Part 13
Hatte man die Milch gefaßt, so öffnete man die Büchse und nahm als sparsamer Mensch ein Löffelchen voll heraus, um dem Tee ein Wölkchen zu geben. Dann stellte man seine Büchse sorgfältig fort, um sie erst wieder beim nächsten Kaffee zu gebrauchen. Aber während man sich auf Wache befand, wurde die Büchse nicht gestohlen, aber von andern aufgebraucht bis auf den letzten Rest. Da die sichersten Verstecke am leichtesten gefunden werden, passierte mir das nur beim erstenmal, daß meine Milch verschwand. Als ich das zweitemal Milch faßte, löffelte ich sie auf einem Sitz völlig aus, das einzige Mittel, meine Ration zu retten, ein Mittel, das alle anwandten.
Mit dem halben Kilo Zucker machte man es genau ebenso, er wurde sofort nach dem Fassen auf einen Ruck aufgegessen. Wir kamen einmal zu einer Einigung. Der Zucker des ganzen Quartiers wurde in eine gemeinsame Büchse geschüttet, und jeder sollte sich einen Löffel herausnehmen, wenn der Kaffee oder Tee kam. Die Folge dieser Einigung war, daß der ganze Zucker am zweiten Tage verschwunden war und mich nur die leere Büchse angähnte.
Frisches Brot gab es jeden Tag. Und jede Woche bekam das Quartier eine Büchse Margarine, die gut reichen konnte. Aber niemand konnte sie essen, weil Schmierseife besser schmeckte.
An Tagen, wo wir das Maul zu halten und die Augen zuzumachen hatten, gab es für jeden Mann zwei Glas Rum und eine halbe Tasse Marmelade. Das waren die Tage, an denen geblendet wurde.
Zum Frühstück gab es Graupen mit Pflaumen oder Reis mit Blutwurst oder Kartoffeln und Hering oder schwarze Bohnen und Salzfisch. Alle vier Tage fing das wieder mit Graupen und Pflaumen an.
Sonntag gab es zum Mittag Rindfleisch mit Mostrichsoße oder Cornedbeef mit Wasserbrühe, Montag Salzfleisch, das nie jemand aß, weil es nur Salz und Schwarte war, Dienstag getrockneten Salzfisch, Mittwoch Trockengemüse und Backpflaumen in einer blauwäßrigen Schleimerei aus Kartoffelstärke. Die Schleimerei hieß: Der Pudding. Donnerstag begann es wieder mit Salzfleisch, das nie jemand aß.
Das Abendessen war eines der genannten Frühstücke oder Mittagessen. Zu jeder Mahlzeit gab es Pellkartoffeln, von denen nur die Hälfte gebraucht werden konnten. Der Skipper kaufte nie Kartoffeln. Sie wurden aus der Ladung genommen, wenn wir Südkartoffeln fuhren. Solange sie neu und jung waren, machten diese Kartoffeln einem Spaß und waren Leckerbissen, aber wenn wir lange keine Kartoffeln gefahren hatten, dann kamen die an die Reihe, von denen ich sprach.
Als Blendladung fuhren wir manchmal nicht nur Kartoffeln, sondern auch Tomaten, Bananen, Ananas, Datteln, Kokosnüsse. Diese Ladungen allein machten es möglich, daß wir bei dem Essen bestehen konnten und nicht an Eßekel verreckten. Wer einen Weltkrieg mitgemacht hat, der hat vielleicht gelernt, was ein Mensch ertragen kann, ohne zu krepieren, wer aber auf einem echten Totenschiff oder auf einer echten Blendlaterne gefahren ist, der weiß es ganz sicher, wieviel ein Mensch aushalten kann. Das Ekeln gewöhnt man sich bald ganz ab.
Das Geschirr, das mir so opferwillig zum Gebrauch angeboten wurde, war nicht ganz komplett, es bestand nur aus einem Teller. Als ich das notwendige Geschirr beisammen hatte, gebrauchte ich die Gabel von Stanislaw, die Tasse von Fernando, das Messer von Ruben, und den Löffel hätte ich von Hermann haben können, aber einen Löffel besaß ich selbst. Für diese Opferwilligkeit hatte ich das Geschirr aller hübsch sauber zu putzen, zweimal für jede Mahlzeit. Zuerst, wenn ich es übernahm, und dann, nachdem ich es gebraucht hatte.
Als das Abendessen vorüber war, hatte ich die Kumpen zu waschen, also die verbeulten Blechwaschbecken, in denen das Essen aus der Galley geholt wurde. Zu diesem Waschen brauchte weder ich noch sonst jemand Seife, Soda oder Bürste, weil solche Dinge nicht vorhanden waren. Wie die Kumpen dann aussahen, wenn wieder das frische Essen hineingeschüttet wurde, braucht nicht erzählt zu werden.
In diesem Dreck konnte ich nicht leben. Ich ging daran, das Quartier zu scheuern. Die Burschen waren nach dem Essen sofort in ihre Bunks gefallen wie tot. Während des Essens war kaum gesprochen worden. Es ging zu, als ob Schweine an einem Trog stehen. Drei Tage später erkannte ich diesen Vergleich nicht mehr. Die Fähigkeit, Vergleiche zu ziehen oder deutliche Erinnerungen aus einem früheren Leben zu erwecken, war erloschen.
„Seife wird nicht geliefert“, wurde mir brummend aus einer Bunk zugerufen. „Schrubber oder Bürsten auch nicht. Und nun halte Ruhe mit deinem Herumwirtschaften, wir wollen schlafen.“
Ich sofort mittschiffs und zur Ingenieurskabine, wo ich anklopfte.
„Ich will das Quartier scheuern und verlange Seife und eine kräftige Schrubberbürste.“
„Was denken Sie denn von mir? Sie wollen doch nicht damit sagen, daß ich Ihnen Seife oder Bürsten zu kaufen habe? Nichts zu machen.“
„Ja, aber nun ich selbst. Ich habe keine Seife für mich selbst. Und ich soll doch vor den Kesseln arbeiten.“ Das wollte ich doch sehen, ob ich keine Seife bekäme.
„Das ist Ihre eigne Sache, wenn Sie sich waschen wollen, müssen Sie auch Seife haben. Seife gehört zu einer anständigen Seemannsausrüstung.“
„Kann sein, mir ist das neu. Toiletteseife ja, aber nicht Arbeitsseife, und für Kesselbande hat der Ingenieur die Seife zu stellen oder der Skipper oder die Kompanie. Das ist mir gleichgültig, wer die Seife zu stellen hat. Ich will aber Seife haben. Was ist das überhaupt für eine Sauerei? Auf jedem anständigen Eimer wird alles gestellt, Matratze, Kissen, Bettuch, Decke, Handtuch, Arbeitsseife und vor allem Eßgeschirr. Das gehört zur Ausrüstung des Schiffes und nicht zur Ausrüstung des Mannes.“
„Nicht bei uns. Wenn es Ihnen hier nicht gefällt, können Sie ja gehen.“
„Sie unverschämter Patron, Sie.“
„Raus aus meiner Kabine oder ich rapportiere zum Skipper und laß Sie festlegen.“
„Das wäre mir ganz recht.“
„Nicht wie Sie denken, Mann. So besoffen sind wir nicht. Ich brauche den Kohlenschlepper. Nein, ich lasse Sie festlegen mit einer vollen Monatsheuer, wenn Sie mir noch mal so kommen.“
„Feine Leute, das muß ich sagen. Auch noch die paar Groschen abtricken.“
Der Gauner saß da und grinste. Bei Klopperei kommt nie etwas heraus, und er trickt mir zwei Monatsheuern ab.
„Erzählen Sie doch das alles Ihrer Urgroßmutter“, sagte er. „Sie wird sich das ruhig mit anhören. Aber ich nicht. Raus jetzt, aber flott. Vorwärts ins Bett, um elf haben Sie auf Wache zu gehen.“
„Meine Wache fängt um zwölf an. Zwölf bis vier.“
„Nicht bei uns und nicht mit den Kohlschleppern. Die Kohlschlepper fangen um elf an und ziehen von elf bis zwölf Asche, und um zwölf fängt die Arbeitswache an.“
„So. Von elf bis zwölf ist wohl keine Arbeitswache?“
„Asche ziehen, das haben die Kohlschlepper bei uns nebenbei zu machen.“
„Aber Überstunden werden angeschrieben.“
„Nicht bei uns. Und nicht für Ascheheben.“
In welchem Jahrhundert lebte ich denn? Unter welche Menschenrasse war ich geraten? Halb im Dusel torkelte ich zum Quartier.
Da war das Meer, das blaue herrliche Meer, das ich so sehr liebte, und in dem als anständiger Seemann zu versinken ich nie mit Grauen angesehen hatte. War es doch die große festliche Vermählung mit dem Weibe, das so launenhaft war, das so wütend rasen konnte, so viel herrliches Temperament hatte, das so berückend lächeln, so bezaubernde Schlaflieder singen konnte und so wunderschön, ach, so über alle Maßen schön war.
Es war dasselbe Meer, auf dem tausende und tausende ehrlicher, gesunder Schiffe fuhren. Und nun hatte mich das Schicksal ausersehen, mich ein Schiff fahren zu lassen, das an Lepra erkrankt war, und das nur noch fuhr mit der Hoffnung, daß das Meer Erbarmen mit ihm haben möge. Aber es sah ganz so aus, ich hatte es im Gefühl, daß die See das mit Lepra behaftete Schiff nicht aufnehmen wollte, um sich nicht verpesten zu lassen. Noch nicht. Seine Zeit war noch nicht gekommen. Noch wartete das Meer, noch hoffte es, daß es diese Pest nicht zu erdulden haben werde, das dieses Meeresgeschwür irgendwo auf dem Lande oder in einem verschmierten Winkelhafen zerplatzen und vergehen würde. Noch war Yorikkes Zeit nicht gekommen. Ich hatte noch kein Todesahnen, an meine Bunk hatte der Gast noch nicht geklopft. Denn als ich jetzt an der Reeling stand, über mir den sternenblinkenden Himmel und vor mir das grünlich flickernde Meer, an mein verlorenes New Orleans und an mein sonniges Spanien dachte, da überkam es mich: Hopp drüber Junge, schiet sie an mit dem Kohlschlepper und mach ein flottes sauberes Ende, damit du nicht deinen Rest verlierst. Aber dann war ja nur ein andrer armer müder, verlumpter, verhungerter, verdreckter und gehetzter Kohlschlepper, der Doppelwache bekam und mir die letzte Reise so schwer machte und ich immer wieder hoch kommen mußte.
Ei zum Teufel nochmal, beiß zu und schiet. Die Yorikke kann dich, mein Junge, nicht unterkriegen. Nicht die Konsuln. Nicht die Yorikke. Nicht der Taschendieb. Bist ja von New Orleans, Junge. Rin in die Schiet und durchgeschwommen. Es gibt auch wieder mal Wasser und Seife. Der Gestank ist nur äußerlich. Patsch rin, daß es spritzt. Weg von der Reeling, und dem Biest, das dich unterkriegen will, eins in die Zähne gehauen! Spuck noch mal runter und nun weg in die Bunk!
Als ich weg war von der Reeling, wußte ich, daß ich zwar auf einem Totenschiff und auf einer Blendkaroline war, aber daß es nicht mehr mein Totenschiff war. Mit der Yorikke half ich keine Versicherung fahren. Auf ihr wurde ich kein Gladiator. Ich spucke dir ins Gesicht, Cäsar Augustus Imperator. Spare deine Seife und fresse sie, ich brauche sie nicht mehr. Aber du sollst mich nicht mehr winseln sehen. Ich spucke dir ins Angesicht, dir und deinem Gezücht.
28
Einschlafen konnte ich nicht. Ich lag auf den blanken Brettern meiner Bunk wie ein eingelieferter Spitzbube auf der nackten Pritsche in einer Polizeiwache. Die schmökende Petroleumlampe füllte den Raum mit einem Dunst, daß Atmen eine Qual wurde. Da ich ja keine Decke hatte, fröstelte ich, denn die Nächte auf dem Meere können ganz verteufelt kalt werden. Gerade war ich in einen dämmernden Halbschlaf gefallen, als ich plötzlich mit kräftigen und ungeduldigen Händen so gerüttelt und gestoßen wurde, als sollte ich durch die Wand geworfen werden.
„Raus du. Ist halb elf.“
„Halb erst? Warum kommst du nicht um dreiviertel?“
„Ich bin gerade oben, weil ich für den Heizer Trinkwasser hole. Ich kann nicht nochmal raufkommen. Mußt raus. Zehn vor zwölf weckst du deinen Heizer und holst ihm Kaffee.“
„Kenn ihn nicht. Weiß seine Bunk nicht.“
„Komm raus. Ich zeig dir.“
Ich stand auf, und mir wurde die Bunk des Heizers gezeigt, der zu meiner Wache gehörte.
„Mach voran. Rasch. Geh gleich zu der Aschenwintsche. Wir haben verflucht viel Asche.“ Der Mann verschwand wie ein Geist.
Es war fast finster in dem Quartier, weil die Lampe kein Licht gab.
Beim Licht einer zerbrochenen kleinen verräucherten Laterne zeigte mir der Kohlenzieher der Vorwache, es war Stanislaw, wie die Wintsche gehandhabt werden muß.
„Höre mal, Stanislaw, das verstehe ich nicht“, sagte ich. „Ich kenne doch nun auch etwas von Salzkrusten, aber das habe ich noch nicht erlebt, daß die Kohlschlepper Wache aufzubüßen haben. Warum?“
„Weiß ich gut. Ich bin auch nicht gerade aus den Windeln gerutscht. Woanders hat der Heizer beim Aschehieven zu helfen. Aber hier wird ja der Heizer allein nicht fertig, und wenn ihm der Schlepp nicht manchmal hilft, fällt er runter auf hundertzwanzig, daß es nur so rasselt, und der Eimer sackt und steht wie eine Böckchenpinne. Auf andern Eierkisten, auch wenn es Särge sind, hat die Wache zwei Heizer oder wenigstens einundeinenhalben. Aber ich denke doch, du weißt jetzt schon, wo du bist, mein Seemannsengelchen.“
„Ich engele nicht. Da kannst du Zinnober drauf schlucken.“
„Willst du achtern kanten? Glückt nicht. Wirst du schon noch lernen. Setz dich nur lieber gleich richtig in die Wolle und such dir das Boot aus, mit dem du klippen willst. Der Koch hier ist der Großvater. Der erzählt dir was, wenn du mit ihm angewärmt bist. Der Hund hat zwei Westen in seiner Bunk liegen.“
„Haben wir denn keine Westen?“ fragte ich erstaunt.
„Nicht mal ein Ring ist da. Vier Dekorationsringe mit Goldbronze. Aber ich rate dir, nimm keinen davon. Wenn du da den Kopf durchsteckst, nimm lieber einen Mühlstein. Mit dem Mühlstein hast du vielleicht noch Hoffnung, mit den Dekorationswürsten nicht.“
„Wie kann der Hund denn das machen? Da muß doch in jeder Bunk eine Weste sein. Ich bin das so gewöhnt, daß ich das gar nicht beachtet habe, daß keine da ist.“
Stanislaw lachte und sagte: „Du hast so eine Kanne noch nicht gefahren. Darum. Yorikke ist meine vierte Leichenkanne. Die sind ja jetzt zum Aussuchen.“
„He–ho, Lawski!“ schrie sein Heizer den Aschenschacht hinauf.
„Was ist los, Heizer?“ fragte Stanislaw runter.
„Zieht ihr denn heute keine Asche, oder was ist los?“ blökte der Heizer rauf. Es war Martin.
„Natürlich ziehen wir. Aber ich muß doch den Neuen anlernen. Der kennt doch die Wintsche nicht.“
„Dann mach zu und komm runter. Mir ist ein Rost raus.“ Der Heizer schrie es rauf.
„Erst muß die Asche gezogen werden. Der Rost hat Zeit. Ich muß den Neuen anlernen“, schrie Stanislaw wieder runter.
„Nein, was Leichenkannen anbetrifft – wie heißt du denn eigentlich, Neuer?“
„Ich? Pippip.“
„Hübscher Name. Bist du Türke?“
„Ägypter.“
„Das ist gut. Ägypter hat gefehlt. Wir haben hier alle Nationen auf der Kanne.“
„Alle? Auch Yanks?“
„Ich glaube, du schläfst noch. Die beiden einzigen, die nie auf einer Leichenkanne fahren, das sind Yanks und Kommse.“
„Kommse?“
„Ach tu doch nicht so unschuldig, du Schaf. Bolsches. Kommunisten. Yanks kommen nicht, weil die in dem Dreck den ersten Tag verrecken würden, und weil denen auch immer von ihren Konsuln geholfen wird. Der winkt ihnen schon die Weisheit über die Eimer.“
„Und die Komms?“
„Die sind zu schlau, die riechen, was los ist, wenn sie nur den Mastknopf sehen. Kannst dich drauf verlassen. Die sind gekocht. Wo ein richtiger Komms drauf ist, kann keine Versicherung fahren. Die beerdigen dir jede Versicherungspolice, und wenn sie noch so fein gezuckert ist. Die haben dir Riecher, da können wir alle nicht mit. Und die haben auch immer gleich die schönste Sauerei mit der Inspektion. Aber nun kann ich dir auch erzählen, wenn da ein gesunder Eimer ist, wo nicht nur Yanks drauf sind, sondern Yanks, die Komms sind, Mann, das ist Honig. Das ist –. Ich kann es dir ja sagen, ich fahre überhaupt nur, um mal auf einen solchen Eimer zu kommen. Da gehe ich nie wieder runter. Da mache ich sogar den Nauke. Mir ganz egal. Wenn du mal einen Eimer sehen solltest, der von New Orleans ist oder da herum. Das ist eine Sache.“
„So ein Schiff habe ich noch nicht gesehen“, sagte ich.
„Kommst du auch nicht drauf, und wenn du hundert Jahre alt wirst und alles ausgestiegen ist. Du nicht. Ein Ägypter überhaupt nicht, und wenn er einen Paß hat wie Zucker. Jetzt ist es für mich auch vorbei. Wer die Yorikke gefahren hat, kommt nie wieder auf einen gesunden Eimer. Jetzt wollen wir mal dran gehen.“
„Hängt er drin?“ schrie Stanislaw in den Schacht.
„Hiev up!“
Stanislaw schaltete den Hebel ein, und die Aschkanne rasselte rauf. Als sie in Reichhöhe war, warf er den Hebel wieder herum. Die Kanne ruckte noch mal rauf und noch mal runter und hing dann in der Schachtluke.
„Nun hängst du die Kanne aus und trägst sie zur Schanze und schüttest sie aus. Da gib aber gut Achtung, daß dir die Kanne nicht mit über Stag geht. Dann sitzt du da. Dann können wir mit einer arbeiten, und wir können zwei Stunden früher aufstehen. Daß du’s weißt.“
Die Kanne war glühend heiß, und obenauf lagen die rotglühenden Schlacken. Ich konnte sie kaum anfassen, aber es mußte sein. Und schwer war die Kanne. Sicher ihre fünfzig Kilo. Nun hatte ich die Kanne vor der Brust quer über das vier Meter breite Gangdeck zu schleppen und in den Holzschacht zu schütten, durch den die Asche ins Meer fiel und dort zischend verschwand. Dann trug ich die Kanne zurück, und ich hängte sie wieder in die Hievketten.
„Das ist doch ganz klar, warum die Westen gegangen sind. Ich bin sicher, der Skipper hat sie verkauft, um nebenbei was zu machen“, sagte Stanislaw. „Aber des Verkaufens wegen war es nicht. Siehst du, wenn keine Westen da sind, kommen auch keine Zeugen vor das Seemannsgericht. Verstehst du jetzt den Zimt? Auf Zeugen kann man sich schlecht verlassen. Manchmal haben sie doch was gesehen oder gemerkt, und die Versicherung ist ja auch immer gleich dahinterher und schnappt sich die Leute. Die Boote mußt du dir mal bei Tage betrachten – wie war doch gleich dein Name? Ja, also die Boote mußt du dir mal bei Tage betrachten, Pippip. Da kannst du deine Stiefel durchschmeißen. Aber glatt. Noch weniger Zeugen.“
„Na rede keinen Seetang, hä?“ sagte ich zur Antwort. „Der Skipper will doch auch runter.“
„Sorge dich nur nicht um den Skipper. Denk zuerst an deine Haut. Der Skipper kommt schon runter. Wenn du alles so gut weißt, wie das, dann fehlt dir nichts mehr.“
„Du bist doch aber auch schon von drei Leichenkannen runtergekommen oder etwa nicht?“
„Auf zweien bin ich richtig ausgestiegen und habe den letzten Hafen nicht im Stich gelassen. Und beim dritten – aber du Esel, Glück mußt du eben auch haben. Wenn du kein Glück hast, dann bleibe nur überhaupt vom Wasser weg, sonst fällst du in die Waschschüssel und kommst nicht mehr hoch.“
„Lawski! Mensch! Was ist denn los da oben?“ schrie nun wieder der Heizer rauf.
„Die Ketten haben sich ausgehakt, verflucht nochmal“, blökte Stanislaw runter.
„Das gibt heute eine lange Asche, wenn ihr so weiter macht“, kam wieder die Stimme aus der Tiefe.
„So, nun probiere mal die Wintsche, aber sei vorsichtig, die haut wie das Donnerwetter. Die haut dir glatt den Schädel ab, wenn du nicht alle Gedanken beieinander hast.“
Die schwere Kanne kam rauf und sauste oben gegen den Deckel, daß ich glaubte, sie würde den ganzen Schacht in Trümmer schlagen, aber ehe ich den Hebel herum hatte, setzte die Wintsche von selbst mit der Konterwirkung ein, und der Eimer raste wieder den Schacht hinunter. Er schlug unten mit einem fürchterlichen Getöse auf, die Schlacken spritzten herum, der Heizer schrie wie verrückt, und im selben Augenblick setzte abermals die Konterwirkung ein, und die Kanne, jetzt halb leer, raste wie wahnsinnig ein zweitesmal gegen die Deckung des Schachtes, schlug herum mit donnerndem Krachen, und mit einem entsetzlichen Geprassel fielen die Schlacken den Schacht hinunter, beim Fallen gegen die Eisenwände des Schachtes schlagend und das Getöse und Geratter so vermehrend, daß man glauben konnte, das ganze Schiff splittert auseinander. Die Kanne war schon wieder am Heruntersausen, als Stanislaw jetzt eingriff und den Hebel packte. Sofort stand die Kanne so brav da, als ob sie ein totes Geschöpf sei.
„Ja,“ sagte Stanislaw, „so einfach ist das nicht. Das muß gelernt sein. Da brauchst du zwei Wochen, bis du den Dreh heraus hast. Geh besser runter und schippe ein, dann werde ich die Wintsche bedienen. Ich zeige es dir morgen mittag, bei Tage, da kriegst du das dann schon besser. Wenn die Wintsche in die Wicken gehauen wird, dann können wir die Asche mit der Hand hieven. Und das wünsche ich dir nicht und uns nicht. Dann laufen wir nicht mehr, dann kriechen wir nicht mehr, dann rollen wir nur noch von einem Platz zum andern.“
„Laß es mich noch mal versuchen, Lawski. Ich will mal gnädige Frau zu ihr sagen. Vielleicht tut sie es dann.“
Dann rief ich runter: „Hopp an.“
„Hiev up!“ kam der Schrei.
„Na, Frau Gräfin, wollen wir jetzt?“
Der Prophet weiß, sie tat es, sie tat es so sanft, so zart. Sie stand auf den Millimeter. Ich glaube, daß ich Yorikke besser kannte als ihr Skipper oder der Großvater. Die Wintsche gehörte zu jenen Teilen des Schiffes, die schon in der Arche Noah mitgewirkt hatten und noch aus der Zeit vor der Sintflut stammten. In dieser Dampfwintsche waren alle Geister und Geisterchen zusammen, die in den übrigen Ecken und Winkeln der Yorikke nicht mehr Platz fanden, weil ihre Zahl zu groß war. Darum auch hatte die Wintsche ihre Persönlichkeit, die respektiert werden wollte. Stanislaw erwarb sich den Respekt durch eine langgeübte Hand, ich mußte es durch Worte machen.
„Euer königliche Gnaden, noch mal, bitte.“
Sieh da, abermals glitt die Aschkanne wie mit Sammetpfötchen gestreichelt. Aber freilich, oft genug noch, spielte sie toll und machte Splittereffekte, jedoch nur, wenn ich vergaß, sie mit Höflichkeit zu behandeln. Es waren manchmal recht ergötzliche Fangversuche, die ich anzustellen hatte, um den rauf- und runterrasenden Behälter zu schnappen. Bald sauste er oben durch, bald raste er runter und gleich wieder hoch. Wenn der Hebel nicht genau, aber haargenau gehalten wurde, schlug der Konterhub ein.
Stanislaw war runtergegangen und schippte und rief die „Hiev-ups“ aus. Und ich hängte meine Kannen aus und ein, schleppte sie glühend heiß, wie sie waren, über das Gangdeck und schüttete sie in den Aschenschacht.
Als fünfzig Kannen gehievt waren, schrie Stanislaw, daß wir den Rest lassen wollten für die nächste Wache, weil es zu spät sei. Ich dachte, daß ich nun zusammenbrechen würde, von diesem atemlosen Schleppen der unglaublich schweren Kannen. Aber ehe ich Zeit hatte, umzuklappen, schrie Stanislaw herauf: „He, mach voran, zwanzig vor zwölf.“
Ich schleppte mich zum Quartier. Das Deck war nicht erleuchtet, um das Petroleum zu sparen; und ich schlug mir viermal die Schienenbeine auf, ehe ich bis zum Forecastle kam. Was da alles auf dem Deck herumlag, läßt sich nur dadurch näher beschreiben, daß ich sage: „Da lag alles auf dem Deck herum.“ Alles, was die Erde hervorbringt, je hervorgebracht hat. Unter diesem alles lag sogar ein schwerbesoffener Schiffszimmermann, der der Zimmermann der Yorikke war; sich in jedem Hafen sinnlos besoff und den ersten Tag auf Fahrt nicht einmal als Besenstiel gebraucht werden konnte. Der Skipper war nur froh, wenn ihm nicht jedesmal die A. B.s dabei Gesellschaft leisteten und wenigstens einer der A. B.s noch genug Leben zurückbehalten hatte, um am Ruder zu stehen. Der Zimmermann, die drei A. B.s und noch ein paar andre hätten ruhig Westen bekommen dürfen. Sie hätten keine Versicherung vermanscht, anders, sie hätten die wackligste Versicherung gerettet, ohne zu wissen, was man von ihnen wollte. Sie hatten auch die meiste Aussicht, mit in Boot eins zu kommen, das der Skipper brauchte, um das wohlgepflegte Journal zu retten und die Lizenz zu behalten mit Auszeichnung für Pflichteifer trotz Lebensgefahr.
Ich hatte jetzt die Kaffeekanne zu nehmen, damit zur Galley zu gehen, wo der Kaffee auf dem Kochherd stand, und sie zu füllen. Dann hatte ich den Weg zum drittenmal zu machen, über das Verdeck, wo kein Licht brannte. Meine Schienbeine bluteten fürchterlich. Aber da war keine Handapotheke an Bord, und wenn wirklich der Erste Offizier irgendwo etwas versteckt hielt für erste Hilfe, wegen solcher Kleinigkeiten durfte man ihm nicht kommen.
Jetzt bearbeitete ich meinen Heizer, um ihn hochzukriegen. Er wollte mich ermorden, daß ich es wagte, ihn schon zu wecken. Und als die Glocke ausrief und er den heißen Kaffee noch nicht hatte schlucken können, wollte er mich ein zweites Mal ermorden, weil ich ihn zu spät geweckt hatte. Sich zu streiten, ist Kraftvergeudung. Nur Narren streiten sich. Sag’ deine Meinung, wenn du überhaupt eine hast, was selten genug der Fall ist, und dann halt’s Maul und laß den andern reden, bis ihm das Maul aus den Angeln fällt. Sage immer ja zu der Meinung des andern, und wenn er dann fertig ist und nicht mehr japsen kann und dich fragt: „Na, habe ich nicht recht?“ dann erinnere ihn so nebenbei daran, daß du ihm deine Meinung ja schon längst gesagt hättest, daß er aber im übrigen durchaus recht habe. Eine Woche lang Heizer der Rattenwache wecken, macht jemand auf Jahre hinaus unfähig, Politik zu begreifen.