Part 10
Heilige Seeschlange, waren die zerlumpt, waren die dreckig! Einer hatte keine Mütze auf, weil er weder Hut noch Mütze besaß, sondern hatte ein Stück von einem grünen Unterrock wie einen Turban um den Kopf gewickelt. Ein andrer hatte, meine Herren! nein, Sie werden es nicht glauben, aber ich will doch gleich auf einem Auslegerboot als Kesselheizer angemustert werden, wenn es nicht wahr ist, einer hatte sogar einen Zylinderhut auf. Stellen Sie sich das vor, ein Seemann mit einem Zylinderhut. Hat die Welt so etwas je erlebt? Vielleicht war er die letzte halbe Stunde vor der Ausfahrt noch Schornsteinfeger gewesen. Oder er hatte hier auf dem Eimer den Schornstein gefegt. Vielleicht war das eine besondere Anordnung auf der Yorikke, daß der Schornstein nur im Zylinderhut gefegt werden darf. Ähnliche merkwürdige Anordnungen habe ich auf Schiffen erlebt. Aber die Yorikke gehörte nicht zu jenen Schiffen, wo man merkwürdige Anordnungen einführte; die Yorikke war ein Schiff, wo man mit den Anordnungen, die tausend Jahre alt sind, genug zu tun hat, um den Eimer in Gang zu halten. Nein, dieser Zylinder war nur darum im Gebrauch, weil der Mann keine andre Kopfbedeckung hatte, und wenn er sie gehabt hätte, offenbar Geschmack genug besaß, daß er zu der Frackweste, die er auf dem Leibe trug, nicht gut eine Tellermütze aufsetzen konnte. Es schien gar nicht so unmöglich zu sein, daß er von seiner eignen Hochzeit entsprungen war in jenem verhängnisvollen Augenblick, als es anfing, ernst zu werden. Und weil er keinen andern Zufluchtsort vor den Megären fand, er in seiner letzten Not die Yorikke erwischte, wo man ihn mit offnen Armen willkommen hieß. Hier suchte ihn keine der Megären, sicher nicht einen, der in Frack und Zylinder der Braut die Hacken zeigte.
Hätte ich gewußt, daß sie wirklich Seeräuber wären, ich hätte sie angefleht, mich mitzunehmen zu Ruhm und Gold. Aber wenn man kein Unterseeboot hat, ist Seeräuberei heute nicht mehr lohnend genug.
Nein, da es keine Seeräuber sind, dann schon lieber den Henker, als hier gezwungen sein, die Yorikke zu fahren. Das Schiff, das mich von dem sonnigen Spanien fortlocken kann, das muß schon eins sein, doppelt so gut wie die Tuscaloosa. Ach, wie lang ist das her. Ob sie noch in New Orleans zu Hause ist? New Orleans, Jackson Square, Levee und ach – na, wollen wir mal wieder Blutwurst aufspießen; sobald der bunte Eimer vorüber ist, werden wir ja vielleicht noch einen Zweipfünder machen. Wenn nicht, ist es auch gut; dann wollen wir mal sehen, was die Nudelsuppe macht, oder was es drüben auf dem Holländer zum Abendessen gibt.
Wie eine Schnecke, die sich überfressen hat, sich aber gleichzeitig trainieren muß für das nächste Schneckenwettlaufen, so zog Yorikke vorüber.
Als die Köpfe der Buschräuber gerade über mir waren, rief einer von ihnen herunter zu mir: „Hey, ain’t ye sailor?“
„Yesser.“
„Want a dschop?“ Auf sein Englisch braucht er sich nichts einzubilden, aber für enge Familienverhältnisse reicht es aus.
Ob ich Arbeit haben will.
Ei, orgelspielender Grizzlybär, der wird das doch nicht etwa ernst meinen?
Ob ich Arbeit haben will?
Nun bin ich verloren. Da ist diese Frage, die ich mehr gefürchtet hatte als die Posaune des Erzengels Michael am Auferstehungstage. Es ist doch üblich, daß man selbst um Arbeit nachfragen gehen muß. Das ist doch ewiges unveränderliches Gesetz, solange es nun schon Arbeiter gibt. Und ich bin nie fragen gegangen, immer aus Angst, es hätte einmal jemand ja sagen können.
Wie alle Seeleute bin ich abergläubisch. Auf dem Schiff und auf dem Meer ist man auf Zufälle und also auch auf Aberglauben angewiesen, sonst hielte man es nicht aus und würde verrückt. Und dieser Aberglaube ist es, der mich zwingt, ja zu sagen, wenn mich jemand fragt, ob ich Arbeit haben will. Denn würde ich nein sagen, so würde ich mein Glück verschwören, würde nie wieder im Leben ein Schiff bekommen und am allerwenigsten bekommen, wenn ich es so bitter notwendig brauchte. Manchmal glückt das Erzählen einer Geschichte, aber manchmal glückt es nicht, und der Mann brüllt „Polizei! Betrüger!“ Wenn man dann nicht schnell ein Schiff zur Hand hat, glaubt die Polizei jenem Manne, der keinen Spaß versteht und keine Ideen hat.
Dieser Aberglaube hat mir schon manchen bösen Streich gespielt und mir Beschäftigungen auf den Hals gebracht, von denen ich nie geglaubt hätte, daß solche überhaupt in der Welt vorhanden seien. Er war die Ursache, daß ich Totengräbergehilfe in Guayaquil in Ecuador wurde, und daß ich auf einem Jahrmarkte in Irland mit meinen eignen Händen helfen mußte, das Kreuz, an dem unser Herr und Heiland Jesus Christus seinen letzten irdischen Seufzer aushauchte, splitterweise zu verkaufen. Jeder Splitter kostete eine halbe Krone, und das Vergrößerungsglas, das die Leute dazu kaufen mußten, um den Splitter auch zu sehen, kostete eine andre halbe Krone. Zu solcher Beschäftigung, die mir zweifellos nicht gut angeschrieben werden wird, kommt man aber, wenn man abergläubisch ist. Seitdem mir das in Irland zugestoßen ist, habe ich auch nichts mehr drum gegeben, ein braver und guter Mensch zu bleiben, denn ich wußte, daß ich nun alles Zukünftige verspielt hatte. Es war ja nicht, daß ich die Splitter hatte verkaufen helfen. Nein, das war nicht so schlimm, das wäre mir vielleicht gar als ein Verdienst angerechnet worden. Viel schlimmer war, daß ich auch geholfen hatte, mit dem Geschäftsinhaber in einem Hotelzimmer die Splitter aus einem alten Kistendeckel anzufertigen. Aber auch das wäre noch nicht so unverzeihlich gewesen, wenn ich nur nicht vor den Leuten meine Seele verschworen hätte, daß ich die Splitter selbst aus Palästina mitgebracht hätte, wo sie mir ein alter, zum Christentum bekehrter Araber, in dessen Familienbesitz die Splitter seit achtzehnhundert Jahren gewesen waren, anvertraut hätte mit der feierlichen Versicherung, daß ihm Gott im Traume erschienen sei und ihm anbefohlen habe, diese Splitter nur nach Irland und sonst nirgend woanders hin gelangen zu lassen. Die in arabischen Zeichen geschriebenen Dokumente konnten wir vorweisen und auch eine Übersetzung in Englisch, aus der hervorging, daß in dem Dokumente wirklich das drin stünde, was wir auf dem Jahrmarkte erzählten. Solche Streiche kann einem der Aberglaube spielen, yes, Sir.
Hätten wir das eingenommene Geld wenigstens an ein Kloster oder an den Papst abgeschickt, dann wäre es ja auch nicht so schlimm gewesen und ich hätte Hoffnung, daß mir vergeben würde. Aber wir verbrauchten das Geld für uns, und ich war sehr bedacht darauf, daß ich auch meine richtigen Prozente und Tantiemen bekam. Aber ich war keineswegs ein Betrüger, ich war nur ein Opfer des Aberglaubens, meines Aberglaubens. Denn die guten Leute glaubten mir, die waren nicht abergläubisch.
22
So war es ganz natürlich, daß, als ich gefragt wurde, ob ich Arbeit haben wollte, ich ja sagte. Ich war innerlich gezwungen, ja zu sagen, und ich konnte diesem Zwange nicht entweichen. Ich bin sicher, daß ich bleich wurde vor Todesangst, auf diesen Eimer zu müssen.
„A. B.?“ fragte der Mann.
Glück zu, da war die Rettung. Die brauchten einen A. B., und ich war kein A. B. Ich hütete mich weislich, nun zu sagen: „Plain“, denn im Notfalle kann ein Deckarbeiter auch am Rade stehen, besonders wenn das Wetter ruhig ist und keine großen Kursveränderungen sind.
Deshalb antwortete ich: „Nosser, no A. B. Black gang. Schwarze Bande.“
„Fein!“ schrie der Mann herunter. „Das ist ja, was wir brauchen. Mach hurtig voran. Hopp auf.“
Nun wurde mir alles klar. Sie nahmen, was sie kriegten, und woher sie es kriegten, weil sie um soundsoviele Mann zu kurz waren. Ich hätte sagen können: Koch, oder ich hätte rufen können: Zimmermann oder Boss’n, sie würden immer gerufen haben: „Hopp auf!“ Da war etwas nicht in Ordnung. Verflucht, sollte sie doch ein –, nein, trotz aller verdächtigen Begleitumstände, die Yorikke schien doch kein Totenschiff zu sein.
Ich mußte die letzten Karten spielen.
„Where ’re ye bound? Wohin geht ihr raus?“
„Wo wollen Sie hin?“
Die sind geeicht. Da ist kein Entrinnen. Ich kann rufen Südpol, ja, ich kann rufen Genf, sie werden mir, ohne zu zucken, entgegenrufen: „Da gehen wir hin.“
Aber ich wußte ein Land, wo der Eimer nicht wagen dürfte, hinzugehen, das war England. Deshalb sagte ich: „England.“
„Mann, was für ein Glück haben Sie!“ schrie die Stimme. „Wir haben Ladung, Stückgut für Liverpool. Sie können da abmustern.“
Da hatten sie sich verraten. Das einzige Land, wo ich nicht abmustern konnte und auch kein andrer Seemann, der nicht auf einem englischen Boot fuhr, das war England. Aber dieser Antwort Liverpool konnte ich nicht ausweichen. Ich konnte ihnen doch nicht beweisen, daß sie schwindeln.
Es scheint so lächerlich zu sein. Es konnte mich natürlich niemand zwingen, anzuzeichnen für irgendein Boot, auf keinen Fall, solange ich hier auf festem Boden stand und nicht unter der Gerichtsbarkeit und Gesetzesgewalt des Skippers. Aber das ist ja immer so: wenn man sich zu wohl und zu glücklich fühlt, dann möchte man es noch besser haben, läge dieses Besser-haben-Wollen auch nur darin versteckt, daß man sich nach einem Landschaftswechsel sehnt und eine stille ewige Hoffnung pflegt und nährt, daß jeder Wechsel zu Besserem führen müsse. Ich glaube, seit Adam sich im Paradiese langweilte, ist es der Fluch der Menschen, sich nie vollkommen glücklich zu fühlen und immer auf der Jagd nach einem größern Glück zu sein. Wenn ich an England denke mit seinem ewigen Nebel, seiner ewigen naßkalten Witterung, seiner Fremdenhetzerei, seines ewig stupid lächelnden Kronprinzen, dem die Maske angefroren ist, und es vergleiche mit diesem freien, sonnigen Lande und seinen freundlichen Bewohnern und mir nun vorstelle, daß ich alles dies zurücklassen soll, so ist mir aber doch in der Tat zum Sterben zumute.
Aber da war das Schicksal. Ich hatte ja gesagt, ich hatte nun als guter Seemann, der zu seinem Wort steht, anzuzeichnen für den Eimer, und wenn er direkt auf den Meeresboden führe; mit diesem Boot, das ich ausgelacht, laut und heulend ausgelacht hatte, als ich es zum ersten Male gesehen, und das zu fahren ich nicht gedacht hatte, auch wenn ich den letzten Atemzug dadurch hätte aufhalten können. Nicht mit diesem Schiff und nicht mit dieser Mannschaft. Yorikke rächte sich dafür, daß ich sie ausgelacht hatte. Aber es geschah mir im Grunde ganz recht, warum war ich hier hinuntergegangen und hatte mich von ausfahrenden Schiffen sehen lassen. Da soll man mit der Nase wegbleiben, ausfahrende Eimer gehen einen gar nichts an, wenn es nicht der eigne ist, man soll sie in Ruhe lassen und nicht hinter ihnen herspucken wollen. Das ist immer Pech. Das können die nicht vertragen.
Ein Seemann soll nicht von Fischen träumen, und er soll nicht an Fische denken, das ist nicht gut. Und ich war hierhergegangen und wollte sogar welche fangen. Jeder Fisch oder seine Mutter hat schon an einem ertrunkenen Seemann genascht, darum soll sich ein Seemann vor Fischen hüten. Wenn ein Seemann Fische essen will, soll er sie sich von einem ordentlichen Fischersmann kaufen. Fische fangen ist dessen Geschäft, dem tun sie nichts; wenn der von Fischen träumt, bedeutet es Geld.
Ich schoß die letzte Frage, die möglich war: „Was wird gezahlt?“
„Englisch Geld.“
„Wie ist das Essen?“
„Reichlich.“
Nun war ich umzingelt. Nicht eine schmale Ritze blieb offen. Es gab für mein Gewissen auch nicht eine einzige Entschuldigung, mein Yes zurückzunehmen.
Sie warfen ein Tau rüber, ich fing das Tau auf, schwang mich mit voran gestreckten Füßen gegen die Bordwand, und während sie von Deck aus das Tau einholten, stieg ich an der Wand empor und sprang oben über die Verschanzung.
Als ich nun auf dem Deck stand, kam Yorikke merkwürdig rasch in volle Fahrt, und während ich das versinkende Spanien mit meinen Augen liebkoste, hatte ich das Gefühl, daß ich jetzt durch jenes große Tor geschritten war, über dem die schicksalsschweren Worte stehen:
Wer hier eingeht, Dess’ Nam’ und Sein ist ausgelöscht, Er ist verweht!
ZWEITES BUCH
INSCHRIFT ÜBER DEM MANNSCHAFTSQUARTIER DES TOTENSCHIFFES
WER HIER EINGEHT, DESS’ NAM’ UND SEIN IST AUSGELÖSCHT. ER IST VERWEHT VON IHM IST NICHT EIN HAUCH ERHALTEN IN DER WEITEN, WEITEN WELT. ER KANN ZURÜCK NICHT GEHN, NICHT VORWÄRTSSCHREITEN, DA, WO ER STEHT, IST ER GEBANNT. IHN KENNT NICHT GOTT UND KEINE HÖLLE. ER IST NICHT TAG, ER IST NICHT NACHT. ER IST DAS NICHTS, DAS NIE, DAS NIMMER. ER IST ZU GROSS FÜR DIE UNENDLICHKEIT UND IST ZU WINZIG FÜR DAS SANDKÖRNLEIN, DAS SEINE ZIELE HAT IM WELTENALL. ER IST DAS NIEGEWESEN UND DAS NIEGEDACHT!
23
Nun betrachtete ich mir die Haifischjäger in der Nähe. Der Eindruck, den ich von draußen gewonnen hatte, wurde keineswegs besser. Er wurde nicht einmal schlimmer, sondern er wurde einfach vernichtend. Ich hatte ursprünglich geglaubt, daß einige der Leute Neger und einige Araber wären. Aber jetzt erkannte ich, daß sie nur unter Kohlenstaub und Dreck so aussahen. Der Deckarbeiter steht ja nun auf keinem Schiff, die russischen Bolschewistenschiffe vielleicht ausgenommen, in der gleichen menschlichen Rangstufe mit dem Skipper. Wo sollte das aber auch hinführen? Man könnte die beiden ja eines schönen Tages miteinander verwechseln und herausfinden, daß der Deckarbeiter ein ebenso intelligenter Mensch ist wie der Skipper. Zuweilen wäre das sogar noch nicht einmal ein Beweis, daß der Deckarbeiter überhaupt Intelligenz besitzt.
Hier gab es zweifellos sogar noch unter den Deckarbeitern Rangstufen. Da waren Deckarbeiter ersten Grades, Deckarbeiter zweiter, dritter und vierter Ordnung. Jene beiden Taschendiebe, die da standen, schienen Deckarbeiter fünften Grades zu sein. Ich weiß nicht, welches augenblicklich die unzivilisierteste Menschenrasse ist. Das wechselt ja mit jedem Jahre, je nachdem, wie wertvoll oder wie wertlos, für andre, das Land ist, wo diese Menschenrasse lebt. Aber diese beiden Deckarbeiter würden bei jener unzivilisierten Rasse wohl noch nicht einmal gebraucht werden können, um Kokosnüsse aufzuschlagen. So viele Deckarbeiter, daß jeder Grad seinen rechtmäßigen Vertreter hier haben konnte, hatte man für die Yorikke nicht auftreiben können. Infolgedessen waren die Deckarbeiter des ersten, des zweiten, des dritten und des vierten Grades nicht vertreten, nur zwei des fünften und drei des sechsten Grades. Die Vertreter des fünften Grades habe ich geschildert, die des sechsten kann ich nicht beschreiben, da ich sie mit nichts vergleichen kann, was sich sonst auf Erden findet. Sie waren durchaus Original, und ich muß mich damit begnügen, zu sagen, sie waren würdig vertreten, und man glaubte es ihnen ohne Legitimation, daß sie der sechsten Ordnung angehörten.
„Gauten Tahk!“ Der Anführer der Taschendiebe und der Jahrmarktsbetrüger – halt, ich wollte sagen: der Anführer der Taschendiebe und der Roßtäuscher kam auf mich zu. „Ich bing da zwiehte Inkscheneer. Disser hier, was miehn Nachtbur ist, disser iehst da Dunkymänn.“ Das war ein Englisch! – Ich muß es wohl zukünftig mehr in eine besser lesbare Sprache übersetzen, um es verständlich zu machen. Er wollte mir mitteilen, daß er der Zweite Ingenieur und damit mein direkter Vorgesetzter sei, seit ich zur Schwarzen Bande gehörte, und daß sein Nachbar, der an seiner Seite stand, der Donkeyman sei, also mein Unteroffizier.
„Und ich,“ stellte ich mich nun selbst vor, „ich bin der Generaldirektor der Kompanie, die diesen Eimer besitzt, und ich bin an Bord gekommen, um euch Burschen ordentlich Beine zu machen.“
Denn wenn die beiden glaubten, sie könnten mich aufziehen, dann müssen sie sich schon einen andern suchen, nicht gerade einen, der schon als Küchenjunge fuhr, als seine Altersgenossen noch das Abc lernten. Mit solcher Vanille müßt ihr mir nun nicht kommen, dann haben wir den rechten Ton gleich von der ersten Wache an und werden nicht viel gewürzte Schokolade miteinander trinken.
Aber er hatte nicht begriffen, was ich gesagt hatte; denn er sprach weiter: „Gehen Sie zum Quartier und suchen Sie sich Ihre Bunk.“
Ja, da fallen mir aber doch die Holzschindeln vom Dach, der wird doch nicht etwa im Ernst geredet haben und ist tatsächlich der Zweite Ingenieur und mein Vorgesetzter, dieser ausgebrochene Galeerensträfling? Als hätte mich jemand mit einer Keule über den Schädel gehauen, so torkelte ich nun zum Forecastle, zum Quartier.
Ein paar Mann lagen faul in ihrer Bunk. Als ich hereinkam, sahen sie mich schläfrig an, ohne irgendein Interesse oder irgendein Erstaunen zu zeigen. Solche unerwarteten Auffrischungen der Mannschaft schienen zu oft vorzukommen, als daß sie wert gewesen wären, sie zu beachten. Ich habe später einmal gehört, daß in einem Dutzend Häfen, die Yorikke gelegentlich anzulaufen pflegte, immer zwei oder drei Mann am Ufer lagen, die aus diesem oder jenem Grunde kein andres Schiff kriegen konnten oder unbedingt fort mußten, weil die Kaie zu heiß wurden, und nun täglich beteten: „O Herr der Schiffe und Heerscharen, laß’ die gute alte Yorikke hereinkommen!“ Denn auf der Yorikke fehlten immer zwei oder drei Mann, und ich bin sicher, daß die Yorikke noch nie in ihrem urlangen Leben jemals mit voller Mannschaft gefahren ist. Man sagte der Yorikke auch sonst noch etwas Häßliches nach. Es wurde behauptet, ihr Skipper sei schon viele, viele Male zu den Galgen gegangen und habe die Gehenkten untersucht, ob nicht noch ein Fünkchen Leben in ihnen zurückgeblieben sei und sie noch so viel Atem hätten, um ein Ja zu flüstern und angemustert zu werden für die Yorikke. Diese Nachrede ist häßlich, das weiß ich, aber sie ist nicht aus der Luft gegriffen und keiner Katze aus dem Ohrläppchen gesaugt. Ich fragte nach einer leeren Bunk. Einer der Leute deutete mit dem Kopfe nach einer oberen Schachtel. Ich fragte, ob auch niemand drin verreckt sei. Der Mann nickte und sagte dann: „Die untere Kommode ist auch frei.“
So nahm ich die untere. Der Mann verlor jegliches Interesse an mir und meinem Tun.
In der Bunk war keine Matratze, kein Strohsack, kein Kissen, keine Decke, kein Bettuch. Nichts. Nur das nackte wurmstichige Holz. Und sogar an dem Holze hatte man jeden Millimeter gespart, der nur gerade noch abzusparen war, damit man den Koffer für menschliche Gebeine noch Bunk nennen könne und nicht etwa einen Schirmkoffer. In jedem der beiden Bunks, die meinem gegenüber lagen, der eine oben der andre unten, lagen Lumpen und zerrissene alte Säcke. Das waren die Matratzen für die Mannschaften, die jetzt auf Wache waren oder auf dem Deck herumlungerten. Als Kissen hatten sie altes Tauwerk. Daß man auf altem Tauwerk schlafen könnte, mußte also doch keine Sage aus fernen Zeiten sein. In der Bunk, die über der meinen lag, in der also einer kürzlich verreckt war, vielleicht gestern erst, lagen keine Lumpen. Wenn ich auf meiner Bunk saß, so konnte ich die gegenüberliegende Bunk erreichen, ohne daß ich die Beine hätte lang ausstrecken brauchen. Ich stieß bereits mit den Knien an, während ich hier saß. Der Schiffsbauer war ein guter Rechner gewesen. Er hatte ausgerechnet, daß auf einem Schiff immer ein Drittel oder manchmal gar die Hälfte der Mannschaft auf Wache ist in der Zeit, wo die Bunks im Gebrauch sind. Aber es traf sich, daß wir drei Mann, die wir in diesem Abteil wohnten, alle dieselbe Wache hatten, so daß wir alle zu gleicher Zeit uns hier in diesem Raum, der zwischen den Bunks kaum einen halben Meter breit war, aus- und ankleiden mußten. Dieses Gewimmel von sich bewegenden Armen, Beinen, Köpfen und Schultern wurde noch unübersichtlicher, als in einem Nachbarquartier ein Mann mit seiner Bunk herunterbrach und die gebrauchen mußte, wo der eine verreckt war. Wie sich das ja immer so fügt, so war es auch hier; der neue Quartierbewohner gehörte mit zu unsrer Wache, und nun waren die Einzelheiten des Gewimmels beim An- und Auskleiden überhaupt nicht mehr zu unterscheiden. Wenn es gar zu arg durcheinanderging, so daß die Schiffsglocke schon die Wache ausrief, dann schrie der eine oder der andre plötzlich ein brüllendes Halt! aus, bei dem nach stillem Übereinkommen jeder von uns still hielt für die Dauer einer Sekunde. Dieses Halt! durfte nicht unnützlich geführt werden, sondern nur dann, wenn einer in höchster Not war, daß er seinen linken Arm verloren hatte oder sein rechtes Bein sich mit dem linken Bein eines der andern Insassen so vertauscht hatte, daß man ohne dieses Halt! nie herausgefunden hätte, daß der Martin mit dem rechten Bein des Bertrand auf Wache ging, während Bertrand erst bei Tagesanbruch merkte, daß er die ganze Wache hindurch mit der rechten Hand des Martin und mit der linken des Henrik das Ruderrad gequirlt hatte, während ich die Hände Bertrands verdreckte und überhaupt nicht wußte, wer meine abnutzt.
Ernstere Folgen hatte es schon, wenn im trüben Halbschlummer der rußenden Quartierlampe Bertrand mit seinem rechten Bein in das linke Bein seiner eignen Hose stieg, während er mit seinem linken Bein voll angezogen im rechten Bein der Hose Henriks steckte. Manchmal kostete es zwei halbe Hosen, manchmal kostete es nach allen Seiten herumfliegende Püffe, manchmal eine eingebrochene Bunk oder eine durchstoßene Tür. Immer aber kostete es eine ganze Freiwache Streitens und Zankens, um festzustellen, wer zuerst in das falsche Hosenbein gestiegen sei, wodurch der Unschuldige gezwungen wurde, sich rasch nach einem freien Hosenbein umzusehen, damit er nicht etwa mit einem unbekleideten Beine auf die Wache zu gehen gezwungen war. Es ist in der Tat zweimal vorgekommen, daß ein Hosenbein im Quartier zurückblieb, das beidemal von seinem rechtmäßigen Besitzer erst vermißt wurde als der Morgen aufkam. Es wäre ja vielleicht gegangen, wenn man sich geeinigt hätte. Aber wer sollte denn der Ausgestoßene sein, der eine Minute früher aufzustehen verdammt wurde? Beim Aufstehen begann ja gleich der wütende Streit darüber, daß eine halbe Stunde zu früh geweckt worden sei, wodurch gleich alle in die nötige Stimmung versetzt wurden, um jede Einigungsverhandlung auszuschließen und im Keime zu ersticken. Dieses Streiten und Wüten und Androhen, daß man der Wache das Zufrühwecken schon anstreichen wolle, erreichte seinen Höhepunkt gerade immer dann, wenn die Schiffsglocke die Wache aufrief. Dann paarte sich die Wut mit Nervosität, daß man nicht fertig würde, und gleich mit einem Anranzer die Wache beginnen müsse, weil der Hund wieder einmal zu spät geweckt habe, was er aus reinem Schabernack täte, wenn man an und für sich schon mit dem Zweiten nicht gut steht.
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