Das Totenschiff

Part 23

Chapter 233,897 wordsPublic domain

Rum gibt es hier überhaupt nicht, wie mir von einem erzählt wird. Der Skipper ist Anti, schon faul.

Schiffe ohne Rum stinken wie Jauche.

Ich sitze im Meßraum des Kesselpersonals.

Der Meßboy ruft die Leute aus den Bunks zum Essen. Es kommen zwei schwere Neger herein, die Kohlschlepps. Und dann kommt ein Heizer herein, der auf Freiwache ist.

Den Heizer kenne ich. Sein Gesicht habe ich schon irgendwo gesehen. Das Gesicht ist aufgeschwommen, und um den Kopf hat er eine Binde.

„Stanislaw, du?“

„Pippip, du auch?“

„Wie du siehst. Mitgegangen, mitgefangen“, sagte ich.

„Du bist ja noch ganz gut davon gekommen. Ich habe mich mit ihnen schwer gekloppt. Ich kam gleich wieder hoch, nachdem ich den ersten Schlag weg hatte. Du lagst fest, hattest gleich einen saftigen gekriegt. Aber als du so plötzlich umknicktest, bückte ich mich nach dir und so kriegte ich nur einen halben. Gleich war ich wieder auf. Und nun ging die Bürsterei los. Waren gleich vier herum. Und ich habe ganz verflucht was auf den Schädel gekriegt.“

„Was haben sie dir denn für eine Geschichte erzählt?“ fragte ich.

„Ich hätte mich gekloppt, hätte einen erstochen und dann hätte ich mich auf dem Eimer versteckt, weil die Polizei hinter mir her gewesen sei.“

„Mir haben sie etwas Ähnliches erzählt, die Kindsräuber“, sagte ich. „Unsre Heuer von der Yorikke sind wir nun auch noch los, und hier kriegen wir nie einen Cent.“

„Dauert ja nur ein paar Tage. Ich denke übermorgen wird es schon soweit sein. Es ist ein Platz, wie er ihn sich nicht besser wünschen kann. Kann sich schön sauber hinlegen wie gemalt. Kommt niemand her und deckt das Gesicht ab. Um fünf ist Exerzieren an den Booten. Merkst was, he? Wir sind nicht dabei, wir sind gerade dann auf Wache. Wir sind beide Boot vier, Heizer von Wache zwölf bis vier. Ich habe die Liste gesehen, hängt im Gangweg.“

„Weißt du schon, wie es vor den Kesseln ist?“ fragte ich.

„Zwölf Feuer. Vier Heizer. Die beiden andern sind Neger. Auch die Schlepps sind Neger. Da die beiden, die am Tisch sitzen.“ Stanislaw deutete rüber zu den starken Burschen, die gleichgültig an ihrem Essen würgten und uns kaum zu bemerken schienen.

Um zwölf traten wir unsre Wache an. Die vorige Wache hatte der Donkeyman mit den Negern gemacht.

Die Feuer sahen bös aus, und wir hatten beinahe zwei Stunden wild zu arbeiten, bis wir sie in Ordnung hatten. Alles war verschlackt; aufzuschmeißen verstanden die schwarzen Heizer auch nicht. Sie pfefferten die Kohle hinein, und damit gaben sie sich zufrieden. Daß Heizen eine Kunst ist, die mancher nie lernt, davon schienen sie nichts zu wissen, obgleich sie offenbar schon einige Jahre vor den Kesseln arbeiteten und sicher schon eine gute Anzahl von Schiffen abgedient hatten.

Mit den Rosten hatten wir hier nur wenig Arbeit. Brannte einer durch, so ließ er sich rasch einsetzen ohne daß er nachfiel oder gar andre mitriß. Die Schlepps, riesenhafte Neger, mit Armen wie Oberschenkel und einem Körperbau, daß man glaubte, sie könnten einen ganzen Kessel auf ihren Schultern fortschleppen, brachten die Kohle verteufelt langsam heran, und wir mußten ihnen ganz gehörig den Marsch blasen, bis sie sich endlich herbeiließen, zu arbeiten. Sie stöhnten in einem fort, daß es zu heiß sei, daß sie keine Luft bekämen, daß sie vor Staub nicht schlucken könnten, und daß sie sicher verdursten würden.

„Na, Pippip,“ sagte Stanislaw, „da mußten wir ganz anders ziehen auf der alten Yorikke. Was tun die Kerle nur mit ihren Knochen? Ehe die eine halbe Tonne heran haben, hole ich sechs und puste noch nicht einmal dabei. Und hier liegen ihnen die Kohlen direkt vor der Nase.“

„Gerade jetzt fing auf der Yorikke wieder eine schöne Zeit für eine Woche an“, sagte ich. „Sie hatte gerade frisch gekohlt und die Schächte und Kesselbunker lagen gepfropft, daß es ein wahrer Spaß hätte sein müssen für die nächste Fahrt. Aus. Schiet Yorikke. Haben jetzt andres zu denken.“

Ich sah mich um.

„Habe auch schon herumgeblickt“, sagte Stanislaw. „Wir müssen Luftlöcher suchen. Zur Leiter kommt man nicht immer. Bricht meist weg, wenn sie richtig aufknallt. Und wenn gar noch die Kessel oder die Rohre anfangen zu summen und zu spucken, dann ist die Leiter eine verfluchte Rattenfalle. Kannst nicht mehr runter, nicht mehr rauf.“

„Der Oberbunker hat eine Luke zum Deck“, sagte ich. Ich war eben oben gewesen und hatte untersucht. „Wir müssen die Luke immer klar haben, wenn wir auf Wache gehen. Dann baue ich eine Lattenleiter, und die halten wir immer hier an der Schachtluke. Wenn es knirscht, sofort raus, rauf, hoch und raus zur Deckluke.“

Wir arbeiteten uns nicht blöd. Es schien den Ingenieuren auch ganz gleich zu sein. Solange die Maschine lief, war es recht. Ob sie große Fahrt machte oder kleine, kam nicht in Betracht.

Es hätte alles ganz nach Vorschrift gehen können. Ein paar Löcher unten in den Mantel gedrillt, nicht größer als einen halben Zoll, und mit ihrer Sargeinlage Alteisen wäre die Empreß sanft und selig eingeschlafen, weggesackt wie ein Stein. Nur noch der Pumpe einen Klaps gegeben. Aber vor dem Seegericht kann das manchmal fehlgehen, und wenn die ganze Mannschaft heil abkommt, so ist das immer verdächtig. Zwei Tage waren es nur. Wir hatten gerade die Wache übernommen und waren mit dem Ausschlacken halb durch, da hörte ich einen furchtbaren Knall und ein Krachen. Ich flog zuerst gegen die Kessel und dann zurück in einen Kohlenhaufen.

Gleich darauf standen die Kessel senkrecht über mir, ein paar Feuerungstüren brachen auf und die Glut fiel in den Kesselraum. Zur Lattenleiter brauchte ich nicht hinaufsteigen, ich konnte auf ebener Fläche zu der Schachtluke gehen.

Stanislaw war schon raus.

Als ich in den Bunker kam, kletterte er gerade durch die Luke.

In diesem Augenblick hörten wir einen gräßlichen Schrei aus dem Kesselraum.

Stanislaw hatte den Schrei auch gehört und drehte sich um.

„Das war Daniel, der Schlepp“, rief ich Stanislaw zu. „Ich glaube, er sitzt fest.“

„Verflucht, runter, aber rasch“, schrie Stanislaw.

Ich war schon wieder drin im Kesselraum. Die Kessel standen noch immer Kopf, und jede Sekunde konnte einer losfahren in die Lüfte. Das elektrische Licht war verlöscht, weil offenbar das Kabel durchgerissen war. Aber die Glut gab Licht genug, wenn es auch recht gespensterhaft aussah.

Daniel, der eine Neger, lag lang und war mit seinem linken Fuß von einer losgelösten Platte eingeklemmt. Er schrie und schrie, weil die Glut ihn schmorte.

Wir versuchten, die Platte zu heben, aber es ging nicht, wir kriegten sie nicht hoch und konnten mit der Schürstange nicht heran, um sie hochzuheben.

„Geht nicht, Daniel, Fuß sitzt fest.“ Ich schrie es in wahnsinniger Eile auf Daniel ein.

Was tun? Sollen wir ihn hierlassen?

„Wo ist der Hammer?“ schreit Stanislaw.

Schon ist der Hammer zur Hand, und in derselben Sekunde haben wir eine Schaufel glattgeklopft, und ohne Besinnen schlägt Stanislaw dem Neger den Fuß ab. Drei Hiebe waren nötig. Wir schleiften Daniel zur Schachtluke, schleiften ihn durch den Bunker und zerrten ihn durch die Deckluke.

Draußen packte der andre Neger unsrer Wache, der sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, sofort zu. Wir überließen ihm Daniel und kümmerten uns nun um uns selbst.

Das Quartier lag bereits im Wasser. Die Empreß ragte mit dem Stern hoch in die Luft. Das war beim Bootsexerzieren nicht ausprobiert worden. Es stand alles ganz anders, als man es gewöhnt war. Eine Weile hatte noch das Licht gebrannt. Der Ingenieur hatte es zu den Akkumulatoren durchgeschaltet. Jetzt verglimmte es langsam, weil die Akkumulatoren wahrscheinlich auszulaufen begannen oder die Kabel irgendwo Widerstände aufnahmen. Elektrische Taschenlampen und Notlaternen mußten helfen.

Vom Quartier sah ich niemand. Die waren schon fertig. Die konnten nicht mehr raus. Gegen die Tür lehnten einige Tonnen Wasserdruck.

Boot zwei riß sich los und war im Augenblick vom Seegang fortgeschwemmt, ohne daß auch nur ein Mann drin saß.

Boot vier war nicht zu holen. Lag nicht klar.

Boot eins war klar, und der Skipper kommandierte die Besatzung. Dann stand es bei und wartete auf ihn, weil er anstandshalber auf Deck blieb. Das Seegericht sieht so etwas gern und lobt es.

Nun kam auch Boot drei klar. Hier flitzten Stanislaw und ich hinein, zwei Ingenieure, der gesunde Negerschlepp und Daniel mit dem abgehackten Fuß, der jetzt mit einem Hemd verbunden war; ferner kriegten wir den Ersten Offizier und den Steward.

Die Kessel schienen brav zu halten und waren vielleicht durch die herausgefallenen Feuer beruhigt worden. Pflaumenmus gab es ja hier nicht.

Wir stießen ab. Der Skipper war inzwischen in Boot eins gesprungen, und auch dieses Boot lief klar ab.

Aber ehe es seine Riemen gestreckt hatte, wurde es von der See heftig gegen den Schiffsleib geschleudert. Immer wieder versuchten sie, klar zu kommen.

Da plötzlich löste sich ein Etwas von dem Schiffe los und schlug mit brechendem und splitterndem Getöse auf das Boot. Man hörte ein Schreien von vielen Stimmen und dann war alles still, als wären Schrei, Boot und Besatzung mit einem Ruck von einem großen Maul verschluckt worden.

Wir waren ganz schön abgekommen und pullten lustig drauf los. Kurs zur Küste.

Große Fahrt machten wir nicht mit den paar Riemen. Die Wogen gingen verteufelt hoch, und wir standen manchmal zwei Bootslängen hoch an einer steilen Wasserwand. Dann spreizten die Riemen in der Luft, konnten nicht einlegen, und wir wurden kreuz und quer geschleudert. Der Ingenieur, der mit an den Riemen saß, sagte da plötzlich: „Wir sitzen ziemlich flach. Kaum drei Fuß. Auf Fels.“

„Nicht möglich“, erwiderte der Erste Offizier. Er tastete nach dem Riemen, lotete und sagte dann: „Sie haben recht. Raus, raus.“

Er hatte den Befehl noch halb im Munde, da gingen wir steil an einer Wand hoch. Die Welle nahm uns wie eine kleine Untertasse und haute das ganze Boot mit solcher Wucht auf den Fels, daß es in tausend Splitter ging.

„Stanislaw!“ schrie ich hinaus in das Toben der Wellen. „Hast du was, wo du kleben kannst?“

„Nicht einen dürren Strohhalm“, schrie er mir zu. „Ich schwimme zurück zum Eimer. Der steht ein paar Tage gut so, wie er da steht. Der fällt dir so leicht nicht auf die Zehen.“

Die Idee war nicht schlecht. Ich versuchte, Kurs auf das schwarze Ungetüm zu halten, das sich gegen den Nachthimmel klar abhob.

Und verflucht nochmal, wir kamen beide ran, obgleich wir einige dutzendmal immer wieder zurückgeschleudert worden waren.

Wir kletterten rauf und suchten in Mittschiff zu kommen. Das war nicht so leicht. Die Achternwand bildete jetzt das Deck oder das Dach für das Mittschiff. Die beiden Korridore waren tiefe Schächte geworden, in die hinunterzukommen während der Nacht nicht gut vollführt werden konnte und selbst bei Tage seine Schwierigkeiten haben würde. Die Wogen gingen außerordentlich hoch und schienen an Wucht noch zuzunehmen. Offenbar waren wir bei Ebbe aufgebrummt, denn das Wasser begann zu steigen.

Die Empreß stand fest wie ein Turm, eingeklemmt in einer Riffspalte. Wie sie in diese unschiffsmäßige Lage kommen konnte, wußte wohl nur sie allein. Sie zitterte kaum und bebte nicht, so fest stand sie. Nur manchmal, wenn ein besonders schwerer Brecher gegen ihren Panzer tobte, zuckte sie mit den Schultern, als wolle sie ihn abschütteln. Sturm war gar nicht. Der Aufruhr lag nur in der schweren See. Es sah auch nicht danach aus, als ob Sturm aufkommen würde. Nicht in den nächsten sechs Stunden.

Dann graute der Himmel. Die Sonne ging auf. Frisch gewaschen stieg sie aus ihrem Seebade empor zu den weiten Höhen.

Zuerst lugten wir aus über die See. Es war nichts zu sehen. Kein Mann schien übrig zu sein. Daß irgendeiner aufgepickt worden war, glaubte ich nicht; auch Stanislaw bezweifelte es. Wir hatten kein Schiff passieren sehen. Außerdem lagen wir nicht in der Route. Der Skipper war herausgegangen, um nicht abermals von Patrouillen oder Passanten gesehen zu werden. Der Spaß war für ihn teuer geworden. Er hatte an eine ruhige friedliche Abwicklung des Geschäfts gedacht. Daß er vom Quartier keinen Mann mitbekommen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Wären die beiden Boote richtig bemannt gewesen, hätte das ein Vergnügen sein müssen, klar abzukommen.

47

Als es völlig hell geworden war, versuchten wir, den Korridorschacht hinabzuklettern. Mit einiger Sorgfalt ging es auch. Wir benutzten die Türen zu den einzelnen Kabinen und die Wandrippen als Sprossen, und so ging es viel rascher und schneller, als wir gedacht hatten.

Auf dem Boden des Schachtes befanden sich die beiden Kabinen des Skippers. Ich fand einen Taschen-Schiffskompaß, den ich gleich mit Beschlag belegte, aber Stanislaw anvertraute, weil ich keine Tasche hatte, wo ich ihn aufbewahren konnte. Es waren auch zwei kleine Wassertanks in der Kabine, einer diente für Waschwasser und einer für Trinkwasser. Um Wasser waren wir nun für einige Tage nicht verlegen, denn ob die Pumpen in der Galley würden Wasser ziehen können, mußten wir erst noch ausprobieren. Vielleicht war der Frischwassertank überhaupt schon ausgelaufen.

Auf der Yorikke hatten wir ja jedes Plätzchen gewußt, wo was zu holen war. Hier mußten wir erst damit beginnen, alles zu suchen. Aber Stanislaw hatte eine gute Nase und hatte die Vorratskammer, die Pantry, im Augenblick entdeckt, sobald nur die Frage nach dem Frühstück auftauchte. Verhungern konnten wir zwei Mann innerhalb der nächsten sechs Monate nicht. Und wenn wir genügend Wasser noch hatten, ließ es sich für eine Weile aushalten. In der Pantry waren mehrere Kasten mit Mineralwasser, Bier und Wein. Ganz schlimm konnte es nicht werden.

Der Kochherd wurde auch wieder aufgerichtet, und so konnten wir auch kochen. Wir probierten die Pumpen für Frischwasser aus. Die eine zog nicht an, dagegen um so besser die andre. Das Wasser war noch etwas trüb von dem aufgerüttelten Schlamm, der sich am Boden festgesetzt hatte, aber das würde sich nach einem Tage schon geben.

Mir wurde übel zumute, und auch Stanislaw zeigte Unbehagen.

„Mensch,“ sagte er mit einemmal, „was sagst du dazu, ich werde seekotzig. Verflucht nochmal, das ist mir denn doch noch nicht passiert.“

Ich konnte mir das nicht erklären, denn mir wurde immer kläglicher zumute, während der Eimer doch ziemlich still stand. Das Herantoben der Brecher und das gelegentliche Erzittern des Eisenkolosses konnte ein so erbärmliches Gefühl doch nicht auslösen.

„Nun kann ich dir sagen, was los ist, Stanislaw“, gab ich nach einer Weile zur Antwort. „Die verrückte Lage der Kabinen ist es, was uns kotzig macht. Alles steht schräg und steil. Da muß man sich erst daran gewöhnen.“

„Ich glaube, du hast recht“, meinte er, und sobald wir draußen waren im Freien, war das üble Empfinden sofort weg, obgleich einem auch die ganze Lage des Schiffes, die so blödsinnig toll zum Horizont stand, auf das Gleichgewichtsempfinden schlug.

„Siehst,“ sagte ich jetzt zu ihm, als wir draußen saßen und des Skippers gute Zigarren rauchten, „es ist nur die Einbildung, nichts weiter. Ich bin sicher, wenn wir einmal heraus haben, was in unserm Leben alles Einbildung und was Tatsache ist, werden wir noch recht sonderbare Dinge lernen und die ganze Welt von einem andern Gesichtswinkel aus betrachten. Wer weiß, welche Folgen das haben kann.“

So sehr wir auch Ausschau hielten, ein Schiff war nicht zu sehen. Nicht einmal eine Rauchfahne konnten wir erblicken. Wir lagen zu weit außerhalb der üblichen Fahrstraßen.

„Wir können hier das schönste Leben führen, das wir je geträumt haben,“ philosophierte Stanislaw, „haben alles, was wir uns nur wünschen, können essen und trinken, was wir wollen und soviel wir wollen, kein Mensch stört uns, und arbeiten brauchen wir auch nicht. Trotzdem möchten wir fort, je rascher, je lieber, und wenn kein Eimer uns abholen kommt, müssen wir doch bald sehen, runter zu kommen und versuchen, die Küste zu machen. Immer jeden Tag dasselbe, das ist es, was man nicht ertragen kann. Ich denke mir manchmal, auch wenn es wirklich ein Paradies geben würde, was ich ja nicht glaube, weil ich mir nicht vorstellen kann, wo die Reichen hingehen, ich würde nach drei Tagen im Paradiese eine gräßliche Gotteslästerung verüben, nur um wieder rauszukommen und nicht immerfort fromme Lieder singen zu müssen und zwischen alten Betschwestern und Pfaffen und Muckern zu sitzen.“

Da mußte ich aber doch lachen: „Habe nur ja keine Bange, Stanislaw, wir beide kommen nicht da rein. Wir haben ja keine Papiere. Und kannst dich heilig drauf verlassen, die verlangen da oben auch Papiere, Pässe und Taufzeugnisse von dir, und wenn du die nicht beibringen kannst, machen sie dir die Türe vor der Nase zu. Frag’ nur den Pfaffen, er wird es dir sofort bestätigen. Mußt Heiratslizenz beibringen, kirchlichen Trauschein, Taufschein, Konfirmationsschein, Firmungsschein, Kommunionsstempel und Beichtzettel. Ginge das da oben so glatt ohne Papiere, wie du dir das zu denken scheinst, brauchten die hier unten ja keine ausstellen. Auf die Allwissenheit scheinen sie sich nicht zu verlassen, besser ist es schon, man hat es schwarz auf weiß und ordnungsmäßig abgestempelt. Wird dir jeder Pfaff erzählen, daß der Torwächter da oben ein großes Bund mit Schlüsseln hat. Wozu? Zum Abschließen der Türen, damit nicht doch vielleicht einer ohne Visa über die Grenze schleichen kann.“

Stanislaw saß eine Weile still und sagte dann: „Merkwürdig, daß ich gerade so drauf komme, aber die ganze Geschichte hier will mir nicht recht gefallen. Es geht uns viel zu gut. Und wenn es einem so ganz ausnahmsweise gut geht, so ist etwas nicht in Ordnung. Ich kann das nicht vertragen. Es ist immer, als ob man auf Mastkur geschickt wird, weil eine besonders schwierige Sache auf einen wartet, die man ohne jene gute Vorbereitung und Erholung sonst nicht bewältigen kann. War bei der K. M. auch so. Immer wenn was Besonderes bevorstand, gab es vorher ein paar gute Tage. War auch so, ehe wir rauf nach Skagen glitschten.“

„Da redest du aber nun einmal richtigen Kohlgulasch“, sagte ich zu ihm. „Wenn dir ein gebratenes Hühnchen ins Maul fliegt, dann spuckst du es wieder aus, nur damit es dir nicht gut gehen soll. Die schwierige Sache kommt ganz von selbst, verlaß dich drauf. Um so besser, wenn du vorher in der Sommerfrische warst. Wenn du eine Mastkur hinter dir hast, dann kannst du die schwierige Sache unterkriegen, andernfalls kriegt sie vielleicht dich unter.“

„Verflucht, du hast recht“, rief Stanislaw nun wieder gutgelaunt. „Ich bin ein altes Schaf. Ich habe sonst auch noch nie solche blöden Gedanken gehabt. Gerade heute. Es kam mir so, als ich dachte, vorn im Quartier, oder ich muß ja eigentlich sagen: da unten zu unsern Füßen, da liegen die Burschen alle schwimmend hinter der Tür, auf demselben Kasten wie wir. Weißt, Pippip, man soll keine Leiche auf einem Kasten fahren, das bringt den Gast herbei. Ein Schiff ist lebendig, das mag keine Leichen in der Nähe haben. Als Fracht, meinetwegen. Das ist etwas andres. Aber nicht so herumliegende, so herumschwimmende Leichen.“

„Können wir doch nicht ändern“, sagte ich.

„Das ist es gerade, was ich meine“, antwortete Stanislaw. „Wir können es nicht ändern. Und das ist das Schlimme. Alle die andern sind abgerasselt. Wir beide sind allein noch übrig. Da stimmt etwas nicht.“

„Nun will ich dir etwas sagen, Stanislaw, wenn du mit dieser blöden Pinselei nicht aufhörst, dann – nein, runterschmeißen will ich dich nicht, wirst es dir ja auch nicht gefallen lassen. Aber dann rede ich mit dir keine Silbe mehr, und wenn ich dadurch meine Sprache verlernen sollte. Dann wohnst du im Steuerbordschacht und ich im Backbordschacht und jeder geht seine eignen Wege. Solange ich am Leben bin, will ich mir nichts vom Gast vorjaulen lassen. Da habe ich später, wenn es mal so weit ist, noch Zeit genug dazu. Und wenn du nun meine Meinung wissen willst, warum wir beide gerade übriggeblieben sind, so ist das ganz klar und zeigt wieder einmal, wie gerecht alles zugeht in der Welt. Wir gehörten nicht zu der Mannschaft. Wir waren gestohlen. Wir haben der Empreß von Madagaskar nie etwas getan und wollten ihr auch nie etwas tun. Niemand weiß das so gut wie sie. Das ist der Grund, warum sie uns nicht mitgenommen hat.“

„Warum hast du mir denn das nicht gleich gesagt, Pippip?“

„Ja, was denkst du denn von mir, ich bin doch nicht dein königlicher Ratgeber. So etwas weiß man doch von selbst und hat es im Gefühl.“

„Jetzt gehe ich mich besaufen“, sagte nun Stanislaw. „Ist mir ganz egal. Na, ich will ja nicht sagen besaufen, aber doch einen gesunden hieven. Wer weiß, vielleicht kommt doch bald ein Kasten vorbei und holt uns über. In meinem Leben könnte ich es mir dann nicht vergeben, daß ich hier das alles zurückgelassen habe, ohne es mal durchzukosten.“

Warum sollte denn Stanislaw das Vergnügen allein genießen?

Es begann jedenfalls jetzt eine Schlemmerei, die sich selbst der Skipper nie auf einen Sitz erlaubt haben würde.

Es war ja alles so schön da in Büchsen. Salm von British Columbia, Wurst von Bologna, Hähnchen, Hühnerfrikassee, Pasteten, Zungen aller Art, ein Dutzend verschiedene eingemachte Früchte, zwei Dutzend verschiedene Sorten Jam, Biskuits, Gemüse der besten Auslesen, Liköre, Schnäpse, Weine, Ales, Stouts, Pilsener. Die Kapitäne, Offiziere und Ingenieure wissen sich das Leben angenehm zu machen. Aber wir waren jetzt die Besitzer und die Esser, während die früheren Esser jetzt schwammen und gegessen wurden, um die Fische fett zu machen.

Den folgenden Tag war es sehr diesig und dunstig. Wir konnten kaum eine halbe Meile weit sehen.

„Wir kriegen schweres Wetter“, sagte Stanislaw.

Am Abend kam es auf. Schwerer und schwerer.

Wir saßen in des Skippers Kabine bei einer Petroleum-Notlaterne.

Stanislaw machte ein besorgtes Gesicht: „Wenn die Empreß abhaut oder runterbricht vom Riff, dann sind wir geliefert, Junge. Wir wollen uns mal schon beizeiten umsehen.“

Er fand etwa drei Meter Tauende, das er sich um den Leib band, um es zur Hand zu haben. Alles, was ich finden konnte, war eine halb aufgebrauchte Rolle Bindfaden, kaum so stark wie ein Bleistift.

„Wir klettern besser den Schacht hoch“, schlug Stanislaw vor. „Hier drinnen sitzen wir in der Falle, wenn der Rummel losgeht. Oben hat man immer noch eine Möglichkeit, abzukommen.“

„Wenn du oben in die Wicken gehen sollst, dann gehst du oben, und wenn du unten vor die Fische gehen sollst, dann unten“, sagte ich. „Eins wie das andre. Wenn du vom Auto überfahren werden sollst, dann springt es rüber zum Schaufenster, vor dem du stehst, brauchst dem Auto gar nicht nachzulaufen oder in den Weg zu rennen.“

„Du bist mir einer. Wenn du im Wasser ersaufen sollst, dann kannst du ruhig deinen Hals auf die Eisenbahnschienen legen und der Expreß springt über dich weg wie ein Luftschiff. Daran glaube ich nicht. Ich lege meinen Hals nicht auf die Schienen. Ich gehe rauf und sehe zu, was geschieht.“

Er kletterte den Korridorschacht hinauf, und da mir einleuchtete, daß er recht habe, kletterte ich hinterher.

Dann saßen wir wieder oben auf der Achternwand von Mittschiff, dicht nebeneinander. Wir mußten uns an den Beschlägen festhalten, sonst hätte uns der Sturm hinuntergeschleudert.

Immer mehr kam das Wetter in Aufruhr. Schwere Brecher wüteten gegen die unter uns liegende Vorfront von Mittschiff und brandeten gegen die Skipperkabinen.

„Wenn das die ganze Nacht so fortgeht“, sagte Stanislaw, „dann ist morgen früh von der Kabine nichts mehr übrig. Ich glaube sogar stark, die Brecher holen das ganze Mittschiff ab. Dann bleiben uns nur noch die Kammern im Stern und der Maschinenraum, wo die Rudermaschine steht. Dann gute Nacht Essen und Trinken. Da findet keine Maus was.“

„Vielleicht besser, wir klettern jetzt schon rauf“, riet ich, „denn wenn das Mittschiff abrasselt, haben wir keine Zeit mehr. Dann schwimmen wir auch schon.“

„So mit einem Hieb haut das Mittschiff nicht ab,“ erklärte nun Stanislaw, „das geht in Stücken zum Teufel. Und wenn unten eine Wand losbricht, haben wir Zeit genug, raufzuklettern.“

Stanislaw hatte recht.