Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein

Part 11

Chapter 113,649 wordsPublic domain

Da bekam er eine zweite Ohrfeige.

»Schuft! In die Dachrinne? Und jetzt regnet's! Schreibe ich dafür Briefe?«

Fritz machte, daß er hinauskam. Der Apotheker tobte im Zimmer auf und ab. Nach einer Viertelstunde wurde die Tür aufgerissen, Fräulein Liesel Tilgner stürmte herein und fiel dem Apotheker jubelnd um den Hals.

»Ich freu' mich -- ich freu' mich -- ich freu' mich ...«

»Also Sie machen mit?« fragte der Apotheker befriedigt. »Was sagt denn der Herr Papa?«

»Ach der! Der hat es mir aufs strengste verboten. Also, wann gehen die Übungen an? Ich kann es kaum erwarten. In unserem Kirchenchor ist das ein greuliches Gequieke.«

»Allerdings!« sagte der Apotheker, indem er auf den Brief vergaß, den er erst vor einer Stunde abgeschickt hatte.

Am Nachmittag kam Cyrill. Er vergaß, den Hut abzunehmen, guckte sich nur geistesabwesend im Zimmer um, sah den Blüthner-Flügel, ging mit zitternden, ausgestreckten Armen auf das schöne Instrument los und spielte in seliger Selbstvergessenheit drei Stunden lang, ohne auch nur eine Pause zu machen und den Apotheker zu Worte kommen zu lassen. In der dritten Stunde wurde es dem langweilig, und er ging in den Giftgadern, um einen Schnaps zu trinken. An der Tür traf er seine Tochter Sabine. Diese sagte:

»Das ist ja ein greulicher Kerl. Paß auf, der zerhaut uns noch den Flügel.«

»Schweig!« sagte der Apotheker. »Musiker sind so!«

»Kopfschmerzen hab' ich schon,« schmollte Sabine. »Wenn der es jedesmal so macht, kann's ein schönes Quartett werden.«

»Schweig!« sagte der Vater abermals und trank einen zweiten Schnaps. Dann ging er seufzend nach dem Musikzimmer zurück.

Nach drei Stunden brach Cyrill das Spiel jäh ab.

»Haben Sie Notenpapier?« fuhr er den Apotheker an.

Nein, Notenpapier war nicht im Hause. Da suchte Cyrill verstört nach seinem Hute, fand ihn aber nicht, weil er ihn immer noch auf dem Kopfe hatte, und rannte davon. Der Apotheker sah ihm blöde nach. Vom Quartett war nicht die Rede gewesen ...

Am Abend dieses Tages kamen verdächtige Gestalten die Friedrichstraße herab, steuerten über den Marktplatz und stellten sich vor der Apotheke zum »Goldenen Kranich« auf: August Stumpe, der Tenorist, mit noch acht Mann aus dem Verein »Frohsinn«. Dem Apotheker, der sie kommen sah, lief es eiskalt über den Rücken. Jetzt kam wieder jener elende Schandgesang -- und dann war es mit der Hoffnung, den stimmbegabten Dachdecker für das Quartett einzufangen, vorbei. Das war also die hohnvolle Absage auf seine liebenswürdige Einladung. Bleich vor Ärger zog sich der Apotheker tief ins Zimmer zurück, um wenigstens am Fenster nicht gesehen zu werden. Doch, wie sollte er alsbald erstaunen!

»~Stüll ruht da Söö, Die Veeglein schlafähn ...~«

Mit schmetternden Stimmen und großer Begeisterung wurde das Lied gesungen. Und als die Sänger in der letzten Strophe in Donnertönen beteuert hatten, daß »auch du, auch du wirst schlafen gehn«, gingen sie noch lange nicht schlafen, sondern sangen: »Wenn ich den Wandra frage ...« und dann: »Ich kenn' ein'n hellen Ödelstein ...«

Man brachte dem Apotheker ein ernstgemeintes Ständchen. Das sah er beim dritten Liede ein, freute sich unbändig über das treue deutsche Herz, das sich da draußen vor seiner Haustür offenbarte, trat ans Fenster, öffnete es und klatschte stürmischen Beifall, als die Sänger geendet hatten. Aus jedem Fenster des Marktplatzes hing ein Menschenkopf heraus. Manche Leute klatschten, manche kicherten leise und hofften, daß doch noch die Apothekerhymne kommen würde. Aber sie kam nicht, sondern im Gegenteil:

»~Unsa Kaisa liebt die Blumen, Denn er hat ein samft Gemiet ...~«

Ein paar Hunde eilten herbei und sangen mit. Sie heulten zum Steinerweichen. Darüber faßte einen Bassisten der Zorn. Er ging hin, hieb den Bestien sein Liederbuch um die Ohren und vertrieb sie.

Nach dem schönen Waldmannschen Kornblumenliede trat ein Sänger an das Fenster heran und hielt folgende Ansprache:

»Geehrter, geschätzter Herr Apotheker! Indem wir ja eigentlich bis jetzt einige bedauerliche Differenzen hatten, sind wir gekommen, um Sie mit einem kleinen Ständchen zu beehren; denn wir haben uns gefreut, daß Sie in einem Briefe an unsern Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, unserem geschätzten Vereine Ihre Ehrfurcht ausgesprochen haben. Wir werden unseren Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, für Ihr Quartett gern zur Verfügung stellen und in Ihren Konzerten vollzählig erscheinen. Der Herr Apotheker lebe hoch -- hoch -- hoch!«

Die neun Männer brüllten, aus manchem Fenster wurde auch mitgebrüllt, und die Hunde, die sich in eine Seitengasse zurückgezogen hatten, bellten und heulten. Es war sehr eindrucksvoll.

Der Herr Apotheker erwiderte, daß er sich über das reizende Ständchen außerordentlich gefreut habe, und lud die Herren zu einem Gläschen Wein ins Haus. Die tranken nun im Giftgadern so reichlich, wie es der Gastfreundschaft des Wirtes und ihrem eigenen Appetite entsprach.

Der Laufbursche Fritz aber erlebte an diesem Abend noch ein schmerzliches Abenteuer. Der Apotheker hatte ihn als Eilboten zu Herrn Cyrill geschickt mit der Siegesnachricht: »Unser Quartett ist komplett!« Fritz kam ganz entgeistert zurück. Er sagte, Herr Cyrill hätte ihn erwürgen wollen, weil er ihn beim Komponieren gestört habe.

* * * * *

Am nächsten Abend sollte die Tätigkeit des neuen Quartetts durch den ersten Übungsabend eröffnet werden. Cyrill kam eine halbe Stunde zu spät, grüßte kurz und setzte sich sofort an den Blüthner-Flügel, allwo er mächtig zu präludieren anfing. Der Apotheker saß in Angst und Sorge da, weil er der drei Stunden von gestern gedachte. Er machte einige Versuche, an Herrn Cyrill heranzukommen, der wies ihn aber mit drohender Miene ab und versank immer tiefer in ein Meer von Akkorden, Passagen, Trillern, Stakkaten, Arpeggien und kontrapunktischen Wogengängen.

Nachdem Cyrill so dreiviertel Stunden lang gespielt hatte, nahm der Dachdecker seinen Hut, sagte dem Apotheker ins Ohr: »Ich habe keine Zeit mehr!« und drückte sich zur Tür hinaus. Der Apotheker versuchte vergebens, den Sänger am Jackenärmel zurückzuhalten. August Stumpe hatte »keine Zeit mehr«. Er ging Skat spielen. Der Apotheker war bleich vor Ärger.

»Unser Tenor ist fortgegangen!« sagte er laut.

Cyrill machte eine Pause.

»Wer ist fortgegangen?«

»Unser Tenor! Die Übung sollte um acht Uhr beginnen. Jetzt ist es halb zehn. Herr Stumpe ist ein fleißiger Handwerker, er muß sich seine Zeit genau einteilen; er hatte keine Zeit mehr zu warten.«

»So, so,« sagte Cyrill; »nun, wenn er keine Zeit hat, soll er doch ruhig gehen.«

Und er begann wieder zu spielen. Da brach jemand in ein schallendes Gelächter aus. Cyrill fuhr herum. Wer wagte es, in seiner Gegenwart so unverschämt zu lachen? Ach, er sah in ein blühendes, wonniges Mädchengesicht; er sah den Frühling, die Poesie, die Schönheit in Menschengestalt vor sich; er sah eine strahlende junge Göttin. Seine Blicke verfingen sich, seine Gedanken verwirrten sich, sein Herz stockte. Bleich saß er auf seinem Klaviersessel. Wieder einmal war aus heiterem Himmel jener Blitz gefallen, den die Menschen »Liebe auf den ersten Blick« nennen.

Endlich ermannte sich Cyrill. Er erhob sich und machte eine ganz demütige Verneigung.

»Ich habe leider bisher unterlassen, mich vorzustellen, meine Damen. Cyrill Dietrich! Ich bitte vielmals um Verzeihung. Wenn ich an die Musik komme, geschieht es mir wohl, daß ich Raum und Zeit vergesse. Ich durfte aber unmöglich Ihre Gegenwart vergessen. Ich bitte um Entschuldigung.«

Der Apotheker stellte die beiden Damen vor; die größere, etwas massige, war Liesel Tilgner, die kleine, zierliche, braune war Apothekers Sabinchen -- die junge Göttin.

»Schade, daß der Tenor fort ist,« sagte der Apotheker; »wir könnten sonst jetzt anfangen.«

»Wo ist er hin?« fragte Cyrill selbstvergessen. »Ist er dachdecken gegangen?«

Wieder lachte Sabinchen silbrig auf.

»O, Gott! Dachdecken in so finstrer Nacht!«

Der Apotheker sagte, er würde den Ausreißer schon finden und herbeischaffen. Und nun wurde Fritz, der Laufbursche, abermals ausgesandt, und zwar nach dem »Bleiernen Hecht« mit der Botschaft, Herr Stumpe möge kommen; es habe jetzt angefangen.

Nach einer Stunde kam Fritz mit einem kleinen Rausch, aber nicht mit dem Tenor zurück. Der Dachdecker und seine Spielkumpane hatten ihm Schnaps zu trinken gegeben und ließen sagen, zum Singen sei es heute zu spät.

Fritzen wurde für den nächsten Morgen eine Tracht Prügel in Aussicht gestellt, und er ging mit dem bekümmerten Gedanken schlafen, daß es ein hartes Ding um den Dienst der Kunst sei

Im Musikzimmer hatte sich Cyrill inzwischen zur »Prüfung der Stimmen« von dem Apotheker und Liesel Tilgner je ein Lied, von Sabinchen aber vier Lieder vorsingen lassen.

Nach dem vierten Liede sagte Sabinchen:

»Bei mir dauert es wohl am längsten, ehe Sie ein wenig Talent entdecken?«

Cyrill sah sie schmerzlich an.

»Mein gnädiges Fräulein, ich werde kein größeres Glück kennen, als Ihre goldige Stimme ausbilden zu dürfen. Es wird eine schöne Sache werden um unser Quartett. Wenn es den Herrschaften recht ist, beginnen wir morgen mit dem Unterricht pünktlich um acht Uhr.«

Der Apotheker staunte, daß Cyrill jetzt bereits eine ganze Reihe vernünftiger Sätze gesagt hatte, und freute sich.

»Die größte Überraschung werden Sie an August Stumpe erleben,« sagte der Apotheker. »Er ist zwar ein windiger Hund, aber an Stimmaterial ist er uns allen über.«

Am nächsten Abend trat Cyrill Schlag acht Uhr in das Musikzimmer. Er fand das Quartett vollzählig versammelt vor und ließ sich zunächst Herrn August Stumpe vorstellen und prüfte dessen Stimme. Stumpe wählte sich: »Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.« Als er geendet hatte, sagte Cyrill:

»Sie singen nicht -- Sie brüllen! Aber Sie brüllen schön! Sie brüllen ganz wunderbar!«

Dann begann der Unterricht.

»Zunächst,« sagte Cyrill, »müssen Sie stehen lernen.«

Die Mädchen kicherten.

»Ja, meine Damen,« fuhr Cyrill ernst fort, »stehen lernen! Sehen Sie mal, wie Herr Stumpe dasteht, wie er den Bauch vorstreckt.«

»Ich habe gar keinen Bauch; also kann ich ihn wohl auch nicht vorstrecken,« knurrte der Dachdecker mißmutig.

»Bitte keinen Widerspruch. Sie haben, wie alle homines sapientes, einen Bauch und strecken ihn vor. Außerdem stehen Sie da wie ein Rekrut in Grundstellung und präsentieren ihr Notenblatt wie ein Gewehr. Das wirkt häßlich und lächerlich. Stellen Sie abwechselnd mal den rechten und den linken Fuß etwas vor, haben Sie federnde Leichtigkeit in Füßen und Knieen, halten Sie die Arme anmutig und pressen Sie vor allen Dingen Ihren Adamsapfel nicht zu weit heraus. Auch lassen Sie sich die Haare gut schneiden, den Schnurrbart um drei Viertel verkürzen und putzen Sie alle Tage dreimal Ihre Zähne, früh, nach dem Mittagessen und vor allen Dingen vor dem Schlafengehen.«

Der Dachdecker sah sich nach seinem Hute um und wollte auf und davon. Doch der Apotheker faßte ihn am Arme und sagte:

»Hier muß alles deutlich und ohne Rückhalt zur Sprache kommen. Außerdem sind wir unter uns, und Lehrzeit ist keine Herrenzeit. Ich bitte, Herr Kapellmeister, mir immer die blanke Wahrheit zu sagen, alle meine Fehler rücksichtslos zu rügen.«

Dieser Aufforderung kam Cyrill augenblicklich nach.

»Sie, Herr Apotheker,« sagte er, »sind viel zu dick. Auf der Bühne wären Sie höchstens als Falstaff zu gebrauchen; für das Podium sind Sie unmöglich. Trachten Sie danach, sechzig Pfund abzunehmen.«

»Aber erlauben Sie,« unterbrach ihn der Apotheker denn doch verärgert. »Ich glaubte immer, Bassisten dürften ein gewisses Embonpoint haben.«

»Embonpoint wohl,« erwiderte Cyrill, »aber keinen Speckbauch. Ein Sänger hat ästhetisch zu wirken, und Speckbäuche sind unästhetisch.«

Der Dachdecker freute sich über das, was dem Apotheker widerfuhr, sah ein, daß der Kapellmeister unter den verschiedenen Gesellschaftsschichten, was seine Grobheit anlangte, keinen Unterschied machte, und beschloß, sich in Zukunft durch Kritik nicht mehr beleidigt zu fühlen.

Mit den Damen verfuhr Cyrill viel höflicher. Er empfahl ihnen, vor dem Spiegel ihre angeborene natürliche Anmut bis zur größten Wirkung zu steigern und sich möglichst immer individuell zu kleiden und zu frisieren, jedenfalls dabei aber auch dem Zeitgeschmack durch eifriges Studium der apartesten Modezeitschriften Rechnung zu tragen.

»Und nun, bitte, setzen Sie sich!«

Cyrill musterte die vier vor ihm Sitzenden und sagte: »Es kommt vor, daß man auf dem Podium auch mal sitzen muß, z. B. wenn man die Einzelnummer eines anderen abzuwarten hat. Wenn Sie, Herr Stumpe, dann mit so weit vorgestrecktem Gebein dasäßen wie eben jetzt, würden die Konzertbesucher der ersten Reihe befürchten, Sie wollten ihnen ins Gesicht treten.«

Der Dachdecker zog erschrocken seine Pedale ein und sah sich wieder nach seinem Hute um.

»Sie werden zunächst sprechen lernen,« fuhr Cyrill fort (ohne daß jemand lachte). »Erst muß man sprechen können, dann erst kann man singen lernen. Von hundert Sängern, die in Deutschland singen, kann nicht ein halber richtig sprechen. Ist es Ihnen schon aufgefallen, daß ein guter Schauspieler, der etwa bei einer Sterbeszene auf der Bühne im leisesten Flüstertone spricht oder singt, im vierten Stock oben auf der Galerie richtig verstanden wird, während einen sogenannten Volkssänger, der keine Ahnung vom Sprechen hat, oft die Nahesitzenden schon nicht verstehen, auch wenn er brüllt, daß ihm beinahe die Lungen platzen? Das macht die vorhandene oder fehlende Sprechtechnik. Wir fangen natürlich ganz von vorne an, mit der lautreinen Aussprache der Vokale: a, e, i, o, u. Herr Apotheker, sagen Sie ›a‹!«

Der Apotheker sagte »a«.

»Sagen Sie wiederholt ›a‹ hintereinander.«

Der Apotheker wurde rot, und auch der Dachdecker dachte sofort an die Apothekerhymne, die er ja so oft mitgesungen hatte.

»A--a--a--a--a,« sagte der Apotheker mit Todesverachtung.

»Nun sagen Sie wiederholt ›a‹, Herr Stumpe!«

Stumpe sagte: »A--a« und mußte sehr an sich halten, daß er nicht, wie gewohnt: »popo -- thethe -- kerker« dazusetzte.

»Nun, meine Herrschaften,« griff Cyrill wieder ein, »haben Sie ein ›a‹ gehört? Nicht ein richtiges ›a‹!« Der Herr Apotheker sagt ein Gemisch von ›a‹ und ›o‹, weil er die Zunge zu hoch wölbt, Herr Stumpe sagt ›ä‹, weil er den Mund zu breit macht und zu wenig öffnet. Bei beiden kommen die Vokale gequetscht aus der Kehle. O, diese Kehltöne -- dieses Gutturale! Wenn es möglich wäre, müßte man allen Gesangsschülern die Gurgel abschneiden, damit sie das Kehlsprechen verlieren, das der Tod allen Sprechens und Singens ist. Vorn an den Zähnen wird der Ton gebildet, nicht hinten, da, wo die Mandeln rötlich blühen.«

Die vier Gesangsschüler sahen beschämt und betroffen vor sich nieder, während Cyrill mit dem Fünfzackenkamm der rechten Hand seine Haarmähne durchharkte.

»Bitte, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹!«

Liesel Tilgner war ganz verängstigt und sagte:

»Ich kann es nicht!«

»Sehen Sie,« triumphierte Cyrill, »bisher haben Sie geglaubt, Sie seien eine Sängerin und könnten Gott weiß was für schwere Lieder singen, und nu können Sie nicht einmal ›a‹ sagen. Aber die Erkenntnis seiner Unzulänglichkeit ist der Kreuzpunkt, von da aus die Straße nach oben führt.«

Nach dieser Sokratischen Sentenz machte Cyrill eine Pause, damit alle Anwesenden über sein Wort nachdenken könnten. Dann wiederholte er:

»Und nun, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹.«

Liesel Tilgner sagte ›a‹.

»Es ist ›ä‹,« urteilte Cyrill düster; »›ä‹ wie bei Herrn Stumpe. -- Darf ich nun Sie bitten, Fräulein Sabine?«

Sabinchen lachte erst etwas geniert, dann sagte sie klar und deutlich ›a‹!

Cyrill klatschte in die Hände.

»Herrlich! Kristallklar! Direkt echt! Bühnenecht! O, bitte, Sie müssen in diesem Falle unser Vorbild sein. Vielen Dank, Fräulein Sabine! Und nun kommt das Experiment. Fräulein Sabine! Sie müssen also sozusagen unser Anschauungsmaterial sein. Bitte, stellen Sie sich dicht an den Kronleuchter. Und Sie, Herr Apotheker, kommen Sie her und schauen Sie Ihrem Fräulein Tochter in den Mund hinein, wenn sie ›a‹ sagt. Es kommt ganz auf die Lage der Zunge an und wie der Atem darüber hinweggeht, erst in zweiter Linie auf die Öffnung der Lippen. Geben Sie genau acht. Wer nicht ›a‹ sagen lernt, dem bleibt das ganze Alphabet der Gesangskunst verschlossen.«

Der Apotheker nahm vor seinem Töchterlein Aufstellung, guckte ihr dicht mit seinem Brillengläsern auf den Mund und sagte:

»Sprich ›a‹.«

Das Mädel lachte zuerst, dann sagte sie ›a‹.

Der Apotheker guckte und guckte, dann wandte er sich um und sagte:

»Ich seh nichts! Rein nichts! Wissen Sie, Herr Kapellmeister, wenn man mit so dickem Kopf vor so kleinem Schnabel steht, dann ist man sich selbst im Lichte. Der Kronleuchter nutzt dann gar nichts; es bleibt finster in der Höhle.«

»Das ist richtig!« sagte Cyrill und dachte nach.

»Machen Sie's doch!« sagte der Dachdecker dreist zu Cyrill. »Sie haben ja einen viel größeren Mund; da sieht man vielleicht eher etwas.«

Cyrill warf ihm als Antwort nur einen verächtlichen Blick zu und dachte weiter nach. Endlich verklärte sich seine Miene.

»Man bringe eine elektrische Taschenlampe,« sagte er.

Nach einigem Hin und Her wurde die Lampe herbeischafft. Sie stammte von dem Laufburschen Fritz und funktionierte wider alles Erwarten der Leute, die über Fritzens sonstige Ordnungsliebe eingeweiht waren.

»So,« sagte Cyrillus Triumphator; »ich möchte die Schwierigkeit sehen, die bei festem Willen nicht zu überwinden wäre. Also Fräulein Sabine, sagen Sie fortgesetzt ›a‹, und Herr Apotheker, schauen Sie Ihrem Fräulein Tochter in den Mund und achten Sie vor allem darauf, wie die Zunge liegt.«

Der Apotheker begab sich wieder auf Beobachterposten, Sabinchen sagte ›a‹, und Cyrill trat mit der elektrischen Taschenlampe heran und blitzte plötzlich auf.

Vater und Tochter fuhren zurück und rieben sich die Augen.

»Sie blenden einen ja!« rief der Apotheker und riß sich die Brille ab.

»Gott -- o Gott -- bin ich erschrocken!« seufzte das Sabinchen.

Cyrill stand mit seiner Lampe da als ein geschlagener Held.

Der Dachdecker faßte sich zuerst.

»Es wird nichts nützen,« sagte er, »wenn wir sehen sollen, wie Fräulein Sabine ›a‹ sagt, muß sie einige Leuchtkäfer kauen. Oder sie muß ein Feuerfresser werden.«

Der Dachdecker war ein dreister Mensch, der es mit der Kunst nicht ernst nahm. Das empfanden alle. Nur Sabinchen lachte über seinen Scherz.

Es ging noch lange mit dem »a« sagen, dann kamen »e« und »i« an die Reihe. Bei letzterem mußte der Mund unnatürlich breit gemacht werden.

»Das ›i‹ muß man sich gewissermaßen mit beiden Mundwinkeln in die eigenen Ohren hineinsagen,« lehrte Cyrill.

Die richtige Rundung beim »o« brachte Fräulein Liesel am besten heraus, und den Unterkiefer streckte beim »u« der Apotheker am besten vor.

Nach eineinhalb Stunden sagte Cyrill:

»Das wäre der Anfang. Die Übungen im lautreinen Sprechen der Vokale werden den Anfang jeder Unterrichtsstunde bilden. Es ist wie das Einmaleins beim Rechnen. Heute üben wir nur den flüssigen Konsonanten ›l‹ noch ein, damit Sie ihn in Verbindung mit den Vokalen auf die ersten fünf Töne der Tonleiter zu Hause üben können; also la, le, li, lo, lu -- lu, lo, li, le, la und umgekehrt al, el, il, ol, ul -- ul, ol, il, el, al.«

Es gab noch greuliche Mühen diesen Abend. Der Konsonant »l« hat es, was die Zungenhaltung anlangt, in sich, und daß er zwei Millimeter über der oberen Zahnreihe mit der Zungenspitze angesetzt werden muß, ist auch nicht so einfach, wenn man es bisher falsch gemacht hat.

Am Schlusse der Unterrichtsstunde sagte Cyrill:

»Nun noch eine kleine Aufgabe. Sprechen Sie: ›Rabe, Rebe, Robe‹ -- oder ›Aber, Eber, Ober‹! Es handelt sich um das Zungen-R.«

Es stellte sich heraus, daß nur der Dachdecker das Zungen-R hatte, alle anderen sprachen Gaumen-R.

»Nun, dieses vermaledeite Gaumen-R wird uns allein monatelang aufhalten,« seufzte Cyrill.

Der Apotheker lud alle Teilnehmer an dem Unterricht zum Abendbrot ein.

Der Einladung wurde gern entsprechen. Nur der Dachdecker sagte, er hätte keine Zeit mehr, und ging in den »Bleiernen Hecht«.

»Nun, wie war's?« fragten ihn dort seine Freunde.

»Feezig,« antwortete der Sängersmann. »Ich kann beinahe ›a‹ sagen.«

»Was habt ihr denn gesungen?«

»Gesungen? Ihr habt eine Ahnung! Singen werden wir, wenn wir werden richtig sprechen können. Und das wird vor Ablauf des fünfzehnten Unterrichtsjahres wohl nicht der Fall sein. Wißt ihr, was ihr seid -- stumm seid ihr! Nicht einen Buchstaben könnt ihr sprechen, geschweige ein Wort.«

Sie lachten, daß es dröhnte.

Der Dachdecker ließ sie lachen, war an diesem Abend beim Spiele nicht ganz bei der Sache und sang am nächsten Tage, als er das Dach des Rathauses ausbesserte, so beharrlich la, le, li, lo, lu und alle Umkehrungen dieser schönen Übung, daß das Sabinchen ans Fenster trat und ihm lachend zunickte. Alle anderen Leute aber meinten, der Dachdecker hätte den Sonnenstich bekommen, und man solle die Feuerwehr alarmieren und ihn herunterholen.

* * * * *

Es war fast jeden Abend Unterricht.

Man mußte es Herrn Cyrill lassen, daß er als Lehrer an Fleiß und Hingebung kaum übertroffen werden konnte. Alle vier Schüler erwiesen sich als über das Mittelmaß begabt. Der bei weitem Begabteste war der Dachdecker; er faßte alles spielend auf, und was ihm einmal korrigiert wurde, machte er nie wieder falsch. Er kleidete sich neuerdings gut, ging ordentlich frisiert und rasiert, hatte blitzblanke Zähne und benahm sich immer tadelloser. Wenn ihn der Apotheker einmal einlud, hatte er Zeit dazubleiben. Seine Freunde im »Hecht« freilich waren mit ihm höchst unzufrieden.

Die Lautbildungslehre ging weiter; die Schüler erfuhren, daß der schöne Name Hedwig nicht wie Het-wick ausgesprochen wird, sondern He-dwich, daß es nicht »daas Grapp«, sondern umgekehrt »daß Graab« heiße, nicht Entschuldijunk, sondern Entschuldi-gung mit der nasalen Verbindung von n und g, nicht selbstvastäntlich, sondern selbstverstän-dlich. Und so vieles andere, was damit zusammenhängt. Die Betonungslehre kam daran, schließlich die Tonfärbelehre, die schon ins Künstlerische hineinragt, und daneben gingen meist unter endlosen Solfeggien: do, re, mi, fa ... die eigentlichen Gesangsübungen.

Sämtliche Teilnehmer mußten musikalische Bücher lesen, auch Biographien von großen Musikern; es wurden drei Musikzeitschriften mitgehalten und vor allen Dingen auch die konzertkritischen Artikel aus den Tageszeitungen studiert und erläutert. Es wurde mit Feuereifer gearbeitet. Nach drei Monaten sagte Cyrill: »Zur Belohnung für Ihren Fleiß und Ihre Ausdauer wollen wir es jetzt mit dem ersten Quartett versuchen. Ich habe dafür das Volkslied: ›In einem kühlen Grunde‹ ausgewählt.«

Cyrill hielt eine Ansprache über dieses Lied. Er sprach mit großer Liebe und Verehrung von Eichendorff.

»Ein Heiligtum ist dieses Lied, ein Nationalschatz. Und doch, der Schatz wäre beinahe verloren gegangen. Eichendorff hatte das Lied aus göttlicher Eingebung heraus geschrieben und es von Königsberg nach Schwaben an seinen Freund Justinus Kerner gesandt. Der las das Gedicht, erkannte, daß er ein Juwel ohnegleichen in Händen hatte, und lief aus seinem Arbeitszimmer hinaus, um alle Hausgenossen zusammenzurufen, ihnen dieses Juwel zu zeigen. Als Justinus Kerner an seinen Schreibtisch zurückkehrte, war die Eichendorffsche Handschrift, die er dort zurückgelassen hatte, spurlos verschwunden. Das Zimmer wurde durchsucht. Umsonst. Das Fenster stand offen. Ein Luftzug mußte das kostbare Blatt entführt haben. Justinus war in Verzweiflung. Er wußte, daß Eichendorff keine Abschriften anfertigen ließ, daß das Juwel verloren war, wenn sich das Blättlein Papier, an das es gefesselt war, nicht wiederfand. Justinus Kerner ließ fünf Tage lang seinen Garten und das angrenzende Gelände absuchen. Das Blatt war verschwunden. Seinem Freunde Eichendorff den Verlust zu melden, wagte Kerner nicht.