Das Totenschiff

Part 21

Chapter 213,976 wordsPublic domain

Unter seinem schwarzen dicken Kohlenstaub, den er im Gesicht hat, sehe ich, daß der Heizer ganz bleich ist. Auch Tote können noch erbleichen. Ich klaube mich auf mit zerschundenen Schienbeinen und aufgeschlagenen Kniescheiben und drehe mich um.

Die Aschenhuze, die Aschenführung, ist runtergekommen.

Diese Aschenführung ist ein runder Blechkanal, wie ein großer Blechschornstein, mit einem Durchmesser von etwa einem Meter. In ihm werden die Aschkannen hochgehievt, damit sie nicht hin und her schlenkern können, sondern oben in den Aushebeschacht geführt werden.

Die Huze hängt weit in den Kesselraum hinein bis etwa neun Fuß über dem Boden. Oben ist sie an einen Kranz festgenietet. Sie ist sicher dort an den Nieten durchgerostet, und jetzt bei dem Wetter hat sie den Rest bekommen und ist abgebrochen. Wo will sie hin? Sie muß in den Kesselraum. Sie ist senkrecht fallendes, sehr starkes Eisenblech und hat hundert Kilo oder mehr. Schneidet den Kopf und den ganzen Körper der Länge nach durch. Geht wie mit dem Rasiermesser. Oder schlägt den Arm ab und nimmt die eine Schulter mit. Wenn sie Gnade übt, nur den halben Fuß. Wer denkt an die Aschenhuze, daß die einmal abrosten könnte am Kranz. Sie hängt seit der Zerstörung Jerusalems da drin und ist nie runtergefallen. Die ganzen vielen Jahrhunderte nicht. Und nun mit einemmal fällt es ihr ein, runterzukommen.

Seemannslos. Arbeiterlos. Deine Schuld. Geh zur rechten Zeit drunter weg, dann kann dir nichts passieren.

Hallo, Heizer, da bin ich ja nochmal mit einem Sprung davongekommen. Gleich beim ersten Schrei: „Schlepp, Back!“ gesaust wie ein Affe. Nicht erst lange gedacht, was los ist. Die Yorikke entwickelt die Instinkte, sie hält einen in Form.

„Ja, Heizer, verflucht nochmal, das war ein Sprung zur rechten Zeit.“

Danke! ist nicht. Wozu? Morgen dir, übermorgen Stanislaw. Wer weiß, wen die nächste Kugel trifft. Wir sind im Kriege. Kopp weg. Aber ehe du es hörst, ist er schon weg, der Kopp. Der Rest bleibt liegen. Wird nicht bezahlt. Über Bord. Klumpen Kohle ans Bein. An die Mütze getippt. Grabmusik: „Nun haben wir wieder keinen Schlepp.“

Das Glasröhrchen ist heil. Es hat sein Opfer. Der Aschenhuze hat der Heizer den Spaß verdorben. Aber dafür wartet die Rache. Was ist das nächste Glasröhrchen? Wer ist der Nächste? Junge, zieh dir den Gürtel fest. Da ist Warnung in der Luft. Warnung für dich. Es schwirrt der Gast herum, er kriecht in den Winkeln und lauert in den Ecken. Beim nächstenmal macht er bessere Arbeit und läßt nicht gerade den Heizer zufällig nach oben blicken, daß er sieht, wie sich erst die eine Hälfte am Kranz löst und dann die andre. Beim nächstenmal ist es vielleicht das Brett da oben, auf dem du rüberbalancierst zur Bunkerluke.

Mein Junge, ich glaube, du steigst am besten aus in Tripolis. Wenn du auch tot bist, man macht doch gern noch manchmal einen Spaziergang aus den Gräbern und sieht, was draußen los ist, weil man sich so rasch an die stickige Luft im Grabe nicht gewöhnen kann. Mußt ja wieder rein ins Grab oder in ein Totenschiff, aber hast doch eine Nase voll frischer Luft mitgenommen und beim zweiten Male geht es schon besser. Aber Tripolis war nichts mit Aussteigen. Wir konnten keinen Schritt tun ohne Bewachung. Beim geringsten Versuch, achtern abzubleiben, hätten sie uns gepackt und zurückgebracht. Hätten dem Skipper eine Kostenrechnung gemacht, und er hätte sie von der Heuer abgezogen. Es war auch nichts in Syrien. Man konnte nicht abkanten. Wir waren freie Männer, freie Seeleute. Durften in die Häfen gehen, durften in den Kneipen rumsaufen, durften tanzen und unser Geld verspielen oder es uns aus den Taschen räubern lassen. Alles durften wir tun, weil wir ja freie Seeleute und keine Sträflinge waren. Aber sobald Yorikke das Blaue Peterlein flattern ließ, und man drückte sich auffällig weit vom Kai oder von den Molen herum oder gar in verschnörkelten Gäßchen und dunklen Winkeln, da hatte einen auch schon einer am Arm:

„Monsieur, s’il vous plaît, Ihr Schiff wartet, wir werden Sie begleiten, damit Sie nicht den Weg verfehlen.“

Und war man dann erst wieder drauf auf der Yorikke, hatten sie das Recht, draußen am Kai zu stehen und einem das abermalige Verlassen des Bootes zu verbieten, denn Blau Peterlein flatterte, und das hieß, nun hat die Freiheit wieder mal ein Ende.

Stanislaw hatte schon recht gehabt: „Kommst nicht mehr runter. Und wenn du kommst, die kriegen dich und stecken dich auf einen andern Toteneimer, der vielleicht noch schlimmer ist. Denn die Toten nehmen dich immer wieder auf, auch aus den Händen der Polizei. Mit Dank. Drücken dem Engelmacher noch zehn Schillinge in die Hand dafür. Füttern dich sogar, bis sie dich auf ein andres Totenschiff, das hereinkommt, verkaufen können. Müssen dich doch los werden. Können dich doch nicht nach der Heimat deportieren, hast ja keine.“

„Da brauche ich doch aber nicht raufzugehen.“

„Mußt rauf. Der Skipper sagt, er hat dich gezeichnet, auf Handschlag. Dir glaubt man nichts, dem Skipper glaubt man. Er ist ja ein Skipper und hat eine Heimat, wenn es auch nur selbst eine geschwindelte ist und er selber nicht mehr heim darf. Aber er ist der Skipper. Mußt rauf. Er hat dich gemustert. Hat dich nie gesehen. Aber auf Handschlag gemustert. Mußt rauf. Bist Deserteur.“

„Aber, Stanislaw, nun rede mal klar. Da gibt es doch noch Recht“, sagte ich, weil ich glaubte, er übertreibt.

„Das ist doch schon mein viertes. Es ist dein erstes. Und ich bin durch mit allen Zipfeln.“

„Man kann dich doch nicht zwingen. Ich bin doch freiwillig auf die Yorikke gekommen“, wandte ich ein.

„Ja, das erstemal kommt man halb freiwillig. Aber hättest du deine Sachen alle klar gehabt, wärst du nicht freiwillig gekommen. Wenn du deine Sachen in Ordnung hast, kann dir niemand mit solchem Zimt kommen, wie Handschlag, Deserteur und so. Da sagst du, du willst zum Konsul. Da müssen sie dich gehen lassen und können mitkommen. Wenn der Konsul sagt, daß er dich annimmt, daß er dich anerkennt, müssen sie abziehen. Da ist nichts von Handschlag, da heißt es zu dem Skipper: ‚Wer sind Sie? Wann wurde das Schiff zum letztenmal inspiziert? Wie sind die Gebührnisse für die Mannschaft, Essen, Löhnung, Quartiere?‘ Da zuppelt er ab, der Skipper und sagt nichts mehr von Handschlag. Kannst du zum Konsul gehen? Hast du Papiere? Hast du ein Vaterland? Na also. Können sie mit dir machen, was sie wollen. Glaubst du nicht? Steig aus, versuche es.“

„Hast du denn dein dänisches Heuerbuch nicht mehr?“ fragte ich Stanislaw.

„Eine Frage! So eine dumme Frage! Wenn ich das noch hätte, wäre ich doch nicht hier. Ich hab’s doch gleich für zehn Dollar verkauft, als ich den schönen Paß in Hamburg kriegte. Auf einen Dänen darf er nicht damit gehen, auch nicht zu einem dänischen Konsul. Der nimmt es ihm gleich ab, weil es angemeldet ist; es ist doch ein Schwimmer. Lebt doch nicht mehr. Aber für kleine Verhältnisse ist es hundert Dollar wert. Wenn ich es nur hätte. Hab mich doch auf meinen eleganten Paß verlassen. War doch wie eine Festung, so gut und so sicher. Kerngesund. Echt bis auf die Pupille. Besser als zehn Eide. Konnte von der ganzen Erde aus angeklingelt werden in Hamburg, ohne Murren. Bloß die Nummer gewinkt. Schon war die Antwort da: Paß ist klar wie ein Diamant. Aber er war doch bloß Gipsfront. Hatte bloß ein schönes Gesicht und nichts dahinter.“

„Warum hast du es denn nicht noch woanders damit versucht?“

„Habe ich doch, Pippip. Denkst du denn, ich laß so einen eleganten Schwenker gehen, ohne ihn ein halbes Dutzend mal anzuziehen und zu sehen, ob er nicht doch noch paßt? Ich hatte doch auch einen Schweden. Da sind wir gar nicht erst bis zum Konsul gekommen. Der Skipper nahm ihn, guckte rein und sagte gleich: „Nichts zu machen mit uns. Ich werde Sie nicht mehr los.“

„Die Deutschen hätten dich doch aber genommen“, sagte ich nun.

„Zuerst einmal zahlen die ja hundemäßig. Damals wenigstens. Was sie heute zahlen, weiß ich nicht. Ich hätte auch gern einen genommen. War mir ja egal. Aber wenn du da ankamst, gleich sprangen sie dir ins Gesicht: ‚Nehmen keine Pollacken. Pollacken raus. Freßt oberschlesische Steinkohle. Könnt ja euren Pollackenrachen nicht voll kriegen.‘ Und lauter solche Sachen. Das wäre dann die ganze Fahrt so gegangen. Auch wenn ich hätte mustern können. Die andern, die Mannschaften sind ja noch zehnmal schlimmer, noch zehnmal verhetzter. Hältst du gar nicht aus. Geht vom frühen Morgen bis zum Abend: ‚Saupollack. Dreckpollack. Mistpollack. Wollt ihr nicht auch noch Berlin einsacken, ihr Pollackenschweine?‘ Hältst du nicht aus, Pippip. Gehst über die Reeling. Dann schon lieber Yorikke. Da schmeißt keiner dem andern seine Nationalität vor, weil keiner mehr eine Nationalität hat, mit der er protzen kann.“

So verging ein Monat nach dem andern. Ehe ich es mir versah, war ich vier Monate auf der Yorikke. Und ich hatte gedacht, ich könnte dort keine zwei Tage leben.

43

Lasset uns Menschen machen ein Bild, das uns gleich sei, und lasset uns ihnen die Fähigkeit geben, zu glauben und sich zu gewöhnen, damit sie uns nicht eines Tages absetzen. Yorikke war erträglich geworden. War eigentlich doch ein ganz feines Schifflein. Das Essen war gar nicht so schlecht, wie es schien. Es gab ja hin und wieder Nach-Sturm-Frühstück. Auch schon mal Kakao mit Rosinenstollen. Und zuweilen ein halbes Wasserglas Kognak oder ein volles Wasserglas Rum. Manchmal gab der Koch sogar ein halbes Kilo Zucker extra her, wenn man ihm schöne Nußkohle für die Galley aus den Bunkern klaubte.

Der Dreck in den Quartieren war zu ertragen. Wir hatten ja keine Bürste und keinen Feger. Wir fegten mit einem Sacklumpen. Seife hatten wir ja auch keine. Und wenn wir uns ein Stück kauften für den persönlichen Gebrauch, werden wir es doch nicht aufbrauchen für Reinquartier. Wir waren doch nicht verrückt.

Die Bunk war auch gar nicht so hart, wie sie erst erschien. Ich hatte mir aus Putzwolle ein Kissen zurecht gemacht. Wanzen? Gibt es auch anderswo. Nicht nur auf der Yorikke. Es war ganz gut zu ertragen. Es sah auch niemand mehr so dreckig aus und so zerlumpt, wie in den ersten Tagen. Auch die Eßgeschirre waren nicht mehr so schmierig.

Mit jedem Tag war alles ein klein wenig sauberer und besser und erträglicher geworden. Wenn Augen sehr lange dasselbe sehen, sehen sie es nicht mehr. Wenn müde Glieder jeden Tag auf demselben harten Holze ruhen, schlafen sie bald wie auf Daunen. Wenn die Zunge jeden Tag dasselbe schmeckt, weiß sie nicht, wie andres wohl schmecken mag. Wenn alles rundherum kleiner wird, sieht man nicht, wie man zusammenschrumpft, und wenn alles dreckig ist, was einen umgibt, sieht man nicht, wie dreckig man selbst ist.

Die Yorikke war recht erträglich. Mit Stanislaw konnte man sich gut unterhalten. Er war ein kluger und intelligenter Junge, der viel gesehen und alles mit ganz klaren Augen gesehen hatte, und der sich das Hirn nicht so leicht verkleistern ließ. Mit den Heizern konnte man auch sprechen. Wußten auch dies und jenes Neue zu erzählen. Die Deckarbeiter waren auch keine verblödeten Dummköpfe. Dummköpfe kamen nie zu den Toten und nur selten Durchschnittsmenschen. Denn die haben immer alles schön in Ordnung. Die können nie über die Mauer fallen, weil sie nie hochklettern, um zu sehen, wie es auf der andern Seite wohl aussehen mag. Die glauben, was man ihnen darüber erzählt. Die glauben, daß auf der andern Seite der Mauer Mordbrenner sitzen. Die Mordbrenner sitzen immer auf der andern Seite der Mauer. Und wer das nicht glaubt und einmal nachsehen will, ob es wahr ist, auf die Mauer klettert und dabei runterfällt, dem geschieht es ganz recht, daß er draußen bleibt. Und wenn er schon auf die andre Seite will, um den Mordbrennern die überflüssigen Hosenknöpfe zu verkaufen, dann soll er wenigstens durch das Tor gehen, damit man sieht, wer es ist, und damit der Nachtwächter, der über der Haustür den Adler und die Fahnenstange hat, damit man auch gleich weiß, daß er der Nachtwächter seines Landes ist, das Trinkgeld nicht einbüßt. Wer kein Trinkgeld bezahlen kann und keinen Zettel in der Tasche hat, auf dem abgestempelt wurde, daß er der Sohn seiner Mutter ist, soll daheim bleiben. Freiheit ja, aber muß abgestempelt sein. Freizügigkeit der Erdenbewohner ja, aber nur mit Zustimmung der Nachtwächter. Vier Monate Heuer hatte ich beim Skipper stehen. Hundertzwanzig oder einige mehr Pesetas Vorschuß gingen ab. Blieb ein ganz hübsches Sümmchen übrig. War auch dann noch ein ganz nettes Sümmchen, wenn es in Pfunde umgerechnet wurde.

Umsonst wollte ich nun auch nicht gerade gearbeitet haben und das Geld dem Skipper schenken. Und so hatte er mich nur um so fester. Aber wo und wann und wie abmustern? Gab es doch nicht. In keinem Hafen wurde die Abmusterung bestätigt. Keine Papiere, kein Heimatsland. Werden den Mann nie wieder los. Kann nicht abmustern.

Es gab nur eine Abmusterung. Die Gladiatorenabmusterung. Abzeichnung auf dem Riff. Abzeichnung bei den Fischen. Kam man klar, dann flog man auf eine Küste. Da konnten sie einen nicht gleich wieder ins Wasser fegen. Schiffbrüchiger. Es regt sich das Mitleid der Menschen, besonders derer, die in Küstenstrichen wohnen. Mit Toten gibt es kein Erbarmen, mit Schiffbrüchigen ist es etwas andres.

Dann muß sich ja auch der Nachtwächter der Flagge melden, unter der man aufs Riff ging. Er zahlt nicht für den Mann, er zahlt für den Rapport, damit die Versicherung besser geölt wird. Denn wenn der Rapport nicht einläuft, dann kommt die Verschollenwartezeit, und das bedeutet einen erheblichen Zinsverlust. Wenn der Rapport da ist und das Mitleid mit dem Schiffbrüchigen eingetrocknet ist, dann wandert man wieder zu den Toten. Erst ganz langsam, dann schneller und immer schneller. Die Kompanie ist für den Mann haftbar und sie ist verantwortlich für seine Fortschaffung. Wohin mit ihm? Kein Skipper will ihn haben. Er wird ihn nicht mehr los. Auf ein Totenschiff. Er will nicht, weil er genug hat, vom letztenmal. Handschlag, versuchte Desertion, zehn Schilling in die Hand, Blaues Peterlein, rauf. Guten Morgen, da wären wir wieder.

Die Fische können warten. Er kommt. Einmal kommt er. Er kommt, entweder mit dem Glasröhrchen oder mit der Aschenhuze oder mit einer Kohlenlawine im Bunker oder mit dem Riff. Aber er kommt. Er kann nicht pensioniert werden oder ein Weib nehmen und einen kleinen Bootshandel anfangen. Er muß immer wieder in die Arena. Bis er es vergißt, daß er in der Arena ist, yes, Sir ...

Nun lagen wir in Dakar. Ein durchaus anständiger Hafen. Nichts gegen ihn einzuwenden.

Kesselreinigen. Kesselreinigen, wenn die Feuer unter dem zu reinigenden Kessel nur gerade einen knappen Tag aus sind und der Nachbarkessel unter Dampf bleibt. Und dieses Vergnügen in einer Gegend, wo man sagt: „Guck mal da rüber, wo die grünen Zaunpfähle stehen mit dem großen A dran, das ist der Äquator, kannst auch sagen Mittagslinie, dann mußt du aber das A abschrauben und ein Messingschild anhängen mit dem großen M drauf. Aber ob du nun Mittagslinie sagst oder Äquator oder überhaupt nichts, es ist immer egal heiß und glühend. Wenn du den Äquator anfaßt, die Hand ist sofort weg, wie abrasiert, bloß noch ein paar Krümelchen Asche sind übrig. Wenn du ein Stück Eisen auf den Äquator legst, schmilzt das wie Butter. Wenn du zwei Stück zusammenhältst, die schweißen autogen. Glatt ohne Naht, brauchst bloß drücken.“

„Weiß ich,“ sagte Stanislaw, „wir sind mal rübergefahren über den Äquator, da war es gerade Weihnachten. Da war doch der immer noch so heiß, daß du die dicken eisernen Bordwände man bloß so mit dem Finger durchbohren konntest. Brauchtest gar nicht bohren. Bloß so mit dem Finger antippen, da war schon ein Loch drin. Wenn du gegen die eiserne Bordwand spucktest, flog die Spucke durch wie nichts, war gleich wieder ein Loch. Der Skipper sah das von der Brücke und schrie: ‚Ihr wollt wohl hier ein Kaffeesieb aus dem Schiff machen. Sofort die Löcher wieder zugemacht.‘ Und da wischten wir so ein klein wenig mit der Hand rüber oder mit dem Ellbogen und da waren die Löcher wieder zu. Es war ja gerade so weich wie Kuchenteig. Die eisernen Masten hatten sich ganz umgebogen, so wie ein langes Wachslicht, das du auf einen heißen Kochherd stellst. Es war eine Schweinerei, bis wir sie wieder gerade hatten. Mit dem Äquator darf man nicht spaßen.“

„Ganz gewiß nicht,“ gab ich zu, „darum hat man ja zu beiden Seiten des Äquators rund um die Erde einen Lattenzaun gemacht mit Warnungsschildern dran. Kannst du ja schon auf der Landkarte sehen, den Zaun. Ihr habt den dummen Fehler gemacht, ihr seid drüber weggefahren. Wir waren schlauer. Wir sind durch die Unterwassertunnel drunter hergefahren. Da ist es schön kühl. Merkst gar nicht, daß du unter dem Äquator herfährst.“

„Die Äquatortunnel kenne ich. Aber die Kompanie wollte nicht die Tunneldurchfahrtkosten bezahlen. Die berechnen pro Tonne einen Schilling Tunnelkosten. Wie geht es denn da rein in den Tunnel?“

„Aber Mensch, das ist doch ganz einfach,“ erwiderte ich, „da ist ein großes Loch im Meer und da geht das Schiff eben rein, mit dem Bug zuerst, fährt durch und kommt an der andern Seite wieder raus, da ist auch so ein Loch im Wasser.“

„Ist tatsächlich ganz einfach,“ gab Stanislaw zu, „das hätte ich mir viel komplizierter gedacht. Ich habe gedacht, das Schiff wird in eine Art Taucheranzug gesteckt und dann runtergezogen. Unten ist eine Maschine, die da zieht, und dann geht es unten lang auf Zahnradschienen und an der andern Seite wird das Schiff dann wieder hochgezogen.“

„So hätte man das natürlich auch machen können,“ sagte ich, „aber das ist zu umständlich. Könnten sie auch gar nicht machen für einen Schilling die Tonne.“

„Zum Kreuzdonnerwetter nochmal, wird das Geschwätze da drin im Kessel nun bald aufhören oder nicht“, schrie der Zweite Ingenieur in den Kessel, während er den Kopf zum Mannloch durchsteckte. „Wenn da in einem fort erzählt wird, kann der Kessel nicht rein werden.“

„Komm doch rein, du Hund, wenn du den Hammer an den Schädel haben willst.“ Ich schrie es wie wild, halbverrückt von der Hitze. „Klopp dir den Kessel allein, du Roßtäuscher, du verfluchter. Dir werde ich ja überhaupt noch was erzählen.“

Ich wollte ja gern, daß er mich rapportiert und daß ich rausgefeuert werde. Dann hätte ich ein Quittungsbuch kriegen müssen und mein Geld. Aber dazu waren die ja viel zu schlau. „Ebenso wie die Offiziere im Kriege. Kann man noch so beleidigen und in die Fresse hauen, melden dich nicht,“ sagte Stanislaw, „haben dich lieber draußen als daß du im Gefängnis im Trocknen sitzt.“

Kesselreinigen am Äquator, wenn das Feuer nur knapp einen Tag gelöscht ist und der Nachbarkessel unter Dampf liegt. Meine Herren! Wer nie sein Brot mit Tränen aß, der trinkt es jetzt wie Himbeerlimonade. Wir saßen nackt drin, aber die Wände waren so glühend heiß, daß wir uns anziehen mußten und dicke Polster aus Sacklumpen unter die Knie zu legen hatten, um nicht anzubrennen.

Dann klopfen. Und was der Kesselstein für einen Staub macht. Das ist, als ob man die Lunge, den Schlund, die Kehle mit Glas abkratzt. Wenn man den Mund bewegt, knirscht es zwischen den Zähnen, als ob man Sand mahlt, und es kriecht einem am ganzen Rückenmark ein entsetzliches Empfinden hoch, als würde das Rückenmark von einem Ende aus herausgebohrt.

Der Kessel ist an sich schon nicht allzu geräumig. Nun liegen auch noch die Feuerzüge drin, und man muß auf dem Rücken liegen, auf dem Bauche, um überall hinzukommen. Wie eine Schlange windet man sich in den Zügen herum. Wo man mit der bloßen Hand hinfaßt, ist es so heiß, als fasse man auf eine heiße Herdplatte.

Dann springt einem Kesselstein in die Augen. Und das harte scharfe Körnchen bereitet einem Schmerzen, daß man glaubt, wahnsinnig zu werden. Dann wird es mit dreckigen und schweißigen Händen herausgefischt und das Auge rötet sich von den Martern, die man ihm angetan hatte. Eine Weile geht es gut, und ratsch: wieder ist ein scharfer Splitter drin, und die Marter geht von neuem los.

Schutzbrillen? Die kosten Geld. Für solchen Unfug hat die Yorikke kein Geld. So wurde es vor tausend Jahren gemacht, und so wird es heute gemacht. Meist sind die Brillen auch nicht viel wert. Entweder man sieht nichts durch oder sie drücken oder der Schweiß läuft einem zwischen die Plüschdichtungen und frißt sich in die Augen.

Hätte man elektrische Lampen gehabt, wäre das ja eine kleine Erleichterung. Aber nun die Lampen aus Karthago. In fünf Minuten ist der Kessel schwarz und dick von Rauch. Aber es muß geklopft werden.

Und die Hämmer dröhnen innerhalb des Kessels, als ob tausend Donner einem unmittelbar auf das Trommelfell pauken. Es ist keine federnde Resonanz, sondern ein hart vibrierendes gell-kreischendes Pochen.

Fünf Minuten, dann müssen wir raus, um Luft zu holen. Wir kochen in Schweiß, die heißen Lungen fliegen und flattern, das Herz tobt, als wollte es die Brust durchsprengen, und wir zittern in den Knien.

Luft, nur Luft. Koste es, was es wolle. Und wir stehen in der Meeresbrise, die auf uns wirkt, als wäre sie ein Schneesturm in Saskatchewan. Ein breites hartes Schwert stößt durch unsern Körper in seiner ganzen Länge. Wir frieren und beben und sehnen uns zurück in die heiße Glut des Kessels.

Wieder fünf Minuten, und wir schreien: Luft. Alle drei, die wir drin sind, drängen wir an das kleine Mannloch, durch das wir uns zwängen müssen. Nur einer kann zu gleicher Zeit durch und muß sich wie eine Katze drehen und winden, um herauszukommen. Während der Zeit, wo er sich durch das Mannloch zwängt, kommt auch nicht ein Hauch von Luft in den Kessel. Mit Mühe kriege ich, der ich Zweiter bin am Loch, die Arme durch und zwänge mich hinaus. Der Heizer fällt innen um und schlägt hart auf. Er ist besinnungslos.

„Stanislaw, der Heizer muß raus, hat schlapp gemacht“, rufe ich mit letztem Atem. „Wenn wir ihn nicht holen, zockt er ab und erstickt.“

„Ei–ei–ne Mi–nu–te, Pip–, Hab’ noch keine Luft wieder.“

Es dauert nicht lange, und das Schwert sitzt uns wieder im Körper und wir sehnen uns nach der kochenden Hitze des Kessels.

Wir nehmen ein Tau. Ich winde mich wieder durch und hole den Heizer fest. Und nun arbeiten wir, ihn hinauszukriegen. Das ist das Schwerste. Hineinwinden und herauswinden kann man sich. Aber einen leblosen Menschen da durchzuziehen, das erfordert unendliche Geduld und Geschicklichkeit und Kenntnisse in der Anatomie. Der Kopf ist rasch durch. Aber die Schultern.

Endlich schnüren wir die Schultern zusammen wie ein Paket, ganz fest und dann können wir ihn hieven und er kommt.

In den Schneesturm bringen wir ihn nicht, sondern wir lassen ihn im Kesselraum und legen ihn sogar dicht in die Nähe der Feuer des Nachbarkessels. Wir binden seine Schultern los.

Der Atem ist weg. Ganz weg. Aber das Herz pocht. Leise, doch regelmäßig. Wir gießen ihm Wasser über den Kopf und pressen einen nassen Sack aufs Herz. Dann fächeln wir ihm Wind ins Gesicht, blasen ihn an wie Holzkohlen und tragen ihn endlich unter die Windhuze.

Stanislaw muß rauf und die Windhuze in den Wind stellen, damit frische Luft auf den Heizer fällt.

Jetzt läßt sich der Hund von einem Roßtäuscher natürlich nicht sehen; aber wir brauchen uns nur etwas im Kessel erzählen, dann ist diese widerwärtige Fratze gleich am Mannloch und stopft uns die Luft ab mit seiner klobigen Knochenbeule. Er kriegt doch noch den Spitzhammer an den Kadaver geworfen. Möchte er wenigstens ein Wasserglas Rum für den Heizer bringen, der Schuft. Wir wollen ihn ja gar nicht trinken. Nur ein Schlückchen, um den Glasstaub aus der Kehle und aus den Zähnen zu kriegen.

Der Heizer ist unter der Windhuze, und ich fange mit Armbewegungen an. Allmählich kommt er. Und er kommt immer besser. Als wir ihn hoch haben, auf den Kohlenhaufen setzen und in die Ecke drücken, damit er einen Halt hat, kommt der Zweite Ingenieur.

„Was ist denn das, zur Hölle nochmal,“ schreit er gleich, „werdet ihr bezahlt für Faulenzen oder für was?“

Stanislaw oder ich oder wir beide hätten ja nun sagen können: „Der Heizer war ...“