Das Gefängnis zum Preußischen Adler
Part 16
Als ich bei Norskeborg die Türklingel gezogen, öffnete mir die Haushälterin Fröken Ingrid, eine stattliche Bauerntochter aus Schonen. Von dort stammte auch Olaf Norskeborg, der Sprosse eines alten Bauerngeschlechts. Eben trat er zu mir auf den Flur, wo ich den Mantel ablegte. Ein schlanker Dreißiger, blauäugig, mit blondem Schnurrbart, etwas nervös. Die Röte seiner durchsichtigen Wangen ließ merken, daß er animiert war -- sonst bewahrt das Angesicht dieser Skandinavier frostige Unbeweglichkeit. Seine Augen drückten Staunen aus: „Ssie ßind nicht im Gefängnis? Ihre Frau ßagte doch, wie?“ -- „Ich gehöre allerdings hinein -- doch es behielt mich nicht -- hat mich ausgespieen wie der Walfisch den Propheten Jonas -- und, was komisch ist, momentan kann ich nicht zurück -- der Kerkerschlüssel ist verlegt.“ -- „Ssonderbare Ssasche,“ lächelte Norskeborg -- „aber famos! Kommen Sie! Strindberg ist da -- auch Przscki -- Sie kennen doch den Polen?“ -- „Aus der Freien Bühne, ja! Und wie steht es mit meiner Frau? Ist sie da?“ -- „Noch nicht -- hat aber zugeßagt.“ -- „Immer noch nicht? Welche Verwicklung! Doch spaßhaft, sich treiben zu lassen von diesem krausen Wellenspiel!“
Norskeborg führte mich ins Speisezimmer, es war eng, wie das ganze Häuschen. Mit lärmender Heiterkeit empfing mich Frau Lina Norskeborg. An dem Ehepaar war ersichtlich, wie sich die Extreme anziehen und verbinden. Jedenfalls ergänzte sie seine Mädchenhaftigkeit durch männliche Massivität, seine sanfte Stimme und Wortkargheit durch eine derbe Beredsamkeit.
August Strindberg, dem ich nun vorgestellt wurde, war mittelgroß und kräftig, schlank und elastisch, obwohl er hoch in den Vierzigern war. Hinter seiner felsenhaften Stirn lauerte finstres Grübeln. Die Locken verrieten rebellische Wühlerei. Das graublaue Auge schien nicht nach außen gerichtet, sondern mit verstecktem Innenleben beschäftigt; wenn es aber die Außenwelt fixierte, fehlte selten ein Zug des Mißtrauens. Die kartoffelförmige, oben etwas platt gedrückte Nase ließ auf lappländisches Blut schließen. Eine Mischung von Trotz und Geziertheit sprach aus dem kleinen, dicklippigem Munde. Nach oben spreizte sich ein kurzes Schwedenbärtchen, eins aus dem Dreißigjährigen Kriege, während über dem zurückliegenden Kinn, das winzig wie ein Knopf war, eine sogenannte Fliege saß.
Darf man Persönlichkeiten mit Getränken vergleichen -- und in mancher Gesellschaft liegt dieser Vergleich gewiß nicht fern -- so hätte für Strindberg das schwere und zähe, dunkle, bittere Porterbier gepaßt. Was ferner den Polen Przscki betrifft, so würde ihm moussierender Schnaps entsprechen, wenn es welchen gäbe. Ich meine etwas brennend Prickelndes und Aufrüttelndes. Wenn er zu mir sprach, kitzelte es in meiner Nase wie Kohlensäure oder Schnupftabak. Schon sein Name wirkte so -- sieben zischende Konsonanten mit dem Fistelgezwitscher des einen Vokals -- in echter Aussprache klang es fast wie „pschih!“ Als ich ihm zum erstenmal begegnet war und er sich mir vorstellte, meinte ich, dieser Herr, der sich vor mir verneigte und dabei „pschih“ sagte, wäre von einem +Nies+-Kobold überfallen, und so hatte ich mit lächelnder Höflichkeit erwidert: „Pröstchen!“ Übrigens tränten die mattblassen Augen des Polen, als habe er Schnupfen. Paßte das Schlagwort Decadence nicht im mindesten auf Strindberg, so desto besser auf Przscki. Seine schmächtige Gestalt hatte etwas Zusammengesunkenes. In den bleichen Zügen des schmalen Blondkopfes verschmolzen slawische Sinnlichkeit und romantische Träumerei mit dem ironischen Aufbegehren eines geknechteten Edelvolkes, und es war, als müsse dieser polackische Byron seine schwermütige Schlaffheit immer von neuem aufpeitschen durch einen Ruck seines Motors -- will sagen durch einen Schluck aus dem Weinglas, das er hin und wieder mit Kognak füllte. Überhaupt hatte an Norskeborgs Tafel die Abstinenz nichts zu schaffen, zumal sie auch sonst in jener guten alten Zeit fast bedeutungslos war.
Da ich die Tafel erwähnt habe, so interessiert es vielleicht, daß sie schwedisch hergerichtet war -- als Buffet, wo bei einem Rondell von Tellern, einem Wall von Messern und Gabeln pikante Konserven und allerlei kalte Schüsseln den Appetit herausforderten. Der Fisch spielte die Hauptrolle; es gab Ölsardinen, Sylt und Geleefisch, geräucherten Lachs und sogar ein Kleckschen Kaviar, dann natürlich Hering, viel Hering -- Hering in verschiedener Bereitung: salzig, sauer, geräuchert, gebraten, auch als Salat. Neben all diesem zarten Fleisch der See war auch solches von Land- und Lufttieren vertreten: Bratenreste, Schinken, kaltes Huhn ... Obwohl es Winter war, hatte Frau Flora eine Deputation gesandt: Sellerie als Salat, rote Rüben, Salzgurken, sogar etliche Scheibchen Gurkensalat, dazu Petersilie als garnierende Augenweide. Den Haupteffekt dieser Schlemmertafel bildete ein warmer Gang, den plötzlich die Walküre Ingrid auftrug; ihre Wangen glühten vor Stolz über ihre Leistung. Für Gulasch hielt ich dies geschmorte Fleisch, doch sonderbar, nicht pfeffrig war’s, sondern süß -- und Strindberg liebte es +noch+ süßer, er tat aus einer Streubüchse Zucker darüber. Vollends wie in Schweden fühlte er sich, als Ingrid gezuckerten Käse und selbstgebackenes Anisroggenbrot anbot. Fleißig ging die Aquavitflasche herum; für den massiveren Durst sorgte eine Bierbatterie.
Während dieser Schlemmerei blieb die Unterhaltung einsilbig auf Seiten der Herren, die sich ans Materielle hielten. Unermüdlich haspelte Frau Lina allerhand Geistreichigkeit herunter. Von nordischen Literaturgrößen plauderte sie. Vom apothekerhaften Analytiker Ibsen mit der beobachtend scharfen Brille und den verkniffenen Satirikerlippen. Vom deklamierenden Freiheitsprotzen Björnson. Vom dänischen Literaturdiktator Brandes und seinem Lieblings-Café in Kopenhagen. Nun sprang Frau Lina auf die Geschichte der deutschen Dichtung über. Ich hatte den Hainbund erwähnt, da orakelte sie von der „Pariser Matratzengruft“, wo es nicht so viel Rückenmark gebe, wie in den „Barden-Konventikeln von Göttingen“. Als ich um Deutung dieses Tiefsinns bat, stellte sich heraus, daß sie Heine für den Gründer des Hainbundes hielt. In seiner Pariser Matratzengruft habe er immer noch Esprit genug besessen, um dem Barden Klopstock, der sich von abgefallenen Eicheln deutscher Urwälder gemästet habe, endlich den verdienten Genickfang zu versetzen. Przscki, der genug von deutscher Literatur verstand, prustete in diesem Momente, daß wir glaubten, Aquavit sei ihm in die unrechte Kehle gekommen. Dann faßte sich der edle Pole aus der Polackei und wollte der Dame des Hauses seine jubelnde Huldigung zu Füßen legen. Olaf Norskeborg, wie ein junges Mädchen errötet, berichtigte die phantasievolle Gattin dahin, daß der Hainbund ja bereits dreißig Jahre vor Heines Geburt, in einem Haine bei Göttingen, gegründet worden -- und so weiter. Frau Lina machte große Augen und meinte in ihrer ostsee-russischen Mundart: „Näin, werklich? Ech dachte ümmä, der Häinbund wäre von Häine jejründet ... Abä Olaf, was starrst de mech an wie Jrillparzers Ahnfrou? Schräib lieber äin Feuilleton über däine phänomenalen Kanntnisse!“ Verlegen zuckte Olafs Schnurrbart über der schmollenden Oberlippe.
Das Peinliche der Situation suchte ich wegzuscherzen: „Solche kleinen Verwechslungen sind oft lustig. Sie beruhen auf einer Ideen-Assoziation, die an Stelle einer Vorstellung eine ähnliche schiebt -- was bei geistreichen Leuten vorkommt. Die Geschichte vom Oranienburger Bürgermeister gehört hierher -- kennen Sie die?“ -- „Ach bette, Dokterchen, scheeßen Se los!“ -- „Na also! Es war zu den Zeiten, als Amadeus Hoffmann mit seinem Freunde Devrient nach dem Theater in der Weinstube von Luther und Wegener kneipte. Hier fanden sich allerlei Musenjünger zusammen, es kamen auch Neugierige aus der Provinz. In einer süffigen Sommernacht, als die Wellen der Unterhaltung gemütlich plätscherten, wandte sich ein Fremdling, ein Aktuarius, an seinen Nachbar: ‚Hären Se, mei Kudester! Wer is Sie tenn eechentlich der keistreiche Herr triebn, der son Kopp hat wie Alegsander von Humpoldt?‘ -- ‚Ah, Sie meinen den Tieck!‘ -- ‚+Was+ saachen Se? Ter Dieck is tas? Ter beriehmde Ginstler? Ei Herrjemersch! Un ta pleibt alles meisjenstill? Keener, der sich uffschwingen duht zu eenem gleenen Doaste uff Diecken un die scheenen Ginste? Mer wärn uns toch nich lumben lassen!‘ Und entschlossen klingte er an sein Glas, erhob sich und sprach mit verzücktem Lächeln: ‚Wenn geener nich ne Lippe riehren duht, nähmen Se mersch nich iepel, ich pin so frei -- un tie Kefiehle, die uns pei tiesem eenzichen Rendezvous erläsener Scheenkeister besälichen duhn, lassen Se mich tiese Kefiehle zusammenfassen in tas wunterscheene Schillerwort: Seid umschlungen Millichonen! Stoßen Se alle prieterlich an -- un verstehn Se meine zarde Anspielung, wenn ich nu eenfach rufe: Fifat Oranichenburch!‘ Willig erhob sich alles -- obwohl man nur stutzig in das rätselhafte Vivat einstimmte. Mit stolzer Begeisterung aber sprang unverzüglich ein dickes Männchen auf, das wie ein wohlhabender Ackerbürger aussah: ‚Meine Herren! Ihr Vivat ehrt un rührt mir. Ja doch, ick bin der Bürjermeester von Oranienburch, wo heite Jeburtstag feiert, un bin aus mein obskuret Städtken nach Berlin jereist -- un wollte mal diesen illustren Kreis von Schenies sehn. Meine Herren, ermessen Se meine Freide, wie mir nu so unerwartet diese Ovation widerfährt! Meine Herren, ick lade Ihnen alle zu eene Punschbowle in, von die wir uns schließlich abkühlen wollen mit een Jläsken Schlampagnerwein.‘ Allerseits frohe Bewegung. Um den Aktuar, der mit seinem Toaste diesen Erfolg zustande gebracht, bildete sich eine raunende, staunende Gruppe, doch man hörte ihn protestieren: ‚Ich +genne+ geenen Berchermeester von Oranichenpurch! Wie soll ich’n taderzu gommen, eene so elentichliche Gleenstadt läpen zu lassen? Ich meene toch nadierlich tas +perihmde+ Oranichenburch!‘ Was er mit dem ‚berühmten‘ Oranienburg meinte, kam erst heraus, als sich bei dampfender Bowle der zierliche Kammergerichtsrat Hoffmann erhob, während seine Kateraugen funkelten und über sein nervöses Gesicht ein Wetterleuchter guter Laune zuckte: ‚Meine Herren! Wir kommen zu dieser Bowle wie die Magd zum Kinde. Doch weil sie nun einmal ihr lockendes Arom in unsre Nüstern haucht, wollen wir dankbar trinken auf das Wohl des Geburtstagskindes und seiner ehrenfesten Stadt. Aber das Vivat Oranienburg, das vorhin der Herr Aktuarius ausgebracht hat, beruht auf einer Kette von Verwechslungen. Anlaß dazu gab der an unserer Tafel sitzende +Bildhauer+ Tieck. Als der Herr aus Leipzig diesen zwiefach berühmten Namen hörte, verwechselte er ihn mit dem +Dichter+ Tieck, verwechselte diesen auch noch mit dem Dichter +Tiedge+, verwechselte Tiedges Dichtung ‚+Urania+‘, die heutzutage in aller Munde ist, mit +Oranien+ -- verwechselte dieses endlich mit dem reizenden Städtchen +Oranienburg+ -- dessen Bürgermeister zufällig -- doch nein: der nach dem feinsinnigen Ratschluß der olympischen Tafelrunde heute seinen Geburtstag feiert, ausgesucht an dieser Stätte, und ...‘“
Hier unterbrach mich Frau Linas robustes Gelächter.
Goldmacherei und Strindbergs Koffer
Da Przscki aufsprang und mir einen schelmischen Wink gab, folgte ich ihm ins Nebenzimmer: „Hörren Sie!“ sagte er lebhaft, „ich habbe serr einen gutten Witz -- Sie müssen dichten parr Verse auf Strindberg ... Sie habben doch gehörrt von sein Koffer -- den man soll habben gestollen --? Abber is nich warr -- is sich geblibben stehn auf Bannhof Friedrichstraß -- und hirr is er nun! Jetz abber der Strindberg! Das alles er weiß nicht! Soll sein Überraschung. Wirr machen dramattische Szenne.“
Vergnügt ging ich auf den Plan ein, während Fröken Ingrid die Tür nach dem Speisezimmer abschloß und mit dem Polen das festliche Arrangement des Koffers vornahm. Außer den gewünschten Versen verfaßte ich noch einen Brief, mit dem der Dieb die Rücksendung des „wertlosen“ Koffers begleitete. Przscki schmunzelte: „Serr gutt“, und nach Verabredung der Rollen kehrten wir ins Speisezimmer zurück.
Hier fand ich nun endlich meine Frau. Bei einem Abendbesuche, den sie Streitmüllers Tante gemacht hatte, war sie etwas lange verweilt. Daß sie mich hier antraf, stimmte sie zu lebhafter Lustigkeit, und selbst die trockenen Schweden waren davon angesteckt, nachdem sie die Einzelheiten des Schlüsselabenteuers vernommen. „Der Karkerschlüssel liecht also noch ümmä vor Ihrer Badestube?“ fragte Frau Lina. „Ja doch“, versetzte ich, -- „und so konnte ich nicht in mein Gefängnis zurück -- man hätte den Schlosser holen müssen -- aber das hätte Aufsehen gemacht.“ Przscki erhob eins der dampfenden Toddygläser, die Ingrid jetzt auf einem Präsentierteller nebst Zucker und Zitronenscheiben anbot: „Feiern wirr also Heimkerr von verlorrene Sohn -- verlorrene Kerkerschlüssel -- und, hoffen wirr, auch von verlorrene Koffer.“ Aus seiner siegesgewissen Miene entnahmen Norskeborgs, die ja in unsern Plan eingeweiht waren, daß die Vorstellung beginne, und Frau Lina meinte mit gespielter Wehleidigkeit: „Ja dänken Se sich, Dokterchen, Strindbarjen säin Koffer is ouf em Bahnhof Freedrichstraße jestohlen.“ -- „Wirklich gestohlen?“ antwortete ich zweifelnd -- „haben Sie denn schon auf dem Fundbüro angefragt?“ -- Düster winkte Strindberg ab, als sei die letzte Hoffnung entschwunden. -- „Werr kann wissen!“ Und der Pole stimmte eine Gitarre. „Ach ja! Speelen Se!“ animierte Frau Lina, und Przscki deutete auf mich: „Hirr derr freie Voggel, aus Käfig ausgeschlüpft, muß singen -- ich begleite -- singen wirr Volkslid schweddisches mit Text deitsches -- frisch verfaßt von deitsche Lirriker.“ Und sein Präludium leitete die schwedische Weise ein: „Mägdelein hielt Tag und Nacht -- traurig an dem Spinnrad Wacht ...“ An des Polen Seite sang ich die improvisierten Verse: „Strindberg hielt Tag und Nacht -- grübelnd an dem Schreibtisch Wacht ...“ Ich schilderte seine Sehnsucht nach dem Liebchen Gold, wie er in Paris das alchymistische Rezept zu Papier gebracht habe und siegesgewiß gen Osten gereist sei, um mit seinem Freunde Olaf im verschwiegenen Fritzenwalde ganze Klumpen Goldes zu bereiten. Tremolierend besang ich, wie ihm dicht vor dem Ziel ein Berliner Spitzbube den Koffer samt dem Goldrezepte gestohlen habe, und wie er diese Untat wohl noch übertrumpfe, indem er die Manuskriptblätter als Fidibus für seine Tabakspfeife verwende ... In tiefer Schwermut schloß das Lied unter harfender Begleitung: „Hoffe, Alchymiste mein! Morgen kommt der Koffer dein! -- Strindberg sann, die Zähre rann -- nie doch kam der Koffer an!“ Da saß nun der Goldmacher am Grabe seiner Hoffnung und zerwühlte die Lockenmähne. War bei den ersten Strophen ein gequältes Lächeln über sein Gesicht geschlichen, so rann jetzt eine wahrhaftige Zähre herab.
Da war es an der Zeit, das grausame Spiel in Wohlgefallen aufzulösen. Auf einen Wink des Polen öffnete Fröken Ingrid die Tür -- und sieh, auf einem Schemel stand der betrauerte Koffer, mit Tannenreis umkränzt, mit brennenden Lichtlein besteckt, daß man meinen konnte, es sei hier Weihnachtsbescherung. Ungläubig staunend starrte Strindberg auf den Koffer und auf das beiliegende Manuskript, streifte die Anwesenden mit einem durchbohrenden Blick und schlich mißtrauisch zum Koffer. Aufleuchtenden Auges ergriff er das Manuskript, blätterte hastig darin, drückte es an sein Herz und begann einen stampfenden Tanz, den sein Landsmann Olaf sofort verständnisvoll begleitete.
Mein durchgebrannter Kerkerschlüssel
Von Stund an war Strindberg verwandelt. Seine Augen lächelten kindlich, heimische Weisen trällerte er vor sich hin, seine mürrische Schweigsamkeit war einer verbindlichen Plauderei gewichen. Nun ließ er auch in sein Ideenreich blicken. Zur Begründung seiner Lehre von der Goldbereitung führte er an, Gold sei kein Element, es gebe im Naturreiche kein starres Gefängnis, alles entwickele sich, lasse sich umwandeln. Silber in Gold.
Auf Norskeborgs Zureden holte Strindberg, der sich Veranlagung zur Malerei zutraute, ein Ölgemälde, mit dem er der unverstandenen Genialität der Stoffe seine Huldigung darbringen wollte. Eine Stranddistel wuchs auf bleicher Düne. Silbergrün glomm sie durch die Nacht, als lodere hier ein mystisches Sehnen des geringen Sandes, zum milden Silber des Mondes umgewandelt zu werden. Strindberg war befriedigt, als ich den Cherubinischen Wandersmann zitierte:
„Mensch, was du liebst, in das Wirst du verwandelt werden: Gott wirst du, liebst du Gott, Und Erde, liebst du Erden ...“
„Oh jö-hö, gewiß“, versicherte Strindberg, „wenn der Mensch sich transmutiert zu Gott, das ist oberste Alchymie.“ Mir war noch ein ähnlicher Spruch desselben Mystikers eingefallen:
„Die Goldheit machet Gold, Die Gottheit machet Gott -- Wirst du nicht eins mit ihr, So bleibst du Blei und Kot!“ --
Strindberg wurde wieder tiefsinnig und meinte fast düster: „Blei und Kot! Jö, das sind wir -- wollen aber nicht bleiben so! Und die einsame Silberdistel -- wissen Sie, was die ist? Unsere Sehnsucht.“ Seufzend fügte er hinzu: „Und ist meine Dornenkrone -- jö-hö!“
Was nun den Polen betrifft, so schien er die Transmutation seines Wesens mehr auf flüssigem Wege erreichen zu wollen, und Olaf vertraute mir die Hypothese an, nach dem Rezepte des Cherubinischen Wandersmanns werde dieser Kognakfreund im Himmelreiche ein Destillierkolben sein. Indessen bewährte sich rührend der musische Adel, der die Söhne Apolls -- und Przscki gehörte ja zu ihnen -- auch in ihrer Bezechtheit irgendwie an das Schöne gefesselt hält. Przscki behauptete, er müsse jetzt unbedingt ein Klavier haben, um die mystische Stranddistel in Tönen zu feiern. Übrigens sei es an der Zeit, daß man sich in Pilsener abkühle, und ich solle die Gesellschaft in eine Kneipe führen.
Da selbst die Dame des Hauses geneigt war mitzutun, so zogen wir allesamt ins Waldhaus, wo unter der hingebenden Obhut des dicken Wirtes ein tadelloser Urquell verzapft wurde und selbst zu vorgerückter Stunde ein fideler Kreis willkommen war. Diese Nachsitzung erquickte auch insofern, als der musikalische Pole dem Klavier seltsame Welten wühlender Töne entlockte, Schöpfungen Chopins. Von der dionysischen Nachtfeier erwähne ich nur noch, daß Strindberg mit Przscki Schmollis trank, weil beide den Russen haßten, der die Finnen wie die Polen tyrannisiert. Nun sollte Strindberg ein deutsches Lied nach der Melodie des Chopinschen Trauermarsches verfassen. Nachdem er seine Notizen gemacht, sang er zu den schleppenden Akkorden mit dem Ausdruck heißer Empörung -- die Scheltworte wurden durch Stampfen hervorgehoben --:
„Jetzt woll’n wir legen einen Schuft zu seinem Grab -- Speit ihm eure Flüche in den Höllenschlund hinab! Der Tyrann ist mausetot Und zu Ende unsre Not. Jö, begießen wir die Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!“
Wär’s Sommerzeit gewesen, so hätte in der Tat das Morgenrot zu unsrer Freiheit geleuchtet; doch mit ihrer langen Finsternis hielt die Winternacht unsre Schwärmerei nachsichtig verhüllt.
Es war mir nun doch lästig, ins Gefängnis zurück zu sollen, und ich entwickelte meiner Frau rebellische Ideen. Sie aber wies auf Gesetzlichkeit und Ordnung hin. Bei der Ankunft vor unsrer Wohnung wollte ich mir das Treppensteigen ersparen, meine Frau sollte den Kerkerschlüssel auf die Straße werfen. Harrend blickte ich zum Balkon -- die kahlen Äste der Kastanienallee zeichneten sich vom Wolkenflor ab, den matt der Mond durchleuchtete. Nun ging die Balkontür, meine Frau sagte: „Hier ist der Schlüssel! In ein Taschentuch gewickelt! Achtung!“ Und fliegen sah ich das schimmernde Tuch. Verdächtig war es, daß es flatternd niederschwebte, ohne daß etwas Schweres gefallen war. „Da ist nur das Taschentuch! Wo bleibt der Schlüssel?“ „Ich habe ihn doch eingewickelt!“ -- „Dann ist er unterwegs rausgefallen.“ -- „Na, das fehlte noch! Warte, ich komme mit der Lampe!“ Sie tat es; aber die Lampe wurde vom Wind verlöscht -- und wie wir auch suchten, kein Schlüssel zu finden! Als habe er beim Fluge durch die Luft einem Freiheitsgelüst nachgegeben und sich wie ein Vogel davongemacht. Vergnügt brummte ich: „Auch das eine Transmutation! Jö, begießen wir die Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!“ -- „Es klingt doch kaum glaublich, daß der Schlüssel abhanden gekommen ist; für eine faule Ausrede wird man das halten. Hilft nichts, Bruno -- du mußt zurück -- mußt Bolle rausklingeln. Wenn er’s erlaubt, kannst du ja zurückkommen und hier schlafen.“
Mir blieb nichts andres übrig, und ich trollte mich. Traulich, begehrenswert kam mir jetzt mein Gefängnis vor, wie es mondbedämmert mich grüßte mit seinen Gitterfenstern, und wie ich mir die mollige Robinsonklause ausmalte. Und jetzt sollte ich nicht hinein können? Sollte frieren wie ein Obdachloser? Ich zog die Glocke, gleich darauf wurde es hell bei Bolles, und aus dem geöffneten Fenster fragte der Amtsdiener scharf: „Sinn +Sie+ det? Na, endlich!“ Als ich mein Mißgeschick gebeichtet hatte, meinte er: „Det fehlte noch! Die Schlissel fort! Is +det+ ne Zucht!“ Dann klappte er das Fenster zu, redete unwirsch mit seiner Frau und kam mit einer Laterne herunter: „Bleibt nischt iebrig, Herr Dokta, Se missen int Vorderhaus kampia’n un det Hotel jarnie bei Onkeln berappen. Verrickt und drei macht neune!“
Er führte mich eine Treppe hoch, öffnete ein Zimmerchen und zündete die Kerze an. Vergebens suchte ich ein Gespräch über die Müggelpiraten in Gang zu bringen, er blieb einsilbig und verließ mich murrend. Na ja, du geplagter Ordnungshüter, die Böcke deiner Herde haben dir heute arg zu schaffen gemacht. Bis in die späteste Nacht haben sie dich herumgehetzt, all diese frechen Rebellen, jö-hö ... Wir begießen unsre Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!
Aber nun ist ja alles ziemlich wieder in der Reihe. Strindbergs Koffer mit dem Goldrezept, das uns vielleicht das Goldene Zeitalter zurückzaubert, hat sich eingefunden; gerührt durch dies Tugendmuster bin ich zu meinem Kerkermeister heimgekehrt; dieser endlich, den Gefahren des dustern Räuberwaldes entronnen, ruht bei der getrösteten Ehehälfte ... Bloß der Kerkerschlüssel, der verflixte! Böse Beispiele verderben gute Sitten. Ich habe den Schlüssel zur Durchbrennerei verleitet! Und jetzt kichere ich noch über meine Schandtat?
Ich pustete das Licht aus und bettete mich in die Federn: „Jetzt woll’n wir legen einen Schuft zu seinem Grab! speit ihm eure Flüche in den Höllenschlund hinab.“ -- „Jö-hö!“ krähten die Hähne -- „jöhöhö höhö!“
Gardinenpredigt und Lösung des Piratenrätsels
Im Traum hatte ich mit den Müggelpiraten zu tun. Strindbergs Koffer nebst dem Goldrezept war in ihren Händen -- ich war als Parlamentär der schwedischen Regierung zu ihnen gegangen. Während wir verhandelten, hörte ich meine Frau lachen ...