Part 24
Er trat vom Tisch zurück, an dem die Jäger saßen, und lehnte sich tief-verstimmt gegen den Ofen. Stumm verharrte er. Sie waren noch einmal auf Leykuhlen zurückgekommen.
»Ja, meinen Sie denn wirklich, dieser Bauernbürgermeister wäre als Abgeordneter ein Glück für den Kreis?« Der Landrat schien sich noch immer nicht von diesem Thema losreißen zu können. »Er ist doch zu wenig gebildet, zu wenig weitsichtig, zu eng!« Er sah sich um, als fürchte er einen Lauscher, und sprach dann gedämpft: »Unter uns gesagt: zu bigott!«
Schmölder lachte. »No, ’nen Zentrumsmann wählen wir ja doch! Schwarz ist Trumpf. Und da is der Leykuhlen am End ebensojut wie ’ne andere! Mir is et übrijens janz Wurscht! Ich wünscht, ich schöß diese Nacht ’ne Sechzehnender. Dat wär noch wat!« Er schlug sich aufs Knie.
»Ich meinesteils würde es für höchst bedauerlich erachten, und als ein betrübendes Zeichen für unseren Kulturzustand,« sagte Mühlenbrink scharf, »wenn man keinen anderen Mann fände als Leykuhlen. Ich lasse ihm volle Gerechtigkeit widerfahren, er hat sich ohne Zweifel so weit herausgemacht, wie sich so ein Bauer eben herausmachen kann. Aber ich bitte Sie, er ist ja ganz verbohrt. Ich nehme es ihm kolossal übel, daß er sich so gegen eine Wasserleitung sperrt, anstatt meine Bestrebungen mit all dem Einfluß, den er ohne Zweifel besitzt, aufs lebhafteste zu unterstützen. Die Typhusfälle will er nicht mit den Brunnen in Verbindung gebracht wissen – aber selbstverständlich, ganz natürlich kommen sie daher! Wissen Sie, was er mir sagte, als ich ihn deswegen interpellierte, – vor ein paar Tagen war’s – da sagte er mir: ›Wir stehen in Gottes Hand!‹ Selbstverständlich, das tun wir, aber man kann sich doch nicht einfach dabei beruhigen. Nein, mit solch einem Mann ist uns nicht gedient!«
»No, warum dann nit?« Heinrich Schmölder gähnte. »Ob der oder der! So’ne sitzen ihrer ’ne janze Meng im Reichstag und Landtag, und dat sind die schlechtesten noch nit. Wenn ich nur wüßt, wo der Leykuhlen bleibt?! Da schreit schon wieder einer – Donnerwetter!«
Er war aufgesprungen und schritt nun ungeduldig mit knarrenden Stiefeln im Zimmerchen hin und her. »Nu jeht’s aber bald los!«
Josef war an den Tisch getreten, an dem der Landrat noch sitzen geblieben war. Er wußte selbst nicht, woher ihm heute die Kampfeslust kam; er war gereizt. Er glaubte zu fühlen, daß der Bürgermeister in diesem hier einen Widersacher habe. »Leykuhlen ist mein Freund,« sagte er, »und ich glaube ihn besser zu kennen als Sie, Herr Landrat – pardon! Sie sehen ihn eben nur vom geschäftlichen Standpunkt aus, ich aber doch noch von einem anderen. Er ist der beste, selbstloseste, edelste Mensch, den ich kenne. Und bei all seiner anscheinenden Rückständigkeit von einem scharfen und klaren Verstand!« Immer lauter erhob er die Stimme. »Wenn Leykuhlen nicht wie einer dazu berufen ist, hier den Kreis zu vertreten, dann will ich nicht schwarz von weiß mehr unterscheiden können! Leykuhlen, der Land und Leute so genau kennt wie sonst keiner, der sie so liebt, ist der berufene Mann, er –«
»Dank dir, Josef,« sagte jetzt draußen eine Stimme. Es pochte an den vorgelegten Laden, und gleich darauf trappte der starke Schritt einer nägelbeschlagenen Sohle in den Flur.
»Da ist er!« Lebhaft eilte Josef zur Tür.
Leykuhlen trat ein: »’n Abend zusammen!« Er begrüßte die Anwesenden ganz ohne Verlegenheit. Sein Gesicht war gerötet von der starken Luft und angeregt durch einen weiten und scharfen Gang; seine Augen waren hell, es war eine tief-innere Genugtuung und Freudigkeit, die aus ihnen strahlte. Er sah um Jahre jünger aus, als zur Zeit der Dürre. Einen Strom von Frische brachte er mit ins verqualmte Zimmerchen.
»Sie kommen ja so spät?« brummte Heinrich Schmölder.
»Ich bin pünktlich, Herr Schmölder. Hier« – er hielt die Uhr hin – »Schlag neun. Ich wär aber schon wat eher dajewesen, wenn ich den Bräuer nit anjetroffen hätt. Wir haben lang jestanden. Der Mann will weg. Er wollt schon zum Oktober, aber sie haben ihn noch nit jelassen. Nu jeht er April!«
»Ich weiß schon, ich weiß schon!« Der Landrat nickte. »Schade, jammerschade! Die Sache ging unter ihm so wundervoll voran. Er war ganz der Mann, den wir brauchen. Wenn wir ihn nur halten könnten!«
»Den halten Sie nit!« Leykuhlen lachte. »Den zieht dat Weib. Sie müssen schon suchen, ’ne andere zu finden!«
»Aber wo?« Der Landrat seufzte und stützte bekümmert den Kopf: die Kolonisation lag ihm doch so am Herzen, hatte ihm so ganz besondere Freude gemacht, einen zweiten Bräuer, der das Gesindel so famos in Ordnung und so zur tüchtigen Arbeit anhielt, fand man so leicht nicht wieder!
»Ich finde ihn roh,« sagte Josef; er gedachte des blassen Sträflings und der Schimpfworte des Aufsehers. »Etwas mehr Milde in der Behandlung könnte nichts schaden. Man schickt doch die Leute hierher, nicht allein, daß sie wie Lasttiere arbeiten, arbeiten, und immer wieder arbeiten, sondern auch, daß sie durch dieses Leben ganz in und mit der Natur selber einen Vorteil haben – innerlich. Diese armen Kerle! Wieviel Qual, wieviel Verzweiflung mag sich unter diesen wehenden Leinenkitteln bergen! Wenn ihnen diese große, ungehindert-strahlende Sonne täglich ins Gesicht scheint, ob sie ihnen da wohl zuletzt auch ins Herz scheint? Ich hoffe. Manches Dunkel wird sich da lichten. Und diese vielen Blumen, die auf der weiten, duftenden Vennheide blühen, blühen sie nicht auch für sie, für die, denen sonst keine Blume blüht in der Welt der sogenannten Kultur, von deren Segnungen sie wenig, von deren Nachteilen sie desto mehr verspürt haben?! Nein, dieser Bräuer sollte nicht so grob schreien – es verletzt!« Josef hielt sich die Hände gegen die Ohren; noch immer gellte ihm der barsche Ton des Aufsehers darin. »Achtung vor diesen Leuten! Auch sie sind Kulturbringer. Wir dürfen sie nicht gering achten!«
»Sie sind ein Dichter!« Der Landrat lächelte ein wenig maliziös.
Leykuhlen legte dem heiß und rot Gewordenen die Hand auf die Schulter: »Dat is sehr nett von dir, Josef, dat du Mitleid mit den Leuten hast, und dat du so en jute Meinung von unserm Venn hast. Ich bin kein Dichter, ich muß dir sagen: mir wär et lieber, wir hätten die Nachbarschaft nit. So ’ne Sträfling!« Er zuckte die Achseln. »Unsere Heckenbroicher hatten bislang noch keinen zu sehen jekriegt. Und wat wußten unsere Leut von all den Verjehen und Verfehlungen, von all den Sünden, die sich jetzt da oben anjesammelt haben wie ’ne Haufen Unflat. Jeh mir, Josef, mit deinen Kulturbringern! Überhaupt, Kultur – wat redt man jetzt doch immer so viel von Kultur?! Dat is jetzt so’n Schlagwort!« Er kehrte sich gegen Mühlenbrink: »Sie jebrauchen dat auch immer, Herr Landrat! Die höchste Blüte der Kultur ist die christliche Religion, Herr Landrat!« Er hatte das ganz ruhig gesagt, aber mit einer gewissen triumphierenden Freudigkeit.
Und diese reizte den Landrat. Er fuhr auf: »Natürlich, von Ihnen habe ich das ja gar nicht anders erwartet, von Ihnen, der Sie prinzipiell gegen jeden Fortschritt sind, sei’s wo es sei, in wirtschaftlicher wie in geistiger Beziehung! Sie =wollen= ja gar keine Aufklärung. Ebenso wie Sie an Ihren licht- und luftraubenden Hecken festhalten, ebenso halten Sie krampfhaft die Schranken aufgerichtet gegen jedes geistige Moment!«
Der Bürgermeister lächelte. »Warum soll ich dat nit tun, Herr Landrat? Sagen Sie mir, wat wir eintauschen, Herr Landrat? Wenn dat den Eintausch wert is, dann will ich Ihnen jern recht jeben. Ich bin nit verbohrt!«
»Doch sind Sie das!« Der Landrat wurde blaß und dann glühend rot. »Sie lassen es ja auch noch zu, ja, Sie begünstigen es sogar – o, ich weiß es wohl – daß man bei Ihnen nach Echternach springen geht. In Heckenbroich läßt man sich nicht genügen mit Mariawald, mit Heimbach und anderen Wallfahrtsorten hiesiger Gegend, man pilgert sogar bis nach Echternach, um da zu springen. Springprozession – eine Sache, die mir und auch anderen guten Katholiken eher ein peinlicher Anstoß ist als eine Erbauung! Wir dürfen uns doch nicht ins dunkle Mittelalter zurückschrauben. Das geht einfach nicht!«
»Dat wollen wir auch jar nit! Aber wenn Sie wüßten, wat für ’ne Segen Echternach in diesem Fall – wir können nur von einem Fall sprechen, nur die Barbara Huesgen aus unserem Dorf ist springen gewesen – wat für ’ne Segen Echternach für die Leut jeworden is, Sie würden nit von Mittelalter und von Dunkelheit sprechen. Aber sei dem wie ihm sei,« – der Bürgermeister machte mit seiner großen Hand eine entsprechende Bewegung – »et kömmt mir nit zu, zu trennen: hier Jlaube, da Aberjlaube – hier fängt dat Wunder an und da der Humbug – spotten is immer billig, und mer hat noch die Lacher auf seiner Seit – ich sag nur: der Jlaube macht selig! Und der Jlaube schafft auch Wunder. Und hier hat er en Wunder jetan. Den Huesgen ihr Dores, en blöd, armselig Jüngelchen, von Krämpfen heimgesucht, von klein an en Plag für die armen Leut, für den dat brave Mädchen in rührender Schwesterlieb springen gewesen is nach Echternach, den hat der Heilige nun zu sich jenommen in die Seligkeit. Und die Leut leben nun auf, die Mutter is jesund« –
Ein lautes Aufschluchzen unterbrach plötzlich Leykuhlen. Bäreb war eingetreten, ungehört; sie hatte melden wollen, daß der Waldhüter draußen sei, um nun mit den Herren zu gehen. Niemand hatte ihrer geachtet; selbst Schmölder, trotz seiner Jagdunruhe, hatte aufmerksam dem Bürgermeister gelauscht. Nun schraken sie alle zusammen, die Tür klappte hastig zu.
Was hatte denn die Bäreb?! Josef eilte ihr nach. Als er den dunklen Flur entlangtappte mit ausgestreckten Händen, fühlte er sie an der Wand stehen, die Stirn gegen die kalte Mauer gelehnt.
»Bäreb, warum weinst du? Bäreb, was ist dir?!«
Aber sie gab keine Antwort. Förmlich besorgt wurde er; sie weinte wie aufgelöst, wie hingenommen von einer großen seelischen Erschütterung.
»Bäreb, was ist dir geschehen? Hat dir jemand etwas zu leid getan? Hast du Heimweh bekommen? Weinst du um das verstorbene Brüderchen? Bäreb, Kind, Mädchen, so sage es doch!« Er bedrängte sie förmlich; dieses Weinen ängstigte ihn.
Aber eine Antwort, die er verstand, bekam er doch nicht. Sie stieß nur hervor unter einem zitternden, wie befreienden Atemzug: »Och, oß Burjermeester, oß Burjermeester! Och, dat is ’ne Mann! De weiß doch alles! Oß Doresche, oß Doresche, dem jeht et jo nu esu jot. Et hat ihm doch jeholfen! Et hat ihm doch jeholfen! Jelobt seist du, heiliger Willibrord!«
Das klang ja unter bitterem Weinen wie heller Jubel?! Merkwürdig! Aber er war froh, daß sie sich nun beruhigte. Mit der Schürze wischte sie sich die Augen aus; und als sie dann hineinging, um noch einmal den Waldhüter zu melden, strahlte ihr hochgerötetes Gesicht von einer so großen Freude, als ob sie ein seliges Glück zu verkünden hätte.
»Hübsches Mädel,« sagte Scheffler, sie fixierend.
Heinrich Schmölder rief sie zu sich heran und kniff ihr die Wange: »No, Mädchen, wie jefällt et dir dann hier oben?«
»O, Herr Schmölder, de Herr Josef is jo esu jot!«
Da wollte sich Heinrich halbtot lachen. »Na, na!« Er drohte dem Vetter. »Du du, sei nur nit zu jut, du alter Schwernöter!«
Josef wollte aufbrausen, aber Leykuhlen kam ihm zu Hilfe: »Ärger dich nit, Josef! Sehen Sie, Herr Landrat,« – er kehrte sich zu diesem hin und reckte seine hohe Gestalt wie in stolzer Zuversichtlichkeit noch höher – »sehen Sie, wo anders könnt dat wohl nit jut sein, en jung Mädchen unter so ’nen Verhältnissen hier oben. Aber bei uns braucht mer nit bang zu sein. So wat is ausjeschlossen bei uns, – wir haben eben =unsere Kultur=!«
»Ja, du hast recht, Bärtes!« Josef legte ihm den Arm um die Schultern. »Das ist ein Mädchen, so lauter, so rein, so unberührt wie euere Natur hier – die Natur selber! Geht mir mit euerer Kultur!« Enthusiastisch streckte er die Hand aus. »Was war ich denn da unten? Hier bin ich erst Mensch geworden im höheren Sinne. Hier liege ich an der Brust der Natur und gesunde. Du hast recht, Bärtes, daß du dich wehrst gegen alles von außen! Ihr sitzt hinter eueren Hecken – mit beschränktem Horizont, das will ich zugeben – ihr wißt nichts von der Welt da draußen, aber ihr habt eine andere Welt hinter eueren Hecken, eine reinere, edlere. Laßt euch die Hecken nicht niederreißen, erhaltet sie mit Bedacht! Was gibt man euch denn für die Reinheit euerer Herzen, für die Einfalt euerer Sitten, für die Zufriedenheit eueres Lebens?!«
»Und für die Jewißheit, zur ewigen Seligkeit einzujehen,« schloß Leykuhlen lächelnd. »Mehr Kultur, denk ich, tut niemandem nötig, Herr Landrat!«
XIV
Nun waren sie wieder allein. Josef sagte es sich mit tiefem Aufatmen; aber ein bitterer Nachgeschmack war ihm doch geblieben, er konnte sich nicht mehr mit so reinem Gefühl wie bisher dem Frieden des Lebens hier hingeben.
Wie geschmacklos von Heinrich, ihm noch beim Aufsteigen auf den Wagen, als er Abschied nehmend am Tritt stand und Bäreb in der Tür, mit dem Finger zu drohen und dann nach dem Mädchen hinzublinzeln: »Vorsicht, alter Junge!« Und dieser Scheffler hatte dazu gegrient. Gräßlich, gräßlich! Ein Glück, daß die Bäreb Heinrichs Anspielung nicht verstanden hatte!
Sie war unbefangen wie immer. Aber Josef war es nicht mehr. Fast scheu ging er ihr aus dem Wege. Warum kam sie denn immer herein und störte ihn und wollte schwatzen?! Er wollte nichts wissen. In Ruhe lassen sollte sie ihn! Zum ersten Mal, seit sie miteinander hausten, fuhr er sie unwirsch an, und hernach tat es ihm doch wieder leid; es kam ihm vor, als hätte sie rotgeweinte Augen. Er entschuldigte sich. Aber da stellte es sich heraus, daß sie gar nicht deswegen geweint hatte. O, der Herr Josef konnte schelten mit ihr, soviel er wollte, der war wie ihr Vater! Dabei sah sie ihn mit ihren schönen Augen so treuherzig an, daß ihm das Blut zu Kopf schoß. Sie war wirklich rührend in ihrer Demut; aber zugleich ärgerte er sich, daß sie ihn auf dieselbe Stufe mit ihrem Vater stellte: zählte er auch vielleicht an Jahren nicht viel weniger als der Weber, es war doch etwas anderes mit ihm als mit diesem abgearbeiteten, verbrauchten Manne! Unwillkürlich richtete Josef seine schlanke, noch sehr elastische Figur stramm auf und strich den Schnurrbart, dessen Blond noch nicht wie das des Kopfes mit Grau untermischt war. Wenn sie nicht deswegen geweint hatte, warum denn? Da errötete sie und stammelte verlegen, daß sie gern wieder einmal herunter zu den Ihren möchte. Und vor allem in die Kirche. Nun, seit sie den Bürgermeister gesehen und gehört hatte, standen das Dorf mit seinen Hecken, das Elternhaus mit all den Geschwistern, die Kirche mit ihrem Turm, so lebendig vor ihr, daß es sie zog an Händen und Füßen. Die Tränen kamen ihr schon wieder.
Da stieß er rasch heraus: »Geh, geh, wenn du willst, ich habe dir doch nichts in den Weg gelegt. Geh!« –
Sie war am Sonntag aufgebrochen in aller Morgenfrühe, noch war es nicht hell. Er hatte sie aufstehen hören und in der Kammer hin und her gehen. Es war ihm ganz recht, daß sie fortging; nun genoß er doch einmal die Einsamkeit ganz, aber auch ganz ungestört, in so vollen Zügen, als wäre die Natur nur einzig für ihn allein da. Er blieb noch eine Weile liegen. Sonst störte ihn oft am Morgen ihr Klappern in der Küche, das Knarren der Kaffeemühle, das Klirren der Herdringe; heute hörte er nichts. Nicht ein Atemzug war im Haus. Heute hätte er schlafen können bis in die Unendlichkeit, aber heute konnte er nicht. Gähnend raffte er sich auf: rasch nur jetzt auf und heraus! Die Sonne schien, es war noch ein guter Tag. Und im Hause würde es heute wohl etwas frostig sein?! Aber als er ins Wohnzimmerchen kam, knisterte dort das Feuer, und in der Küche stand der Kaffee für ihn warm. Es war alles wie immer, nur das bräunliche Gesicht mit den schwarzen Augen fehlte, das ihm sonst alle Morgen zulächelte. Wie sehr man sich an jemanden gewöhnen kann!
Den ganzen Tag trieb sich Josef draußen umher. An das Essen dachte er nicht; sie hatten zwar gestern verabredet, daß es Bäreb in die Herdröhre setzen sollte, aber er vergaß es. Nun war er Robinson, nun lebte er auf einer wüsten Insel; er hatte sich das als Knabe immer gewünscht. Und doch sollte das knabenhafte Entzücken sich heute nicht mehr einfinden. Wohl fühlte er einen Schauer, als er allein, ganz allein auf dem kleinen Wiesenplan stand – weltenfern die Stätten der Menschheit – als er, einsam unter den schwarzen Tannen dahinschreitend, deren Wurzeln tief ins Moor hinabreichen, sich sagen konnte: wenn du jetzt rufst, es hört dich keiner! Aber es war ein leises Unbehagen in diesem Schauer.
Huh, war das eine Öde! Er war durch eine Lücke aus den Tannen heraus ins Freie getreten. Hier war die Jagdkanzel oben auf dem Baum, von hier aus hatte Heinrich neulich den großen Hirsch geschossen, als er draußen im offenen Venn stand und ins Freie orgelte. Ein Blitz, ein Knall, das Tier hatte das stolze Haupt geschüttelt – ein Satz – hier, hier hatte es sich noch davongeschleift, eine tiefe Spur hatte der schwere Leib im Gestrüpp gezogen. Noch jetzt, nach Tagen, sah man die Fährte hundert Ellen weit. Und hier war der Hirsch zusammengebrochen. Ein brillanter Schuß. Der glückliche Schütze hatte gar nicht genug damit prahlen können.
Josef sah den getrockneten Schweiß auf dem Moos und wendete sich rasch ab; die Lust war ihm vergangen, hier zu spazieren. Er kehrte in den Tannenwald zurück. Aber aus dem Dickicht wechselte plötzlich eine Wildsau, und wenn er sie auch nicht fürchtete, es war doch kein angenehmes Gefühl, ohne Flinte, ohne jegliche Waffe, selbst ohne Stock zu sein.
Wohin er sich heute auch wendete, es behagte ihm nicht. Er war unruhig, unzufrieden, von einer Nervosität befallen, die ihn bisher auf der Fangeuse nicht heimgesucht hatte. Das war ja noch dieselbe unendliche Weite, die wie die Heide der Niederung erscheint, fast flach, nur leise wellenförmig bewegt, und auf der man doch nie vergißt, wie hoch, hoch oben man ist. Blauer Horizont grenzte ihr purpurnes Braun ein. Und dahinten, da weit, da ganz unten waren die Berge, die Flüsse, die Täler, Menschen wohnten da, lachten und freuten sich, kämpften und litten! Das war alles noch wie sonst. Hier war nur die Einsamkeit. Aber sie ging wie eine graue Frau mit gesenktem Kopf über das dämmernde Moorland und wob am Netze der Schwermut, dem niemand entrinnt.
Josef fühlte eine tiefe Bangigkeit. Er stand und starrte, hätte sich gern losgerissen und konnte doch nicht. Es saugte ihm etwas an der Seele. Langsam, wie mit geschlossenen Füßen, schob er sich voran.
Ein Stein lag mitten im Heidebraun, halb eingesunken, und doch noch fast so groß wie ein Haus. Es gab deren viele im Venn, sie sollten einstmals vom Himmel heruntergefallen sein. So sahen sie auch aus; hingeschleudert, hingeworfen von Riesen in plötzlichem Unmut. Er kroch auf den lagernden Block, den Regen und Stürme geschliffen hatten, setzte sich oben nieder und starrte ins Weite. Eine ununterbrochene Kette von Gedanken, deren Schlußglied sich nicht einfand, umschlang ihn quälend.
Was sollte werden? Ewig konnte er doch nicht hier oben bleiben, denn wenn Bäreb einmal fortging von ihm, dann blieb auch er nicht mehr auf der Fangeuse. Nein! Er schüttelte, die Stirn in viele Falten ziehend, den Kopf, und dann lächelte er wehmütig: sie würde ja einmal fortziehen, sie mußte doch heiraten, solche Mädchen heiraten immer. Ob sie heute recht glücklich war unten bei den Ihren? Sicherlich. Er hatte ihr Geld geschenkt; das würde sie nun der Mutter schenken, und den Geschwistern würde sie etwas mitbringen, ihnen kaufen, was sie nur Schönes im Dorfladen fand. Es würde da unten ein Jubel sein. Er fühlte fast Neid: schade, daß er das nicht mit ansehen konnte! Bäreb konnte sich freuen wie ein Kind, nicht ganz so laut und nicht so heftig mehr, aber ganz so unbefangen.
Ein plötzliches Frösteln überfiel ihn: huh, war das kalt! Nun fühlte er, daß er ganz erstarrt war, Hände und Füße waren wie abgestorben; der Vennatem hatte ihn durchhaucht. Durch die graue Luft kam’s angeflattert mit klatschendem Flügelschlag und klagendem Ruf. Das waren die Moorhühner – schwerfälliges, träges Gevögel – sie strichen ihm um den Kopf, trübselig und graufarben wie Venn-Gedanken. Er sprang auf. Die Heide hatte abgeblüht, dahin war der Schimmer. Fort, nur fort, daß er aus der endlosen Weite fortkam zu begrenzterem Raum! Er kniff die Augen zu. Hier war zu viel Raum, zu viel Endlosigkeit. Er ertrug sie heut nicht.
Wie ein Zerschlagener kam er heim. Und dann fing die Ungewißheit an, ihn zu peinigen: ob sie nun bald kam, oder erst spät auf den Abend? Oder ob sie gar am Ende erst morgen früh wiederkam? Wer weiß, die Ihren hatten sie nicht mehr fortgelassen, es ward ja schon dunkel! Er sah nach der Uhr. Wenn sie nun nicht bald kam, ging er noch einmal hinaus und ihr entgegen.
Der Wind, der den Tag über geweht hatte, war zum Sturm geworden. Mit einer Gewalt schnob er von Westen her, daß selbst die Hecke, so dicht gefügt sie auch war aus armesdickem Astwerk, ihn nicht abhalten konnte. Das Haus erzitterte, die Türen sprangen auf, im Schlot erhob sich ein Winseln und Heulen. Die Tannen ächzten; man hörte ihr Stöhnen bis hinein ins Zimmer.
Der Einsame stand am Fenster und versuchte, den Himmel zu beobachten, aber die ragende Hecke schnitt ihm jeden Ausblick ab. Im Zimmer war es dunkel und dunstig. Rastlos schritt er auf und nieder; ihm war bange. Eine dumpfe Traurigkeit schien über diesem Erdwinkel zu lasten, eine plötzliche Trostlosigkeit machte seine Seele erschauern; wie gejagt, wie vor sich selber fliehend, stürzte er zur Tür, er riß sie auf: draußen konnte es ja nicht unerträglicher sein! Aber ein Zugwind klatschte sie wieder zu. Er saß drinnen wie gefangen. Es fing an zu regnen. Er hörte die gepeitschten Tropfen hart gegen die dürre Hecke rasseln. Da war nun auch bald das letzte Blatt heruntergeschlagen, Sommer und Herbst waren hin, der Winter war da – wie würde er ihn überdauern?!
Zum ersten Mal kam auch ihm der Zweifel, den alle anderen schon vor ihm gehabt hatten: würde er’s auch aushalten hier oben?! Er lehnte sich niedergeschlagen gegen die kalte Wand im dunklen Flur und seufzte. Eine lange, lange Reihe öder Tage gähnte ihn an – da hörte er plötzlich draußen, in der atemschöpfenden Stille zwischen zwei lärmenden Windstößen, einen hurtigen Tritt. Die Tür flog auf, Bäreb wehte herein mit zerzausten Haaren, das bunte Kopftuch im Nacken, durchnäßt, erhitzt.
Ihre Augen strahlten ihn an, der dunkle Flur war auf einmal nicht mehr so dunkel. »Do bin ich, Hähr Josef!«
Er konnte nicht an sich halten – er war ja so froh, sie wieder zu haben – er riß sie heftig mit beiden Händen zu sich heran und küßte sie.
Sie ließ sich den Kuß gefallen; sie leistete nicht den geringsten Widerstand, als er hastig, wie verdurstet, seine Lippen auf ihren Mund drückte. War dieser Mund frisch, den hatte noch kein anderer vor ihm berührt! Das Blut stieg ihm siedend zu Kopf, er fühlte sich auf einmal wie neu belebt, verjüngt – – – aber dann wich ihm alles Blut jäh aus dem Gesicht zurück: nein, das durfte nicht sein, dieses Mädchen durfte er nicht küssen! Alle, alle Mädchen der Welt, es war kein Unrecht dabei; aber diese, diese hier nicht!
Mit Mühe unterdrückte er das Beben seiner Stimme und zwang sich zu ruhigem Ton: »Nun, mein Kind, war’s schön zu Haus?« Und dann drehte er sich von ihr ab, ging zur Stube hinein und machte die Tür hinter sich zu.
Aber sie kam ihm nach. Ihr Herz war zu voll, sie mußte es ihm erzählen, wie gut es der Mutter jetzt ging, wie das Kleine trefflich gedieh, wie die Maiblum so reichlich Milch gab, daß sie alle Tage Suppe kochen konnten, und daß Kathrinchen vom reichen Adams außer den Schuhen noch ein Extratrinkgeld bekommen hatte, weil von den Kühen, die sie ihm im Sommer hüten gegangen, keine, aber auch gar keine zu Schaden gekommen war. Nun konnte das Kathrinchen nicht mehr hüten, nun ging es wieder in die Schule. Und auf des Dores Grab war ein Kreuzchen gekommen, darauf stand zu lesen:
›Vater, Mutter, tröstet euch, Ich bin jetzt im Himmelreich!‹