Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein
Part 4
»Deine -- Frau?«
Liebich lehnte sich an den Türpfosten.
»Sie is gestorben,« sagte er tonlos. »Die Leiche will ich rüberschaffen. Da liegt sie.«
Er wies auf ein Wägelchen, das draußen im Dunkel stand.
»Liebich,« rief der Hahnenwirt, »du redst wohl irre? Du wirst doch mit sowas keen Allotria treiben!«
»Komm raus,« sagte der andere. Der Hahnenwirt ging hinaus, und ich folgte, ohne daß mich jemand bemerkte. Liebich hob eine Decke von dem Wägelchen auf. Darunter stand ein Sarg. Tiefinnerlicher Schmerz schüttelte den Mann so, und er weinte so stoßweise, so bitterlich, daß der ganze furchtbare Ernst klar war.
»Wann -- wann is se denn ...«
»Vorgestern. Wir haben das erste Kind gekriegt. Nach sechs Jahren. Das Kind lebt -- die Franziska is tot.«
»Und nu willst du sie rüberschaffen? Nach Hause?«
»Ja, sie wollte drüben begraben werden.«
»Und warum bringst du sie denn in der Nacht?«
»'s macht sonst zu viel Schererei, wenn man eine Leiche über die Grenze haben will. Is se aber erst amal drüben, wird se ooch drüben begraben.«
Liebich wollte die Leiche seiner Frau über die Grenze schmuggeln. Er konnte wohl gar nicht anders; sein ganzes Denken war so eingerichtet, daß ihm ein Verhandeln mit Grenzbehörden ganz ausgeschlossen schien. Müde setzte er sich auf die Bank, auf der ich vorhin mit Hollmann gesessen hatte.
»Ich wollt's alleine schaffen,« sagte er, »aber ich kann nich. Die Kräfte verlassen mich.«
Was er dem Feinde gegenüber früher einmal geheuchelt hatte, war jetzt bitterster Ernst geworden.
»Du mußt mir helfen, Hollmann; ich ermach's nich alleine.«
Der Gastwirt erholte sich von seiner Bestürzung; dann versprach er, dem Freunde zu helfen. Jetzt erblickte er auch mich und schnob mich wohl erst zornig an; aber nach einigem Hin und Her erlaubte er mir sogar, mich dem kleinen traurigen Zug anzuschließen.
Die Leiche einer jungen Frau und Mutter auf einem kleinen wackeligen Wägelchen, vorn an der Deichsel der leise schluchzende Mann, hinten, den Karren schiebend, Hollmann und ich, so ging es langsam den Bergweg hinauf. Ein müder Nachtwind surrte durch die Bäume, ein feiner Regen rieselte vom Himmel. Was war das für eine traurige Fahrt! Und doch pochte mir das Herz in ungewohnten Schauern, und die Wangen brannten mir viel mehr von der Aufregung als von der Anstrengung.
Bei einer Wegbiegung blieben die Männer halten und lugten nach der Höhe. Ein Licht brannte dort oben, wohl in dem Häuslein irgend eines Webers oder kleinen Bauern.
»Die Straße ist sicher!« sagte Hollmann; denn das Licht war ein Signal für die Schmuggler, daß kein Grenzer auf dem Wege war, es war wie ein Leuchtturm für die Gefährdeten unten im dunklen Waldmeer.
Liebich legte sich mit dem ganzen Oberkörper auf den Sarg und fing wieder an zu weinen. Er preßte den Kopf an das harte Holz, das sein Liebstes umschloß, er küßte den Sarg, er umklammerte ihn mit den Armen.
Es dauerte eine geraume Weile, ehe wir wieder weiterfuhren. Den Zollhäusern wichen wir auf einem Nebenwege aus. Als wir aber jenseits der böhmischen Station waren, erlosch plötzlich das Licht am Berge.
Die Männer blieben stehen und lauschten.
Wir waren in Gefahr.
»Vorsicht!«
Wir hielten an. Liebich schnaufte tief und grimmig auf. »Nich amal die Toten lassen se ihres Weges ziehen!«
Dann legte er den Finger an die Lippen. Das Wägelchen mit dem Sarge stand ganz am Rande der Straße. Liebich drückte sich an einen Baum, und Hollmann zog mich leise hinter den Sarg. Dort kauerten wir uns nieder.
Minuten vergingen. Sacht und fein rieselte der Regen. Die Berglehne stieg schwarz gegen den Nachthimmel empor. Mich fror. Da huschte Liebich unhörbar die Straße entlang auf eine Brücke zu. Ich sah, wie er darunter verschwand.
»Was macht er?« fragte ich kaum hörbar.
»Ruhig!« brummte der Gastwirt ziemlich laut. »A sucht die Brücke und a Graben ab. Da stecken se meist -- und nu nich immerfort reden, sonst ...«
»Halt!«
Wie aus der Erde herausgeschossen, stand ein Mann vor uns. Wenzel Hollmann -- der Grenzjäger war es. Er hatte die Flinte unter dem Arm.
»Halt! -- Wer seid Ihr?«
Er trat näher.
»Der Hahnenwirt,« sagte er betroffen. »Was machen Sie hier? Was ist das für ein Sarg?«
Der Wirt war fürchterlich erschrocken, aber er wollte sich's nicht merken lassen und sagte in schwerem Mißmut:
»Wenzel, Sie kennen mich! Sie wissen, daß ich der ehrlichste Mann im ganzen Gebirge bin, der noch nie daran gedacht hat, das Allergeringste zu schmuggeln. Also, lassen Se mich in Ruhe und gehen Se Ihres Weges.«
»Was ist das für ein Sarg?« wiederholte der Grenzjäger statt aller Antwort seine Frage. Er trat heran und wollte die Decke, die nur das Kopfende des Sarges freiließ, entfernen.
Da kam ein gurgelnder Laut von der Brücke her.
»Laß den Sarg stehen! Geh weg vom Sarg, du verfluchter Spürhund!«
Liebich raste heran.
»Ich schlag' dich tot, wenn du den Sarg anrührst!«
»Was ist in dem Sarge?« fragte der Grenzer mit eiskalter Stimme.
»Das geht dich nichts an!«
»Was ist in dem Sarge?«
Der Grenzer hob die Flinte. Da mengte sich der Gastwirt ein.
»Schieß' nicht, Wenzel -- Liebichs Frau liegt in dem Sarg -- die Franziska ...«
Der Grenzer ließ die Flinte sinken.
»Die Franziska?« fragte er betroffen. »Ist sie gestorben?«
»Es geht dich nichts an,« brummte Liebich.
Da fing der Grenzjäger jäh an zu lachen.
»Oho, Brüderlein, es geht mich wohl was an! Es geht mich sehr viel an. Ein neuer Sarg ist auch steuerpflichtig und außerdem -- deine Frau liegt ~nicht~ in dem Sarg!«
»Nicht in dem Sarg?« wiederholte der Hahnenwirt verwundert. Auch ich machte große Augen.
»Es ist einer von den ekelhaftesten Schmugglertricks,« fuhr der Grenzer fort, »einen Sarg zu benutzen, um Waren zu schwärzen. Da hat man keinen Respekt vor Leben und Tod, keinen Respekt vor dem Kreuze, das auf dem Sarg ist. Gotteslästerlich ist das -- pfui, Hollmann, Ihnen hätte ich das nicht zugetraut. Alle drei sind meine Arrestanten!«
Mir wurde übel. Als Zögling einer Königlich Preußischen Lehranstalt hier unter so abenteuerlichen Verhältnissen verhaftet zu werden, mußte von den traurigsten Folgen für mich sein. Auch der Hahnenwirt neben mir zitterte.
»Ich hab's nicht gewußt,« sagte er. »Ich hab' ihm geglaubt ...«
Der Grenzer lachte spöttisch.
»Reden Sie nicht -- Sie kennen doch den Liebich -- Sie werden schon gewußt haben, daß in dem Sarge wahrscheinlich was ganz anderes steckt, als eine Leiche.«
Er trat wieder an den Sarg heran und hob die Decke.
»Rühr' den Sarg nicht an,« brüllte Liebich, »oder ich vergreif' mich an dir!«
Die Augen standen ihm heraus.
»Also marsch zum Amt! Da wird sich ja herausstellen, was in dem Sarg ist. Angefaßt und vorwärts marsch!«
»Bei unserer alten Freundschaft --« fiel Hollmann in bittendem Tone ein.
»Damit ist's aus,« entgegnete der Grenzer in barschem Tone. »'s ist eine gotteslästerliche Schuftigkeit so was!«
Ich gab ihm im stillen recht und bereute aufs bitterste, mich in den bösen Handel eingelassen zu haben. Dicke Tränen rollten mir über die Backen, während ich das Wägelchen mit dem Sarge schieben half und der Grenzjäger mit der scharfgeladenen Flinte hinter uns herschritt. Mühsam ging es einen Berg hinauf. Es hatte aufgehört zu regnen, und der späte Mond war klar aus den Wolken getreten. Niemand sprach ein Wort; nur das schwere Ächzen Liebichs war vernehmbar. Das Wägelchen stieß auf dem harten Wege, und der Sarg schwankte hin und her.
So erreichten wir die Anhöhe. Die Straße ging nun ziemlich steil bergab. Und plötzlich riß uns Liebich den Wagen aus der Hand und sauste mit dem Gefährt wie ein Rasender den Berg hinab.
Ein scharfer Schuß. Wir schrien auf. Liebich brach zusammen. Das Wäglein fuhr mit den Vorderrädern schwankend über ihn hinweg und blieb stehen. Selbst mehr tot als lebendig rannte ich mit den anderen der Unheilstätte zu. Wenzel und der Wirt zogen Liebich unter dem Wagen hervor. Er war bewußtlos. Die Kugel war ihm rücklings in die linke Schulter gedrungen.
Sie legten ihn an den Wegrand.
»Er hat's nich anders haben gewollt,« sagte der Grenzer.
»Es ist gotteslästerlich so was!«
Still war's -- ganz still. Aber die Herzen hämmerten.
Da trat der Hahnenwirt an das Wäglein und riß die Decke herunter. Ein brauner Sarg mit weißen Beschlägen und einem geschnitzten Kreuz wurde sichtbar. Vier Schrauben verschlossen ihn. Mit zitternden Fingern machte sich der Hahnenwirt daran, die Schrauben zu lösen. Der Grenzer sah ihm erst finster zu, dann half er, und die beiden Männer hoben den Deckel.
Sie ließen ihn mit einem Schrei zur Erde sinken. In dem Sarge lag eine tote Frau. Sie war in einem weißen Kleid, und ein blonder Kopf von rührender Schönheit lag auf einem seidenen Kissen.
»Es ist wahr gewest,« stammelte der Hahnenwirt -- »es ist wahr gewest!«
Der Grenzer starrte auf die Leiche, die vom Mondlicht beschienen vor ihm lag, ein wehes Lächeln um den blühenden Mund.
»Franziska!«
Der Grenzer stammelte unverständliche Worte und sank plötzlich mit einem markerschütternden Weinen neben dem Sarg nieder. Nie wieder habe ich einen Mann so laut und weh weinen gehört
Da rührte es sich am Wegrande. Liebich kam zu sich, sah wirr und wild um sich, wußte plötzlich alles, was sich zugetragen, sah den geöffneten Sarg und hörte den anderen schluchzen.
»Geh weg -- weg -- du Hund -- ich -- ich schlage dich tot!«
Er sank in die Ohnmacht zurück. Der Grenzer kniete immer noch auf der Straße. Er preßte den Kopf an das Holz des Sarges und sprach wirre Worte durcheinander, Worte, die um Verzeihung flehten, Gebetsworte, zärtliche Worte innigster Liebe. Der Hahnenwirt stand mit gefalteten Händen da, unfähig, etwas zu tun, und mir jungem Burschen war das Herz voll Furcht und Grauen.
Endlich rafften wir uns zusammen, schlossen den Sarg wieder und deckten ihn wieder zu. Was wir zuerst hätten tun müssen, darauf kamen wir zuletzt -- wir sahen endlich nach dem Verwundeten. Er erwachte und schrie furchtbar auf, als wir den Arm an der zerschossenen Schulter berührten.
Zum Dorf war es glücklicherweise nicht weit. Wir wollten anfangs Liebich mit auf das Wägelchen laden, aber es war zu schmal, er hatte neben dem Sarge nicht Platz.
Wenzel, der Grenzjäger, kam wieder heran. In tiefster Niedergeschlagenheit sagte er:
»Liebich, verzeih mir's, daß ich dich diesmal in falschem Verdacht hatte.«
Da kam etwas von dem alten herben Humor in Liebichs Seele zurück, und er sagte:
»Du denkst immer falsch; Du weißt nie, was los is!«
Nach dem Dorfe hinunter mußten wir. Es zeigte sich, daß sich Liebich wohl aufrichten, aber nicht allein gehen konnte. Er mußte gestützt werden.
»Stützt ihn,« sagte der Grenzer; »ich werde den Wagen ziehen.«
»Geh von der Leiche weg,« befahl da Liebich; »rühr' sie nicht an!«
Noch über den Tod hinaus reichte die glühende Eifersucht. Also kam es so, daß der Hahnenwirt und ich das Wäglein zogen und Liebich, auf den Todfeind gestützt, hinterher schwanken mußte.
Es war tief in der Nacht, schon gegen Morgen hin, als wir mit unserer traurigen Last an Franziskas Heimathaus anlangten und eine alte Frau der tot heimkehrenden Tochter unter tausend Tränen die Tür öffnete.
Am übernächsten Tage wurde die Franziska auf dem heimatlichen Kirchhof begraben. In aller Herrgottsfrühe war die Beerdigung. Liebich konnte ihr nicht beiwohnen; er lag krank zu Bette. Der Schmerz hatte ihn aber doch so weich gemacht, daß er sich mit seinem alten Gegner Wenzel versöhnt hatte. Trotz dieser Aussöhnung erlaubte er aber nicht, daß Wenzel mit der Franziska zu Grabe ging.
Und der war doch dabei. Er stand auf einem Berge, von da man den Friedhof übersehen konnte, hörte die Glocken läuten, hörte die Lieder klingen und sah, wie auf weißen Grabtüchern etwas Liebes, Liebes in die Tiefe sank.
* * * * *
Damit wäre nun eigentlich diese Erzählung aus. Aber da es sich darin nicht bloß um die Liebesgeschichte der schönen Franziska aus dem Böhmerland, sondern um das Leben in den Grenzhäusern überhaupt handelt, will ich noch erzählen, wie ich in späteren Jahren zu meinem Freunde Heinrich Hollmann, Wirt zum Roten Hahnen, zurückgekommen bin.
Er blieb immer der Alte, immer der redselige, etwas großsprecherische Mann mit der gleichen Respektlosigkeit vor allen Dingen und Personen seiner Umgebung und dem gleichen absoluten Respekt vor seiner Frau. Weber und kleine Bauern gingen in seinem Hahnenwirtshaus ein und aus, und wenn ich diese wortkargen Leute mit den blauen, leeren Augen hinter ihren Branntweingläschen sitzen sah, wußte ich wohl, warum sie schmuggelten. Beileibe nicht nur um des bißchen Erwerbes willen, wie ja auch der Wildschütz nicht nur um eines lumpigen Talerhasens allein Ehre und Freiheit, ja vielleicht Gesundheit und Leben in die Schanze schlägt.
Ihr Herren, die ihr zu Gericht sitzet, denkt nur an die kleinen niederen Stuben dieser Armen, an ihre eintönige, langweilige Arbeit, die Stunde um Stunde, Jahr um Jahr, ein ganzes langes Menschenleben dieselbe trostlose Last ist. Und denkt daran, daß auch diese Menschen eine Seele haben, die nach Tat und Abwechselung, Freude und Gefahr lechzt, daß auch diese Sehnsucht nach grünen Wegen der Romantik sucht. Was tun sie? Sie schmuggeln, sie wildern wohl auch. Und in all der langen Zeit, da sie hinter dem Webstuhl im engen Käfig sitzen, geht ihre Phantasie auf einsamen Schleichwegen zwischen Gefahr und lohnendem Sieg. Kommt nun einer der Ihrigen, erzählt er von irgend einer gelungenen Tat, dann tritt Leben in die leeren Augen, dann geht das träge Herz mal eine Stunde lang schneller, dann steigt's in müden Leibern auf wie Trotz und Kraft. Was bietet ihnen auch der Staat? Wieviel vom allgemeinen Erbe läßt er ihnen zukommen, und wie groß ist die Schädigung, die sie hinwiederum ihm zufügen? Mögt Ihr es entscheiden; ich tue es nicht.
Vom Liebich-Müller erzählte mir der Hahnenwirt, daß er nicht mehr schmuggele. Die Fahrt mit dem Sarge war sein letztes unerlaubtes Überschreiten der österreichischen Grenze. Es machte dem Müller keinen Spaß mehr, zu schmuggeln. Denn die Franziska war tot, vor der er den Nebenbuhler lächerlich machen konnte. Mit dem Wenzel vertrug er sich, wenn er ihn traf. Er gab jetzt sogar zu, daß der Wenzel gewissermaßen auch ein wenig im Rechte sei; denn wenn er, der Liebich, Grenzer wäre, gäbe es überhaupt keine Schmuggler mehr, sondern alle säßen auf Nummer Sicher. Da stimmte ihm dann der Hahnenwirt biedermännisch bei.
Eines aber brachte dem Müller große Genugtuung. Etwa zwei Jahre nach Franziskas Tode heiratete Wenzel ein braves Mädchen aus dem gleichen böhmischen Dorf. Da hat Liebich, als Wenzel mit seiner Braut zur Kirche ging, bei Franziskas Grab gestanden und hineingesagt:
»Weißte, Franzel, was der Wenzel macht? Hochzeit macht a. Mit der Nitsche Hedwig, dem albernen Ding. Da haste den Kerl! Was hab' ich dir immer gesagt? A Windhund is a. Ohne eene Spur von Treue. Da wirst du ja jetzt froh sein, daß du ~mich~ genommen hast, denn ich hätte nie eene andre als dich genommen, nie!«
Liebich nahm wirklich keine zweite Frau. Er widmete sich nur mit großer Liebe der Erziehung seines kleinen Sohnes. Über seine eigenen Schmugglererfolge wußte der Hahnenwirt nicht viel Erfreuliches zu berichten. Eines Abends, als Wenzel wieder einmal bei ihm eingekehrt war, steckte er ihm ein Lindenblatt an den Hut.
»Ah, gilt die alte Korrespondenz immer noch?« fragte ich.
»Nu natürlich! Sie roochen doch so gerne +Regalia media+, und ich hab' keene im Hause. Nu -- Lindenbaum bedeutet eben +Regalia media+.«
Am nächsten Tage wurde wirklich vom Blauen Hahnenwirt drüben eine Kiste +Regalia media+ über die Grenze geschafft.
Aber Hollmann war trotzdem unzufrieden.
»Wenzel hat meine Leute greulich oft erwischt,« sagte er niedergeschlagen. »Ich kann sagen, es kost' mich schon a Vermögen an Strafe. A paar von meinen Leuten haben sogar sitzen müssen. Na, das kost' dann erst recht viel. Der Kaiser hat nich so teure Hosen an wie su a Gebirgsweber, wenn a für unsereinen amal a Paar durchsitzen muß. Aber geschmuggelt muß sein; denn wer hier in der Gegend nich schmuggelt, is blödsinnig. Und geleimt wird a doch, das haben Sie ja geseh'n, wie a geleimt wird.«
* * * * *
Es vergingen wieder viele, viele Jahre. An mich kam die Vierzig heran, und mein Freund Hollmann hatte den Kopf voll weißer Haare, als ich ihn wieder traf. Verändert hatte sich aber sonst in den Grenzhäusern so gut wie nichts. Es ist mit dem Leben umgekehrt wie mit einer Drehscheibe: im Zentrum rast es am schnellsten, an der Peripherie scheint es still zu stehen.
Ja, und doch hatte sich Neues und Großes in den Grenzhäusern ereignet. Des Wassermüllers Sohn Wilhelm war so herangewachsen, daß er schon seine Zeit bei den Hirschberger Jägern abgedient hatte, und der österreichische Zollbeamte Wenzel Hollmann hatte ein Töchterlein, das eine rechte frische Bergwaldsblume war. Es war die alte Geschichte: die beiden Kinder liebten sich, und die beiden Väter wollten von dieser Liebe nichts wissen, da sie ihnen ganz gegen das Herz war, wenn sie sich auch äußerlich vertrugen. Den Müller schmerzte oft die halblahme Schulter, die er dem Grenzer zu verdanken hatte, und dieser hatte auch keinen Grund, mit dem Müller recht intim zu werden. So taten die beiden Alten das Dümmste, was sie junger, starker Liebe gegenüber tun konnten: sie sperrten sich dagegen. Daß das gar keinen Zweck hatte, ist unnötig zu erwähnen. Die Grenze hinüber und herüber wurde schönes, goldenes Liebesgut geschmuggelt: Briefe und Küsse, Blumen und Tränen. Und ging es gar nicht anders, so schlich der Mond, der älteste Schmuggler der Welt, hinter Wassermüllers Wald herum, nahm tausend Liebesgedanken als unerlaubtes Gut, stieg über die Berge, leuchtete dem dummen Grenzer, der unten auf dem Wege stand, dreist ins Flintenrohr und lieferte sein süßes Schmugglergut an des Töchterleins Kammerfenster ab.
Schon gut; es ging, wie es halt fast immer geht: die beiden Alten mußten nachgeben. Und da kam ein Tag, wo in der Wassermühle ein großes, echtes Versöhnungsfest gefeiert und alles für die bevorstehende Hochzeit besprochen werden sollte. Gerade da war ich wieder einmal auf eine Woche im Roten Hahnen einquartiert.
Eines Nachmittags war es, da fuhr ein Glaswagen beim Hahnen vor. Diesmal saß keine Strohpuppe darin und auch der Wenzel nicht beim Kutscher auf dem Bock, sondern stolz und feierlich neben seinem taufrischen Töchterlein. Gott, war das böhmische Mädel ein liebes Ding! Und der Wenzel -- der war in Zivil. Hatte einen Zylinderhut aufs Haupt gestülpt, trug einen tadellosen Smoking und Lackschuhe mit Gamaschen. So fesch kann nur ein Österreicher aussehen. Langsam und feierlich kam er auf mich zu und reichte mir gerührt die Hand.
»Schauns -- so kommt's!« sagte er. »Aber das freut mich, daß Sie gerade hier sind. Sie gehören ja gewissermaßen dazu.«
Er legte seinen glänzenden Zylinder auf den Tisch und fuhr plötzlich zornig zurück.
»Verflucht -- wer hat mir denn an meinen Zylinderhut eine Kornblume gesteckt? Ist das eine Frechheit!«
Der Rote Hahnenwirt kam heran, beguckte kopfschüttelnd die Blume und ging hinaus, wo er leise ein Fäßchen Wünschelburger Kornbranntwein nach dem Blauen Hahnen in Auftrag gab.
Wenzel warf die Blume grimmig auf die Erde. Dann wurde er aber wieder feierlich und erzählte mir, als ob er sich entschuldigen müßte, warum er nun doch seine Einwilligung zu dieser Hochzeit gäbe. Wäre der Liebich noch ein Schmuggler -- niemals, nie! Aber der sei kein Schmuggler mehr, der sei nur noch ein alter Esel. Und so fahre er jetzt mit der Ursula hin, und es solle ein schönes Familienfest werden. Der Hahnenwirt und ich, wir müßten mitmachen, denn wir gehörten dazu. Der Blaue Hahnenwirt drüben habe gerade die Gicht; sonst hätte er ihn auch mitgebracht. Im Wagen sei Platz für uns.
Hollmann, der Wirt, mußte nun Toilette machen und erschien endlich in einem viel zu engen Gehrock, der den Globus seines Bauches nur bis zu den Wendekreisen bedeckte. Wir nahmen mit im Wagen Platz, und die Fahrt ging hinab nach der Wassermühle.
Es ist für mich als Preußen schmerzlich zu sagen: aber mein Landsmann Liebich empfing seinen feierlich ausstaffierten Mit-Schwiegervater in Hemdsärmeln! Wenzel bemerkte es schon beizeiten und sagte leise zu mir:
»Nu sagen's, wie konnte die Franziska an solchen Kerl nehmen, der nicht im geringsten an Schneid hat?«
Das Fest selbst aber wurde sehr, sehr schön. Junge Liebe und junges Glück zu sehen, ist freilich für den, der übers Leben schaut, eine wehmütige Freude, aber doch eine Freude voll schweren Erinnerungsduftes aus fernen Frühlingstagen.
Liebich war sehr schweigsam. Die Verlobung wurde vollzogen, und der Wein, den wir tranken, war alles österreichische Marke und wahrscheinlich geschmuggelt; aber Wenzel ließ ihn sich schmecken; denn was ging es ihn an, wenn sich preußische Grenzer über den Löffel balbieren ließen? Ja, er trank viel und wir andern auch, und die Stimmung wurde sehr lustig. Da erhob sich der Müller zu einer Rede.
»Hier sitzen wir nu, und das is sehr schön. Daß die Franziska nich dabei is, is freilich sehr schade. Aber ich weiß, wo die is; das weiß ich schon durch meine lahme Achsel. Na, das is nu aber ja längst alles vollkommen vergessen, und die Kinder, die sich heiraten werden, haben das alles nich mit erlebt. Wozu reden wir also erst darüber? Und damit du siehst, Wenzel, wie gut ich's mit dir meine, schenk' ich dir hier eine echt silberne Tabaksdose, damit du immer an mich denkst, wenn du draus schnupfst. Das Brautpaar lebe, hurra -- hoch!«
Aus blauem Florpapier wurde eine ganz prächtige silberne Dose enthüllt, die Liebich erst kurz zuvor in Breslau erstanden hatte. Wenzel war tiefgerührt. Es ärgerte ihn aber jetzt sehr, daß er kein Gegengeschenk hatte und nun in seinem Smoking gegen den Hemdärmelmann unvorteilhaft abstach. Als das reiche Abendbrot vorüber war und die Böhmen an die Heimkehr dachten, befahl der Müller seinem Sohne, nun auch ihr eigenes Wäglein zurechtzumachen; sie würden die lieben Gäste heimbegleiten; denn so ein Tag wie heut sei nicht oft.
Fröhlich ging es die Berge hinauf, der Grenze zu. Wir kamen ans österreichische Zollhaus. Ein Beamter trat heraus und fragte der Reihe nach jeden nach Steuerbarem. Wir verneinten alle, auch Wenzel, der Grenzer in Zivil, natürlich. Da sagte der Beamte, der (wie ich später erfuhr) auf seinen Kollegen nicht gut zu sprechen war:
»Es tut mir leid, Herr Wenzel Hollmann; aber es ist eine Anzeige eingelaufen, Sie brächten eine neue silberne Dose über die Grenze.«
Ein Schrei aus Wenzels Mund. Und schon flog ein Bündel blaues Florpapier auf die Straße und aus dem Papier heraus flog eine neue silberne Dose.
Wir glaubten alle, nun müsse die Welt untergehen. Wenzel, der gefürchtete Grenzer, das Muster von Gewissenhaftigkeit und unnachsichtlicher Strenge, war beim Schmuggeln ertappt worden.
Er stieg aus dem Wagen und klappte ganz zusammen. Gebrochen lehnte er sich mit seinem schönen Anzug an das sandige Rad, der Zylinder fiel ihm vom Kopfe.
»Ich -- ich -- hab' -- nicht drangedacht,« brachte er heiser heraus.
Der Beamte zuckte die Achsel.
»Es war meine Pflicht. Die Anzeige ist schriftlich gekommen.«
Er hob die Dose auf.
»Die muß ich natürlich konfiszieren. Bitt' schön!«
Er wies mit der Hand auf die Tür des Zollhauses. Wie einen armen Schächer, der zum Schaffot getragen werden muß, schleppten der Hahnenwirt und ich den unglücklichen Wenzel ins Amtslokal.
Da mischte sich Liebich ein.
»Herr Kontrolleur,« sagte er, »Sie wissen doch ganz genau, daß Herr Wenzel Hollmann nicht im Traume daran gedacht hat, absichtlich zu schmuggeln. Ein Beamter wie er -- ich bitt' Sie! Ich habe ihn mit dieser Dose überrascht, hab' sie ihm geschenkt, und nu hat er eben nicht dran gedacht. Denken Sie etwa den ganzen Tag an Ihre Schnupftabakdose?«
»Es tut mir leid -- die Anzeige ist schriftlich gekommen; vor dem Gesetz sind alle gleich.«