Das Kreuz im Venn

Part 19

Chapter 193,954 wordsPublic domain

Der Bauer Adams trank längst wieder aus seinem Brunnen. Was kümmerte es ihn, daß es verboten war?! Sein Nachbar Zumstädtchen tat es ja auch. Aber ein gutes Gewissen hatte er doch nicht dabei. Ja, hätte man nun eine Wasserleitung, wie man sie hätte haben können, vom reinen Wasser des Aubachs, man wäre aller Unruh und allen Ärgers ledig gewesen. Der Leykuhlen, der Leykuhlen mit seiner Kirch, der Teufel sollte ihn holen mitsamt seinem Frommsein!

Ein grimmiger Zorn gegen den Bürgermeister faßte den Bauer. Ein um so größerer, als er klug war, um sich nicht selber auch einen Teil Schuld beizumessen. Er war die gewichtigste Stimme, hatte die meisten Weiden, das meiste Vieh, warum hatte er denn nicht das Maul aufgetan und dagegen gesprochen, als sie alle schrieen: En neue Kirch, en neue Kirch, und dem Bürgermeister zustimmten?!

Seitdem man dem Adams seinen Brunnen verschlossen hatte – seinen eigenen Brunnen, auf seinem eigenen Grund und Boden, so daß er nur nächtens daraus schöpfen konnte, heimlich daraus stehlen mußte wie ein Dieb! – seitdem hatte sich seine Meinung völlig geändert. Eine Wasserleitung mußte sein, eine Wasserleitung hätte längst sein müssen, daß man nicht solchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt war! Seine Hände, die er in beiden Taschen der Buckskinhose stecken hatte, ballten sich unwillkürlich zu Fäusten. Er sah den Leykuhlen da hinten durch die Wiesen schreiten – aha, der sah nach seinen Knechten, die dort mähten – der kam ihm gerade recht!

»Hela!« Er schrie ihn an, und als der andere nicht gleich hörte, weil selbst die starke Männerstimme in der großen Weite verflatterte wie ein schwacher Kinderruf, legte er die beiden Hände als Schallrohr an den Mund und brüllte hinein mit Aufbietung aller Kräfte: »Hela!«

Da stutzte Leykuhlen und sah sich um.

Jetzt hatten sie sich ins Auge gefaßt. Der dürre Adams schwenkte die Arme und gestikulierte. Sie kamen aufeinander zu.

»Burjermeester,« sagte der Bauer, »da ’s jot, dat ich Uech ens treff! Wie is et dann mit der Wasserleitung? Solle mir noch lang dat Wasser saufe uhs oß Pötze? De Frösch springen drin!« Er sah den andern blinzelnd an: das war ja ein bißchen übertrieben, aber das schadete nichts, der Bürgermeister sollte merken, daß es ihnen nun Ernst war, daß sie nicht damit einverstanden waren, daß das Geld, das schöne Geld der Gemeinde so verbaut worden war! Er knurrte grimmig: »Hm, is dat en Trockenheit – Jeses, en Hitz! – und wann mir keen Wasser mieh hant, wat dann?«

Leykuhlen war blaß, aber eine heiße Röte trat ihm jetzt auf die Stirn. »Bin ich der liebe Herrjott? Kann ich rejnen lassen über Nacht und am Tag die Sonn scheinen? Akkurat esu, wie et Uech passend wär?!« Er zuckte die Achseln und sah niedergeschlagen und abgespannt aus.

»Davon is jo keen Red!« Adams brauste auf: was stellte der Bürgermeister sich denn so dumm? »En Wasserleitung hätt’r baue solle, dozumal, wie m’r esu jot bei Kass’ wore! Wat fange mir mit der jruße Kirch an? Die alt war noch lang jot. Do bruchte mir keen Angst ze han, dat oß Pötze zu End jonn. Der Zumstädtchen hat heut nühst wie Schlamm eropjehollt!« Mit bösen Augen sah er dem Bürgermeister ins Gesicht.

Leykuhlen hielt den Blick ruhig aus. »Wat regt Ihr Uech esu op, Adams,« sagte er dann. »Et is wahr, et is en schlimm Zeit, äwer de Sonn hat oß noch nie jeschadt!« Er legte dem Bauern die Hand auf die Schulter und versuchte ein Lächeln. »Ihr seid doch ’ne kloge Mann, laßt doch nit jlich der Mut falle! Et hat noch immer, immer jot jejange. Wenn et esu bleibt, müsse wir uns eben Wasser fahren, aus dem Aubach erop, in Fässern. Dat is dann nit angersch!«

»So?« Zornsprühend sah ihn der sonst so ruhige und gehaltene Bauer an. »So, un wer soll dann in dieser Zeit oß Heu einfahre? Et hat nit jeder esu vill Ochse, wie Ihr habt. Un noch zwei Perd. En halev Stund erunter, en Stund erup – wat sollen die Leut dann maache, die kee Fuhrwerk han?«

»Wir werden ihnen aushelfen, dafür sind wir Heckenbroicher. Mer soll von uns nit sagen, dat wir Brüder im Stich jelassen hätten!«

»Jo woll, jo woll,« höhnte Adams, »predigt Ihr nur esu weiter, dat hört sich alles siehr schön an. Ihr hätt oß nur früher nit im Stich losse solle. Jo, Ihr, Ihr!« Er fuchtelte dem andern mit seinem Finger immer vor der Nase herum. »Et is jot fromm sein in anger Leuts Tasch. So’n Dommheit, so’n Unsinn, esu en jruße Kirch zu baue, wenn et Nötigste im Dorf fehlt!« Er räusperte sich zornig und spuckte aus in großem Bogen.

Sie standen in der Prallsonne, die Hecke, die hinter ihnen die Weide abschloß, gab nur einen schmalen Streifen Schatten. Die Röte, die der Bürgermeister vordem nur auf der Stirn gehabt hatte, zog sich immer tiefer herab über sein ganzes Gesicht. Er schwitzte und dabei fror ihn. Der starke Mann schüttelte sich wie in innerem Frost: der Bauer hatte so unrecht nicht, ja, es war schlimm, sehr schlimm jetzt, daß sie keine Wasserleitung hatten!

Unbarmherzig fuhr Adams fort: »So, un wenn mir nu de Krankheit kriege – mer soll doch dat Wasser nit trinke, et wär unjesund – die is doch nit et erschte Mol he. Wenn se nu wiederkömmt?!« Er sah dem Bürgermeister mit einem gewissen Triumph ins Gesicht: »Wenn se nu wiederkömmt, he?«

»Se is schon da,« sagte der andere erbleichend.

* * * * *

Es war so. Bürgermeister Leykuhlen mußte es ja wissen, und er wußte es bereits seit zwei Tagen: drei Fälle von Typhus waren im Lager. Man hatte erst Hitzschlag angenommen; die Leute waren bei einer Gefechtsübung gewesen, die Sonne hatte geprallt, als schösse sie mit mörderischen Pfeilen. Aber nun schüttelten die Ärzte die Köpfe: wo hatten sich die Kerls den Typhus geholt?! Jedenfalls außerhalb des Lagers. Es war ja bekannt, diese Gegend war verseucht; es gab ein Dorf hier, nicht allzu weit, dort hatte der Typhus in einem Jahre so gemäht, daß der Kirchhof zu klein geworden war, und man flugs einen neuen anlegen mußte. Und Tage waren es jetzt, so heiß wie unterm Äquator, und die Nächte trotzdem eisig kalt. Eine Gegend wie Sibirien! Dazu die ablehnende Verschlossenheit der Bevölkerung gegen alle Neuerungen. Wer weiß, wo die Soldaten sich herumgetrieben hatten?!

Die strengsten Absperrungsmaßregeln wurden auf dem Platz durchgeführt. Urlaub gab’s nicht, kein Soldat durfte das Lager verlassen, die Posten wurden verdoppelt. Auch das Sitzen abends vor den Baracken, unter deren Wellblech keiner gern hineinging, wurde den Leuten nicht mehr gestattet. Es war die einzige Annehmlichkeit gewesen, abends wenn die Dämmerung aufs rote Heidekraut sank und die Nebel vom Moorland aufstiegen, sich draußen abzukühlen. Weit, weit bis ins Venn hinein war der Gesang der Soldaten erklungen.

»Es waren drei Soldaten, Dabei ein junges Blut, Sie hatten sich vergangen, Der Graf nahm sie gefangen Setzt sie bis auf den Tod!«

Der junge Leutnant Abeking hatte den Leuten oft zugehört, gern zugehört. Schön waren die Lieder, mehrstimmig, von den starken Kehlen gesungen, deren Ungeschultheit hier nichts das Ohr Verletzendes hatte. In der großen Unbegrenztheit klangen die Sänge weich und getragen.

»Des Abends kann ich nicht schlafen gehn, Ich muß erst meine Herzliebste sehn – Steh auf, mein Schatz, und laß mich ein« –

Das war wie ein Anruf, das pflanzte sich fort von Baracke zu Baracke; das ganze Lager war voll davon. Naturlaute, Sehnsuchtsklänge. Sie wurden eins mit dem Locken des Bächleins, mit dem leidenschaftlichen Liebeskonzert der Frösche.

Nun war auch das Singen verboten. Wer draußen gesehen wurde nach Sonnenuntergang, bekam drei Tage Mittelarrest.

Auch die Offiziere fuhren längst nicht mehr so oft hinunter ins Städtchen, Leykuhlen brauchte sich nicht über unausgesetztes Rädergerassel und spätes Heimkehren bei Nacht zu kränken; die Geschichte mit Abeking hatte ihnen die Lust dazu etwas benommen.

Der junge Leutnant war fort. Seine Kopfwunden gingen nicht ans Leben, aber er war doch fort; nicht in seine Garnison zurück, er hatte Urlaub bekommen – auf unbegrenzte Zeit. Und der Abschied würde nachfolgen, das wußten alle mit den Verhältnissen Vertraute. Das legte einen Druck auf die Gemüter.

Kein Mensch wußte zu sagen, wie die Geschichte eigentlich ruchbar geworden war – was wäre denn sonst so Schlimmes dabei gewesen: ein junger Mensch reitet im Dusel einmal zum Liebchen, unvorsichtig, tollkühn, er stürzt – aber nun, nun?! Es war alles zu offenkundig. Es war unmöglich, Abeking konnte nicht bleiben.

Leutnant Schmidt und der Stabsarzt hatten sich bis jetzt noch immer nicht entschließen können, wieder im Schwan zu kneipen. Aber die Neugier plagte sie: was mochte die schöne Helene wohl für ein Gesicht machen?! Es war ein Jammer um den Abeking, ein so netter Junge, ein so lieber Mensch, und Offizier dazu mit Leib und Seele! Was fing er jetzt an? Er saß nun zu Hause bei Muttern. Eine verkrachte Existenz, ein zerstörtes Leben, ehe es noch eigentlich recht angefangen hatte. Als Mann konnte man ihn voll und ganz verstehen: es war ja nur eine Dummheit gewesen, eine verliebte Torheit. Diese Helene, dies Teufelsweib! Daß sie es gewesen war, die der verliebte Junge zu einem Schäferstündchen im Waldesdunkel entführt hatte, von dem er dann, wie im Rausch, davongesprengt war, so blind und toll, daß der Gaul, erregt durch die Erregung des Reiters, wild wurde und scheute, das zirpten alle Spatzen von den Dächern. In den Augen ihrer Freunde hatte die schöne Frau darum aber nicht verloren: im Gegenteil; sie war nun mal so! Und sie hielt schadlos für manches andere. Was hätte man denn sonst machen sollen, in dieser völligen Weggesetztheit?!

»Ich seh et schon, lang dauert et nit, und wir sind wieder am Herunterfahren,« sagte der Rheinländer. Und der Stabsarzt sagte ganz ernsthaft: »Dann wollen wir aber alle drei an Abeking ’ne Postkarte schreiben. Der arme Kerl!«

Vorläufig fuhr nur Scheffler herunter, so oft der Dienst es erlaubte; er war ein sehr verliebter Bräutigam. –

»Bärtes, es ist nicht mit anzusehen,« sagte Josef Schmölder, als er heute heraufkam, den Freund zu besuchen. Er hatte es nicht mehr ertragen können, unten nur von der Ausstattung, von Wäsche – Leibwäsche, Tafelwäsche, Bettwäsche – von Silber und von Möbeln reden zu hören. Scheffler drängte darauf, daß die Hochzeit schon zum Winter sein sollte, aber – »Gott sei Dank, da ist Heinrich doch fest geblieben,« sagte Josef. »Er gibt Hedwig allerfrühestens nächstes Frühjahr fort. Der Herr Bräutigam ist zwar ganz unparlamentarisch geworden, und die kleine törichte Person hat geweint; aber es hilft ihnen alles nichts. ›Mai frühestens, so wahr ich Heinrich Schmölder bin‹, hat er gesagt. ›Und wenn Ihnen das nicht paßt, so lassen Sie’s bleiben!‹ Dabei hat er dem Monsieur ganz unverfroren ins Gesicht gesehen!« Josef lachte. »Das hat mir ordentlich gefallen vom Heinrich – er ist doch ein Kerl! Es sei ihm darum manches verziehen, was er mir an den Kopf geworfen hat, der Grobian!«

Leykuhlen lachte nicht mit. Er war heut nicht wie sonst, seine Frische war fort. Josef glaubte auf dem glatten, braunroten Landmannsgesicht Furchen zu sehen, die ein Kummer gepflügt hatte.

»Was ist das heute mit dir, Bärtes,« sagte er herzlich und sah dem großen Mann, der vor dem Kanapee stand, in dessen ausgesessene weiche Ecke er sich bequem hineingedrückt hatte, von unten her in die Augen. »Hast du Ärger gehabt? Du bist auch traurig; das paßt gar nicht zu dir!«

»Er macht zu viel Jedanken,« sagte Frau Mariechen, die aus dem Schrein die buntblumigen Kaffeetassen hervorholte und auf den mit weißer Serviette gedeckten Tisch stellte. Auch sie sah von unten her ihren Mann an; es war eine demütige Besorgnis in ihrem Blick. »Ach, sagen Sie et ihm doch, Herr Schmölder, dat er recht dran jetan hat, die Kirch zu bauen. Und dat er doch nit dafor kann, dat die Krankheit nu auch im Dorf is!«

Wie, war hier auch Typhus? Josef machte ein betroffenes Gesicht. Aber ehe er etwas sagen konnte, sagte Leykuhlen schon: »Wir haben bereits zwei Fäll im Dorf. Vorjestern der Peter Jans, unten in der Lämmerjaß; jestern der Mechernich am jrünen Klee. Torfarbeiter, arme Leut mit vielen Kindern. Und wer kömmt nu an die Reih?« Mit einem tiefen Seufzer setzte er sich schwer auf den Stuhl an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand.

Die Frau trat dicht neben ihn, sie legte den Arm um seinen Nacken. »Bärtes, wat machste dir für Jedanken – o, ich kenn se all!« Sie klopfte ihm gegen die heiße Stirn. »Du denkst, wenn die Leut sterben, die Männer von ihren Frauen weg, die Ernährer von ihren Kindern, dann bist du dran schuld, weil wir noch kein Wasserleitung haben im Dorf. Weil die Leut immer noch aus ihren Pötzen trinken. Ach, dat is ja all dumm Zeug!« Sie versuchte zu lächeln; es gelang ihr auch, ihre Stimme klang heiter: »Bärtes, du hast zu schwer Blut! Herr Schmölder« – sie wandte den Blick ihrer klaren Augen jetzt Josef zu – »ich kenn meine Mann jetzt jar nit mehr, er is doch sonst auf ’m Platz, zu juter wie zu böser Zeit. Und er hat doch auch sonst immer jewußt, dat über uns einer is, der alles so macht, wie et jut is. Laß se doch reden, Bärtes, laß se doch schimpfen, laß se doch schreien: en Wasserleitung hätt jebaut werden müssen! Laß se doch, Bärtes! Ich, dein Frau, ich sag dir: recht haste jetan, janz recht!« Sie reckte ihre Gestalt mit dem sonst immer ein wenig geneigten Kopf zu ihrer schlanken Höhe auf: »Recht haste, Bärtes!«

War das eine Energische! Josef hätte das gar nicht von der zurückhaltenden, sonst immer wenig Worte machenden Frau erwartet. Jetzt floß ihr ja die Rede vom Mund – und aus dem Herzen; und das war die Hauptsache. Eine prächtige Frau, auch eine schöne Frau! Das war ihm vordem nie aufgefallen. Aber auf diesem Gesicht mit den einfachen Linien lag jetzt soviel Hingabe, soviel felsenfestes Vertrauen, daß es schön wurde und auch jung, ohne doch eigentlich jung mehr zu sein. Und ihre Stimme klang frisch.

Als Frau Mariechen jetzt ihre Wange auf die Stirn ihres Mannes legte, schien sie des Fremden Anwesenheit völlig vergessen zu haben. »Bärtes,« flüsterte sie in ihn hinein, »Bärtes, sei doch nit esu bang!« Und dann wurde ihre Stimme ermutigend; das Anfeuernde lag noch mehr im Ton als in den Worten. Sie faßte ihn bei beiden Schultern und sah ihm tief in die Augen: »Mann, Mann, wer ein rein Jewissen hat, der braucht doch keine Mensch zu scheuen. Und du hast en rein Jewissen, Bärtes, so wahr ein Jott lebt!«

»Deine Frau hat ganz recht, Bärtes,« sagte Josef und nickte dem Freund zu. Er wollte auch Frau Mariechen zunicken, aber sie hatte sich losgemacht und war rasch hinausgeeilt, errötend wie ein Mädchen, dessen Liebesgeständnis ein Unbefugter belauscht hat. »Du hast ’ne famose Frau, Bärtes!«

»Dat weiß ich, dat weiß ich!« Der Bürgermeister lächelte, aber es war nur ein flüchtiger Glanz, der über sein Antlitz huschte. »Sie jlaubt an mich. Sie weiß ja auch, wie ich’t jemeint hab – wenn ich nur andere davon auch überzeugen könnt! Oft mein ich jetzt, ich hab doch nit dat Richtge jetan. Jott, Jott –« er verstärkte plötzlich seinen Ton, stützte beide Arme auf den Tisch und den schweren Kopf zwischen sie – »wenn ich dächt, dat durch en Wasserleitung die Typhusjefahr abjewendt wär, ich könnt mir die Haar aus ’m Kopf reißen, dat se noch nit jebaut is!« Er faßte sich mit beiden Händen in die Haare und riß daran. »Ich Esel, ich Schafskopp, ich Doof-Uehl!«[22] Er stöhnte auf und schloß die Augen wie in einem Schwindel.

[22] Scheltwort: taube Eule.

Es war heiß und still in der Stube, man hörte das Fliegengesumm. »Josef!« Etwas ruhiger geworden, hob der Bürgermeister jetzt wieder von neuem an: »Siehste, Josef, mer meint et so jut und macht et doch immer all verkehrt – und dat macht eso traurig. Is et dir auch als so erjangen?« Fast hilflos sah er den andern an, auf seiner Stirne perlte der Schweiß.

»Und ob!« Josefs Mund verzog sich zu einem leicht-ironischen und doch auch bitter-traurigen Lächeln. »Ob’s mir so ergangen ist?!« Er sagte mehrmals rasch hintereinander: »Immer! Öfter als dir, Bärtes, das kann ich dir sagen. Du bist doch ein anderer Kerl. Dich möchte ich beneiden – jetzt doppelt, weil ich weiß, was du an deinem Mariechen hast. Ich habe niemanden!« Er seufzte. Aber rasch die Bewegung abschüttelnd, die ihn erfaßt hatte, lachte er auf. »Wir leben nun einmal, alter Junge, leben, um alles verkehrt zu machen. Das ist nicht anders. Wie’s uns ergeht, geht es noch vielen; ich könnte dir Exempel von Beispielen erzählen – oh! Aber ich denke, wenn wir wenigstens das Gute anstreben, das, was wir als das Gute erkannt zu haben glauben, das ist doch schon immer etwas!«

»Dat is nit jenug,« sagte der Bürgermeister langsam und stand schwerfällig auf. »Ich will dir wat sagen, Josef! Et jibt en Lied in der Kirch – du kennst et jewiß nit mehr – dat lernt mer auch schon in der Schul. Et heißt drin:

›Unser Wissen und Verstand Ist mit Finsternis umhüllet, Wenn nicht deines Geistes Hand Uns mit hellem Licht erfüllet.‹

Und dat is gewißlich wahr, Josef! Dat is die einzige Erkenntnis, die wir haben!«

XII

Überall rührte sich der alte Feind. Die Fälle von Typhus im Lager und die Fälle zu Heckenbroich waren der Anfang; andere folgten nach in den Dörfern, die wie Oasen, grünen Tellern gleich, im roten Heidemeer schwimmen. Da und dort. Noch war es keine Epidemie, wie sie zu früheren Zeiten wohl geherrscht hatte, aber doch ging ein Grausen durch alle Gemüter.

Der Kreisphysikus erstattete Bericht nach Aachen; der Landrat runzelte die Stirn.

Bei der schönen Helene im Weißen Schwan kamen die Herren zusammen; sie waren ganz ein und derselben Meinung, auf Leykuhlen wurde viel geschimpft. Dieser dickschädelige Bauernbürgermeister! Es war kaum zu glauben, daß ein sonst doch ganz intelligenter Mann sich so gegen alle Neuerungen verschloß! Der Kreisphysikus kannte die Bauern: natürlich soffen sie aus den geschlossenen Brunnen! Am grünen Klee, wo das Wasser am schlechtesten war, war ja auch der erste Fall gewesen. Diese unvernünftigen Leute konnten es nicht lassen, sie glaubten es eben nicht; nachts wurde geschöpft, weil es am Tage des Verbotes wegen nicht möglich war, und der Bürgermeister, der doch sicher drum wußte, drückte nicht nur ein Auge, nein, alle beide zu. Unerhört!

Es war an einem heißen Vormittag, als Kreisphysikus und Landrat beim Frühschoppen im Schwan saßen und durchs geöffnete Fenster drüben auf der anderen Gassenseite den Bürgermeister von Heckenbroich vorübergehen sahen. Er ging langsam mit gesenktem Kopf und suchte den Schatten; sein Gesicht war hochrot, das Taschentuch, mit dem er den Schweiß wischte, hielt er in der Hand.

Helene mit ihren Luchsaugen war die erste gewesen, die ihn erspäht hatte. Sie machte »pst!« und winkte ihm mit dem Finger. Er mußte das wohl bemerkt haben, aber er tat, als hätte er nicht Auge noch Ohr. Erst als der Landrat ans Fenster trat, und auch der Kreisphysikus diesem über die Schulter weg rief: »Hela, Leykuhlen! Guten Morgen! Hören Sie denn nicht?« blickte er zum Schwan hinüber.

Die Herren winkten; nun konnte er nicht anders. Unwillkürlich hob er den Kopf: nein, das sollten sie nicht denken, daß er ihnen auswich! Mit ein paar großen Schritten war er über der Gasse; nun stand er unter dem Fenster: »Tag zusammen!«

»Kommen Sie denn nicht herein?«

»Ich bin et nit gewohnt, hier ’ne Frühschoppe zu trinken!« Aber wenn die Herren ihm etwas zu sagen hatten, kam er schon herein. Er trat ein und setzte sich zu ihnen an den Tisch.

Der schönen Wirtin Augen funkelten; sie machte sich am Büfett zu schaffen und räumte, was sie sonst nie tat, zwischen den Gläsern auf. Das wollte sie doch auch gern mal hören, wie die den Bürgermeister zwischennahmen. Das gönnte sie ihm. Es regte sich etwas wie instinktiver Haß in ihr gegen diesen Mann, der ihr abgeneigt war; und daß er das war, das fühlte sie seit langem schon. Was hatte sie ihm eigentlich getan? Er war doch ein stattlicher, ansehnlicher Mann – warum war er denn so eklig gegen sie?! Eine starke Röte stieg ihr in die weiße Stirn: der, der hätte am liebsten alle abgehalten, hier herunter zu kommen! Der, der war gar am Ende dran schuld, daß der arme Junge, der Abeking, geschaßt worden war?! Ob er sie und Abeking wohl auf dem Gaul hatte reiten sehen als verliebtes Pärchen in der Mondscheinnacht?! Mit unsicheren Blicken lauerte sie zu ihm herüber.

Leykuhlen saß das Gesicht ihr zugekehrt, aber er achtete ihrer gar nicht. Das war sie nicht gewohnt, das boste sie gewaltig. Wenn sie ihm nur ordentlich die Hölle heißmachten! Sie hob sich unwillkürlich auf den Zehenspitzen und reckte den Hals lang, ihre Zungenspitze züngelte im Lächeln zwischen den Zähnen vor: aha, jetzt kriegte er’s aber mal!

Der Landrat hatte gesprochen: »Wie steht’s bei Ihnen oben, Bürgermeister? Noch sind mir keine neuen Fälle gemeldet worden, aber mit dem einen Ihrer Erkrankten soll’s ja sehr schlecht stehen. Ist dem so?«

»In der Tat!« Leykuhlen hatte den Rücken von der Stuhllehne gehoben und saß nun da, ohne Lehne, kerzengerade. Aha, ein Verhör! »In der Tat, Herr Landrat, dem Mechernich wird et wohl an den Kragen jehen!« Er tat gleichgültig, aber die Stimme konnte seine innere Erschütterung nicht verhehlen.

»Das ist der Fall am grünen Klee, da, wo die Brunnen besonders schlecht sind, Herr Landrat,« erklärte der Kreisphysikus.

»Ja ja, ich weiß, ich weiß, ich bin ganz genau orientiert!« Der Landrat zog die Brauen hoch. »Es ist sehr bedauerlich. Das brauchte nicht zu sein. Die Familie brauchte nicht des Ernährers beraubt zu werden!« Er wechselte einen raschen Blick mit dem Kreisphysikus und neigte sich dann mit einer impulsiven Bewegung zu Leykuhlen hinüber: »Bürgermeister, Bürgermeister, warum habt ihr nicht längst eine Wasserleitung gebaut?! Nun heißt es wieder: Venn, Venn, Sumpf – aber das schlimmere, viel schlimmere Übel ist eure Verbohrtheit! Ohne gesundes Wasser keine gesunde Bevölkerung. Und Licht, Luft in die Häuser! Die Hecken nieder, die Fenster auf, und Wasserleitung in jedes Haus!«

»Und ein Krankenhaus an den Ort,« ergänzte der Physikus. »Wie oft ist unser städtisches Spital überfüllt, so überfüllt, daß wir unbarmherzig abweisen müssen!«

»Und –« der Landrat wollte noch etwas sagen, um wiederum den Kreisphysikus zu ergänzen, aber der Bürgermeister schnitt ihm gegen alle Regeln der Höflichkeit die Rede ab.

»Ich denk, wenn wir en Wasserleitung hätten, wären wir all so gesund, dat wir kein Krankenhaus mehr gebrauchten,« sagte er ohne allen Hohn, aber mit Nachdruck. Und dann stand er auf: »Nu weiß ich ja Bescheid, nu kann ich wohl jehen, meine Herren!« Er reckte sich in seiner ganzen Größe; dann ließ er seine blauen, jetzt so feurigen Augen rasch nach dem Büfett hinblitzen: wer hatte da gekichert?!

Die schöne Helene wurde dunkelrot. Ein Blick der Verachtung hatte sie getroffen, einer so sprechenden, einer so deutlichen Verachtung, daß ihre Kniee zu beben anfingen. Sie stahl sich zum Türchen hinaus. Draußen im kleinen Gang, der zu ihrem Privatgemach führte, stand sie, zitternd vor Wut, und preßte doch die Fäuste gegen den Mund, um nicht laut herauszuweinen. Sie schämte sich auf einmal so – warum? Sie wußte es selber nicht. Unklare Empfindungen stürmten auf sie ein. –

Die drei Männer am Stammtisch waren aufgestanden. Es war eine gewisse Kühle in dem Händedruck, mit dem die beiden Herren Leykuhlen verabschiedeten. Er fühlte die Kälte. Den Nacken hielt er steif. Nun noch das Letzte gesagt! Und er sagte mit einem tiefgeschöpften Atemzug, ohne mit der Wimper zu zucken: »Nu will =ich= Ihnen auch not wat sagen, Herr Landrat, und Ihnen, Herr Kreisphysikus! Ich bin herunterjekommen, weil, weil – ich hab et dem Doktor mitjeteilt – mich wundert, dat Sie et nit schon zu wissen jekriegt haben – seit heut morgen ist auch ein Knabe vom Weber erkrankt. Der wohnt auch am jrünen Klee. Et wird wohl auch Typhus sein. Morgen zusammen!«

Er ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie riefen ihn auch nicht zurück. Sie standen ein paar Augenblicke da und sahen sich stumm an, und dann setzten sie sich stumm wieder nieder zu ihrem Wein. Aber er schmeckte ihnen nicht mehr.