Das Kreuz im Venn

Part 23

Chapter 233,899 wordsPublic domain

Mit einem großen Wohlgefallen blieb Josef wach. Sonst war er ungeduldig, schier verzweifelt, wenn er nicht schlafen konnte, heute wachte er gern. Er malte sich das Leben hier aus, so schön, daß er selber kaum daran glauben konnte. Alle Tage in Frieden, kein Genörgel von Heinrich – die paar Tage, die er zur Jagd heraufkommen wollte, würden sich schon überstehen lassen – gar nichts von dem Spießbürgertum der kleinen Stadt, von den alltäglichen Sorgen und Besorgungen der Hausfrauen, die die gute Sophie so gern umständlich besprach. Hier war er all das los. Die Bäreb würde ihn nicht weiter stören. Mochte sie machen, was sie wollte! Sie hatte ihm zwar am Abend eine Suppe vorgesetzt, vor der ihm noch grauste; aber er hatte sich mit Brot und Schinken begnügt und die Suppe verstohlen zum Fensterchen hinaus zwischen die Hecke gegossen. Er wollte sie doch nicht kränken. Mochten die Mäuse des Feldes und die Raben, die, seit wieder Menschen eingezogen waren, über der Fangeuse lauerten, sich die Brocken herausholen!

Bäreb hatte sich augenscheinlich gefreut, daß er so viel von ihrer Suppe gegessen hatte. Sie schaffte voller Freudigkeit im Haus. Kaum, daß sie vom Wagen gestiegen waren und der Knecht die verschlossene Haustür und die verrammelten Läden geöffnet und all das Gepäck abgeladen hatte, hatte sie in der Küche ein Feuer angezündet, Wasser vom Brunnen herangeschleppt, das Kleid geschürzt, die Ärmel aufgestreift und angefangen zu scheuern. Die Möbel standen alle an ihrem Platz, aber dicker Staub lag auf ihnen; die Fensterchen waren blind, nicht zum Durchsehen. Der Kutscher hatte ihr bei der Arbeit geholfen, und während die beiden so schafften, war Josef hinausgegangen und hatte sein Reich umkreist in immer weiteren Kreisen. Er konnte sich nicht satt sehen an dem blauen Duft der Ferne, in dem tief unten, meilen- und abermals meilenweit, weit jenseits der Grenze, die belgischen Städte und Städtchen auftauchten, wie weiße Flecke, beglänzt vom Sonnenschein. Alle sah er sie, und sie sahen ihn doch nicht.

Als er endlich zurückkehrte ins Haus, war der Kutscher fort. Das war ihm gerade recht, er wollte kein Alltagsgesicht mehr hier sehen; er hatte Feiertag gemacht. In der Stube prasselte ein Reisigfeuer, träumend saß er davor und sah die Funken springen.

So hatte er den ersten Abend hingebracht; er wußte nicht, daß es schon fast Mitternacht war, als er endlich zu Bett ging. Noch immer schaffte die fleißige Bäreb. Sie schlief dann aber auch gut. Die Zwischenwände im Haus waren nur dünn, er hatte ihre tiefen, ruhigen Atemzüge gehört.

Und die hörte er jetzt alle Nacht. Sie mischten sich mit dem Rauschen der Tannen, mit dem Säuseln in der Hecke; er hätte nicht ruhen können, hätte er sie nicht mehr gehört. Am Tage wurde er wenig von dem Mädchen gewahr. Er war immer draußen; die Tage waren so schön, herbstlich klar und doch noch so warm hier oben, weil die Sonne hier am frühesten kam und am spätesten ging. Wenn unten die Schatten schon düsterten, war sein Wiesenplan noch golden beglänzt; er bedauerte alle, die da unten hausen mußten. Aber lagern konnte man nicht mehr draußen, die Wiese war Moorgrund und blieb tief innen feucht trotz aller Bestrahlung. Er hatte es Bäreb anfänglich nicht geglaubt; er hatte sich hingelagert, zwar auf seinem Plaid, aber der hatte doch nicht verhindern können, daß er Schnupfen bekam und Reißen in allen Gliedern. Doch diese Stunden, auf dem derb-duftenden Wiesenplan in der Sonnenflut verdämmert, waren es wert gewesen.

»Ihr müßt ens schwitze, ich will Uech ’ne Tee holle jonn,« sagte Bäreb, als er nieste und sich mit einem ›Au!‹ den schmerzenden Rücken hielt.

Das war das erste, was ihn hier oben verstimmte. So alt war er denn doch nicht, daß sie ihm Tee zum Schwitzen kochen mußte! Oder ergriff sie die Gelegenheit gern, um herunterzukommen, war’s ihr schon zu langweilig hier oben bei ihm? Er fragte es in gereiztem Ton.

Sie sah ihn groß an: warum sollte sie nicht gern hier oben sein? Es ging ihr ja gut!

War es ihr denn nicht zu einsam?

Einsam?! Sie sah ihn wieder verständnislos an, und dann lachte sie: »Mir sein dat jo jewent. Un Ihr seid jo ooch do!«

Das versöhnte ihn. Aber er nahm sich doch vor, sich etwas mehr um sie zu kümmern, mehr mit ihr zu sprechen als das Allernotwendigste. Sie war so jung, immer allein – wer weiß, sie konnte doch Heimweh bekommen! Oder am Ende bändelte sie aus langer Weile mit einem der Grenzjäger an, die zuweilen hier vorüberstrichen.

So kam es, daß, als die Abende so früh herabsanken, daß sie lang erschienen, Bäreb beim Herrn in der Stube saß.

Sie hatte es anfänglich nicht gewollt, in der Küche gefiel es ihr sehr gut. Aber nachdem sie ihre Scham überwunden hatte, erschien sie jetzt jeden Abend mit ihrem Strickzeug und setzte sich auf die Bank unterm Fenster.

Er las. Zweimal die Woche brachte der Landbriefträger Zeitungen. Es war eigentlich rührend von Sophie, daß sie die für ihn sammelte und dann einen ganzen Packen heraufschickte! Aber er wollte ja gar nichts wissen von der Welt. Und doch griff er aus Gewohnheit danach. Wenn er glaubte, etwas gefunden zu haben, was auch Bäreb interessieren konnte, las er es laut; sie saß ganz still, aber bald merkte er, daß sie doch nicht zuhörte. Und an einem Abend schlief sie über seinem Lesen ein. Fast freute er sich darüber: ja ja, sie sollte lieber ganz so bleiben, wie sie war, das war ihr größter Reiz! –

In den Wochen, die er nun schon oben wohnte, hatte Josef außer mit Bäreb nur noch mit Bräuer gesprochen. Auf einer weiten Streiferei war er bis in die Nähe der Kolonie gekommen; sein altes Interesse für die Sträflinge erwachte wieder. Die gehörten ja nicht zur Welt, die standen jenseits. Er sah ihnen lange zu. Sie beachteten ihn nicht; selten, daß einer oder der andere sich aus seiner gebückten Haltung aufrichtete, die heruntergerutschte Hose mit beiden Händen heraufzog und so ein paar Minuten, umflattert von den Fetzen des Kittels, stehen blieb und nach ihm hinblickte. Wie die Scheuchen sahen die Kerle aus! Ob sie denn nicht bald wärmere Kleidung bekamen?

Besonders der eine, ein schwächlicher Mensch mit käsigem Gesicht, mit abstehenden Ohren unter kurzgeschorenen rötlichen Stoppeln, schien einer wärmeren Jacke bedürftig. Er fiel Josef auf. Wie heiser der Mensch hüstelte! Aber Bräuer wollte nichts von wärmerer Kleidung wissen. Es war ja noch gutes Wetter, wie sollten sie denn den Winter hinbringen, wenn man sie jetzt schon verzärtelte?! Er war überhaupt abweisend. War das noch derselbe Mann, mit dem er im Frühjahr so eingehend über die Gefangenen und das Kolonisationswerk gesprochen hatte? Jetzt schien er verdrossen.

Fast feindlich blickte er, als Josef es wagte, ihn zu fragen: »Sie sind wohl nicht gern mehr hier?«

»Sein Sie erst en Zeitlang hier, dann fragen Sie nit mehr so dumm!« Und dann schrie er übers Venn, daß es hallte: »He, halt, wohin will denn der Rotfuchs? Zusammenjeblieben! Hier wird sich nit von der Arbeit jedrückt! Verfluchtes Luder, fauler Schlingel!«

Der blasse Mensch mit den roten Haaren fuhr erschrocken zusammen; er hatte sich ein wenig von den anderen entfernt. Hatte er sich davonmachen wollen? Jetzt kam er wieder angetrottet, den Kopf gesenkt, und nahm die Arbeit wieder auf.

Sie schaufelten tiefe Gräben aus, in denen man sie kaum sehen konnte, wenn sie darin standen; es sollten Drainröhren hineinkommen noch diesen Herbst. Die Arbeit eilte.

Als Josef nach Haus spazierte, fröstelte ihn. Der Wind schnob schon kräftig, obgleich die Sonne noch warm war. Überall im Venngras blickte es rot von den korallenen Träubchen der Preißelbeeren, in dichten Gebinden, Büschelchen bei Büschelchen, faßten sie alle die Rinnsale und Rinnsälchen ein, die jetzt reichlich sickerten. Der ganze Grund war naß, man mußte sich hüten, den schmalen Pfad zu verfehlen; ein Tritt daneben und man sank knöcheltief. Josef mußte ab und zu einen Anlauf nehmen und eine Lache überspringen; dann schwankte der Boden jedesmal unter ihm, die tiefen Tappen, die sein Tritt machte, füllten sich rasch mit Wasser. Hätte er den Umweg der Fahrstraße nicht gescheut, er wäre bequemer gegangen, aber es reizte ihn, das Venn zu durchqueren. So lief man geradewegs auf die Fangeuse zu und auf die Grenze. Die Sträflinge hatten es doch eigentlich recht bequem, eine halbe Stunde hinter der Fangeuse, und man war überm Grenzfluß. Aber man hatte noch von keinem Fluchtversuch gehört. Ja, Bräuer war wohl der Mann, sie zu hüten. Aber ein harter Mensch, ein grausamer Mensch. Wie er den armen blassen Kerl angeschrieen hatte!

Ein Gefühl der Trauer beschlich den einsam Wandernden. Hier war nun die Natur, rein, groß, unverfälscht – noch ganz Natur – nichts von dem kleinlichen Gewese der Menschen, nicht ihre Wohnstätten mit Rauch und Geschrei. Eine Stille, hehr, überwältigend, fast erdrückend in ihrer Majestät. So mußte die Erde gewesen sein, als es hieß: ›Sie war wüst und leer‹, und als Gott sprach: ›Es werde Licht!‹ Und doch war auch hier schon vom Leid der Menschheit hergedrungen! Josef konnte die Jammergestalt des Sträflings nicht vergessen.

Naß, müde, etwas verstimmt kam er auf der Fangeuse an. Er traf Bäreb vor der Tür. Sie hatte Preißelbeeren gesammelt, einen mächtigen Steintopf voll; nun saß sie außen an der Hecke und verlas sie. Den schwarzen Kopf hielt sie emsig über das leuchtende Rot in ihrem Schoß geneigt; eine weiße Katze, die sich halb verhungert im Holzstall vorgefunden hatte, rieb sich schnurrend an ihrem Ärmel.

Josef stand unter den Tannen und betrachtete sie verstohlen eine lange Weile. Halblaut sang sie vor sich hin. Sie hatte nicht dieselbe Stimme wie Kathrinchen – unwillkürlich mußte Josef der leichten, hohen Kinderstimme gedenken, die er in Leykuhlens Flur gehört hatte – der Erwachsenen Stimme war rauher, tiefer, aber es war trotzdem etwas darin, was an des Kindes Stimme erinnerte. Sie war ja auch noch ein Kind, ein unschuldiges Kind! Er betrachtete sie mit Wohlgefallen, und sein Gesicht erhellte sich.

Seine Stimme klang heiter, als er sie anrief: »He, Bäreb!«

»Seid Ihr et?« Sie lächelte, ohne zu erschrecken, und ohne den über die Beeren geneigten Kopf zu heben. »Joht als erein!«

Drinnen fand er schon den Tisch gedeckt, das Feuerchen knistern und seinen Sessel, den einzig bequemen, der im Hause war, zum Feuer gerückt. Wie gut sie für ihn sorgte! Ein Gefühl der Rührung beschlich ihn: ja, er hatte ihr wirklich zu danken, ohne sie hätte er doch nicht hier sein mögen! Dann wäre es doch sehr einsam gewesen auf der Fangeuse.

* * * * *

Die Hirsche schrieen. Nun war es völlig Herbst. Nebelschwaden lagerten auf dem Wiesenplan, der Wind hatte genug zu tun, sie aufzustöbern und den schwarzen Tannen wie Schleier an die Zacken zu hängen; erst die Mittagssonne verjagte sie ganz. An Tagen, an denen die Sonne nicht schien, verschwanden die Schleier nicht, dann blieben sie hängen von Morgen bis Abend.

Bäreb sang schallend in der Küche; ihr machten die Nebel nichts, sie kannte die. Aber Josef saß verdrießlich innen; er konnte nicht heraus, der nasse Nebel legte sich ihm unangenehm auf die Brust. Er dachte daran, daß jetzt Heinrich bald heraufkommen würde. Und das war auch ganz gut! Aus dem Fensterchen vor Bärebs Kammer, vor dem in der Hecke ein kleiner Durchschlag war, hatte Heinrich früher einmal einen Hirsch geschossen, einen Vierzehnender, der im Sternenschein auf der Wiese stand und in die Tannen hineinschrie.

Brunftzeit. Die Tiere wurden frech. Als achteten sie gar nicht des Hauses der Menschen, so umzogen sie es bei Nacht; man hörte ihre Hufe trappeln, die dumpf den Boden schlugen. Das war Josef was ganz Neues, es regte ihn unbeschreiblich auf. Bei jedem leisen Orgeln, das nächtens und oft ganz aus nächster Nähe an sein Ohr drang, fuhr er zusammen. Dann lauschte er hinüber zu Bäreb: hatte sie es auch gehört?

Sie atmete ruhig, aber er blieb wach und horchte. Würde ein Alttier antworten? Mit erregter Phantasie malte er sich das Bild draußen aus. Da stand, nur durch die Hecke von ihnen getrennt, der majestätische Kronenhirsch auf dem Wiesenplan; seine unruhigen Schalen scharrten den Moorgrund, seine Stangen forkelten ihn auf – Moos und Grasbüschel flogen – er stampfte wild. Und dann hob er den zum Grund gesenkten, geweihbeschwerten, mächtigen Kopf, streckte den schwellenden Hals aus und schrie, schrie dumpf, drohend und begehrlich zugleich, schrie, daß das Echo zwischen den Tannen auftaumelte und nachschrie, daß die Ferne lebendig wurde. Das ganze Venn war voll Hirschgeschrei. –

Sie saßen im Haus, schier belagert von den brünstigen Tieren. Abends konnten sie gar nicht heraus. Bäreb wäre gern am Sonntag zu den Ihren hinuntergegangen – so lange war sie nicht in der Kirche gewesen, und wie mochte es der Mutter gehen, wie den Geschwistern, und was wohl die Maiblum machte?! – aber auch das ging nun nicht; denn kaum daß es dunkelte, hörten sie draußen ein Getrappel, ein Gestampf von Hufen und dann ein heiseres Orgeln, so laut, so anhaltend, so gewaltig, daß es ihnen in den Ohren dröhnte. Und eine Antwort dröhnte wider, so laut, so anhaltend, so gewaltig, daß sie erschraken.

Sie lugten durchs Fenster, sie sahen aber nichts. Waren das wirklich zwei Hirsche nur, oder waren’s ihrer viele? Ein ganzes Rudel schien draußen. Das war ein Toben, ein Stampfen, ein Schnauben, ein Schnaufen wie von einer Herde Ochsen, die, toll geworden, blind-wütend durcheinander rennt.

Das hielt an. Sie saßen im Zimmer zusammen und hatten nicht Lust, zu Bette zu gehen. Schlafen konnte man hierbei doch nicht. Bäreb fand zwar den Mut, vor die Haustür zu treten, in die Hände zu klatschen und laut zu schreien – das würde die Tiere verscheuchen – aber erschrocken, mit einem gellenden Aufkreischen sprang sie zurück und schlug krachend die Tür zu. Etwas Dunkles, Gewaltiges war an ihr vorübergeschossen mit heiserem Keuchen, sie hatte einen glühenden Atem gefühlt. Nun hatte sie Angst. Zitternd saß sie in der Stube.

Josef wollte sie zerstreuen, er fing an, über die Ihren daheim mit ihr zu reden. Aber sie blieb einsilbig; und als er vom Dores sprach, rollten ihr ein paar dicke Tränen über die Wangen. Er nahm ihre Hand und streichelte sie, er behielt sie in der seinen.

Eng saßen sie bei einander in dem einsamen Haus, um sie nur Nacht und wildeste Triebe.

Sie hörten das Orgeln bis gegen Tagesanbruch. Zuletzt einen röchelnden Schrei.

Als sie am Morgen vor die Türe gingen, lag nahe auf dem zerstampften, blutigen Plan ein mächtiger Sechzehnender. Der Leib war ihm aufgeschlitzt, das schöne Haupt, das die Zunge herausstreckte, war zur Seite gesunken.

Da schrieb Josef Schmölder an Heinrich Schmölder:

›Lieber Vetter! Komm jetzt herauf, die Hirsche schreien. Schieß ein paar von den Bestien ab, sie werden uns lästig.‹

Und Heinrich antwortete; schon beim nächsten Erscheinen des Zeitungspaketes war sein Brief dabei:

›Lieber Vetter! Teile Dir mit wendender Post mit, daß wir nächsten Mittwoch, 20. Oktober, oben eintreffen werden, ca. zwölf Uhr mittags. Zu essen schickt Sophie mit.‹

Wir – wir –?! Nun, hoffentlich kam doch niemand anders mit als Leykuhlen? Den pflegte Heinrich immer zu seinen Jagden einzuladen. Eine plötzliche Angst überkam Josef, es war ihm, als sollte sein idyllischer Frieden unsanft gestört werden. Aber trotz schlimmer Vermutungen fühlte er doch etwas wie freudige Spannung: wer es auch sein mochte, er sollte ihm willkommen sein!

Draußen fiel Schnee. Es waren die ersten Flocken. So früh im Jahr? Aber Bäreb versicherte, daß es manchmal schon im September geschneit hätte, noch dazu tüchtig; ganz Heckenbroich hatte unter weißer Decke gelegen. Vergangenes Jahr waren um diese Zeit längst alle Beeren im Venn erfroren gewesen. Nun hielt es wohl so an; sie konnten auch unten nicht mehr hüten gehen, die Kühe blieben im Stall und die Menschen im Haus. Und es kam bald die Zeit, in der man sich ausschaufeln mußte, wenn man herauswollte.

Josef ging vor die Hecke und sah sich erschrocken um. Ausschaufeln –?! Ach, so schlimm konnte das hier ja nicht werden! Es hatte jetzt wieder aufgehört zu schneien; auf dem feuchten Wiesenplan waren die Flocken nicht liegen geblieben, nur auf den breiten Ästen der Tannen ruhte es noch wie Schwanenflaum. Das sah schön aus. Überhaupt, es mußte ganz herrlich hier sein, wenn Schnee lag. Eine Weiße, eine Reinheit, eine bräutliche Weihe über allem – anders als Schnee in den Niederungen! Nun hatte er keine Angst mehr.

Als am Abend Bäreb bei ihm in der Stube saß, neckte er sie mit ihrem Ausschaufeln. Aber sie blieb dabei: sicher, der Schnee lag oft fast so hoch wie die Hecke, und wenn er recht ruhig und gerade herunterfiel, dann stopfte er die Lücke zwischen Haus und Hecke dicht zu, dann sah man nichts mehr aus den Fenstern; dann wurde es ganz dunkel im Haus, man mußte Licht brennen den ganzen Tag, und morgens konnte man die Tür nicht aufkriegen, so sehr man auch dagegen stemmte und stieß. Und hatte der Herr Josef denn nicht die Kreuze im Venn gesehen? Von hier nicht weit, rechts und links von der großen Chaussee, da standen ihrer manche. Man konnte die Aufschriften nicht mehr lesen, und die Kreuze fielen auch bald um, sie waren ganz schwarz und vermorscht; sie waren dahingesetzt worden für solche, die im Moor versunken, im Schnee erfroren, im Nebel verirrt waren. Wie sie als Kind hüten gegangen, hatte sie manchen Kranz drangehängt und ein Gebet gesprochen für die arme Seele.

Ja, er hatte die Kreuze gesehen. Unvermutet war einmal eines vor ihm aufgetaucht, – ein vermorschtes Holz – halb eingesunken in den schwammigen Boden. Er war fast darüber gestolpert. Es schauderte ihn noch.

Bäreb aber saß und strickte und sprach mit lachendem Mund von all diesen Schrecknissen des Venns.

Nun fehlte nur noch, daß es hier auch Wölfe gab! Es war ihm wie eine Beruhigung, daß der Vetter kam. Er selber war doch noch zu wenig vertraut mit den Verhältnissen, Heinrich wußte hier besser Bescheid. –

Am Mittwoch kamen sie, etwas unpünktlich, sie hatten Mühe gehabt, durchzukommen; auf dem Moor, das man passieren muß, wenn man von der Chaussee abbiegt zur Fangeuse, waren sie zweimal auf dem schmalen Weg stecken geblieben. Sie hatten alle absteigen und die Räder mit anheben müssen, und wenn nicht zufällig noch ein Grenzjäger und ein Feldhüter drüben aus dem Gemeindeforst ihnen zu Hilfe gekommen wären, so hätten sie es überhaupt nicht fertig gebracht.

»Tag, Josef! Is dat ’ne Dreck,« sagte Heinrich, als er abstieg und dem Vetter die Hand schüttelte. »Siehst ja janz wohl aus – no, dat wird Sophie freuen!«

Mit einem wahren Schrecken sah Josef auch den Leutnant von dem hochräderigen Jagdwagen absteigen. Auch der Landrat war mitgekommen. Aber die Freude, Heinrich zu sehen, ließ die unangenehme Empfindung nicht überwiegen. Doch wo steckte Leykuhlen?!

»Ja, der!« Heinrich Schmölder lachte. »Wat denkst du wohl, Jung, dein Freund is jetzt en Persönlichkeit! ’ne populäre Mann! Der reist auf den Dörfern herum, der macht sich lieb Kind – o, reden kann der janz jut! Der wird jewählt, so sicher wie Amen in der Kirch. Der kömmt durch, da is kein Zweifel dran!«

»Er wird unerhört poussiert von gewisser Seite,« sagte der Landrat hinter der vorgehaltenen Hand, und sah sich vorsichtig um nach dem Kutscher und dem Burschen des Leutnants, die Körbe und Decken vom Wagen trugen. Es wäre doch unangenehm, wenn in streng ultramontanen Kreisen solche Äußerung des Landrats kolportiert würde! Das könnte ihm die Stellung sehr erschweren, ihn fast unmöglich machen!

»Kommt er denn nicht?« fragte Josef enttäuscht. Eine plötzliche Sehnsucht nach dem Freund überkam ihn. »Kommt Leykuhlen denn wirklich nicht?« fragte er nochmals hastig.

»No, no, immer mit die Ruhe!« Heinrich lachte. »Immer noch der Alte. Die Fangeuse hat dich noch nit ruhig jekriegt, Josef! Leykuhlen kömmt nach. Diesen Abend bestimmt; er hatte nur noch wat zu tun. Er kömmt zu Fuß nach. So lang warten wir noch. Dann aber jeht et los! Wir kriegen Mondschein. Nix für unjut, meine Herren« – er schmunzelte seine Gäste an – »aber der Leykuhlen is doch noch der sicherste Schütz – nach mir!«

Der Leutnant riß an seinem Schnurrbart; er ärgerte sich über seinen Schwiegervater, aber er schluckte den Ärger schweigend hinunter.

Josef fand den Tag längst nicht so angenehm, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Sophie hatte zwar ein ganzes Diner mitgeschickt: kalten Braten, Krammetsvögel in Gläsern und Hummer in Büchsen. Bäreb hatte nur Kartoffeln zu kochen, der Bursche war bei ihr in der Küche und half. Josef hörte die beiden lachen und war verstimmt; seine ganze Ruhe war gestört. Das Zimmer pafften ihm die Herren voll – und wo sollten sie schlafen? Es war so eng im Haus: ein Zimmer nur und zwei Kammern. Aber dann fiel ihm ein, sie würden ja die Nacht draußen auf dem Anstand zubringen. Und morgen würden sie wieder hinunterfahren – Gott sei Dank!

Draußen heulte der Wind. Über dem Wiesenplan hingen schwarze Wolken, aber der Wind ließ sie nicht lange stehen bleiben, er jagte sie immer wieder fort. Dann kam der Mond hervor, und sein bleiches Licht leuchtete kalt und fast tageshell. Die Jäger waren entzückt: gutes Jagdwetter! Bei der rasch wehenden, beständig umspringenden Luft bekam der Hirsch nicht so leicht die Witterung, man konnte ihn ruhig herankommen lassen vor den sicheren Schuß. Da – die Herren, die gedrängt um den kleinen Tisch der Stube saßen, fuhren auf – da, da orgelte wahrhaftig einer schon in der Ferne!

Wie heiseres Gebell eines gewaltigen Hundes erklang es vom Bach herauf, der unten in der wilden Schlucht längs der Grenze fließt. Dort war nicht Schmöldersche Jagd mehr; aber, nur noch Geduld, nicht lange, und das Tier würde übertreten und auch hier schreien!

Sie konnten kaum mehr ruhig bleiben, das Jagdfieber hatte sie ergriffen.

»Jetzt könnt’ der Leykuhlen aber wahrhaftig kommen,« sagte Heinrich Schmölder. »Um neun spätestens sollt’ er hier sein!« Er sah nach der Uhr, öffnete vorsichtig den Laden und spähte ungeduldig hinaus.

»Es wird ihm doch nichts passiert sein?« Josef war ängstlich.

Der Vetter lachte ihn aus. »Pah, wer sich so jenau auskennt wie der, dem passiert hier nix! Et is ja auch keine Nebel, man sieht ja, wo man tritt!«

»Er hat wahrscheinlich etwas Wichtigeres vor,« sagte der Landrat; eine kleine Gereiztheit war in seinem Ton. »Gehen wir doch immer heraus, lieber Schmölder!«

»Ja, das sehe ich auch nicht ein, warum wir auf den warten sollen, Papa!« Scheffler sprang auf und zog seine elegante Jagdjoppe stramm. Auch der Landrat war in solch einem eleganten Jagdkostüm.

Desto schäbiger dagegen sah der Fabrikant aus. »Nee, wir warten noch!« Und dann – es mußte ihm wohl auch aufgefallen sein, wie sehr sein Anzug von dem der Gäste abstach – fing er an, lang und breit zu erzählen, warum seine Joppe so geflickt war, und warum es seine Hosen auch waren. Bei diesem Kittel hier hatte ihn eine verwundete Sau letzten Winter zu packen gekriegt, als sie ihn annahm und er nicht mehr Zeit genug hatte zu baumen. Aber er hatte ihr mit der Saufeder den Todesstoß in den Nacken versetzt. Und die Hose hatte ihm ein starker Bock so hübsch zugerichtet von unten nach oben. »Haha!« Er lachte, jetzt noch strahlend über dies Abenteuer. Mit Weidenruten und harten Gräsern hatte er sich die Fetzen ums Bein geschnürt, damit er sich doch einigermaßen wieder sehen lassen konnte. Und dann hatte er den Bock auf den Rücken geladen und hatte ihn selber aus dem Busch herausgeschleppt, so weit, bis die Leute ihn finden konnten, die er nachher ihn holen geschickt. Das, das hier war noch sein Schweiß! Er wies auf die braunen eingetrockneten Flecken. Eine ganze Traufe war den Rücken herunter.

Mit Widerwillen sah Josef hin: wenn Heinrich auf die Jagd zu sprechen kam, war er ohne jedes Empfinden, ohne jegliches Mitleid mit der armen Kreatur. Was würden sie nun wieder für ein Blutbad anrichten! Und doch hatte er sie selber heraufgerufen. Er hätte sich vor die Stirn schlagen mögen: Dummkopf!