Part 25
Nun weinte die Mutter nicht mehr. Sie betete alle Abend zur allerheiligsten Mutter von Lourdes, und alle Morgen zum heiligen Willibrord; zu den zweien, denen sie am meisten zu danken hatte.
Bäreb lachte froh: ja, wenn der Mutter nicht dazumal, gerade als es ihr am allerschlechtesten ging, die heilige Frau an der Ley begegnet wäre, wer weiß, ob sie, die Bäreb, dann nach Echternach springen gegangen wäre! Sie sprach es gedämpft, wie mit andächtiger Scheu. Und ein nachdenklich-ernsthafter Zug, der ihrem harmlosen Gesicht sonst fremd war, ließ es älter erscheinen.
Josef hatte gar nicht recht hingehört auf das, was sie sagte. Im Lehnstuhl saß er, hatte den Arm auf die Seitenlehne gestützt und beobachtete sie hinter der vorgehaltenen Hand. Wie hübsch sie aussah, wie besonders hübsch! Auf ihren bräunlichen Wangen glühte ein tiefes Rot, ihre Augen waren feucht. Es gab vielleicht Schönere! Josef schloß einen Moment lächelnd die Augen, Gestalten huschten an seiner Erinnerung vorüber. Er hatte viele schöne Frauen gekannt, die Welt war weit, aber so, wie dieses Mädchen hier, hatte ihm doch keine gefallen!
»Geh,« murmelte er – er war ganz heiser – »geh, zieh dich um, du bist ja ganz naß. Ich will allein sein!«
* * * * *
Das wurde eine böse Nacht. Waren denn alle Geister des Venns lebendig geworden und jammerten?
Josef hörte das Mädchen ruhig atmen – oh, die focht nichts an! Aber ihn. Er fluchte dem Lärm draußen, er fand keinen Schlaf. Oder war es etwas anderes, das ihm die Ruhe verscheuchte? Ihm war es heiß, glühend, trotzdem es kalt in der Kammer war; der Wind schnob durch alle Ritzen bis hin an sein Bett. Und dem Toben draußen gesellte sich der Aufruhr innen. Hier – hier! Er schlug sich wütend mit der flachen Hand gegen die Brust, so heftig, daß ihn ein Husten erschütterte. Sollte es nun auch schon wieder aus sein mit ihm hier an diesem Platz, sollte er so rasch wieder das Leben hier aufgeben, es wechseln, wie man ein Kleidungsstück wechselt, das man noch gar nicht zu Ende getragen hat?! Er war verzweifelt über sich selber. Alter Tor! Ja, Heinrich hatte ganz recht, der wußte besser Bescheid über ihn, als er über sich selber: er taugte zu nichts. Er hatte keine Energie. Nicht einmal diesem hier war er gewachsen. Und – aber was war denn eigentlich weiter dabei, daß er der schönen Bäreb einen Kuß gegeben hatte?! Sie würde den bald vergessen. Vielleicht hatte sie ihn schon vergessen, ihn kaum gefühlt!
Er lauschte angestrengt: ob sie wirklich so ruhig schlafen konnte? Es wurmte ihn, es kränkte ihn. Wie es an der Hecke riß, an den Läden klapperte! Jetzt stürzte ein Dachziegel – krach. Aha, jetzt wälzte sie sich! Jetzt tat sie einen zitternden Seufzer! Jetzt stammelte sie: »Jesus Maria!«
Josef saß im Bett aufrecht, umstürmt und durchstürmt. Mit einer jähen Aufwallung von Freude hatte es ihn durchzuckt: ah, sie konnte auch nicht schlafen! Aber gleich darauf schämte er sich dieser Freude: nein, alle Nacht sollte sie einen so friedlichen, unschuldigen, ungestörten Schlaf haben, den harmlosen Schlaf der Kindheit!
Josef hatte Tränen in den Augen. Er war froh, daß es draußen gewaltig stürmte, so konnte er es sich doch selber weismachen, daß er deshalb nicht schlafen konnte. Mochte sie nebenan schlafen oder nicht schlafen, ruhig atmen oder zitternd seufzen, er versenkte sich ganz in das Toben der Nacht. Ob die sich anderwärts auch so wild gebärdete? Wie mußte das Haus der Strafkolonie, das einsame Haus ohne Hecke, sich ducken! Zitternd hockten die Menschen darin; mußten sie nicht wähnen, weggefegt zu werden, nicht denken, Weltuntergang sei da?
Es toste in den Lüften, es brüllte und lärmte. Jetzt rollte ein Getöse sich vom Grenzbach herauf. War das ein gewaltiger Hirsch, der da in den Tannen orgelte? Nein, der Sturm, der Sturm. Er übertönte alles Sterbliche. Das war eine ohrenbetäubende Musik, die Musik des jüngsten Gerichts. Wohl dem, der sie hören konnte mit reinem Herzen!
Die Bäreb schlief wieder ganz fest – horch, wie sie gleichmäßig atmete! Ja, die hatte nichts zu bereuen. Aber die armen Strafgefangenen! Huh, wie sie zitterten in ihren Leinenkitteln, aufgestanden waren sie alle, der barsche Aufseher hatte sie aufgetrieben; sie wußten ja nicht, ob das Dach ihnen nicht über den Köpfen aufflog!
Josef stellte sich die nächtlichen Gestalten deutlich vor – ein zitternder, erbärmlicher Spuk – er versuchte wieder das alte Mitleid mit ihnen zu finden, und fand zuletzt doch nur Mitleid für sich allein. War es nicht scheußlich für ihn, hier einsam zu liegen und sich so zu quälen? Wenn er nun aufstünde, wenn er nun einträte nebenan –?! Pfui! Er kniff die Augen zusammen und preßte die beiden Hände gegen das Gesicht. Nein, das wäre gemein, an die Unschuld zu rühren! Das ging ihm gegen die Ehre.
So lag er kämpfend, lange, lange, bis das Brüllen im Venn nachließ, bis es aber auch schien, als sei kein Ziegel mehr auf dem Dach, kein Laden am Haus mehr, kein Blatt mehr an der Hecke und auch keine Tanne mehr im Forst. Alles mußte der Sturm weggerissen haben, weggeknickt, wegrasiert, als sei es nie dagewesen. Resigniert schlief Josef ein.
Die Stimme Bärebs weckte ihn. Es klopfte an seiner Kammertür: »Hähr Josef, Hähr Josef, nu stoht äwer up, et is esu spiet!«
Was, schon spät? Es war ja noch dunkel! Er sprang aus dem Bett. Was wollte sie denn, konnte sie ihn denn nicht wenigstens jetzt in Ruhe lassen?!
»Hähr, Hähr,« – Bäreb lachte fröhlich – »et is am Schneie, ärg am Schneie! Mir schneien ein!« –
Und sie schneiten ein.
Die Tannen hatte der Sturm nicht weggefegt, noch standen sie unversehrt, sie waren das starke Wehen gewohnt, aber nun schienen sie doch fast brechen zu müssen unter Schneelasten. Ihre Wipfel neigten sich demütig tief. Schnee, Schnee, Schnee, alle Tage und alle Nächte. Die Stürme schwiegen. Ganz ohne Geräusch, sammetweich, sank der weiße Flaum und schichtete sich höher von Stunde zu Stunde. Man sah ihn steigen wie die Flut, unwiderruflich, unentrinnbar; aber eine Ebbe kam nicht.
Erst hatten sie wacker geschafft auf der Fangeuse. Sie hatten sich Ein- und Ausgang freigehalten; Josef half der Magd täglich einen Gang schaufeln, von der Haustür bis zum Heckenausgang, von da zum Brunnen, und von da weiter bis hin zum Wiesenplan. Er war in den ersten Tagen tüchtig umhergestapft und hatte sich nicht satt sehen können an der reinen, makellosen Weiße; es war ihm, als lägen auch alle Wünsche und Begierden unter dieser Decke und schlummerten ein. Aber das stete Weiß tat bald seinen Augen weh, sie brannten und flimmerten; die ungeheure Monotonie des Weiß fing an, ihn zu langweilen, mehr als das, ihn zu beängstigen. Er fühlte eine heimliche Angst. Vor was? Er hätte sie nicht erklären können. Aber die Angst war da, er fühlte sie genau, sie war keine Täuschung. Sie lauerte auf ihn in der endlos-unabsehbaren Einöde von Schnee, hinter diesen weißen, tiefgeneigten Tannen, in diesem Haus, das versunken lag hinter einer Mauer von Schnee. Die Hecke war zum Schneewall geworden. Grau war die Luft, die Ferne verhangen; man war wie geschieden von allem, was lebt, durch eine graue Wand. Man wußte, da unten tief lagen Städte und Dörfer, in denen Schlöte rauchten und Menschen wohnten, aber zu sehen war nichts von ihnen, gar nichts. Nicht einmal bis zum Grenzbach konnte man hinunterkommen, oder in anderer Richtung bis hin zur Chaussee gelangen. Josef wollte dem Landbriefträger entgegengehen, es verlangte ihn so nach den Zeitungen, aber er sank ein bis an die Kniee, und als er’s doch erzwingen wollte, sogar bis an die Hüften. Mit Mühe nur kam er wieder heraus. Geschwitzt, ermattet, fröstelnd, von bangen Ahnungen durchschauert, kehrte er wieder ins Haus zurück.
Die Post blieb aus.
Im Haus war’s warm; an Heizmaterial hatten sie keinen Mangel, Holz und Torf waren genug aufgeschichtet im Schuppen, und Bäreb hatte fleißig Tannenäpfel und Reisig gesammelt. Nun war es eigentlich gemütlich in der starkgeheizten Stube, die Fenster liefen an, man konnte nicht einmal die Hecke draußen mehr sehen. Und es wurde am Mittag schon dunkel; frühe Dämmerung sank hernieder, ebenso lautlos und geisterhaft still wie der großflockige weiße Schnee. Am Himmel zwängte kein Stern sich durch, einzige Helle gab nur noch der Schnee; aber diese Helle war kein Licht, sie war nur bleicher, matter, gespenstischer Widerschein. Und nirgend ein Laut.
Josef schrak zusammen, wenn Bäreb etwas sprach. Sie saß jetzt fast den ganzen Tag hier innen; die Küche hatte Steinfliesen, man konnte sie bei der Witterung doch nicht da sitzen lassen. Verstört fuhr er dann von seinen Büchern auf. Er hatte lesen wollen und las doch nicht; er hatte geträumt. In solcher Abgeschiedenheit müßte es schön sein, sehr schön, wenn man glücklich ist! Ihm war sie schrecklich.
»Und so ist es immer bei euch, alle Winter?«
Sie lachte und nickte: ja, so war’s immer, wenn’s auch nicht gerad so viel Schnee gab wie dieses Jahr.
Wenn doch der Postbote wenigstens morgen käme! Aber auch dann blieb er aus. Über acht Tage hatte man nun schon keine Kunde mehr, daß es noch eine Welt gab. Die da unten hatten ihn wohl ganz vergessen?!
Es war eine Erlösung, als endlich, an einem Mittag, als Josef schon beinahe die Hoffnung aufgegeben hatte, der Briefträger erschien. Mit einer an Gier grenzenden Eilfertigkeit riß Josef den Brief auf, den er erhielt. Heinrich schrieb, man hätte Schnee unten, da hätte man gewiß oben noch viel mehr Schnee, ob Josef nicht lieber herunterkommen wollte? Er sollte Nachricht geben durch den Mann, damit ihn ein Schlitten holen käme.
Sehr nett von Heinrich! Aber, aber – Josef sah nach Bäreb hin. Sie saß auf der Bank unterm Fenster und sah zu, wie es dem Boten, dem sie eine Tasse Kaffee heiß gemacht hatte, schmeckte. Wie blühend sie aussah, wieviel gesünder und runder, als da sie noch unten in der Fabrik arbeitete! Dann würde sie wieder dort arbeiten müssen – nein, es war nicht möglich, daß er ging! Um Bärebs willen nicht. Er mußte aushalten.
Er gab dem Briefträger die Antwort an Heinrich mit: es gefiele ihm noch ganz gut, noch immer sehr gut, und wenn es bald aufhören würde, zu schneien, würde es sogar herrlich sein. Nein, er dachte gar nicht daran, hinunter zu gehen! Mit einem gewissen Trotz schloß er das Kuvert. Sie sollten auch nicht sagen, daß er nicht standgehalten hätte.
Mit der Miene eines Siegers übergab er dem Boten den Brief. Als aber der Mann fortgestampft war, hätte er ihn gern zurückgerufen: nein, er wollte doch lieber fort, sie sollten ihn doch lieber herunterholen!
Bäreb hatte die weiße Katze auf den Schoß genommen; der Winter hatte das halbwilde Tier ins Haus getrieben. Nun sah Josef, wie sie sich anschmiegte, wie sie schnurrte; er hörte, wie das Mädchen sie mit zärtlicher Stimme liebkoste. »Heraus mit dir!« Unsanft jagte er das Tier aus dem Zimmer. Aber als ihn dann Bärebs Augen vorwurfsvoll anblickten, ging er hinaus, der Katze nach, und versuchte, sie wieder hereinzulocken. Doch sie kam nicht. Auf der steilen Leiterstiege, die zur Dachluke führte, saß sie und miaute kläglich. Er kletterte ihr nach, er kletterte bis aufs Dach; da jagte die Katze über die verschneiten Ziegel, lief hinüber bis zur Hecke, die mit dem Dach jetzt fast eine Schneefläche bildete, und er konnte ihr nicht mehr nach.
Nun hatte er Bärebs einzige Unterhaltung verjagt, nun hatte sie gar nichts mehr, was sie zerstreute. Es tat ihm leid. Er fand nicht den Mut, sie zu fragen, ob es ihr langweilig sei, öde und traurig? Wenn sie ›ja‹ sagte, würde er sich ärgern – und wenn sie ›nein‹ sagte, was dann? Lieber nicht fragen! Er glaubte in ihrem Blick etwas zu sehen, was er früher nicht darin gefunden hatte. Ihre Augen glänzten so weich, so vertraulich. War es nicht natürlich, daß sie das Verlangen nach Vertraulichkeit hatte? Sie hatte nicht Vater, nicht Mutter hier, nicht die Geschwister, nun nicht einmal das Kätzchen mehr. Wer weiß, vielleicht hatte sie auch einen Schatz da unten – was wußte er denn von ihr? Er beobachtete sie verstohlen. Oft, wenn sie im dämmernden Licht, das die kleine Lampe verbreitete, auf der Bank saß, ließ sie jetzt ihr Strickzeug sinken und sah mit leicht geöffnetem Mund, mit halb-geschlossenen, träumenden Augen ins Leere. An was dachte sie – und an wen?! Ein Gefühl, das er nicht Eifersucht nennen wollte, und das doch Eifersucht war, durchzuckte ihn. Ja, sie hatte einen Schatz! So blickt ein verliebtes Mädchen! Und wenn sie vielleicht auch jetzt keinen hatte, so hatte sie doch einen gehabt. Daß er das früher nicht gesehen hatte! In diesen Augen, die so rund und harmlos in die Welt blickten, versteckte sich in der Tiefe etwas, das in keinem Kinderauge zu finden ist. Nun ja, sie war eben in den Jahren!
Er grübelte über sie; er lag förmlich auf der Lauer. Bald war es ihm, als dürfe er die Hand nach ihr ausstrecken, ohne unrecht zu tun, und bald verwies er sich schon diesen Gedanken hart. Nein, sie war noch ganz Kind, noch ganz unschuldig – wie sagte doch Leykuhlen? ›Hier braucht man nicht bange zu sein, so was ist ausgeschlossen bei uns!‹
Er sah wieder nach Bäreb hin: träumte sie? Nein, sie träumte nicht. Ruhte nicht auf ihm, auf ihm ihr Blick, sinnend, glänzend, zärtlich?!
Da schrie er sie an: »Hast du einen Schatz?« Und als sie nicht gleich antwortete, sondern die Augen rasch abwandte, vor sich niedersah, verwirrt und dunkelrot, da schrie er noch einmal, in unverständlicher Heftigkeit mit dem Fuß aufstampfend: »Willst du’s mir wohl sagen! Oder hast du etwa einen Schatz gehabt?!«
Er war aufgesprungen, er stand nun bei ihr und packte sie fest am Arm.
Ihr Arm war sehnig und stark, trotz der Schlankheit, aber nun sagte sie leise: »Au, Ihr tut mir weh!«
»Äh was, weh!« Er lachte grell. Er war plötzlich ein ganz anderer.
Sie sah scheu-erschrocken zu ihm auf: was machte der Herr Josef denn für ein Gesicht?
Finster sah er auf sie nieder, all die Güte war aus seinem Gesicht geschwunden. »Hast du einen Schatz?« Er murmelte es fast drohend, ließ den Blick von ihr, schaute, blaß werdend, zu Boden und nagte an seiner Lippe. Wenn sie jetzt sagen würde ›ja‹ – keinen Augenblick würde er sich dann mehr besinnen. Warum denn auch? Nehmen würde er sie, wie eine fällige Frucht, die gepflückt zu werden verlangt.
Aber sie sagte: »Nee!« Ernsthaft schüttelte sie den Kopf, fast traurig: »Nee, Hähr Josef, ich han keene Schatz, dat könt Ihr mir jlöwe!«
Da ließ er ihren Arm, den er noch immer krampfhaft gepackt hielt, fahren. Er stieß sie fast von sich. Knäuel und Strickzeug und Nadeln rasselten zur Erde, verwirrt bückte sie sich und raffte alles zusammen. Sie eilte hinaus, aber als sie schon in der Tür stand, schickte sie noch einen Blick nach ihm zurück, der ihm zu denken gab. Warum war sie so flammendrot, warum so erschrocken? Warum waren ihre Augen so eigentümlich? Ihre Blicke so unsicher? Sollte sie ihn belogen haben?!
Gleich darauf hörte er draußen ihre kosende Stimme. Hatte die Katze sich wieder eingefunden? Er hätte gern gewußt, mit wem sie so redete. Aber er traute sich nicht hinaus. Diesen Abend ging er früher zu Bett denn jemals, und als nebenan die wurmstichige Bettstatt zu knarren anfing, da zog er sich die Decke bis über den Kopf und steckte sich die Finger in die Ohren. –
Wenn man nur Menschen zu sehen bekäme, Menschen! Der Schnee fiel nicht mehr, aber er lag fest; er lastete mit schwerer Decke, unter der sich kein Weg abzeichnete und auch kein Gestein. Auch die Karrees der Tannen-Anschonungen waren zugeweht. Nirgendwo gab es ein Merkmal mehr, nach dem man sich richten konnte. Es trieb den Einsamen aus dem Haus. Und war es auch in dem kristallenen, körnigen Schnee, den niemand zusammengetreten hatte, der wie trockener Sand, lose und rinnend, in eisiger Kälte bis zu den Knieen aufstieg, ein mühseliges Fortkommen, er wollte es doch versuchen. Bis hin zur Chaussee wenigstens, da mußte doch mal ein Lastwagen fahren oder die Post kommen. Alles konnte doch nicht ein Ende haben. Da würde er dann in den Räderspuren leichter weitergehen. Vielleicht auch, daß er einen Menschen antraf, einen Grenzjäger, einen Waldhüter, einen Förster, nur irgend einen! Nur einmal ein anderes Gesicht sehen, als ewig, ewig das des Mädchens!
Er floh vom Haus. Aber weit war er noch nicht gekommen, als er schon fühlte, daß ihn alle Glieder schmerzten, daß in seiner Brust der Atem keuchte. Er hielt an in dem tiefen Schnee. Ringsum Totenstille. Er drehte den Kopf nach allen Seiten: kein Mensch, nicht einmal ein Wild! Kein einziger dunkler Punkt, den das Auge hätte erhaschen können in der Unendlichkeit des verschneiten Venns. Sein Auge suchte die Richtung, in der tief unten die Stadt liegen mußte, aber nicht einmal die Richtung war mehr zu bestimmen; man wurde völlig verwirrt von dieser überall gleichen, eintönig weißen Weite. Ja, sie hatten sein vergessen! Er stieß einen ungeduldigen Seufzer aus und lächelte bitter. Selbst Hedwig, die sich doch sonst so oft an seinen Arm gehängt hatte, kümmerte sich jetzt nicht mehr um ihn in ihrem bräutlichen Glück. Sie hatte ja auch an etwas Besseres zu denken, als an ihn, den schrulligen, überflüssigen Junggesellen. Die Ausstattung mußte nun bald fertig sein, jedes Stück erregte das glühendste Interesse. Man schrieb und ließ sich zur Auswahl senden, man packte aus und packte wieder ein, man schrieb wieder und ließ sich wieder schicken, man reiste nach Aachen, nach Köln, man suchte selber aus, man kaufte ein, man probierte an, der Tag wurde zu kurz. Man hatte so viel zu tun, es war eine stete Unruhe. Heinrich würde wohl manchmal dazwischenwettern, wenn er nicht treten konnte vor Packen und Päckchen, vor gestickten Unterröcken und zarten Negligés, vor Spitzen und Seidenschleifen, vor duftigen Blusen und Staatskleidern. Pompös würde das Brautkleid ausfallen. Josef sah ordentlich, wie die beiden Verlobten mit glänzenden Augen die Stoffproben betrachteten. Der Bräutigam lispelte dabei der kleinen Braut tausend dumme Dinge ins Ohr. Zeit hatten sie ja genug zu dergleichen, das Militär war längst fort, der Platz geräumt; nur das Wachkommando lag noch oben. Der Adjutant vom Platz mußte zweimal die Woche hinauf, im übrigen aber hatte er die Vergünstigung, unten im Städtchen zu wohnen. Also Gelegenheit genug zu Liebesgetändel – und sie durften ja. =Sie= durften! Ende April schon würden sie heiraten. Jetzt war es bereits Januar.
Ob der Schnee denn ewig liegen würde? Zwei Monate fast war man schon begraben bei lebendigem Leib. Josef sah sich wild um. Aber so tief man auch eingegraben war, das Herz gab sich doch nicht zur Ruhe, das pochte nur um so lebendiger. Daß man doch davonrennen könnte – wohin? Ganz gleich. Nur einmal andere Eindrücke, andere Gesichter, daß man auf andere Gedanken kam!
Und doch mußte er immer wieder ins Haus zurückkehren, wo niemand war, als die Bäreb und er.
Nun aßen sie schon lange altes Brot; zehn Tage war es her, daß der Bote, der sonst alle Woche Vorrat heraufbrachte, zuletzt dagewesen war. Blieb der etwa ganz aus? Es verlangte Josef nach frischem Brot; auch hatte er eine geheime Angst: wenn es einmal so käme, daß er auch ohne Licht sitzen müßte mit der Bäreb im dunklen Haus?! Ungeduldig harrte er, aber der Mann kam nicht.
Da machte sich Bäreb auf den Weg. Er wollte sie nicht lassen, aber sie lachte ihn aus: was war denn weiter dabei, sie war ja jung und kräftig, sie kam schon durch! So ließ er sie gehen. Aber als sie fort war, packte ihn die Reue. Er hatte dieselbe Unruhe wie damals, als sie gegangen war, ihre Eltern zu besuchen – nein, eine noch weit größere Unruhe. Es war ihm zu Mut, wie einem, der ein Kleinod verloren hat.
Er fing an, im Schuppen Reisig zu zerkleinern, aber er hieb sich dabei auf die Finger; dann begann er, Schnee zu schippen. Sie würde sich freuen, wenn er ihr einen recht breiten Pfad geschaufelt hatte bis hin zum Brunnen. Aber als er eine Stunde geschippt, geschaufelt, gehackt und gekarrt hatte, verließ ihn die Lust. Dieser Arbeit fühlte er sich nicht gewachsen. O, was waren das doch für tausend Unbequemlichkeiten! Zornig über die eigene Torheit, die ihn in eine solche Lage gebracht hatte, ließ er Schaufel und Besen fallen, warf sich todmüde drinnen aufs Bett und stierte die Decke an. Er war zu träge, um Licht anzuzünden, er blieb so liegen in der Dunkelheit. Er lag wie in einer Apathie. Nur das fühlte er, wenn es noch lange so anhielt, wenn das noch immer, immer so weiterging, dann beging er noch viel größere Dummheiten, als er bisher begangen hatte, oder – eine Schlechtigkeit. Oder – er faßte sich mit beiden Händen an die pochende Stirn – er wurde verrückt!
Diese Einsamkeit, diese Einsamkeit! Er stöhnte auf. Sie übte den furchtbaren Druck. Alles Übel kam von dieser Einsamkeit. Er verwünschte die Fangeuse. Hätte er sie nie betreten! Sie war der rechte Ort, Gedanken auszuhecken, die nichts taugten. Heute begriff er nicht, daß er hier einstmals Tage verlebt hatte, Tage solch reiner, solch hoher Entzückungen, wie er solche noch nie im Leben gekostet hatte. Er fühlte nichts mehr für Dankbarkeit für jene sonnenwarmen Herbsttage. Wenn er jetzt an sie dachte, geschah es mit Achselzucken: verrückter Schwärmer!
Tiefe, tiefe Dunkelheit draußen; tiefe, tiefe Dunkelheit drinnen. Eine Trostlosigkeit kam ihm über das eigene nutzlose Leben. Was hatte er denn schon geleistet? Hatte er wohl mit all seinem guten Willen für das Wohl anderer je etwas Gutes geschafft? Immer hatte er Mitleid mit den Menschen; Mitleid mit den jungen Dingern, die unten auf den Lumpensäcken ihr Brot verzehrten, Mitleid mit den Sträflingen, die zur Arbeit getrieben wurden in Wind und Wetter. Dummes törichtes Mitleid, es hatte niemandem etwas genutzt! Wie konnte man nur daran denken, dieses unwirtliche Land durch die Sträflinge urbar machen zu wollen? Und wenn hundert und aberhundert Hände sich auch mühten, wenn man immer neue Kolonien gründete, neue Arbeiter hier heraufschaffte, würde nicht Venn doch Venn bleiben, ein finsteres Moorland? Gefangenen wies man die Arbeit der Kolonisation zu, gedrückten, unfreien Menschen! Er konnte jetzt das nicht mehr vertreten, was er an jenem Jagdabend so enthusiastisch gesprochen hatte: ›Apostel – Kulturträger – Kulturbringer‹ – konnten =die= Bringer des Lichtes einem dunklen Lande sein, die selber unfrei waren?!
Er lag verdrossen. Wäre er nur fort von hier! Er sehnte sich nach einer leichteren Luft, nach einer heitereren Sonne, nach lebhafteren Menschen. Nicht immer diese Stille, diese lastende Stille; Fröhlichkeit, Heiterkeit, ein rascher bewegtes Dasein, vielseitiger und vielgestaltiger! Ach, gingen denn selbst Leykuhlens Interessen über den Turm seiner Kirche hinaus?! Und diese gepriesene Frömmigkeit, diese Einfalt der Sitten, diese Zufriedenheit – entstammten sie nicht einer geistigen Armut?!
Heute gefiel ihm alles nicht mehr, er sah heute mit anderen Augen. An solch kritischen Tagen hatte er unten immer mit Heinrich gezankt – ach, hätte er jetzt nur einen zum Zanken! Da knarrte die Haustür – Gott sei Dank, endlich die Bäreb! Er stürmte hinaus: so lange auszubleiben?!
Sie stand da, heiß und rot, ganz außer Atem, und streckte ihm den Laib Brot entgegen. »Janz frisch, Hähr Josef, et is janz frisch. Ich han et sälwer beim Bäcker uhs dem Ofen jehollt. Do hatt Ihr et nu!« Sie strahlte ihn an.
Er fühlte, daß das Brot noch warm war. Glühend heiß mußte sie’s unter ihr Tuch gesteckt haben, es im Arm gehalten haben, dicht an ihrem Herzen. »Wie du außer Atem bist!« Er streichelte sie. »Nun, wie geht’s deinen Eltern? Und den Geschwistern? Und der Maiblum?«
»Dat weeß ich nit!« Sie sah ihn groß an. »Ich bin nit derheem jewes, dat war noch zu weit!«
Nicht zu Haus? Sie war doch nach Heckenbroich hinunter gegangen, hatte Brot geholt und sonst allerlei, und sie war nicht zu Hause gewesen?!
»Ich kont doch nit!« Sie sagte es ganz verwundert. »Ihr woll’ doch so jär frisch Bruet, do han ech mich plage mosse, für jetzt wedder hee zu sin!«