Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein

Part 12

Chapter 123,634 wordsPublic domain

Und da geschah das Wunder. Ein Händler kam in Kerners Haus, ein Mann, der einen Korb mit allerlei ›Kurzsachen‹ feilbot: Tabaksdosen, Broschen, Kinderspielzeug. Er bot auch Kerner seine Waren an. Und da sieht der -- zum Herzstillbleiben ist es gewesen -- Eichendorffs Handschrift um eine Kinderklapper gewickelt.

›In einem kühlen Grunde ...‹

Ein Griff. Justinus Kerner hatte das Lied.

›Wo haben Sie dieses Papier her?‹ fragte er den Händler mit bebender Stimme.

Der Händler guckte sich das Blättlein an.

›Ach Gott,‹ sagte er, ›das fand ich auf einem blühenden Flachsfeld. Es war gutes Papier, auf einer Seite ganz unbeschrieben, und da brauchte ich es zum Einpacken.‹

Weit über eine deutsche Meile weg war das blühende Flachsfeld, auf das der Wind Eichendorffs unsterbliches Lied aus Kerners Wohnung getragen hatte!

Können Sie sich denken, wie Justinus Kerner vor Weh und Freude geweint hat, als er dieses Blättlein Papier wieder hatte? Ahnen Sie, was das ist um ein unwiederbringliches Heiligtum aus dem Tempel der Menschheit? An diesem einfachen Liede, das doch ein Diamant unsagbaren Wertes ist, haben sich arme Prinzessinnen, die an ungeliebte Prinzen verkuppelt wurden und einen Leutnant von der Schloßgarde liebten, berauscht; dieses Lied ist wie eine Mahnerin zum Ernst in Trinkgelage von Schlemmern hineingekommen; dieses Lied hat arme Wäschermädel in ganz weite Höhen geführt; einsame alte Junggesellen haben das Lied auf frostigen Buden gesungen; versonnene Bauernmädel am Brunnentrog haben es angestimmt in stiller Abendstunde; ein einsamer Wanderer auf mondbeschienener Landstraße hat es gesummt; ein alter Gelehrter nach langer Geistesarbeit ist an seinen Flügel geschlichen und hat mit müden Fingern die alte, liebe Weise noch einmal gespielt. Das Lied vom deutschen Walde, von der deutschen Mühle, von der Liebe, vom zerbrochenen Ringlein, vom Aufbäumen des verwundeten Herzens und vom Sterbenwollen. Sehen Sie, meine Zuhörer, der ganz große Geist, der Beethoven hieß, der hat seine unsterbliche neunte Symphonie geschrieben. Um den ganzen Erdball herum können Sie suchen, über der Erde und unter der Erde -- einen so großen Demantklotz finden Sie niemals mehr wie diese ›Neunte‹! Was will Beethoven in seiner Neunten sagen? Es war ein Mensch, der durch Schuld und Nichtschuld, kurz, durch sein Leben an allem verzweifelte. Dann suchte er Erlösung in wilder Lust. Er fand sie nicht. Er fand sie endlich erst in der reinen Freude Götterfunken. Eichendorffs kleines Lied führt nicht so weit -- es führt ins Sterbenwollen, aber doch auch durch die ganze Staffel des Liebens und Leidens hindurch. Ihnen, meine Zuhörer, will ich nur das eine einprägen: Ehrfurcht -- Ehrfurcht vor einem Kunstwerk, ob es eine Symphonie ist oder ein Volkslied.«

Als einige Tage später die Stimmen des Quartetts zum ersten Male zusammenklangen, hatte Cyrill Tränen der Freude in den Augen.

»So schön,« sagte er, »ist in Altenroda noch niemals gesungen worden ...«

Und auch hier kam die Liebe und mischte sich ins schöne Spiel. Wenn Cyrill seinen Unterricht gab, war er streng sachlich und hütete sich wohl, von seinen Gefühlen für das Sabinchen etwas zu verraten. Er wußte, daß er anfänglich auf der gefährlichen Bahn gewesen war, sich vor der Geliebten lächerlich zu machen, und daß nichts der Erfüllung heißer Liebessehnsucht so hinderlich ist, als sich in ein lächerliches Licht zu stellen.

So war Cyrill ein gewissenhafter, ja gestrenger Lehrer und sah auch dem Sabinchen keinen Fehler nach, wenngleich er bei seinen Korrekturen an ihr eine gewisse sanfte Zartheit nicht verbergen konnte, die er ja für den Dachdecker, den Apotheker und auch für Fräulein Liesel Tilgner nicht übrig hatte.

Zu Hause in seiner armseligen Stube aber litt Cyrill oft die größte Liebesnot und hatte Kummer aller Art. Von dem schmalen elterlichen Erbteil besaß er noch tausend Mark. Wenn die weg waren, stand er vor dem Nichts. Die Tante, seine einzige noch lebende Verwandte, bei der er wohnte, war selbst wenig bemittelt und außerdem äußerst geizig. Was sollte werden aus Cyrill? Der Dachdecker selbst war reicher als er; er hatte ihm einmal anvertraut, daß er ein kleines Erbteil und etwas Erspartes von zusammen dreitausend Mark besitze. Er hatte das wohl in der gutmütigen und doch für Cyrill demütigenden Absicht gesagt, ihm seine Hilfe anzubieten, wenn er mal in finanzieller Verlegenheit wäre. So sah wohl jedermann schon von weitem Cyrill den armen Hungerleider an.

Was sollte werden aus Cyrill? Nichts gelang. Er hatte weder eine Stelle als Kapellmeister bekommen, noch hatte sich ein Theater gefunden, das seine Oper aufführen wollte. Nur einige kurze Liedkompositionen hatte er bei Verlegern angebracht, diese aber auch nur gegen winziges Honorar. Aber Cyrill freute sich, wenn die vierseitigen Blätter herauskamen, die seinen Namen trugen und ein Kindlein seines Geistes bargen, und trug sie alle zu Sabine. Einmal gab Cyrill ein neues Lied heraus und hatte kühn auf das Titelblatt drucken lassen:

»~Sabine gewidmet~ ...«

Der Text des Liedes lautete:

~Daß ich Dich liebe ... Es wissen es alle Blumen der Au, Es weiß es die Dämmerung, die Nebelfrau, Die Vögel zwitschern's vom hohen Dach, Die Wellen im Bache schwatzen es nach, Der Hahn auf dem Kirchturm möchte es schrei'n Hoch in den blauen Himmel hinein; Im Walde tuschelt es Baum zu Baum, Die Bienen summen's am Wiesensaum; Bald wissen's wohl alle Leute der Stadt, Als ständ' es geschrieben im Wochenblatt; Es weiß es die Nacht und das Morgenlicht -- Nur Du weißt es nicht!~

Für dieses Lied hatte Cyrill bei seinem Verleger der »besseren Ausstattung« wegen auf jedes Honorar verzichtet, ja selbst zugezahlt. Und als nun die ersten Exemplare vor ihm auf dem Tische lagen, auf dem Titelblatt sein Name und der des geliebten Mädchens, umrahmt von roten Rosen, faßte ihn heiße Angst. Gewiß, Sabine brauchte den Text durchaus nicht auf sich zu beziehen; solche Liedtexte sind neutral, können dahin oder dorthin oder ganz ins Blaue gezielt sein, aber sie konnte das Lied auf sich beziehen und dann konnte sie sich kompromittiert fühlen. »Bald wissen es alle Leute der Stadt, als ständ' es geschrieben im Wochenblatt ...« dem Mädel mußte ja himmelangst werden, wenn sie das las. Und dann war es durch die Schuld seiner aufdringlichen Huldigung gewiß aus und vorbei mit aller Hoffnung. Cyrill telegraphierte an seinen Verleger, er ziehe das Lied aus dem Musikhandel zurück. Der Verleger antwortete: »Nur gegen Übernahme der ganzen Auflage. Dreiunddreißigeindrittel Prozent Rabatt vom Originalpreis. Fünf Exemplare bereits verkauft.«

So opferte Cyrill einen großen Teil seines bißchen Vermögens und hatte bald einige hundert gedruckte Lieder in seiner Wohnung aufgetürmt, für die er keine Verwendung besaß.

»Die Nacht wußte es und das Morgenlicht,« was Cyrill um Sabine litt. Hoffnungslos. Er, der arme Musiker, sie das einzige Kind eines reichen Mannes!

* * * * *

Und noch ein zweiter litt um Sabine: der Dachdecker. Was ist doch Frau Musika für eine arge Kupplerin. Wie geht sie mit leisen Hexenschritten um die Menschen herum, kreist sie ein, läßt sie aus überquellenden Tonbechern süßes Gift schlürfen, nach fremden Rhythmen atmen, in fremden Melodien fühlen. Wie kann sie zwei Menschen in alle Tiefen und Höhen führen, Geheimsprache reden vor tausend Ohren, unsichtbare Liebeslauben bauen vor tausend Augen. Wie kann sie streicheln und quälen, erheben und erniedrigen, werben und verderben.

Der schlichte Sohn des Volkes, der übermütige Bursch, war zum Träumer geworden. Wenn er auf einem hohen Dache saß, irrten seine Augen immer wieder über das Häusermeer dahin, wo auf dem Marktplatz neben dem Rathausturme das Apothekerhaus mit dem goldenen Kranich war. Dieses Haus war ihm zur wahren Heimat geworden. Das war licht und schön, anders als seine arme Handwerkerstube, und ein Engel von himmlischer Anmut lebte darin.

Oft saß der Dachdecker auf einem schwindeligen Platz in tiefen Gedanken. Manchmal, wenn die Glocken so feierlich klangen, weinte er. So viele Dächer, und keines das seine; aus so vielen Schornsteinen weißer Rauch, und sein eigen kein Herd, an den er ein geliebtes Weib führen konnte.

Von hohen Dachfirsten sah er über die Stadt hinweg ins freie Land hinaus. Straßen führten in weite Fernen. Er könnte wandern, könnte sich loslösen von seiner Pein. Aber er würde wohl rückwärts gehen, um immer noch die liebe Stadt zu sehen, und wenn ihr letztes Dach verschwände, würde er von Sehnsucht überwältigt nach Hause laufen. Was blieb dem armen Dachdecker anderes übrig, als eines Tages abzustürzen und »in Ausübung seines Berufes« ehrenvoll den Hals zu brechen!

* * * * *

Cyrill war eines Nachts auf einen Rettungsgedanken verfallen, auf einen Gedanken, den er allerdings früher schon einmal gehabt hatte. Er mußte August Stumpe ausbilden, mit diesem wirklich ganz außergewöhnlichen Gesangstalent eines Tages einem Opernhausdirektor unter die Nase fahren und so Stumpe als Sprungbrett für die eigene Kapellmeisterlaufbahn benutzen.

Cyrill war immer noch nicht ohne Hochmut. In Marienwerder war ihm eine Kapellmeisterstelle angeboten worden. Es war zum Lachen. Als ob er nach Marienwerder aussähe! Als ob Sabine je die Frau eines mit dreitausend Mark dotierten Kapellmeisters in Marienwerder werden würde. Abgesagt! Die Agentur schrieb ihm darauf, daß sie vorläufig für ihn nichts wisse.

Cyrill sagte Stumpe August einmal auf dem Heimwege unter ehrenwörtlicher Zusicherung absoluter Verschwiegenheit: er wolle ihn zum Opernsänger ausbilden und schon dafür sorgen, daß er im ersten Fach unterkomme. August Stumpe lachte erst blöde, dann sagte er, er habe nicht recht verstanden. Worauf Cyrill noch einmal seine Absicht aussprach. Darauf sagte der Dachdecker, Herr Cyrill möge entschuldigen, ihm sei nicht gut, es werde ihm so komisch. Und er ging beiseite und lehnte den Kopf an einen Zaun. Eine Hand preßte er aufs Herz und eine auf den Magen, und es würgte ihn zum Erbarmen.

»Brechen Sie nur! Brechen Sie nur!« riet Cyrill. »Sie sind der rechte Mann. Es packt Sie. Sie nehmen es ernst!«

Es war ein stilles Heldentum, das die beiden von nun an verrichteten. Alle Abende, die nicht dem »Quartett« gewidmet waren, saßen sie in Cyrills Stube, studierten und übten oft bis tief in die Nacht. Alle Sonntage waren dem eifrigsten Studium geweiht. Selbst nach den Quartettabenden nahm Cyrill den Dachdecker oft mit in seine Klause. Er lieh ihm Bücher. Selten hatte ein eifriger Lehrer einen so eifrigen Schüler.

Der ersehnte Preis all dieser Mühen war für beide der gleiche.

Sabine!

Die armen Burschen wußten es nicht und gewannen sich nach und nach lieb.

Hätten sie sich durchschaut, sie hätten sich gehaßt und gegenseitig zu verderben gesucht.

So wanderten sie beide dem selben Lichte zu und keiner sah von dem andern, daß er die gleiche Straße zog.

* * * * *

Anfang November wollte das Quartett sein erstes Konzert geben. Wenn aber ein Quartett ein Konzert geben will, muß es einen Namen, eine Firma haben, schon der Anschlagsäulen und der Zeitungsnotizen wegen.

Es wurde eine Beratung abgehalten. Wer je einer Beratung beigewohnt hat, in der ein neuer Name gefunden werden soll, weiß, daß das ein schwieriges Geschäft ist, ganz gleich, ob es sich um eine Gesangsvereinigung, um eine literarische Zeitschrift, um eine Aktiengesellschaft, um ein neues Insektenpulver oder um ein kleines, manchmal noch gar nicht geborenes Kind handelt. Namengebung ist immer schwer und verantwortlich.

»Ich bitte um Vorschläge,« sagte Cyrill; »ich selbst werde meine Meinung zuletzt sagen, um niemand zu beeinflussen. Bitte, Fräulein Tilgner!«

»Ich hatte mir gedacht,« sagte Fräulein Tilgner, »da wir doch vier sind -- im Quartett sind ja wohl immer vier -- also da könnten wir uns ›Quartett Jahreszeiten‹ nennen. Der ›Frühling‹ ist natürlich Sabinchen, ich selbst bin ja etwas älter und könnte als der ›Sommer‹ gelten; Herr Stumpe müßte den ›Herbst‹ darstellen, und der Herr Apotheker, wenn er so gut sein wollte, den ›Winter‹.«

»Danke!« sagte der Apotheker verdrossen; »so eisgrau bin ich noch nicht! Fünfundfünfzig bin ich! Und dann -- wieso Herr Stumpe mit sechsundzwanzig Jahren ›Herbst‹? Und wieso überhaupt vier? Sind wir nicht fünf? Zählt der Dirigent nicht mit? Der Name ist einfach unmöglich.«

»Bitte um Entschuldigung!« sagte Fräulein Tilgner kleinlaut und setzte sich.

»Nun Ihren Vorschlag, Fräulein Sabine,« forderte Cyrill auf.

»Ich hatte,« sagte das Sabinchen, »auch an die Zahl vier gedacht, und da wollte ich vorschlagen, wir nennen unser Quartett ›Kleeblatt‹. Es gibt ja übrigens auch fünfblättrige Kleeblätter.«

Der Apotheker erhob sich.

»Meine liebe Tochter, erstens sind Kleeblätter in erdrückender Majorität dreiblättrig. Vierblättrige sind eine Seltenheit, und es wäre arrogant, wenn wir uns als Seltenheit hinstellen wollten. Das würde eine boshafte Kritik sofort aufgreifen. Eine boshafte Kritik würde aber noch etwas anderes sofort aufgreifen; nämlich sie würde sagen: Kleeblatt? Wieso? Es liegt hier eine Beleidigung des Publikums vor. Denn wem werden Kleeblätter vorgesetzt? Doch nur Rindviechern! Der Name ›Kleeblatt‹ ist ganz unmöglich.«

»Nun, dann mache doch selbst einen Vorschlag, Papa!«

»Das will ich,« sagte der Papa. »Ich schlage vor, unser Quartett heißt: ›Der Wagen‹. Der Name berührt zunächst befremdend. Aber das soll er. Alles, was in der Welt zugkräftig sein soll, muß einen auffälligen Namen haben. Das weiß ich aus der Apotheke. Je verrückter der Name einer neuen Sache ist, desto besser geht sie. Und dann denken Sie doch an die berühmte Düsseldorfer Vereinigung ›Malkasten‹ oder an die Münchener ›Scharfrichter‹. Ist das nicht auch verrückt? Doch nun zur Sache! Ein Wagen hat vier Räder. Alle Räder müssen gleichen Takt halten, alle müssen dem gleichen Ziel zusteuern, dieselbe Straße ziehen, mal langsam, mal schnell, mal in anfeuerndem Tempo, mal nachlassend diminuendo. Und der Fünfte? Kein auch noch so verrohter Kritiker wird wagen, in einem blöden Witz zu behaupten, daß der Dirigent des ›Wagens‹ das Roß sei, das den Wagen zieht, sondern jedermann wird ihn als den Kutscher ansehen, der den Wagen lenkt. Das Publikum aber wird der ›Wagen‹ über Berg und Tal in grüne Waldeinsamkeit, an alte Burgen und in das Gewühl der Großstadt führen, kurz, der ›Wagen‹ wird ihm eine Reise durch alle Poesie des Lebens vermitteln.«

»Was sagen Sie zu dem Vorschlag des Herrn Apothekers, Herr Stumpe?«

»Ach,« sagte August Stumpe, »der Vorschlag ist an sich sehr geistreich. Nur, wir sind ein Musikverein, und ein Wagen macht keine gute Musik. Ein Wagen knarrt, und wenn er singt, quietscht er. Man könnte dann den Verein lieber ›Automobil‹ nennen, das hat auch vier Räder, und alles andere trifft auch zu, das von der Waldeinsamkeit und den Burgen und Städten, zu denen man hinfahren kann. Ein Wagen kann ferner nur wenig Leute über Berg und Tal führen; wir wollen aber vielen Menschen die ›Reise durch die Poesie‹ verschaffen. Darum sollten wir uns lieber ›Omnibus‹ heißen, der hat auch vier Räder.«

»Herr Stumpe, wollen Sie mich verhöhnen?«

»Gott bewahre, Herr Apotheker, ich sage nur meine Meinung.«

»Er sagt seine Meinung! Und er hat ein Recht dazu!« entschied Cyrill.

»Bitte, Herr Stumpe, was sagen Sie zu den Vorschlägen der beiden Damen?«

»Ja,« meinte Stumpe, »wir kommen ja nur mit der Wahrheit weiter. Es tut mir leid, aber die Vorschläge der beiden Damen waren kitschig. Am kitschigsten war der von Fräulein Sabine. ›Kleeblatt‹ nennt sich ein Backfischkränzchen, aber kein ernster Kunstverein.«

»Sie sind frech,« sagte Sabine gemütlich. »Pah!«

Cyrill war ganz blaß.

»Bitte, Herr Stumpe, nun machen Sie Ihren eigenen Vorschlag.«

»Ich schlage vor,« sagte August Stumpe, »daß wir auf allen Klimbim verzichten und unsere Vereinigung nennen: ›Quartett Cyrill Dietrich‹. Herr Cyrill Dietrich ist unser Lehrer, unser Führer; ohne ihn könnten wir nichts. Cyrill Dietrich ist ein schöner, wohlklingender Name. Der Name Cyrill Dietrich wird einer Vereinigung immer ein Ansporn sein, eifrig zu arbeiten, und dem Publikum immer eine Garantie, daß es etwas Gutes zu erwarten hat.«

Schweigen. Cyrill saß mit gesenktem Haupte da. Er war in tiefster Seele glücklich. Er hatte in diesem Augenblicke den Dachdecker August Stumpe von Herzen lieb. Nicht in der Hauptsache wegen der letzten über ihn selbst geäußerten Worte, obwohl Cyrill wie alle Künstler für Anerkennung überaus empfänglich war, sondern des Wahrheitsmutes wegen, mit dem Stumpe seine Meinung gesagt hatte, und vor allem, weil er sich so recht als begnadetes Gotteskind offenbarte. Wie kam ein Dachdecker zu solchem Geschmack, zu solcher Ausdrucksweise? Der Mann war, während er Cyrills Unterricht genoß, mit Siebenmeilenstiefeln gewandert. Ach, das naturgeborene Genie vor sich zu haben, was ist das doch für eine Wonne!

Nach einer Weile aber lehnte Cyrill den Vorschlag August Stumpes dennoch ab.

»Meine Damen und Herren! Bitte, binden Sie sich nicht an meinen Namen. Einst -- vielleicht sehr bald -- werde ich nicht mehr bei Ihnen sein. Ich werde dann nichts sein, als der zufällige erste Dirigent Ihres Quartetts, der noch dazu sehr kurze Zeit bei Ihnen tätig war. Mein Name ist kein Programm. Genehmigen Sie meinen eigenen Vorschlag: ›Quartett Altenroda‹. In dem schönen Namen Altenroda haben Sie alles, wofür Ihr Herz und Ihre Kehle singt, haben Sie die Heimat und alles, was Ihnen darin lieb und wert ist.«

Cyrills Vorschlag wurde angenommen.

* * * * *

Als August Stumpe nach diesem Abend im Bette lag, dachte er nicht wie sonst darüber nach, weshalb wohl ein ein Meter und fünfundsiebzig Zentimeter langer, kräftiger Mann zur Nachtruhe in einem Gestell zu liegen habe, das nur ein Meter und siebzig Zentimeter lang war, sondern er klagte sich in leidenschaftlichen Selbstvorwürfen an, daß er an Fräulein Sabines harmlosem Vorschlag eine so bissige Kritik verübt, daß er seinen Engel so böse gekränkt hatte. Immer wieder überdachte er die Situation; immer aufs neue schüttelte es ihn vor dem »Kleeblatt«-Vorschlag Sabinens, und immer aufs neue brannten dennoch alle Sehnsuchtsfeuer nach dem lieblichen Mädchen hin. Es war ein auf- und abwogendes Fieber, ein wildes Auf und Nieder. Ganz zuletzt aber dachte August Stumpe an Cyrill. Und im Gedanken an Cyrill schlief er ein. Ein kleiner kluger Gott saß auf der Kante der kleinen Bettstelle und lächelte. Wieder hatte einer die Liebe zur Kunst über die Liebe zum Weibe gestellt.

Auch Cyrill schlief schlecht. Auch er dachte an die Vorgänge des Abends. Und auch er quälte sich. Daß Sabine den »Kleeblatt«-Vorschlag gemacht hatte, grämte ihn noch im Bett, verursachte ihm sauren Geschmack im Munde. Aber was war sie denn? Ein Kind von kaum zwanzig Jahren. Ein liebes, wonniges Mädel. Was sollte man von ihr verlangen? Die Sehnsuchtsfeuer loderten. Aber dann glitten Cyrills Gedanken doch zu dem begnadeten Dachdecker hinüber, und er wurde ganz ruhig und schlief ein.

Und derselbe kleine kluge Gott, der auf Stumpes Bettstelle gehockt hatte, kam auf silberner Mondbahn zu Cyrill gefahren und besah sich lächelnd auch diesen Getreuen. --

Auch Fräulein Liesel Tilgner schlief nicht. Sie hatte sich heute in August Stumpe, als er so grob wurde, endgültig und rettungslos verliebt.

Selig schlief nur das Sabinchen, ihr herziges Köpfchen auf den molligen Arm gelegt. Sabinchen dachte an nichts Böses und an nichts Gutes -- sie dachte an gar nichts. Völlig ruhelos war der Apotheker. Er saß an seinem Schreibtisch und entwarf »Statuten« für das »Quartett Altenroda«.

* * * * *

Das »Quartett Altenroda« gab sein Konzert. In der Vorankündigung hieß es, das Programm würde einen Volkslied-Teil und einen Kunstlied-Teil enthalten, zur Umrahmung des Liederteils zwei Klaviervorträge, ausgeführt von Herrn Cyrill Dietrich, im ersten Teil Schubert, im zweiten Beethovens Letzte Sonate (+op.+ 111). Preise der Plätze drei Mark, zwei Mark, eine Mark; Stehplatz fünfzig Pfennige.

Bei der Aufführung waren eigentlich nur Stehplätzler anwesend, das Parkett war fast leer. Nur hie und da hockten mit trübseligem Gesicht ein paar verirrte Seelen. Sie fühlten sich äußerst unbehaglich in ihrer Einsamkeit. Die Sänger taten ihnen leid. An den Wänden aber klebte junges Volk: leise kicherndes hübsches Backfischgesindel und junge Männer im ehrenvollen Alter von sechzehn bis neunzehn Jahren, die alle gut gescheitelte Frisuren hatten und feierliche Gesichter machten.

»Was sollen wir tun?« fragte der Apotheker, als er den leeren Saal sah. »Diese Bande! O, diese Bande! Was sollen wir tun?«

»Singen!« antwortete Cyrill, düster und lakonisch.

»Aber doch nicht allein vor diesem jungen Rabattengemüse?«

»Doch!« sagte Cyrill noch um eine Silbe lakonischer, und der Fall war entschieden.

Schlag acht Uhr (das war der festgesetzte Beginn des Konzerts) machte Cyrill Dietrich seine Dirigentenverneigung vor dem Publikum und hielt eine kleine Ansprache:

»Meine Damen und Herren! Ich freue mich, daß insonderheit die Jugend Altenrodas unserer Einladung so zahlreich Folge geleistet hat. Ihr schöner, jung-seliger Idealismus hat Sie hierhergeführt. Nur wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Nur auf die Jugend baue ich meine Hoffnung, daß in Altenroda eine Besserung des Kunstgeschmacks eintreten kann. Ich heiße Sie herzlich willkommen und bitte Sie, auf den leergebliebenen Stühlen des Saales Platz zu nehmen.«

Hei, flog das hübsche Backfischgesindel in seinem jungseligen Idealismus auf die leeren Stühle. Die jungen Herren folgten in gemessenerem Tempo; einige aber blieben »ostentativ« an der Wand stehen. Sie wollten sich »nichts schenken« lassen; sie hätten ja, wenn sie es nur gewünscht hätten, sich leicht einen Talerplatz kaufen können. Sie hatten es aber nicht gewünscht. Sie standen lieber. Sie standen »prinzipiell«, standen »zum Vergnügen«. Und alle Welt ließ sie auch ruhig stehen.

Schlag acht Uhr wurde auf Cyrills Befehl auch die Kasse geschlossen. Zehn Minuten später aber, als der Kassierer noch mit den Aufräumungsarbeiten, insonderheit mit dem Verpacken von dreihundertfünfundsiebzig unverkauft gebliebenen Programmen beschäftigt war, erschien noch ein Sekretär mit seiner Frau und wünschte zwei Plätze.

»Bedaure,« sagte der Kassierer hochmütig; »die Kasse ist geschlossen.«

»Ist es denn so voll?« fragte der Sekretär verwundert.

»Das wohl nicht,« erwiderte der Kassierer; »aber was geschlossen ist, ist geschlossen. Das ist so bei vornehmen Konzerts.«

Das Konzert des »Quartetts Altenroda« war boykottiert worden. Die ganze sangesfreudige Stadt Altenroda war nun einmal in drei Lager eingeteilt, je nach der Zugehörigkeit zu einem der drei Gesangvereine; jedes Lager war bis zur Lächerlichkeit vereinsmeierisch und hielt auf strengste Disziplin. Parole war Parole. Wehe dem, der da nicht Stange hielt! Und hier bei Cyrills Konzert hieß in allen drei Vereinen die Parole: »Nicht hingehen!« Die »Harmonie« haßte Cyrill wegen seines Verhaltens im Harmonie-Konzert. Der Kirchenchor war neidisch auf Liesel Tilgner, die »wohl die Einzige sein wollte, die was könnte«. Der Verein »Frohsinn« hatte »seinen Freund und Ehrenmitglied« August Stumpe wider alle anderslautenden Zusagen eingebüßt; denn August Stumpe hatte sich seit langem dem Verein ferngehalten, nicht einmal an dem großen Schweineschlachtfest-Wettsingen hatte er sich beteiligt.

Also Parole: »Nicht hingehen!«

Die wenigen, die dennoch gekommen waren, es waren sechsundzwanzig, waren Außenseiter. Nur die »unreife Jugend« hatte sich davon, das neue Quartett zu hören, nicht abhalten lassen. »Weil es doch ein Feez ist,« hatte die blonde Käthe Birke zu dem Primaner Erich Mosemmel auf dem Hinwege gesagt.

Als das Konzert aus war, lungerte spazierengehend halb Altenroda in der Nähe des Konzertraumes auf Nachrichten, »wie es eigentlich gewesen sei«.