Das Kreuz im Venn

Part 20

Chapter 203,835 wordsPublic domain

Bleiern lastete der Himmel über der Gasse. Unter dem bleiernen Himmel schritt Leykuhlen hin. Solange er noch in der Stadt war, behielt er seine aufrechte Haltung bei; aber nun, da die hochgegiebelten Schieferdächer hinter der Felsnase des Burgfelsens untergetaucht waren, veränderte sich seine Haltung. Er sank förmlich in sich zusammen. An der steinernen Brüstung der Straße, hinter der große, rundgewaschene Felstrümmer das Flußbett füllen, stand er still. Ein Zittern war in seine starken Knie gekommen, er lehnte sich gegen das Steinmäuerchen. Sie hatten ihn doch nicht klein gesehen! Aber kein Triumph war in seinem Innern – denn hier war er allein, und hier war er, ach, so klein!

Einen schweren Blick ließ er rundum gleiten. Da war die liebliche Au, und über die Tannen der Höh guckten die Leyen. Aber heute atmete er hier nicht auf, wie sonst, wenn er der Stadt entronnen war. Heute dünkte ihn der Sommertag unerträglich. Diese Hitze! Hier unten gaben die Talwände noch einigen Schatten, am Wasser war das Grün sogar noch grün, aber oben, oben waren die Matten ja längst gelb, das Gras verdorrt bis in die Wurzeln. Wie sollte das noch werden?! In diesem Jahr gab es keine Weide mehr; und wenn man jetzt schon vom eingebrachten Heu zehrte, womit sollte man das Vieh denn durchfüttern den langen, endlosen Winter? Und wenn die Regierung auch aushalf, wie in anderen futterarmen Jahren, viel Vieh würde doch verkauft werden müssen, losgeschlagen um jeden Preis. Zu helfen stand nicht in Menschenmacht – einzig helfen konnte nur der, der da droben!

Er richtete seine Augen zum Himmel. Wenn er regnen lassen wollte! Tagelang, nächtelang, daß sich der vertrocknete Boden vollsog, daß die Wurzeln noch einmal ausschlugen, daß die Weiden sich neu begrünten, daß die geborstene Erde ihr durstig geöffnetes Maul schloß. Dann konnte noch alles gut werden. Nur Regen, Gott im Himmel, nur Regen!

Die Sonne hatte sich für wenige Augenblicke hinter bleierne Wolken verzogen. Ha, da war sie schon wieder! In geradezu quälender Helle strahlte sie nieder. Es schwamm Leykuhlen vor den Augen, mit einem Seufzer drückte er die Lider zu: und wie sollte es mit der Krankheit werden? In dieser Luft wurde es damit nicht besser. Nun war der Knabe erkrankt, der Dores – war es auch Typhus? Noch wußte man es nicht bestimmt, der Doktor sollte es erst feststellen; aber die völlige Bewußtlosigkeit, in der das Kind lag, ließ wohl kaum eine andere Deutung zu. Der blöde Knabe kroch überall herum, wer weiß, was er sich in den Mund gestopft hatte! Mariechen war gleich zu den Huesgens gegangen, als Kathrinchen die Krankheit melden gekommen war, und er war herunter zum Doktor gelaufen. Ach, es war doch eine Wohltat, sich wenigstens in etwas zu betätigen! Zu viel, allzuviel hatte er schon versäumt – konnte er es je wieder einbringen?!

Mit heftiger Gebärde riß der Mann die Lider wieder auf, seine Augen fuhren umher: ›Gott Vater, Sohn und heiliger Geist, seht uns arme Sünder, seht mich armen Sünder zumal, erbarmt euch!‹

Die Hände vor sich gefaltet, die Augen groß und starr geradeaus gerichtet, schritt der Bürgermeister bergan. Ein Kummer war in seiner Seele und ein Verzagen.

Die Sonne gloste ob seinem Haupt, wie ein tiefgefärbtes blaues Tuch spannte sich der Himmel, kein Regen war in Sicht über Heckenbroich; ausgedorrt alles Land, so weit das sehnende Auge reichte. Wie stickiger Dunst stieg’s empor vom Venn, ein Brodem kroch übers Moorland; schwer und befangend legte er sich auf Gemüt und Körper. Müdes Schweigen zwischen Himmel und Erde. Da plötzlich ein Läuten – horch, das ›Angelus‹!

Der Wanderer hielt an. Sieh, da war ja der Turm von Heckenbroich! Und sieh, da war sie auf einmal voll da, sie, die Kirche, die man noch nicht hatte sehen können vom letzten Aufstieg! Zwischen hohen Tannen ragte sie, schöner noch, und viel höher als diese. Vom Dorf war noch nichts zu entdecken, das lag versunken hinter den Hecken, aber hier, im Ausschnitt der Tannen, die wie lebende Pfeiler das schöne Bild einrahmten, stand die Kirche von Heckenbroich, klar und deutlich auf dem Goldgrund der ewigen Sonne und grüßte weit übers Hochland hin.

Mit einem tiefen Aufatmen nahm der vom raschen Aufstieg Keuchende den Hut ab. Er neigte den Kopf; ein Aufleuchten ging dabei über sein bekümmertes Gesicht: da war sie ja, die Kirche, die neue Kirche von Heckenbroich, der Eifler Dom!

* * * * *

Es war am Tage des ewigen Gebetes. Feierabend – Mitternacht – die ganze Nacht hindurch das gleiche murmelnde Beten.

Sie füllten das dämmernde Schiff der Kirche, sie knieten auf den schmalen Betbänken, die Hände mit dem Rosenkranz an die leis sich bewegenden Lippen gehoben, und beteten das Gebet der Bittwoche: »Heilige Maria, du Hilfe der Christen, bitte für uns! Ihr Heiligen insgesamt, flehet für uns am Throne Gottes!«

Auf seiner Betbank kniete der Bürgermeister. Wenn die anderen einmal wieder sich niedersetzten, um auszuruhen, kniete er immer noch. Ohn Unterlaß betete er auf dem bretternen Bänkchen, das viel zu schmal war für seine Knie und viel zu niedrig für seine Größe. Er fühlte nicht, daß die gekrümmten Füße ihm abstarben, und daß seine Knie steif wurden. Das Gesicht hielt er in die Hände gedrückt, in seiner Seele schrie es:

›Der du ins Verborgene siehest, der du deine Sonne aufgehen lässest über Gute und Böse, der du regnen lässest über Gerechte und Ungerechte, du unsere einzige Zuflucht und Hoffnung, sei uns gnädig!‹

Seine Augen schmerzten. Er hob das Gesicht aus den Händen, er bohrte den brennenden Blick durchs Dämmerlicht der Kirche, bis er haftete auf dem Fenster überm Hochaltar, durch dessen Glas die Gestirne hereinleuchteten in unumwölkter Klarheit.

Am Dach der Kirche stand der Mond, nicht silbern, wie sonst, nein, rund und voll und rot, eine zweite Sonne, die die Sonne des Tages ablöste auf ihrer Bahn. Und um sie her stand der Chor der Sterne, flinzelnd vor blankem Glanz, wie sonst nur in eiskalter Winternacht.

›Schöpfer und Herr der Natur, alles zittert, alles dienet dir. Du machst die Wolken zu deinem Wagen und fährest auf den Flügeln der Winde.‹ – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – ›Herr Gott, ich bekenne vor dir, daß ich ein Sünder bin.‹

In das Murmeln der Gemeinde mischte der Bürgermeister laut seine Stimme:

»Herr, strafe uns nicht in deinem Zorn – Herr Gott, laß regnen, laß regnen! Heilige Maria, die Stillung der Stürme, du Morgenstern, bitte für uns, sei uns gnädig!«

Er wußte nicht, daß es nicht nur die Worte mehr waren, wie sie vorgeschrieben stehen im Andachtsbuch; er fügte Eigenes hinzu in der Bedrängnis seines Herzens.

Es trieb ihn um bei Tag und Nacht. Es litt ihn nicht im Bett, er konnte ja doch nicht schlafen; vor Morgengrauen schon war er aufgestanden und war hinausgeschritten auf die Höhe des Venns und hatte nach Osten gestarrt, wo die Wolken sich in leuchtendem Purpur färbten. Wenn sie doch, ach, wenn sie doch endlich, endlich einmal nicht mehr so strahlend erstünde, die unbarmherzige Sonne!

Alle Quellen waren versiegt. In den tiefsten Brunnen stand nur noch ein Pfützchen trüben, schlecht riechenden, fauligen Wassers. Kaum daß man das Vieh tränken konnte, es verschmachtete; denn auch kein Hälmchen saftigen Grüns war mehr zu finden. Und in den beiden Torfarbeiterhäusern lagen die Männer noch immer und quälten sich in wilden Delirien. Es war der Krankheit noch gar kein Absehen.

Was war das für ein Leid, was war das für eine Angst! Das Dorf lag geduckt wie unter einem dräuenden Alp. Alles atmete beklommen. Soviel gebetet war noch kaum worden zu Heckenbroich. Aber beklommener denn alle atmete Leykuhlen, er fühlte sich in tiefster Seele betroffen. Mariechen hatte viel zu reden, viel zu ermutigen: ›Mach dir nühst draus, Bärtes, laß sie doch reden! Wat kannst du dafür? Unser Herrjott schickt die Trockenheit und die Krankheit; wir müssen sie nehmen aus seiner Hand!‹ Aber heimlich kränkte sie sich: wie die Undankbaren ihren Mann verkannten! Und er hatte doch alles zu =ihrem= Besten getan! In heimlicher Sorge ging sie umher, und nachts tat sie, als ob sie schliefe; aber sie schlief nicht, sie horchte auf ihres Mannes rastloses Wälzen und unruhiges Atmen, und wußte dann nichts anderes zu tun, als inbrünstig bei sich zu beten. Gestern hatte jemand ganz laut draußen vor der Hecke auf den Bürgermeister geschimpft – wer war’s gewesen? Sie hatte es nicht sehen können – das war ja auch gleichgültig – wenn nur er, er es nicht gehört hatte!

Besorgte Blicke warf die Frau auf ihren Mann, der stundenlang jetzt in der Kanapee-Ecke saß, und sich die Zeitung so vorhielt, daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Es wollte ihr dünken, als sei das leichte Blatt zu schwer für seine starke Hand. Jesus Maria, wenn er wüßte, daß ihr, als sie zum grünen Klee gegangen war, die Kranken zu besuchen, ein Rudel Kinder nachgerannt war, erst mit schüchternem Gekicher, dann mit dreisterem Lachen, zuletzt mit ungezogenen Redensarten. Das waren freilich nur Kinder, unverständige Kinder, aber sie sprachen das nach, was die Erwachsenen sagten. Wenn es nur regnen wollte, endlich regnen, barmherzig, erquicklich, dann würden sie im Dorf auch einsichtiger werden, und ruhiger!

Die Bürgermeisterin kannte ihre Heckenbroicher gar nicht mehr wieder. Aber sie, die sonst mit ihrem Mann alles besprochen hatte, sagte ihm kein Wort davon. Er selber schwieg auch beharrlich. –

Es war eine Nacht, so drückend heiß, daß niemand Schlaf finden konnte. Hinter den Hecken brütete die Schwüle. Leykuhlen und seine Frau saßen noch unten in der Wohnstube beisammen; er saß in der einen Ecke des Kanapees, sie in der anderen. Die Lampe hatten sie nicht angezündet, selbst dies bißchen Licht war zuviel, man hatte nach all der Blendung des Tages eine Sehnsucht, fast eine Gier nach der Dunkelheit. Ach, daß doch Wolken hängen möchten, tief herab, und sich entladen mit Donner und Blitz! Und sei es ein Ungewitter mit heulendem Sturm, wenn nur Regen dabei war, erlösender Regen! Schwül genug war es.

Aber wie sie die Ohren auch spitzten, kein Rauschen war draußen vernehmbar auf den Blättern der Hecke, nicht einmal ein Tröpflein. Der Himmel war verschlossen. So ging es nun schon an die zwei Monate, es gab keinen Regen mehr. Die Welt mußte verdursten.

»Jesus Maria,« sagte die Frau plötzlich und neigte sich gegen den Mann, »hörste nühst, Bärtes? Wär et am End doch am Regnen?!«

Sie irrte sich. Jetzt war wohl ein Rauschen hörbar im Blattwerk der Hecke, aber so tat kein Regenguß. Das waren Hände, Arme, Füße, die sich durcharbeiteten durchs raschelnde Laubwerk, Körper, die sich durchwanden durchs dichte Gefüge. Von der Seite her brach es ans Haus heran.

Wenn jemand was wollte, warum ging er denn nicht vorne herum, offen und ehrlich durchs Heckentor?!

»Still, bis still, Mariechen,« sagte der Mann und legte der Frau die Hand auf den Mund. Sie hatte aufschreien wollen in plötzlichem Schreck.

Ein Stein war oben gegen das Giebelfenster gekracht das vom Mondschein hell beglänzt wie ein Auge über die Hecke lugte. Die Scheibe brach und klirrte. Und nun klatschte es dumpf. Sie warfen mit Kuhdung, mit Dreckfladen, mit allerlei Schmutz und Unrat; was sie gerade aufschnappten von Straße und Hof. Und ein Gequäk und Gekrächz erhob sich, ein Gewieher und Gegrunze, ein Gemauze und Geknauze, als sei die ganze Tierwelt lebendig geworden. Ein Hund bellte, eine Katze miaute, ein Ochse brüllte, ein Esel iate; es war eine Höllenmusik.

Mit beiden Armen hielt Frau Leykuhlen ihren Bärtes umfangen; sie preßte ihn fest an sich: oh, daß sie seine Ohren nur zuhalten könnte, verstopfen, daß er nichts hörte von dem abscheulichen Konzert. Sie brachten ihm eine Katzenmusik, wie man sie nur dem bringt, der sich Ungebührliches hat zu Schulden kommen lassen. Dieses entehrende Ständchen ihm, dem Bürgermeister, von seinen Heckenbroichern selber dargebracht?! Die Frau zitterte, sie hätte in Tränen ausbrechen mögen. »O Bärtes, Bärtes, mach dir nühst draus!«

»Bis still, Mariechen,« sagte er wieder wie vorhin. Er war ganz ruhig. Seine Stimme klang nicht einmal zornig, nur traurig, als er jetzt das Fenster aufriß und in die Nacht hinausrief: »Jetzt is dat äwer jenug! Nu laßt de Dummheiten! Joht no hehm!«

Einen Augenblick war es still; dann raschelte es wieder in der Hecke. Liefen sie hastig fort, beschämt, hatten sie es doch mit der Angst bekommen?!

Die Frau, die sich neben ihren Mann ins Fenster gezwängt hatte, fuhr plötzlich zurück – klatsch! Ihr Bärtes, o, ihr Bärtes! Eine Ladung Kot war ihm ins Gesicht geflogen, sie wurde noch mit davon bespritzt. Und eine Stimme, – es war nicht zu erkennen, wem sie gehörte, denn sie verstellte sich – äffte ihm nach: »Laßt de Dummheiten, joht no hehm!« Ein wieherndes Lachen erscholl – wieder ein hastiges Rauschen und Rascheln – die Nachtbuben rannten davon.

»Jesus Maria!« Entsetzt drückte die Frau den Kopf an ihres Mannes Brust. Jetzt konnte sie nicht anders, sie mußte laut weinen: daß man ihn so kränkte, ihn!

Er strich ihr über den Scheitel: »Bis still, Mariechen, bis still! Laß se schreien. Wer kann sich an so wat kehren!«

War er wirklich so ruhig, war er wirklich so besonnen, wollte er nicht hinter ihnen drein rennen, sie einholen, sehen, wer es gewesen war?! Sie hob den Kopf und forschte angstvoll in seinem Gesicht. Es war zu dunkel, sie konnte seine Züge nicht erkennen, sie fühlte nur seine Hand, eiskalt trotz der Hitze, schwer auf ihrem Scheitel liegen.

»Jeh nach oben, Mariechen, jeh! Kuck, wat die Nixnutze da anjericht haben!«

Er machte nicht Miene, mit ihr hinaufzusteigen in die Giebelstube. Sie zögerte; aber sein Ton wurde heftig: »Jeh, jeh!« Da ging sie; ungern nur ließ sie ihn hier unten allein.

Mit zitternden Händen schaffte sie oben Ordnung, bis auf die Betten waren die Glassplitter geflogen, Boden und Wände waren beschmutzt; die Buben hatten gut gezielt durch das im Mondschein spiegelnde Fenster. Sie kehrte und wischte, die Kniee bebten ihr, aber sie hätte die Magd nicht zu Hilfe rufen mögen. Gott sei Dank, daß die nach der anderen Seite heraus schlief! Wie sollte die sonst Respekt behalten, wenn sie so was mit angesehen hätte! Eine tiefe Scham kam über die Bürgermeisterin; sie konnte nichts sehen vor bitteren, gekränkten Tränen, die ihr unaufhaltsam über das heiße Gesicht rollten. Ach, ach, das waren keine Kinderstreiche mehr, keine Dummheiten, wie Bärtes sagte, das waren Niederträchtigkeiten! Wer hätte das je von den Heckenbroichern gedacht?! Ihr ganzes Leben war im Dorf verflossen – vierzig Jahre sind lang – und nie hatte sie in all dieser Zeit geglaubt, es könnte hier einer sein, der sie so kränke. Nicht sie – ach nein, es war ja nicht um ihrer selbst willen, daß ihr Tränen des Schmerzes, des Zornes und der Scham über das Gesicht liefen, es war um seinetwillen. Was er jetzt wohl machte? Was er wohl denken mochte so ganz allein bei sich?!

Sie rannte hinab, die angezündete Lampe hochgehoben in der Hand. Einen Augenblick zögerte sie vor der Stubentür – drinnen war’s noch dunkel, sie hörte keinen Laut, war er nicht mehr da?! Behutsam drückte sie die Klinke nieder, leuchtete in die dunkle Stube hinein.

Da lag er auf den Knieen vor dem Tisch, hatte die gefalteten Hände auf den Tischrand gelegt und sein Gesicht auf die Hände. Sie sah nur seinen Rücken, aber sie sah doch, wie heftige Atemzüge ihn erschütterten.

Da zog sie sich leise zurück. Das fühlte sie, jetzt durfte selbst sie nicht stören. –

In dieser Nacht schliefen sie nicht. Aber auch nur wenige im Dorf schliefen. In den Häusern, eingeschlossen hinter den Hainbuchenhecken, war die Luft dick und schwül. Nur Regen, nur Regen! Mit offenen Mäulern lagen die Menschen auf ihren Betten und schnappten nach Luft. Die Kinder greinten, selbst sie fanden keinen Schlaf. Da und dort flinzelte Lämpchenschein, man hörte Stimmen, die Mutter vertröstete die Kleinen. In den dunstigen Ställen brüllte heiser das durstige Vieh. Der und jener schlich vor sein Heckentor und schaute prüfend den Himmel an: zog da nichts auf von Gewölk im Westen? Er blinzelte angestrengt, das harte Bauerngesicht erhellte sich für Augenblicke wie von einem Hoffnungsstrahl; aber enttäuscht sank der Blick gleich wieder: nein, das war kein Gewölk, das Regen brachte. Das war nur ein Rauch, ein Dunst, als sei die Erde ein Feuerherd und pustete den Dampf ihrer Glut zum Himmel.

Es war keine Nacht zum Schlafen. Es war eine Nacht, um wach zu liegen, sich zu wälzen in banger Sorge. – – –

Eine müde, überwachte Stille lag mit dem neuen Tag über Heckenbroich. Feurig ging eben die Sonne im Osten auf, als es auf der Straße bimmelte. Leykuhlen fuhr mit dem Kopf zum Schlafkammerfenster heraus, – er brauchte es ja nun nicht mehr aufzutun – das klang ja, als schellte der Meßner vorm Priester her, der den Leib des Herrn über die Straße trägt?!

Was – wer – wo?! Wer sollte versehen werden?! Der Bürgermeister riß die Augen weit auf, er stierte und starrte. Richtig, da schritt der junge Hilfsgeistliche das Röcklein übergeworfen! Vor ihm her schlorrte der Küster, ungewaschen, ungekämmt, wie einer, den man eilig aus dem Bette geholt hat. Er klingelte mit dem allbekannten Glöcklein.

Mit einem Arm das Fensterkreuz umschlingend, beugte der Bürgermeister sich weit, weit über die Hecke hinüber. Mit Blicken, die seine Augen fast aus den Höhlen drängten, folgte er den Dahinziehenden. Da gingen sie hin, Priester und Meßner – klingling – leise tönte das silberne Schellchen. Da gingen sie und brachten einer scheidenden Seele die letzte Wegzehrung.

Aber wo gingen sie hin – zu wem – ach, wohin?! Leykuhlen wollte rufen und konnte nicht, der Mund war ihm wie zugehalten, nur ein heiser herausgestoßenes ›Herr, erbarme dich‹, brachte er über die Lippen.

Nun waren sie am Eckhaus. Gingen sie nun geradeaus, die Hauptstraße zu Ende, oder schwenken sie links ab zum grünen Klee! Sie schwenkten links ab.

Am grünen Klee lag der Mechernich, mit dem war es schon gestern sehr schlecht gewesen; nun reichten sie ihm die heiligen Sterbesakramente, daß er in Frieden abfahren konnte von dieser Welt. Aber ein verlassenes Weib schrie hinter ihm her, eine Schar kleiner Kinder weinte nach Brot. Ein Schauer überrieselte den Bürgermeister. Und daran sollte er, wirklich er, schuld sein? Wasserleitung – eine Wasserleitung anstatt der Kirche – ohne gesundes Wasser keine gesunde Bevölkerung – die Brunnen taugen nichts! Er hatte es zugegeben, daß sie doch daraus tranken. Gott im Himmel, wie sollte er sich verantworten vor dem höchsten Richterstuhl?!

Gedanke auf Gedanke wälzte sich heran, Vorwurf auf Vorwurf. Der Mann war erdrückt, wie zu Boden geschmettert; mit beiden Händen faßte er sich nach der glühenden Stirn und stöhnte auf. Da innen saß ein sausendes Rad, das sich drehte in unaufhörlichem Schwunge: wenn der Mechernich starb, was machte er dann – und wenn noch andere starben, was dann? Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, er wußte nicht mehr, hatte er recht oder unrecht getan, war er beladen mit einer Schuld oder durfte er ihrer sich ledig sprechen? Sein Geist war verwirrt. O, wer sagte ihm, hatte er recht getan oder unrecht?!

Er krampfte die Hände in einander, der kalte Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Kommt zu Hilfe, ihr Heiligen Gottes! Herr, erbarme dich, – gib ein Zeichen! Tue deinen Himmel auf, laß regnen! Vater unser – – – gegrüßet seist du, Maria – – – laß regnen, gib mir ein Zeichen – – – o du Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünde der Welt, erbarme dich!

Der Himmel glühte über Heckenbroich. Und das Venn flammte weit hinaus im leuchtenden Rot seiner höchsten Blüte. Die Luft stand still überm staubbedeckten Scheitel der sonnenflimmernden Dorfstraße. Heute war Sonntag, der Tag des Herrn.

Langsam, wie matte Fliegen, krochen die Menschen zum Hochamt; sie waren in Sonntagskleidern, aber Sonntagsmienen zeigten sie nicht. Niedergeschlagene Gesichter, ohne Hoffnung, ohne Freudigkeit. In einer stumpfen Resignation schleppte man sich zur Kirche. Nun hatte man schon soviele Rosenkränze gebetet, Kerzen gestiftet, Wallfahren gelobt, und alles sollte umsonst sein! Die Weiden waren hart wie Tennen, nie mehr konnte da Gras sprossen. Und der Mechernich lag im Sterben. Ein ängstliches Raunen ging von Mund zu Mund: die Sterbesakramente hatte er bereits empfangen. Wie lange noch, und mit den anderen Erkrankten ging es ebenso. Wer kam dann an die Reihe? Und morgen früh wurde der Dores begraben, der kleine Junge vom Huesgen-Jörres. Da ging der Vater!

Den Kopf gesenkt, den Blick auf die gefalteten Hände niedergeschlagen, schritt Weber Huesgen zur Kirche. Aber es war nicht der Tod des Kindes allein, der sein Haupt senkte. Eine Woche voll rastvoller Arbeit in grenzenloser Hitze lag hinter ihm; neue Runen waren zu denen seines arbeitsverfurchten Gesichts noch hinzugekommen. Regen, ach, nur Regen, Erlösung, Regen! Es trieb ihn in die Kirche, in dem dämmerig gehaltenen hochgekuppelten Raume war’s noch am erträglichsten; daheim weinte das Weib, und die Geschwister schauten mit erschreckten Augen auf die Leiche des Dores, die im Tannensärgelchen auf zwei Schemeln im Schuppen stand, mit einer Girlande geschmückt, die das Kathrinchen gewunden hatte aus Schlangenmoos und blühendem Heidekraut. Der Dores war nicht am Typhus gestorben, den hatte er gar nicht gehabt; die Hitze hatte ihn mitgenommen. Die hatte er nie gut vertragen können. Seit die Sonne alles verbrannte, war auch er verbrannt wie ein flackerndes Lichtlein. Nun war das wächserne Gesichtchen freundlich, die welken Händchen auf der Brust umfaßten das Kruzifixchen, das man ihnen zu halten gegeben hatte.

Ein Kind weniger! Der Weber seufzte. Er war ein liebevoller Vater; aber daß der Herrgott den Dores zu sich genommen hatte, das war mehr eine Gnade als eine Heimsuchung zu nennen, wenn die Annelies auch jetzt noch bitterlich weinte. Sie würde sich trösten. Sie hatte nun einen Engel im Himmel, der Fürbitte tat. Aber warum die Bäreb sich so arg anstellte?! Ordentlich ärgerlich war Jörres Huesgen auf seine Älteste. Statt der Mutter bei der Hand zu sein, kniete sie immer bei der Leiche, starrte sie an mit vom Weinen verschwollenen Augen und schluchzte dann auf, so heftig, daß es ihr fast das Herz abstieß. Freilich, Leben und Sterben ist ein ernstes Ding – wurde das die Bäreb erst jetzt gewahr?

Der Weber seufzte, als er beim Summen der Orgel auf der Betbank niederkniete, und trocknete sich mit dem roten Sacktuch den Schweiß ab. War das eine Hitze! Selbst hier war heut nicht die Kühle zu finden, die so wohltat, wie in einem tiefen Keller, wenn draußen die Sonne glühte. Auch in die Kirche war die Schwüle gedrungen. Ein erstickender Dunst lastete im Raum, dessen Wölbung heute niedriger schien.

Und um den Weber seufzten und schwitzten noch viele; die Leiber der knieenden Andächtigen dampften. Matt die Stimme des Priesters am Altar, fast erstickt durch die dicke Luft, matt die Responsorien des Dieners, matt der Gesang vom Orgelchor, kraftlos, ohne Frische und Fülle, und matt auch die Gebete. Hier schlief eine, dort schlief einer. Diese war auf die Bank zurückgesunken, legte den Kopf hintenüber und schnarchte mit offenem Mund; jener schlief gar im Knieen, das Haupt war ihm haltlos aufs Gebetbuch genickt. Geknickten Blumen gleich hingen die bunt-betuchten Köpfe der Frauen. Jetzt wurde eine gar ohnmächtig, es gab für Minuten ein Scharren, ein Poltern, man schaffte sie hinaus. Dann wieder die vorige bleierne, lähmende Stille.

Der alte Pastor bestieg die Kanzel, heute ließ er es sich nicht nehmen, selber in der Predigt zu seiner Gemeinde zu sprechen; es war eine schwere Zeit. Er redete mit zitternder Stimme von der weisen Anordnung Gottes, die alles, was da lebt, mit Segen erfüllt, die zur Zeit Regen und Sonnenschein gibt, die aber mit Entziehung des Segens heimsucht, wo sie Reue erwecken will und bußfertige Gesinnung.

Die Gemeinde hatte das Bußlied gesungen: