände hinter dem braunen Haarknoten: »Jetzt telephoniert er seine Kölner Freunde an. Das gilt mir. Dadurch, daß er einen Mann wie Sie im Triumph vorführt, gedenkt er mich auszuschalten.«

»Gnädige Frau, Sie haben keinen Anlaß, bitter zu werden. Man muß den Mann, wie er ist, gernhaben.«

»Als Freund. Das glaub’ ich wohl. Aber als seine Frau — —?«

Otten schwieg. Er verglich den schmiegsamen Frauenkörper mit der massiven Figur des Mannes, ihren unumschränkten Geist mit seiner schwerfälligen Hartnäckigkeit. »Das — zu ändern liegt doch wohl in Ihrer Hand,« meinte er endlich.

»Wie einfach das klingt. Man opfert seine schönsten Jahre und darf wieder abtreten. Um Gouvernante zu werden oder dergleichen. Jedenfalls um von der Hand in den Mund zu leben. Denken Sie, dazu reichen meine Illusionen nicht aus. Ich brauche den Rahmen, den ich habe. Wie jeder vernünftige Mensch es tut. Oder können Sie sich die Frau, die Sie vor sich haben, im abgetragenen Wollkleidchen bei Hammelfleisch und Bohnen vorstellen? Nein, ich betrüge mich nicht. Und Herr Doktor Joseph Otten hätte nicht sein Auge auf mich gerichtet.«

»Habe ich das —?«

»Wie ich mich auf diesen Abend freute. Endlich ein Mensch, der für das tägliche Dutzend entschädigte. Mit dem man sich ungesehen in eine andere Welt schwingen könnte, um diese blöde Menge auszulachen. Und nun kommt dies Philistertum mit seinen komischen Weltmannsallüren. Was wissen die von unserer Welt ...?«

»Leiden Sie denn wirklich unter diesen Menschen?«

Die Pause dehnte sich. Frau Amely blickte zur Decke. Und unvermittelt sagte sie: »Haben Sie sich in Gedanken oft mit mir beschäftigt? Ich will von Ihnen kein Kompliment.«

»Sehr oft, gnädige Frau.«

»Mit der gnädigen Frau oder mit mir?«

»Darüber verweigere ich die Auskunft.«

»Weshalb?«

»Ich pflege nicht von Dingen zu sprechen, die nicht Taten wurden. Und dann — noch viel weniger.«

Ihre Augen waren noch immer groß zur Decke gerichtet. »Nur eins. Die Frage wäre absurd, wenn andere als wir sie aus einer Hand in die andere gäben. Wir tun das in unserer Welt. Haben Sie mich — in Gedanken — einmal geküßt?«

»Die Frau, die ich küsse, gehört mir.«

»Ah — —,« machte sie und beugte sich vornüber. »Da spricht ein Mensch meine Sprache.«

»Pardon, die meine.«

»Bauen Sie doch keine alten Grenzpalisaden auf. Es kleidet Sie nicht. Was Sie dürfen, darf ich auch.«

Er schloß halb die Augen. Dann griff er nach seinem Sektglas und trank es aus. »Spielerei, aber hübsch.«

Sie erhob sich und schenkte ein. Er spürte ihre Lippen. »Still!« sagte sie. »Damit Sie wissen, wem Sie gehören.«

Unwillkürlich hatte er nach ihrer Schulter gegriffen. Jetzt sank seine Hand nieder. Mit blitzenden Augen schaute er sie an. »Nimm dich in acht.«

»Nein!« sagte sie, und sie hörten, wie ihre Herzen schwer und laut schlugen.

Dann saß sie in ihrem Stuhl, die Fußspitzen gekreuzt, und es war wie vorher. Nur sie selber waren andere. Als ob ein Nebelschleier zwischen ihnen zerflattert wäre und sie sähen sich jetzt erst ganz, so musterten sie erstaunt ihre Züge, ihre Gestalten.

»Ich will Ihr Freund sein, Amely.«

»Seien Sie nicht zu streng — —«

»Ich habe die Leitung. Nur so! Es sitzen drei im Wagen.«

Der Fabrikant steckte den Kopf durch die Tür. »Sie kommen!« rief er ins Zimmer. »Nur den Terbroich muß ich noch anklingeln. Er hat eine kirchliche Sitzung. Einen Augenblick noch.«

Joseph Otten nahm sein Glas, und lächelnd hob er es auf. »Gilt es so?«

Er trank, und sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Gilt es nicht?« fragte er.

Sie nickte nur, nahm ihm das Glas aus der Hand und trank es leer. Und schweigend gab sie es ihm zurück. Wenige Sekunden hielt er ihre Finger in seiner Hand. »Das war ja ein Brüderschaftstrinken — —?«

Mit dem Abendzug langten die Gäste an. Ein halbes Dutzend Herren der Kölner Fabrikantenkreise. Aus der Haft der Kontore entflohen, brachten sie eine Laune mit, daß die Halle von ihren gewaltigen Stimmen erdröhnte.

»Ein Abend, nur unter uns Mädchen!« rief Terbroich und kniff die Augen. »Wir nehmen dem Joseph die Beichte ab, zu Nutz und Frommen.«

Frau Amely blieb nur zu Tisch. Spöttisch gingen ihre Blicke in der Runde. Otten saß neben ihr. »Was belustigt Sie?«

»Daß man Ihnen die Beichte abnehmen will, lieber Freund. Ich stellte mir vor, Sie stünden auf und redeten diesen lüsternen Männlein frisch von der Leber von Ihrem großen, freien Leben. Tun Sie es nicht. Sie bliesen in sieben Gehirnlein wie in leere Eierschalen. Aber wenn Sie sie anlügen, in der Art, als ob Sie im Grunde genau wie jene wären und verstellten sich zuzeiten nur aus Abenteuerlust — o, man wird in Ihnen einen Gott sehen und Sie als Kölner feiern.«

»Die Tafel ist zu Ende. Gehen Sie jetzt auf Ihr Zimmer, gnädige Frau. Oder ich bin zum Erzählen — zu eitel.«

Sie wandte den Kopf nach ihm und sah ihn fest an. Dann hob sie die Tafel auf.

Lüttgen verschwand sofort in der Küche, um die Spitzen der Maikräuter selbst in die Bowle zu tauchen. Die Herren drängten auf die Veranda und setzten die Zigarren in Brand. Otten gab der Hausfrau das Geleit bis zur Treppe.

»Gute Nacht,« sagte sie und wartete.

Er schüttelte den Kopf und zog sie in den Arm, wie man ein Kind in den Arm zieht. Seine Hand lag eine Sekunde lang auf ihrem Herzen. Aber er küßte sie nicht.

»Bring dies unruhige Herzlein zur Ruhe,« sagte er, und sie huschte hinauf.

Als er zur Gesellschaft zurückkehrte, fühlte er erst, wie ihm das Blut wirbelnd durch die Adern ging.

Mit vollen Lungen sog er die zärtliche Frühlingsluft in sich ein, und während sein Herz ungestüm pochte, blickte er mit einem verlorenen Lächeln in die Weite. — — —

=XII=

Der Morgen dämmerte herauf, als die Gäste die Villa verließen, um den Frühzug nach Köln zu erreichen. Und die volle Sonne strich golden durch die Fenstergardinen, bevor Otten in seinem Zimmer erwachte. Sein Kopf war frei. Die nächtliche Sitzung hatte ihm nichts anhaben können. Die Erlebnisse des letzten Tages standen klar vor ihm.

»Sie ist eine geübte Schachspielerin,« sagte er sich und dachte an Frau Amely. »Erst konstruierte sie das kleine Briefgeheimnis und band mir damit ganz nebenbei die Hände. Und folgerichtig entstand aus dem kleinen Geheimnis ein größeres. Frauen sind die geborenen Vertreter des Schneeballsystems. Ein Nichts wächst unter ihrer Hand zur Lawine. Und wir geraten in Schuld aus purem Kavalierbewußtsein. Jetzt wasch’ ich mir die Augen klar und nehme die Zügel. Auf, Joseph!«

Auf der Terrasse wurde er mit Neckereien bewillkommnet. Frau Amely saß in einer luftigen Batistmatinee am Frühstückstisch. »Wir sind hier auf dem Lande, Herr Doktor, da haben die ländlichen Gewohnheiten Geltungsrecht. Im übrigen betrachte ich Sie als bereits zum Inventar gehörig. Nehmen Sie Tee?«

»Ich rate dir vorher zu einem Kognak,« meinte Lüttgen und rieb sich die Stirn. »Meine Großmutter pflegte zu sagen: Das Hündchen, das uns in der Nacht gebissen hat, muß uns auch zuerst am Morgen beißen.«

»Trank denn auch deine Großmutter schon?« fragte Frau Amely gelassen.

»Entschuldigung. Das war nur so eine Sentenz.«

Otten nahm ein Glas Tee. »Man kann doch nur gebissen werden, wenn man wirklich getrunken hat. Aber das war doch nur ein verschämtes Nippen diese Nacht.«

»Dann bekommt das Verschämte eben meiner Natur nicht.«

»Umgekehrt. Deine Natur ist so zart besaitet, daß sie gegen die geringste Verletzung der Ästhetik demonstriert.«

»Gott, meine zarte Natur!« klagte Lüttgen und schlug sich auf die breite Brust.

Frau Amely blickte unter niederfallenden Augenwimpern prüfend von einem zum anderen. »Ich schlage einen Kompromiß vor,« meinte sie und dehnte sich. »Wir nehmen das Segelboot, kreuzen auf dem Rhein bis Nonnenwert, landen später in Königswinter und steigen zum Drachenfels hinauf. Wer frische Luft braucht, kommt auf seine Kosten, und wer alte Träume und Rheinmärchen zu jungem Leben erwecken will, dürfte auch nicht zu kurz kommen. Ich bitte um Abstimmung.«

»Mit Freuden angenommen,« rief Otten, und sie nickte ihm zu.

»Die Kreuzfahrt auf dem Rhein unterschreibe ich unbesehen,« gestand der Hausherr zu, »auch das Landen in Königswinter. Aber der Aufstieg —? Man könnte auch reiten oder fahren.«

»Romantiker,« lachte Otten.

»Kompromiß gegen Kompromiß. Ihr holt mich, wenn ihr euren romantischen Gefühlen genuggetan habt, ganz einfach in Königswinter ab. Ich habe in kühler Laube inzwischen Zeit, sorglich das Programm des Abends zu entwerfen. Denn diese Glut, mit der der Mai eingesetzt hat, muß bekämpft werden.«

»In einer Viertelstunde reisefertig,« entschied Frau Amely, erhob sich und reichte Otten die Hand.

»Ich möchte Sie mitnehmen, wie Sie sind,« sagte er. »Die Schiffer im kleinen Schiffe würden an den Ufern verkünden, wir hätten eine Nixe gefangen.«

»Noch sind Sie auf dem Festlande, Herr Doktor,« rief sie ihm, schon in der Türe, zu. »Nur im Wasser sieht man den Fischschwanz nicht.«

Er blickte auf ihre schlanken Füße und die federnde Fessel. »In der Tat, Lüttgen, der Mai ist verzaubert. Das ist Juliglut.«

»Und dabei trage ich noch ein Öfchen im Kopf. Wie gut, daß ich nicht =cavaliere servente= bin.«

Nach einer Viertelstunde trafen sie auf der Terrasse zusammen. Frau Amely im Sportkostüm, die Mütze ins Haar gesteckt. Otten im leichten Anzug und Kalabreser. Nur Lüttgen erschien, wie er gewesen war.

»Du hast dich nicht umgezogen?« fragte die Hausfrau erstaunt.