Part 11
Elektrisches Licht hatte die Yorikke nicht; sie wußte offenbar in ihrer Unschuld auch gar nicht einmal, daß es so etwas gäbe. Das Quartier war erleuchtet von einer Petroleumlampe. Man muß diesen Leuchtapparat schon so nennen. Es war ein verbeulter Blechbehälter mit einer Kranzverschraubung, die aus Eisenblech war, die man aber durch betrügerische Mittel so behandelt hatte, daß man glauben sollte, sie sei aus reinem Messing. Vielleicht hat es eine Zeit gegeben, wo dieser Betrug aufrechterhalten werden konnte. Aber weil jedes Kind weiß, daß Messing nicht rostet und von jenem Messingkranz nur noch Rost übriggeblieben war, der durch eine lange Gewohnheit in der Form eines Zylinderkranzes zusammenhielt, so war der Betrug herausgekommen, freilich zu einer Zeit, als die Lampe nicht mehr umgetauscht werden konnte, weil die Garantie abgelaufen war. Die Lampe hatte auch einmal einen Zylinder gehabt. Der winzige Rest dieses Zylinders konnte allein nur dadurch als Überbleibsel eines brauchbaren Lampenzylinders zweifelsfrei festgestellt werden, weil zuweilen die Frage durch das Quartier schwirrte: „Wer ist denn heute dran, den Zylinder zu putzen?“ Es war nie jemand dran, und es ging auch nie jemand dran. Diese Frage wurde auch nur aus alter Gewohnheit gestellt, um uns in dem Glauben zu lassen, wir besäßen einen Lampenzylinder. Ich habe nie jemand gesehen, der so viel Mut besessen hätte, „dran“ zu gehen. Er wäre nicht mehr davongekommen. Eine leise direkte Berührung des Zylinders hätte ihn in Staub zerfallen lassen, der Missetäter wäre dafür verantwortlich gewesen, man hätte ihm den Zylinder von der Heuer abgezogen, und auf diesem Wege hätte die Kompanie einen neuen Zylinder bekommen. Das Schiff noch lange nicht. Irgendwo hätte sich schon ein Glasscherben gefunden, der durch die Frage: „Wer ist denn heute dran?“ die Form eines Zylinders bekommen hätte. Die Lampe selbst war eine der Lampen, die jene sieben Jungfrauen getragen hatten, als sie auf der Hut waren. Unter solchen Umständen durfte man nicht gut erwarten, daß sie ein Seemannsquartier auch nur notdürftig erleuchten konnte. Der Docht war auch noch derselbe, den eine Jungfrau aus ihrem wollenen Unterrock geschnitten hatte. Das Öl, das wir für die Lampe faßten, und das aus betrügerischen Gründen Petroleum, manchmal sogar Diamantöl genannt wurde, war schon ranzig, als die Jungfrauen Öl auf ihre Lampen gossen. In der Zwischenzeit war es nicht besser geworden. Bei dem traulichen, zu traulichen Schein dieser Lampe, die laut Vorschrift die ganze Nacht hindurch im Quartier zu brennen hatte und die erstickend schlechte Luft noch mehr verdickte, weil sie nie brannte, sondern stets nur schmökte, sich an- und auszukleiden, entweder müde zum Zusammenbrechen oder völlig schlaftrunken durch ein handfestes Aufgerissenwerden, hätte in diesem engen Raum zu größeren Katastrophen geführt als ich zu erzählen für gut befunden habe, wenn nicht in den meisten Fällen abschwächende Umstände vorhanden gewesen wären. Es werden ja selten Dinge auf die äußerste Spitze getrieben. Um die Wahrheit zu gestehen, in den meisten Fällen wurde weder ausgekleidet, noch angekleidet. Nicht etwa, daß wir nichts zum An- und Auskleiden gehabt hätten. Das war es nicht. Etwas war schon immer noch vorhanden, daß wir wenigstens den guten Willen zeigen konnten. Aber was dann, wenn man weder eine Matratze, noch eine Decke, noch sonst etwa etwas Ähnliches hat?
Als ich ankam, hatte ich in der Erinnerung an normale Boote gefragt:
„Wo ist denn die Matratze für meine Bunk?“
„Wird hier nicht geliefert.“
„Kissen?“
„Wird hier nicht geliefert.“
„Decke?“
„Wird hier nicht geliefert.“
Mich wunderte nur, daß die Kompanie überhaupt das Schiff lieferte, das wir zu fahren hatten; und ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn man mir gesagt hätte, das Schiff muß jeder selber mitbringen. Ich war an Bord gekommen mit einem Hut, einer Jacke, einer Hose, einem Hemd und einem Paar – als sie noch neu waren, hatten sie Stiefel geheißen. Heute konnte man sie nicht gut so nennen, man würde es mir nicht geglaubt haben. Da waren aber andre an Bord, die nicht so reich waren. Einer hatte überhaupt keine Jacke, ein andrer überhaupt kein Hemd und ein Dritter hatte keine Schuhe, sondern eine Art Mokassins, die er sich aus alten Säcken, Kistendeckeln und Tauwerk gemacht hatte. Später erfuhr ich, daß die, die am wenigsten hatten, beim Skipper am höchsten angesehen wurden. Sonst ist es gewöhnlich andersherum. Aber hier, je weniger jemand hatte, desto weniger unternahm er das Wagnis, auszusteigen und die gute Yorikke ihrem Schicksal zu überlassen.
Meine Bunk war an der Korridorwand befestigt. Die gegenüberliegenden Bunks waren an einer Holzwand befestigt, die das Quartier in zwei Kammern teilte. An der andern Seite dieser Holzwand waren gleichfalls zwei Bunks und diesen beiden Bunks gegenüber an der äußeren Bordwand waren abermals zwei Bunks. Dadurch war es möglich gemacht worden, daß dieses Quartier, das für vier ausgewachsene Menschen schon reichlich knapp war, nun acht Leuten zum ständigen Wohnaufenthalt zu dienen hatte. Jene Holzwand, die das Quartier in zwei Kammern teilte, war aber nicht durch das ganze Quartier gezogen, weil sonst die Leute, die in der äußeren, der Bordwandkammer lagen, zur Seitenluke hätten herauskriechen müssen, die aber auch nicht groß genug war, daß sich jemand hätte hindurchzwängen können. Diese Wand war also nur in zwei Drittel Länge mitten durch den Raum gezogen, und da, wo diese Wand aufhörte, begann der Meßraum, der Speisesalon. Laut Vorschrift muß der Meßraum von den Schlafkammern getrennt sein. Das war hier vollkommen geglückt. Alle drei Räume waren derselbe Raum, durch die Wand aber war dieser Raum in drei Räume geteilt, wo eben nur die Türen immer offen waren. So hatte man sich das zu denken, denn die Kammern hatten keine besondere Tür, das Quartier hatte eine gemeinschaftliche Tür, die in den Korridor führte. In jenem Meßraum stand der rohe Eßtisch, und an jeder Längsseite des Tisches war eine rohe Bank. In einer Ecke, neben dem Eßtisch, stand ein alter verbeulter Blecheimer, der immer leckte. Er war Wascheimer, Badewanne, Scheuereimer alles in einer Gestalt. Außerdem diente er noch andern Zwecken, darunter auch solchen, um schwerbesoffene Seeleute um einige Kilo zu erleichtern, in den Fällen, wo der Eimer rechtzeitig erreicht wurde. Wurde er zu spät erreicht, wachte gewöhnlich ein Unbeteiligter in seiner Bunk auf, weil er von einem Wolkenbruch heimgesucht worden war, der alles mögliche in die Bunk gebracht hatte, das auf und unter der Erde erzeugt wird, mit der einzigen Ausnahme: Wasser. Wasser war nicht dabei, bei diesem Wolkenbruch, no, Sir.
Da waren vier Kleiderspinde in diesem Quartier. Wäre es nicht der verrotteten Lumpen und alten Säcke wegen gewesen, die darin hingen, so hätte man die Spinde leer nennen können. Acht Mann lagen in diesem Quartier, aber es waren nur vier Spinde drin. Vier Spinde zuviel, denn wenn man nichts zum Reinhängen hat, braucht man auch kein Spind. Das war ja auch der Grund, weshalb nur vier vorhanden waren. Es war von vornherein ausgemacht, daß fünfzig Prozent der Mannschaft, die auf der Yorikke fahren, nichts haben, das sich lohnen möchte, in einem Spinde aufbewahrt zu werden. Türen hatten die vier Spinde nicht mehr, woraus zu schließen war, daß hundert Prozent der Mannschaft keine Spinde benötigten.
Die Bullaugen waren auffallend klein und trübe. Die Frage, wer sie zu putzen hatte, tauchte zuweilen auf, aber niemand beantwortete sie mit „ich“, und wenn sie einer mit „Sie“ oder mit „du“ beantwortete, so wurde das unter Wutausbrüchen bestritten, bis man sich auf „er“ einigte. Wer immer auch dieser Er sein mochte: wenn er genannt wurde, war er auf Wache, konnte also an der Abstimmung dieser Frage nicht teilnehmen und hätte jetzt übrigens auch gar keine Zeit gehabt, sich um ungeputzte Bullaugen zu kümmern. Das Putzen des einen kam ja sowieso nicht in Frage, weil das Glas ausgebrochen und die leere Stelle mit Zeitungspapier verklebt worden war.
Das war der Grund, weshalb selbst bei hellem Sonnenschein das Quartier in mysteriöse Dämmerung gehüllt war. Die beiden Bullaugen, die zum Deck hinausführten, durften bei Nacht nicht geöffnet werden, weil das Lampenlicht des Quartiers die Wache auf der Brücke störte. Deshalb stand in dem Quartier die Luft still wie festgerammt, weil kein Durchzug war.
Jeden Tag wurde das Quartier gefegt von einem, der im Dreck stecken blieb und seine Füße nicht mehr herausziehen konnte oder eine Nähnadel oder einen Knopf verloren hatte. Einmal in der Woche wurde das Quartier mit Salzwasser überflutet, was wir scheuern und schrubben nannten. Es gab weder Seife, noch Soda, noch Bürsten. Wer sollte sie liefern? Die Kompanie nicht. Und die Mannschaft hatte nicht einmal Seife, um sich ein Hemd zu waschen. Man war schon selig, wenn man eine Krume Seife in der Tasche trug, um sich das Gesicht zuweilen waschen zu können. Liegen lassen durfte man die Krume nicht. Wenn sie wie ein Stecknadelknopf groß gewesen wäre, irgend jemand hätte sie gefunden, behalten und nie zurückgegeben.
Der Dreck war so dick und so hübsch festgetrocknet, daß man eine Axt gebraucht hätte, ihn loszukriegen. Hätte ich je die Kraft gefunden, das zu tun, ich würde mich darüber hergemacht haben. Nicht aus übertriebenen Reinlichkeitsgefühlen, die gingen auf der Yorikke bald verloren, sondern aus wissenschaftlichen Gründen. Ich trug in mir die feste Überzeugung, und diese Überzeugung habe ich heute noch, daß, wenn ich nicht zu müde gewesen wäre und den Dreck schichtweise abgemeißelt hätte, dann hätte ich in den tieferen Schichten Geldmünzen der Phönizier gefunden. Was für Schätze ich gefunden hätte, wenn ich noch einige Schichten tiefer gedrungen wäre, wage ich gar nicht auszudenken. Vielleicht lagen da die abgeschnittenen Fingernägel des Urgroßvaters des Neandertalmenschen, die solange schon und so vergebens gesucht werden, und die so ungemein wichtig sind, um festzustellen, ob der Höhlenmensch schon etwas von Mr. Henry Ford aus Detroit gehört hätte, oder ob er imstande gewesen wäre, auszurechnen, wieviel Dollar Mr. Rockefeller jede Sekunde verdient, wenn er seine blaue Brille putzt, denn die Universitäten können nur dann auf einen Privatzuschuß rechnen, wenn sie einen Teil der Reklame zu übernehmen gewillt sind. Wenn man das Quartier verlassen wollte, so hatte man einen dunklen lächerlich schmalen Korridor zu durchwandern. An der gegenüberliegenden Seite unsers Quartiers lag ein ähnliches Quartier, nicht genau so, nur ähnlich, weil es noch verdreckter, noch muffiger und noch dunkler war als unsres. Das eine Ende des Korridors führte auf das Deck, das andre zu einer Fallgrube. Ehe man diese Fallgrube erreichte, waren zu beiden Seiten noch je eine winzig kleine Kammer, die für den Zimmermann, den Bootsmann, den Donkeyman und noch einen -mann bestimmt waren, die alle im Unteroffiziersrange standen, und die deshalb ihre eignen Quartiere hatten, damit sie nicht dieselbe Luft wie die gewöhnliche Mannschaft zu atmen verpflichtet waren, was der Autorität hätte schaden können.
Die Fallgrube führte zu zwei Kammern, die eine war die Ketten- und Rüstkammer, während die andre die Schreckenskammer genannt wurde. Es war niemand auf der Yorikke, der behaupten konnte, er sei je in der Schreckenskammer gewesen oder habe je einen Blick hineingeworfen. Sie war immer fest verschlossen. Als einmal aus irgendeinem Grunde, ich weiß nicht mehr zu sagen, welches dieser unerhörte Grund war, nach dem Schlüssel für die Schreckenskammer gefragt wurde, stellte es sich heraus, daß niemand wußte, wo der Schlüssel sei, und daß die Offiziere behaupteten, der Skipper habe den Schlüssel. Der Skipper aber verschwor seine Seele und seine noch ungeborenen Kinder, daß er den Schlüssel nicht habe, und daß er strengstens verbiete, daß jemand die Kammer öffne oder gar hineingehe. Jeder Skipper hat seine Schrullen. Er hatte viele, unter andern jene, nie die Quartiere der Mannschaft zu inspizieren, was er jede Woche einmal zu tun, laut Vorschrift, verpflichtet war. Er begründete die Schrulle damit, daß er es nächste Woche ja tun könne, daß er sich gerade heute nicht den Appetit verderben wolle und auch das Besteck noch nicht gesetzt habe, was er jetzt zuerst einmal tun müsse.
25
Es waren aber doch einmal Leute in jener Schreckenskammer gewesen und hatten sich alles angesehen, was drin war. Diese Leute waren jetzt nicht mehr auf der Yorikke, sie waren sofort runtergefeuert worden, als es herauskam, daß sie es gewagt hatten, in jene Kammer einzudringen. Aber ihre Erzählung hatte sich doch auf der Yorikke erhalten. Solche Erzählungen erhalten sich immer, auch wenn die gesamte Mannschaft entlassen wird auf einen Ruck, besonders in jenen Fällen, wenn der Eimer auf einige Monate ins Trockendock muß.
Die Mannschaft mag das Schiff verlassen. Die Erzählungen verlassen ein Schiff nie. Wenn das Schiff die Erzählung gehört hat, bleibt die Erzählung auch drauf. Sie dringt in das Eisen, in das Holz, in die Bunks, in die Ladeschächte, in die Kohlenbunker, in den Kesselraum. Und dort erzählt das Schiff in den Nachtstunden seinen Kameraden, den Mannschaften, die Geschichten wieder, Wort für Wort, genauer als wenn die Geschichten gedruckt wären.
Auch diese Geschichten über die Schreckenskammer waren erhalten geblieben. In der Kammer hatten die beiden Eindringlinge mehrere menschliche Skelette gesehen. Wieviele es waren, hatten sie in ihrem grausigen Schreck nicht zählen können. Es wäre auch nur schwer möglich gewesen, weil die Skelette auseinandergefallen und durcheinandergeschüttelt worden waren. Es war aber eine ganze Anzahl. Es wurde auch bald festgestellt, wer die Skelette waren, oder richtiger, wem sie ursprünglich gehörten. Die Skelette waren die Überreste ehemaliger Mitglieder der Yorikke-Mannschaft, die von Ratten aufgefressen worden waren, die die Größe sehr großer Katzen hatten. Diese überlebensgroßen Ratten waren wiederholt gesehen worden, wenn sie aus irgendwelchen Löchern der Schreckenskammer herauswischten.
Warum diese bedauernswerten Opfer den Ratten zum Fraße vorgeworfen worden waren, stand zuerst nicht zweifelsfrei fest. Es kamen Gerüchte in Umlauf, die sich schließlich aber auf eines kristallisierten. Diese armen Männer waren geopfert worden, um die Fahrtkosten für die Yorikke niedrigzuhalten und die Dividenden der Kompanie oder des Einzelbesitzers der Yorikke hochzuhalten. Wenn nämlich in einem Hafen ein Mann abmusterte und er wagte es, die Bezahlung der Überstunden zu verlangen, wie es laut Vereinbarung getan werden soll, so wurde er kurzerhand in die Schreckenskammer gebracht.
Dem Skipper blieb ja kein andrer Ausweg. Die Bezahlung der Heuer und die Abmusterung wurden im Hafen vorgenommen. Dort konnte der Skipper den Mann, der seine Überstunden bezahlt haben wollte, nicht gut über Bord werfen; denn das hätten die Hafenbehörden sehen können und den Skipper wegen Hafenverunreinigung mit Geldstrafe belegt. Was er mit seinem Manne tat, darum hatten sich die Behörden nicht zu kümmern, nur was er mit dem Hafen und dem Hafenwasser tat. Hätte der Skipper nun den Mann einfach vom Boot gehen lassen, so wäre der Mann zur Polizei gegangen oder zum Konsul oder zu einer Seemannsgewerkschaft, und der Skipper hätte die Überstunden bezahlen müssen. Um das zu vermeiden, wurde der Mann kurz entschlossen in die Schreckenskammer eingeschlossen.
Wenn das Schiff nun auf hoher See war, so ging der Skipper runter, um den Mann wieder rauszulassen, denn nun war er ja nicht mehr gefährlich. Aber die Ratten wollten den Mann jetzt nicht mehr hergeben, sie hatten schon angefangen, an ihm zu essen, und eine Anzahl von Paaren wartete bereits mit Heiratslizenzen, weil die Gelegenheit so günstig war, ein ganz ausgezeichnetes Hochzeitsessen geben zu können. Der Skipper brauchte den Mann bitter notwendig zum Arbeiten, und er mußte sich in einen Kampf mit den Ratten einlassen. Bei diesem Kampfe aber zog der Skipper jedesmal den Kürzeren und mußte endlich, um sein eignes Leben zu retten, die Kammer verlassen, ohne den Mann mitzukriegen. Hilfe konnte der Skipper ja nicht herbeirufen, dann wäre das alles herausgekommen, und er hätte von nun an die Überstunden bezahlen müssen.
Seitdem ich auf der Yorikke gewesen bin und sie gefahren habe, glaube ich nicht mehr an die herzzerreißenden Geschichten der Sklaven und der Sklavenschiffe. So dicht, wie wir gepackt waren, sind Sklaven nie gepackt worden. So hart, wie wir arbeiten mußten, haben Sklaven nie arbeiten brauchen. So müde und so hungrig, wie wir immer waren, sind Sklaven nie gewesen. Sklaven waren Handelsware, für die bezahlt worden war, und für die man hohe Bezahlung erwartete. Diese Ware mußte sorgfältig behandelt werden. Für abgerackerte, ausgehungerte und übermüdete Sklaven bezahlte niemand auch nur die Transportkosten, geschweige denn einen Preis, daß der Händler noch tüchtig daran verdienen konnte.
Aber Seeleute sind keine Sklaven, für die bezahlt worden ist, und die als kostbare Handelsware hoch versichert sind. Seeleute sind freie Menschen. Sie sind frei, verhungert, verlumpt, übermüdet, arbeitslos und darum gezwungen zu tun, was von ihnen verlangt wird, und zu arbeiten, bis sie zusammenfallen. Dann werden sie über Bord geworfen, weil sie das Futter nicht mehr wert sind. Da gibt es zu dieser Stunde noch Schiffe zivilisierter Völker, auf denen die Seeleute gepeitscht werden dürfen, wenn sie sich weigern, die Arbeit von zwei Wachen dauernd zu übernehmen und von der dritten Wache noch die Hälfte, weil der Schiffsbesitzer so schlechte Löhne zahlt, daß die Mannschaft immer um ein Drittel zu kurz ist.
Und der Seemann hat zu essen, was ihm vorgesetzt wird, ob der Koch gestern noch Schneider war, weil ein richtiger Koch für die Heuer nicht zu haben war, oder ob der Skipper an der Mannschaftskost so viel zu ersparen trachtet, daß die Mannschaft nie satt wird.
Die Seegeschichten erzählen viel über Schiffe und über Matrosen. Wenn man diese Schiffe aber ein wenig aufmerksam betrachtet, dann sieht man, daß es Sonntag-Nachmittags-Schiffe sind, und die Matrosen in jenen Seegeschichten sind immer lustige Operettensänger, die sich die Hände maniküren und ihren Liebeskummer hätscheln.
26
Mit den schläfrigen Leuten im Quartier hatte ich alles in allem kaum zehn Worte gewechselt. Als ich meine Bunk hatte und mir gesagt war, daß es hier weder Decken noch Matratzen gäbe, war der Gesprächsstoff erschöpft.
Über mir hörte ich das übliche Rattern und Knattern der Ketten, das dröhnende Hämmern des Ankers, der gegen die Bordwand schlug, ehe er zur Ruhe kam, das Rasseln der Wintschen, das Herumlaufen, Herumtrampeln, das Kommandieren, das Fluchen, das alles notwendig ist, damit ein Schiff rausgehen kann. Dasselbe Geräusch hört man, wenn das Schiff reinkommt.
Mich ärgert dieses Geräusch immer und macht mich mißmutig. Ich fühle mich nur wohl, wenn der Eimer draußen auf hoher See schwimmt. Ganz gleich, ob er heim geht oder raus. Aber ich will draußen sein mit dem Schiff. Ein Schiff im Hafen ist kein Schiff, sondern eine Kiste, die gepackt wird, in die eingepackt oder aus der ausgepackt wird. Im Hafen ist man auch gar kein Seemann auf dem Schiff; man ist eben gerade Tagelöhner. Die dreckigste Arbeit wird im Hafen gemacht, und man arbeitet, als ob man in einer Fabrik wäre, aber nicht auf einem Schiff. Solange ich das Rasseln und Kommandieren hörte, verließ ich das Quartier nicht. Wo gearbeitet wird, da soll man nicht nahe gehen. Denn steht man erst einmal in der Nähe, dann kann leicht etwas für einen dabei abfallen: „He, langen Sie doch da rasch mal zu.“ Ich denke ja gar nicht daran. Wozu denn? Ich kriege es ja nicht bezahlt. Da hängen sie in jedes Bureau und in jeden Fabriksaal ein Plakat mit der Aufforderung: „Do more!“ oder „Tu mehr!“ Die Erklärung wird einem kostenfrei gegeben auf einem Handzettel, der einem auf den Arbeitsplatz gelegt wird: „Tu mehr! Denn wenn du heute mehr tust, als man von dir fordert, wenn du heute mehr arbeitest, als wofür du bezahlt wirst, dann wird man dir auch eines Tages das bezahlen, was du mehr tust.“
Mich hat noch nie jemand damit fangen können, darum bin ich ja auch nicht Generaldirektor der Pacific Railway and Steamship Co. Inc. geworden. Man kann es immer wieder in den Sonntagsblättern lesen und in den Zeitschriften und in den Bekenntnissen erfolgreicher Männer, daß allein durch dieses freiwillige Mehrarbeiten, das Ehrgeiz, Strebsamkeit und den Wunsch, kommandieren zu dürfen, verrät, schon manch einfacher schlichter Arbeitsmann Generaldirektor oder Milliardär geworden sei, und daß jedem, der diesen Spruch gewissenhaft befolgt, der gleiche Weg zum Generaldirektorposten offenstehe. Aber soviel Generaldirektorstellen und soviel Milliardärposten sind in ganz Amerika nicht frei. Da kann ich erst mal dreißig Jahre lang immer mehr und immer noch mehr arbeiten, ohne mehr bezahlt zu bekommen, weil ich ja doch Generaldirektor werden soll. Wenn ich dann gelegentlich einmal nachfrage: „Na, wie ist es denn nun mit dem Generaldirektorposten, ist noch nichts frei?“ so wird mir gesagt: „Bedaure sehr, momentan noch nicht, wir haben Sie aber vorgemerkt, arbeiten Sie noch eine Weile tüchtig so weiter, wir werden Sie nicht aus dem Auge verlieren.“ Früher hieß es: „Jeder meiner Soldaten trägt den Marschallstab in seinem Tornister“, heute heißt es: „Jeder unsrer Arbeiter und Angestellten kann Generaldirektor werden.“ Ich habe als Junge ja auch Zeitungen ausgeschrien und Stiefel geputzt und mir mit elf Jahren schon meinen Lebensunterhalt verdienen müssen, aber ich bin bis heute weder Generaldirektor noch Milliardär geworden. Die Zeitungen, die jene Milliardäre als Jungen ausgerufen haben, und die Stiefel, die sie geputzt haben, müssen ganz andre Zeitungen und Stiefel gewesen sein, als die, mit denen ich in Berührung gekommen bin.
Wenn man des Nachts so auf dem Ausguck steht, und es ist alles ruhig, kommen einem allerlei schnurrige Gedanken. So habe ich mir schon ausgemalt, was geschehen wäre, wenn die Soldaten Napoleons plötzlich alle ihren Marschallstab aus ihren Tornistern genommen hätten. Wer macht denn dann die Nieten warm in der Kesselschmiede? Die frischgeadelten Generaldirektoren natürlich. Wer sonst? Es ist ja niemand sonst übriggeblieben, der es machen könnte, und der Kessel soll doch fertig werden, und die Schlacht soll geschlagen werden, weil man sonst weder Generaldirektoren noch Marschälle braucht. Der Glaube füllt leere Säcke mit Gold, macht Zimmermannssöhne zu Göttern und Artillerieleutnants zu Kaisern, deren Namen Jahrtausende überstrahlt. Mach’ die Menschen gläubig, und sie prügeln ihren lieben Gott zum Himmel hinaus und setzen dich auf seinen Thron. Der Glaube versetzt Berge, aber der Unglaube zerbricht alle Sklavenketten.
Als das Gerassel endlich einschlief und ich bereits Deckarbeiter müßig herumstehen sah, verließ ich das Quartier und ging hinaus aufs Deck. Gleich hoppte der Taschendieb, der sich mir als Zweiten Ingenieur vorgestellt hatte, auf mich zu und sagte in seinem unsagbar komischen Englisch zu mir: „Der Skipper will mit Ihnen sprechen, kommen Sie mit.“
Die Redewendung „Kommen Sie mit“ bereitet in neunzehn von zwanzig Fällen nur den Satz vor: „Wir werden Sie für eine gute Weile hierbehalten.“
Auch wenn in diesem Ausnahmefalle der zweite Satz nicht gesprochen worden wäre, so war seine Folge doch schon entschieden. Yorikke lief bereits wie das leibhaftige Donnerwetter auf hoher See. Der Lotse hatte das Boot verlassen, und der Erste Offizier hatte die Wache übernommen.