Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein
Part 6
Einer mied beständig meine Nähe. Das war Wilhelm Dierschke. Da merkte ich auch die Ursache; er war barfuß. »Junge«, sagte ich, »wo hast du denn deine Stiefel? Du kannst doch nicht wie ein Gänserich durch Breslau latschen!«
»Im Sommer drücken mich die Stiefel,« entgegnete Wilhelm, »da hab' ich sie heute früh ausgezogen und an der Oder versteckt.«
»Wo hast du sie versteckt?«
»An der Oder in einen Strauch, ehe wir eingestiegen sind.«
»Und wenn sie jemand sieht und stiehlt?«
Seine Augen zogen Wasser.
»Sie kosten elf Mark,« sagte er voller Angst, »und drei Mark ist der Großvater beim Schuster noch schuldig.«
Die Stiefel waren so gut wie verloren. Da wir die Rückfahrt mit der Bahn machten, kamen wir gar nicht mehr an die Oder. Und das mußte gerade dem Enkel des Weltverächters Dierschke passieren. Aber ich tröstete den Jungen. Mitreisende wohlhabende Bauern steckten mir so viel Geld für die Kinder zu, daß ich, um nicht alle seekrank zu machen, auf Überschüsse sinnen mußte, die ja schließlich dem Stiefelverlust gegenüber zu verwenden waren.
Wie es möglich war, weiß ich nicht, aber wir kamen richtig nach Breslau und zwar noch am Vormittag desselben Tages, an dem wir früh 2 Uhr abgefahren waren.
»Es sind vier Meilen,« sagte der Kapitän mit Wichtigkeit, und die Kinder horchten auf und dachten nach, wie weit sie nun von Zuhause entfernt seien. Am Zoologischen Garten landeten wir.
Für Kinder gibt es in Zoologischen Gärten nur fünf Arten von Tieren, die wirkliches Interesse bieten: erstens die Affen, zweitens der Elefant, drittens die Bären, viertens das Nilpferd, fünftens der Löwe. Alles andere und seien es auch die größten Seltsamkeiten, wird nur nebenher mit halbem Auge betrachtet. Wir standen an jenem Tage volle drei Viertelstunden vor dem Affenhause. Das Vergnügen endete mit einem groben Scherz. Ein Bauer neckte einen Affen dadurch, daß er ihm statt eines Stückes Zucker ein Stück Kreide gab. Als nun der Bauer demselben Affen ein rohes Ei durchs Gitter reichte, warf es ihm das erboste Tier, in der Meinung abermals gefoppt zu sein, an den Kopf. Dieses Attentat löste sowohl bei den Affen als auch bei den Kindern ungeheure Heiterkeit aus; der übel zugerichtete Bauer aber knurrte, er mache nicht mehr mit, und verließ uns.
Von Käfig zu Käfig ging es. Manchmal hörten die Kinder auf meine Erklärung, aber nur, wenn sie ein wenig romantisch oder anekdotenhaft, nie, wenn sie lehrhaft trocken war. Immer langsamer lief der Zug, die erste Müdigkeit stellte sich ein. In einem Wirtsgarten, wo wir einkehrten, stürzten sich die Kinder wieder auf die materiellen Genüsse, aber sie naschten mehr, als sie aßen. Einige saßen ganz still auf ihren Stühlen, nutschten an grellfarbenen Zuckerstangen und sahen stumm vor sich hin, und ein alter Bauer seufzte tief auf und sagte:
»Wie wird nur jetzt alles zu Hause sein?«
Ich glaube, der Alte hatte eine Anwandlung von Heimweh, er sehnte sich von den fremden Tieren weg nach dem heimischen Stall. Und ich sagte zu ihm:
»Sehen Sie, Vater Schulz, der Löwe, der uns so verachtungsvoll angesehen hat, der denkt auch an seine Heimat. Er denkt an das Felsengebirge in der Wüste, von dem herab seine Eltern nach Beute schauten; er hat nichts vergessen; er hat es im Instinkt; er denkt immer: Wie mag nur jetzt alles zu Hause sein? Und er ist in fremdem Lande eingesperrt bis an sein Ende.«
»Es kann einem eigentlich leid tun um die Tiere,« sagte der Alte.
»Ja,« sagte ich, »mir tut es auch leid. Es ist unendlich viel Qual, ungestillte heiße Sehnsucht nach Heimat und Freiheit in solch einem Garten. Man sagt, sie seien der Wissenschaft halber da; aber das ist nicht wahr, sie sind nur der Schaulust, der plumpen Unterhaltungslust wegen geschaffen.«
So setzte ich mich selbst ins Unrecht. Aber ich konnte nicht anders; ich hatte wieder zu viel Trübsinn aus der Tierseele leuchten sehen, und ich sagte es ja auch nur zu Vater Schulz.
Das Siegesgewisse meiner Laune sank überhaupt merklich. Was konnte ich den Kindern von der großen Stadt zeigen, wieviel Einblick ihnen gewähren in einen solchen Riesenorganismus? Straßenverkehr, Straßenlärm, ein Vorbeigehen an glitzernden Schauläden, ein kurzes Verweilen am Stadtgraben, wo die Schwäne schwammen, das war eigentlich alles. Zweiundachtzig weltfremde, ungeschickte Kinder im Gewühl der Großstadt zusammenzuhalten, war wahrlich keine Kleinigkeit für uns, die wir die Verantwortung hatten. Die Kinder gingen ängstlich und gänzlich stumm vor Staunen durch die Stadt. Nur hin und wieder war es möglich, ihnen eine Erklärung zuzurufen; aber ihre Gesichter waren so unbeweglich, daß man nicht wissen konnte, ob sie etwas besonders interessiere oder nicht. Soldaten marschierten vorbei, das war das Schönste. Wenn ich aber den Kindern sagte: hier ist das Rathaus, eines der schönsten Gebäude der Welt, so verstanden sie nicht, warum dies alte Haus so schön sein sollte, und wenn ich sagte, das ist das Theater, wußten sie nicht, was das sei. Die Schauläden zogen wie Kaleidoskopbilder schnell vorüber; denn wir durften ja nicht stehen bleiben, und so entschieden sich die Kinder später bei der Beantwortung der Frage, was auf der Hauptstraße von Breslau am schönsten gewesen sei, zur Hälfte für die Soldaten, zur anderen Hälfte für einen Mann, der bunte Gummiballons zu verkaufen gehabt hatte.
So durften wir ja nicht nach Hause fahren! Ich führte die Kinder truppweise auf den Aussichtsturm der Liebichshöhe, von der man das Häusermeer Breslaus überschauen kann. Da wurde den Kindern die Größe einer solchen Stadt klar. Sie rissen die Augen auf und atmeten schwerer. Aber es war doch eben nur ein totes Häusermeer, was sie sahen, und es hätte gar keinen Zweck gehabt, ihnen ein Dutzend Namen von Kirchen und anderen Baulichkeiten zu nennen. So fing ich an zu reden: »Seht ihr dort draußen das große Gebäude? Es ist eine Fabrik. Zweitausend Menschen arbeiten jetzt darin im Schweiße ihres Angesichts. Das erscheint euch viel. Aber seht euch diese unzähligen Dächer an. Unter fast allen wird gearbeitet von hunderttausenden von Menschen. Dort oder dort stirbt vielleicht jetzt gerade ein Mensch; denn alle Tage sterben in einer solchen Stadt viele Menschen; da oder dort freut sich gerade eine Mutter, daß sie ein neues Kind bekommen hat; dort steht ein großes Krankenhaus, hunderte von Menschen leiden darin Schmerzen; von dorther tönt Musik, da freuen sich lustige Leute. Und seht, wie die Lastwagen fahren, jeder nach seinem Ziel, jeder mit einem bestimmten Zweck, und wie die Leute unten auf der Straße wimmeln, jeder mit anderen Gedanken, jeder mit anderem Zweck und Ziel. Das weite Land, das ihr seht, versorgt die Stadt täglich mit Mehl und Fleisch, Obst und Gemüse, und die Stadt schickt hinaus Geräte und Kleider und Möbel und Uhren. Und dort fährt die Eisenbahn.«
Da starrten die Augen.
»Wo fährt sie hin?«
»Sie fährt wohl nach Berlin; aber mancher, der drin sitzt, reist weiter bis an den Rhein oder gar hinüber nach Amerika und kommt niemals wieder. Da fährt er hin, und da drüben ist der Bahnhof, und da steht jetzt noch eine Frau, die hat das Taschentuch vor den Augen und weint.«
»Es ist viel in der Stadt,« sagte ein Kind.
»Seht ihr das rote Haus dort? Das ist das Gefängnis. Da sitzen unglückliche Menschen, die das Gesetz nicht achteten, und zählen die Tage, bis sie wieder einmal frei unter anständigen Leuten gehen können. Dort ist der Dom, daneben wohnt der Fürstbischof; in jenem Hause wohnt der oberste General.«
»Und wo wohnen wir?« fragte ein Kind.
»Dort ist der Zobtenberg, den wir auch zu Hause sehen, nur daß er hier etwas anders ausschaut, und wenn ihr links an ihm vorbei in die Ferne seht, da liegt hinter der Himmelslinie unser Dorf.«
Die Kinder bohrten die Blicke in den Dämmerdunst der Ferne, und ob sie natürlich auch nichts von ihrem Dörflein erspähen konnten, sie schauten immer wieder hin und winkten mit den Händen.
»Es ist viel in der Stadt!« hatte ein Kind gesagt. Das war mir genug. Die Kinder hatten einen Eindruck empfangen, wir fuhren nicht leer nach Hause.
Und ein gewaltiges Neues kam noch: die Kinder fuhren mit der Eisenbahn. Auch mancher Erwachsene aus unserer Schar fuhr zum ersten Male mit der Bahn. Wer lächelt darüber? Wie lange fliegen heute schon unsere Luftschiffe? Wer flog mit? Und wer würde heute nicht mit ebenso feierlichem, die Angst schlecht verhehlendem Gesichte im Luftfahrzeug sitzen, wie damals diese Kinder im Eisenbahnzuge? Dem Neuen gegenüber sind wir alle Kinder.
Der Zug flog donnernd dahin, und als wir schon nach kurzer Zeit auf dem Bahnhof der heimischen Kreisstadt anlangten, stiegen alle mit einem frohen Lächeln aus:
»Es ist vorbei! Es ist gut gegangen!« Und sie fingen an zu lärmen und sahen mutig um sich.
Wir suchten den Gasthof wieder auf, in dem uns die Wagen erwarteten, und ich hielt einen Generalappell. Ich zählte die Kinder.
Einundachtzig!
Ich zählte nochmals. Wieder einundachtzig! Da brach mir der Schweiß aus, und ich zählte zum dritten Mal einundachtzig. Mit zweiundachtzig Schülern waren wir fortgefahren, zweiundachtzig hatten wir noch in Breslau in die Eisenbahnwagen hineingezählt, jetzt waren nur einundachtzig.
»Es fehlt jemand. Wer fehlt?« fragte ich.
»Ich nicht! Ich nicht!« schrien etwa zwanzig. Da fuhr ich nervös dazwischen:
»Ihr Schafsköpfe, ich frage nicht, wer ~nicht~ fehlt, ich frage, wer fehlt!«
Der aber, der fehlte, meldete sich nicht. Ich brüllte über den Hof: »Es fehlt ein Kind!« Der Hauptlehrer, der Pfarrer, die Bauern eilten herbei, regten sich auf und suchten. Vergebens!
»Wer fehlt?«
»Ich nicht!« sagte noch einer; der kriegte ein Kopfstück.
Plötzlich kam mir die Erleuchtung.
»Ist Wilhelm Dierschke da? Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!«
Keine Antwort. Nun wußte ich, wer fehlte. Wilhelm Dierschke hatte sich vom Bahnhofe weggeschlichen, um am Oderfluß seine versteckten Stiefel zu suchen. Es ward schon dunkel, die Kinder mußten nach Hause; es war ja noch ein Weg von 2-1/2 Stunden zurückzulegen. Da ließ ich die neunundneunzig in der Wüste, ich ließ sie nach Hause fahren und ging das verlorene Schäflein suchen. Als »guter Hirt« kam ich mir aber gar nicht vor. Ganz im Gegenteil. Ich wußte, daß der Junge seine Stiefel versteckt hatte, ich hätte mir denken müssen, daß er sie suchen würde, da er sie doch wiederhaben wollte, und ich hätte am Bahnhof auf Wilhelm Dierschke besonders aufpassen sollen. Ich hatte es aber unter einundachtzig anderen Sorgen vergessen, und der Junge hatte sich auch so heimlich entfernt, daß nicht ein einziger seiner Kameraden darauf aufmerksam geworden war.
Ich stürmte durch die Stadt, dem Oderstrom zu. Meine Phantasie malte mir gräßliche Bilder. Der täppische Junge ist in der Abenddämmerung an den Fluß gekommen, die Böschung ist steil, er hat gesucht, nicht gefunden, ist ausgeglitten, schwimmt vielleicht jetzt schon weit den Fluß hinunter, und der alte Mann, dessen einziges Lebensglück er ist, wartet daheim, und ich habe den Jungen übernommen.
Einmal mußte ich auf dem kurzen Wege stehen bleiben, um Luft zu schöpfen. Dann endlich war ich am Oderfluß. Ich erkannte die Landungsstelle.
»Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!« rief ich.
Es kam keine Antwort. Ich rief, ich schrie, ich schlängelte mich durch das Ufergebüsch.
Ich lugte ins Wasser.
Ruhig floß der Strom; der Wind wehte durch die Bäume. Immer wieder rief ich -- den Fluß hinauf und hinunter rannte ich -- es war alles umsonst.
Nach einer langen Zeit fragte eine Stimme:
»Wer ruft denn hier?«
Es war ein Fischer. Er sagte, er sei seit vielen Stunden am Fluß, noch lange vor Abend, aber er habe keinen Knaben gesehen. Ob er denn nicht den Fluß absuchen könne, fragte ich in meiner Verwirrung. Er schüttelte lächelnd den Kopf.
»Wenn er hineingefallen ist,« sagte er mit der rücksichtslose Offenheit so einfacher Leute, »dann ist er hin. Denn es ist hier tief und reißend.«
Tränen würgten mich. Da schüttelte er wieder den Kopf und sagte:
»Gehn Sie doch mal zur Polizei. Ich werd' Ihnen den Weg zeigen.«
Das war ein Rat, der mir einleuchtete. Ich ging mit dem Schiffer nach der Stadt zurück, nicht ohne wiederholt stehen zu bleiben und laut zu rufen. Der Schiffer führte mich einen Weg durch enge Gassen. Und in der allerengsten Gasse, wohin ich selber niemals gefunden hätte -- fand ich Wilhelm Dierschke. Er verteidigte heldenmütig sich und seine kanonenrohrartigen Stiefel gegen eine Schar von Gassenjungen, die das Dorfkind belagerten.
Selig rief ich »Wilhelm! Wilhelm!« und hielt ihn in den Armen samt seinen Stiefeln.
Wir gingen dann miteinander durch die Stadt. Ich fand kein Wort des Vorwurfs; ich sagte dem Jungen nur, die anderen seien schon nach Hause, da es doch bereits spät sei; wir beide würden nun in einem Gasthaus übernachten und morgen früh um 3-1/2 Uhr aufbrechen, da seien wir noch vor Schulanfang zu Haus. Wilhelm schluckte an seinen Tränen, preßte mit jedem Arm einen Stiefel an seine Brust und sagte gar nichts.
Da fiel mir der Großvater ein. Was für ein furchtbarer Jammer, wenn die anderen heimkehrten und allein sein Wilhelm fehlte! Eine telegraphische Nachricht jetzt während der Nacht zu geben, war ganz ausgeschlossen. Da sagte ich: »Wilhelm, wir müssen noch heute Nacht nach Hause gehen; es ist wegen deinem Großvater.«
Der Junge nickte gehorsam, aber ich merkte, er war todmüde. Und ich war auch müde. Da fragte ich den Schiffer, der noch bei uns war, ob er uns wohl eine Fuhre nach dem Dorfe J. besorgen könne. Er fragte, wo J. liege; ich beschrieb es ihm.
»Oh, wer wird jetzt in der Nacht so weit über Land fahren,« sagte er abweisend.
Ich sagte, es müsse sein, und bot zehn Mark Fuhrlohn. Zehn Mark waren damals sehr viel Geld. Da sagte der Schiffer, er habe einen Bruder, der Droschkenkutscher und ein sehr gefälliger Mensch sei; wenn es dieser nicht täte, täte es keiner. Ehe dieser Bruder gefunden war, ehe er eingespannt hatte, vergingen abermals dreiviertel Stunden, viel zu viel Zeit für meine Unruhe.
Endlich fuhr das Wäglein die dunkle Landstraße entlang. Das Kind schlief ein, der Nachtwind kühlte meine heiße Stirn, und ich war glücklich.
Wohl noch eine halbe Meile vor unserem Dorfe hörte ich plötzlich eine Stimme durch die Nacht rufen: »Wilhelm! Wilhelm! Großer Gott! Barmherziger Gott!«
Es war der alte Großvater, der sein Enkelkind suchte. Ich rief zurück, sprang vom Wagen herunter und lief auf ihn zu. Er sah aus wie ein Irrsinniger, das lange weiße Haar flatterte um seinen bloßen Kopf.
»Ist er da? Lebt er?«
»Es ist alles gut, Meister. Da auf dem Wagen sitzt der Wilhelm.«
Der Schneider trat heran.
»Junge!«
»Ich hatte meine Stiefel verloren,« sagte der Kleine mit weinerlicher Stimme.
Ich setzte den Großvater zu dem Jungen in den Wagen und mich beiden gegenüber.
»Ich werd' alles vergelten, Herr Lehrer,« sagte der Schneider mit bebender Stimme.
»Davon ist gar keine Rede, Meister! Sie müssen mir nur versprechen, daß Sie nicht böse sind auf mich.«
Er schüttelte den Kopf und weinte leise. Nach einer Weile sagte er:
»Es ist alles gut. Der Junge ist da.«
»Und«, sagte der Junge, »wir fahren in einem so schönen Wagen, und die Stiefel sind auch da. Ach, Großvater, es war so schön, so sehr schön, daß ich mitgefahren bin.«
Der Alte wollte heftig widersprechen, aber er sah mich an, wollte mich nicht kränken und sagte:
»Ja, es war wohl schön, daß du mitgefahren bist.«
Im Dorfe waren noch alle Leute munter, alle in Aufregung. Wir wurden mit herzlicher Freude empfangen.
* * * * *
Das war der einzige Ausflug, den ich mit Schulkindern als Dorfschullehrer gemacht habe. Schon nach acht Monaten rief mich meine Behörde in eine größere Stadt, wo ich an der Lehrervorbildung mithelfen mußte. Einmal bekam ich einen anonymen Brief, dessen Poststempel leider auch nicht zu entziffern war. In dem Briefe war nichts enthalten als ein Zehnmarkschein. Ich habe noch heute den Verdacht, daß der Brief vom Schneider Dierschke war.
Das Telefon des Bildschnitzers
Eine Bergstadtgeschichte
Alle Sommermärchen sind aus: die, die im Kelch der Rose wohnten wie in einer rotleuchtenden Stadt; die, die um nackte Füßlein spielender Kinder durch den Bach schwammen; die, die auf den tönenden Flügeln des Gartenkonzerts dahinhuschten über glühende junge Wangen und sich im stillen Walde verloren. Alle sind aus.
Es war einmal -- es ist nicht mehr!
Auch das Sommer- und Lebensmärchen des Bilderschnitzers Klemens ist nicht mehr. Sein Junge ist gestorben und begraben worden. Es war ein klarer Herbsttag, als sie den kleinen Hermann in die Grube legten; die Luft war voll Gebet und Liederklang, voll vom Weinen der Weiber und den scheuen Seufzern der Männer; es sangen auch noch ein paar Vögel, mit dem Schnabel nach Süden hin, und die roten Blätter wirbelten, und auf den Kirchturm, von dem die Glocke klang, schwamm von Norden her eine Wolke zu. Ein Weilchen blieb dies Bild stehen mitten im Herbsttag, und dann gingen alle nach Hause.
So war des Bilderschnitzers Sommer- und Lebensmärchen zu Ende.
Manchmal lacht Klemens und hält sich für einen Narren. Die ganze Zeit, als er das Roß mit dem Araber geschnitzt hat, hat er doch gemeint, daß das Roß lebe und der Araber lebe, und hat meist in Hemdsärmeln dagesessen, weil ihm die Glut der Wüstenluft allzu arg zusetzte. Wußte er nicht genau, daß sein Araber gegen Omar ben Alef ansprang, gegen den Prahler, der geschworen hatte, ihn lebend zu fangen und ihm den Bart zu scheren, und den er nun in die Hölle schicken würde? War nicht deshalb der Ansprung des Pferdes so kühn, das Auge des Reiters so erschrecklich, der Arm so wuchtig gehoben, die Beine im Bügel so zum Reißen gestrafft, weil eben alles lebendig gewesen war, als Klemens die Gruppe schuf? Gewiß war es lebendig und ist's auch noch, denn manchmal noch fährt Klemens dem Reiter in die Haare, weil sie ihm nicht vom Schweiß der Anstrengung verklebt genug sind, oder er bringt ein Fältlein im Mantel, das noch zu ordentlich liegt, in flatternden Wurf.
Alles lebt; alles ist wirklich. Aber eines Tages wird ein reicher Mann kommen, von dessen Gunst der arme Klemens leben muß, und ihm den Araber abkaufen, um ihn bei sich daheim auf ein langweiliges Wandbrett zu stellen oder ihn gar seinen verwöhnten Sprößlingen zum Zerbrechen zu geben.
Dann sind Araber und Roß, Omar ben Alef und Wüstenkampf, Palmenwipfel und heiße Luft ein Märchen gewesen, und das Märchen ist aus.
Der Pfarrer hat am Grabe des kleinen Hermann ein paar sehr schöne Sätze gesprochen. Er hat so gesagt:
»Klemens, manche Leute sagen, du seist halt ein Spielzeugmacher oder Bilderschnitzer wie viele in unserer Bergstadt und anderswo. Aber du bist ein Künstler; das wissen alle die, die etwas davon verstehen. Da kommt es wohl öfters vor, daß du an einer Gruppe, die du mit großer Kunst und viel Mühe und Treue geschaffen hast, mit tiefer Liebe hängst. Aber eines Tages kommt ein reicher Mann und kauft dir die Gruppe ab, und du mußt sie ihm hingeben, denn das Leben zwingt dich dazu. Dann bist du wohl traurig in deinem Herzen, aber du tröstest dich in dem Gedanken: der reiche Mann wird mein Werk in einen schönen Saal stellen, wo andere herrliche Kunstwerke stehen, und kluge Menschen werden ihre Freude an dem Werk haben und ganz im geheimen den Mann segnen, der es geschaffen hat. Nun siehe, lieber Klemens, das herrlichste Kunstwerk, das je ein Menschenauge in deiner Werkstatt sah, war dein Sohn. Nicht nur, daß er von dir abstammte; du hast an nichts so viel Sorge, so viel Mühe und Verständnis gewandt wie an dies Kind, das leiblich und seelisch wuchs und wurde zum wunderbaren Kunstwerk. Zehn Jahre lang hast du an ihm gebildet und alle Freuden des schaffenden Künstlers an ihm erlebt. Da kam der reiche Mann -- der reichste Mann der Welt und begehrte den Knaben für sich und sagte: ›Meister Klemens, ich will deinen Hermann für meinen goldenen Himmelssaal. Dort wird er weilen im Licht der Ewigkeiten, und Heilige und Weise, Patriarchen und Engel, der Chor der Jungfrauen und alle Künstler und Könige, die in die Heimat fanden, werden ihn sehen, werden sich seiner Edelgestalt freuen und werden den segnen, von dem er stammt. Und ich selbst werde dich lohnen mit Gütern, die niemand vergeben kann als ich.‹ Die Not des Lebens zwang dich, lieber Meister Klemens, dem reichen Manne dein Kleinod zu geben. Aber wenn du auch traurig bist, sieh ohne Verzweiflung dem entschwundenen Gute nach und tröste dich mit Gedanken von ewiger Schönheit, die über die schmalen Grenzen dieses Lebens hinausgehen und denen du folgen kannst!«
Von diesem starken Trostwort lebte der Bilderschnitzer nun seit drei Monden. Er sprach es sich alle Tage vor, und es tat ihm immer wieder wohl. Aber die trüben, trüben Tage kamen, da die Menschen verdrossen an den Fenstern vorbeigingen, der Regen über die Scheiben weinte und der Efeu frierend in die Stube sah -- die Tage, da alles so furchtbar leer, die Arbeit so zwecklos, das Leben so ohne alle Gnade und Freude war, und dann schrie er nach dem Kinde, dann zerraufte er sich das Haar, da stieß er einmal mit dem Fuße nach seiner schönsten Gruppe, dem heiligen Hubertus, daß dem Jäger die Armbrust brach und der Hirsch mit dem weißen Kreuzlein verwundert auf den tobenden Meister sah.
Als Advent kam, wurde es schlimmer mit Klemens. Da nicht Leute genug in der Bergstadt wohnten, die teure Holzschnitzereien kauften, erwarb der Meister einen Teil seines Lebensunterhaltes dadurch, daß er vor Weihnachten künstlerisches Spielzeug schuf. Ein Hanswurst, den er mit ein paar kräftigen Schnitten aus Tannenholz formte, hatte größeren Kunstwert als viele Goetheköpfe, die aus Marmor sind und in den großstädtischen Bazaren stehen. Das war immer die schönste Zeit des Jahres gewesen, die stillen Novembertage und der verschneite Advent. Dann war's am heimlichsten gewesen in Bildschnitzers Stube, dann war der Junge, der Frühling, Sommer und Herbst auf der Straße war oder über die Stadtmauer kletterte, daheim beim Vater, und er dichtete mit ihm Kunstwerk um Kunstwerk.
»Vater, mach' ein Schiff mit drei Segeln! Ein Mohr und eine schöne Engländerin müssen darin sitzen, und auf dem Mast sitzt ein Affe, der frißt eine Nuß. Der Mohr hat die Engländerin geraubt und der Affe die Nuß.«
Dann guckte der Bilderschnitzer schief über die Brille auf den Jungen, in dessen Kopf es so kurios aussah, und fing an, das Schiff zu schnitzen, den Mohren und den Affen. Der Junge sah zu und war ein so strenger Regisseur und Kritiker, daß der Alte dachte: »Was wird aus ihm werden?« -- »Vater, mach' eine kleine Tonne mit einem Schwimm-Männlein darin, das auf- und abtaucht, und das Schwimm-Männlein muß aussehen wie der Ratsdiener Mathies, der sich zu Tode trinkt.« -- »Vater, bau' ein großes Fernrohr, mit dem man in die Erde gucken kann. Man muß die Bergleute sehen, man muß die Zwergemännchen sehen, wie sie Gold und Silber aushacken, und man muß den Teufel sehen, wie er brennt.«
Ein solches »Fernrohr in die Erde« hat Klemens gebaut, ein Rohr mit auswechselbaren Bildern, und viel Geld damit verdient.
Einmal sagte der Kleine: »Du müßtest eine Wunderschachtel bauen können, in die man hineinspricht, und die Worte müssen darin bleiben, und erst, wenn man den Deckel aufmacht, kommen sie wieder heraus.«
Das Kind hatte nie etwas von Grammophon und Telephon gehört, und Meister Klemens zerbrach sich lange den Kopf, ob er es ermöglichen könne, ein sprechendes Grammophon zu kaufen. Aber es war zu teuer, und so kam Klemens darauf, sich ein Haustelephon zu bauen. Als der Knabe einmal einige Tage verreist war, legte er es an. Es führte vom Atelier des Meisters, das unter dem Dache lag, hinab in die Wohnstube, die zu ebener Erde war. Unten hauste die Frau. Sie war die zweite Gattin des Meisters; Hermanns Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Die zweite war ein stilles Weib, hatte selbst keine Kinder, und wenn sie auch für den Knaben nie stürmische Zärtlichkeiten hatte, so war sie doch immer von gleichbleibender Fürsorge für ihn.