Das Gefängnis zum Preußischen Adler
Part 19
Vorgestern hatte Onkel Pofke solch eine Versammlung sogar besucht. Er war ganz begeistert davon, und ein komisches Vorkommnis erzählte er mit immer neuer Heiterkeit: Ein Redner bekannte sich zum Atheismus, gebrauchte aber am Schluß seiner Ausführungen die Worte: „Muß der Glaubenstrott denn immer so weitergehen? Gott Lob, nein!“ Hier war der Zwischenruf erfolgt: „Wieso Jott Lob? Sie jlooben doch an keenen Jott!“ Begütigend lächelte der Redner: „Ach meine Herren! das ist eine gedankenlose Redensart -- als Kind hat man sie aufgeschnappt, weiß Gott ...“ Lachend echote die Versammlung: „+Wieso+ weiß Jott? Ach Jotteken!“ Achselzuckend suchte sich der Verspottete zu entschuldigen: „Auch ich habe leider Gottes ...“ -- „Hoho! schon wieder hat er’s mit Jott!“ Jetzt riß ihm die Geduld, und er stampfte mit dem Fuße: „Aber erlauben Sie mal! Ich +meine+ es doch, Gott sei Dank, nicht so!“ In dem Gebrüll, das losplatzte, war vom Protestieren des Redners nichts zu verstehn; er mußte abtreten. Adolf Hoffmann, der die Versammlung leitete, goß unter Läuten seiner Glocke glättendes Öl auf die Wogen und nahm selber das Wort: „Der Fall zeigt wieder mal, mit dem Mundwerk muß sich der Mensch höllisch vorsehn ...“ Hier wurde auch er durch Gelächter unterbrochen, und man rief: „Höllisch? Wieso? Adolf jloobt doch an keene Hölle!“ -- Mit seiner schlagfertigen Kaltblütigkeit entgegnete Hoffmann: „Aber natürlich -- an eine +Hölle+ glaub’ ich! Einen lieben Gott allerdings jibt es nich -- der soll sich erst entwickeln! Aber eine Hölle jibt es -- die Menschen nämlich machen sich das Dasein zur Hölle. Wenn man so sieht, wie sich das jejenseitich beschummelt, bemopst und verknutet, patriotisch niederkartäscht und mit Jott verketzert -- gestehn Se, Herrschaften, da findet der menschenfreundliche Atheist manchmal keinen ehrlicheren Ausdruck für seinen heiligsten Jlauben, als so’n recht herzliches: Pfui Deibel!“ -- Das war für Onkel Pofke ein Lichtblitz gewesen, er rühmte Adolf Hoffmanns „Sprechanismus“ und tippte sich mit dem Finger auf die Stirn: „Nanu wird’s Tach unter de Nachtmitze!“ -- „Aber Pofke!“ hatte ich erwidert -- „wie können Sie so über Ihre Amtsmütze sprechen? Sie Sozi, pietätloser!“
Übrigens hatte Onkel Pofkes Amtsmütze einen besonderen Anteil an meiner schlechten Stimmung wie an seiner Rebellion. Und das war so gekommen: Unter dem Vorwande, Reißen in der Schulter zu haben, wogegen nur kräftige Bewegung der Arme helfe, hatte ich Pofke verleitet, mit mir auf dem See herumzurudern, und da er sich diesem Sport mit wilder Begeisterung hingegeben, war seine Amtsmütze ins Wasser gefallen und auf den Grund gesunken. Weil nun die schmähliche Nacktheit seines edelsten Organs auf der Straße, als er mich zum Gefängnis heimbrachte, Aufsehen erregt hatte, war der Unratschnüffler Biedermaxe aufmerksam und, nach Feststellung des Tatbestandes, beim Landrat vorstellig geworden. Ein Staatsgefangener, der auf dem See herumgondle, noch dazu ohne gehörige Aufsicht, ja unter Herabwürdigung eines amtlichen Uniformstückes, sei eine Verhöhnung der öffentlichen Ordnung und der altpreußischen Beamtenehre.
War nun der Landrat auch geneigt, wegen dieser Denunziation kein Aufhebens zu machen, so verlangte ein anderer und entschieden ärgerer Fall, daß er doch einschreite. Eines Nachmittags nämlich, als Bolle arglos schlief, hatten meine Freunde einen Photographen gebracht, um ein Bildnis meines Hotels aufzunehmen. Während ich mit meiner Frau durchs Kerkerfenster lugte, standen Wilhelm Bölsche und Julius Hart davor, auch Frau Hart und Frau Bartels, die kleine Freia auf dem Arm. Bartels war im Begriff, aus einer umstürzlerischen Zeitung vorzulesen, und zwei Pennbrüder hatten die Gelegenheit, sich gratis verewigen zu lassen, mit lachender Keckheit wahrgenommen. Der Photograph hatte geknipst und hatte dann die ebenso kompromittierende wie realistische Schilderung eines Staatsgefängnisses von Schilda in seinem Berliner Schaukasten ausgestellt, noch dazu mit der Unterschrift: „Gewissensfreiheit in Preußen“. Nachdem das Bild einen reißenden Absatz gefunden, besonders an Volksschullehrer und Studenten, hatte die Polizei darüber dem Kultusminister Meldung gemacht und dieser beim Amtsvorsteher angefragt. Gestern hatte das Unwetter getobt, Bolle war außer sich gewesen. Von Disziplinar-Untersuchung, ja von Entlassung hatte er gejammert und dem Onkel, den er zum Sündenbock machte, Entziehung der Gasthaus-Konzession in Aussicht gestellt. Mich hatte er geärgert durch die Drohung, Spaziergänge in der früheren Art könnten nicht mehr gestattet werden; hingegen stehe es mir, wenn ich Bewegung haben wolle, frei, ihn auf seinen dienstlichen Gängen durch Friedrichshagen zu begleiten. Gegen diese Zumutung hatte ich mich grimm empört, und so war zwischen uns ein richtiger Krach erfolgt ... Daß ich beim Überdenken dieser Dinge den Deibel zitierte und die Hymne des höheren Stumpfsinns „Dreck, Speck, Zweck überhaupt!“, ist um so begreiflicher, als die Freiheitswelt da draußen sich tatsächlich in Dreck und Speck auflöste.
Nachmittags wurde es besser, ein eisiger Nord blies, und taumelnde Flocken legten sanft die Farbe der Unschuld über den erstarrten Schmutz. Als ich meiner Frau eröffnete, ich sei nunmehr gar nicht geneigt, um Urlaub nachzusuchen, redete sie mir gut zu: „Ach was! Mach doch kein Gesicht, als wären dir alle Felle weggeschwommen! Flott raus zum Spaziergang!“ -- „Bolle weigert sich, mitzugehn!“ -- „Unsinn! Ich werde mit ihm sprechen. Wo ist denn diesmal deine Adventsstimmung? Sonst bist du doch immer vor Weihnachten so erwartungsfroh! Gleich gehn wir über den Weihnachtsmarkt -- die grünen Tannenbäumchen sollen dich begeistern -- und wenn du hernach deinen Tee trinkst, mag dir der Teelöffel, den ich dir hier nebst dem gewünschten Teeglas mitgebracht habe, eine Adventsgeschichte erzählen. Achte auf ihn, er ist mein Bundesgenosse!“
Was der Teelöffel anstiftete
„Meine enge Klause kann doch nicht zur Aufbewahrung von Tassen, Tellern, Löffeln dienen.“ Das war die Ansicht meiner Frau, und deshalb hatte sie, was ich an Tischgerät brauchte, für jeden Einzelfall aus ihrer Wirtschaft besorgt. Morgens brachte Frau Bolle ein Kännchen und eine Tasse -- hinein tat ich meinen Tee, den ich selbst bereitete. Das dicke Wirtshausporzellan war allerdings barbarisch für den duftenden Nektar des sinnigen Ostens. Wenn man nicht gerade ein Porzellan-Schälchen aus China hat, zart wie ein Blumenkelch, paßt für Tee nur Glas, dünnes Glas. Damit aber beim Eingießen des heißen Trankes das Glas nicht springe, leitet man etwas von der plötzlichen Erhitzung auf Metall über, und diesem Zweck soll der Teelöffel dienen, der also beim Einschenken im Glase sein muß. Es dürfte somit verständlich sein, daß ich meine Frau gebeten hatte: „Bring’ mir doch ein Teeglas nebst Löffelchen mit.“ Diesen Wunsch hatte sie ja nun erfüllt.
Als wir unseren Spaziergang über den bescheidenen Weihnachtsmarkt von Fritzenwalde beendet hatten, lud ich meine Frau ein, an meinem Tee teilzunehmen. Sie lehnte diesmal ab, empfahl mir aber, auf den Teelöffel zu achten. Nicht ohne Neugier sah ich mir das Ding an, auf das meine Frau so große Stücke hielt. Sonderbar! Zu dem hübschen, geschliffenen Teeglas paßte er ganz und gar nicht -- er war nicht von Silber. „Du denkst wohl: wo Gefangene hausen, sind silberne Löffel nicht sicher -- wie? Und deshalb bringst Du mir so’n ordinäres Dings!“ -- „Ordinär?“ Meine Frau hatte gelächelt, als ob sie ein Rätsel aufgeben wolle: „Wirst schon sehen, was das für ein Dings ist. Besinne Dich!“
Dies Gespräch ging mir durch den Sinn, als ich einsam in meiner Klause den Tee bereitete. Kopfschüttelnd nahm ich den Teelöffel. Das war ja nicht mal Zinn, sondern Blei -- schwärzlich grau wie eine Gewehrkugel, ohne Glanz, ohne Klang, überdies verbogen. Und das sollte nichts Ordinäres sein? „Besinne Dich!“ Na ja -- etwas Gemütliches, etwas Anheimelndes war daran. Aber ich begriff es nicht ...
Schneeflocken wie Daunen taumelten vor den Kerkersprossen. In der Dunkelheit züngelte mein Spiritusflämmchen geisterhaft um den Kocher. Durch den Spalt der Ofentür äugelte die Kohlenglut und malte einen Purpurstreifen auf den Fußboden. Und zu summen begann das Wasser. Meine Herbstnachtigall hätte jetzt zirpend eingestimmt, doch unter der Schneedecke schlummerte sie. Dafür zirpten nun haarfeine Saiten, ein weißes Kinderhändchen schlug die Traumharfe. In melodische Schwingungen geriet meine Klause, die Schnörkel des Wandteppichs schlangen sich durcheinander wie tanzende Elfen, die buntgeblümte Papierlaterne mahnte an den träumerischen Osten, wo Tempel aus Porzellan leuchten, von gläsernen Glöckchen umwispert, und wo die Teestaude grünt. Und der Teelöffel -- ja was war mit dem? Die blaue Flamme hatte ein geheimnisvolles Glanzlicht drauf gesetzt: „Besinne dich!“ -- Bilder aus meiner Kindheit gaukelten schmeichelnd. Ich saß in der Klippschule und malte Buchstaben, während der Lehrer für seine Kleinen Äpfel auf der Ofenplatte briet. Beim Braten zischelten und pafften sie. Wenn einer gar geworden, bescherte ihn der gute Lehrer, zerteilte ihn mit dem Messer, und wir schmausten. Auf dem Klassenschrank harrte um diese Adventszeit ein Nadelbäumchen, und bei jedem Schulschluß sang die Klasse „Ihr Kinderlein, kommet!“
Am Nachmittag vor der Weihnachtsbescherung war’s. Zwischen den hohen Häusern der Straße lag schon Dämmerung, und der Laternenmann ging mit seiner Lunte herum. Von Schnee begann das Pflaster zu schimmern, daunenartig fielen die Flocken -- just wie heute. Ein neunjähriger Knabe war ich. Ungeduldig den Weihnachtsabend erwartend, vertrieb ich mir vor der Haustür die Zeit, indem ich eine Schlitterbahn glättete. Ob der Wunsch, den ich Großmutter anvertraut, wohl erfüllt werden, ob das Kasperletheater auf dem Weihnachtstische liegen würde?
Auch das Straßentreiben zog mich an. Da ging ein Herr, vermummt in dicken Pelz, bepackt mit Schachteln und Düten. Eine Frau in ärmlichem Umschlagetuch trug ihr schmächtiges Fichtenbäumchen. Ein Händler mit einem Handwagen voller Äpfel und Nüsse. Ein kleines Mädchen bot Hampelmänner an, das Stück einen Sechser, während ihr Bruder mit Waldteufeln und Knarren lustigen Lärm verübte. Es war zu merken, daß in der Nähe, beim Rathaus, großer Weihnachtsmarkt. Ich hatte Lust, einen Abstecher hin zu machen, als sich eine Hand auf meine Schulter legte: „Höre mal, Junge, hast du Zeit? kannst du mir den Koffer da zum Bahnhof bringen?“ So fragte ein ältliches Männchen in abgeschabtem Überzieher, eine sonderbare Wollmütze auf dem Kopfe. „Du bist ja groß genug!“ Obwohl diese Bemerkung etwas spitzig herauskam, berührte sie das Knabengemüt fast schmeichelhaft. Wie ein gewiegter Gepäckträger ergriff ich den Koffer. Schwer war er, doch ich ließ nichts merken und hastete neben dem Männchen her. War der rechte Arm müde, so trug ich den Koffer auf der andern Seite. Das Männchen mit der Wollmütze beobachtete mich zuweilen von der Seite und kicherte. „Hast es wohl schwer, Söhnchen? Schadet nichts! Vom Tragen wird man stark.“ Ich nickte, an Eifer fehlte es mir nicht. Aber der Koffer wurde immer schwerer, manchmal mußte ich mit beiden Händen gleichzeitig schleppen. „Mach’s doch wie ein richtiger Gepäckträger!“ mahnte das Männchen, und mit seiner Hilfe brachte ich den Koffer auf meine Schulter. „Später wird man dir noch ganz anders aufpacken. Immer fest und getrost!“ Und wie des Männchens Fausthandschuh meine Backe gütig berührte, wurde mir leicht. Da sah ich auch schon die erleuchtete Bahnhofsuhr.
Als ich im Wartesaal den Koffer niedersetzte und ein wenig Zittern in den Gliedern spürte, blinzelte das Männchen schelmisch, suchte in einer schäbigen Börse und drückte mir ein Geldstück in die Hand. Verdutzt sah ich hin; es waren Zwei gute Groschen, wie man damals sagte. Und das sollte mir gehören? „Warum nicht?“ meinte das Männchen -- „hast es ja verdient! Oder weißt du nicht, was verdienen heißt? Bist mir wohl so einer, der sich noch von Vatern ernähren läßt? Na, wirst schon noch dahinter kommen: Verdienen schmeckt erst sauer, dann süß!“
Verdient! Zum erstenmal in der Tat hatte ich etwas verdient -- wie Vater das Brot für uns verdiente. Ich war ein richtiger Gepäckträger -- und da hatte ich nun meinen Lohn! Ein Hochgefühl hob meine Brust. Fest in die Hand das Geld gepreßt, eilte ich heim. Über den Weihnachtsmarkt. O wie berauschte das Ausrufen der Verkäufer, der Lärm von Kinderharmonikas, der Schmalz- und Honigkuchenduft, die bunte Fülle der Spiel- und Flittersachen! Und dazu meine Groschen, die mir so wertvoll vorkamen, daß ich schier meinte, den ganzen Jahrmarkt kaufen zu können. Ja, kaufen! Aber was? Die Wahl fiel schwer, zumal mir klar wurde, daß man mit Zwei guten Groschen keine Sprünge machen kann. Sollte ich einen Zauberapparat kaufen? Oder einfach Schmalzkuchen? Türkischen Honig oder einen Pflaumenmann? Mein erster Verdienst war wohl zu schade, um so vertan zu werden.
„Vier Silber’roschen! Jreifen Se zu! So wat kommt nich wieder vor! Raus mit die Jroschens! Herrschaften haben doch Jeld wie Hei!“ Das war „der billige Mann.“ Ein Menschenknäuel -- Leute vom Lande -- drängte sich um den Verkaufstisch und staunte ebenso über des Mannes Zungenfertigkeit wie über die fabelhafte Billigkeit der Waren. Er versteigerte sie gewissermaßen abwärts, indem er vom Preise Groschen und Sechser abließ, bis sich ein Käufer meldete. Jetzt hielt er ein halbes Dutzend Teelöffel empor. Sie blitzten verlockend, rosa Seidenpapier umhüllte ihre Stiele, es waren „feinste silberne Teelöffels“. Der billige Mann schwenkte sie, schlug mit der einen Hand schallend in die andere und brüllte: „Also nur vier Silber’roschen det janze halbe Dutzend! Det ist wat for die Aussteier! ... Wat Freilein? Se wollen Ihr Jlick vascherzen? Nur vier Silber’roschen! Mich kosten sie det Doppelte, so wahr ick Jakob heeße. Aber -- Leite -- ick jebe se for -- na, meinetwejen for +drei+ Silber’roschen -- bloß weil heite Weihnachten is. Det is ja ausverschämt billich, det is ja rein vaschenkt! Wer se nu nich will, der läßt et bleiben! Na also, Herrschaften! Wer nimmt se for -- drei Silber’roschen zum Zweiten -- un -- zum ...“ Mir pochte das Herz in fieberhafter Spannung. Oh, wenn er doch nur auf Zwei gute Groschen runterginge! Ich nähme sie gleich! Das wäre ein passendes Geschenk für Mutter und Großmutter! Oh würde doch der billige Mann +noch+ billiger! -- Aber dazu schien er keine Lust zu haben. „Drei Silber’roschen -- das allerletzte Wort -- zum Dritten!“ brüllte er mit heiserer Stimme und legte die Löffel mit ärgerlicher Bewegung auf den Warentisch. Er schien es aufzugeben, seine Perlen vor die Säue zu werfen. Aber noch einmal raffte er sich auf. „Leite, Leite, Leite! kooft mich ab, sonst wer’ ick pleite! Na also, damit ihr seht, det ick der billije Jakob bin, jebe ick zum aller-allerletzten det janze halbe Dutzend silberne Teelöffels for -- Zwei jute Jroschen!“ -- „Hier!“ Triumphierend hob ich die Hand mit meinem Gelde. Der billige Mann zog ein schiefes Gesicht und schnauzte scherzhaft: „Junge, warum haste dir nicht eh’r jemeldt?“ Die umstehenden Bauern lachten listig, als hätte ich einen dummen Teufel geprellt. „Düt is’n Bengel!“ Innerlich jauchzend, als hätte ich das große Los, packte ich meine silbernen Teelöffel, und spornstreichs nach Hause.
Als ich ankam, war es zur Bescherung höchste Zeit. Mit einem vorwurfsvollen „na endlich!“ wurde ich empfangen. Doch in der allgemeinen Feststimmung kam Verdruß nicht auf. Und bald erscholl ein liebliches Glöckchen -- in Lichterfülle, Flitterglanz strahlte der Weihnachtsbaum. Beklommen von froher Erwartung näherte ich mich dem Gabentische. Richtig, da lag, was ich ersehnt: das Puppentheater, Kasperle mit seiner Grete, Tod und Teufel, selbst der Schutzmann fehlte nicht, der Kasperle zu verhaften hat. Zum Überfluß fand ich ein kostbares Märchenbuch und die „Robinsonaden“, ganz abgesehen von den Nützlichkeiten, mit denen Mutter für meine Bekleidung sorgte. So lebhaft meine Freude über diese Gaben war, den Gipfel des Hochgefühls bildete die Überreichung meiner Gegengabe. „Hier schenke ich +euch+ was,“ stammelte ich und händigte meiner Mutter wie meiner Großmutter je drei Teelöffel ein. „Aber seht doch! Junge! Wie kommst du daran?“ -- „Die hab ich vom billigen Mann.“ -- „Was kosten se denn?“ -- „Zwei gute Groschen das ganze halbe Dutzend -- feinstes Silber!“ -- „Wirklich? Und woher haste denn das Geld?“ -- Und ich mit stolzer Freude: „Hab ich mir verdient!“ Verblüffte Gesichter. Ich erzählte mein Abenteuer, alles staunte und lachte, ich war der Held des Tages. --
Von damals die Weihnachtslichter sind längst niedergebrannt. Doch nicht ganz verwehte ihr Duft. Heute nach Jahrzehnten berührt er mich mit einem süßen Hauche, und im träumerischen Dämmerstübchen verwandle ich mich in den Knaben, der den Koffer trug und die Teelöffel schenkte und dabei so glücklich war.
Noch in einem andern Herzen blieb etwas zurück vom Weihnachtsdufte. Das spürte ich, als ich nach langer Trennung, ein Erwachsener, wieder einmal meine Vaterstadt und Großmutter besuchte. Während wir beim Tee plauderten, ergriff ich in Gedanken den Teelöffel, und Großmutter sagte mit sinnendem Lächeln: „Kennst du den noch?“ Ich sah genauer hin. Wunderliches Ding! Blei und Zinn, verbogen und ohne Glanz. „Als du ein Knabe warst, hast du ihn mir zu Weihnachten geschenkt. Die andern beiden sind nicht mehr; einer ging verloren, der andere zerbrach. Diesen will ich verwahren. Wer weiß, wann du ihn wieder mal zu sehen kriegst.“ -- „Ach ja, ich entsinne mich! Damals war ich neun Jahre alt. Und damals hattest du noch blondes Haar, Großmama!“ antwortete ich, den Löffel wehmütig betrachtend, „damals hatte der Löffel noch Glanz!“ -- „Für mich glänzt er immer,“ hatte Großmutter erwidert.
Und das hier war nun derselbe Teelöffel. Aus Großmutters Nachlaß an mich gekommen, war er von meiner Frau in mein Gefängnis gebracht. Seltsame Weberin, die wir Schicksal nennen! Ein vergessenes buntes Fädchen wirkst du ins Gewebe ein, daß es eine artige Linie bildet und fürs Ganze wohl gar bedeutsam wird.
Advents-Stimmung, ja nun hatte sie mich bezaubert. Weihnachten lockte mich heim in die Häuslichkeit, mein Gefängnis erschien mir öde -- und so entschloß ich mich zu dem Versuche, meine Freiheit zu erlangen. Am gleichen Abend ging mein Gesuch um Urlaub ab -- als Grund gab ich an, ich möchte das Weihnachtsfest nicht im Gefängnis verleben.
So leb denn wohl
Der Sonntag vor Weihnachten, der sogenannte „goldene“ war da, und Anton Bolle hatte soeben meine Post gebracht, als mir darunter ein Schreiben mit dem Amtssiegel des Provinzial-Schulkollegiums auffiel. „Anton, warte einen Augenblick!“ Ich öffnete das Schreiben und las die Worte: „Ihrem Antrag vom zwölften Dezember entsprechend, beurlauben wir Sie hiermit aus der Haft auf unbestimmte Zeit.“
Schrumm, da +war+ die Bescherung! Der Lizentiat, dieser Pfiffikus, hatte also +doch+ recht! Und der Teelöffel, der meinen Mißmut geheilt, hatte dazu beigetragen, daß ich mich zum Urlaubsgesuch entschloß.
„Anton, bring’ doch wieder mal ein Briefchen nach der Kastanienallee! Hast du Zeit? -- Schön, Junge -- und diesmal bekommst du Zwei gute ... will sagen: eine ganze Mark; gib sie dem Weihnachtsmann als Trinkgeld, wenn er dir nächstens was beschert.“ -- Lebhaft ging Anton hierauf ein, und während er sich des Näheren über seine Wünsche ausließ, schrieb ich an meine Frau: „Komm sofort mit Frau Pape! Und sie soll den Handwagen mitbringen. Hammer und Zange nicht vergessen. Habe Urlaub, ziehe sofort aus.“
Als Anton weg war und ich vom neuen Standpunkt meines Schicksals das alte Gefängnis betrachtete, wurde ich wieder an Robinson erinnert. Jetzt an den Robinson, der seine wilde Insel verlassen und zurückkehren soll in die zivilisierte Welt. Wehmütig musterte ich meine Klause. Nicht wenig Glück hatte ich hier verlebt, stilles Einsiedlerglück, gelegentlich auch Freude der Geselligkeit. Würde ich mich jemals wieder so geborgen fühlen wie in dieser Zigarrenkiste? Gelindes Zagen wandelte mich an, ein Zagen vor der Weite und Freiheit, in die ich hinaus sollte. Und ich begriff, daß entlaufene Mönche Heimweh nach dem Kloster kriegen.
Ich erwachte aus meiner Träumerei, als Bolle zu mir eintrat -- er war in Helm und vollem Sonntagswichs. „Een prachtvollet Wintawetta, Herr Dokta, klare Kälte -- un der See is schon feste zu -- heite könnten ma mit Sejelschlitten bis Rahnsdorf fahren -- vorausgesetzt, det Se mir zur Ibawachung ieberhaupt noch beneetigjen -- denn, Herr Dokta, ick soll Sie amtlich ereffnen: wenn Se artig sinn, denn kennen Se heite entlassen wer’n aus Ihr Jefängnis.“ -- „Wenn ich artig bin? wieso?“ -- „Ick meene, wenn Se nischt in de Presse bringen ieba det hiesige Jefängniswesen.“ -- „Und mit welchem Recht stellen Sie diese Bedingung? Haben Sie Auftrag dazu vom Amtsvorsteher?“ -- Ausweichend kam die Antwort: „Uff Ihre Dankbarkeit ham wir doch so’n bisken Anspruch, un Se werden Bollen doch nich +schlecht+ machen?“ -- „Schlecht machen? Wie sollte ich dazu kommen? Und wenn ich mal ein Buch über mein Gefängnis schreibe ...“ -- „Au Backe! Möchten Se Bolles ehrlichen Namen in Deitschland +berichticht+ machen?“ -- „+Funkeln+ soll er als einer der blanksten Knöpfe an der Uniformschaft unseres Musterstaates. Wenn Sie aber so bescheiden sind, daß ihr Name verschwiegen bleiben soll, -- na, das Papier ist ja geduldig, ich könnte Ihnen allenfalls eine Flebbe andichten, daß Sie kein Mensch erkennt. Vielleicht mache ich aus dem wohlbeleibten, von Gesundheit strahlenden Manne, der Sie sind, einen graubärtigen Veteranen und nenne ihn Proppen -- oder wie wollen Sie heißen?“ -- Bolle blickte schief: „Haste Worte?“ -- „Na sehn Sie! das würde Ihnen nicht passen! Kein Mensch möchte anders sein, als er ist; im stillen ist jeder in seine Haut, seine Ichzelle, verliebt. Nichts für ungut, Bolle! Sei’n Se kein Philister, haben Se’n bischen Humor!“
In seiner Sonntagsuniform mit dem blanken Helm reckte sich Bolle und suchte zu lächeln: „Ick sammle feirije Kohlen uff det Haupt des preißischen Beamtenspöttas. Denn kurz heraus jesaacht, ick entlasse Ihnen hiermit aus Ihre Haft, Se sind frei! in diesen Momang!“ Er schien auf freudige Bestürzung gerechnet zu haben, doch ich erwiderte mit kühlem Lächeln: „Weiß schon! Vor einer halben Stunde erhielt ich diesen Brief des Provinzial-Schulkollegiums. Drin steht nun freilich nichts von jener Bedingung, an die Sie meine Enthaftung knüpfen möchten -- sondern rundweg habe ich Urlaub, und zwar auf unbestimmte Zeit!“ Bolle horchte auf und sah mich warnend an: „Da haben Se’t ja! Uff unbestimmte Zeit! Det heeßt mit andre Worte: Wenn Se sich beikommen lassen, Amtspersonen un det hiesige Jefängniswesen schlecht zu machen, so sagen Ihre provinzialen Kollejen eenfach: nu hat et jeschnappt, aus is der Urlaub, un nu, Doktachen, spazieren Se man wieda zu Bollen!“ -- „Hm, meinen Sie wirklich? Na, wissen Sie, dann kehre ich fidel zu Ihnen zurück. Ein Feigenblatt soll ich mir vor den Mund kleben? Lieber bleibe ich gleich hier. Was meinen Sie? Soll ich Frau Papen, die mit ihrem Wagen meine Einrichtung holt -- da ist sie schon -- unverrichteter Sache wieder zurückschicken?“ -- „Au Backe! Lieber nich!“
Durchs Gitterfenster beobachteten wir Frau Pape. Wie am Tage meiner Inhaftierung tat sie an der Bretterplanke, die den Gefängnishof nach der Straße absperrte, den inneren Riegel weg und öffnete die breite Pforte -- genau wie vor Wochen -- nur daß sie diesmal mit +leerem+ Wagen kam und die damaligen Verrichtungen gewissenmaßen umgekehrt zu erfüllen hatte. So war’s denn auch zu erklären, daß ihr gedrücktes Wesen von damals in Munterkeit verwandelt war, und daß meine Frau, die jetzt ebenfalls den Hof betrat, mit stürmischer Freude mir zuwinkte. „Sehen Sie, Bolle, es geht alles vorüber -- und nun, Herr Schwarzseher, mischen Sie keine Unkenrufe in diesen Jubel! Meine provinzialen Kollegen -- wie Sie se nennen -- sind ja froh, daß se mich los werden. Und Sie, Bolle, sind es auch.“