Part 12
Der Skipper war ein noch junger Mann, sehr gut genährt, mit einem gesunden, roten und glattrasierten Gesicht. Er hatte wässerig blaue Augen, und in seinem gelbbraunen Haar waren brandrote Farbtöne. Er war außerordentlich gut gekleidet, beinahe überelegant. Die Zusammenstellung der Farben des Anzuges, der Krawatte, der Strümpfe und der eleganten Halbschuhe waren gut gewählt. Nach seinem Aussehen würde man ihn nicht für den Kapitän eines kleinen Frachtdampfers, nicht einmal für den eines großen Passagierschiffes gehalten haben. Er sah nicht aus, als ob er einen Eimer auch nur von einer offnen Reede zu einer andern offnen Reede bringen könnte, ohne dabei auf der andern Seite der Erdoberfläche zu landen. Er sprach ein gutes reines Englisch, wie man es in einer sehr guten Schule in einem nicht englisch sprechenden Lande lernen mag. Die Worte wählte er sehr sorgfältig aus, es machte den Eindruck, als ob er sehr geschickt, aber sehr rasch während des Sprechens nur solche Worte auswählte, die er fehlerfrei aussprechen konnte. Um dies mit Erfolg tun zu können, machte er im Sprechen Pausen, wodurch er die Vorstellung erweckte, daß er ein Denker sei. Der Kontrast zwischen dem Skipper und dem Zweiten Ingenieur, der ja ebenfalls Offizier war, hatte nichts Komisches an sich, sondern war so erschütternd, daß, wenn ich je im Zweifel gewesen wäre, wo ich war, ich es aus diesem Kontrast sofort gewußt hätte.
„So, Sie sind der neue Kohlenzieher?“ grüßte er mich, als ich in seine Kabine trat.
„Ich? Kohlenzieher? No, Sir, I am fireman, ich bin Heizer.“ Mir kam schon der Leuchtturm in Sicht.
„Von Heizer habe ich nichts gesagt“, mischte sich jetzt der Taschendieb ein. „Ich habe gefragt Heizpersonal, nicht wahr, das habe ich doch gefragt?“
„Das ist richtig,“ erwiderte ich, „das haben Sie gefragt, und das habe ich mit ja beantwortet. Aber nie in meinem Leben habe ich dabei an Kohlenzieher gedacht.“
Der Skipper machte ein gelangweiltes Gesicht und sagte zu dem Roßtäuscher: „Das ist nun Ihre Sache, Mr. Dils. Ich habe geglaubt, das sei in Ordnung.“
„Ich will sofort das Boot verlassen, Skipper. Ich denke mit keiner Idee daran, als Kohlenzieher zu zeichnen. Sofort ausbooten. Ich protestiere, und ich werde mich beim Hafenamt beschweren wegen versuchten Shanghaiing.“
„Wer hat Sie shanghaied?“ fuhr jetzt der Roßtäuscher auf. „Ich? Das ist eine unverschämte Lüge.“
„Dils,“ sagte der Kapitän jetzt sehr ernst, „damit will ich nichts zu tun haben. Dafür bin ich nicht verantwortlich. Das haben Sie auszubaden, das erkläre ich gleich hier. Machen Sie das draußen miteinander ab.“
Der Taschendieb ließ sich aber nicht verwirren. „Was habe ich gefragt? Habe ich nicht gefragt: Kesselgang?“
„Richtig, das haben Sie gefragt, aber Sie haben nicht gesagt –“
„Gehört der Kohlenzieher zur Schwarzen Bande oder nicht?“ fragte der Ingenieur nun lauernd.
„Allerdings gehört der Kohlenzieher dazu,“ bestätigte ich der Wahrheit gemäß, „aber ich habe –“
„Dann ist es ganz in Ordnung“, sagte nun der Skipper. „Wenn Sie Heizer meinten, so hätten Sie das ausdrücklich sagen müssen, dann hätte Mr. Dils Ihnen schon gesagt, daß wir keinen Heizer zu kurz sind. Also gut, dann können wir ja nun schreiben.“
Er nahm die Mannschaftslisten und fragte nach meinem Namen.
Unter meinem guten Seemannsnamen auf einem Totenschiff? Niemals. So tief bin ich noch nicht gesunken. Ich kriege ja nie wieder in meinem Leben einen ehrenhaften Eimer. Lieber das Entlassungszeugnis aus einem anständigen Gefängnis, das ist besser als das Quittungsbuch eines Totenschiffes.
So gab ich meinen guten Namen auf und sagte mich von meinen Familienbanden los. Ich hatte keinen Namen mehr.
„Geboren in und wann?“
Der Name war weg, aber ich hatte meine Heimat noch.
„Geboren in und wann?“
„In – in –“
„In wo?“
„Alexandria.“
„In U. S.?“
„Nein in Ägypten.“
Nun war auch die Heimat weg; denn von nun hatte ich das Quittungsbuch der Yorikke als einzigen Ausweis für den Rest meines Lebens.
„Nationalität? Britisch?“
„No. Ohne Nationalität.“
Ich sollte meinen Namen und meine Nationalität in den Listen der Yorikke für ewige Zeiten registriert wissen? Ein gutgewaschener Amerikaner, zivilisiert, ausgerüstet mit dem Evangelium der Zahnbürste und der Wissenschaft des täglichen Füßewaschens, sollte je eine Yorikke gefahren, je eine Yorikke bedient, gescheuert, angestrichen haben? Meine Heimat, nein, nicht meine Heimat, aber die Vertreter meiner Heimat hatten mich zwar ausgestoßen und verleugnet. Aber kann ich die Erde verleugnen, deren Hauch ich mit meinem ersten Atemzuge trank? Nicht der Vertreter wegen und nicht seiner Flagge wegen, aber der Liebe zur Heimat wegen, ihr zuliebe, ihr zu Ehren, habe ich sie abzuschwören. Auf der Yorikke fährt kein ehrlicher amerikanischer Junge, selbst wenn er dem Henker entlaufen sein sollte.
„No, Sir, keine Nationalität.“
Nach Seemannskarte, Heuerbuch, Paß oder sonst etwas Ähnlichem fragte er nicht. Er wußte, daß Leute, die zur Yorikke kommen, nicht nach solchen Dingen gefragt werden dürfen. Sie könnten ja sagen: „Ich habe keine Papiere.“ Was dann? Dann dürfte er sie nicht zeichnen lassen, und Yorikke würde keine Mannschaft haben. Beim nächsten Konsul mußte die Liste ja amtlich bestätigt werden. Aber dann war nichts mehr zu ändern, der Mann war bereits angemustert, hatte bereits gefahren, da war es nicht mehr möglich, ihm die konsulare Bestätigung zu verweigern. Der Konsul kennt amtlich keine Totenschiffe und nichtamtlich glaubt er nicht daran. Konsul zu sein, erfordert Talente. Die Konsuln glauben auch nicht an das Geborensein von Menschen, wenn der Geburtsschein das Geborensein nicht schwarz auf weiß beurkundet.
Was blieb von mir noch übrig, nachdem Name und Heimat verspielt waren? Die Arbeitskraft. Das allein war es, das zählte. Das allein wurde bezahlt. Nicht zum vollen Werte. Aber etwas, damit nicht die Erschlaffung den Spaß verdirbt.
„Die Heuer für die Kohlenzieher ist siebzig Peseta“, sagte der Skipper so wie nebenbei, während er in die Liste schreibt.
„Wa–a–a–s?“ schreie ich. „Siebzig Peseta?“
„Ja, haben Sie das nicht gewußt?“ fragt er mit einer müden Geste.
„Ich habe angemustert für englische Heuer“, verteidige ich nun meinen Lohn.
„Mr. Dils?“ fragt der Skipper. „Was ist das, Mr. Dils?“
„Habe ich Ihnen englische Heuer versprochen?“ sagt der Roßtäuscher grinsend zu mir.
Ich könnte diesem Hund gleich so eine in die Fresse hauen, aber hier will ich doch nicht in Eisen liegen. Nicht auf der Yorikke, wo mich die Ratten lebendig anfressen würden, wenn man sich nicht wehren kann. „Jawohl, Sie haben mir englische Heuer versprochen“, schrie ich nun in Wut auf den Gauner ein. Es ist ja das Letzte, was ich zu verteidigen habe, meinen Arbeitslohn. Den Hundelohn. Je schwerer die Arbeit, desto geringer der Lohn. Der Kohlenzieher hat die schwerste und teuflischste Arbeit auf dem Eimer und meist den schäbigsten Lohn. Englische Heuer ist ja auch nicht berühmt, aber wo in der Welt bekommt denn der Arbeiter seinen vollen Lohn? Wer den Arbeiter seinen Lohn nicht zahlt, ist ein Bluthund. Aber man braucht den Lohn mit dem Arbeiter, der die Arbeit so bitter benötigt, nur vorher ausmachen, dann ist es sein Lohn. Sein Lohn, und man ist kein Bluthund mehr. Gäbe es keine Gesetze, dann würde es auch keine Milliardäre geben. Worte kann man kneten, darum werden Gesetze in Worten niedergeschrieben. Dem Hungernden ist das Kneten bei Todesstrafe verboten; bei etwa mildernden Umständen ist Freiheitsstrafe vorgesehen, um Gnade üben zu können und die Menschlichkeit der Gesetze zu beweisen.
„Jawohl, das haben Sie, Sie haben mir englische Heuer zugesagt“, schreie ich noch einmal.
„Schreien Sie nicht so“, sagt der Kapitän und sieht von der Liste auf. „Wie ist das nun, Dils? Ich bin das endlich leid. Wenn Sie Leute annehmen, will ich doch, daß alles in Ordnung ist.“
Der Skipper spielt fein. Yorikke darf stolz sein auf ihren Meister.
„Von englischer Heuer habe ich gar nicht gesprochen“, sagt der Roßtäuscher.
„Doch haben Sie das. Das kann ich beschwören.“ Das winzige Eckchen Recht, das mir noch geblieben ist, will ich verteidigen bis zum Äußersten.
„Beschwören? Begehen Sie nur ja keinen Meineid, Mann. Ich weiß genau, was ich alles zu Ihnen gesagt habe, und ich weiß ganz genau, was Sie geantwortet haben. Ich habe hier genug Zeugen an Bord, die bei mir standen, als ich Sie anmusterte. Ich habe gesagt ‚englisches Geld‘, aber von englischer Heuer habe ich kein Wort gesagt.“
Der Hund hat recht. Er hat in der Tat englisches Geld gesagt und das Wort Heuer gar nicht erwähnt. Ich hatte natürlich darunter englische Heuer verstanden.
„Dann ist das ja wohl nun auch in Ordnung“, sagte der Skipper ruhig. „Sie bekommen natürlich ihre Heuer in englischen Pfunden und Schillings ausgezahlt. Für Überstunden werden fünf Pence bezahlt. Und wo wollen Sie abmustern?“
„Im nächsten Hafen, den wir anlaufen.“
„Das können Sie nicht“, sagt der Roßtäuscher grienend.
„Jawohl, das kann ich.“
„Können Sie nicht“, wiederholte er. „Sie haben gemustert für Liverpool.“
„Das meine ich ja auch“, sage ich. „Liverpool ist ja der nächste Hafen, den wir anlaufen.“
„Nein,“ antwortet der Skipper, „wir haben deklariert Griechenland, aber ich habe meine Absichten geändert und mache Nordafrika.“
Deklariert und während der Fahrt Kurswechsel. Ei, lieber Freund, du bist deutlich. Marokko und Syrien bezahlen gute Preise für – –. Und wenn du das Geld noch schnell glücklich drin hast, dann wird angemustert auf große lange Fahrt. He? Einen Salzwasserfisch, der in so vielen Meeren geschwommen ist, dem kannst du nichts verstecken. Das wäre nicht der erste Blender, den ich fahre.
„Sie haben mir gesagt Liverpool, und Sie haben ausdrücklich erwähnt, daß ich in Liverpool abmustern darf“, rufe ich erregt dem Taschendieb zu.
„Kein Wort wahr, Skipper“, sagt der gerissene Bursche. „Ich habe gesagt, wir haben Stückgut für Liverpool, und er könne dort abmustern, wenn wir Liverpool machen.“
„Das ist ja dann alles in Ordnung“, bestätigt nun der Kapitän. „Wir haben acht Kisten Ölsardinen für Liverpool, Stückgut, weit unter Frachtsatz. Lieferungsgrenze achtzehn Monate. Ich werde doch nicht dieser acht Kisten wegen, die als Nebengut gehen, Liverpool machen. Die sind Gelegenheitsgut, die keine Fracht kosten sollen. Wenn ich mehr aufnehme, daß es sich lohnt, gehe ich natürlich schon innerhalb der nächsten sechs Monate rauf.“
„Das konnten Sie doch aber gleich sagen, daß es nicht Stückgut sei, sondern Schnappgut, das Sie für Liverpool haben.“
„Das haben Sie ja nicht gefragt“, widerspricht der Roßtäuscher.
Eine feine Gesellschaft. Schmuggeln, Deklarierungen fälschen, Häfen täuschen, Kurse schwindeln und Totenschiffe fahren. Denen gegenüber ist ein zünftiger Seeräuber ein Edelmann. Einen Seeräuber fahren, ist keine Schande, da würde ich weder Namen noch Nationalität abschwören. Seeräuber fahren, ist Ehrensache. Diesen Eimer fahren, ist eine Schmach, an der ich lange zu würgen haben werde, bis sie geschluckt und verdaut sein wird.
„Wollen Sie hier Ihren Namen untersetzen.“
Der Skipper reicht mir einen Federhalter.
„Darunter? Nie! nie!“ Ich rufe es in Empörung.
„Wie Sie wollen. Mr. Dils, bitte, schreiben Sie hier als Zeuge hin.“
Dieser Taschendieb, dieser Roßtäuscher, dieser Gauner, dieser Betrüger, dieser Shanghaier, dieser Mann, für den der Strick, mit dem zwei Dutzend Raubmörder gehenkt worden sind, zu anständig und zu ehrenhaft wäre, soll da für mich unterschreiben. Dieses Aas soll nicht einmal unter meinem ausgedachten Namen seine aussätzige Hand hinlegen dürfen.
„Geben Sie her, Skipper, ich unterschreibe selbst, es ist ja nun doch alles schon Schiet mit Rotz.“
„Helmont Rigbay, Alexandria (Ägypten).“
Da steht es. Fest und sicher. Nun, Yorikke, hoiho! Geh’ zur Hölle meinetwegen. Jetzt ist alles, alles egal. Ausgelöscht aus den Lebenden. Verweht. Kein Hauch von mir ist mehr in der Welt.
Holla–he! Holla–he! Hoiho! Ich liege nicht an einem Riff, Ich fahre auf dem Totenschiff So fern vom sonn’gen New Orleans, So fern vom lieben Louisiana.
Holla–he! Morituri salutant! Die modernen Gladiatoren grüßen dich, o Cäsar Augustus Capitalismus. Morituri salutant! Die Totgeweihten grüßen dich, o Cäsar Augustus Imperator, wir sind bereit zu sterben für dich, für die heilige und glorreiche Versicherung.
O Zeiten, o Sitten! Die Gladiatoren zogen in glänzenden Rüstungen in die Arena. Fanfaren schmetterten und Zimbeln klangen. Schöne Frauen winkten ihnen zu von den Brüstungen und ließen ihre goldgestickten Tüchelchen fallen; die Gladiatoren hoben sie auf, preßten sie an ihre Lippen, atmeten den berückenden Hauch, und ein süßes Lächeln dankte ihnen und grüßte sie. Unter dem begeisterten Beifallsgeschrei einer erregten Menge, unter den Klängen rauschender Kriegsmusik, hauchten sie ihren letzten Atem aus.
Wir aber, die Gladiatoren von heute, wir verkommen im Dreck. Wir sind zu müde, um uns zu waschen. Wozu auch waschen? Wir verhungern, weil wir vor der Schüssel einschlafen. Wir verhungern, weil die Kompanie sparen muß, um die Konkurrenz auszuhalten. Wir sterben in Lumpen, schweigend, auf einem gesuchten Riff, tief im Kesselraum. Wir sehen das Wasser kommen, und wir können nicht mehr rauf. Wir hoffen, daß der Kessel explodiert, um es kurz zu machen, weil die Hände eingeklemmt sind, die Feuertüren aufgerissen sind und die glühende Kohle an unsern Füßen und Schenkeln langsam frißt. Der Kesselbums? Der ist dran gewöhnt. Dem macht das Verbrennen und Verbrühen nichts aus.
Wir sterben ohne Fanfarenmusik, ohne das Lächeln schöner Frauen, ohne das Beifallsrauschen einer erregten, festlich gestimmten Menge. Wir sterben schweigend und in Lumpen, für dich, o Cäsar Augustus! Heil dir, Imperator, wir haben keinen Namen, wir haben keine Nationalität. Wir sind niemand, wir sind nichts.
Heil dir, Cäsar Augustus Imperator, du hast keinen Witwen und Waisen Pension zu zahlen. Wir, o Cäsar, sind die getreuesten deiner Diener. Die Totgeweihten grüßen dich!
27
Es war halb sechs, als ein Neger das Abendbrot in das Quartier brachte. Das Abendbrot war in zwei verbeulten und fettigen Blechkumpen. Eine dünne Erbsensuppe, Pellkartoffeln und heißes braunes Wasser in einer zerhämmerten Emaillekanne. Das braune Wasser hieß: Der Tee.
„Wo ist denn das Fleisch?“ fragte ich den Neger.
„Nichts von Fleisch heute“, sagte er.
Ich sah ihn an und bemerkte, daß er kein Nigger war, sondern ein Weißer. Er war der Kohlenzieher einer andern Wache.
„Abendessen holen ist deine Sache“, wandte sich der Mann mir zu.
„Ich bin hier nicht als Meßboy, als Moses, damit du das nur gleich weißt“, sagte ich darauf.
„Hier gibt es keine Meßboy.“
„Na?“
„Das müssen hier die Kohlenzieher machen.“
Die Hiebe setzen schon. Das kann ja nett werden. Ich sehe schon, warum und wozu. Das Schicksal will seinen Lauf haben.
„Abendessen holt der Kohlenzieher der Rattenwache.“
Der zweite Hieb. Jetzt zähle ich nicht mehr die Hiebe. Laß sie kommen und fallen. Mach das Fell dick.
Also Rattenwache. Das war ja vorauszusehen. Wache von zwölf bis vier, die niederträchtigste Wache, die erfunden wurde, um Seeleute zu martern. Um vier kommt man von Wache. Man wäscht sich. Dann holt man Abendessen für die ganze Bande. Dann wäscht man das Geschirr für die ganze Bande, weil ja kein Meßboy da ist und die Kohlenzieher alles mitzumachen haben. Dann legt man sich in die Bunk. Da es bis zum nächsten Morgen um acht nichts mehr zu essen gibt, man aber in der Nacht auf Wache zu gehen hat und nicht nur zu gehen, sondern zu arbeiten und wie, so muß man tüchtig Abendbrot reinhauen, weil man sonst in der Nacht klappt. Mit dem vollen Magen kann man aber nicht schlafen. Bis um zehn manchmal sitzen auch noch die Freiwachen auf und spielen Karten oder erzählen sich etwas. Da sie keinen andern Raum haben, wo sie hingehen können, so sitzen sie hier. Man kann ihnen das Geplauder doch nicht verbieten, sie verlernen ja sonst die Sprache, und sie reden doch schon leise, um den schlafenden Mitarbeiter nicht zu stören. Aber das leise Reden stört noch mehr als das laute. Um elf fängt man an, einzuschlafen. Zwanzig vor zwölf kommt die Wecke. Raus und runter. Um vier kommt man von Wache. Wäscht sich. Vielleicht. Man fällt in die Bunk. Um halb sechs geht der Tageslärm auf dem Boot schon los. Um acht wird man aus dem Schlaf gerissen: „Frühstück ist da!“ Den ganzen Vormittag wird auf dem Boot gehämmert, genagelt, gesägt, kommandiert. Um zwanzig vor zwölf kommt keine Wecke, weil ja nicht angenommen wird, daß jemand um diese Zeit schlafen könne. Man ist schon auf und fällt in seine Wache. Und so fort, um vier – ja und immer so weiter.
„Wer wäscht denn das Geschirr, wenn kein Meßboy da ist?“
„Die Kohlenzieher.“
„Wer scheuert denn die Aborte?“
„Der Kohlenzieher.“
Das ist ja eine durchaus ehrenwerte Beschäftigung, wenn man sonst nichts weiter zu tun hat. In diesem Falle ist es Schweinerei. Und wer die Aborte gesehen hätte, der würde gesagt haben: „Das ist die größte Schweinerei, die ich je in meinem Leben oder in einem Schützengraben gesehen habe.“ Aber ich habe erfahren gelernt, daß die Schweine saubere Tiere sind, die dem Pferde an Sauberkeit nichts nachgeben. Wenn ich den Bauer oder den Schweinezüchter in einen finstern Stall stecke, der zwei Schritte lang und zwei Schritte breit ist, ihn überfüttere, nie hinauslasse, nur ab und zu ein paar Hälmchen Stroh hinwerfe und die alten vermanschten nicht oder nur selten herausnehme, weil er sich ja in dem Mist so wohl fühlt, dann möchte ich einmal sehen, wie der Bauer in diesem Stall nach zwei Wochen aussieht, und wer das größere Dreckschwein ist, der Bauer oder sein Dickerchen. Unbesorgt, alles wird an den Menschen heimgezahlt werden, alles, was er Pferden, Hunden, Schweinen, Fröschen und Vögeln angetan hat. Dafür wird er einmal mehr büßen müssen, als was er seinen eignen Mitmenschen tat. Man kann keinen Abort scheuern, wenn man zu müde ist, um den Löffel mit Reis in den Mund zu bringen, no, Sir.
Sonniges Spanien, das ist die Strafe, weil ich dich, du freundliche Wirtin, verließ!
Auf einem guten Schifflein ist ein Nauke; ein Tagarbeiter, der so als Knochenbeilage mitgenommen wird, sich nie überarbeitet, immer überall da sein soll, um zuzufassen, seinen Deckarbeiterlohn bekommt und im großen und ganzen ein ganz angenehmes Leben führt. Nauke ist der Mann für alles. Und alles, was verkehrt geht, wird stets auf Nauke zurückgeführt. Er ist an allem schuld. Wenn in den Bunkern Feuer ausbricht, Nauke ist schuld, obgleich er nie in die Bunker darf, aber er hat die Luken nicht regelmäßig gehoben. Wenn dem Koch das Essen anbrennt, Nauke kriegt den Krach, obgleich er nie in die Küche darf, aber er hat an den Wasserkränen geschraubt, als er sie putzte. Wenn das Schiff untergeht, Nauke ist schuld, weil er, weil er – nun ja, weil er Nauke ist.
Auf der Yorikke waren die Kohlenzieher die Nauken, und der Nauke der Nauken war – richtig geraten: der Kohlenzieher der Rattenwache. Wenn irgend etwas Dreckiges, Unangenehmes, Lebensgefährliches zu tun war, sagte es der Erste Ingenieur dem Zweiten, daß er es tun solle. Der sagte es dem Donkeyman, der dem Putzer und Öler, der dem Heizer und der Heizer sagte: „Das ist keine Heizerarbeit, das ist Kohlenziehers Sache.“ Und der Kohlenzieher der Rattenwache tat es, weil er es tun mußte.
Kam der Kohlenzieher dann heraus mit blutenden und aufgeschlagenen und zerschrammten Knochen und mit zwanzig Brandwunden bedeckt, und hatte er an den Beinen hervorgezogen werden müssen, weil er sonst verbrüht worden wäre, dann ging der Heizer zum Öler und sagte: „Ich habe es getan.“ Der Öler zum Donkeyman: „Ich.“ Der Donkeyman zum Zweiten Ingenieur: „Ich.“ Und der Zweite zum Ersten, und der Erste Ingenieur ging zum Alten und sagte: „Ich möchte das im Journal rapportiert haben: ‚Der Erste Ingenieur hat, während die Kessel über vollen Feuern lagen, um die Fahrt nicht nachzubüßen, unter Lebensgefahr einen Rohrbruch ersten Grades ausgeheilt. Schiff konnte ungeschwächte Fahrt beibehalten‘.“ Die Kompanie liest das Journal, und der Direktor sagt: „Wir müssen dem Ersten Ingenieur der Yorikke ein größeres Schiff geben, der Mann ist Besseres wert.“ Der Kohlenzieher hat die Narben, die er nie wieder los wird, und ist gekrüppelt. Aber warum mußte es denn der Kohlenzieher tun? Er konnte doch auch sagen wie die andern: „Das tu ich nicht, da komme ich nicht mehr lebendig heraus.“ Aber das konnte er eben nicht sagen. Er mußte, mußte es tun. „Ja, Mann, wollen Sie denn das ganze Schiff untergehen lassen und alle Ihre Kameraden dabei ertrinken lassen? Können Sie das vor Ihrem Gewissen verantworten?“ Die Deckarbeiter konnten es ja nicht tun, die verstanden ja nichts von Kesseln. Der Kohlenzieher verstand auch nichts von Kesseln, er verstand nur Kohle zu schleppen. Der Ingenieur verstand etwas von den Kesseln, er wurde dafür ja als Erster Ingenieur bezahlt, weil er etwas von Kesseln verstand und bei seinen Prüfungen solche Dinge machen mußte. Aber der Kohlenzieher arbeitete vor den Kesseln und neben den Kesseln und hinter den Kesseln, und er war der Kohlenzieher, und er war der Mann, der die Verantwortung für den Tod so vieler Menschen nicht tragen wollte, auch wenn sein Leben dabei in die Kehrichttonne ging. Das Leben eines dreckigen Kohlenziehers ist kein Leben, niemand zählt es. Es ist weg und Schluß, reden wir nicht mehr davon. Eine Fliege kann man ja schließlich aus der Milch fischen und ihr das kleine Leben schenken, aber ein Kohlenzieher ist nicht einer Fliege gleich. Der Kohlenzieher ist Dreck, Staub, Scheuerlappen; er ist eben gerade gut genug, die Kohle zu ziehen.
„Kohlenzieher, he!“ ruft der Erste Ingenieur, „wollen Sie einen Rum trinken?“
„Ja, Chef.“
Aber das Schnapsglas fällt ihm aus der Hand, der Rum ist weg. Die Hand ist verbrüht, yes, Sir.
Das Abendessen stand auf dem Tisch. Hungrig war ich inzwischen auch geworden, und ich dachte, daß ich ganz gut etwas essen könnte. Das war meine Absicht. Aber die Absicht haben und die Absicht ausführen, sind zwei Dinge. Ich sah mich nach einem Teller und nach einem Löffel um.
„Laß den Teller stehen, das ist meiner.“
„Ja, wo kriege ich denn da einen Teller her?“
„Wenn du dir keinen mitgebracht hast, dann wirst du wohl ohne Teller hier leben müssen.“
„Wird denn hier kein Geschirr geliefert?“
„Nur was du selber hast, das kannst du dir liefern.“
„Wie soll ich denn da essen, ohne Teller, ohne Gabel und Löffel?“
„Deine Sache.“
„Höre, du Neuer,“ rief einer aus seiner Bunk heraus, „du kannst meinen Teller, meine Tasse und mein Geschirr haben. Hast es aber immer zu putzen dafür.“
Da war einer, der hatte nur einen zerbrochenen Teller, aber keine Tasse; ein andrer eine Gabel, aber keinen Löffel. Wenn nun das Essen ins Quartier kam, entstand zuerst immer ein Streit darüber, wer zuerst den Löffel oder die Tasse oder den Teller gebrauchen dürfe; denn wer zuerst in den Besitz des Tellers oder des Löffels gelangte, fischte sich natürlich das Beste heraus. Niemand kann es ihm übelnehmen.
Das, was Tee genannt wurde, war heißes braunes Wasser. Oft war es nicht heiß, sondern lauwarm. Das, was Kaffee genannt wurde, gab es zum Frühstück und um drei Uhr. Diesen Drei-Uhr-Kaffee habe ich nie gesehen. Grund: Rattenwache. Von zwölf bis vier war ich auf Wache. Um drei gab es den Kaffee. Um vier, wenn ich abgelöst wurde, war auch nicht ein Tropfen mehr von diesem Kaffee vorhanden. Manchmal war noch heißes Wasser in der Galley, aber wenn man keine eignen Kaffeebohnen hatte, so konnte man sich keinen Kaffee bereiten.
Je weiter Kaffee oder Tee von wahrem Kaffee oder Tee entfernt sind, desto mehr hat man das Bedürfnis, ihn mit Zucker und Milch zu verschönern, um die Phantasie anzuregen. Alle drei Wochen erhielt jeder Mann eine kleine Büchse kondensierte und gezuckerte Milch und jede Woche ein halbes Kilo Zucker; denn Kaffee und Tee wurden von der Galley schlicht geliefert, also ohne Milch und Zucker.