Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein

Part 10

Chapter 103,635 wordsPublic domain

Der Zentner Kohle gilt eine Mark und zwanzig Pfennige. Die Bergleute werden immer frecher. Ein achtzehnjähriges Dienstmädel verlangt mir nichts dir nichts fünfzehn Mark pro Monat und jeden zweiten Sonntag frei; die Schullehrer wollen mit eintausendfünfhundert Mark Jahreseinkommen nicht mehr zufrieden sein. Ja, wohin soll denn das noch führen?

»Ach,« sagt der Apotheker, »wir sitzen in einem Schlaraffenlande; wir wissen's bloß nicht!«

»Sie vielleicht,« höhnte der Kaufmann Nerlich, der das größte Kolonialwarengeschäft in der Stadt hat. »Wissen Sie, was ich im vorigen Jahre für Einkommensteuer hab' zahlen müssen? Vierundachtzig Mark! Wo soll man denn das hernehmen?«

»Aus der Kasse!« sagt Vater Speer pomadig.

Nerlich wird wild.

»Ja, Sie haben leicht in die Kasse zu greifen, wo Sie für den Kognak fünfzehn Pfennig und für die Zigarre zehn Pfennig nehmen. Was da bleibt! Und die Portion Mittagessen fünfundsiebzig Pfennig, hehe, feine Sache!«

»Ihnen geb' ich Rabatt,« sagt Vater Speer.

Wenn sich die Stimmung so zuspitzte, schrie der Apotheker allemal in die Apotheke hinaus:

»Zahntropfen!«

Die besänftigten nicht nur die Zähne, sondern auch die Gemüter. Aber nicht lange. Die Bürger von Altenroda lieben es zu streiten, eine Eigentümlichkeit, die man in deutschen Landen des öfteren antreffen kann. Es ging bald wieder los. Nerlich erhitzte sich aufs neue.

»Was das jetzt auch für eine Schlamperei mit der Eisenbahn ist! Gestern wollte ich meine Schwiegermutter abholen. Muß ich doch geschlagene acht Minuten auf dem Bahnhofe warten. Soviel hatte der Zug Verspätung! Ist das nicht unerhört?«

»Na,« sagte der Apotheker, »wenn sich die Schwiegermutter um acht Minuten verspätet hat, dann schreiben Sie doch an die Bahn einen Dankbrief.«

Nerlich trank sein »Gurgelwasser« aus.

»Schwiegermutter hin, Schwiegermutter her. Über solch ernste Sachen soll man nicht spotten. Ordnung muß sein im Lande! Ordnung! Und Recht und Billigkeit! Und das ist nicht mehr in Deutschland.«

Er stand auf, schüttelte die lederne Hand, die an der Decke hing, und verschwand.

Schweigen. Jeder grübelte, ob er nun in einer schlechten oder erträglichen Zeit lebe.

Der Apotheker und Vater Speer fanden das Leben anno 1913 »erträglich«.

Der Apotheker sagte zu mir:

»So, was man arme Leute nennt, das mag's bei Ihnen in der Großstadt geben, bei uns nicht. Hungern kennt hier keiner, Frieren auch nicht. Wär noch schöner! Luxus, na ja, das ist nicht, aber was sein muß, ist da! Bei uns kann jeder achtzig Jahre alt werden, wenn's ihm der Herrgott von Geburt aus mit in die Knochen gegeben hat, und wenn er seinen Lebensbrennstoff nicht selbst verliedert hat.«

Er ging zu einer riesigen Tonurne, die eine Ausgrabung war und die Asche eines Menschen enthielt, der vor zweitausend Jahren starb. Neben der Urne stand ein Grammophon. Von diesem ließ der Apotheker das Deutschlandlied spielen.

* * * * *

Eine kleine Welt ist Altenroda. Aber die ganze Welt ist klein; Paris und Berlin sind Nester wie Altenroda. Die größten Spießer sind unter denen, die das Spießertum verachten. Außer der Liebe ist nichts Großes auf der Welt. Es gibt keine großen Reiche, keine große Kunst, keine großen Männer. An solche Dinge glauben nur Knirpsgehirne. Selbst die Sonne ist nur ein Flimmerchen. Über ein paar kleine Differenzen, wie etwa zwischen Goethe und einem Stallknecht, sollte sich niemand aufregen; beide -- Goethe und der Stallknecht -- sind ganz klein, der eine ein bißchen kleiner als der andere.

Groß allein ist die Liebe, die der Odem Gottes ist. Sie läßt uns das Winzige groß sehen, so daß wir selbst ein Käferlein im Sonnenlichte mit seligem Entzücken zu betrachten vermögen und mit heimlichem Schaudern zusehen, wie ein gewaltiger Sperling ein Würmchen auffrißt, oder -- wie ein Reich durch ein anderes zugrunde gerichtet wird.

»Sie spintisieren!« sagt Vater Speer, da wir über den Marktplatz gehen. »Was ist los?«

Ich sage ihm etliches von dem, was ich eben gedacht habe.

Speer schüttelt den Kopf.

»Wegen der paar Zahntropfen braucht man ja nicht gleich auf solche Gedanken zu kommen.«

So sagt er und grüßt gleicherzeit devot nach dem Bürgersteige hinüber, wo der Herr Major daherschreitet, der Kommandeur des hier in Garnison liegenden zweiten Bataillons des xten Infanterieregiments, Feldmarschall Graf von Kunsewitz.

»Haben Sie gesehen, wie freundlich der Major gedankt hat?« fragte Vater Speer. Er strahlt. Das Offizier-Kasino ist in seinem »Löwen«. Es bringt zwar bei den Vorzugspreisen, die die Herren Offiziere genießen und bei den Ansprüchen, die sie machen, nicht viel ein. Aber die Ehre, man denke, die Ehre! Der Herr Major hat auf Speers Gruß nicht nur gedankt; er hat direkt mit dem Kopfe genickt. Das tut sonst beim Grüßen kein Offizier. Beim Militär nickt man nicht mit dem Kopfe. Das sah beinahe wie Vertraulichkeit aus. Vater Speer strahlt.

Es sind halt doch große Differenzen zwischen den einzelnen Menschen. Meine Gedanken von vorhin ... Nun, lassen wir es!

* * * * *

Was ist das?

Jemand kommt und sagt: es sei spät in der Nacht; das Schießen auf der Straße habe nun aufgehört; es sei Zeit, schlafen zu gehen; auch wäre der Ofen kalt geworden.

Schießen?

Ich habe nichts gehört.

Und Feuer im Ofen?

Eben hat sich Vater Speer mit einem bunten Schnupftuch den Schweiß von der Stirne gewischt.

Aha -- die täuschen sich; die denken, ich sei in Breslau, es sei Winter und Revolte.

Sie täuschen sich. Ich bin in Altenroda; es ist ein friedlicher Sommertag -- der 6. Juli 1913 -- mein vierzigster Geburtstag.

Vom Musikleben in Altenroda

In friedlicher Zeit, als die Menschen noch nicht so von politischen Ängsten und Leidenschaften zerrüttelt waren, hatten sie Muße, das Leben mit Behaglichkeit zu genießen und sich mit allerhand schönem oder vergnüglichem Nebenwerk das Dasein zu erheitern. Allenthalben blühten Liebhaberkünste, insonderheit wurde gern gesungen, und so war es auch in der Stadt Altenroda.

In dieser Stadt gab es drei Gesangvereine: einen vornehmen, einen weniger vornehmen und einen gar nicht vornehmen, alles hübsch geordnet nach Stand und Einkommen.

Singen konnten alle drei Vereine nicht; aber sie bildeten sich ein, daß sie es könnten. Ihr Publikum, das zumeist aus Verwandten und Bekannten bestand, klatschte Beifall, wenn sie ein Konzert gaben, und so war alles in schöner Ordnung.

Der Apotheker jener Stadt aber, der ein gewaltiger Bassist war und den »Schwarzen Walfisch zu Askalon« oder den »Grafen von Rüdesheim« so machtvoll vortragen konnte wie kaum ein anderer Mensch, warf sich auf die kritische Seite und störte, wie alle Kritiker, die künstlerische Ruhe und das Behagen der Sängerwelt. In dem vornehmsten Gesangvereine, dem er selbst angehörte, der »Harmonie«, krittelte der Apotheker ständig, war bei den Proben nie zufrieden und wollte immer alles anders »aufgefaßt« und bis zur Endlosigkeit wiederholt wissen. Dadurch machte er sich unbeliebt und wurde bei der Generalversammlung nicht mehr in den Vorstand gewählt, weshalb er aus dem Vereine ausschied und diesen der mächtigsten Grundsäule des Basses beraubte. Aber auch mit dem zweitvornehmsten Vereine, dem »Kirchenchor«, verfeindete sich der Apotheker. Als bei dem zwanzigsten Konzert, das er in diesem Vereine erlebte, abermals »Der Herr ist mein Hirt« und »Hebe deine Augen auf« auf dem Programm standen, gähnte der Apotheker bei einer Pianissimostelle so laut und schmerzlich, daß die ganze Zuhörerschaft in Lachen ausbrach, wodurch die feierliche Liedwirkung sehr beeinträchtigt wurde. Der Dirigent des Kirchenchores war so böse auf den Apotheker, daß er, als er sich bald darauf einen Finger beschädigte, mit der Eisenbahn nach einer Nachbarstadt fuhr, um dort ein Schächtelchen Salbe einzukaufen, da er den Apotheker nichts mehr verdienen lassen wollte.

Ganz und gar verschüttet aber hatte es der Apotheker mit dem dritten Gesangverein, welcher »Frohsinn« hieß. Er hatte öffentlich behauptet, dieser Verein müsse nicht »Frohsinn«, sondern »Verzweiflung« genannt werden; seine Mitglieder gehörten samt und sonders in die Korrektionsanstalt.

Einige Frohsinnsmänner, die über solche Kritik verdrossen waren, brachten darauf dem Apotheker fast allabendlich ein Ständchen, dessen Text nur eine einzige Zeile hatte: »Es war einmal ein Apotheker«, dessen Musik aber die Textworte fugenartig auseinanderzog, zum Beispiel: »A-a-po-po-the-the-ker-ker«. Der Apotheker war rasend über diese »Sauerei«, wie er es nannte, konnte es aber nicht hindern, daß sich immer wieder einige Mitglieder des »Frohsinns« vor seiner Haustür, über der als Firmenbild ein goldener Kranich war, aufstellten und im Liede beteuerten, daß einmal ein »A-a-po-po-the-the-ker-ker« war. Die Fuge über dieses eine Wort war ungefähr eine Viertelstunde lang, worauf die Sänger, wenn sie nach dem endlosen Gestammle das Wort »Apotheker« am Schluß doch glücklich und im Zusammenhange herausgebracht hatten, sich vor dem goldenen Kranich artig verneigten, gleich als hätte der Beifall gespendet, und ihrer Wege gingen.

Solche Dinge können ja einem Biedermanne und Kunstkenner das Leben verbittern ...

Seit einigen Wochen lebte in Altenroda ein junger Mann namens Cyrill Dietrich. Die Leute hielten ihn für überspannt. Schon seine Eltern mußten nicht ganz gescheut gewesen sein, sonst hätten sie ihn doch lieber Max oder Kurt oder auf sonst einen vernünftigen Namen, aber nicht Cyrill getauft. Cyrill war früher Postsekretär gewesen; aber er hatte -- wie sich der Apotheker im Bilde ausdrückte -- die Marken an die Wand geklebt, war nach Berlin gegangen, hatte dort Musik studiert und schließlich sein Examen glänzend bestanden. Eine Stelle als Kapellmeister hatte Cyrill bis dahin aber nicht gefunden, wenigstens keine, die er anzunehmen geneigt war; denn er hielt viel von sich selbst und schrieb zurzeit an einer Oper, zu der er sich den Text selber dichtete. »Ganz wie die beiden Wagner, Vater und Sohn,« sagte der Apotheker, der einzige, der den jungen Mann ernst nahm, weil er in ihm außer sich selbst den einzigen musikverständigen Menschen von Altenroda erblickte.

Cyrill benahm sich sehr hoffärtig. Der Frau Bürgermeister, die ihm angeboten hatte, ihrer siebzehnjährigen Else »fortgeschrittenen Klavierunterricht« zu erteilen, wofür eine Mark und fünfundzwanzig Pfennige die Stunde gezahlt werden sollten, hatte Cyrill einen höhnischen Absagebrief geschrieben. Darauf hatte die Frau Fabrikbesitzer Strümpel, die mit der Bürgermeisterin verfeindet war, Herrn Cyrill Dietrich sechs Mark für die Stunde angeboten, wenn er ihre Tochter Thea unterrichten wollte. Cyrill antwortete, wenn er kein Geld mehr haben werde, wolle er sich bei Herrn Strümpel um eine Stelle als Fabrikarbeiter bemühen, keinesfalls aber dem Fräulein Thea Klavierunterricht geben.

Darauf sagten die Leute in Altenroda, Cyrill sei ein Grobian. Nur der Apotheker lobte ihn und nannte ihn einen Charakter.

Jedenfalls hatte sich Cyrill, was seine musikalischen Fähigkeiten und Kenntnisse anlangte, in Respekt gesetzt. Als die »Harmonie« ihr nächstes Konzert gab, räusperte sich ihr Dirigent verlegen, als er Herrn Cyrill im Saale auftauchen sah, und alle Vereinsmitglieder sagten sich im stillen: Heute heißt es aber sich zusammennehmen und das Beste bieten.

Cyrill hörte sich nur die erste Nummer des Konzerts an, dann verließ er behutsam und mit betroffenem Gesichte den Saal.

»Der hat genug!« sagte der Apotheker ziemlich laut, was ein Kichern, aber auch ein verärgertes »Pst! Pst!« zur Folge hatte. Die Sänger auf dem Podium machten erboste Gesichter und es war, als läge ihnen gar nichts mehr daran, weiterzusingen.

Am nächsten Tage suchte der Apotheker Herrn Cyrill auf. »Sie haben gestern das Konzert der ›Harmonie‹ ostentativ verlassen. Das war nicht mehr als recht und billig.«

»Ich wollte die Leute nicht kränken,« erwiderte Cyrill sanft; »ich hielt es nur nicht länger aus.«

»Kann ich mir denken, mir denken! Die Leute haben keine Ahnung vom Singen.«

»Nein,« sagte Cyrill noch sanfter.

»Keine Ahnung von Tonbildung oder richtiger Atmung oder Dynamik. So zum Beispiel singen sie:

›~Stüll ruht da Söö, Die Veeglein schlafähn, Ein Flistarn nua, du merkst es kahum.~‹

Und bei ›Flistarn‹ brüllen sie wie die Stiere. Dabei soll man das Flüstern kaum merken. Ich danke!«

Cyrill lächelte nur schmerzlich.

»Herr Cyrill Dietrich,« nahm nun der Apotheker einen großen Anlauf, »ich bin gekommen, Ihnen einen Vorschlag zu machen, beziehungsweise Ihnen eine Bitte zu unterbreiten. Es ist eine Schande, daß das Musikleben Altenrodas so trostlos daniederliegt. Altenroda ist doch immerhin eine ansehnliche Stadt: Landratsamt, Gymnasium, Fabriktätigkeit, neuerdings sogar Garnison. Also da muß etwas geschehen. Ich hatte mir nun die Sache so gedacht, daß die vier besten Stimmen hier am Ort zu einem Quartett zusammentreten würden: Sopran, Alt, Tenor und Baß, daß Sie, Herr Kapellmeister, die Direktion und vor allen Dingen die Ausbildung des Quartetts übernehmen. Dann würde den Banausen hier endlich einmal klar werden, was singen heißt.«

Der Apotheker machte eine Pause und wartete auf eine Antwort. Er wartete vergebens. Cyrill sah ihn nur düster an. So würde Beethoven ausgesehen haben, wenn man ihm zugemutet hätte, auf einem Jahrmarkte Musik zu machen. Nach einer Weile aber öffnete Cyrill doch die Lippen und sagte mit müder, schleppender Stimme:

»Herr Apotheker, ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Kanarienvogel, dem ging es ganz gut in seinem Bauer; denn er war in der Gefangenschaft geboren. Dann aber kam er in eine Stadtwohnung, wo in dem Zimmer über ihm Gesangunterricht erteilt wurde. Nach drei Wochen war der Kanari tot. Er war nämlich leider musikalisch gewesen. Verstehen Sie, er war musikalisch gewesen, der arme Kanari! Es ist ein Unglück, musikalisch zu sein, Herr Apotheker; man leidet schrecklich darunter!«

Solch abgrundtiefer Hochmut ging nun dem Apotheker doch über die Hutschnur; er erhob sich also von seinem Stuhle und sagte:

»Nun, Herr Kapellmeister, da scheine ich ja mit meinen Bestrebungen bei Ihnen kein Glück zu haben. Ich möchte nur das eine wissen, ob Sie nicht auch mal Unterricht haben mußten, oder ob Sie schon als Meister vom Himmel gefallen sind.«

Cyrill sah ihn ganz verdutzt an und brachte nur zwei Worte heraus:

»Ja -- ich!«

»Ja -- Sie -- Sie!« grollte der Apotheker. »Woher wissen Sie denn, ob die vier, von denen ich sprach, nicht ebenso musikalisch sind wie Sie und Ihr verstorbener Kanarienvogel?«

Cyrill staunte über den Apotheker. Dann ging ein Lächeln über seine Züge, als dächte er bei sich: was für seltsamen Aberglauben gibt es doch in der Welt. In Altenroda soll es Leute geben, die so musikalisch sind wie ich. Dieser Gedanke erheiterte Cyrills Gemüt so, daß er fragte:

»Ich möchte wohl wissen, wer diese großen Talente sind.«

Der Apotheker kam ein wenig in Verlegenheit.

»Nun, nun,« sagte er, »ich will ja nicht zuviel behaupten; aber was das Stimmaterial anlangt, so ist schon alles da, was notwendig ist. Da ist zunächst die Tochter von unserem Kirchendirigenten. Hat einen prachtvollen Sopran -- lerchenklar! Technik hat sie keine. Sie kann nicht piano ansetzen und hat keine Zwerchfellatmung. Atmet einfach durch die Lungen. Das ganze Korsett wackelt, wenn sie singt.«

»Sie wissen etwas von Zwerchfellatmung?« fragte Cyrill mit einigem Respekt.

»Ach, ich weiß wohl dies und das,« fuhr der Apotheker fort. »Also Fräulein Liesel Tilgner wäre der Sopran. Ihr Vater kann mich nicht ausstehen und ich ihn nicht. Aber die Kunst steht über allem Persönlichen. Dann käme der Tenor. Er ist von Beruf nur Dachdeckergehilfe. Aber war nicht der große Wachtel früher Droschenkutscher? Und Slezak, wenn ich nicht irre, Schlossergesell? Unser Tenor heißt August Stumpe (der wird sich ja wohl ein Pseudonym beilegen müssen; denn ›Stumpe‹ klingt nicht). Stumpe hat eine strahlende Höhe. Das +H+ mühelos und crescendofähig. Mittellage etwas rauh. Schade, daß er ein windiger Hund ist.«

»Tenöre sind immer windige Hunde; das gehört dazu,« sagte Cyrill, den die Sache zu interessieren begann.

»Ja, deswegen braucht einer aber noch nicht dem Verein ›Frohsinn‹ anzugehören und vor meinem ehrsamen Hause Schweinereien zu singen. Aber, wie gesagt, die Kunst steht über dem Persönlichen.«

Damit schloß der Apotheker plötzlich seine Rede. Cyrillen interessierte nun die Sache wirklich. Durch sein Hirn war der Gedanke geblitzt: Wie wäre es, wenn ich hier ein Talent entdeckte, ihm die erste Ausbildung gäbe und dann einem Direktor damit unter die Nase führe? Mein Weg als Kapellmeister wäre gemacht.

»Wer sind nun die beiden letzten, der Alt und der Baß?« erkundigte er sich.

Abermals kam der Apotheker in Verlegenheit.

»Ich spreche nicht gern von mir selbst und meiner Familie, es sieht leicht nach Dünkel und Selbstlob aus. Und ich kann es in den Tod nicht ausstehen, wenn jemand eingebildet ist. Echte Talente sind bescheiden.«

Cyrill schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, nur die Lumpe sind bescheiden. Das wußte schon Goethe! Wer was kann, weiß das auch.«

»Also,« atmete der Apotheker schwer auf, »der Alt wäre meine Tochter Sabine, und der Baß wäre ich.«

In Cyrills Miene trat eine gewisse Säure. Zwei Talente in einer Familie schienen ihm von vornherein verdächtig. Aber da ihn, wie schon wiederholt gesagt wurde, die Sache interessierte, forderte er den Apotheker auf, ihm doch etwas vorzusingen, und wies mit einer Handbewegung nach einem alten gelben Piano, das der Tante Cyrills gehörte, bei welcher der junge Künstler wohnte.

Der Apotheker wurde bei der Aufforderung, zu singen, rot wie eine Pfirsichblüte. Aber er erhob sich mutig und sagte:

»Wie ich schon auseinandersetzte, Herr Kapellmeister, an Technik fehlt's. Man weiß, wie es sein soll, aber man kann's nicht!«

»Das ist so wie bei den Kritikern,« warf Cyrill ein.

»Richtig!« stimmte der Apotheker bei, der ein unsinniges Herzklopfen verspürte. Kurz erwog er, ob er den »Schwarzen Walfisch«, den »Grafen von Rüdesheim« oder »Es liegt eine Krone im tiefen Rhein« vortragen solle. Er entschloß sich für das letzte, hochberühmte Lied, da in diesem seine Gefühlswärme und sein schönes Tremolo am besten zur Geltung kamen. Als er aber am Klavier saß, wurde das Herzklopfen noch ärger, und er spürte ein Würgen in der Kehle, das für ein schönes Tremolo keine guten Aussichten bot. Es hätte leicht ein Meckern daraus werden können.

Also präludierte der Apotheker auf dem Klavier ein wenig hin und her und her und hin, erhob sich dann plötzlich und sagte:

»Entschuldigen Sie, Herr Kapellmeister, aber ich kann hier nicht singen, das Klavier ist zu verstimmt.«

Nun wurde Cyrill rot -- nicht wie eine Pfirsichblüte, sondern wie reiner Zinnober.

»Verstimmt?« lachte er etwas albern. »Verstimmt sagen Sie? Natürlich verstimmt! Greulich! Ich aber -- ich wußte das gar nicht. Die alte Kommode gehört meiner Tante. Ich spiele natürlich nie darauf. Nie! Ich habe hier kein anderes Instrument als die Orgel meiner Seele.«

Mit der letzten edlen Phrase hatte Cyrill seine Haltung wiedergewonnen. Der Apotheker kehrte langsam nach seinem Stuhle zurück. Er war ein praktischer Mann, ein Menschenkenner, und so dachte er sich: Aha, der arme Kerl hat das Geld für den Klavierstimmer sparen wollen und die Sache selbst versucht -- und da ist eben ein solches Resultat herausgekommen. Er war boshaft genug, anzufangen vom Klavierstimmen zu reden.

Cyrill lehnte sich stolz zurück.

»Wissen Sie, was das erste Erfordernis für einen sogenannten berufsmäßigen Klavierstimmer ist? Er darf kein musikalisches Gehör haben; sonst taugt er nichts.«

»Nanu!« warf der Apotheker ein.

»Ja,« sagte Cyrill wieder in seinem hochmütigen Tonfall; »ich kann das nicht so kurz erläutern. Dazu gehört die ganze Vorkenntnis vom wohltemperierten Klavier.«

»Kenne ich!« sagte der Apotheker freudig. »Ein ganzer Ton hat neun Grade, +cis+ steht fünf Grade über +c+, des nur vier Grade. +Cis+ ist höher als +des+. Zwischen dem vierten und fünften Grad gehen diese beiden sozusagen Stiefzwillingsschwestern aneinander vorbei. Auf dem Klavier aber müssen +cis+ und +des+ gleich sein. Beide werden mit der gleichen schwarzen Taste getippt. Das ist ein Gehör-Kompromiß.«

»Das ist kein Kompromiß,« sagte Cyrill feierlich, »das ist Sudelei. Für musikalische Menschen eine Qual. Klavier ist Roheit!«

»Dann ist die Orgel auch Roheit!« warf der Apotheker ein; »dann ist jedes Instrument Roheit, das festliegende Töne hat und Kompromiß zwischen +cis+ und +des+ eingehen muß. Dann bestehen nur Streichinstrumente und menschliche Stimme, die diese Unterschiede machen können.«

Cyrill bekam Respekt vor seinem Gegenüber. Dem Apotheker aber schwoll der Kamm.

»Halten Sie Paderewski für einen Künstler?«

»Ja, natürlich!« antwortete Cyrill.

»Paderewski hat mal bei uns ein Konzert gegeben. Seine königliche Kunstmajestät verirren sich auch manchmal in eine kleinere Stadt. Also unsere ›Harmonie‹-Banausen hatten zwar den Mut gehabt, Paderewski ein Heidenhonorar zu garantieren, aber nicht das Geschick, für ihn einen anständigen Flügel zu besorgen. Paderewski kommt an -- es war ein kalter Wintertag -- badet seine Hände eine Viertelstunde lang in warmem Wasser, probiert dann den Konzertflügel und macht ein Gesicht wie ein Löwe, der Krautsalat fressen soll. Kurz und gut, ich hatte damals gerade meinen neuen Blüthner; Paderewski kommt zu mir, ist zufrieden; ich stelle natürlich den Flügel zur Verfügung, und alles wurde ausgezeichnet. Damals hat sich Paderewski auch von meiner Sabine ein Liedchen vorsingen lassen und sie gelobt.«

Cyrill erkannte, daß er besiegt sei. Mit persönlichen Bekannten von Paderewski sich zu entzweien, wäre Wahnsinn.

So bat Cyrill den Apotheker, ihm morgen seinen Gegenbesuch machen und den Paderewski-Flügel probieren zu dürfen. Es könnte dann gleich das Weitere wegen des neuzubildenden Quartetts besprochen werden.

Hochbefriedigt ging der Apotheker nach Hause. Der goldene Kranich über seiner Tür blitzte stolz im Sonnenschein.

* * * * *

Der Apotheker verbrachte eine unruhige Nacht. Es war durchaus nicht leicht, Fräulein Liesel Tilgner und Herrn August Stumpe, die beide feindlichen Vereinen angehörten, für ein Quartett zu gewinnen. Zum ersten Male im Leben wurde der Apotheker, der sonst von grobkörniger Ehrlichkeit war, zum Heuchler. Er schrieb zwei verlogene Briefe, in denen er den Adressaten unmäßiges Lob spendete, insonderheit auch sagte, daß sie in ihren »geschätzten Vereinen« ja schon eine gute Gesangsvorbildung genossen hätten und nun unter der Leitung des Herrn Cyrill Dietrich, eines der gefeiertsten und genialsten Dirigenten Deutschlands, in einem erlesenen Quartett zur letzten Kunstreife geführt werden sollten. Man wollte sie ihren beliebten und geschätzten Vereinen natürlich durchaus nicht abtrünnig machen, im Gegenteil würden diese gewiß eine Förderung erfahren, wenn sie durch ein Mitglied mit dem in Musikkreisen äußerst einflußreichen Herrn Cyrill Dietrich in Verbindung kämen. In aufrichtiger vorzüglicher Hochachtung usw.

Um neun Uhr früh wurde der Laufbursche Fritz beauftragt, die beiden Briefe zu ihren Empfängern zu tragen. Nach einer Stunde schon war er zurück, was für den Laufburschen eine anständige Leistung war, da der Weg, den er zurückzulegen hatte, immerhin unter einer Viertelstunde nicht zu machen war.

Fritz berichtete, bei Fräulein Tilgner hätte er den Brief einfach abgegeben, aber mit dem Dachdecker sei es eine schwere Not gewesen. Der hätte gerade auf einem hohen Dache geklebt. Da hätte er hinaufgebrüllt, er solle doch mal runter kommen, der Herr Apotheker schicke ihm einen Brief.

»Was hat er gesagt?« fragte der Apotheker begierig.

»Ach, gesagt hat er gar nichts,« erwiderte Fritz. »Er hat bloß zu singen angefangen: Es war einmal ein A-a-po-po ...«

Fritz bekam eine Ohrfeige.

»Was hast du mit dem Briefe gemacht?« fauchte der Apotheker.

»Ich bin,« heulte Fritz, »ich bin die Leiter hinaufgestiegen und hab' den Brief in die Dachrinne gelegt.«