Part 21
»O Gott, streck aus dein milde Hand, Erfüll mit Segen Leut und Land, Halt ab in gütger Vaterhuld Die Strafen für die Sündenschuld!«
Der Bürgermeister neigte sein Haupt tiefer und tiefer. Er wagte nicht aufzusehen; es war ihm, als müßten sich aller Blicke vorwurfsvoll auf ihn richten, als nagelten sie ihn alle fest mit ihren müden, umschatteten Augen.
Es brauste vor seinen Ohren, es hämmerte in seinen Schläfen, es siedete ihm in den Adern. Er hörte nichts mehr von dem, was der Pastor noch weiter sagte, er hörte nur immer das Schellchen des Meßners, der vor dem Priester her zum Sterbenden schritt. Mußte der Mechernich wirklich sterben? War er am Ende schon tot?! Zwischen dem Tönen des Schellchens vernahm er die Sterbeseufzer, das Jammern des Weibes, das Weinen der Kinder. Ströme von Schweiß rannen Leykuhlen über den Leib. Von einem Schwindel gepackt, wollte er die Augen schließen, aber es riß sie ihm wieder auf, er mußte sehen, alles das sehen, was er, er angerichtet hatte.
– – ›Ich begreife nicht, wie ein sonst so intelligenter Mensch sich so gegen alle Neuerungen verschließen kann‹ – ›Eine Wasserleitung ist das Allernotwendigste, wir werden den Typhus sonst hier nie los‹ – so, oder ähnlich doch hatten sie gesprochen. Schon lange, ach lange schon waren sie an ihm. Aber er hatte die Kirche gebaut. Er hatte die Gemeinde dazu bewogen. Hätte er sie nicht ebensogut zu etwas anderem bewegen können?! Sein, ja sein war die Schuld!
Wie ein Kranker wankte Leykuhlen aus der Kirche. Er bemerkte nicht, daß die Grüße, die ihm sonst ehrerbietig und willig zu teil wurden, heute ganz anders waren. Man grüßte, weil es eben sein mußte; keine Freundlichkeit erhellte diese Grüße. Die Bürgermeisterin hielt sich dicht neben ihrem Mann, ihr war, als müsse sie ihn schützen, wie gestern abend; und doch fiel jetzt kein Stein.
Die reichen Bauern, der Adams und der Zumstädtchen, kamen jetzt zusammen an ihnen vorüber; sie taten, als sähen sie den Bürgermeister nicht. Sie gingen stracks hinüber auf die andere Straßenseite und sprachen so eifrig auf einander ein, als hätten sie den wichtigsten Handel zu bereden. Sie waren grimmig. Nun hatten sie schon ein paar Mal den Dreiborn nach oben holen müssen – was das kostete! – und andere im Dorfe hatten ihn auch holen müssen.
Der Tierarzt war noch röter geworden als sonst und hatte noch mehr mit den Augen gekugelt als gewöhnlich, und hatte noch mehr räsonniert, als zu anderer Zeit: was verlangten sie denn, wie sollte das unvernünftige Vieh gesund bleiben, wenn der vernünftige Mensch sich krank säuft?! Er ereiferte sich sehr: weiß der Himmel, er wollte lieber Kaffern und Hottentotten kurieren, als Eifler Vieh. Was nutzte ihm alles, was er gelernt hatte, was war überhaupt die ganze Wissenschaft nutze, wenn ihr hier eine solche Borniertheit entgegengesetzt wurde? ›Ihr seid schwarz, schwarz bis in die Knochen – dat is euer Malheur!‹ Zu anderen Zeiten hätten die Bauern über ihn gelacht: was ereiferte sich der Viehdoktor denn so?! Oder sie hätten sich auch geärgert: so einer, der doch auch aus der Eifel stammte und nun in keine Kirche mehr ging, so einer, der seinen ganzen Glauben verloren hatte überm Studieren! Aber in der Stimmung, in der sie jetzt waren, hörten sie ihn an; sie verstanden ihn nicht ganz, aber das hörten sie doch heraus, daß der Dreiborn, der immerhin ein kluger Mann zu nennen war, und ums Vieh gut Bescheid wußte, nicht zufrieden war mit dem, wie es so war. Nein, sie auch nicht! Ganz und gar nicht!
Völlig erschöpft kam Leykuhlen heim. Schwer ließ er sich in seine Kanapee-Ecke fallen und stützte den Arm auf. Als die Frau ihn etwas fragte, schüttelte er nur den Kopf verneinend; weitere Antwort gab er nicht.
Jesus, ihr Mann wurde doch am Ende nicht auch krank?! Mit tränenden Augen stand die Bürgermeisterin in der Küche und blies das Feuer an. Die Magd konnte nicht damit zurechtkommen, es wollte heute nicht brennen; die Sonne gloste über dem Schornstein, die drückende Luft schlug jedes Dampfwölkchen, das aufsteigen wollte, wieder hinab in den Kamin. Die Küche war voll von Rauch und vom brenzlichen Gestank des langsam schwelenden Torfes. Immer wieder stocherte die Frau im Feuerloch, ganz mechanisch, ihre Gedanken waren nicht bei diesem Werk. Sie merkte es nicht einmal, daß sie in eine Wolke von beißendem Dampf gehüllt stand, daß sie nichts sehen konnte vor Rauch und Tränen. Die Magd war dem erstickenden Qualm entwichen, die Frau war allein. »Jesus,« seufzte sie aus tiefster Seele, »Jesus Christus erbarm dich!«
Da wurde hastig die Tür aufgerissen. Der, um den ihre Gedanken kreisten in unablässiger Sorge, war plötzlich bei ihr mit zwei Schritten, mit seinen alten, kräftigen Schritten. Er faßte sie um den Leib. »Mariechen, Jott sei Dank!« Es war wieder etwas in seiner Stimmen von frischem Klang. »Denk ens an, Mariechen, mit dem Mechernich steht et besser. Dat war die Krisis. ›Den kriegen wir durch,‹ sagt der Doktor. Eben war er bei mir. Haste ihn nit jehört?«
Sie hatte nichts gehört, keinen Wagen, keinen fremden Schritt im Flur, sie war so ganz in ihren Sorgen befangen gewesen. »Wahrhaftig?« fragte sie, noch ungläubig, und blinzelte ihren Mann an.
»Mit Jottes Hilf,« sagte er ernst. Aber dann drückte er sie an sich in einer jähen Aufwallung des Gefühls: »Jott sei jelobt, Mariechen, ich kann et dir nit sagen, wie jlücklich ich bin! Wenn der Mechernich durchkömmt, dann« – er lächelte sie an – »Mariechen, dann stift ich die Uhr, die noch fehlt an der Kirch. Wenn et dir recht is, Mariechen?!«
Ob es ihr recht war!
* * * * *
Seit der Mechernich am grünen Klee die letzte Ölung empfangen hatte, war es besser geworden mit ihm. Merkwürdig, und doch nicht merkwürdig! Vor dem Häuschen des Torfarbeiters standen die Leute und besprachen den Fall mit einer von ihrer sonstigen Verschlossenheit und Ruhe stark abstechenden Lebhaftigkeit. Ja, als das heilige Öl seine Stirn salbte, da hatte er die Augen, die er geschlossen gehalten hatte seit Tagen schon, auf einmal wieder aufgemacht. Und er hatte gesprochen, ganz vernünftig, gar nicht mehr wirres Zeug. Er hatte die Frau erkannt und die Kinder und hatte ihnen die Hand gegeben – nicht zum Abschied, nein, zum Willkommen. Und gesagt hatte er, daß er wohl gewußt hätte, es sei nicht gut, im Venn von dem Wasser zu trinken, daß sie aber einen so argen Durst gekriegt hätten beim Torfaufsetzen in der großen Hitze, und daß sie gedacht hätten, es würde ihnen schon nicht schaden, die Soldaten hätten ja auch getrunken, oft schon da oben im Venn.
Also die Brunnen waren doch gut?! An denen hatte es nicht gelegen, daß der Mechernich und der Peter krank geworden waren. Venn-Wasser hatten sie getrunken, von dem rostigbraunen, mit Schaumblasen bedeckten, das oben in den Gräben steht, und vor dem man oft, sehr oft schon, ernstlich gewarnt worden war. Ei, wer nicht hören will, muß fühlen. Recht war ihnen eigentlich geschehen, ganz recht, warum hörten sie nicht auf das, was ihnen gesagt wurde?! Aber dem Leykuhlen war Unrecht geschehen. Wahrhaftig. Die Brunnen waren doch gut – gutes, reines, gesundes Wasser! Sie fühlten alle Scham. Wozu denn auch eine Wasserleitung?! Das Geld für die brauchte man wahrlich nicht herauszuschmeißen, wenn man selber so gute Brunnen im Dorfe hatte! Ein befreiendes Lachen ging durch Heckenbroich.
Als die Bürgermeisterin am Nachmittag aus der Vesper kam, fühlte sie, wie schnell sich die allgemeine Gesinnung geändert hatte. Die Grüße waren ehrerbietig, fast ehrfurchtsvoll. Wieder streiften sie viele Blicke, aber jetzt waren sie nicht unfreundlich, wie am Vormittag, es war wieder etwas von der alten vertraulichen Zuneigung in ihnen. Noch steckte in der Kirche die ganze Schwüle, die der Vormittags-Gottesdienst mit seiner Überfüllung darin zurückgelassen, aber man hatte sie jetzt nicht mehr in ihrer ganzen Unerträglichkeit empfunden. Ein befreiender Windstoß war in die bange Schwüle gefahren: die Brunnen waren gut, das Wasser von Heckenbroich war gesund, der Bürgermeister hatte doch recht getan, wer da von Wasserleitung noch redete, sprach dummes Zeug!
Es war ein Sonntagnachmittag, wie ein solcher lange nicht zu Heckenbroich gewesen war. Die Bauern schritten wieder ihre Weiden ab; sie hatten bisher nicht den Mut dazu gefunden. Am Ende stand’s doch nicht ganz so schlimm, wer weiß, wenn man jetzt bald Regen bekam, schlugen die verdorrten Wurzeln doch noch einmal aus. Die Witwe Höfen trieb sogar ihre Kuh auf ihr Stückchen Grasland, und das Tier fand doch noch ein Hälmchen zum Rupfen. Viele prüfende und sehnsüchtige Blicke richteten sich zum Himmel auf; alle Wetterkundigen ließen sich vernehmen. Aber noch war kein Regen in Sicht; wenn der kommen wollte, wehte der Wind ganz wo anders her, und dann stand das Kreuz der Marienley nicht so fern in goldigem Blinken, dann ragte es nah, zum Greifen nah, hob sich schwer aus den blauschwarzen Tannen auf einem weißwolkigen, unruhigen Hintergrund. Noch war nicht an Regen zu denken.
Wie immer versank die Sonne flammend im roten Venn, der Himmel glühte bis zum fernsten Streifen mit Rosen- und Goldgewinden. Purpurne Dämmerung sank nieder auf Heckenbroich.
Es kam die Nacht, heiß, unerquicklich, heute vielleicht noch dunstiger als all die Nächte vorher. Die Ferne blinkte nicht so golden, sie war mit einem grauen Hauch überzogen.
Und doch schliefen die Leute von Heckenbroich. Eine Ermattung war übers Dorf gekommen, die Ermattung der Beruhigung: wenigstens das Wasser war gesund, wenigstens die Brunnen waren tauglich!
Auch Leykuhlen schlief, nach vielen schlaflosen Nächten von einer tiefen Ermüdung befallen. Als Mariechen das Licht ausblies, hatte er noch mit ihr sprechen wollen, aber die Worte verloren sich ihm.
Es war ein köstlicher Traum, der seine Gedanken verwirrte – ah, wie es rauschte, so sanft und lind! Himmlische Musik! Es rauschte, als wollte es regnen. Er schlief, erquicklich wie lange nicht, von feuchtkühlenden Lüften bestrichen; vom gleichmäßigen Rauschen war sein Ohr umschmeichelt. Er lag und atmete tief und gleichmäßig, die Stirn glatt und erhellt im beglückenden Traum. Er hörte nichts vom hellen Ausruf seiner Frau; erst als sie ihn kräftig rüttelte, wachte er auf. War es schon Morgen?!
»Bärtes, et regent! Hör, wie et am Regnen is!«
Da war er mit gleichen Füßen auch schon aus dem Bett. Das war kein Traum. Es rauschte nicht nur in den Lüften, als wollte es regnen, nein, es regnete wirklich schon rauschend nieder in gleichmäßig-eindringlichem Fluß. Kein Donner und Blitz, kein plötzlicher Guß, der rasch wieder aufhört, wie er gekommen: das war Landregen. Der Himmel ohne Licht, alle Sterne verkrochen. Regen, Regen, Erlösung, Segen!
Beide Arme in den Regen hinausstreckend, gab der Mann seine offene Brust den schweren Tropfen und den kühlenden Lüften preis. Was nutzte alle Wetterkunde? Die Wetterkundigen hatten noch lange keinen Regen prophezeit, und nun war er doch da, ungeahnt gekommen über Nacht, weil er, der die Wolken macht zu seinem Wagen und dahinfährt auf den Flügeln der Winde, weil er geboten hatte, und siehe, es geschah!
Leykuhlens Blick flog hinüber zu den dunklen Umrissen der Kirche. Schimmerte da nicht schon ein Glanz? Nein, es war nur das Dämmern der ewigen Lampe, die rötlich durchs schwarze Fensterglas glimmte!
Er fuhr in die Kleider. Auf der Straße war es schon lebendig. Das war ein Geschwatz und Gelächter, ein Rufen und Laufen, ein Rappeln, ein Schleppen mit Kübeln und Fässern im Morgengrauen. Die Leute fingen den Regen auf. Nur notdürftig waren sie bekleidet, aber mit Wonne ließen sich Männer und Weiber naß regnen bis auf die Haut. Das war ein Genuß. So hell hatten die Stimmen lange nicht geklungen. Man patschte durch die dunklen Regenpfützen, man öffnete die Stalltüren, ließ auch dem Vieh einen Mund voll der köstlichen Luft zukommen; trat einer in eine der Pfützen, die sich mit Zauberschnelle gesammelt hatten, so daß sie hoch aufspritzte, wurde sein Gelächter erst recht hell.
Ein Bann war gelöst. Die Dürre, die so lange Zeit mit eisernem Reifen Land und Leute umspannt hatte, war gewichen. Wie befreit dehnte sich die Brust und das Herz in ihr. Es regnete, es regnete!
Als Leykuhlen hinter seiner Hecke hervortrat, bemerkten sie ihn gleich: de Burjermeester, de Burjermeester! Sie umringten ihn. »Et räent, Hähr Burjermeester, et räent jo! Dat is jot!« In den rauhen Stimmen war’s wie ein Jauchzen. Sie begrüßten ihn, sie machten sich an ihn heran; die Männer schüttelten ihm die Hände, die Weiber schwatzten auf ihn ein, es war ihnen allen die Zunge gelöst. Daß sie ihm noch am gestrigen Tage ernstlich gegrollt hatten, das wußte kein Mensch mehr. Sie sahen ihn an, als sei er der, der den Regen gemacht hatte.
Leykuhlen stand unbedeckten Hauptes inmitten seiner Getreuen. Der Regenwind schnob daher und spielte mit seinen Haaren. Es überrieselte ihn, er empfand die Kühle wie einen heiligen Schauer. Sein Herz war übervoll einer gewaltigen Freude: da war ja der Regen! Und das Zeichen, das er begehrt hatte! Über ihn rann der Guß und badete ihm Gesicht und Seele. Er mußte an sich halten, seine Würde wahren, sonst hätte er laut herausgeschrieen wie ein Knabe, in höchstem Jubel: die Brunnen waren doch gut, und er hatte doch recht getan! Gott sei Dank! Er neigte die Stirn, die der Regen wusch; er fühlte den Finger Gottes.
Zur Kirche! Schon läutete es zur Messe. Die Fenster wurden helle vom ersten scheuen Morgenschein, der das feuchtdampfende Land, die triefenden Hecken, die getränkten Matten nun noch deutlicher zeigte. Wie mit freundlichen Augen lugte die Kirche von Heckenbroich; ihre Türen öffneten sich weit. Es eilten die Männer, die Frauen, die Alten und die Jungen, das ganze Dorf strömte herbei.
Weit ins morgendämmernde Land hinaus durchs offengebliebene Portal brauste Orgelklang. Der Bürgermeister hatte nicht erst beim Pastor angefragt, eigenmächtig hatte er den Lehrer auf den Chor hinaufbeordert, der Bälgetreter mußte eilends herbei, nun hieß es, alle Register gezogen. Es rauschte und brauste mit Jubelgetön: Gott den Dank, allen Heiligen den Preis. Der Bürgermeister selber mit all seiner Lungenkraft intonierte das _Te deum laudamus_:
»Großer Gott wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke!«
* * * * *
Bürgermeister Leykuhlen hatte immer ein gutes Ansehen in Heckenbroich und Umgebung genossen, aus der ganzen Gegend kam man zu ihm sich Rat holen, aus der Kreisstadt sowohl als aus dem entlegensten Venndorf. Aber nun war es doch noch anders geworden. Er war in den Augen der Leute noch gewachsen. Man hätte sich kaum mehr getraut, etwas zu tun, ohne ihn zu befragen; er war der Klügste und ein gottesfürchtiger Mann dazu. Die Mützen flogen von den Köpfen.
›Der König von Heckenbroich!‹ Das hatte der Tierarzt mit einem gewissen Spott aufgebracht, und andere sprachen es nach. Der Landrat nicht ohne Ärger. Da war er mit all seinem Eifer, mit all seinem guten Willen und seiner Betriebsamkeit, mit der Vielseitigkeit seiner Interessen nicht halb so weit gekommen, wie dieser Bauernbürgermeister mit seiner Einseitigkeit. Weiß Gott, wenn’s wieder zu den Wahlen kam, stellten sie ihn noch als Abgeordneten für den Kreis auf! »Da sei Gott vor!« schrie Dreiborn in einem Entsetzen, das so komisch war, daß seine Zuhörer lachten. Aber ihm selber war’s nicht komisch, ihm war ernst dabei zu Mut, traurig sogar. Er hatte doch auch das Land lieb, auf seine Weise. Wenn doch einer käme, der den Leuten ein Licht aufsteckte! So geriet man ja immer tiefer ins Mittelalter hinein! Er pustete und wurde rot und röter, wenn er von dem Bauernbürgermeister hören mußte; und doch konnte er dem Mann eine gewisse Anerkennung nicht versagen: der Pfaffenknecht tat auf seine Weise das Beste – aber eben auf =seine= Weise!
Leykuhlen hatte keine Ahnung davon, daß in der Kreisstadt viel über ihn gesprochen wurde. Das _Te Deum_, das er so ganz aus eigener Machtvollkommenheit nach Anbruch des großen Regens in der Kirche von Heckenbroich hatte singen lassen, konnte nicht unbesprochen bleiben. So etwas war noch nicht dagewesen. Aber nur wenigen war es ein ärgerlicher Anstoß, die meisten standen ihm voller Sympathie gegenüber.
Auch Heinrich Schmölder erzählte davon zu Hause. Ihm war es im Grunde ganz gleichgültig, er hatte den Kopf voll mit eigenen Angelegenheiten – sollte er Hedwigs Mitgift nicht lieber doch noch in Händen behalten und dem jungen Paar nur eine Rente geben? – aber Lenchen hatte so lange gespöttelt und gehetzt, bis auch er von ›Betbruder‹ sprach. Dem Gatten so wenig als möglich zu widersprechen, war einer der Grundsätze von Frau Schmölder; aber jetzt echauffierte sie sich doch: wie konnte Heinrich so etwas sagen?! Man hätte wirklich annehmen können, er wäre kein guter Christ, wenn man’s nicht besser wüßte. Und was sollte der Bräutigam davon denken, der mit am Tische saß?
Aber Scheffler lächelte nur verbindlich; er hatte kaum hingehört, was der Schwiegervater sagte, er tändelte mit der Braut. Hedwigs Hand in der seinen haltend, zog er ihr spielend den goldenen Reif vom Finger und schob ihn ihr wieder auf. Das war ihnen beiden sehr unterhaltsam.
Josef saß dabei und biß sich auf die Lippen; in seinem Gesicht vibrierte es nervös. Nun hielt er nicht mehr an sich; dies verliebte läppische Getändel alle und alle Tage mit anzusehen, das war zuviel. Gereizt fuhr er auf: »Leykuhlen ist durchaus kein Betbruder, und auch kein Pfaffenknecht, wie ihn gewisse Leute zu nennen belieben. Er ist ein Mann, ein ganzer Mann, der genau weiß, was er zu tun hat. Ich wollte, ich wäre so einer!«
»No, und wat dann?« fragte der Vetter mit seinem breiten Lächeln.
»Dann stünde ich auf und schöbe den Stuhl unter den Tisch: prost Mahlzeit,« stieß der andere heftig heraus. Er sprang auf. »Ihr habt ja gar keine Ahnung von Größe; keinen Schimmer! Wenn ihr nur eueren guten Tag lebt, damit basta. Aber der Mann da oben, der hat selbstlose Ideen. Der ist wohl auch der Berufene, der Einzige vielleicht, der geeignet ist, Kreis und Land zu vertreten. Klug, kräftig, männlich, geradezu, unerschrocken –«
»Und dazu noch en jute Portion Selbstbewußtsein,« setzte, halb tadelnd, halb anerkennend, der Fabrikant hinzu. »Kreisphysikus und Landrat können ein Lied davon singen. Haha!« Er amüsierte sich noch in der Erinnerung; er hatte gehört, wie Leykuhlen denen gegenübergetreten war.
Josef schob seinen Stuhl unter den Tisch. »Gesegnete Mahlzeit,« sagte er kurz. Seiner Cousine nickte er zu: »Dein Diner war sehr gut, Sophie, ausgezeichnet wie immer; danke. Aber ich äße lieber Brot und Kartoffeln oben auf der Fangeuse!« Und damit ging er zur Tür hinaus.
»Was hat er denn nun schon wieder?« fragte Frau Schmölder ganz erschrocken. »Rebhühner ißt er doch sonst so gern. Er war ja so ungemütlich!«
»Verrückt,« sagte Heinrich, zuckte die Achseln und lachte hinter dem Vetter drein. Er nahm Josef jetzt nur mehr komisch: was sollte er sich denn noch über den ärgern?!
Dann sprachen sie von etwas anderem. Es war so selbstverständlich, daß das junge Paar die neuen Reitpferde, die Egon sich als demnächstiger Hauptmann anschaffen würde, auch einfahren ließ. Nur in welcher Farbe der Wagen ausgeschlagen werden sollte, oder ob ein Selbstfahrer eleganter wäre, darüber war man sich noch nicht einig.
Josef stürmte hinaus. Er war ingrimmig, alles widerte ihn an; und doch sagte ihm der eigene Verstand, daß er eigentlich gar keine Berechtigung habe, so aufgebracht zu sein, kein Mensch hatte ihm ja etwas getan. Aber er konnte sein Gleichgewicht nicht wiederfinden, wie sehr er auch bergauf und bergab rannte. Wo sollte er hin? Einen Augenblick dachte er an Leykuhlen, Frau Mariechen hatte etwas so Beruhigendes; aber er schämte sich, dem Freund in dieser Verfassung unter die Augen zu treten. Bärtes war so ruhig, so gleichmäßig, ein so ganz in sich gefestigter Mensch; was sollte er wohl bei diesem, er, der heute noch, den Fünfzigen nicht allzu fern, wie einer von achtzehn war?!
Er spazierte ziellos umher den ganzen Nachmittag, lief in sich gekehrt, mit gerunzelter Stirn; schon war er todmüde, aber er mochte doch noch nicht zurückkehren. Endlich fand er sich, oberhalb der Au, am Fuß der großen Tanne, zwischen deren Wurzeln er einmal so sanft geruht hatte in einer Mondscheinnacht. Heute war noch Sommerabendsonne, die Landschaft nicht so traumhaft verklärt wie im Mondschein, auch nicht so poetisch; wirklicher, leibhaftiger, kräftiger in den Farben, aber doch auch schön und vor allem beruhigend. Die Stille tat ihm wohl. Seine Mißstimmung verlor sich im Anschauen der Landschaft. Dunkel, so dunkel der Tannenwald, saftgrün das Wiesental. Schon schwebte ein leiser, silberiger Duft über Grund und Hängen, der Hauch des Herbstes. Bald würden die wenigen Laubkronen, die zwischen den dunklen Tannen verstreut waren, sich rostbraun färben, und dann –?! Es packte ihn noch einmal wieder: Himmel, der Herbst so nahe, und noch einmal ein Winter da unten – entsetzlich! Er schüttelte sich.
Harte Tritte klapperten; der steinige Boden leitete den Schall weit. Da kamen sie herauf, die müden Arbeiterinnen, die, nun die Dampfpfeife gepfiffen und das Glöckchen oben im Türmchen der Fabrik gebimmelt hatte, matt und hungrig den Heimweg antraten. Arme Dinger! Er sah ihnen entgegen, wie sie den Fußpfad heraufstiegen, zu zweien und dreien nebeneinander die Breite des Pfades einnehmend; alle trugen ein Körbchen am Arm, alle neigten die glattgestrählten Köpfe nieder auf das Strickzeug, dessen grobe Nadeln in ihren Händen rasselten. Selbst jetzt noch fleißig! Er bewunderte sie. Sie sprachen mit einander, mitunter sagten auch ein paar das ›Gegrüßet seist du,‹ her. Als sie bei ihm vorüberkamen, sagte er ›Guten Abend‹. Sie stießen sich an und kicherten: der Herr, der da auf dem Boden lag und sie zuerst gegrüßt hatte, erregte ihre Heiterkeit. Sie beguckten ihn rasch von der Seite, und dann lachten sie noch im Weitergehen: der war ja närrisch!
Es war ihm peinlich. Warum lachten sie denn so? Dumme Dinger! Er sprang auf und kroch die Berglehne etwas höher hinan und lagerte sich dort hinter ein Brombeergestrüpp. Nun konnte er sehen, ohne selber gesehen zu werden. Ganz hübsche Mädchen, sahen nur alle älter aus, als sie wohl sein mochten! Der Schönheitskenner rümpfte die Nase. Aber da, da kam eine hintennach, die war wirklich noch hübsch, vollkommen hübsch! So taufrisch, gänzlich unberührt.
Es war Bäreb. Sie kam als allerletzte. Langsam, wie sehr müde, ging sie; ein großer Abstand blieb zwischen ihr und den übrigen Mädchen. Sie strickte auch nicht wie jene, sie betete auch nicht, obgleich sie die Hände vor sich gefaltet hielt. Ihr schwerer Blick starrte geradeaus, weit, weit weg in den dämmernden Abend.
»Hela!« Es reizte Josef, sie anzurufen.
Sie erschrak heftig. Als sie nach ihm hinsah, erkannte er sie: ah, dieses hübsche Mädchen war ja die Huesgen! Schon einmal hatte er sie so erschreckt, oben vor der Kirche – war er denn so schrecklich?! Schnell rutschte er den Hang hinunter und stand mit einem Scherzwort vor ihr. Sie sagte »Juten Abend«; er merkte, daß auch sie ihn erkannte, aber sie lächelte nicht. Ihr mattes Gelblich-weiß errötete nicht, sie sah an ihm vorbei mit einem verlorenen, traurigen Ausdruck.
Nun, die machte ja ein so unglückliches Gesicht? Warum denn? War ihr der Schatz untreu geworden? Er fragte es sie scherzend.
Da schoß ihr das Blut jäh ins blasse Gesicht, und seine Hand fortstoßend, die ihr unters Kinn greifen wollte, sagte sie hastig: »Ich han keene Schatz. Ich will ooch keene – oß Dores is duet – vürletzte Sonndag hammer hen bejrawe!« Sie hielt sich die Hände vors Gesicht und fing an, herzbrechend zu weinen.
Josef war betroffen. Also der kleine Dores war tot? Er erinnerte sich des Kindes noch ganz genau. Aber war das denn so ein Jammer um den blöden Knaben? Er wurde ganz verlegen bei ihren Tränen. Was sollte er sagen?