Das Gefängnis zum Preußischen Adler

Part 18

Chapter 183,475 wordsPublic domain

Verwundert glitten seine Blicke über die Ausstattung meines Gefängnisses. „Ihren Konflikt mit dem Kultusministerium habe ich verfolgt. Wir bedauern lebhaft -- das heißt, wenn ich sage: +wir+, so meine ich die Familie, wo ich als Hauslehrer angeßtellt bin -- ein Sztaatsbeamter in hoher Sztellung! Ungewöhnlich liebe Menschen! Die Mutter meiner Zöglinge, eine gemütvolle Dame, interessiert sich sogar für Ihre soziale Lyrik. Der Hausherr, mein väterlicher Freund, hat alle Achtung für Ihr Verhalten ... Näheres möchte ich nicht verraten -- seine Sztellung ist der Kritik ausgesetzt, er kann nicht immer, wie er möchte, muß gewisse Rücksichten nehmen -- ist aber ein wahrhaft christlicher Mann -- zuweilen kommt es mir vor, er hat den inneren Christus ... Sie ßtutzen?“ -- Befremdet mochte ich nicht zurückhalten mit der etwas unhöflichen Einrede: „Den inneren Christus? Glauben Sie, daß Christus gewisse Rücksichten genommen hat? Hat nicht der Bergprediger gesagt, man solle sein Licht, also die innere Überzeugung, nicht unter den Scheffel stellen?“ -- Nach etlichem Schweigen versetzte Steinspängler mit leiser Stimme: „Aber Christus hat auch gesagt: Richtet nicht und verdammet nicht! +Sie+ haben gut reden, Sie sind ein +freier+ Mann.“ -- Ich mußte lächeln: „Ein freier Mann -- im Gefängnis? Nun ja, dahin gehören heutzutage -- so scheint’s -- die freien Männer. Wissen Sie, was der Amerikaner Thoreau sagte, als er wegen Steuerverweigerung im Gefängnis saß und sein Freund Emerson ihn besuchte?“ Da der Lizentiat aufhorchte, fuhr ich fort: „Emerson meinte: Es tut mir leid, daß du im Gefängnis bist! Thoreau erwiderte: Und +mir+ tut es leid, daß du +nicht+ im Gefängnis bist. Als anständiger Kerl gehörst du heutzutage ins Gefängnis, wie auch ich hingehöre.“ -- Der Lizentiat machte ein verdutztes Gesicht -- lächelte dann schalkhaft: „Na! Wissen Sie, Ihr Gefängnis ist nicht grade das schlimmste -- lernen Sie mal andere Gefängnisse kennen!“ -- „Ich weiß,“ gab ich zurück, „hier nebenan wartet ein Stiefkind unserer Gesellschaft darauf, wieder mal ins Arbeitshaus abgeführt zu werden -- es ist ein hilfloser Greis!“ Mit echter Teilnahme entgegnete der Lizentiat: „Ein Greis? traurig! Ich will mich erkundigen, vielleicht kann ich helfen. Ach ja, Arbeitshaus ist hart. Doch als ich von Gefängnissen ßprach, dachte ich an etwas anderes. An die Zellen, von denen Menschen eingeengt sind, die jene gewissen Rücksichten nehmen sollen. Der Vater meiner Zöglinge ist in solch einer. Wollte er sich ganz frei äußern, er würde oben anßtoßen, würde unten anßtoßen, nach allen Seiten anßtoßen. Da muß er sich mit einem anderen Wort unseres Heilandes trösten: Seid klug wie die Schlangen! Im vertrauten Kreise ist er offen wie ein Kind, sonst freilich Diplomat. Zu Ihnen komme ich mit seiner Billigung, und ich darf Ihnen mitteilen, daß er unter Ihrem Fall geradezu gelitten hat. Sein Gewissen ... Man muß eben seine Sztellung bedenken -- er ist ein hoher Sztaatsbeamter ...“

Da wurde die Nebenzelle aufgeschlossen, und Bolle sagte: „Nu machen Se sich man fertich so sachteken.“ -- „Kommen Sie, Herr Lizentiat!“ meinte ich aufstehend, „Sie sind geneigt, etwas für den Mann zu tun. Ich höre da eben, daß er gleich abgeführt wird.“ Willig sprang Steinspängler auf und folgte mir auf den Flur. Da sah er nun den weißbärtigen Alten und fragte freundlich: „Na Großvater? zur Arbeit langen wohl die Kräfte nicht mehr?“ Der Alte begann zu schluchzen: „Zu +leichte+ Arbeet +doch+ woll noch! Aber +mir nimmt keener+!“ -- „Soll ich Ihnen Arbeit +verschaffen+?“ fragte der Lizentiat, „Sie hätten es ganz erträglich. Haben Sie mal von Bielefeld gehört? von Pastor Bodelschwingh? Sie machen ein langes Gesicht. Sie denken wohl, da sollen Sie ein Duckmäuser werden und immerfort frömmeln? Weit gefehlt!“ Etwas mißtrauisch blickte der Alte und zuckte die Achseln: „Wie soll ’k denn nach Bielefeld kommen? Det is doch hinter Hannover? Un det Fahrjeld?“ -- „Kriegen Sie von +mir+. Aber Sie müssen auch wirklich hinfahren! Aufgenommen werden Sie, auch wenn ich Ihnen +keine+ Empfehlung mitgebe. Doch das soll +auch+ geschehen. Also +wollen+ Sie? Sie werden ein neuer Mensch, auf Ihre alten Tage.“ Nun mischte sich Bolle eifrig ein: „Jreifen Se zu, Jroßvata! Weisen Se de Rettahand nich zurick!“ Und zum Lizentiaten gewandt: „Fier den Momang allerdings muß die Sache den Amtswäch loofen, un ick bringe den Ollen nach Ceepenick. Wenn Se mich aber Ihre Adresse jeben, will ick Meldung duhn, det Se den Mann nach Bielefeld schaffen mechten.“ -- „Einverstanden!“ sagte der Lizentiat und gab seine Visitenkarte. Nachdem er nochmals dem Greis zugeredet, wurde dieser abgeführt, und wir andern zwei kehrten in meine Zelle zurück.

Der Fürst dieser Welt und die Schildbürger

Der Lizentiat hatte Platz genommen und hielt sein Gesicht in den Händen. Das Erlebnis hatte ihn bewegt, er schien sich zu sammeln. Ich sah durch’s Fenster, wie der Schnee immer dichter stöberte -- Regentonne, Hackeklotz, Kegellaube, alles hatte weiße Kapuzen auf.

„Da stapft nun der alte Mann mit der Polizei nach dem Gerichtsgefängnis! Stapft durch dicken Schnee, der den lebendigen Busen der Erde verschüttet. Auch das Herz der Menschheit liegt unter einer frostigen Hülle -- sie heißt Egoismus, Genußsucht, Habgier ... Und das schon halb erstarrte Herz bildet sich noch was darauf ein, daß es kühl und hart ist.“ Wie zu mir selber hatte ich so gesprochen. Das Schweigen des Lizentiaten nahm ich für Zustimmung und fuhr fort: „Die Ordner unserer Gesellschaft sind in der Schätzung des Egoismus so weit, daß sie ihn ziemlich als einzige Triebkraft ansehen und ihre große Maschinerie immer mehr nach dem vermeintlich klugen Prinzip organisieren. Das nennen sie Zivilisation. Der gläubigen Menge reden sie vor, ihre Art Politik verbessere unsere Glückseligkeit. Doch ich kann mir nicht helfen, unsere Zivilisation hat etwas schaurig Ödes, erbarmungslos Gewalttätiges, unnatürlich Enges, geradezu Gemeines. Unsere Zivilisation ist eine Zuchthauszelle, und sie bleibt es, wenn sie auch den Bedürfnissen der Neuzeit entspricht, wie die Hotelbesitzer von ihren ‚erstrangigen‘ Häusern zu sagen pflegen. Heutzutage wird die Persönlichkeit immer mehr ausgeschaltet. Es gibt keine Wirte, sondern Hotelbesitzer.“ -- Jetzt nickte der Lizentiat und fügte hinzu: „Schließlich wird es nur noch Hotel-+Aktionäre+ geben! Das Geld verdrängt die Persönlichkeit.“ -- „Ich rede aber nicht bloß vom Hotelwesen,“ fuhr ich fort -- „das ist nur ein Symptom. Ich meine Staat und Gesellschaft. Sie, Herr Lizentiat, sagten von dem Herrn, bei dem Sie Hauslehrer sind, er sei Diplomat. Da wird er also nach den Gesetzen regieren, wohl gar selber Gesetze machen. Alle Gesetze aber wenden sich an die Ichsucht und sind von der Ichsucht diktiert. Egoismus heißt der Fürst dieser Welt, seine Herrscherfaust hält alles Leben unterjocht. Es liegt mir natürlich fern, Ihrem väterlichen Freunde einen persönlichen Vorwurf zu machen -- auch die Schuld wird heutzutage immer unpersönlicher, wir stecken eben alle in dem furchtbaren Getriebe ... Aber der innere Christus ...“

Wie mahnend hob der Lizentiat die Hand und sah mich traurig an: „Als ich sagte, er habe den inneren Christus, wollte ich nicht verhimmeln -- ich dachte eher an die Dornenkrone ... Der Vater meiner Zöglinge hat mich in sein Herz blicken lassen, und ich muß sagen, er leidet bitter unter dem Widerßpruch zwischen Ideal und Wirklichkeit. Aber hat denn er allein Grund zu leiden? Sie machen geltend, er diene dem Fürsten dieser Welt. Aber dem müssen wir ja alle Tribut zollen. Wozu einander Vorwürfe machen! Seien wir lieber positiv! Hauptsache, daß man sich sehnt, ein Arbeiter für das Reich Gottes zu sein.“ -- Er sah mich schüchtern an; gerührt legte ich ihm die Hand auf die Schulter: „Sie sind solch ein Arbeiter. Das zeigt Ihre Fürsorge für unser Aschenputtel ... Das Reich Gottes, wo das mißhandelte Menschenkind zur Geltung kommt und sein Kittelchen vertauscht mit einem Strahlenkleide, dies Ideal bedeutet uns kein Beschwichtigungsmittel für das darbende Volk -- nicht wahr, Herr Lizentiat? -- bedeutet uns ein Leben in unserer +Brust+, das wir entwickeln sollen, damit es aus uns heraus schöpferisch wirke und das ganze Dasein neu gestalte. Die Schöpfung ist ja noch lange nicht perfekt. Es werde Licht!“

Kindlich lächelnd machte der Lizentiat eine Gebärde, als ob er eine pfiffige Antwort vorbereite: „Der Fürst dieser Welt, wie Sie sagen, ist nicht immer tragisch zu nehmen, auch komisch kann sein Geschäftsbetrieb anmuten. Die Eitelkeit ist eine seiner Triebkräfte. Bodelschwingh führte mal einen beßternten Minister durch die Anstalt. Als ein zerlumpter Landßtreicher dem hohen Herrn etwas nahe kam, trat dieser scheu zurück. Bodelschwingh aber meinte mit seinem gutmütigen Lächeln, indem er den Minister beim Knopfloch faßte: Würden Euer Exzellenz im Samariterdienste eine Laus auflesen, die wäre im Reiche Gottes eine höhere Dekoration als Ihr Schwarzer Adlerorden.“ Ich lachte: „Das Gesicht des Ministers hätte ich sehen mögen! Faßlicher wäre ihm die Geschichte von jener +königlichen+ Laus: Am Messer, mit dem sie zerteilt war, leckte der Küchenjunge und ward davon ein Adliger einfachen Grades. Bielefelder Tierchen haben ja nicht so hohe Kraft. Doch vielleicht hat der Minister Belehrung profitiert von Bodelschwingh? Ich bin nicht genau unterrichtet über die Bielefelder Methode. Nach dem, was ich gehört habe, ist sie ein Fortschritt über die Schildbürger-Methode hinaus ...“ Der Lizentiat stutzte: „Schildbürger? Sie brauchen da ein harmloses Bild für eine unheimliche Sache. Arbeitshaus, Zuchthaus -- das ist keine Schildbürgerei. Vorhin sagten Sie: Fürst dieser Welt. Das paßt eher.“ -- „Fürst dieser Welt ist tragisch gesagt,“ entgegnete ich, „doch, wie Sie selber bemerkten, ist an ihm auch was Komisches. Die Medaille hat +zwei+ Seiten -- auf der einen ist der Fürst dieser Welt, auf der anderen das Wappen von Schilda. Sie wissen doch aus den Märchen Ihrer Kindheit? Im Königreich Utopien, hinter Kalkutta, gab es ein Städtchen, dessen Bürger ihre Narrheit in ein System brachten. Beim Bau des Rathauses hatten sie vergessen, Fenster anzubringen. Weil es nun innen finster war, während draußen der Tag flutete, kamen die Schildbürger auf die listige Idee, das Tageslicht in Säcke zu füllen und im Beratungssaal auszuschütten. Eifrig suchte ein jeder den Tag zu erfassen, mit Säcken und Kesseln, Schaufeln und Mistwagen. Ein Schlaukopf fing Sonnenstrahlen in einer Mausefalle. Es wurde nun zwar nicht hell im Rathaus; aber die Schildbürger meinten: Fahren wir nur so fort! Wir tun alles Menschenmögliche -- und +wenn’s+ geriete, wär’s eine feine Kunst! Nun, Hand aufs Herz, Herr Lizentiat, etwas von diesem Schilda-System lebt in unserer Zivilisation. Erst verfinstert man den Menschen, dann will man Licht hineinschaffen mit Säcken und Mausefallen. Denken Sie an den Greis, der jetzt nach Cöpenick eingeliefert wird. Die hohen Herren schelten ihn arbeitsscheu, verkommen. In gesunden Verhältnissen gibt es keine solche Verkommenheit, keine Arbeitsscheu. Da würde jedes Kind beherzigen, daß man arbeiten muß, um essen zu können. Schon aus dem natürlichen Beschäftigungstrieb würde man arbeiten. Aber was ist in unserer Zivilisation aus dem Beschäftigungstrieb, aus der gesunden Natur geworden? Ins vermauerte Rathaus kann der Tag nicht eindringen! Die Menschen werden insofern verfinstert, als Vernunft, Natur, gesunde Sitte in ihnen erstickt. Die Lenker unserer Staaten, die mit Vorliebe Millionäre züchten, ziehen in diesen eine gewisse Scheu vor fruchtbringender Arbeit groß und belohnen sie mit Würden und Orden. Andererseits wird die Masse des Volkes von Arbeitsgelegenheit ausgesperrt, indem Gesetz und Gefängnis, Beamte und Soldaten dafür sorgen, daß der Grund und Boden, den man doch zur Arbeit nicht entbehren kann, nur wenigen gehört, so daß jene Vielzuvielen, die in der Wahl ihrer Eltern nicht vorsichtig waren, keine andere Lebensmöglichkeit sehen, als sich entweder abzurackern -- oder Landstreicher zu werden. Hinweg! heißt es dann -- hinweg mit den Arbeitsscheuen ins Arbeitshaus! Da soll ihnen gewaltsam Arbeitslust beigebracht werden. So fängt man mit der Mausefalle den Tag und schafft ihn ins finstere Rathaus.“

Der Lizentiat hatte geduldig und ernsthaft zugehört. Jetzt stand er unternehmend auf: „Glauben Sie nicht, daß ich diesem Kapitel ein Ende mache, weil mir Ihre Satire unpassend vorkäme. Gewiß, die Schildbürger sind nicht ausgestorben, und sitzen bei uns auf den Höhen der Gesellschaft wie in den Tiefen. Aber diese närrische Welt ist nun mal darauf eingerichtet, daß Weise und Toren, Gerechte und Ungerechte +zusammen+ leben. Weil man sich nicht radikal loslösen kann von den gewöhnlichen Gemeinschaften und Einrichtungen, so bleibt bis zum jüngsten Tage auch den Besten nichts übrig, als mit den Wölfen zu heulen, mit den Schafen zu blöken ... Doch lassen wir dies Kapitel und reden wir von der Sache, die mich zu Ihnen führt. Ich habe sozusagen eine Mission. Nicht amtlich, nicht halbamtlich, sondern persönlich und rein menschlich. Es bekümmert den Vater meiner Zöglinge, daß Sie hier sitzen. Wir möchten, rundheraus gesagt, daß Sie möglichst rasch wieder in Freiheit gelangen. Und nun sagen Sie mal, Herr Doktor, liegt Ihnen etwas daran, hier noch +länger+ zu hausen? Ich meine, weil Sie doch Thoreaus Wort angeführt haben -- als ob das Gefängnis Ihr würdigster Aufenthaltsort wäre.“

Ich konnte meine Heiterkeit nicht verbergen: „Aber natürlich spaziere ich mit Vergnügen in die Freiheit. Weiß bloß nicht, wie ich es anstellen soll, ohne meinem Vorsatz untreu zu werden, die Strafe nicht mit Geld abzumachen. Die Regierung, die an mir ein Ketzergericht verübt, soll’s dabei nicht gar zu bequem haben. Hand aufs Herz, Herr Lizentiat, würde Ihr väterlicher Freund sich auch dann um mich bekümmern, wenn ich die Strafe in Geld gebüßt, oder wenn gar meine Gemeinde für mich gezahlt hätte? Das hätte ihm kein graues Haar gemacht. Sie sehen, wie der Zeitgeist auch in dieser Hinsicht die Persönlichkeit auszuschalten sucht. Ich rebelliere! Bin ein lebendiger Mensch -- und an Lebendige wende ich mich. Ich mache die Sache +nicht+ mit Geld ab.“

Der Lizentiat versuchte, in der Enge umherzulaufen. Nachdenklich griff er an seine Stirn und blieb vor mir stehen: „Was werden Sie tun, wenn Sie wieder draußen sind? Werden Sie aufs neue freireligiösen Unterricht erteilen? Um dann abermals für jede Sztunde zehn Tage Haftßtrafe zu kriegen?“ -- „Nicht doch! Man soll kein Prinzip zu Tode hetzen, sonst wird man komisch. Wille ist ein Don Quijote! würde die Welt sagen; dann nicht mit Unrecht.“ -- „Aber was wird hinfort aus Ihren Konfirmanden? Erhalten sie +gar+ keinen Unterricht mehr?“ -- „Doch! In einer anderen Form! Der Inhalt bleibt natürlich derselbe. Erzählen Sie dem Vater Ihrer Zöglinge, falls er, als hoher Beamter, nicht schon genau darüber unterrichtet ist, daß ich im Gefängnis eine Reihe von Vorträgen für die Jugend schriftlich verfaßt habe, und daß diese Vorträge von Mitgliedern der Gemeinde den versammelten Kindern vorgelesen werden. Natürlich möchte der Kultusminister auch diese Form der Ideenverbreitung womöglich vereiteln. Wenige Tage, nachdem der erste Jugendunterricht auf die neue Art erfolgt war, wurde dem Vorleser behördlich solche Tätigkeit bei Strafe verboten. Doch wir wußten uns auch jetzt zu helfen: nicht er hielt am nächsten Sonntag die Vorlesung, sondern ein anderer Gesinnungsfreund. Als auch diesem die Sache verboten war, sprang ein Dritter in die Bresche, und so fort. Da wir mindestens fünftausend Vorleser haben, könnten wir diese sonntägliche Jugendunterweisung hundert Jahre durchhalten. Wenn ich also nun raus bin aus dem Gefängnisse, geht’s mit dem Unterricht weiter in der +neuen+ Form, in der unpersönlichen ... Sehen Sie, Herr Lizentiat, das System unpersönlichen Lebens zerrüttet sich selbst. Sie lachen? Aber neben der lächerlichen Seite hat die Geschichte auch eine ernste, und die verschweigen Sie +nicht+ dem Vater Ihrer Zöglinge, der doch Verständnis für Pädagogik hat. Weit entfernt, das Interesse an den freireligiösen Vorträgen gelähmt zu haben, hat die Verfügung des Ministers vielmehr hingebende Begeisterung ausgelöst und nur in +einem+ Punkte uns Freireligiösen geschadet: die Pädagogik hat gelitten. Sie werden zugeben, daß der Unterricht von einer innerlich berufenen Persönlichkeit erteilt werden muß, und zwar in sokratischer Art: auf lebendige Darlegung und Fragen des Lehrers sollen die Antworten der Zöglinge erfolgen. Bei der neuen Form geht das nun leider nicht. Also gegen den guten Geist des Unterrichts hat sich das Unterrichtsministerium vergangen -- nichts andres hat es erreicht. Übrigens wäre noch zu erwähnen, daß bei den Kindern und in weiten Kreisen der Bevölkerung der gegen mich geführte Schlag das Ansehen der Regierung und der Kirche nicht gefördert hat. Man muß bloß mal mit einiger Unbefangenheit bedenken, was es heißt, einem sonst berufenen Manne zu verbieten, seine Konfirmanden in seine freireligiösen Anschauungen einzuführen -- ihm aus kirchenpolitischen Gründen die sittliche Qualifikation zum Unterrichten überhaupt abzusprechen -- weil er seine Überzeugung bekennt, indem er nicht an den deistischen Kirchengott glaubt.“

„Mag sein!“ meinte der Lizentiat kleinlaut, „der Mißgriff ist nun mal geschehn. Genug! Sie erklären also, daß Sie den früheren Unterricht +nicht+ fortsetzen werden? +Dann+ wird Ihr Gesuch um Niederschlagung Ihrer Strafe +bewilligt+.“ -- „Und Sie meinen, ich werde mich zu solch einem Gesuch +verstehen+? Habe ich +so+ lange hier gesessen, kommt es mir auf ein paar Monate mehr nicht an.“ -- Der Lizentiat war verdrossen: „Solch ein Gesuch paßt Ihnen nicht?“ -- „Ich will keine Gnade!“ -- „Aber Sie haben doch um gewisse Vergünstigungen nachgesucht, beißpielsweise, daß Sie Besuche empfangen dürfen?“ -- „Das sind +Rechte+ des Häftlings. Wenn ich aber um Niederschlagung der Strafe bäte, würde ich anerkennen, daß sie +begründet+ ist, und begäbe mich vom Standpunkte dessen, der sein Recht begehrt, auf den Weg des +Bittstellers+.“ -- „Würden Sie denn nicht einmal um +Urlaub+ nachsuchen?“ -- „Urlaub? Warum nicht? Unter gewissen Umständen darf der Häftling beurlaubt werden, das ist sein Recht.“ -- „Na also!“ meinte der Lizentiat, und seine Zufriedenheit hatte etwas Listiges -- „dann kommen Sie wenigstens um Urlaub ein!“ -- Ich stutzte: „Warum das? Ich habe keine Neigung, die Erledigung meiner Strafe durch eine +Pause+ zu unterbrechen. Sehn Sie mal, wie nett das hier eingerichtet ist! Und nun sollen die Wandteppiche und fidelen Schnurrpfeifereien +heraus+kommen? Nach vier oder sechs Wochen aber, wenn ich, nach Ablauf meines Urlaubs, wieder ins Gefängnis +zurück+ muß, hat meine Frau aufs +neue+ die Schererei des Einrichtens? Nicht doch! Lieber den Kelch in +einem+ Zuge geleert!“

Mit einer gutmütigen Hinterhaltigkeit fixierte mich der Lizentiat: „Nach vier oder sechs Wochen ins Gefängnis zurück? So meine ich es nicht! Der Urlaub könnte ja +länger+ dauern! Hum! Verstehn Sie mich denn nicht? Ich meine +sehr+ lange! hum hum!“ -- Ich sah ihn groß an -- ein Licht wollte mir aufgehn. „Der Herr, in dessen Hause Sie sind, ist doch nicht etwa gar --?“ Der Lizentiat legte den Finger auf seine Lippen.

Dann holte er seinen Mantel, ich half ihm hinein. Die Handschuhe anlegend, meinte er treuherzig: „Also nicht wahr, Sie kommen um Urlaub ein? Sie verßprechen es mir!“ Herzlich drückte ich die dargereichte Hand: „Sie sind ein guter Mensch! Ich werde mir’s überlegen.“ --

Als der Lizentiat fort war, dachte ich über das Rätsel nach, das hinter seinem eigentümlichen Rat steckte. Hatte er wirklich so etwas wie eine Mission? Der Vater seiner Zöglinge war Diplomat, ein hoher Beamter -- war’s vielleicht gar der Kultusminister? Oder ein Dezernent im Ministerium? Warum nicht? Es war auch schon möglich, daß der hohe Beamte aus rein menschlichem Wohlwollen mich in Freiheit bringen wollte. Wozu dann aber bloßen Urlaub geben? Oder halt! War der Urlaub vielleicht ein +Vorwand+? Steckte dahinter die +endgültige+ Befreiung? +Darum+ wohl hatte der Lizentiat bedeutsam gehustet! +Sehr+ lange, hatte er gesagt, könne der Urlaub dauern. Aha! Die Herren möchten mich mit Anstand los werden, mein Fall ist ihnen unbequem!

Ich lächelte -- mußte wieder an Schilda denken. Einmal fand ein Schildbürger einen Krebs, und weil ihrer noch niemand solch ein Ungetüm gesehen hatte, das um so unheimlicher war, als es rückwärts kroch, so verhaftete man den Krebs, sperrte ihn in eine Schachtel und machte ihm den Prozeß. Da nun das gereizte Vieh mit seiner Schere einen Schildbürger kniff, bekam man Angst und wollte das Ungeheuer auf irgendeine Weise los werden -- immerhin in aller Form Rechtens. Schließlich entschied man, der Krebs müsse ins Wasser, um elendiglich zu versaufen, und warf ihn in sein Element. Der Krebs bin ich. Der weise Rat von Schilda hat mich erst eingespunnen -- nun wäre er zufrieden, das lästige Ungeheuer los zu werden, ohne sich was zu vergeben. Heureka! Man setze den Gefangenen einfach dahin, wohin er gehört: an die frische Luft.

Dreck--Speck--Zweck überhaupt

Als ich erwachte, heulte Tauwind und plätscherte es vom Dach. Mit Schaufel und Besen suchte Onkel Pofke auf dem Hof einen Pfad durch den Schnee zu bahnen. Die Geräusche kamen mir garstig vor, ich legte mich auf die andere Seite, obwohl es bereits Tag war und in meinem Ofen frische Heizung bullerte. -- Wozu denn auch aufstehn? Draußen herrschte Matsch und Dreck, hier die Gefangenschaft war trotz meines Galgenhumors im Grunde doch auch etwas Ödes, und nicht bloß das Dasein des alten Landstreichers, sondern das menschliche Leben überhaupt hatte was von jenem Göpel, den Bolle gestern erwähnte: Die hagre Mähre geht immerfort im Kreise herum, gedroschen wird viel leeres Stroh.

Und um solch ein Leben sollte ich mich ernsthaft bemühen? Ich sollte das Urlaubsgesuch machen, von dem der Lizentiat meine Enthaftung erwartete? Enthaftung! Als ob nicht all unser Dasein eine triste Gefangenschaft wäre! Nein, da will ich lieber in diesem ehrlich verdienten Loche bleiben, um verächtlich weiterlachen zu können über Schilda und seine Putzigkeit. Meine Robinsonklause ... Ach nein doch, Robinson hatte es besser -- dem ganzen Zivilisationsschwindel entronnen, durfte er sich ein eigen Leben erschaffen in seiner Einsiedelei, und die Menschenfresser, die ihn mal beunruhigten, waren nicht so lästig, wie Europas Gesittungsphilister -- uff!

Um meiner Verdrossenheit Luft zu machen, kam mir der Pfahlbürgerreigen auf die Lippen: „Dreck, Speck, Zweck überhaupt! Reia, reia ...“, und dann murmelte ich etwas vom „Deibel“. Plötzlich mußte ich auflachen -- ein Geschichtchen fiel mir ein, das Onkel Pofke neulich berichtet hatte. Durch das Flugblatt war sein Mikrokosmos in Aufruhr geraten, und er liebäugelte geradezu mit meinen Ketzereien. Mit Genugtuung hatte er vernommen, daß Hunderte von Zustimmungsschreiben aus allerlei Schichten der Bevölkerung bei mir eingelaufen waren und ein paar Dutzend Versammlungen gegen das Vorgehen des Kultusministers protestiert hatten.