Das Gefängnis zum Preußischen Adler

Part 17

Chapter 173,332 wordsPublic domain

Ich erwachte; verdutzt betrachtete ich die mir fremde Tapete und die Waschschüssel in dem Gußeisengestell. Wo bin ich? Einen Moment glaubte ich, in der Krone zu Alt-Strelitz zu logieren, aus Anlaß eines Vortrages, den ich dort im Technikerverein gehalten. Doch ich orientierte mich, als ich draußen Frau Bolles Stimme vernahm. Sie sprach mit meiner Frau -- gleich darauf klopfte es an der Tür, und richtig, da stand meine Frau. In Hut und Mantel. Sie lachte mich an -- und hinter ihr erschien Frau Bolle, eine Kaffeekanne auf dem Präsentierteller. „Na aber!“ drohte meine Frau mit dem Finger. „Das müßte dein Kultusminister wissen!“ Dann nahm sie Frau Bolle den Präsentierteller ab und stellte ihn auf das Nachttischchen. „Nicht wahr, Frau Bolle? wenn’s drüben warm is, geht mein Mann rüber.“ Ich richtete mich auf und sah meine Frau erwartungsvoll an: „Na und?“ -- „Was für’n Und meinst du? Die Piraten oder den Schlüssel?“ -- „Zunächst den Schlüssel! Du hast ihn also? Wo war er denn?“ -- „Wie heute früh Frau Pape kommt, schicke ich sie gleich auf die Straße, um den Schlüssel zu holen. Die Straße sucht sie ab und den Vorgarten, Schritt für Schritt. Kein Schlüssel ist da, und sie meint, der Bäckerjunge wird ihn aufgegriffen haben. Ich ziehe mich an und gehe auf den Balkon. Da sehe ich den Schlüssel -- nein, zwei Schlüssel, große, dicke, richtige Gefängnisschlüssel -- und der Ring, der sie zusammenhält, ist über einen Zacken des Kastanienbaumes geglitten -- da hängen nun die Schlüssel wie an einem Nagel. Dann ist Frau Pape mit dem Besen hingegangen und hat die Schlüssel runtergeholt. Und ich sagte: nun muß ich rasch hin -- damit er endlich wieder in sein Gefängnis kommt. Aber nun hast du ja hier ein passables Logis gehabt. Laß den Kaffee nicht kalt werden -- wie schmeckt er denn? Zichorienbrühe? Brauchst ihn nicht zu trinken. Mach dich lieber fertig. Inzwischen gehe ich auf den Markt. Wenn ich eingekauft habe, komme ich wieder, und wir trinken unsern Tee in deiner Robinsonklause.“ Ich war’s zufrieden, sie ging.

Als ich angekleidet war, fand ich auf dem Hof den Wirt zum Preußischen Adler. Auf dem Hackeklotz zerkleinerte er einen Stubben. Ich benutzte die Gelegenheit, mein Logis zu zahlen, und ging vergnügt in meine mollige Klause. Auf dem Arbeitstischchen lagen die eingelaufenen Postsachen, ich vertiefte mich hinein.

Eine Zeitungsnotiz über den neusten Raubanfall erinnerte an die Müggelpiraten. „Na Frau Bolle? wie ist denn die Razzia abgelaufen?“ Sie erhob sich von ihrer Ofenhantierung. „Weeß ’k denn? Et muß woll Essig jewesen sind -- sonst, wenn se wen hätten erwischt, denn wäre mein Mann schon janz jewiß jesprächig. Nich een Sterbenswort war aus ihn rauszuquetschen, immer bloß jebrummt hat e -- un wie e nu heerte, det +Sie+ noch nich zu Hause wären, da war e nu erscht recht finsta. Jradezu unheimlich war e -- un wie e in de Fedan laach, hat e sich immer so jewälzt und jeröchelt, als ob ihm son Pirat an de Jurjel hätte. Det is ooch keene Kleenigkeit -- so ’ne Treibjagd uf Piraten durch den dustan Wald. Ach richtig, det muß ick noch varaten -- jeschossen hat e mit seine Pistole -- janz schwarz is se von Pulverschleim, un ick soll ihr nu putzen. Scharf muß det zujejangen sind. Hauptsache, det e heil zurick is! Aber da kommt e ja!“ Und Frau Bolle hastete weg.

Bald darauf trat der Amtsdiener zu mir ein. Sonst sagte er immer „Scheenen juten Morjen, Herr Dokta“ -- diesmal nur kalt: „Morjen!“ -- „Schönen guten Morgen, Herr Amtsdiener Bolle!“ Er stutzte -- schon milder kam es heraus: „Det Ibelnehmen jeheert doch woll uf +meine+ Seite.“ -- „Wieso denn? Ich kann doch nichts dafür, wenn die Müggelpiraten ... Oder wollen Sie mich dafür verantwortlich machen, daß der Herr Amtsvorsteher Sie beordert hat, Ihren Häftling sich selbst zu überlassen?“ -- Bolle geriet in die Wolle: „Nu aber brat mich eena’n Storch! Sich selbst? So war et nich jemeent! Sie sollten doch jleich in Ihre +Zelle+ zurick, scheen +ordentlich+, wie sich det +jeheert+. Aber wat jeschieht? Um Uhre zwee klingeln Se mir aus Morpheus Arme -- un denn haben Se ooch noch det amtliche Schlisselbund valoan! un ick, ick ... Denken Se mal an, wenn ma nu so’n Piraten erwischt hätten, un hätten ihm inhafti’an sollen -- un ick hätte hier wie’n oller Dussel jestanden -- un keen Schlissel da --? Un ick hätte sagen missen, det ick +Sie+ den Schlissel iebajeben hätte, Sie aber wären denn +ooch+ noch futsch jewesen! Denken Se bloß det Theata! Un da soll man zu +schweijen+? Un keene Jardinenpredigt halten?“ -- „Bedenken Sie, ich habe eine +rote+ Gardine -- bin ein Ketzer! +Mein+ Gewissen kriegen Sie so leicht nicht unter. Was ich wollte, war ja ganz brav -- daß die Geschichte anders ablief, war ~Force majeur~! Haben Sie nicht vernommen, wo der Kerkerschlüssel war? Im Kastanienbaum hängen geblieben! Ist das nicht höhere Gewalt? Sie wissen doch aus der Bibel, daß kein Sperling vom Dache, kein Haar von unserm Haupte fällt ... Sehn Sie, Bolle, nu bin +ich+ der Fromme!“ -- „Keene Zicken, Herr Dokta! Der Fall is ernst! Ick will zujeben, mit die Schlissel, det mag Forsse jewesen sind ... Aber wat jing denn vorhea? +Jekneipt+ haben Se -- int Waldhaus haben Se +Pilsena+ jekneipt -- un +jesungen+ haben Se un +jestampft+. War det +ooch+ Forsse? +Leichtsinnig+ war det! Denn nu hören Se mal, wat jeschehn is! Uff die Stunde, wo Sie kommerßi’an wie’n Studente, kommen wir Beamtens von unsere Razzia zurick -- und wie ma nu in’t Restorang det Singen un Klawezimbeln heeren, da kricht unser stellvatretender Amtsvorsteha nich iebel Lust, +ooch+ een Pils zu jenehmigen. Mein juta Jeist raunt mich zu, det ick abraten soll. Erlauben Se, Herr Amtsvorsteha: de Polizeistunde is längst vorbei, un wenn Sie inkehren täten, könnten unsre Friedrichshäjer skandali’an von wejen det beese Beispiel ... Ja sehn Se, Herr Dokta, det hat jeholfen -- Kuhlicke stand von sein Vorhaben ab -- un ick war jerettet. Aber um +een+ Haar ... Ja ja, Herr Dokta, stellen Se sich vor, unsa Staatsjefangena, wo den doch janz Balin un de deitsche Presse ins Ooge behält, der wäre, statt hinta Schloß un Riejel zu brummen, von den Amtsvorstand nachts quietschverjnügt in de Kneipe anjetroffen! Haste Töne? Hurrejott, eenen Weltskandal hätte det jejeben! Un Ihnen? ja wat meenen Se woll, wohin man +Ihnen+ jestochen hätte?“ -- „Ergreift ihn, Knechte, bindet ihn!“ deklamierte ich -- „bringt ihn zu Schiff nach Küßnacht -- wo weder Mond noch Sonne ihn bescheint!“ -- „Spotten Se man noch! Wenn ick nu die janze Zicke zur Meldung brächte, wat? Un wenn der Amtsvorsteha nu selbstmurmelnd saachte: jetzt hat et jeschnappt mit de Vajinstejungen? Wat meenten Sie denn +da+derzu, Herr Dokta, wat?“ -- „Ich würde protestieren -- würde laut erklären: das ist ungerechtfertigt! Daß ich mich nicht absichtlich von meiner Haft gedrückt habe, liegt auf der Hand. Bedenken Sie doch, Bolle, wie brav ich mich gehalten habe, als Sie mir damals, ganz aus freien Stücken, den Kerkerschlüssel eingehändigt hatten -- wenn ich das nun geltend machte?“ Ängstlich starrte mich Bolle an und meinte bitter: „Kiekste aus +die+ Luke? Ha’k Ihnen nich jebeten, halten Sie det jeheim?“ -- „Will ich ja auch, Bolle! Aber Sie selber rollen diese Akten auf.“ -- „Ach, ick rolle nich!“

In diesem Augenblick erscholl es vom Gefängnisflur wie Echo, in männlichem Baß nach bekannter Opernmelodie: „Ich ’rolle nich! Dreimal verlornes Lieb, ich grolle nicht!“ Der Kreispfiffikus natürlich. „Was is denn los bei Ihnen? Ich traue meinen Ohren nicht, wie ich dieser Klause nahe. Ein Lyriker freilich haust darin -- aber daß er nun auch noch unsern Bolle angesteckt hat, und daß der Reime macht wie Rolle auf Bolle ... Was gibt es denn hier zu rollen? Diese Zelle war allerdings früher eine Waschküche -- wollen Sie auch noch eine Rollkammer draus machen, wie?“ Bolle belächelte die Kalauer des Arztes und sah ihn forschend an -- ob er auch nicht zuviel gehört hätte. „Ja gucken Se man, Bolle! Sie haben allen Grund, mißtrauisch zu spähen, ob man’s Ihnen gegenüber nicht despektierlich meint. Ach Himmel, erbarm dich! Sind +Sie+ ein forscher Polizeier! Und überhaupt Ihr von der Greifgarde! Nein, diese nächtliche Treibjagd auf Müggelpiraten! Unser Häftling ist natürlich Unschuldswurm -- in die Klausur seiner Eremitage dringt nicht das Lärmen der wüsten Welt -- wo man nachts in den märkischen Wäldern mit Pistolen Löcher in die Natur schießt ... Also vernehmen Sie, stiller Klausner, was für Romane unsre sonst unromantischen Landsleute von Abdera anrichten! Klingelt da gestern Abend im hiesigen Amtsbüro wie besessen das Telephon. Klempnermeister Kuhlicke, von diesem Lärm gleich aufgeregt, fragt: was is denn los? Da meldet jemand, bei Rahnsdorf hätten die berüchtigten Müggelpiraten einen Rentner ausgeplündert, und es wäre nötig, eine Razzia auf sie zu veranstalten -- von Osten her würden Freiwillige aus Schöneiche den Wald absuchen, von Westen her sollten die Friedrichshäger kommen. Also gut! Von heiligem Eifer besessen, sammeln sich Gendarme, Amtsdiener, Feuerwehrleute unter der Führung unseres schneidigen Kuhlicke. Scharf geladene Pistolen sind dabei -- und man zieht los -- mit zwanzig Schritt Abstand -- wie eine Treibjagd. Rehe und Karnickel haben sie aufgescheucht, von Piraten keine Spur. Wie schließlich unser tapferer Bolle seine Pistole losgebrannt hatte, gab die Obrigkeit die letzte Hoffnung auf, eines Piraten habhaft zu werden.“ -- „Ei, Herr Bolle?“ fragte ich, „auf wen haben Sie denn geschossen?“ Zögernd kam die Antwort: „Na, wenn man so im Dustern nach Raibers sucht un pletzlich wat kauern sieht, da soll man nich jraulich werden? Ick also rufe an -- un damit der Pirat mich nich zuvorkommt, brenne ick los. Nu kommen meine Kameraden jerennt: Wo denn? Die Jestalt kauat noch immer un riehrt sich nich.“ -- „Na und? Haben Sie ein Tier totgeschossen?“ Und Bolle mit wehmütigem Lächeln: „Een’ Wacholdabusch! In die Finsternis sieht so’n Aas wie’n Indevidejum aus.“

Das Lachen des Kreispfiffikus klang hinterhaltig. Dann stand er breitspurig vor Bolle: „Ist das alles? Offenbar haben Sie noch keine Ahnung von dem, was jetzt als Gerücht wie ein Steppenfeuer durch Fritzenwalde eilt und bereits von den Setzern des Lokalanzeigers schnellfingerig verarbeitet wird. Eben, wie mein Wagen durch die Wilhelmstraße fährt, ist neben dem Hause des Klempnermeisters Kuhlicke ein Auflauf. Da ist doch die Villa der emeritierten Sängerin, die bloß im Sommer hier wohnt. Und ich höre von den Leuten: Erbrochen ist die Villa -- gründlich ausgeplündert -- und alles ist sich darüber einig, kein anderer war das als die Müggelpiraten. Um euch Ordnungshüter abzulenken, haben sie selber ans Amt telephoniert -- und während ihr Greifpolypen auf Wacholderbüsche knalltet, haben sie in aller Gemütlichkeit ihr Handwerk ausgeübt.“ -- An den Kopf griff sich Bolle: „Au Backe!“ und stürmte fort. Nicht einmal, daß er die Frage erledigte, wer denn mein Gefängnis abschließen solle.

Aschenputtel und der Lizentiat

Als Aschenputtel nach seinem Tanz mit dem Königssohn das Ballkleid zum Grabe seiner Mutter zurückgebracht hatte, saß es wieder in seinem grauen Kittelchen am Küchenherde, wo es in der Asche schlafen mußte, und klaubte beim trüben Öllämpchen die verschütteten Linsen aus der Asche. -- Dies Märchen handelt von der ganzen Welt. Träumen wir nicht von einem Reiche Gottes, wo alles, was Menschenantlitz trägt, von Verachtung erlöst, mit Hoheit bekleidet wird? Der Mensch unserer Wirklichkeit aber, wofern er nicht wie Aschenputtels Stiefschwestern Gold und Diamanten hat, darbt in Schmach, und da mag er selber sehen, wie er sich aufrafft.

Anlaß zu solchen Betrachtungen bietet nicht bloß ein großes Gefängnis, wo massenhaft Krüppel unserer Gesellschaft hausen, sondern selbst ein dörfliches Arrestlokal, wie ich eins bewohnte. Während des milden Spätherbstes war ich der einzige Insasse. Als ich meine Verwunderung darüber äußerte, meinte Bolle: „Warten Se man! De Kundschaft wird schonstens kommen. Wo jetzt noch so’n richtija Olleweibasomma is, da sinn de Walzbrieda noch bei Mutta Jrien oder uff’n Heiboden. Spaß macht det Fechten bloß in de +milde+ Jahreszeit. Wenn se aber Schnee riechen, denn beißen se in den sau’an Appel un kriechen zu uns -- wie Kieken bei ihre Klucke untakrauchen. Also uffjepaßt, Herr Dokta, wenn’t kalt is, denn blüht hier det Jeschäft.“

Ich glaubte bereits, das Geschäft beginne zu blühen, als ich durch Getümmel aus dem besten Schlafe gescheucht wurde. Und doch war noch laues Wetter, nicht einmal Regen -- der Mond beleuchtete den Gefängnishof. Am lärmenden Wortwechsel, der hier stattfand, merkte ich, daß ein Widerspenstiger in Haft kommen sollte. Zwei Nachtwächter hielten ihn gepackt, mit Fußtritten wehrte er sich, die Hände waren ihm auf dem Rücken gefesselt. Ein fortwährendes Stoßen, Balgen und Schimpfen. „Ihr Hunde, ick habe mit eich noch nich de Schweine jehüt’t. Bin een +ordentlicha+ Kerl! Wat duht ihr eich dicke mit eire Uneform? Der eene Nachtrat is in Balin Kanalrutscha jewesen -- un der andere ...“ -- Diesen Zornerguß unterbrachen ein paar schallende Hiebe; der Verhaftete hatte sie weg. Nun war Bolle mit der Laterne da, dann rasselte das Gefängnisschloß. Von den Nachtwächtern gestoßen, flog der Verhaftete brüllend vor Wut in die Nebenzelle -- auf die Pritsche krachte er hin, als prassele ein gefällter Baum. Die Beamten hatten sich nicht aufgeregt, raunend entfernten sie sich, Bolle schloß zu, der Laternenschimmer, durch einen Spalt des Fenstervorhangs sichtbar, erlosch. Der Kerl nebenan tobte noch immer, schimpfte in Kraftausdrücken und heulte vor ohnmächtiger Wut. Allmählich wurden seine hervorgestoßenen Worte undeutlich, dann hörte ich ein Geräusch, als ob er an seiner Tür herumsäge. Er schnarchte -- der Schlummergott hatte seinen Mantel über ihn gebreitet.

Als morgens Bolle aufschloß, war der Häftling kirre. Bolle, der ihm Mehlsuppe brachte, redete ihm gütlich zu, und der Häftling bat um seine Freilassung. „Blechen Se man -- denn is allens jut! Sonst missen Se weitabrummen.“ -- „Drei Mark is zu ville, +eene+ will ick zahlen.“ -- „Se sinn woll überkandidelt?“ Nachdem der Disput noch eine Weile fortgegangen, klimperte das Strafgeld, und der Bestrafte trollte in seine Freiheit zurück. Bolle kam zu mir herein: „Wat +hat+ nu so’n Schafskopp dadervon?“ -- „Was hat er denn angestellt?“ -- „Ruhesteerenden Lärm! In seine Besoffenheit macht det Luda allemal Krach. Un denn will e’ nich blechen. Nu is e’ seinen Dahler los -- aber freilich bloß seine Familie hat den Schaden. De Frau schuftet, un de Kinder ham keen Schmalz uff de Stulle.“ -- „Der Nutzen Ihrer Strafanstalt kommt mir ziemlich fragwürdig vor.“ Der Amtsdiener zuckte die Achseln. --

Der Winter war hereingebrochen. Verschneit lag der Hof, im pfeifenden Winde stöberten Flocken aus finsterem Gewölk. „Son richtijet Wetter for arme Leite! Nu jeht det Arrestjeschäft los.“ Und Bolle brachte einen Landstreicher. Als ich das Gesicht zu sehen bekam, war ich erstaunt. Dieser Greis hatte etwas Ehrwürdiges -- mit dem langen, weißen Bart sah er wie Lear aus, der irre König bei Regen und Wind. In die Zelle seines Vorgängers eingeliefert, benahm er sich still.

Bolle kam zu mir herein. Auf meine Frage nach dem Ankömmling gab er den Bescheid: „Wat soll so’n oller Mensch anders machen als betteln, wo ihn +doch+ keener zum Arbeeten annimmt.“ -- „Warum bleibt er nicht am Orte, wo er Heimatsberechtigung hat?“ wandte ich ein. Der Amtsdiener schüttelte den Kopf: „Seine Verwandten sinn doht -- un eene Flebbe hat e nich -- will sagen, keenen Ausweis ieba seine Personalien. In ein Dorf bei Kistrin will e geboren sind, aber da antworten se: det kann +jeda+ sagen! ma wissen von nischt!“ -- „Er hätte doch eine +neue+ Heimatsberechtigung erwerben können.“ -- „Ja, wenn e’ zwee Jahre an eenen Ort jearbeet hätte -- aba so lange hat e keen Sitzefleisch nich gehatt -- oda man hat ihm nich behalten -- un nu heeßt et: een jewohnheitsmäßija Landstreicha -- un alt un jrau is e dabei jeworden -- un bleibt ihn nischt iebrig als zu fechten. Wenn e denn nu jefischt wird, denn wird e injespunnt un wird zu Arbeetshaus vaknackt. Kaum is e’ wieda frei, denn jeht det Jeschäft uffs Neie los -- imma so im Kreise rum, wie son olla Jaul, wo den Jeepel von die Dreschmaschine dreht.“ -- Düster fügte ich hinzu: „Mit dem Unterschied, daß im vorliegenden Falle der Göpel leeres Stroh drischt. Bei dieser Art, das Volk zu bessern, kommt nichts heraus als Unsinn, gesteigertes Elend, völlige Zerrüttung der Sitten.“ Bolle mochte nicht widersprechen, ich fuhr fort: „Sind in Ihrer Praxis mehrere solcher Fälle vorgekommen? so verzwickter, verzweifelter Art?“ -- „Dausende un aber Dausende von sonne arme Leite walzen durch de Welt, un wenn all ihre vajossenen Tränen zusammenkämen, eenen +See+ jäbe det wie unsre Müjjel. Wenn +mich+ so wat passierte wie den ollen Mann, ick wüßte bloß +eenen+ Ausweg: +Strick+ um ’n Hals!“

Das Schicksal, das auf meinem Zellennachbar lag, erstreckte seinen Druck gewissermaßen auf mich. Ich war den Rest des Tages trübsinnig, bis mich schließlich Goethe tröstete, das Lesen in seinem Faust: „Solch ein Gewimmel möcht’ ich seh’n -- auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!“ Aus dem Schlafe weckte mich lautes Jammern einer männlichen Stimme. Über Faust eingeschlummert, mußte ich an den Türmer denken, wie er, zum Schauen bestellt, von seiner Warte soeben gejubelt hat: „Es sei, wie es wolle, es war doch so schön“ -- und wie er dann auf einmal wehklagen muß, weil dem alten Ehepaar freventlich die Hütte eingeäschert ward.

Jetzt wurde mir bewußt, die Wehklage komme von dem Greise nebenan. Der Morgen dämmerte. Das Schluchzen war herzzerreißend -- zwischendurch erfolgten grollende Flüche. O welch ein Morgengebet! Ich konnte das nicht untätig anhören und fuhr in die Kleider. Da meine Tür nicht verschlossen war, ging ich auf den Gefängnisflur und klopfte an die Nebenzelle. Das Weinen verstummte, und ich fragte: „Kann ich etwas für Sie tun?“ Kleinlaut kam die Antwort: „Wer sind Se denn?“ -- „Ich bin der Arrestant nebenan!“ -- „Ach so! Da ha’k Ihnen woll +jesteert+ mit mein ollet Jeflenne?“ -- „Ich meine bloß, ob man Ihnen irgendwie helfen kann? Mit etwas Geld?“ Hohl wie aus einer Höhle scholl es zurück: „Mich kann keener helfen! Int Arbeetshaus schon wieder! Un +immer+ wieder! Un ick bin schon so’n +oller+ Mensch -- helfen kann mich bloß der +Dod+.“ Er schluchzte auf und weinte vor sich hin. Erschüttert schwieg ich. Dann meinte er etwas ermutigt: „Von Jeld sprachen Se? Aber wat ha’k jetzt dadervon! Meine Barschaft muß ick doch +abliefan+. Wenn wenigstens noch wat in meine +Pulle+ wäre! Haben Sie denn keenen Droppen?“ -- „Den sollen Sie haben, sobald der Amtsdiener kommt -- das heißt, wenn er’s erlaubt. Aber halt! Hat Ihr Fenster eine Klappe? Dann greifen Se mal raus, nach unten! Ich werde die Flasche an einen Faden binden und aus dem Fenster raus zu Ihnen rüber schwenken.“ -- „Duhn Se det, juter Herr!“

Wieder in meiner Zelle, nahm ich eine Flasche Turiner Wermut, die ich gerade vorrätig hatte, wickelte sie in Packpapier und schlang einen Strick herum, mit dem ein Paket verschnürt gewesen. Dann ließ ich die Flasche aus meinem Fenster hängen und schwang sie pendelartig. „Höher!“ rief mein Nachbar -- nun wurde der Strick mir aus der Hand gezogen, die Flasche war angelangt. Ich ging abermals auf den Flur und hörte den Alten lachen: „Jesehn hat keena wat -- so’n Rotkragen is +doch+ ’n dummet Luda! Ha, is +det+ n’ Droppen! Der wärmt! ’n Jlühstrumpf is jut for Eisbeene!“ So war der Sorgenbrecher nebenan eingekehrt -- vielleicht der einzige, den es im vorliegenden Falle gab. Doch nein -- es sollte noch ein anderer kommen.

Als mein Nachbar lange Zeit still geblieben war, kam mir der Verdacht, er könne sich ein +Leid+ angetan haben. O weh, ich hatte ihm mit der Flasche einen +Strick+ beigebracht! Ich mußte Gewißheit haben -- und für den Fall, daß noch nichts Schlimmes geschehen, wollte ich mir den Strick zurückgeben lassen. Nicht doch, das hätte den Mann stutzig machen und erst recht auf Selbstmord-Gedanken bringen können! Ich horchte -- da hörte ich ihn schnarchen -- tief atmete ich auf.

Gleich darauf kam Bolle und ließ zu mir einen Herrn eintreten. Es mochte ein Dreißiger sein, er war lang und hager, trug einen nagelneuen Überzieher und, bei dem Schneegestöber etwas befremdend, Zylinderhut und Glaceehandschuhe. „Szteinßpängler ist mein Name!“ sagte er mit einer Verbeugung. Ein freundliches Gesicht. Bis auf den blonden Backenbart rasiert. An einen Lakai zu den Zeiten des alten Wilhelm hätte er gemahnt, wäre nicht ein kindlicher Zug gewesen und das Kennzeichen des Gelehrten, die Brille. „Lizentiat Szteinßpängler!“ fügte der Besucher hinzu.

Ein Theologe? Was wollte der von mir? War auch er der Kirche abtrünnig? Oder wollte er mich zurückbekehren? -- „Legen Sie gefälligst ab, Herr Lizentiat!“ sagte ich, und Bolle fügte gönnerhaft hinzu: „Ja woll, hier is injekachelt, da kann man sich de Lamängs anwärmen. Aber draußen, hu hu, da jibt et Eisbeene jratis!“ Steinspängler ließ sich seine Garderobe abnehmen, Bolle hing sie auf den Flur und verließ uns. „Womit kann ich dienen?“ fragte ich, als der Gast auf dem Stuhl Platz genommen hatte, während ich auf meinem Bette saß.