Das Totenschiff

Part 22

Chapter 223,843 wordsPublic domain

Aber wir hatten beide dasselbe Gefühl, und unser Instinkt war wieder einmal richtig. Arbeiter brauchen nur auf ihren Instinkt hören, dann handeln sie schon ganz richtig.

Gleichzeitig, ohne ein Wort zu sagen, hatten wir uns gebückt, in jede Hand einen sauberen dicken Brocken Kohle genommen und noch in derselben Sekunde dem Zweiten an seine Knochenbeule und an seinen Kadaver gefeuert.

Die Arme um den Kopf herum, rannte er davon. Stanislaw lief ihm ein paar Schritte nach und schrie: „Du Giftkröte, wenn du einen halben Schilling für den Pfeffer abziehst, den du erwischt hast, kommst du auf der nächsten Fahrt in den Feuerkanal und dann in die Aschkanne und du sollst mich ins Gesicht spucken dürfen, wenn ich dich nicht in die Feuerung schiebe. Biest von einem Ingenieur.“

Das Biest machte keine Meldung beim Skipper. Wäre uns auch ganz egal gewesen. Wir wären mit Wonne in Dakar ins Gefängnis gegangen. Hat auch keinen Penny Strafe abgezogen. Solange wir Kessel reinigten, und das dauerte ein paar Tage, ist er nie wieder in die Nähe gekommen. Von dem Tage an behandelte er uns wie rohe Eier und bekam mehr diplomatische Fähigkeiten, als der Erste sie besaß. Wirkt Wunder, wenn man Kohle oder einen Hammer oder eine Schürstange zur Hand hat, und man weiß sie am rechten Orte zu gebrauchen.

Als der Kessel sauber war, bekamen wir zwei Glas Rum und Vorschuß. Wir in die Stadt und rumgeguckt. Man denkt ja immer, man könnte einen treffen, den man nicht erwartet. Ich hätte wegpacken können auf einem Franzosen, der nach Barcelona ging. Aber ich wollte meine vier Monate Heuer dem Skipper nicht schenken. Warum sollte ich denn umsonst arbeiten? So ließ ich den netten Franzosen allein. Stanislaw hätte mit einem Norweger stauen können, der nach Malta ging. Aber er hatte dieselben Gründe. Die Heuer. Er hatte viel mehr stehen als ich.

So trieben wir uns im Hafen herum. Stanislaw ging auf den Norweger und ich schlenderte für mich weiter.

44

Da lag weit draußen die Empreß of Madagascar, die Kaiserin von Madagaskar, ein Engländer, neun Tausend Tonnen, vielleicht noch mehr. Das wäre so ein Eimerchen, um damit abzuflippen und zu versuchen, für eine Weile aus dem Grabe aufzustehen und einen Spaziergang zu machen. Feines neues Bötchen. Wie lackiert, so sauber. Sogar das Gold ist noch nicht mal abgewettert. Funkelfarbenneu. Aber da ist keine Schanz, da ist nichts frei, auf so einem pfirsichweichen Backfischlein. Lächelt so kokett rüber, zwinkert mit den angefärbten Wimperchen und flickert mit den unterstrichenen Augäpfeln, daß es eine wahre Freude ist. Muß mal rüber und das holde Geschöpfchen aus der Nähe besehen.

Verflucht nochmal, wenn nur die Heuer nicht wäre, ich würde wahrhaftig mal anklingeln. Aber die Heuer lasse ich nicht im Stich. Wenn ich den Zweiten nur dazu kriegte, daß er mich rausfeuert. Vielleicht einen Brocken Bolschewistenhetzerei machen. Aber die pfeifen drauf. Hetz’ so viel du magst, kommst nicht runter. Und machst du es zu bunt, zieht er dir zwei Wochen Heuer ab. Arbeitest umsonst.

Wenn die Kaiserin früher abfährt als die Yorikke und ich bin darauf mit Notheuer, ist nichts mehr zu wollen. Aber wo ladet mich die Empreß wieder ab? Nach England darf sie mich nicht mitnehmen, wird mich nicht los. Loswerden muß sie mich. Aber wo? Schiebt mich ab auf ein Totenschiff, irgendwo unterwegs oder in irgendeinem Hafen, wo gerade ein Schuppen steht.

Aber fragen kostet ja nichts. – „Hallo!“

„Hallo! What is up?“ Er hat eine weiße Mütze auf, der es runter ruft.

„Ain’t no chance for a fireman, chap? Ist bei euch keine Stelle frei für einen Heizer?“ rufe ich hinauf. „Papiere?“ „No, Sir.“

„Sorry. Bedaure, nichts zu machen.“

Habe ich ja gewußt. Ist ein sauberes Fräuleinchen. Muß alles in Ordnung sein. Heiratslizenz notwendig. Hat noch eine Mutter, die die Hand drauf hält. Mutter Lloyd in London.

Ich gehe lang runter an dem Eimer. Auf dem Achterdeck sitzt Mannschaft. Spielen Karten. Verflucht nochmal, was reden denn die für ein Englisch. Das ist ja Yorikkisch. Und das auf einem glattlackierten Engländer, wo das Gold noch nicht mal abgeblättert ist? Da stimmt etwas nicht. Spielen Karten, aber zanken sich nicht und lachen nicht.

Laß mal sehen. Klingelfisch und Haifischflosse, die sitzen da herum und spielen, als ob sie auf ihrem eignen Grabhügel sitzen und um ihre Maden spielen. Zu essen haben sie gut, sehen gutgemästet aus. Aber das traurige Kartenspiel und die trüben Gesichter, und das alles auf einem brandneuen Engländer? Da stimmt etwas nicht. Was tut denn der überhaupt hier in Dakar-Hafen? Was hat er denn geladen?

Eisen, Alt-Eisen. An der Westküste Afrikas? Gleich beim Äquator? Alt-Eisen? Well, die Dame Kaiserin geht in Ballast heim und nimmt das Alt-Eisen mit. Nach Glasgow. Bezahlt wenigstens die Fahrt zur Hälfte. Alt-Eisen ist besser als Sand und Steine.

Nichtsdestoweniger. Das schöne neue Schifflein Empreß und kann keine Ladung kriegen von Afrika nach England?

Wenn ich hier an der Beach liegen würde, hätte ich es in drei Stunden raus, was da los ist mit der blanken Kaiserin. Sie wird doch nicht etwa –? Na, bist auch schon eingetrant, siehst auch schon in allen Ecken Gespenster. Die Empreß of Madagascar, dieser pfirsichweiche und schwellende Backfisch aus Glasgow sollte hier bereits auf den Strich gehen? Aufgeschminkt?

Nein, sie ist nicht geschminkt. Alles Natur. Sie ist keine drei Jahre alt. Alles echt. Noch nicht einmal eine Niete abgeschliffen am Röckchen. Alles wie geleckt und duftet gesund oben und unten. Aber die Mannschaft, die Mannschaft. Da ist etwas nicht in Ordnung.

Was geht es mich an. Jedes Kind will seine Freude haben.

Ich gehe zurück zum Norweger.

Ich setze rauf. Stanislaw ist noch da. Sitzt im Quartier und schnackt mit ein paar Dänen. Hat eine Büchse guter dänischer Butter in der Tasche und ein Stück Prachtkäse.

„Pippip, kommst gerade zur Zeit, kannst Abendbrot mitmachen, ein treues dänisches Abendbrot, vollwertig und echt“, sagt Stanislaw.

Wir lassen uns nicht nötigen und machen das Abendbrot mit.

„Habt ihr den Engländer da drüben gesehen, die Empreß?“ frage ich, während wir alle im Meßraum sitzen und futtern.

„Liegt schon eine Weile hier“, sagt einer.

„Feines Mädchen“, forsche ich nun.

„Oben Seide, unten meide“, sagt einer von den Dänen.

„Na?“ frage ich, „meiden? Warum meiden? Ist doch ganz echt.“

„Freilich ist sie echt“, ruft ein andrer dazwischen. „Kannst du notmustern wenn du willst. Mit Honig und Schokolade. Kriegen jeden Tag Henkersmahlzeit. Pudding und Braten.“

„Kreuzdonnerwetter nochmal, komm endlich klar“, sage ich nun. „Was ist los? Ich habe doch wegen Schanz gefragt, ist nichts zu machen.“

„Lieber Freund, siehst doch nicht so aus, als ob du gestern zum erstenmal Seewasser geschluckt hast. Sie ist ein Leichenwagen.“

„Du bist wohl verrückt und mit Teer gepinselt?“ rufe ich.

„Ein Leichenwagen, sage ich dir“, wiederholt der Däne und gießt sich Kaffee ein. „Willst du auch noch Kaffee? Wir brauchen mit der Milch, mit dem Zucker und der Butter nicht sparen. Wir können wühlen. Kannst eine Büchse Milch mit heimnehmen. Willst du?“

„Die Frage allein rührt mich zu Tränen“, sage ich und fülle mir meine Tasse mit Kaffee, mit richtigem Bohnenkaffee. Ich hatte vergessen, wie das schmeckt, denn Yorikke gab nur Kaffee-Ersatz mit zwanzig Prozent Kaffee, damit unser Herz nicht beschädigt würde.

„Ein Leichenschiff, sage ich dir noch einmal.“

„Wie meinst du das? Leichen von Frankreich nach Amerika, daß sie drüben die Mütter in den Blumentopf pflanzen können, um sich an der Ehre zu erfreuen und sich am Kriege zur Beendigung aller Kriege begeistern zu können?“

„Rede doch nicht so ausländisch, Mensch.“

„Sie fährt Leichen, aber keine Kriegerleichen aus Frankreich.“

„Sondern?“

„Kleine Engelchen. Seemanns-Engelchen. Seemanns-Leichen, du Sägefisch, wenn du das nicht endlich verstehst.“

„Hat die Kaiserin die an Bord?“

„Mensch, mit dir kann man ja Bunkerwände einrennen.“

„Natürlich hat die Tante sie an Bord. Siebenachtel fertig. Können zu Hause in ihrer Dorfkirche schon ruhig in die Gedenktafel für Seeleute eingekratzt werden. Braucht nicht mehr ausradiert werden. Wenn du deinen Namen auch auf der Gedenktafel in deiner Dorfkirche haben willst, brauchst du nur mitgehen. Sieht überhaupt sehr vornehm aus, wenn du neben deinem Namen stehen hast ‚Empreß of Madagascar‘. Klingt doch nach etwas. Sieht doch besser aus, als wenn da nur daneben steht Berta oder Emma oder Nordkap. Man muß auch daran denken, wen du als Nachbar kriegst auf der Tafel. ‚Empreß of Madagascar‘, da ist Schwung drin, Junge.“

„Warum soll denn die schon Versicherung fahren?“ Das leuchtete mir nun durchaus nicht ein. Das war wieder nur so Gerede. Blasser Neid, weil sie nicht selber drauf waren, auf dem neuen Eimer.

„Kinderleichte Sache.“

„Ist doch höchstens drei Jahre aus den Windeln“, warf ich ein.

„Endlich beweist du, daß du länger aus den Windeln bist. Sie ist genau drei Jahre alt. War für große Fahrt gebaut, Ostasien und Südamerika. Sollte zwölf Knoten machen. War Bedingung. Als sie losackerte, machte sie vier und wenn es gut ging vier und einen halben. Das kann sie nicht aushalten, dabei geht sie pleite.“

„Können sie doch umbauen.“

„Schon zweimal versucht. Wird immer schlechter. Hat ursprünglich sogar sechs Knoten gemacht, nach dem Umbau nur noch vier. Die muß runter vom Wasser, muß die Versicherung bringen. Haben die Versicherung sicher fein gedreht, daß sie Lloyd passieren konnte. Aber geht ja alles zu schieben.“

„Und nun soll sie abrasseln?“

„Sie hat schon zweimal gebrummt. Hat aber nicht gefleckt. Das erstemal saß sie auf Sand. Sauber wie hingestreichelt. Haben sicher schon in Glasgow darauf gezecht. Kam aber Schwerwetter hoch mit Mordsflut und die hob die edle Dame runter vom Sand wie Himmelfahrt mit Trompeten und Pauken. Und sie schwenkte lustig ab. Da mag der Skipper schön geflucht haben. Beim zweitenmal, das war vorige Woche, wir lagen schon hier, da ist sie draußen zwischen Klippen gefegt. Saß fein fest. Drahtlose Station war zerhauen. Natürlich. Mußte der Skipper Flaggen setzen. Anstandshalber. Sind doch immer Zeugen rum. Da kam ein französisches Patrouillenboot, gerade wo der Skipper schon so ganz gemütlich ausbooten ließ. Die Patrouille flaggte rüber: „Warten. Hilfe unterwegs!“ Da hat der Skipper aber geflucht. Möchte nur wissen, wie er das Journal wieder in Ordnung gebracht haben mag. Er hatte es doch schon aufgezaubert. Wird schön radiert haben, Junge, Junge. Er hatte einen Fehler gemacht. Heißt, es ging wohl nicht anders. War bei Ebbe aufgesessen. Nun kamen drei Schlepper und hoben ihn ab von den Klippen bei Flut. Ganz elegant. Hatte nicht mal eine Schramme abbekommen. Das ist Pech. Muß nun auch die Bergungskosten bezahlen. Geht alles runter von der Versicherung. Fragt sich, ob die Versicherung die ganzen Kosten trägt. Hängt vom Journal ab.“

„Und was nun?“

„Jetzt macht er den Verzweifler. Muß er machen. Dreimal kann er nicht abkommen. Dann macht die Versicherung eine Untersuchung und streicht die Versicherung. Verlangt einen andern Skipper drauf, der treu fährt. Dann ist es aus. Dann muß die Empreß zum Abwracken. Fahren kann sie nicht.“

„Warum liegt sie denn da so lange, wenn sie keine Reparatur hat?“

„Kann nicht raus. Hat keine Heizer.“

„Das ist Unsinn. Hätte er mich doch nehmen können. Ich sagte ihm doch rauf, ich sei Heizer.“

„Hast du Papiere?“

„Sei nicht so albern, Mensch.“

„Wenn du keine Papiere hast, nimmt er dich nicht. Er muß ein vornehmes Gesicht behalten. Tote wären für ihn verdächtig. Aber ob du Zulukaffer bist oder Hottentotte oder taubstumm, das ist ihm gleichgültig. Mußt nur Papiere haben und mußt befahren sein. Unbefahrene Leute ist nicht gut, da kann die Versicherung mauern und Geschichten machen. Die Heizer haben sich rausgemacht. Haben sich verbrannt und liegen im Hospital, sonst hätten sie ja nicht fortgekonnt. Die Heizer sind am schlimmsten dran, die kommen nicht raus, wenn es ein verzweifelter Aufbrummer ist. Da ist gleich Wasser vor den Kesseln, und die Kessel gehen auch gewöhnlich gleich hoch, wenn sie so plötzlich kalte Dusche kriegen. Die haben gleich die explodierende Lungenentzündung weg.“

„Wartet er jetzt ab, bis die Heizer wieder raus sind aus dem Hospital?“

„Das nützt ihm nichts. Die brauchen nicht mehr rauf, wenn sie nicht wollen. Können sauber abmustern. Haben feine Papiere und können in Ruhe auf einen andern warten.“

„Wie denkt die Tante denn fortzukommen?“

Die Leute lachten in sich hinein, und der, der diesen Fall am besten studiert zu haben schien, sagte: „Die sind auf Kindsraub aus. Auf Shanghaien. Kann ich dir zuflüstern, Junge. Ja, eine feine elegante Dame, die Kaiserin von Madagaskar. Oben Seide, unten meide. Meide, in die Nähe zu gehen.“

Dagegen ist die Yorikke ja eine hochachtbare Dame. Sie täuscht nichts vor. So wie sie aussieht, so ist sie. Ehrlich bis auf das Gerippe. Beinahe fange ich an, Yorikke zu lieben.

Ja, Yorikke, ich muß es dir gestehen: Ich liebe dich. Liebe dich aufrichtig um deiner selbst willen. Habe an meinen Händen sechs schwarzblaue Fingernägel und an den Zehen vier schwarzgrünblaue Zehennägel. Alles um deinetwillen, geliebte Yorikke. Auf die Zehen sind Roste geschlagen, und jeder Fingernagel hat seine eigne schmerzhafte Geschichte. Meine Brust, mein Rücken, meine Arme, meine Füße haben Narben von bösen Brandwunden. Jede einzelne Narbe wurde geboren unter einem Schmerzensschrei, der dir galt, Geliebte.

Dein Herz heuchelt nicht. Dein Herz weint nicht, wenn es nicht zum Weinen fühlt, es jubelt nicht, wenn es keine Freude fühlt. Dein Herz heuchelt nicht, es ist rein und lauter wie pures Gold. Wenn du lachst, Herzliebste, so lacht deine Seele, lacht dein Leib und lacht dein lustiges Zigeunerkleid. Und wenn du weinst, Herzallerliebste, dann weint selbst das kalte Riff, an dem du vorübergehst.

Ich will dich nimmermehr verlassen, Geliebte, nicht um alle Schätze der Welt. Ich will mit dir wandern, mit dir singen, mit dir tanzen und mit dir schlafen. Ich will mit dir sterben, in deinen Armen meinen letzten Seufzer tun, du Zigeunerin der Meere. Du protzest nicht mit deiner glorreichen Vergangenheit und deinem uralten Stammbaum bei Tantchen Lloyd in London. Du protzest nicht mit deinen Lumpen, und du spielst nicht mit ihnen. Sie sind dein rechtmäßiges Gewand. Du tanzest in deinen Lümpchen froh und stolz wie eine Königin und singst dein Zigeunerlied, dein Lumpenlied:

DAS TANZLIED DES TOTENSCHIFFES

Was gehn euch meine Lumpen an? Da hängen Freud’ und Tränen dran. Was kümmert euch denn mein Gesicht? Ich brauche euer Mitleid nicht.

Was kümmert euch, was mir gefällt? Ich lebe mich, nicht euch, in dieser Welt. In euren Himmel will ich gar nicht rein, Viel lieber dann schon in der Hölle sein.

Ich brauch’ gewiß nicht eure Gnaden, Und selbst wenn Tote ich geladen, Wenn Schimpf und Schand’ sind an mir dran, Euch geht das einen Sch...dreck an.

Ich pfeife auf das Weltgericht. An Auferstehung glaub’ ich nicht, Ob’s Götter gibt, das weiß ich nicht, Und Höllenstrafen fürcht’ ich nicht.

Hopla he, auf weiter See, Hopla, hopla, he!

DRITTES BUCH

ES FÄHRT SO MANCHES SCHIFFLEIN DA DRAUSSEN KREUZ UND QUER; DOCH KEINS KANN SO VERRUFEN SEIN, DASS NICHT MANCH ANDRES SCHLIMMER WÄR’.

45

Mag sein, daß man seine Frau nicht zu sehr lieben darf, wenn man sie behalten will. Sie langweilt sich sonst und läuft zu einem andern, um geprügelt zu werden.

Es war verdächtig, sehr verdächtig, daß ich die Yorikke plötzlich so innig zu lieben begann. Aber wenn man soeben die gräßliche Geschichte eines Kindsräubers vernommen hat, in der einen Tasche eine Büchse Milch, in der andern eine Büchse guter dänischer Butter trägt, kann man wohl Liebesgedanken bekommen und diejenige lieben, die in ihren Lumpen liebenswerter ist als Leichenräuber in seidenen Kleidern.

Aber verdächtig war diese aufkeimende Liebe doch. Etwas war nicht in Ordnung. Da war die Aschenhuze gewesen. Und nun war auch noch Yorikke, die ich mit heißer Inbrunst liebte. Das wollte mir nicht gefallen. Da stimmte etwas nicht.

Im Quartier war es nicht auszuhalten. Die Luft stand dick und schwer und drückte auf das Hirn.

„Laß uns wieder rausgehen,“ sagte ich zu Stanislaw, „wir schlendern am Wasser herum bis es kühler wird. Nach neun wird sicher eine Brise aufkommen. Dann gehen wir heim und legen uns aufs Deck.“

„Hast recht, Pippip“, gab Stanislaw zu. „Hier kann man weder schlafen noch sitzen. Wir können mal raufgehen zu dem Holländer, der da oben liegt. Vielleicht sehe ich einen Bekannten.“

„Immer noch Hunger?“ fragte ich.

„Nein, aber vielleicht kann ich ihnen ein Stück Seife abnehmen und ein Handtuch. Wäre ganz gut mitzunehmen.“

Wir trotteten langsam los. Es war inzwischen ganz finster geworden. Die Hafenlampen waren nur spärlich erleuchtet. Es wurde nirgends geladen. Die Schiffe glimmerten schläfrig durch die abendliche Dunkelheit.

„Berühmt ist der Tabak aber auch nicht, den uns die Norweger gegeben haben“, sagte ich.

Kaum hatte ich das ausgesprochen und mich dabei Stanislaw zugewandt, um Feuer von ihm zu kriegen, als ich einen mächtigen Hieb über den Schädel erhielt. Ich fühlte den Schlag ganz deutlich, konnte mich aber nicht bewegen, meine Beine wurden merkwürdig plump und dick und ich fiel hin. Es sauste und brummte entsetzlich um mich herum und es tat drückend weh.

Das dauerte aber nicht lange, schien mir. Ich stand wieder auf aus meiner Betäubung und wollte weitergehen. Aber ich lief gegen eine Wand, gegen eine Holzwand. Wie konnte das sein? Ich ging links, doch auch da war eine Wand. Und rechts war eine Wand und hinter mir war eine Wand. Und alles war finster. Mein Kopf summte und dröhnte. Ich konnte nicht denken, wurde müde und legte mich wieder auf den Boden.

Als ich abermals aufwachte, waren die Wände noch immer da. Aber ich konnte nicht ruhig stehen. Ich schwankte. Nein, das war es nicht, der Boden schwankte.

Himmelkreuzdonnerwetter nochmal, ich weiß jetzt, was los ist. Ich bin auf einem Boot, auf einem Eimer, und der ist auf hoher See. Schwimmt lustig voran. Die Maschinen stampfen und bollern.

Mit beiden Fäusten und endlich auch mit den Füßen hämmere ich gegen die Wände. Es scheint niemand etwas zu hören. Aber nach längerer Zeit, als ich wieder und wieder die Wände bearbeitet und auch mit Schreien mein Trommeln unterstützt habe, wird eine Luke aufgemacht und es leuchtet jemand mit einer elektrischen Taschenlampe herein.

„Haben Sie jetzt Ihren Soff ausgeschlafen?“ werde ich gefragt.

„Scheint, ja“, sage ich.

Es braucht mir niemand etwas erzählen, ich weiß bereits, was los ist. Kindsraub, shanghaied. Ich bin auf der Empreß of Madagascar.

„Sie sollen zum Skipper kommen“, sagt der Mann.

Es ist heller Tag draußen. Ich klettere die Leiter hoch, die der Mann durch die Luke schiebt und bin bald darauf auf dem Deck.

Ich werde zum Skipper geführt.

„Feine Leute seid ihr, muß ich sagen“, schreie ich gleich, als ich in die Kabine komme.

„Bitte?“ sagt der Skipper ganz ruhig.

„Kindsräuber. Shanghaier. Engelmacher. Leichenfledderer. Das ist es, was ihr seid“, schreie ich.

Der Skipper bleibt ungerührt, steckt sich ruhig eine Zigarre an und sagt: „Es scheint, Sie sind noch nicht ganz nüchtern. Wir werden Sie mal in kaltes Wasser tauchen müssen, damit der Rauch abzieht.“

Ich sehe ihn an und sage nichts.

Der Skipper drückt auf einen Knopf, der Steward kommt und der Skipper nennt zwei Namen.

„Setzen Sie sich“, sagt der Skipper nach einer Weile.

Es kommen zwei widerliche Kerle rein. Verbrechergesichter.

„Ist das der Mann?“ fragt der Skipper.

„Ja, das ist er“, bestätigen die beiden.

„Was tun Sie hier auf meinem Schiff?“ sagt der Skipper jetzt zu mir in einem Tone, als ob er Vorsitzender eines Schwurgerichts wäre. Vor sich hat er Papier liegen, auf dem er mit einem Bleistift kritzelt.

„Das möcht ich gern von Ihnen wissen, was ich hier auf dem Schiff mache“, antworte ich.

Nun redet der eine dieser beiden Verbrecher. Sie scheinen Italiener zu sein nach der Art, wie sie die Brocken Englisch herausbringen.

„Wir wollten gerade die Ladekammer elf reinigen, und da fanden wir den Mann hier besoffen in einer Ecke liegen, wo er fest schlief.“

„Also“, sagt darauf der Skipper, „dann ist das ganz klar. Sie wollten sich auf meinem Schiff blind wegpacken, um nach England zu kommen. Sie werden das nun wohl nicht mehr bestreiten wollen. Ich kann Sie leider nicht über Bord werfen, was ich ja eigentlich tun müßte. Verdienten eigentlich, daß ich Sie ein halbes Dutzend mal am Lademast schleifen lasse und Ihnen die Haut ein wenig abschinde, damit Sie dran denken, daß ein englisches Schiff nicht dazu dient, Verbrecher, die von der Polizei verfolgt werden, in Sicherheit zu bringen.“

Was sollte ich da lange reden. Er hätte mir von diesen italienischen Sträflingen die Knochen zerschlagen lassen, wenn ich ihm gesagt hätte, was ich von ihm denke. Er würde es überhaupt tun schon für das, was ich ihm gleich am Anfang erzählt habe. Aber er hat ja nur Interesse an meinen gesunden Knochen und nicht an meinen zerschlagenen.

„Was sind Sie?“ fragte er nun.

„Schlichter Deckarbeiter.“

„Sie sind Heizer.“

„Nein.“

„Sie haben sich doch hier gestern als Heizer angeboten?“

Ja, das hatte ich, und das war mein Fehler. Seitdem haben die mich nicht mehr aus den Augen gelassen. Hätte ich damals gesagt, Deckarbeiter, hätten sie vielleicht kein Interesse an mir gehabt. Heizer waren es, die sie brauchten.

„Da Sie also Heizer sind und Sie Glück haben dadurch, daß mir zwei Heizer krank geworden sind, so können Sie als Heizer arbeiten. Sie bekommen englische Heizerheuer, zehn Pfund zehn ist sie augenblicklich. Aber ich kann Sie nicht heuern. Wenn wir nach England kommen, habe ich Sie den Behörden zu übergeben; und Sie werden, je nachdem der Richter Ihnen geneigt sein wird, zwei bis sechs Monate abmachen müssen und dann natürlich Deportation. Aber hier werden Sie, solange wir auf Fahrt sind, als regelrechtes Mitglied der Mannschaft unsrer Empreß of Madagascar behandelt.

Wir können uns gut vertragen, wenn Sie Ihre Arbeit tun. Wenn wir uns nicht vertragen können, gibt es kein Wasser, lieber Freund. Ich denke also, wir vertragen uns lieber. Um zwölf beginnt ihre Wache. Ihre Wachen sind sechs und sechs Stunden; die zwei Stunden je Wache mehr, werden Ihnen bezahlt mit einem Schilling sechs Pence die Stunde.“

Da war ich nun Heizer auf der Empreß of Madagascar, auf der Fahrt zu dem Gedenkstein in der Dorfkirche. Ich hatte keine Dorfkirche, also blieb mir nicht einmal diese Ehre.

Die Heuer war gut, da ließ sich Geld dabei machen. Aber in England Gefängnis wegen Schiffschleichens und dann vielleicht noch Jahre im Gefängnis warten auf Deportation. Doch das war ja eben die Sache. Die Heuer bekam ich nicht, weil die Fische sie nicht auszahlen werden. Komme ich heil raus, ich kriege keinen Nickel Heuer, ich bin nicht treu gemustert. Kein englischer Konsul erkennt diese Strafmusterung an. Gefängnis und Deportation rühren mich nicht. Wir kommen nicht nach England. Nur ja keine Sorge. Wollen uns doch mal die Boote ansehen. Die Boote sind fertig. Da wird es also in den nächsten Tagen losgehen. Erste Bedingung ist, alles klarmachen, um auf alle Fälle aus dem Kesselraum zu kommen. Beim leisesten Knirscher weg vom Kessel und hoch wie der Satan.

46

Die Quartiere sind wie Salons. Sauber und neu. Stinken nur unerträglich nach frischer Farbe. Matratzen im Bunk, aber kein Kissen, keine Decke, kein Laken. Kaiserin von Madagaskar, bist nicht so reich wie du von draußen aussiehst. Oder die haben schon alles gezockelt und vermünzt, was gerettet werden konnte.

Geschirr gibt es auch nicht. Aber man kann es schon leichter zusammenklauben, weil da was übrig ist und dort was herumliegt. Das Essen wird von einem italienischen Jungen gebracht, damit hat man also nichts zu tun. Das Essen ist ausgezeichnet. Freilich, unter Henkersmahlzeit verstehe ich etwas andres.