Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein
Part 14
Mit entseeltem Gesicht starrte August Stumpe das Zeitungsblatt an. Er las die »Kritik« ein zweites und drittes Mal, spuckte, kratzte sich am Halse und an den Beinen und wurde nur immer verwirrter. Himmelangst wurde ihm; als sei er verhext, so kam er sich vor. Was war denn das? Was bedeutete denn das? Der Dachdecker war ja doch wohl er selbst? Aber wer war denn der Kikerikihahn?
Cyrill Dietrich erhob sich plötzlich.
»Also, lieber Stumpe, ich bin wieder bei mir. Ich hoffe, ich werde darüber hinwegkommen. Stoßen Sie mit mir an. Ich gratuliere Ihnen aufrichtig und herzlich. Ich freue mich, daß ich der Kunst einen solchen Jünger wie Sie habe zuführen können. Sie werden nun bald ganz im Lichten sein, und ich werde in Altenroda Klavierstunden geben müssen. Ich sagte es Ihnen schon gestern -- der eine erster, der andere dritter Klasse. Das ist nun mal so im Leben.«
Da faßte August Stumpe ein unsinniger Zorn, als ihm klar wurde, daß er aufsteigen, sein bisheriger Lehrer aber in der Tiefe bleiben solle. Er verschüttete sein Weinglas und sagte:
»Wissen Sie, was der Doktor ist? Ein Schuft! Wissen Sie, was er in seiner Zeitung geschrieben hat? Ich bin ein Tor, der Tenorist von gestern Abend ist ein Kikerikihahn. Und Sie läßt er sitzen! Und von mir sagt er, mir sei schlecht geworden, weil es im Theater so schlecht war; dabei ist mir schlecht geworden, weil es überaus herrlich war. Der Idiot! Ich gehe jetzt zu ihm und hau ihm eins in die Schnauze.«
Der zarte Cyrill bemühte sich ganz vergebens, den riesigen Dachdecker aufzuhalten. Der empörte Mann riß sich los und stürmte davon. Die Kellner wunderten sich sehr über diesen Gast.
Cyrill konnte nichts tun, als den Doktor telephonisch auf das vorbereiten, was ihm bevorstand. Ein kollerndes Lachen rollte Cyrillen durch den Telephonhörer als Antwort ins Ohr.
»Na, also, wenn er aufbricht, um einen Kritiker zu hauen, ist er ja doch der geborene Bühnenkünstler! Das ist eine neue Talentprobe. Lassen Sie ihn kommen! Und Sie, kommen Sie auch noch mal zu mir, Sie sind ja eigentlich der +spiritus rector+ von der ganzen Geschichte. Einer, der aus einer Dilettantensache so etwas machte, wie Ihr Quartett, der ist ja sicher ein Kapellmeister. Der muß intelligent und vor allem sehr fleißig sein. Fleißig -- das ist eine gute Eigenschaft für einen Kapellmeister. Nur das eine tun Sie sich selbst zu Gefallen: sagen Sie niemand, daß Sie eine Oper komponiert haben.«
Nach einer Stunde saßen Cyrill und August wieder zusammen.
August Stumpe hatte ein friedliches Gesicht.
»Na,« sagte er, »es war ganz nett. Gehauen haben wir uns nicht. Ich habe ihm bloß ordentlich meine Meinung gesagt, daß es gestern im Theater großartig war, und daß mir so schlecht geworden ist, weil es eben so großartig war. Und da hat der Doktor so gelacht, daß ich dachte, er erstickt. Aber dann hat er gesagt: ›Stumpe, Irren ist menschlich. Ich habe mich in Ihnen geirrt. Wenn Sie mir gestern abend das gesagt hätten, was Sie mir jetzt sagen, hätte ich Sie nie und nimmer eingeladen. Ich hielt Sie aber für ein psychologisches Monstrum. Stumpe, Sie sind kein Monstrum. Doch ein guter Sänger können Sie werden; das habe ich inzwischen festgestellt. Und so bleibt alles beim alten, und Ihren Meister Cyrill werde ich auch unterbringen. Ich hab' schon was für ihn in Aussicht.«
Schön wurde es in der kleinen Weinstube! Nachmittags um vier machten Cyrill und August Bruderschaft.
Darauf ging August Stumpe an einen Kellner heran, zerrte ihn am Ärmel in eine Ecke und sagte:
»Ach, verzeihen, Sie, Herr Nachbar, können Sie mir sagen, wieviel eigentlich so eine Flasche Champagner kostet?«
Der Kellner grinste.
»Das kommt auf die Marke an. Französischer Sekt etwa achtzehn Mark.«
»Warten Sie mal!« sagte August Stumpe, zog sein Portemonnaie heraus, zählte sein Geld, rechnete umständlich auf einem Zettel mit Bleistift etwas aus und sagte dann:
»Es langt! Bringen Sie eine!«
Der Kellner berichtete am Büfett, daß ein solch ländlicher Blödling, wie dieser Gast war, der den Sekt bestellte, noch in keiner Weinstube der Welt aufgetaucht sei. August und Cyrill aber saßen sich glückselig gegenüber, nannten sich du, hatten miteinander und durcheinander gesiegt. Und einmal bückte sich August schnell nieder und küßte dankbar Cyrills feine weiße Dirigentenhand.
* * * * *
Als die beiden nach Altenroda heimkamen, fand jeder auf seiner Stube eine gedruckte Mitteilung vor, die niederschmetternd war.
Der Apotheker zeigte die Verlobung seiner einzigen Tochter Sabine mit dem Provisor seiner Firma an.
Sie waren mit dem Abendzug spät eingetroffen. Nun kam eine trostlose Nacht. Jeder war einsam für sich mit seiner Verzweiflung. Jeder saß vor dem schrecklichen kleinen Blatt, das den Verlust des Liebsten auf der Welt kundtat; jeder hatte wildes Weh im Herzen; jeder war vom Himmel in die Hölle gefallen.
Was war der herrlichste Weg, der sich wie durch ein Wunder erschlossen hatte, wenn das selige Ziel, zu dem er führen sollte, für immer verschwand?
Das Naturkind, den Dachdecker, packte es am schlimmsten. Er dachte an nichts weiter, als daß es aus sei mit aller Lebenshoffnung, daß er nie mehr singen würde, daß er sterben müsse.
Gegen Mitternacht hielt es August nicht mehr aus in seiner Einsamkeit. Er wußte niemand, dem er sich anvertrauen konnte, als Cyrill. So verließ er das Haus, um, wenn es möglich wäre, noch zu Cyrill zu gelangen. Und August begegnete Cyrill auf der menschenleeren, nächtlichen Straße.
Sie erschraken vor einander.
»Ich wollte zu dir!«
»Und ich zu dir!«
Cyrill erkannte blitzschnell, wie es um den Dachdecker stand; der Natursohn ahnte von dem andern auch jetzt noch rein nichts. Er war nur von seinem eigenen Herzeleid überwältigt, fiel Cyrill um den Hals und begann laut zu schluchzen. Wie weichmütig war doch dieser starke junge Mann!
Cyrill stand steif und still. Wie ein Steinbild stand die feingliederige Gestalt, an die sich der weinende Riese lehnte.
»Komm mit mir!« sagte er erst nach einer ganzen Weile.
Sie gingen durch den Frühlingssturm. Wolken jagten über ihnen, löschten alte Sterne aus und enthüllten neue Sterne.
In Cyrills Stube saß der Dachdecker auf dem kleinen roten Plüschsofa. Er saß mit gefalteten Händen und sagte mit ernster Feierlichkeit in der Stimme:
»Cyrill, du bist mein Freund geworden. Dir allein kann ich mich anvertrauen. Ich kann nicht mehr leben. Ich kann es nicht ertragen, daß Sabine einem andern gehört. Ich muß sterben. Aber ich habe noch eine alte Mutter. Die ist fromm. Die würde es nicht überleben, wenn der Sohn so ein -- ein Selbstmörder wäre. Sie würde glauben, daß mich dann der liebe Gott auf ewig verwirft.«
Er machte eine Pause. Cyrill saß ihm schweigend und düster gegenüber.
»Ich habe die Sabine zu sehr geliebt,« fuhr der Dachdecker fort. »Ich habe die ganze Sache beim Quartett nur ihretwegen mitgemacht; ich habe auch bloß ihretwegen zur Oper gewollt. Das ist nun alles aus. Cyrill, du weißt, ich habe einen gefährlichen Beruf. Wenn du nun mal hörst, der August Stumpe ist abgestürzt, da weißt du Bescheid. Du sollst es wissen, sonst soll es niemand wissen, vor allen Dingen nicht meine Mutter. Aber eine soll es noch wissen -- Sabine! Der sollst du es einmal heimlich sagen. Sie soll wenigstens einmal eine halbe Stunde um mich leiden.«
Cyrill sagte auch jetzt noch nichts. Er setzte sich an sein altes Klavier und begann ganz leise zu spielen. Der Dachdecker lag lang auf dem Sofa. Was sich bei ihm in naturwüchsiger Heftigkeit entlud, ging in stiller Qual auch durch Cyrills Seele. Der spielte wohl eine Stunde und länger. Dann stand er auf. Er war sich seiner Dirigentenpflicht bewußt geworden. Er durfte nicht dulden, daß jener andere dort die schöne Symphonie seines Lebens umwarf und vernichtete. Er war wie jener in Irrnis und Wirrnis, aber er war der berufene Führer, der den andern befreien mußte.
Cyrill zog eine Schublade auf, nahm ein Notenblatt heraus und legte es vor August Stumpe hin.
»Da -- lies das!«
Der starrte erst geistesabwesend auf das Blatt. Als er aber den Namen Sabine sah, griff er gierig zu.
»Daß ich dich liebe ...« -- »Sabine gewidmet.«
Und er las den Text. Verwirrt fragte er.
»Was bedeutet das? Ist das Lied von dir?«
»Ja.«
»Und es ist auf Sabine gemacht? Dieses Liebeslied?«
»Ja.«
Der Dachdecker sprang auf.
»Dann hast du ja auch -- du auch ...«
Seine Augen glommen feindselig, seine Fäuste ballten sich. Cyrill stand ganz ruhig da.
»Ja, ich habe sie auch geliebt. Ebenso sehr wie du. Und bin nun ebenso um mein Glück betrogen wie du.«
»O Gott! -- O Gott!«
Der Dachdecker sank auf das Sofa zurück.
»Und -- und was wirst du tun?«
»Ich werde mir nicht das Leben nehmen. Ich habe eine andere Ansicht von dem, was ich noch im Leben zu tun habe, eine andere Ansicht von der Kunst als du. Gewiß, ich habe jenes Mädchen geliebt, aber ich liebe noch viel mehr die Musik. Der werde ich treu bleiben; die wird jetzt meine Braut sein. Die ist jeden Tag schön, jeden Tag lieb, jeden Tag tröstlich, jeden Tag die beste Gefährtin. Die wird nie alt.«
»Ja du -- ja du!« rief der Dachdecker leidenschaftlich. »Du bist ein großer, gelehrter Künstler. Ich bin ein Stümper, ein Anfänger. Außer dem, was ich von dir kann, kann ich nichts. Für mich ist's aus!«
»Für dich ist's nur aus, wenn du ein ganzer Narr bist! Du bist ein Anfänger. Aber in zwei Jahren wirst du schon an erster Stelle stehen und ich an einer zweiten oder dritten Stelle. Wer weiß, ob ich je eine erste Stelle erreiche. Aber selbst das, was ich bin und was ich kann, werfe ich nicht weg um das schöne Gesicht eines Mädchens.«
August Stumpe saß ganz still da. Nach einiger Zeit sagte er:
»Cyrill, du bist mein Freund, der einzige wahre Freund, den ich habe. Du bist hundertmal klüger als ich. Dir werde ich folgen.«
»Sieh,« sagte Cyrill, »wir sind wirklich Freunde. Als uns heute unerwartet dieses Unglück traf, lief einer zum andern in seiner Not. Und wir begegneten uns mitten in der stürmischen Frühlingsnacht. Das hat was zu bedeuten! Wir sollen beieinander bleiben.«
»Ja, das sollen wir,« rief August Stumpe. »Das sollen wir! Ich werde alles tun, was du willst!«
Da hatte die Dirigentenseele Cyrills eine zarte Freude über den gefügigen Sänger.
»Ich will ganz aufrichtig zu dir sein,« sagte Cyrill; »du warst mir anfangs auch nur ein Mittel zum Zweck. Ich erkannte deine Begabung und sagte mir, durch dich könne ich wohl selbst zu etwas kommen. Und so ist es ja auch geworden, wenn auch etwas anders, als ich es anfangs dachte. Wir sind uns auf dem Lebenswege begegnet, und ich glaube, es war für beide ein Glück. Und wenn es nun mit Sabine so ganz anders gekommen ist, als wir beide es wünschten -- jeder ganz für sich selbst -- so ist doch in dem Unglück das Glück, daß wir beide Freunde bleiben können.«
»Ja, richtig,« rief August Stumpe, »wenn ich die Sabine bekommen hätte, dann hätte ich ja dich wohl verloren. Und umgekehrt auch. Und das wäre schrecklich gewesen.«
»Ja,« sagte Cyrill, »und nun wollen wir beraten, was zu tun ist.«
* * * * *
Um vier Uhr früh ging der Dachdecker nach Hause und fing sofort an, seine Sachen zusammenzupacken. Um neun Uhr hoben die beiden Freunde ihre Sparkassenguthaben ab. Um zehn schickten beide einen Blumenstrauß mit einer kurzen Gratulation nach der Apotheke.
Gegen Abend verließen Cyrill Dietrich und August Stumpe Altenroda. Ein Bote brachte einen Brief in die Apotheke:
»Sehr geehrter Herr Apotheker!
Mein Freund August Stumpe hat Aussicht, bei der Oper anzukommen; ich werde wahrscheinlich eine Kapellmeisterstelle erhalten. Wenn Sie diesen Brief lesen, haben wir beide Altenroda bereits verlassen. Einen Abschiedsbesuch wollten wir nicht machen, um das Glück der jungen Braut nicht zu stören. Wir danken Ihnen für die in Ihrem Hause empfangene Gastfreundschaft und wünschen, daß es Ihnen gelingen möge, die durch unseren Fortzug im Quartett Altenroda leergewordenen Plätze neu zu besetzen.
Cyrill Dietrich.«
Über diesen Brief war sich der Apotheker noch nicht im klaren, als er in Zorn und Schmerz bereits die dritte Flasche Burgunder getrunken hatte.
Das Sabinchen lag im Bettchen und flennte. Es waren so nette Leute gewesen, der Cyrill und der Dachdecker. Und so schöne Musik hatten sie gemacht. Eigentlich waren sie netter als der Provisor, den sie bloß nahm, daß die Apotheke später nicht in fremde Hände kommen sollte. Jetzt würden die beiden berühmte Künstler werden in der großen Stadt. Und sie mußte in Altenroda versauern.
Sabinchen flennte.
Und über allem Flennen schlief sie ein, das herzige Köpfchen auf den molligen Arm geschmiegt.
Ein kleiner Gott saß auf dem Bettende. Er lächelte ein wenig spöttisch und wunderte sich gar nicht, als auch das Sabinchen im Schlaf plötzlich mit dem Flennen aufhörte und zu lächeln begann. Der kleine Gott wußte: jetzt träumt sie von dem schönen Brautkleide, das sie haben wird. Das ist ihr die Hauptsache. Und das hat sich doch gut gemacht, daß die keine Künstlerfrau geworden ist. Inzwischen trug der Schnellzug Cyrill Dietrich und den Tenoristen August Stumpe fort aus dem Musikleben Altenrodas ins Leben der großen Welt.
Der Schuldturm
Drei alte Mären
Es gäbe eine dicke Chronik, wenn einer die Geschichte des Schuldturmes von Altenroda aufzeichnete. Denn ob Altenroda auch immer nur eine geringe Stadt war, seine Bewohner waren allzeit ein helles Völklein: voll Biederkeit, aber manchmal, wenn des Teufels Stern regierte, auch voller Grausamkeit. Drei Stücklein sollen hier erzählt werden: das traurige Schicksal des Meisters Michael, die Geschichte vom törichten Kaspar und die Abenteuer des Köhlers vom Eulenwalde, der ein kurioser Mann war, aber doch auch seine bitteren Erfahrungen mit dem Altenrodaer Turme machte.
Das traurige Schicksal des Meisters Michael
Das war in rotgoldener Herbstzeit, am Tage Michaeli, als ein Wandersmann mit leichtem Ränzel den Ochsenkopf, der südlich die Stadt Altenroda überragt, herunter stieg und an der Wegbiege, wo das Bild des heiligen Michael steht, Halt machte. Von dort aus überschaut man die ganze Stadt, samt dem Eulenwalde, der grünen Aue und der Poststraße, die in die Ferne führt.
Der Wanderer, der aus dem Dunkel der Bäume trat, und plötzlich das schöne Bild vor sich sah, breitete die Arme aus, ein Beben lief über seine junge Gestalt, und die braunen Augen wurden feucht. Wohl öffneten sich auch die Lippen, sie brachten aber kein Wörtlein hervor. Hätten sie sprechen können, es wäre ein einziger Schrei gewesen: »Heimat! Liebe Heimat!« So sank der Jüngling ins Herbstgras, lehnte den hübschen Kopf an den Sockel des Heiligenbildes und sah in wortloser Seligkeit hinunter auf seine Vaterstadt.
Er war lange fort gewesen, über acht Jahre. Als er auszog in die Welt, war er ein zweiundzwanzigjähriger Jüngling, und jetzt war er ein Mann. Gestern war er dreißig Jahre alt geworden und heute war sein Tauf- und Namenstag: Michael. Am längsten war Michael drunten in der Stadt Nürnberg gewesen; dort hatte er alle Wunder geschaut, die von Malern und Zeichnern, Kupferstechern und Goldschmieden, Baumeistern und Gießern verrichtet worden waren. Und nun war Michael selbst ein Meister in der Kunst der Uhrmacherei geworden. Sein großes Uhrwerk, das er in dreijähriger Arbeit in Nürnberg geschaffen hatte, war von den dortigen Meistern mit höchstem Lobe bedacht und von der Volksmenge bestaunt worden; der Abt eines reichen Klosters hatte es für gutes Gold erworben, und es hatten sich nun allerhand mächtige und reiche Herren gefunden, die geneigt waren, den Meister Michael in ihre Dienste zu nehmen, sogar des Bayern Kurfürstliche Gnaden und der hochwürdigste Herr von Bamberg. Michael aber, dem das Geld des Abtes reich im Beutel läutete und dem etwas anderes noch viel schöner im Herzen klang, sagte den Herren ehrerbietigsten Dank und begehrte Urlaub, erst einmal in seine ferne Heimat zu reisen.
Da saß er nun bei der Bildsäule des Michael und sah hinunter auf die liebe Stadt, die ihm draußen in der Ferne tausendmal im Wachen und Schlafen erschienen war. Jetzt sah er sie wirklich vor sich, jetzt brauchte er nur ein paar hundert Sprünge zu machen, dann war er mitten drin in der Heimat.
Aber er blieb sitzen. Es war eine große Scheu in ihm; die Stimme war ihm so verschlagen, daß er jetzt denen drunten keinen rechten Gruß hätte sagen können.
Auf der Straße fährt der Postwagen mit seinem Gepäck. Das wird eher da sein als er; wird ihn wohl unten schon anmelden.
Verspätete Schwalben ziehen nach Süden. Wie können sie fortfliegen von Altenroda? Ist es nicht besser, hier zu frieren, als anderwärts in Sommer und Sonne zu sein? Eine warme, wonnige Stunde verrinnt noch.
Da -- wer kommt den Berg herauf -- wem geht er entgegen wie ein Taumelnder -- welch süßes Traumbild umfängt sein Blick?
»Elisabeth!«
Sie hängt leise weinend an seinem Halse, und er steht da und atmet schwer, und er schaut empor und sieht nichts als lauter Himmel.
Als er ihr ins Auge schaut, weiß er: Treue und Reinheit hat sie bewahrt durch acht lange Jahre.
»Ist es wahr?« fragt er endlich.
»Ja! Komm heim!«
* * * * *
Der Ruf von Michaels Meisterschaft war nach Altenroda gedrungen, und die Stadt war stolz darauf, daß einer ihrer Söhne sich in der großen Welt solchen Ruhm erworben hatte. So wurde nun Michael mit allen Ehren aufgenommen; jedermann wollte sein Freund und Gevatter sein, und der Tuchkaufmann Degener hörte auf, seiner Tochter Elisabeth zu zürnen, daß sie auf den fahrenden Gesellen acht Jahre gewartet hatte. Da des Mägdleins Truhe gefüllt und der Hausrat gerichtet war, wurde die Hochzeit schon einen Monat später mit viel Feierlichkeit und fröhlichem Gepränge und Gespiel begangen.
Eine Bedingung hatte der Schwieger für Einwilligung in so rasche Ehe jedoch gestellt. Er war Ratsherr, und also brachte er selbst an Meister Michael den Wunsch des Rates der Stadt, welcher folgender war:
»Michael, du bist ein großer Meister der Uhrmacherkunst. Du sollst für deine Vaterstadt eine Uhr erbauen, wie sie keine Stadt im ganzen Deutschen Reiche besitzt. Der Ruhm Altenrodas soll überall im Lande bekannt werden, und viele Fremde sollen kommen und deine Wunderuhr anstaunen. Nachdem die Bürger von Altenroda in harten Kämpfen mit den Ritter von Runkelstein diesen den Eulenwald und die grüne Aue wieder abgenommen haben, erfreut sich die Stadt solchen Wohlstandes, daß sie dich für deine Arbeit ebenso reich entlohnen kann, wie ein fürstlicher oder geistlicher Herr.«
Da sprach Meister Michael: »Ich hab' ein groß Werk im Kopfe. Wenn ich es mit der Gnade Gottes zu gutem Ende führe, wird eine Uhr entstehen, wie sie keine Stadt im Deutschen Reiche besitzt, ja nicht einmal der König von Spanien oder der Papst zu Rom. Und ich wüßte niemand, dem ich die Uhr lieber vergönnen würde, als der ehrenhaften Stadt Altenroda, die meine liebe Heimat ist.«
Als diese Worte bekannt wurden, war große Freude in Altenroda, und das Lob Meister Michaels war in aller Munde.
Sieben Jahre baute Michael an der Uhr. Er versenkte sich ganz in sein Werk, ging sehr selten unter Menschen, was ihm wohl den Ruf eines fleißigen Meisters, aber auch eines sonderbaren, wenn nicht gar hochmütigen Menschen einbrachte. Frau Elisabeth allein war seine stille Genossin. Sie hatte keine Kinder, aber sie war selbst wie ein stilles Kind, dessen Gegenwart auch dann den Meister nicht störte, wenn er tief im Grübeln war, wenn er rechnete, maß, zirkelte, probierte, wenn er mit kunstgeübter Hand Rädchen feilte, geheime Federn spannte oder Wellen einsetzte.
Nach sieben Jahren, just wieder am Michaelisfeste, war die Uhr fertig und in den Rathausturm eingebaut. Vier breite Abteilungen lagen übereinander. Die oberste und größte zeigte die Allmutter, die Sonne. Um die Sonne drehte sich die Erde und um die Erde der Mond. Und es waren nicht nur die Stunden und Minuten zu sehen, wie bei jeder Uhr, sondern auch Tag und Jahr waren verzeichnet und sollte selbst in einem Schaltjahr niemals ein Irrtum im Datum vorkommen. Sodann gab die Uhr die Mondviertel an und sollte auch in hundert Jahren noch alles damit stimmen. An der Umdrehung der Erde um die Sonne waren die vier Jahreszeiten zu erkennen und konnte jedermann deutlich sehen, in welchem Winkel die Sonnenstrahlen auf die Stadt Altenroda fielen, deren Platz auf dem Globus durch einen glitzernden Demantstein bezeichnet war.
In der zweiten Abteilung waren Licht und Nacht verkörpert als die Symbole von Gut und Böse. Im linken und rechten Seitenfelde lauerten Satanas und andere Geister der Finsternis. Öffnete sich aber am Morgen das Mitteltor, dann erschien Michael, der lichte Sieger des Himmels. Seine strahlenden Augen waren auf die Stadt gerichtet, deren Schutzpatron er war, auf silbernem Schilde standen mit goldener Schrift die Worte: »+Quis ut deus?+« Wer ist wie Gott? Sein Schwert war ein flammender Blitz. Wenn St. Michael erschien, schön wie der junge Tag, dann verkrochen sich Satanas und die andern Geister der Finsternis in die tiefsten Schatten. Um Mittag erschienen auf dem dritten Felde würdevoll einer nach dem andern die zwölf Apostel: Petrus mit den Schlüsseln des Himmelreiches, der greise, gebückte Andreas mit seinem Kreuze, Jakobus mit der Keule, der zarte Johannes, der Liebling des Herrn, und so die ganze Reihe durch, bis Judas mit dem Geldsack die heilige Reihe unheilig abschloß.
Auf dem untersten Felde kamen zur Abendzeit die heiligen drei Könige gegangen. Man sah ihnen an, daß ihr Weg ein weiter gewesen war. Müde ließen sich die Kamele am Halftergurt ziehen. Aber die drei Männer, die das Heil der Welt suchten, schauten gläubig und mutig gerade aus. Und siehe, ihr Ziel war nahe. Ein Stern senkte sich auf ein niederes, mit Stroh gedecktes Haus und blitzte golden auf. In das Strohhaus gingen die Weisen aus dem Morgenlande hinein. Der Stern aber leuchtete wie ein ewiges Lämplein die ganze Nacht. Damals sagten die Mütter von Altenroda, wenn die Kinder nicht schlafen wollten: »Pst! Am Rathaus hat das Christkindlein schon sein Licht angezündet!« Dann huschelten sich die Kleinen ins Bettchen und schliefen artig ein.
Zur Mitternacht aber, wenn die Sterne feierlich flimmerten oder auch, wenn der Sturmwind die Wolken jagte, erklang vom Turme die Weise eines Chorals, der in Altenroda damals gesungen wurde:
~Herr über Tag und Nacht, Herr über Schlaf und Wacht, Herr über Glück und Not, Herr über Leben und Tod, Herr über alle Zeit -- Preis dir in Ewigkeit!~
* * * * *
Als dieses Wunderwerk einer Uhr der Stadt übergeben wurde, geriet alles vom Bürgermeister und Ratsherrn an bis zum ärmsten Werkelmann und bis zum kleinen Jungen in einen Taumel von Freude. Vom frühen Morgen, als St. Michael erschien, bis über den Mittag der zwölf Apostel hinweg stand die Menge vor dem Rathause; sie stand noch, als die drei Weisen am Abend müde Einkehr hielten; sie wich nicht vom Platze, bis um Mitternacht der Choral ertönte:
~Herr über alle Zeit, Preis dir in Ewigkeit!~
Der Gesang brauste zum sternklaren Himmel, und es zeigte sich, welch gewaltiger Prediger ein wahrer Künstler sein kann; denn als die Uhr sang und als die Menschen sangen, da ging eine tiefe Erschütterung durch alle Seelen; Tränen flossen, Männer schluchzten; alles Niedere fiel ab vom Volke; Meister Michael hob die Herzen mit seinen Händen bis an den Himmel.
Freudentage folgten. Wie ein König ging Michael durch seine Heimatstadt, und neben ihm blühte als schlichte Blume Frau Elisabeth an seinem Wege.
* * * * *