Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein
Part 13
Käthe Birke, die mit dem Primaner Erich Mosemmel nach Hause ging und ihren Eltern begegnete, erstattete Bericht.
»Es war himmlisch! Ich habe nie geglaubt, daß es etwas so Schönes gibt.«
Das Kind hatte Mühe, zwei halbe Tränen in die Blauaugen zurückzudrängen, als es das sagte.
»Ja,« bestätigte Erich Mosemmel, bedeutend forscher im Ton; »es war tadellos!«
Und es ging noch am selben Abend ein Gesumme in der Stadt, das Konzert sei herrlich gewesen. Und noch am selben Abend erwogen zwei Männer, ob sie nicht am besten Selbstmord verübten: Cyrill und der Dachdecker. Der Apotheker nahm es fast ebenso tragisch wie diese beiden; er betrank sich im Giftgadern ganz unverünftig. Liesel Tilgner flennte sich halbtot, einmal, weil der Tenor in seinem Unglück über das schlecht besuchte Konzert fast gar nicht mit ihr gesprochen hatte, und dann, weil ihr Vater, der Kirchenchordirigent, der noch immer gegen ihre Beteiligung am Quartett war, gesagt hatte, der »Reinfall« wäre eine gerechte Strafe für ihren kindlichen Ungehorsam. Ach Gott, es ist auch schwer, als »Kind« von einunddreißig Jahren immer noch ganz gehorsam zu sein.
Nur Sabinchen aß nach dem Konzert noch einmal tüchtig zu Abend, lutschte eine Tüte Bonbons aus und schlief dann selig, das wunderschöne Köpfchen auf den molligen Arm geschmiegt.
* * * * *
In Altenroda gab es eine Sensation.
Das Stadtblatt brachte folgenden Artikel:
»~Kunst im Winkel.~ Ach, ich alter Knabe! Ich habe geglaubt, im Musikleben Bescheid zu wissen. Ich habe in Berlin, in Rom, in Paris, in München mich bemüht, einen Blick hinter den Schleier der Musik der bezauberndsten aller Göttinnen, zu tun, in ihr ewig schönes Gesicht zu schauen. Und dann habe ich so ziemlich alles, was auf Erden an Bedeutung singt, geigt, orgelt, flötet, klavierspielt, opert, operettelt und Laute zupft, gehört. Ich war in einem Jahre bei zweihundertundzwei Musikabenden. (Beileidsbesuche und Kranzspenden dankend verbeten!) Ich hätte geschworen, daß ich nie, nie mehr ganz freiwillig in ein Konzert gehen würde, sondern nur, wenn es höhere Pflicht erheischt: Kritikerpflicht oder die Pflicht, einem Großen in der Musik zu huldigen, indem man sich demütig zu seinen Füßen setzt. Kleinstadtkunst, das war für mich so etwas wie Gurkenbau in Liegnitz, Schnupftabakfabrikation in Ratibor, Stoffweberei in Cottbus. Alles sehr brav, alles sehr brauchbar, ja unentbehrlich, aber mich ging's nichts an, hatte mit ›Kunst‹ nichts zu tun. Kleinstadtkunst ging mich noch weniger an als die vielen Dilettantenstümpereien in den Großstädten, die nichts sind als Legierungen von Schwärmerei und Eitelkeit und vielleicht ein bißchen Sehnsucht.
Ach, ich alter Knabe, ich alter musikalischer Globetrotter! Da bin ich in einem entzückenden Erdenwinkel zur Winterfrische, habe wegen Talentlosigkeit meiner Bauchmuskeln das Skifahren aufgegeben und mich nur auf das Rodeln beschränkt, mußte mal kurz verreisen, las, wie schon vorher tausendundeinmal, also zum tausendzweitenmal den Fahrplan falsch und blieb also in Altenroda fünf Stunden lang ohne Weiteranschluß sitzen. Ein Einheimischer kann sicherlich in Altenroda fünfzig Jahre lang zufrieden und selig sein; aber was soll ein großstädtischer Fremdling mit fünf Stunden in Altenroda anfangen? Alle Ehre der Konditorei unter den Lauben und dem Hotel zum ›Löwen‹, sowie den dort ausliegenden Lesezirkelheften -- aber ach, fünf Stunden sind halt grausam lang.
Kurz und gut, ich sah ein Plakat: ›Quartett Altenroda. Konzert.‹ Ich las das Plakat aus lauter Langerweile. Und ich fiel in einen Abgrund von Erstaunen. Das war ein Programm, würdig eines Konzertraums, dessen Vorbedingung aparter Geschmack ist. Wo in aller guter und böser Geister Namen kam ein Mensch nach Altenroda, der ein solches Programm aufstellen konnte? Und wenn nun schon einer war, der solchen Geschmack hatte, wie konnte er die Kräfte zusammen bekommen, solch ein Programm auszuführen? Es mußte doch greulicher Unfug dabei herauskommen.
Ich ging hin. Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen. Ich war -- pünktlich, wie es sich geziemt -- fünfzehn Minuten vor acht da. Ein leerer Raum. Einige Jünglinge und Jungfrauen an den Wänden. Mir wurde bange wie einem Einsamen in der Wüste.
Und nun sangen vier Leute; ein blasser junger Mann dirigierte. Zwei Damen-, zwei Herrenstimmen. Eine kritische Würdigung des Konzerts will ich nicht geben, nicht etwa, wie man mancherorten sagen würde, eine ›Rezension‹ schreiben; ich will nur als eines meiner seltsamsten Lebensereignisse berichten, daß ich in einer deutschen Kleinstadt eine Kunstgabe fand, die mich in Erstaunen setzte. Glückliches Deutschland, wenn selbst in deine fernsten Täler solcher Kunsteifer und solche Kunstreife gedrungen sind! Der Tenor des Quartetts hat prachtvolles, wenn auch noch nicht zu voller Edelreife gediehenes Material. Die anderen leisten (auch von strengem Gesichtspunkt aus beurteilt) höchst Achtbares. Alle sprechen richtig, alle atmen richtig, alle singen richtig. Der Dirigent ist ein famoser Mann, und ich segne mein Mißgeschick, das mich in Altenroda fünf Stunden aufhielt.«
Dieser Artikel, der im Altenrodaer Stadtblatt erschien, war von einem der gefeiertsten und gefürchtetsten Kritiker der Hauptstadt unterzeichnet.
Jedermann, der behauptet, daß Rezensenten gemeingefährliche Subjekte sind, hat recht. Cyrill Dietrich kriegte einen Weinkrampf vor Jubel, als er den Artikel las. August Stumpe, der ein zerschlätertes Winterdach ausbessern sollte, saß mit dem Zeitungsblatt in eisiger Höhe, wäre beinahe erfroren und tat gar nichts, weder zur Ausbesserung des Daches noch seines Seelenzustandes. Der Apotheker betrank sich drei Tage und drei Nächte lang vor Freude, und nur Sabinchen heulte, und zwar wegen der plötzlich ausgebrochenen Trunksucht ihres lieben Papas.
Daß aber der Artikel der kritischen Großstadtkoryphäe in dem Altenroder Stadtblatt Aufnahme gefunden hatte, erklärte sich einfach daraus, daß der Verleger des Stadtblattes die Bedeutung jener Koryphäe kannte. Er war auf einige großstädtische Zeitungen abonniert. Und wenn er jetzt eine Abonnentenreklame für sein Stadtblatt losließ, vergaß er nie zu bemerken: Mitarbeiter u. a. Herr +Dr. X.+, der gefeierte Musikkritiker erster Weltblätter.
* * * * *
Es ging schon auf den Frühling zu. Im Winter blüht das Geschäft der Dachdecker nicht. Über ein paar Notaufträge, wenn gerade das Schneegestöber schon ins Haus dringt oder sich der Nordwind einen gar zu groben Spaß erlaubt hat, kommt es nicht hinaus. So hatte August Stumpe viel Zeit zum Studium, und es wurde auch jede freie Stunde sorglich genützt. Cyrill war ein unermüdlicher Lehrer. Es war diesem durch und durch musikalischen Manne ein Herzensglück, ein so starkes Talent, wie das des Dachdeckers war, zu immer größerer Reife zu führen. Schon lange waren sie über bescheidene Rollen aus Spielopern wie »Freischütz« und »Waffenschmied« hinaus. Schon waren sie bei Wagner angelangt. Als Cyrill das erstemal zu seinem Schüler über Wagner sprach, stand er vor ihm wie ein begeisterter Priester, und als er ihm die Wonnen und Wunder des »Lohengrin« erschloß, seufzte der Dachdecker und sagte: »Das ist Musik aus dem Paradiese.«
Eines Tages fuhren die beiden miteinander nach der Hauptstadt. Im Wartesaal zu Altenroda trafen sie sich.
»Ich habe einstweilen die beiden Fahrkarten gekauft,« sagte Cyrill.
»Ich auch!« sagte der Dachdecker.
Cyrill hatte dritter, der Dachdecker hatte zweiter Klasse gelöst. Schließlich legten sie die vier Karten zusammen, fuhren erster und waren schön allein im Abteil. Der Dachdecker schämte sich halb zu Tode in dem feinen Raume und wünschte nur, daß keine anderen Menschen einsteigen möchten.
Cyrill lächelte wehmütig.
»Sie werden bald immer erster Klasse fahren,« sagte er. »Wenn Sie erst ein Bühnenstern sind! Und ich werde immer dritter Klasse fahren. Ich glaube, ich bin selbst dritter Klasse.«
Dagegen erhob der Dachdecker leidenschaftlichen Protest; aber Cyrill wehrte ab und sagte:
»Lassen Sie es gut sein. Nicht jeder kann ganz vorne stehn. Es genügt schon, wenn er dabei ist. Heute abend im Opernhaus nehmen wir uns ganz gute Plätze. Wohnen können wir ja in einem kleinen Vorstadthotel.«
Sie saßen in einer Loge des Opernhauses.
Lohengrin.
Das silberne Singen der Geigen mit dem Gralsmotiv setzte ein; die Ouvertüre wogte vorüber, der Vorhang hob sich, und ein schönes Bühnenbild zeigte König Heinrich mit den Männern von Brabant am Ufer der Schelde.
Der Dachdecker preßte seine Hand auf Cyrills Knie, als müsse er sich festhalten. So selig erschrocken wie er schaute einst Moses ins Gelobte Land.
Als die Lichtgestalt Lohengrins auftauchte, diese Gestalt, die aus Glanz und Wonnen kommt, ganz Schönheit, ganz Reinheit, ganz Heldenkraft, ganz wundersamste Jugend, rannen dem armen Dachdecker unaufhaltsam die Tränen über die Wangen, das Herz pochte ihm in Seligkeit; alle Glocken klangen, alle Engel sangen; tausend Melodien strömten ihm zu: Du bist glücklich, du bist selig, du bist im Himmel!
Aber als der Vorhang gefallen war, saß der Dachdecker stumm und mit bleichem Gesichte auf seinem Stuhle.
Die Leute gingen nach dem Vorraume.
»Wollen wir nicht auch hinausgehen?« fragte Cyrill.
Der Dachdecker schüttelte den Kopf. Wie konnte man aus diesem Himmel hinausgehen? Aber er war so todblaß und stierte so eigentümlich mit den Augen, daß Cyrill fragte:
»Was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?«
»Ach,« sagte der Dachdecker, »ach, ich erbärmlicher Kerl! So etwas werde ich niemals können. Der Lohengrin ist wie ein Gott!«
Cyrill schwieg. Er dachte: Ganz gut, wenn du die Größe und Schwierigkeit deiner Aufgabe erfassest. Im übrigen ist noch jeder, der wirklich etwas kann, nicht einmal, sondern hundertmal an sich verzweifelt. Nur die Stümper sind selbstsicher.
Im zweiten Akte, nach Elsas süßen Nachtgesängen, faßte sich der Dachdecker am Hals und flüsterte Cyrill angsterfüllt zu:
»Mir wird übel!«
Cyrill sah mit einem Blick, daß die Sachlage hier bedrohlich wurde, faßte August an der Hand und führte ihn hinaus. Unwillige Blicke folgten den Störern, und Elsa sang unten auf der Bühne: »Es gibt ein Glück, das ohne Reu,« ohne zu ahnen, daß da oben ein kunstbegeisterter Naturmensch diese Sentenz +ad absurdum+ führte.
August Stumpe mußte sich erbrechen. Kalter Schweiß perlte ihm auf dem Gesichte und auf den Händen.
»Na, hören Sie mal,« sagte Cyrill, der nur unwillig den Samariter spielte, »wenn Sie sich immer im Theater so aufregen wollen, dann taugen Sie freilich nichts für die Bühne.«
»Nein,« schöpfte August Luft, »nein, ich tauge nichts! Ich tauge rein gar nichts! Ich bin eine unnütze Kreatur! Ich bin ein dummer Mensch. Für mich gibt's nur eins -- weg von der Welt!«
»Blech!« sagte Cyrill zum Trost und sonst nichts. Dann führte er August an ein Büfett und labte ihn mit einer Flasche Selterswasser. Von drinnen drangen die Hochzeitshymnen des großen Kirchgangs. August strebte wieder hinein.
»Nicht um die Welt!« sagte Cyrill und hielt den Dachdecker zurück.
Da lehnte sich August Stumpe in seinem todjämmerlichen Zustande an eine Säule, und Cyrill stand neben ihm in dem leeren Restaurationsraum, und beide machten einen unvorteilhaften Eindruck.
Wie sie so dalehnten, kam ein kleiner dicker Herr mit einem Hornzwicker auf der Nase vorbei, musterte sie, blieb stehen, ging vorüber, blieb wieder stehen, guckte sich um und kam plötzlich heran.
»Also, da möchte ich doch wetten, Sie beide sind aus Altenroda.«
Cyrill und August erschraken, als ob sie entlarvte Verbrecher seien, und einer von beiden sagte: »Ja, ja, ja!«
»Habe ich Sie doch erkannt,« schmunzelte der alte Herr vergnügt. »Ja, mein Physiognomiengedächtnis! Also die Leute vom Quartett Altenroda. Sie der Dirigent, Sie der Tenorist! Weiß alles, weiß alles! War ja in Ihrem Konzert. Sind also da mal hergekommen in die Oper -- was? Und da ist Ihnen wohl schlecht geworden? Sehen ja ganz verdaddelt aus?«
»Ja,« sagte Cyrill, der den gewaltigen Musikkritiker von dazumal inzwischen erkannte oder wenigstens ahnte, »meinem Freunde wurde übel.«
»Er ist doch nicht Sänger von Beruf? Was ist er denn?«
»Dachdecker.«
»Dachdecker? So, so -- Dachdecker! So -- heidi -- ganz oben! Ganz oben, direkt am Kirchturmknopf! Dachdecker! Und singt! Und fährt mal in die Oper! Opfert Geld! Siebzehn Mark zweiter Klasse hin und her! Weiß ich! War ja doch in der Gegend. Siebzehn Mark! Und dann die sonstigen Spesen. In die Oper! In den ›Lohengrin‹! Und hört dann hier solches -- solches -- und wird ihm schlecht.«
Der kleine dicke Herr mit der Hornbrille nahm Cyrill etwas auf die Seite.
»Sagen Sie mal -- der Mann hat sich wohl direkt erbrochen? Das sieht man ihm doch an!«
»Ja,« sagte Cyrill, »es wurde ihm übel. Schon nach dem ersten Akt wurde ihm ganz benommen.«
»Hatte er denn vorher getrunken oder sich den Magen verdorben?«
»Durchaus nicht! An der Übelkeit ist nur die Oper schuld.«
Der Dicke funkelte Cyrill mit den Brillengläsern an.
»Die Oper! War denn -- dieser -- dieser Dachdecker schon öfter in der Oper?«
»Nein, es ist die erste, die er hört.«
Der Dicke rieb sich die Glatze.
»Das ist fabelhaft! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Sehen Sie, man müßte doch annehmen, auf eine so naive Haut, wie es ein Dachdecker aus Altenroda ist, müßte die erste Oper, die er hört, mächtigen Eindruck machen, sie müßte ihn begeistern. Aber nein! Wenn er ein musikalisches Talent ist (und das ist Ihr Dachdecker in ganz hervorragendem Maße), wenn er ein musikalisches Innenleben hat, wird ihm bei einer solch gottserbärmlichen Aufführung, wie die heutige ist, einfach schlecht. Er kotzt! Er verachtet die ganze Bande. Der ›Lohengrin‹, der heute hier auf Engagement zu singen die Verbrecherstirn hat, soll sich auf einen Misthof als Kikerikihahn vermieten. Ja, das soll er! Das schreibe ich morgen in meine Kritik. Als Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten! Selbst ein wirklich musikalischer Dachdecker aus Altenroda hat das herausempfunden.«
Auf diese Rede hin sagte Dietrich Cyrill weder »ja« noch »nein«. Er war zu erstaunt über diese Wendung der Dinge.
»Also,« fuhr der Dicke fort, »ich habe damals über Ihr Konzert an Ihr Stadtblatt einige Zeilen gerichtet. Es machte mir Spaß. Ich wollte auch den Spießern aus Altenroda, die Ihrem Konzert ferngeblieben waren, eines auswischen. Ich habe mich damals über Ihre Leistungen gewundert. Aber noch mehr wundere ich mich heute. Daß einem Naturkinde bei der ersten Oper, die es hört, schlecht wird, nur weil schlecht gesungen wird -- sehen Sie, das ist ein psychologisch rasend interessanter Fall. Das ist ein Testimonium so elementaren Schönheitswillens, daß ich erstaunt bin.«
Der Dicke ging nun zu dem Dachdecker, der mit einem weidlich dummen Gesicht immer noch an der Säule stand, und sagte:
»Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Übelkeit! Wundern Sie sich nicht, daß mir nicht auch übel geworden ist! Verachten Sie mich deswegen nicht! Ich bin abgehärtet bis aufs äußerste. Ich kann Seifenlauge vertragen, weil ich berufshalber tausendmal habe Seifenlauge schlucken müssen. Verstehen Sie das?«
August wußte nicht, was der ›Lohengrin‹ mit Seifenlauge zu tun habe, aber er nickte mit dem Kopf. Ihm war alles egal.
Nun war drinnen der zweite Akt zu Ende; die Leute strömten in den Restaurationsraum. Der kleine Dicke zog eine Visitenkarte aus der Tasche, überreichte sie Cyrill und sagte:
»Da ist meine Adresse! Es würde mich freuen, wenn Sie mich mit Ihrem Freunde morgen besuchten. Am besten zwischen elf und zwölf Uhr.«
Dann ging er.
Während des dritten Aktes saß August Stumpe wieder in seligen Schauern da. Es wurde ihm nicht mehr übel. Am Schluß nur, bei der Gralserzählung, rannen ihm heiße Tränen über die Wangen. Er klatschte keinen Beifall. Ganz still saß er noch, als die meisten Leute schon gegangen waren, und verließ als einer der letzten das Theater, Leuchten in den Augen und einen Schimmer von Verklärung auf dem Gesicht.
In einem kleinen Vorstadthotel hatten Cyrill und August ein gemeinsames Zimmer inne. Der Dachdecker saß auf seiner Bettkante und träumte. Cyrill störte ihn nicht.
»Wie ein Gott hat er gesungen -- wie ein Gott!«
Da meinte Cyrill:
»Lieber Freund, ich gebe Ihnen einen guten Rat; wenn wir morgen bei dem kleinen Doktor sein werden, sagen Sie kein Wort über die heutige Aufführung, kein einziges Wort!«
»Warum nicht?« fragte Stumpe.
»Weil es sich nicht ziemt, daß ein Anfänger in Gegenwart einer solch anerkannten Größe seine eigene kritische Meinung zum Besten gibt.«
»Das ist richtig!« sagte der Dachdecker. Nach einem Weilchen stand er auf.
»So hat er dagestanden!« sagte er in seliger Versunkenheit, »so die Augen ganz in die Ferne gerichtet nach Monsalvat, weit über alle Länder und Menschen hinweg. Und so hat er gesungen: ›Im fernen Land, unnahbar Euren Schritten, steht eine Burg, die Monsalvat genannt ...‹«
Und nun sang August Stumpe erst leise, dann mit immer vollerer Stimme die Gralserzählung, und Cyrill hörte ihm glückselig zu. Sein Schüler sang die Gralserzählung wirklich viel schöner als der Tenor auf der Bühne, und was den Dachdecker heut so begeistert hatte, war ja auch nicht die wenig hohe Kunst jenes Bühnentenors gewesen, sondern das Theater selbst, in das dieser begnadete Künstler als ein verbannter Königssohn zum erstenmal wie in eine Heimat gekommen war, in die er gehörte.
»Mein Vater Parsival trägt seine Krone, sein Ritter ich, bin Lohengrin genannt ...«
In einer Gloriole glühender Tonfarben sang der Dachdecker den Schluß der Gralserzählung.
»Ruhe dort drin! Die Herrschaften schlafen schon!«
Das war der Nachtportier.
»Nein!« brüllte ein Handlungsreisender, der im linken Nebenzimmer schlief, »er soll weitersingen. Der Mann singt großartig.«
Die Tür zum rechten Nebenzimmer öffnete sich; die Nachthaube einer alten Jungfer erschien, und eine Stimme flötete:
»O, Herr Portier, bitte, lassen Sie ihn weitersingen. Es ist himmlisch!«
»Nein,« sagte der grobe Portier, »es ist nicht himmlisch, sondern es ist Nacht. Die Leute wollen schlafen.«
Aus dem oberen Stockwerk rief einer grob die Treppe herunter:
»Was ist denn das für ein Radau da unten? Ruhe will ich!«
Das war August Stumpes erster Erfolg und Mißerfolg in der großen Stadt.
»Publikum!« sagte Cyrill. »Publikum!«
* * * * *
Am nächsten Vormittag zwischen elf und zwölf Uhr war August Stumpes Schicksalsstunde. Der kleine Doktor hatte die beiden mit den Worten empfangen:
»Über gestern wollen wir nicht mehr reden. Wir wollen in diese Stimmung nicht zurückfallen. Ich habe mir den Ärger in meiner Nachtkritik von der Leber heruntergeschrieben, und Ihnen ist, wie ich sehe, ja auch wieder besser.«
Er führte sie in ein schönes Musikzimmer.
»Sie sollen mir was erzählen,« sagte er; »von dem Musikleben in Altenroda sollen Sie mir was erzählen.«
Cyrill erzählte kurz und schlicht von der Gründung und Ausbildung des Quartetts.
»Wo und bei wem haben Sie studiert, Herr Dietrich?«
Cyrill gab Auskunft, und der Doktor brummte.
»Und da sitzen Sie in Altenroda? Was machen Sie denn da?«
»Ich warte auf eine Anstellung als Kapellmeister. Ich bin arm und muß bei meiner Tante wohnen, die meine einzige Verwandte ist. Einige Angebote habe ich gehabt; es waren aber so untergeordnete Institute, daß ich lieber in Altenroda weiter darbe. Ich habe auch eine Oper geschrieben.«
Der Doktor stand auf und unterbrach Cyrill.
»Oper geschrieben? Als Kapellmeister? Das ist nichts! Kapellmeister sollten nie Opern schreiben, Theaterdirektoren und Bühnenleute nie Dramen dichten. Wissen Sie, was das ist? Inzucht ist das! Kommen meist Wechselbälger heraus! Mache! Technik! Kulissenverwendung! Gebrauchsgegenstände +pro loco+! Nein! Ist nichts! Jeder bei seinem Fach! Ein General soll nicht zugleich Armeelieferant sein.«
Damit war Cyrill abgefertigt, und August Stumpe kam an die Reihe.
»Singen Sie mir was vor! Die Tonleiter!«
August Stumpe sang die Tonleiter auf do, re, mi ...
»Na weiter! In die zweite Etage! Noch mal von unten an!«
Stumpe sang zwei Tonleitern.
»Also,« sagte der Doktor, »das war in ›a‹. Nun versuchen Sie es mal einen halben Ton höher, in ›b‹«.
Als August Stumpe sofort das »b« richtig traf, unterbrach ihn der Doktor und sagte:
»Gut! Ich weiß Bescheid! Nun singen Sie mir noch irgend etwas aus einer Oper. Was möchten Sie sich wählen?«
»Die Gralserzählung!«
Darüber machte der Doktor ein saures Gesicht. Diese Wahl mißfiel ihm. Aber er sagte:
»Meinetwegen. Nach der Seifenlauge gestern ...«
Und er schlug den Klavierauszug zum »Lohengrin« auf. August Stumpe sang. Nicht ganz so in Verklärung und Entzückung wie gestern Abend, aber doch gut.
Am Schluß sagte der Doktor, dem hinter der Brille die Augen funkelten:
»Also -- das können Sie noch nicht. Selbstverständlich noch nicht. Aber in einem Jahre werden Sie es wahrscheinlich können. Nun, mein Lieber, das Dachdecken hört jetzt auf, und wenn es allen Bürgern in Altenroda in die Bude regnet. Und wenn in der Konditorei unter den Lauben der Kaffee verwässert, und wenn alle Journale im ›Löwen‹ verfaulen -- das Dachdecken hört auf! Absolut und sofort! In einem Monat sind Sie hier. Ich werde für einige Mäzene sorgen, die Ihren Unterhalt bestreiten und Ihnen die geeigneten Lehrer verschaffen. Alles andere findet sich dann für Sie von selbst.«
Nach einigen Abschiedsworten waren die beiden entlassen.
* * * * *
Sie saßen in einer kleinen Weinstube. August Stumpe hatte ein knallrotes Gesicht. Er hatte Fieber. Seine Lebensstraße war plötzlich von glühweißem Sonnenlicht übergossen. Das blendete ihn, der so lange im Schatten gelebt hatte. Völlig verwirrt war er. Er tastete nach Cyrills Hand; die war eiskalt. Cyrills Aussichten auf eigenes Glück waren vernichtet. Der kleine Doktor hatte ihn fallen lassen, und der bunte Vogel, den er gezüchtet und gepflegt, auf den er seine Hoffnungen gesetzt hatte, flog davon.
August Stumpe versuchte ein Gespräch herbeizuführen, es mißlang.
»Lassen Sie mich!« sagte Cyrill verstört, »ich muß mich erst darein finden!«
»In was müssen Sie sich finden?«
Cyrill gab keine Antwort. Er sank in die Sofaecke der kleinen Nische, in der sie saßen, und schloß die Augen. Ganz ruhig saß er. Nur die Brust zuckte manchmal in innerem Krampf.
Der Kellner legte leise ein paar Zeitungen hin. Der Dachdecker sah eine Weile bestürzt und verängstigt auf Cyrill, dann glaubte er, der schlafe, und er blätterte vorsichtig, um kein Geknittere zu verursachen, in einer Zeitung. Da fand er die Nachtkritik des Doktors über die »Lohengrin«-Aufführung.
»In einer kleinen Dingsda-Stadt lebt ein Dachdecker, der musikalisch ist und durch einen Zufall zu einer sachgemäßen musikalischen Ausbildung gekommen ist. Dieser Mann wandte seinen kargen, auf halsbrecherischem Höhengelände erworbenen Lohn an, um mal in unserer Oper den ›Lohengrin‹ zu hören. Der Unglückswurm geriet in die Aufführung, in der gestern Herr Edmund Tolschmusen auf Engagement als Lohengrin debutierte. Und dem musikalischen Dachdecker wurde schlecht. Man stelle sich vor: ein Dachdecker, ein reiner Tor, ein Hans Kuckindiewelt, einer, der auszog, um das selige Gruseln zu lernen, dem wurde schlecht, der mußte sich in die Retirade flüchten, weil Herr Edmund Tolschmusen so übererbärmlich sang, daß dem musikalischen Naivling die Magenwände rebellierten. Herr Edmund Tolschmusen soll mal nach Dingsda fahren und sich ein Konzert anhören, in dem der Dachdecker singt, damit er eine Ahnung kriegt, wie gesungen werden muß. Oder wenn er so viel Kunsteifer nicht aufbringt, soll er sich kurzerhand als Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten. Vielleicht zieht unser Herr Intendant, der ihn zum Probesingen einlud, als Hühnerwärter gleich mit. Fürs Krähen und Gackern interessiert er sich ja sicherlich.«
Großstädter sind an solche deutliche und witzige Kunstkritiken ja gewöhnt; aber dem Kleinstadtmann verschlug's den Atem.