Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein
Part 5
Die für Wenzel Hollmann maßlos qualvollen Formalitäten wurden vollzogen. Er brachte kaum ein Ja oder Nein heraus. Totenblaß saß er da. Der Müller erbot sich, alles zu zahlen, sowohl den Rückkaufspreis für die konfiszierte Dose, wie auch die ziemlich hohe Strafsumme.
Endlich konnten wir weiterfahren. Der Müllersohn setzte sich zu seinem gänzlich gebrochenen zukünftigen Schwiegervater, und ich bestieg das Wäglein Liebichs, der die Zügel führte. Als wir ein Stück gefahren waren, sagte der Müller kleinlaut:
»So is es! Erst macht's einem einen Heidenspaß, einen dummen Streich zu machen, und nachher kommen die Gewissensbisse.«
»Was haben Sie denn?«
»Was ich hab'? Ich hab' -- ich hab' nämlich die Anzeige selber ins Zollamt geschickt.«
»Sie sind wohl nicht gescheit?«
»Nee, wahrscheinlich nicht! Es kommt mir jetzt so vor, als ob ich 'ne richtige Tracht Prügel verdiente.«
»Aber um des Himmels willen, warum haben Sie denn das getan?«
»'s hat mir eben keine Ruh gelassen, ich mußt' ihm noch 'n Streich spielen, ich mußt' ihm noch was versetzen. Ich dachte, wenn wir erst verwandt sind, dann is es nu doch amal auf immer vorbei mit so was, und da hatt' ich mir das eben so schön ausgetüftelt und dachte, 's würde a Heidenspaß sein. Ich dachte, ich schenk ihm die Dose, und wenn a nach Hause fährt, denkt a nich an die Dose und fällt rein, weil a doch eben am Zollamt schon geklemmt is. Ein famoser Witz, dacht' ich. Aber jetzt -- ob a etwa noch Unannehmlichkeiten bei seinen Vorgesetzten haben wird?«
»Wahrscheinlich. Sicher sogar. Eine Strafversetzung wird wohl das Mindeste sein.«
»Verdammt noch mal, bin ich ein Lausekerl!«
Liebich kam in arge Gewissensnot.
»Vor allen Dingen sagen Sie sonst niemand, daß Sie die Anzeige geschickt haben, sonst wird noch das junge Glück zuschanden, und was können die Kinder dafür?«
»Nee, die können nischt dafür, daß sie solch mordsdämliche Väter haben. Sie halten mich wohl jetzt für einen großen Esel?«
Ich schwieg, und er nickte trübe vor sich hin. Schließlich versprach ich ihm, eine ganz ausführliche Eingabe an die österreichische zuständige Behörde aufzusetzen und darin nachzuweisen, daß es sich bei der ganzen Angelegenheit um einen derben Schabernack gehandelt hätte, an dessen Ausgang der seit Jahrzehnten als goldtreu erprobte Beamte ganz unschuldig gewesen sei. Auch wolle ich versuchen, selbst bei den maßgebenden Persönlichkeiten vorstellig zu werden und den Sachverhalt aufzuklären. Liebich meinte, wenn ich das täte, würde er es mir sein Leben lang nicht vergessen; denn die Reue über die elende Geschichte nehme ihm reinweg den Atem.
Und so ist es gekommen. Die Eingabe und der Besuch taten ihre Wirkung. Wenzel erhielt eine Vorladung und kam mit einer sanften Nase davon. Als Liebich den guten Ausgang erfuhr, kicherte er in tiefstem Vergnügen und sagte zu mir:
»Ich freu' mich jetzt doch riesig, daß ich mir den schönen Spaß gemacht habe.«
* * * * *
Einer aber aus der edlen Grenzhäuser-Kumpanei erfuhr noch einen großen Schmerz, und das war mein Freund, der Hahnenwirt.
Wieder einmal war Wenzel bei ihm eingekehrt und hatte seine Dienstkappe auf den Tisch gelegt. Da beschloß der Hahnenwirt seine übliche Bestellung beim »Blauen« drüben zu machen und steckte wie spielend ein Lindenblatt an die Mütze. Wenzel sah das, nahm das Blatt und zerpflückte es langsam.
»Warum zerpflückst du denn das hübsche Blättel?« fragte der Wirt verwundert.
Da sah ihn der Hollmann an und sagte langsam:
»'s hat kan Zweck -- der ›Blaue‹ drüben hat jetzt selber kane +Regalia media+.«
Wie entgeistert saß der Hahnenwirt vor ihm.
»Was -- was meinst du denn damit?« stotterte er.
»Ich meine,« sagte der Grenzer gemütlich, »daß du mich seit mehr als zwanzig Jahren für einen dummen Kerl hältst, der Euch die Bestellungen hinüber und herüber schafft. Und ich meine, daß ich das seit zwanzig Jahren gewußt hab'. Hatt' ich aber ein Sträußerl an der Mütze, da wußt' ich: halt, heute is was los. Na, und hab' ich ja auch genug von Euren Leuten erwischt.«
Das Gesicht meines Freundes Hollmann spiegelte ins Gelbgrüne. Mit schwerem Vorwurf gegen mich sagte er: »Und einem solchen Kerl haben Sie aus der Patsche geholfen!«
Der Ausflug
Eine Skizze aus meiner Dorfschullehrerzeit
Ich bin einmal acht Monate lang Dorfschullehrer gewesen, und daß ich es gleich sage: diese stillen, einförmigen acht Monate stehen immer noch frisch im Felde meiner Erinnerung, während vieles andere nachher, was nach Meinung der Welt größer und bunter war, ausgelöscht ist ... verweht ... verloren.
Wenn die jungen Männer nach der ersten Lehrerprüfung das Seminar verlassen, kriegt irgendein Regierungsrat die Liste, und aus ihr greift er einen beliebigen Kandidaten heraus, wenn irgendwo eine Stelle zu besetzen ist. Ohne Wahl zuckt der Strahl! Ich kam unter allen meinen Kursusgenossen in das allereinsamste, weltverlorenste Dörflein. Es lag ganz im Flachlande; nur aus dämmernder Ferne her schimmerten die blauen Schlesierberge, die ich aus meiner Kindheit her kannte und liebte. Rings ums Dorf fette Felder und Wiesen, aber ohne alle Romantik, nur ein wenig Ufergebüsch war am Bach. Die Bauern waren fromme, stille Leute, ohne die Laune und den Schalk, den die Gebirgler haben. Es war ein wohlgeordnetes Bauerndorf. Wochentags Arbeit von Sonnenaufgang bis zur herandämmernden Nacht; Sonntag Vormittag waren alle Bewohner ohne auch nur eine einzige Ausnahme in der Kirche, Sonntag Nachmittag alle Männer in der Schenke (auch ohne eine allereinzige Ausnahme). Wenn die Abendglocke erklang, flogen alle Kartenblätter hin, und alle Hände falteten sich; wenn der letzte Ton eben verstummte, donnerten alle höchsten Trümpfe auf die Tische.
»Und ich da mitten still und stumm!« Da sagten die Bauern: Er hat wahrscheinlich die Schwindsucht. Schade um ihn!
Das sagte sich auch meine kreuzbrave Frau Hauptlehrerin, und sie pflegte und fütterte mich deshalb mit rührender Sorgfalt. Ihr ebenso braver Gatte erklärte mich aber für kerngesund und gab mir von seinen besten Zigarren. Dieser Hauptlehrer war ein munterer Geist, eigentlich auch ein Verschlagener. Der Mann war auf sieben Blätter abonniert, das waren die sieben fetten Kühe für ihn und mich am Nilfluß dieser Einsamkeit.
Das Dorf lag über zwei deutsche Meilen von der Kreisstadt entfernt. Diese Kreisstadt war ja selbst klein und ohne reges Leben. Sie zählt etwa siebentausend Bewohner. Aber es war doch eine Stadt. Es gab sogar Soldaten dort und einen Bahnhof, auf dem allerdings die Schnellzüge nicht hielten, es war vor allen Dingen dort der breite, tiefe Oderfluß. Gegen unser Dorf war diese Stadt ein tumultuarisches Großgemeindewesen voll Glanz, Abwechslung, Sehenswürdigkeiten, Vergnügungen und Gefahren. Man wisperte bei uns von dieser Stadt, wie man anderwärts von Berlin oder Hamburg wispert.
Unsere Dorfleute kamen fast niemals nach der Kreisstadt. Es war »zu weit«. Selbst für die reichen Bauern, die sechs Pferde im Stall hatten und die einen Glaswagen besaßen, war es »zu weit«. Wer einem Bauern eine Spazierfahrt zumutet, wenn es nicht gerade ganz offiziellen Lustbarkeiten gilt, wie: Hochzeit, Kindtaufen, Begräbnis oder Gerichtstermin, der täuscht sich. Nur bei solchen Anlässen »spannt der Bauer ein«, sonst nicht. Wie sollten die Leute nach der Kreisstadt oder gar darüber hinaus kommen? Es war noch ein näher gelegener Marktflecken da; der hatte zwar keine Eisenbahn, und die Bürger sprangen dort auf die Straße, wenn ein so modernes Wunder durchkam, wie es ein Radler ist, aber unsere Leute konnten in diesem Marktflecken alles kaufen, was zum Leben gehörte und was sie nicht unmittelbar selbst aus Landwirtschaft und Viehzucht beziehen konnten. Was sollten sie in der Kreisstadt? Wie sollten sie dahin gelangen? Zu Fuß gehen, drei Stunden hin, drei Stunden her, für nichts und wider nichts, als dort Geld auszugeben und sich vielleicht hänseln lassen? Nein! Sie brauchten die Kreisstadt nicht! Sie brauchten die Welt nicht! Sie waren sich selbst genug, sie waren die unabhängigsten Leute, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe.
Manchmal kam mir das Große solch wurzelstarken, selbstsicheren Lebens schon damals zum Bewußtsein; aber ich war blutjung, eben zwanzig Jahre alt, ich kam aus der Großstadt Breslau, wo meine Studiengenossen Heilgans und Böttger und ich es unter unserer Würde gehalten hätten, in der »Freistunde« von was anderem zu reden, als von Alvary als Siegfried, von Possart als Richard III., von d'Andrade als Don Juan, ich kam von Breslau, wo schon damals (+anno+ 1893) die Pferdebahnen rasselten und die Droschkenkutscher lackierte Zylinder hatten.
Oh, und ein Mensch, der den Wagner- und den Shakespearestil inne hatte, mußte nun abends vor diesem Schulhaus sitzen und zusehen, wie unser Dackel, der von meinem Hauptlehrer auf den Namen des englischen Staatsmannes »Pitt« getauft war, der schnurrbärtigen Therese, einer alten Schachtel, den Rock zerriß und wie der Hauptlehrer die Geschädigte mit den Worten beschwichtigte: »Pitt, der Kerl, kann eben wirklich kein hübsches, junges Mädel vorbeigehen lassen.«
»+In minimis natura maxima+« hatte auch mich der alte, große Linné gelehrt; aber ich wußte das damals nicht aufs Leben anzuwenden -- ich war zu jung, ich hatte Heimweh nach der Welt. Ich sah nach den Bergen, über die Berge hinaus in die große bunte Weite ...
Ein Junge zeigte in der Schulpause einem Mädel einen alten Kalender, und sagte: »Siehst du, so sieht eine Eisenbahn aus!« Ich besah das Bild. Es war eine Darstellung der ersten Eisenbahn, die im Jahre 1835 von Fürth nach Nürnberg fuhr, mit der bekannten Stephensonschen Lokomotive mit dem hohen Schornstein und den Wagen, die wie mit Planen überspannte Reisekutschen aussahen.
»Habt ihr wirklich noch keine richtige Eisenbahn gesehen?« fragte ich. Aus den erstaunten Augen der Kinder las ich das Überflüssige meiner Frage. Am Abend jenes Tages sagte ich zu meinem Hauptlehrer: »Wir wollen etwas tun. Wir wollen mit den Schulkindern einen Ausflug unternehmen, aber nicht nur bis zur Kreisstadt, nein, bis nach Breslau; wir wollen ihnen die Oder zeigen, die Eisenbahn und eine große Stadt.«
Er war ein kluger Mann und sagte: »Ja.«
* * * * *
Einfach war die Sache durchaus nicht. Auch wenn wir von allen inneren Widerständen, die wir in der Gemeinde gegen solch ein Abenteuer finden mußten, absahen, machte uns der »Fahrplan« viel Schmerzen. Unser Dorf lag von Breslau in der Luftlinie etwa vierzig Kilometer entfernt, aber wir durften für den Ausflug nur einen Tag in Anspruch nehmen und verzweifelten an der Aufgabe, an einem Tage vierzig Kilometer hin und her zu machen und noch einige Stunden Zwischenpause herauszubringen. Endlich gelang es. Wenn wir morgens früh zwei Uhr mit der ganzen Schar aufbrachen, konnten wir abends zwischen zehn und elf, also nach zwanzigstündiger Reise zurück sein und behielten noch einige Stunden für die Besichtigung von Breslau. Die »Verbindung« war nicht glänzend; heute fährt man in derselben Zeit von Berlin bis nach Serbien.
Der Pfarrer, der Ortsschulinspektor war, stand unserem Plan freundlich gegenüber; er sagte, er möchte sich selbst gern beteiligen, wolle aber die Messe nicht ausfallen lassen. Schließlich vermeldete er am nächsten Sonntag von der Kanzel: »Eines Schülerausflugs wegen ist die heilige Messe nächsten Dienstag nachts ein Uhr.« Die Gemeinde horchte auf, und die ganze beträchtliche Oppositionspartei, die sich inzwischen gegen den Ausflug gebildet hatte, löste sich schon in den Kirchenbänken stillschweigend auf.
Der, dem's am meisten zu Herzen ging, war der Schneider Dierschke. Ich sah ihn auf seinem Platz sitzen und in tiefer Betrübnis den grauen Kopf schütteln. Nach dem Gottesdienst machte ich mich im Kirchgängerstrom an Dierschke heran.
»Nu, Meister Dierschke, Sie werden doch ihren Enkelsohn auch mit fahren lassen?«
Er schüttelte unwillig den Kopf.
»Wilhelm fährt nicht mit.«
»Warum denn nicht?«
»Es hat keinen Zweck. Ich bin siebzig Jahre alt; ich bin bloß einmal im Leben in die Stadt gekommen. Da habe ich eine Eisenbahn gesehen. Es saßen vier Männer oben drauf, aber sie hatte sechsundfünfzig Wagen. Weiter bin ich nicht gekommen. Ich bin siebzig Jahre alt, der Junge ist erst elf Jahre. Er kann noch lange warten.«
»Fahren Sie doch selber auch mit. Es fahren viele Eltern mit.«
»Ich werd' mich schön hüten.«
»Aber warum denn?«
»Das da, da außen, das ist alles bloß Gaukelei.«
Nun schwoll mir aber das Herz. Die »Kulturmission« überkam mich, diesem Hinterwäldler, der im Leben nur einen Güterzug gesehen hatte, ganz gehörig den Text zu lesen, ihm sein eigenes Leben so erbärmlich wie möglich hinzustellen und die Fremde zu preisen, die er mit ihren milliardengestaltigen Schönheiten und Reichtümern nicht kannte und darum haßte. Er bilde sich ein, ein sehr guter Großvater zu sein, aber er sei ein sehr schlechter; denn er verwehre seinem Enkel den Einblick in eine Welt, wo dieser einmal ein viel besseres Fortkommen finden könne als in diesem entlegenen Dorf.
Dierschke hatte verschiedene Male meinen Redestrom unterbrechen wollen, aber es gelang ihm nicht; ich sprach ... ich sprach ... nun etwa im Stile Possarts als Richard III.
Am Schluß lachte der Schneider, und ich ärgerte mich schwer über diese Wirkung meiner rednerischen Leistung. Nach einem Weilchen aber lächelte Dierschke und sagte:
»Herr Lehrer, ich werd' Ihnen was sagen: Wir waren drei Brüder, alle drei Schneider. Der Vater war Schneider, was sollten wir anders werden? Zwei von meinen Brüdern sind in die Welt gegangen. Einer ist ein Lump geworden, der andere hat in Breslau ein schönes Schneidergeschäft gehabt; das ist so lange schön gewesen, bis sein Erspartes weg war und mein Erspartes, was ich ihm geborgt hatte, auch. Und nun bin ich alt, und meine Frau ist tot, und meine einzige Tochter ist auch tot, und ich hab' nur noch den Wilhelm. Der soll zu Hause bleiben.«
Da verstummte meine weltmännische Beredsamkeit.
»Nun, Meister Dierschke,« sagte ich, »es zwingt Sie ja natürlich niemand; aber ich hätt' halt den Wilhelm gern mitgehabt, weil ich ihm gut bin.«
»Ich weiß schon, Herr Lehrer,« nickte der Schneider freundlich.
Da kam der Bauer Puder vorbei.
»Schneider,« sagte er, »ich laß meinen Jungen auch nicht mit; ich denk' gar nicht dran! Solche Faxen machen wir nicht mit!«
Der Bauer Puder vertrug sich fast mit niemanden aus der Gemeinde, natürlich auch nicht mit der Schule. Der handelte aus purer Widerspruchslust, und seine Worte gingen an mir vorbei.
* * * * *
Draußen lag die warme, dunkle Sommernacht, aber in der Kirche war es, als sei Christnachtsfeier. Die Altarkerzen leuchteten in den dunklen Raum, große Schatten stiegen an den Wänden hinauf, hie und da war ein goldenes oder silbernes Aufblinken von einem Leuchter oder einer Figur; die Kirche war bis zum letzten Platz gefüllt, vor jedem Beter stand ein Wachsstöcklein, das mit zarter gelber Flamme leuchtete, oben auf dem Orgelchor sangen die Schulkinder; zu zweien oder dreien standen sie um ein Lichtstümpflein zusammen, die jungen Gesichter waren rot beleuchtet, die alten frommen Lieder klangen, diesmal mit ein wenig aufgeregten Stimmen, und ich saß auf der Orgelbank und war nicht weniger erregt als die Kinder. -- Das ist ein Bild, das in meiner Erinnerung blieb und mir auch heute noch den Gedanken nahelegt: mit Künstleraugen gesehen, gibt es kaum einen lieberen Beruf als den eines Dorfschullehrers; er ist sehr arm an äußeren Genüssen, aber unendlich reich an inneren Freuden, und die Freude steht so hoch über dem Genuß wie das Gold über dem Kupfer; jede reine Freude, die du genossen, ist wie ein goldener Schmuck, den du erworben, bleibt unveränderlich und unvergänglich im Wert, setzt keinen Grünspan giftiger Reue an und rettet in armen Tagen vor bitterster Not. Wie ich als junger Mann da so die Orgel spielte in dem nächtlichen Gottesdienst und die frischen Kinder, die einem großen Augenblick, dem Einblick in die Welt, entgegensahen, singen hörte, dachte ich: solche Freuden, solche Schmuckstücke will ich mir sammeln. Vielleicht, daß ich in Kriegszeiten des Lebens manches von ihnen unter die Ackerfurche des Daseins vergraben muß -- aber ich weiß, wo alles liegt, und grabe aus, was ich brauche.
Die Orgel verstummte, die Lichter wurden eilig ausgepustet, die Kinderschar drängte die Chortreppe hinab; draußen auf der Straße, zwischen Kirche und Schule, warteten die mit Reisern geschmückten Leiterwagen, die uns nach der Kreisstadt, bis an den Oderfluß bringen sollten. Wir hatten nämlich -- großzügig, wie wir nun mal waren -- mit einem Dampfschiff ein Abkommen getroffen, nach dem uns dieses um viereinhalb Uhr verladen und auf dem Wasserwege nach Breslau befördern wollte. Nun sagte der Schulze: um viereinhalb in der Kreisstadt sein, das bedeute, spätestens um zwei Uhr zu Hause wegfahren; denn sechzehn Kilometer in zweieinhalb Stunden zurückzulegen, sei keine Kleinigkeit. --
Wer diese Rosse vor den Leiterwagen auf der nächtlichen Landstraße stehen sah, gab dem Schulzen ohne weiteres Recht. Denn diese Rosse rechneten so: wenn man einen Pflug zieht, braucht man zu einer Furche, die hundert Schritt lang ist, fünf Minuten. Nun kann man ja einen Wagen etwas schneller ziehen, aber wie kommt diese verrückte Gesellschaft überhaupt dazu, uns jetzt aus dem Stall zu zerren, wo wir doch gar noch nicht ausgeschlafen haben? Die Rosse waren wie der Bauer Puder, sie waren nicht für solche »Faxen«. Als aber die Kinder mit einem ungeheuren Lärm auf die Wagen drängten, spitzten sie die Ohren, und Lehmanns Schimmel schüttelte wild die Mähne, worauf Lehmann dringend mahnte, »ganz stille« zu sein; denn sein Schimmel sei ein junges feuriges Tier, das ginge leicht durch.
Gerade als wir abfahren wollten, kam der Schneider Dierschke an mich heran. Er brachte seinen Enkelsohn und sagte:
»Der Wilhelm soll doch mitfahren.«
»Es ist recht, Meister. Wir passen schon auf ihn auf. Aber wollen Sie nicht selbst mitfahren?«
Sein altes kluges Auge glimmte auf.
»Es mag schon sehr schön sein,« sagte er; »aber ich will doch zu Hause bleiben.«
Und er sah seinen Enkel noch einmal stumm, aber mit liebender Sorge an, als ob er ihn auf eine unendlich weite Reise schicke, und ging seiner Wege.
Fort ging die Fahrt zum Dorf hinaus. Die Kinder saßen ganz stumm. Schon gleich hinter der Dorftafel spähten sie mit großen Augen, ob etwas Neues zu sehen sei. Es waren aber die alten, bekannten Felder und Wiesen, umhüllt von den Schleiern der dunklen Nacht. Ein frischer Morgenwind blies von Osten her, es war ganz still, nur die Wagen knarrten den Weg entlang.
Eine Stunde verging, ein fremdes Dorf tauchte auf. Was mag das sein? wisperten die Kinder. Einer nannte den Namen. Nun waren alle in großer Erwartung. Ach, es war ein Dorf wie das unsere, aber es wurde sehr bewundert.
Auf der Dorfstraße stand der Nachtwächter, sichtlich ein Bild krassen Erstaunens. Wie ein Hexenspuk fuhren die buntgeschmückten Wagen an ihm vorbei. Ich saß auf dem letzten Wagen, und als ich an dem Wächter vorbeikam, brachte er heraus:
»Was .. was .. ist das? Wo fahrt Ihr hin?«
»Wir fahren ins Morgenland,« rief ich ihm zu.
»Ins Morgenland!« schrie er und streckte fassungslos den Spieß in die Luft. Der gute Mann hatte noch eine Stunde Dienst und hat gewiß in dieser Nacht nicht mehr einschlafen können.
Die Sonne kündigte sich an. Schon wehten ihre königlichen Purpurfahnen am Himmelstor. Da sangen die Kinder das freundliche Geibellied:
»~Wer recht in Freuden wandern will, der geh' der Sonn entgegen.~«
Zwischendurch merkte ich, daß die meisten Kinder ihre Proviantpakete ausgepackt und schon in der ersten Reisestunde den größten Teil der Vorräte verputzt hatten. Wenn ein gesunder Mensch aufgeregt ist, fängt er an zu essen, und diese Kinder waren aufgeregt.
* * * * *
Wir gingen zu Fuß durch die morgendlich beleuchteten Straßen der kleinen Stadt. Die Kinder bestaunten die hohen Häuser und tauschten Vermutungen, daß in ihnen lauter Millionäre wohnten. Beim ersten Uhrmacherladen kamen wir nicht vorbei, die ganze Klasse machte vor dem Schaufenster Halt, drängte sich und reckte die Hälse, starrte in ein Wunderland von Reichtum. Beim Bäckerladen kam einer auf den Gedanken, sich ein Stück Kuchen zu kaufen, was zur Folge hatte, daß die ganze Herde ihm nachlief und der Bäcker seinen Laden wegen zu großen Andranges des Publikums zeitweilig schließen mußte. Er dienerte dann auch noch lange mit seinem dicken Bauch hinter uns her. Dieselbe Szene wiederholte sich vor einer Wurstmacherei, die aus irgend einem Grunde schon geöffnet war, und es schmerzte mich, daß die Kinder sich so viel mehr für materielle Genüsse begeisterten, als für einen prächtigen alten Straßenwinkel, auf den ich ganz vergebens aufmerksam machte. Streuselkuchen und Knoblauchwurst, welch ein Genuß für lebenshungriges Volk! Von wertvollen Baulichkeiten machte nur der Kirchturm wegen seiner Höhe und ein Springbrunnen wegen einiger komischer Figuren Eindruck, alles Alte kam den Naturkindern schäbig und wertlos vor; dagegen riefen einige kitschige moderne Villen einen gewaltigen Eindruck hervor. Und der Oderstrom! Ein paar riefen Ah! und Oh!, als sie ihn sahen, den meisten merkte man eine leise Enttäuschung an -- sie hatten sich ihn größer vorgestellt. Unübersehbar breit und unergründlich tief, schäumend und zischend, von tausend Schiffen belebt. O, die Wirklichkeit hat Mühe, der Phantasie von Dorfkindern gerecht zu werden. Als aber der kleine Oderdampfer kam, der uns aufnehmen sollte, kannte die Verwunderung keine Grenzen. Dem wirklich Großen kommt naives Volk nicht nahe, das Kleine, das es versteht und für groß hält, ist es, was ihm dient.
Dieser Dampfer war ein merkwürdiges Schiff. Er machte mit seinem Triebrad einen Mordslärm, er dampfte, tutete, klingelte, ratterte, rasselte mit Ketten, stampfte, er fuhr angeblich sogar, aber er kam nicht vorwärts. Ob er das auch nicht beabsichtigte, weiß ich nicht, aber es wäre gegen die Verabredung gewesen, da wir doch nach Breslau wollten. Jedenfalls torkelte dieses Schiff immer von einem Ufer zum anderen, immer hinüber und herüber, und ein Mann, welcher als der Kapitän des Schiffes galt, erklärte uns, es seien so viele Haltestellen da. Anfangs glaubte ich dem Schiffer nicht, aber nach einer Stunde sah ich ein, daß wir uns tatsächlich vorwärts bewegt hatten -- wahrscheinlich durch die Flußströmung -- denn die Türme der Kreisstadt waren nicht mehr zu sehen.
Bei so mäßiger Schiffsbewegung ist es verwunderlich, daß ein paar Kinder seekrank wurden. Streuselkuchen, Knoblauchwurst und nun auf dem Dampfer eine Himbeerlimonade nach der anderen -- es war schlimm! Der Kapitän schüttelte den Kopf und sagte, sein Schiff »schlingere nicht«. Ich hätte auch wissen mögen, wie es das fertig gebracht hätte.
Zu sehen war nicht viel Neues. Felder und Wiesen wie daheim. Nur wenn einmal ein Stück schöner Eichenwald auftauchte, wurden die Kinder still und nachdenklich. Und als sie Flößer sahen, die auf ihrem luftigen Fahrzeug eine kleine Strohhütte hatten und davor ein offenes Feuerchen brannten, schrien die Jungen: »Indianer! Indianer!« Einer von den Slowaken, die da von ihrer Beskidenheimat den langen Oderstrom hinunterfuhren gen Stettin, trat an den Rand des Floßes und rief ein paar polnische Worte herüber.
»Ein Seeräuber!« sagte ein Junge.
Ein »guter« Lehrer hätte wohl nun augenblicklich einen lehrreichen Vortrag über die Flößerei gehalten, über den Holzhandel vom karpatischen Waldgebirge nach der Ostsee hin, aber die Kinder sahen mit so großen Augen nach den vermeintlichen Indianern und dem Seeräuber, daß ich lieber ein schlechter Lehrer war und schwieg, bis das Floß mit dem Strohhäuslein und dem flackernden Feuerchen den staunenden Kinderaugen entschwand.