Part 14
Der Kaffee war heiß, schwarz und bitter. Kein Zucker, keine Milch. Brot war vorhanden, aber man mußte es trocken essen, weil die Margarine stank. Der Heizer kam zum Tisch, fiel auf die Bank, richtete sich hoch, und während er die Kaffeetasse an den Mund führen wollte, fiel sein Kopf herunter und schlug auf die Tasse, daß sie umkippte. Er schlief schon wieder und tastete träumerisch nach dem Brot, um sich ein Stück abzureißen, weil er das Messer nicht halten konnte vor Müdigkeit. Jede seiner Bewegungen wurde vom ganzen Körper ausgeführt, nicht nur mit den Händen, den Armen, den Fingern, den Lippen oder dem Kopfe. Die Glocke rief aus, er bekam einen Wutanfall, des Kaffees wegen, und sagte: „Geh’ runter, ich komme gleich. Kümmere dich um Schlackenwasser.“
Als ich an der Galley vorbeikam, sah ich Stanislaw im Dunkeln da herumwirtschaften. Er versuchte, Seife zu stehlen, die der Koch vielleicht irgendwie versteckt haben mochte. Der Koch stahl die Seife vom Steward, und der Steward stahl die Seife aus dem Koffer des Skippers.
„Zeig mir doch mal den Weg runter in die Stokehold, in den Kesselraum, Lawski“, sagte ich zu ihm.
Er kam raus, und wir hatten auf eine höhere Etage zu klimmen, die das Halbdeck vom Mittschiff war. Er zeigte mir einen schwarzen Schacht. „Da gehen die Leitern runter. Du kannst nicht fehlgehen“, sagte er und ging wieder zurück zur Galley.
Aus der tiefschwarzen und doch so glänzend klaren Meeresnacht blickte ich hinunter in den Schacht. In einer unendlich erscheinenden Tiefe sah ich eine flackernde, dunstige, rauchige Helle. Diese Helle war rötlich von dem Widerschein der Kesselfeuer. Mir war, als sähe ich in die Unterwelt. In diesen rötlichen, dunstigen Schein trat jetzt eine nackte menschliche Gestalt, verrußt und mit glitzernden Streifen rieselnden Schweißes. Die Gestalt stand da, die Arme verschränkt und starrte bewegungslos auf die Quelle des rötlichen Scheines. Dann bewegte sich die Gestalt, ergriff ein langes schweres Schüreisen und stellte es an die Rückwand, nachdem sie unschlüssig damit herumgewirtschaftet hatte. Die Gestalt ging jetzt vor, bückte sich, und einen Augenblick darauf war es, als sei sie von Flammen umlodert. Dann reckte sich die Gestalt hoch, die Flammen waren verlöscht und übrig blieb nur der gespenstische rötliche Schein.
Ich wollte die Leiter hinuntergehen. Als ich aber einen Fuß auf die oberste Sprosse gesetzt hatte, schlug mir eine entsetzliche Säule von Hitze, erstickendem Ölgestank, Kohlenstaub, Flugasche, dickem Petroleumqualm und Wasserdampf entgegen. Ich fiel zurück, und mit einem lauten Japser schnappte ich nach frischer Luft, weil ich glaubte, meine Lungen könnten nicht mehr arbeiten.
Aber es half nichts. Ich mußte da hinunter. Da war ein Mann unten. Ein lebender Mensch, der sich bewegen kann. Und wo ein andrer Mensch sein kann, da kann auch ich sein. Ich kletterte rasch fünf oder sechs Sprossen, dann aber ging es nicht mehr. Mit einem Rasen sauste ich wieder hoch, um Luft zu bekommen.
Die Leiter war aus Eisen, die Sprossen aus fingerdickem Rundeisen. Nur an der einen Seite war ein Geländer, die andre Seite, die äußere Seite, war ohne Geländer, also just die Seite war offen, wo man in den Schacht abstürzen konnte, während die Seite, die an der Wand der Maschinenhalle war, mit einem Geländer gesichert war.
Als ich meine Lungen wieder aufgefüllt hatte, machte ich den dritten Versuch, und ich kam auf eine Plattform. Drei Schritte über die Plattform, die nur einen halben Schritt breit war, führten zum Ende der Platte, wo eine zweite Leiter tiefer in den Schacht ging. Diese drei Schritte konnte ich aber nicht machen. In Gesichtshöhe war hier die Aschenhievwintsche, und das Dampfrohr der Wintsche hatte einen langen, aber ganz dünnen Riß. Durch diesen Riß zischte ein brühend heißer Wasserdampf, scharf und schneidend wie eine Stichflamme. Der Riß lag so, daß selbst, wenn man sich bückte, man diesem schneidenden Dampfstrahl nicht ausweichen konnte. Ich versuchte, mich hochzurecken, aber dann wurden die Arme und die Brust angefressen und verbrüht. Inzwischen mußte ich hoch, um Luft zu schöpfen.
Ich war auf falschem Wege. Das war nicht der meine. Ich ging wieder zur Galley, wo Stanislaw immer noch nach Seife suchte.
„Ich gehe mit dir runter, komm los“, sagte er bereitwillig.
Als wir auf dem Wege waren, sagte er: „Du bist doch nie Kesselbums gewesen, nicht wahr? Habe ich doch gleich gesehen. Zu einer Wintsche sagt man doch nicht guten Tag, der haut man eins auf den Schädel und fertig.“
Ich war nicht in der Laune, ihm jetzt zu erzählen, wie man mit Dingen umzugehen hat, die eine Seele haben.
„Recht hast du, Lawski, bin nie beim Kessel gewesen, habe noch nie da überhaupt reingeguckt. War Deckarbeiter, Steward, Kabinenjunge, seit ich meinen ersten Eimer gesehen habe. Nie schwarzen Gang gerochen, war mir immer zu stickig. Sag’, willst du mir nicht für die erste Wache eine Krume zur Hand gehen?“
„Rede nicht lange. Freilich. Komm nur voran. Wir werden die Kohlsuppe schon kochen. Kenne deine Sorgen. Dein erster Leichenwagen. Ich kenne die Särge, kannst mir glauben. Aber manchmal dankst du Himmel und Hölle, daß dir eine Yorikke quer vor’n Bug kommt, und du hoppst drauf mit einem Wonnegefühl, als ob – ja, hab’ nur keine Bange. Wenn was krumm geht, ruf mich nur. Ich zieh dich schon raus aus dem Dreck. Wenn wir auch alle miteinander Tote sind, nur nicht verzagen. Schlimmer kann es nicht kommen.“
Es kam aber schlimmer. Man kann ein Totenschiff fahren. Man kann ein Toter sein, ein Toter zwischen Toten. Ausgelöscht kann man sein aus der Reihe der Lebenden, hinweggeweht von der Oberfläche der Welt, und kann dennoch gezwungen sein, entsetzliche Qualen zu erdulden, denen man nicht entgehen kann, weil man schon tot ist, weil einem kein weiterer Weg zur Flucht offen gelassen ist.
29
Ich sah Stanislaw zu dem Schacht gehen, den ich soeben verlassen hatte, weil ich glaubte, ich hätte mich im Wege geirrt. Er kletterte die Leiter ohne zu zögern hinunter, und ich folgte ihm. Als wir am Ende der ersten Leiter waren und auf die Platte kamen, die unter dem heißen Dampfstrahl lag, sagte ich: „Da können wir nicht durch. Da wird uns die Haut bis auf die Knochen abgeledert.“
„Meist gibt es was ab. Ich kann dir morgen meine Arme zeigen. Aber wir müssen durch“, sagte Stanislaw. „Hilft uns nichts. Kein andrer Weg zu den Kesseln für uns. Die Ingenieure lassen uns nicht durch die Maschinenhalle gehen, wir sind zu dreckig, und es ist gegen die Vorschrift.“
Während er das noch sagte, sah ich, wie er plötzlich seine Arme um den Kopf schlug, sich so Gesicht, Ohren und Nacken schützend. Nun drehte, quetschte und reckte er sich zwischen die glühend heißen Dampfrohre, wo die Schutzpackungen längst abgefault und abgerissen waren, und der glühend heißen Kesselwand hindurch wie eine geölte Zitterschnecke. Das konnte ihm kein Schlangenmensch nachmachen, dachte ich, als ich das sah. Aber ich erfuhr nun, daß der ganze Kesselbums das so zu machen hatte, und ich verstand auch mit einemmal, warum es auf der Yorikke so viele Dinge zu essen gab, die kein Mensch essen konnte und die über Bord flankiert wurden. Das Flankieren durfte der Koch nicht sehen, dann gab es einen Mordskrach, weil alle Salzschwarten und alles Ungenießbare, das nicht in den Magen hineinwollte, weil der Magen sich sträubte, in die Küche zurückgebracht werden mußte, damit daraus Irish Stew, Frikandellen, Gulasch, Haschee und ähnliche Delikatessen gemacht werden konnten.
„Hast du nun gesehen, Sohn, wie das gemacht wird? Besinne dich nicht lange. Wenn du dich erst besinnst und dir das anguckst und darüber nachdenkst, daß du an der einen Seite verbrüht werden magst und an der andern Seite hinuntersausen kannst in den Schacht, dann geht’s gar nicht. Arme um den Kopf, sieh so – und dann Schlange gemacht. Kann dir eines Tages von Nutzen sein, wenn du andern Leuten zu tief in die Taschen gelinst hast und man dir eiserne Vorhänge an die Fenster gehängt hat. Bin ich auch schon durchgekommen. Immer gut, wenn man in der Übung bleibt, du weißt nie, wie du es gebrauchen kannst. Hopp an.“
Schwupp! da war ich durch. Ich fühlte Heißes an meinen Armen, aber das war sicher nur Einbildung.
Am andern Ende der Platte ging eine lange eiserne Leiter weiter hinunter, zu den Grundmauern der Unterwelt. Diese zweite Leiter war so heiß, daß mein Taschentuch, das ich bisher benutzt hatte, wertlos wurde. Ich mußte mich mit den gebogenen Ellbogen in das Geländer hängen, um Halt an der Leiter zu greifen. Je tiefer ich kam, desto dicker wurde die Luft, desto heißer, qualmiger, öliger und unerträglicher. Die Hölle, die ich nun endlich nach meinem Tode erreicht hatte, konnte das nicht sein. In der Hölle hatten ja auch die Teufel zu leben, hier aber konnten keine Teufel leben, das war undenkbar.
Doch da stand ein Mensch, ein nackter, schwitzender Mensch, der Heizer der Vorwache. Menschen konnten hier auch nicht leben. Aber sie mußten. Sie waren Tote. Ausgelöschte. Landlose. Paßlose. Heimatlose. Die mußten, ob sie konnten oder nicht. Teufel konnten hier nicht leben, denn ein Rest von Kultur ist selbst den Teufeln gelassen, das weiß Goethe. Aber Menschen mußten hier nicht nur leben, sie mußten hier arbeiten, und sie mußten hier so schwer arbeiten, daß sie alles vergaßen, zuletzt sogar, nachdem sie lange vorher sich selbst vergessen hatten, sogar vergaßen, daß hier zu arbeiten unmöglich sei.
Mir ist oft, ehe ich gestorben wurde, und ehe ich zu den Toten kam, unverständlich gewesen, wie Sklaverei möglich sein kann, wie Militärdienst möglich sein kann, wie es möglich ist, daß Menschen, gesunde und vernünftige Menschen, sich ohne Protest vor Kanonen und Kartätschen jagen lassen, daß Menschen nicht tausendmal lieber Selbstmord begehen, als Sklaverei, Militärdienst, Galeerenketten und Peitschenhiebe zu ertragen. Seit ich bei den Toten war, seit ich selbst ein Toter bin, seit ich ein Totenschiff fuhr, ist auch dieses Geheimnis für mich gelöst, wie sich ja alle Geheimnisse erst nach dem Tode offenbaren. So tief kann kein Mensch sinken, als daß er nicht immer noch tiefer sinken könnte, so Schweres kann kein Mensch erdulden, als daß er nicht noch Schwereres ertragen könnte. Hier ist es, wo der Geist des Menschen, der ihn über das Tier erhebt, ihn tief unter das Tier erniedrigt. Ich habe Packzüge von Kamelen, von Lamas, von Eseln und von Maultieren getrieben. Ich habe Dutzende unter diesen Tieren gesehen, die sich hinlegten, wenn sie nur mit einem Kilogramm überladen waren, die sich hinlegten, wenn sie sich schlecht behandelt glaubten, und die sich klaglos hätten zu Tode peitschen lassen – und auch das habe ich gesehen – als aufzustehen, die Last zu übernehmen oder die schlechte Behandlung weiter zu erdulden. Ich habe Esel gesehen, die zu Leuten verkauft worden waren, die Tiere schändlich peinigten, und die Esel hörten auf zu fressen und starben weg. Nicht einmal Mais vermochte ihren Entschluß zu ändern. Aber der Mensch? Der Herr der Schöpfung? Er liebt es, Sklave zu sein, er ist stolz, Soldat sein zu dürfen und niederkartätscht zu werden, er liebt es, gepeitscht und gemartert zu werden. Warum? Weil er denken kann. Weil er sich Hoffnung denken kann. Weil er hofft, daß es auch wieder besser gehen wird. Das ist sein Fluch und nie sein Segen. Mitleid mit Sklaven? Mitleid mit Soldaten und mit Soldatenkrüppeln? Haß gegen Tyrannen? Nein! Nein! Nein!
Wäre ich über die Reeling gesprungen, dann würde ich jetzt nicht in einer Hölle sein, wo es selbst die Teufel nicht aushalten können. Aber ich sprang nicht und habe nun kein Recht, mich zu beklagen oder gar andre anzuklagen. Laß den Bettler verhungern, wenn du den Menschen in ihm achtest. Ich habe kein Recht, mein trauriges Schicksal zu beklagen. Warum sprang ich nicht? Warum springe ich jetzt nicht? Warum lasse ich mich peitschen und martern? Weil ich hoffe, ins Leben zurückkehren zu können. Weil ich hoffe, New Orleans wiederzusehen. Weil ich hoffe, und weil ich lieber durch die Schiet schwimme, als meine gehätschelte und getätschelte Hoffnung in die Schiet zu werfen.
Imperator, du wirst niemals um Gladiatoren verlegen sein; die schönsten und stolzesten Männer werden dich anflehen: „O angebeteter, o bewunderungswürdiger Imperator, laß mich dein Gladiator sein!“
30
Natürlich kann ich hier arbeiten. Da arbeiten ja auch andre. Das sehe ich ja mit eignen Augen. Was ein andrer kann, das kann ich auch. Der Nachahmungstrieb des Menschen macht Helden und macht Sklaven. Wenn der nicht an den Peitschenhieben stirbt, dann werde ich sie wohl auch überleben können. „Siehst du, der da, der geht direkt drauf los auf das Maschinengewehrfeuer, Donnerwetter nochmal, das ist ein Kerl, verflucht nochmal, vor dem muß man Achtung haben, das ist ein Kerl, der hat Mumm in den Knochen.“ Natürlich kann ich das auch. So geht der Krieg voran, und so fahren die Totenschiffe, alles nach demselben Rezept. Die Menschen haben nur eine Schablone, nach der sie alles machen; das geht so glatt, daß sie ihr Hirn gar nicht anstrengen brauchen, um ein andres Rezept auszudenken. Man geht nichts lieber als ausgetretene Pfade. Da fühlt man sich so schön sicher. Der Nachahmungstrieb ist schuld daran, daß die Menschheit innerhalb der letzten sechstausend Jahre keine Fortschritte gemacht hat, sondern trotz Radio und Fliegerei in derselben Barbarei lebt wie am Anfang der europäischen Periode. So hat es der Vater gemacht, und so hat es der Sohn nachzumachen. Schluß. Was für mich, den Vater, gut genug war, wird für dich, du Rotznase, wohl erst recht gut genug sein. Die heilige Konstitution, die für George Washington und die Revolutionskämpfer gut genug war, ist erst recht gut genug für uns. Und die Konstitution ist gut, denn sie hat hundertfünfzig Jahre schon ausgehalten. Aber auch Konstitutionen, die einmal junges feuriges Blut in den Adern hatten, bekommen mit der Zeit Adernverkalkung. Die beste Religion ist eines Tages heidnischer Aberglaube, und keine Religion macht hiervon eine Ausnahme. Allein das, was anders gemacht wurde, als bisher, allein das, was unter Protest der Väter und Heiligen und Verantwortlichen anders gedacht wurde, hat der Menschheit neue Ausblicke verschafft und ihr den Glauben gegeben, daß eines fernen Tages doch ein Fortschreiten wird beobachtet werden können. Dieser ferne Tag wird in Sicht sein, wenn die Menschen nicht mehr an Institutionen glauben und nicht an Autoritäten ...
„Was stehst du denn rum? Wie heißt du überhaupt, Schlepp?“
Mein Heizer war runter gekommen und brummte übelgelaunt herum.
„Pippip ist mein Name.“
Das schien seine Laune ein wenig zu verbessern.
„Dann bist du wohl ein Perser?“
„Nein, ich bin Abessinier. Meine Mutter war Parse. Die werfen ihre Leichen den Geiern vor.“
„Wir den Fischen. Da scheint deine Mutter eine ganz anständige Frau gewesen zu sein. Meine war eine alte verfluchte Hure. Aber wenn du Hurensohn zu mir sagst, dann gibt es eins in die Fresse.“
Also er war Spanier. Wenn die drei Worte sprechen, dann sind zwei davon „Hurensohn“. Es kommt auf den Grad der Freundschaft an, ob man zu jemand sagen darf, daß seine Mutter eine Groschenhure war. Je näher man dabei der Wahrheit kommt, desto mehr Aussicht hat man, sich plötzlich ein Messer aus den Rippen ziehen zu können. Je weiter man von der Wahrheit entfernt ist, desto früher hört man die Antwort: „Muchas gracias, Senjor, vielen Dank, bitte, genieren Sie sich nicht, stets zu Ihren Diensten.“ Niemand hat ein so zartes und so albernes Ehrgefühl wie der dreckigste Prolet. Und wenn die dreckigen Proleten eines Tages das Ehrgefühl dort haben werden, wo es wirklich hingehört, dann sind sie die Lacher. Heute haben sie ihr Ehrgefühl da, wo es die andern bei ihnen gerne sehen, weil sich dann so gut damit spielen läßt, zum Vorteil der andern. Was brauchst du Ehre, Prolet? Lohn brauchst du, guten Lohn, dann kommt die Ehre von selbst. Und wenn du auch noch die Fabrik hast, dann kannst du die Ehre ruhig den andern dauernd überlassen; dann erst wirst du erfahren, wie wenig sich die draus machen ...
Der Heizer der Vorwache zog jetzt einen glühenden dicken Bolzen aus dem Feuer und steckte ihn in einen Eimer mit Frischwasser. In Seewasser kann man sich ja nicht waschen, das ist kaum gut genug zum Schlackenkühlen. Dann begann er sich zu waschen mit Sand und Asche, weil er ja keine Seife hatte.
Der Kesselraum war durch zwei Lampen erhellt. Eine dieser beiden Lampen hing vor dem Dampfmeter, damit der Dampfdruck gelesen und von dem Heizer geregelt werden konnte. Die andre Lampe hing in einer Ecke und wartete auf den Schlepp. In dieser Welt der Toten wußte man nichts von einer Erde, wußte man nichts davon, daß es Azetylenlampen, Kunstgaslampen, Gasolinlaternen, Spirituslaternen gab, gar nicht zu reden von Elektrizität, die sich durch Ankoppelung einer Dynamo leicht hätte erzeugen lassen. Aber jeder Cent, ausgegeben für die Yorikke, war verschwendetes Geld. Die Fische mit Geld zu füttern, wäre närrisch, sie sollen zufrieden sein mit der Mannschaft. Diese Lampen hier waren bei den Ausgrabungen des alten Karthago gefunden worden.
Wer die Form dieser Lampen kennen lernen will, gehe in ein Museum, sehe sich die römische Abteilung an, wo er unter den Töpferwaren auch diese Lampen, die wir hatten, finden wird. Es war ein Gefäß mit einer Tülle. In der Tülle steckte ein Ballen Putzwolle. Das Gefäß wurde gefüllt mit jener Flüssigkeit, die auch für die Jungfrauenlampe im Quartier zu dienen hatte, und die den auf Irrwege führenden Namen Petroleum trug. Viermal in einer Stunde mußte die Putzwolle weiter herausgezerrt werden, weil sie kohlte und den Kesselraum mit einem undurchsichtigen dicken schwarzen Rauch erfüllte, in dem die Rußflocken so dicht flogen wie Heuschrecken in Argentinien während einer Plage. Die Putzwolle mußte man mit den bloßen Fingerspitzen herauspulen, deshalb hatte man nach der ersten Wache abgeschmorte Fingernägel und angeschmorte Fingerspitzen. Wenn man mit seiner Lampe in den Kohlenbunkern saß, konnte man nicht die Lampe erst ausmachen, weil man ja sonst in den Kesselraum runter gemußt hätte, um sie wieder anzustecken.
Stanislaw hatte heute bereits eine Doppelwache gerissen. Was das bedeutet, wird noch klar werden. Trotzdem er kaum noch kriechen konnte, blieb er doch mit mir noch eine volle Stunde im Kesselraum, um mir beizustehen.
Neun Feuer mußten von dem Heizer bedient werden. Und um diese neun Feuer zu füttern, hatte der Schlepp die Kohle heranzuschaffen. Ehe aber mit dem Heranschaffen der Kohle begonnen werden konnte, waren andre Arbeiten zu verrichten. Da die Feuer selbst auf diese Arbeiten keine Rücksicht nahmen und sie jede Vernachlässigung sofort am Meter herausbrüllten oder gar auf der Brücke herausheulten, so mußte ein erheblicher Vorrat von Kohle im Kesselraum angeschichtet sein, der für diese Zeit der Nebenarbeiten langte. Diesen großen Vorrat mußte die abzulösende Wache für die neuantretende Wache hinterlassen, und diese neue Wache hatte, wenn sie abgelöst wurde, einen gleichen Vorrat der nächsten zu übergeben. Dieser Vorrat konnte nur geschaffen werden durch eine unmenschlich erscheinende Kraftanstrengung in der Zeit der beiden mittleren Stunden einer Wache, also bei meiner Wache von eins bis drei. Von zwölf bis eins kamen die Vorarbeiten und um drei begann das Aschehieven mit dem Schlepp der neuen Wache. In zwei Stunden also mußte alle die Kohle herbeigeschafft werden, die neun Feuer eines in voller Fahrt befindlichen Dampfers in vier Stunden verschlingen. Liegt die Kohle in den Bunkern in Front der Feuer, so ist das Heranschaffen der Kohle die kräftige Arbeitsleistung eines gesunden, starken und gutgenährten Arbeiters. Liegt die Kohle aber da, wo sie meist auf der Yorikke lag, so ist es die Arbeit von drei oder vier starken Männern. Hier hatte diese Arbeit einer zu tun. Und er tut sie. Er ist ja ein Toter. Der kann alles. Und niemand versteht besser anzutreiben, niemand versteht höhnischer zu sagen: „Schlapper Hund! Solltest mich mal sehen!“ als der Mit-Tote, als der Mit-Prolet, als der Mit-Hungernde, als der Mit-Gepeitschte. Auch die Galeerensklaven haben ihren Stolz und ihr Ehrgefühl, sie haben den Stolz, gute Galeerensklaven zu sein und „nun einmal zu zeigen“, was sie können. Wenn das Auge des Auspeitschers, der mit der Peitsche die Reihen entlanggeht, wohlgefällig auf ihm ruht, so ist er beglückt, als hätte ihm ein Kaiser persönlich einen Orden an die Brust geheftet.
Der Heizer warf drei Feuer auf, immer zwei überschlagend. Dann brach er drei andre Feuer auf, die dazwischen lagen. Über jedem Feuer stand eine Nummer mit Kreide geschrieben, die Nummern von eins bis neun. Als das Aufwerfen und das Aufbrechen vorüber war, kam das Feuer drei an die Reihe. Es war ziemlich niedergebrannt, und er brach mit einer schweren langen Eisenstange die Schlacken von den Rosten. Die Schlacken saßen fest. Und von dem Feuer strömte eine brüllende Hitze heraus. Mit jeder Schlacke mehr, die herausgebrochen und vor das Feuer gezerrt war, wurde die Hitze mächtiger. Denn nun lagen die glühenden Schlacken vor den Feuertüren im Kesselraum und erhitzten ihn wie einen Glutofen. Der Heizer und auch ich, wir hatten nur die Hosen an, nichts weiter. Der Heizer hatte an den bloßen Füßen zerlumpte Tuchpantinen, während ich Stiefel hatte. Ab und zu sprang der Heizer hoch und trampelte die glühenden Schlackenkörner von den Füßen, auf die sie gesprungen waren. Die Schürstange konnte nur gehalten werden, weil der Heizer seine Hände mit Sacklumpen umwickelt hatte und Leder von einem alten Koffer zwischen Hand und Eisen hielt. Endlich wurde die Hitze, die von den Schlacken ausströmte, so gewaltig, daß der Heizer fort mußte vom Feuer. Jetzt wurden die Schlacken mit Wasser, das ich aus einem Bottich nahm, gelöscht. Der explosionsartig hochgehende Wasserdampf ließ uns beide zurück an die Wand springen. Die Schlacken gleich einzeln zu kühlen, wenn sie herauskommen, geht nicht, weil während des Kühlens der Heizer nicht arbeiten kann. Dann dauert das Ausschlacken zu lange, das Feuer fehlt und der Dampf geht so weit zurück, daß eine halbe Stunde wie wahnsinnig gearbeitet werden muß, um den Dampf wieder hochzukriegen. Runter geht er wie nichts, rauf nur langsam und mit mühseliger Arbeit.
Alles, was auf der Yorikke war, diente dazu, der Mannschaft Leben und Arbeit zu erschweren. Der Kesselraum war viel zu schmal. Er war viel schmäler als die Feuerungskanäle lang waren. Wenn die Schürstange also in die Feuerung gestoßen oder herausgezogen werden sollte, so mußte der Mann mit der Stange alle möglichen Wendungen und Drehungen verüben, um die Stange zu handhaben, weil sie immer gegen die Rückwand stieß. Durch diese Tänze, die der Heizer zu machen hatte, kam es nicht selten vor, daß er bald dort stolperte und in einen Kohlenhaufen fiel, bald hier. Bald stieß er sich an der Wand die Knöchel der Finger auf, bald an der Feuertür. Wenn er fiel und instinktiv nach einem Halt griff, so griff er in glühende Schlacken oder er packte die glühende Schürstange an. Es kam auch vor, besonders wenn das Schiff rollte, daß er mit dem Gesicht in die Schlacken oder auf die rotglühende Schürstange oder auf die Feuertür fiel oder mit den bloßen Füßen auf einen herausgenommenen heißen Rost oder auf heiße Schlacke trat. Mein Heizer glitschte einmal bei einem unerwartet schweren Roller des Bootes aus und fiel mit dem nackten Rücken in die weißglühende Schlacke, die vor dem Feuer lag. Totenschiff, yes, Sir. Totenschiffe gibt es, die Leichen drin machen, und Totenschiffe gibt es, die Leichen draußen machen, und Totenschiffe gibt es, die Leichen überall machen. Yorikke machte alles und alle, sie war ein gutes Totenschiff.