Part 3
Sie schrieb die Adresse: ‚Herrn Hauptmann Paul Isebrink, Berlin, Alt-Moabit 330‘ und hielt das Schreiben in der Hand, während sie ihren Vater zu dem nahen, über Hütten und Holzpalästen sich auftürmenden Wolkenkratzer des Kaufmanns Erster Gilde Krupensky begleitete. Die breite Twerskaja war noch zu Ehren der Anwesenheit des Zaren in der von der Polizei vorgeschriebenen Zahl und Art der Fahnen beflaggt, ebenso wie die Iljinka und Morossejka, die Warwarka und die anderen Verkehrsadern, die Nicolaus II. auf dem Weg zum Nowgoroder Bahnhof möglicherweise wählen konnte. Dazwischen waren große, ganz schmucklose Straßenzüge. Der Befehl an die Dworniks zum Aushängen der Landesfarben war wie immer strichweise gleich einem Hagelschlag gegangen. Wieder läuteten nah und fern die Glocken der unzähligen Kirchen und Klöster einen der unzähligen Feiertage ein. Beter knieten an den Straßenecken, das bärtige Gesicht nach irgend einem unsichtbaren Heiligtum gewendet, eine krankhafte byzantinische Frömmigkeit fieberte in der sturmerfüllten kalten Frühlingsluft. Der Geheimrat Tillesen sah gedankenvoll auf diese Kosacken und Popen, Tschinowniks und Muschiks.
„Wann waren wir eigentlich zuletzt unterwegs, Inge?“
„Vorigen Herbst, Vater. In Madrid!“
„War das nicht schon im Sommer?“
„Da waren wir doch in Stockholm!... Halt ... halt ... da ist doch schon das Haus! Nun wärst Du doch richtig wieder in Deinen Gedanken ruhig weitermarschiert ohne mich!“
Der Gelehrte blieb auf dem strohbelegten Bürgersteig stehen. Ringsum war alles fremdartig, die Gesichter, die unverständlichen Ladenaufschriften, die unlesbaren Straßennamen an den Ecken.
„Schließlich werd’ ich doch einmal ohne Dich gehen müssen, Inge!“
„Wieso?“
„Deine beiden Schwestern sind längst schon verheiratet. Nun bist Du daran!“
„Oh, ich hab’ Zeit!“
„Du wirst doch fünfundzwanzig!“
„Sogar sechsundzwanzig! Das Alter Deiner Töchter merkst Du Dir nie!“
„Nun eben!“
Sie lachte. „Warum schaust Du mich denn so kummervoll an?“
„Das kommt davon, wenn man Witwer ist, Inge! Ich hätte Dich nicht so lange nach Amerika lassen sollen. Die zwei Jahre in Boston waren für Dich viel zu viel!“
„Ich finde, sie haben mir sehr gut getan!“
„Du bist innerlich viel zu unabhängig geworden!... Amerika ist nicht Deutschland... Nun ... ich muß jetzt da hinauf...“
„Ich bringe unterdessen Deine Bestecke in Ordnung und schreib’ für Dich Briefe. Auf Wiedersehen!“
„Barinja! Barinja!“ schrieen aufmunternd am Straßenrand die struppigen, dick wattierten Droschkenkutscher. Sie begriffen nicht, daß eine vornehme Dame zu Fuß ging, straff und flott, mit hochgehobenem blondem Kopf, viel rascher als die schwerfällig stapfenden Russinnen.
„Herrin! Belieben Sie!“
Inge Tillesen lachte zu dem Gebrüll der Kerle und schritt elastisch die kurze Strecke bis zu dem Hof Peters des Großen zurück. Im Vorraum des Hotels lag ein kleiner Berg von Koffern, Kissen, Reisematratzen, Decken. Nicolai von Schjelting stand dahinter, in Pelz und Mütze, die Zigarette zwischen den Lippen, und jagte ungeduldig die silberbetreßten Schweizer, die weißkitteligen Tataren und rothemdigen Hausknechte hin und her. Erst schien es, als hielte er es für unnötig zu grüßen. Dann tat er es plötzlich doch, mit einem zerstreuten Lächeln, und ärgerte sich über ihre kühle Kopfneigung und dachte sich, während sie die Treppe hinaufstieg: Nun -- was geht sie mich an?
Draußen hielt schon der Lichátsch, der Luxuskutscher. Im zweiten Gefährt folgte der Kammerdiener mit dem Gepäck. Mit sausenden Rädern ging es durch spritzenden Eisschlamm hinaus zum Smolensker Bahnhof. Das eigene breite Abteil war schon bereitet, der Samowar brodelte in der Gang-Nische, der Wagenwärter verbeugte sich tief. Der Zug rollte hinaus in die bleichen Schneefelder, die weiß überfrorenen Sümpfe, die silberstämmigen, niederen, endlosen Birkenwälder. Da war das Schlachtfeld von Borodino. Man war damals mit dem ganzen Westen fertig geworden -- wie jetzt nicht mit dem einen Nachbar? Nicolai Schjelting liebte, als ein Mann von umfassender Bildung, die geschichtlichen Belege seiner Weltanschauung, verdankte ihrer lebhaft vorgetragenen Beweiskraft einen Teil des Einflusses, den er auf Andere, und namentlich auf die politisierenden Petersburger Damen ausübte. Er saß und rauchte, um die nervöse Ungeduld der langsamen Fahrt zu beschwichtigen. Es dämmerte über den weiten Steppen. Der Oberkonduktor klopfte ehrerbietig und überwachte persönlich das Anzünden der Stearinkerzen. Nun war es draußen dunkle Nacht. Aber von Schlaf keine Rede. Schjelting fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er dachte sich grimmig: ‚Die Pest über diesen alten Deutschen! Einem Krupensky hilft er, einem halben Vieh vom Ural, das noch den Zucker abbeißt und den Tee aus der Untertasse schlürft. Mir nicht! Die Tochter verhindert es. Sie hat ihm überhaupt nicht gesagt, daß ich da war!‘
In der langen Weile der schlaflosen Nacht sann er darüber nach, was ihre Augen eigentlich für eine Farbe hatten. Komisch: sonst sah er sie leibhaftig vor sich. Aber das wußte er nicht. Er warf die Zigarette weg und frug sich: Was Teufel hast Du daran zu denken? Das eintönige Rollen der Räder lullte doch ein. Aber bald fuhr er wieder aus unruhigem Halbschlummer auf. Man hielt mitten in der Nacht auf irgend einer Station. Es war ein Laufen auf den hohen Holzplanken des Bahnsteigs. Auf dem Nebengeleise hielt ein endloser Zug, der hier den Schnellzug nach Warschau an sich vorbeiließ. In hundert matterleuchteten Wagen drängten sich Tausende von schlafenden Soldaten in feldbraunen Mänteln. Stumpfe, breitknochige Gesichter. Typen des fernen Ostens. Nicolai Schjelting lächelte befriedigt, während er im Weiterrollen den Militärzug hinter sich ließ. Der fuhr nur des Nachts. Die Bahngebäude lagen überall eine Stunde von den Städten entfernt. Die Deutschen brauchten nicht Alles zu wissen, was im Heiligen Rußland vorging. Hier und überall, wo das Eis brach und der Schnee schmolz, rüsteten sich die Regimenter des Zaren zu den großen ‚Manövern‘ im Westen. Bald war man aus den weitesten Weiten unterwegs, von den Grenzen des Hindukusch und den Steppen der Mongolei, vom Fuß des Elbrus und dem Nördlichen Eismeer, eine Völkerwanderung in Waffen, wie sie die Welt noch nicht gesehen.
Über Nicolai Schjelting kam wieder der asiatische Rausch. Unruhig drehte er sich eine neue Zigarette. Seine Augen flackerten. Er unter Wenigen kannte die unwahrscheinliche Zahl von Millionen, die man aufbot. Wer konnte dem Sturm widerstehen? Der Sturm blies dies morsche Europa in Fetzen, trug die, die ihn entfesselt hatten, auf seinen Schwingen empor zu den Sternen.
Ein neuer Tag. Wieder der Abend. Unendlich war dies Rußland. Die zweite Nacht ohne Schlaf, dank diesem Deutschen und seiner Tochter Inge. Ingeborg. Ein recht deutscher Name. Was sie blos für Augen hatte?... Ein Auffahren: endlich Warschau. Im Mondschein der breite lehmfarbene Schwall der Weichsel. Noch einige Stunden...
Helle, scharfe Rufe, wie auf dem Exerzierplatz, im Morgendämmern, ein kurzes, sicheres Zugreifen der Gepäckträger, straff aufgerichtete Beamte, ein Hauch von Befehlen und Gehorchen in der Luft: die deutsche Grenze. Der Hauptbahnhof von Thorn. Noch jenseits der hochtürmigen alten Stadt auf dem linken Stromufer.
Zwei Säbel klirrten draußen vorbei. Frische lachende preußische Leutnantsstimmen:
„Na -- wo kommen denn Sie in aller Gottesfrühe her?“
„Nachtübungen auf dem Artillerieschießplatz. Und Sie?“
„Ronde! Vom Fort Ulrich von Jungingen!“
Ulrich von Jungingen, der Heermeister in der Schlacht bei Tannenberg. Nicolai von Schjelting ging es durch den Kopf: Damals wurden die Deutschen von den Polen bis zur Vernichtung geschlagen.
Er nahm in dem deutschen Abteil Platz und dachte sich im Weiterfahren: Auch die Polen waren Slawen, wie wir. Vielleicht kommt auch für uns einmal die Schlacht von Tannenberg...
II.
Man hätte glauben können, es sei der Zar, der an diesem heißen Frühlingstag, zu Ende April, vom jungen Grün der Avenue Gabriel her, umdonnert vom Jubelsturm eines schwarzen Menschenmeers über den Concordienplatz seinen Einzug in Paris hielt. Aber es war nicht der schattenhafte Selbstherrscher aller Reußen, sondern der zweite Herr der Erde, sein gekrönter Vetter von Großbritannien, ihm zum Verwechseln ähnlich, mit unbedeutenden Zügen über kurzem, blondem Vollbart, leerem Lächeln, wie jener ein Fleisch gewordener Widerspruch zur Macht über die halbe Menschheit.
~„Vive l’Angleterre!“~
Es rollte wie Donner über die weite Fläche. Von den Jahrtausenden ihres Luxor-Obelisks sahen Ra und Thot, Anubis und Nephtat auf das Schneeflockengewimmel wehender Tücher und weißer Menschengesichter. Die Sonne funkelte im Silberspiel auf den Helmen und Kürassen der Gepanzerten, die in langem Zug der vierspännigen Karosse des Kaisers von Indien vorausritten. Er dankte verlegen freundlich rechts und links den Huldigungen. Madame Poincaré saß neben ihm.
~„Vive Poincaré!“~
Im nächsten Wagen folgte der Präsident der Republik mit der Königin von England. Sein kantiger Lothringer Kopf strahlte von befriedigter Eitelkeit. Wie er sich da selbstgefällig in seiner Volkstümlichkeit sonnte, verkörperte sich in ihm die Republik der Rechtsanwälte und Kammerredner, das fünfzigjährige Reich der Phrase. Doppelreihen von roten Käppis und Hosen und blauen Schwalbenschwänzen schieden seinen Triumphzug von dem dahinter jubelnden Volk. ‚Die große Stumme‘, die Armee, hielt Wacht.
„~Vive la Russie! Vive l’Angleterre!~“
Vergessen Krim und Beresina! Wo war jetzt Abukir und Trafalgar, Waterloo und Faschoda! Aus allen Fenstern blähten sich nebeneinander Union Jack und Tricolore, flatterten von den Dächern, grüßten mit tausend Wimpeln über das Häusermeer an der Seine. Ein Fieberrausch von Festfarben, Frühlingshitze, Zukunftshoffnung über Paris. Das aufgeregte Summen und Wirren eines hitzigen, stechlustigen millionenfachen Bienenschwarms. Drüben, auf der Vendôme-Säule, schaute hoch vom blauen Himmel der kleine Erderoberer in Cäsarentracht hernieder auf sein wimmelndes Reich.
Der Chef des Militärstaates des Präsidenten lenkte sein Roß auf die Konkordienbrücke und führte den Zug hinüber nach dem rechten Seine-Ufer. Auf dem Platz dahinter lösten sich die Spaliere. Die Menge wogte um die glitzernden Springbrunnenstrahlen. Seitwärts, nahe der englischen Botschaft, marschierte ein Regiment, von der Parade kommend, vorbei. Ah -- diese braven 102ten von der Linie! Die Hüte hoben sich vor der Fahne, die Frauen winkten gerührt und warfen ihr Kußhände zu, der Taktstock zuckte über den Köpfen: in wildem schmetterndem Jubel setzte es ein, riß die Herzen mit sich fort, der Traum der Weltherrschaft rauschte aus dem Schreien der Hörner, dem Wirbeln der Trommeln, dem Gellen der Trompeten, dem Donner des Paukenschlags: „~Allons, enfants de la patrie!~“ Hunderte von Stimmen sangen es mit:
„Auf, Kinder Frankreichs, zu den Waffen! Der Tag des Ruhms ist wieder da!“
„Noch nicht da! Aber nah!“ sagte der General de Rigolet de Mezeyrac. Er war ein starker Siebziger und schon lange nicht mehr im Dienst. Die weiße Frühlingsweste wölbte sich, vom roten Bändchen der Ehrenlegion im Knopfloch seines Schoßrocks überflimmert, über seinem kleinen, gallisch-rundlichen Leib. Aber auch in seinen Augen glühte über dem schneeweißen Henriquatre der Massenrausch der Marseillaise.
„Hoffentlich nahe, mein General!“
Er und der Oberstleutnant Grégoire standen an der Ecke des Platzes vor einer Insel der Trauer inmitten des allgemeinen Festjubels. Kränze mit schwarzen Schleifen türmten sich da vor einem Sockel, Herren in Zylinder bückten sich stumm mit umflorten Blumen, Damen knüpften sich mit theatralischer Pose das Veilchensträußchen von der Brust, führten es an die Lippen und legten es schmerzlich nieder.
Auch der General de Rigolet de Mezeyrac schwenkte seinen Hut und begrüßte mit einer großen Geste das Standbild der Stadt Straßburg, dessen Elsässerhaube dunkel, beinahe unheimlich, die Franzosen unten überschattete.
„Wo frühstücken Sie, mein General?“
„Im Cercle National! Ich erwarte dort den Mann meiner Enkelin, Nicolai Schjelting!“
„Oh ... der Vielgenannte!“
„Er muß heute früh in Paris angekommen sein.“
„Mit den letzten Nachrichten unserer bewunderungswürdigen russischen Freunde! Ich beglückwünsche Sie, mein General!“
„Leider mußte er einige Zeit unterwegs in Berlin Rast machen. Er fühlte sich nicht wohl!“
„Wir werden ihn dies Berlin vergessen lassen! Er kommt grade noch zu unseren Festen zurecht!“
„Er fährt, glaube ich, heute noch nach Brüssel zu seiner Frau und ihren Eltern. Dieser gute Nicolai ist kein Mann der Feste und der Öffentlichkeit. Er wirkt im Stillen!“
„... bis wir ihn eines Tages hier als Nachfolger Iswolskys begrüßen!“ sagte der Oberstleutnant Grégoire. Er war als Mitglied des mächtigen zweiten Büros der administrativen Sektion des französischen Generalstabs in manche Geheimnisse eingeweiht. Der General lächelte. Er hörte es gern. Es war keine leere Schmeichelei. Es lag im Bereich der Möglichkeit ... an jenem Tag, da keine Trauerkränze mehr zu den Füßen der Stadt Straßburg lagen...
Sie gingen die Rue Royale hinauf, an den gepuderten Dirnen und den übernächtigen Kellnerfratzen der Bar Maxim vorbei. An der Madeleine-Kirche zog der General den Hut vor ein paar Priestern oben auf den Stufen. Er war ein Mann der alten Schule und versäumte nie seine Messe. Nicht nur die Altersgrenze, sondern auch die Freimaurer in der Armee hatten ihm das Genick gebrochen. Er sprach das barsch und offen aus, oft mitten in dem großen Offizierskasino der Armee und Marine, in dem er jetzt nach dem Mann seiner Enkelin frug.
Nein! Monsieur de Schjelting war noch nicht dagewesen.
Das große Gebäude an der Ecke der Rue de la Paix war heute voll Trubel und Leben. Viel mehr Uniformen unter dem Zivil als sonst. Darunter auch fremdartige von England. Ein scharlachroter, baumlanger Coldstream-Gardist mit einem Turm von einer Bärenmütze, neben dem ein schwarzverschnürter, französischer Hauptmann winzig aussah, ein milchbärtiger Lord von einem der schottischen Hochland-Regimenter mit gewürfeltem Rock und nackten Knieen. Der alte Rigolet schmunzelte:
„Arme Burschen! Sie lieben sich und können es sich nicht sagen!“
Ein indischer Fürst in rotem Turban stand, von den Briten mitgebracht, vor dem Araberscheich eines Spahi-Regiments mit dem Orden der Ehrenlegion auf dem weißen Burnus. Der Afrikaner verstand nur französisch, der Asiate nur englisch. Die beiden bräunlichen Männer lächelten sich unsicher inmitten ihrer Zwingherren an. Ringsum ein Stimmengeschwirr der Offiziere.
„Was war im Salon ausgestellt? Eine Büste Wilhelms II.?“
„Ah! Hört Ihr’s?“
„Erledigt! Die Direktion wich der Entrüstung und hat sie entfernt!“
„Bravo!“
„Befreit uns lieber von diesem Jaurès!“ sprach düster der schwarzbärtige Kapitän Antonelli, ein Korse.
„Auch seine Zeit wird kommen!“
„Wie ist das eigentlich mit dem Pulver, Leblanc?“
„Es ist richtig! Wir haben große Bestellungen in Italien und Schweden gemacht. Aber natürlich nur zum Vergleich mit unserm Nitroglycerin!“ sagte der Schiffsleutnant Leblanc lächelnd. Herr von Rigolet redete daneben auf einen hageren straffen General vom ‚~commandement supérieur de la défense~‘ ein, der das breite rote Band der Ehrenlegion quer über der Uniform trug.
„Ah -- mein Alter -- mich wirst du nicht los! Frankreich -- das ist die Freiheit! Ich folge Euch als Schlachtenbummler!“
„Wohin, mein General?“
„An die belgische Grenze! Übermorgen geht der ganze Generalstab dorthin. Vierzehn Tage kriegsmäßige Übungen! Fünfundzwanzig Generale, zweihundertfünfzig Offiziere! Eine blaue und rote Partei!“
Der englische Riese in Rot und der schottische Lord konnten gut französisch. Bei der Erwähnung Belgiens zeigten sie verständnisvoll ihre breiten, weißen Zähne. Man lächelte sich an. Gesprochen wurde nichts. Man wußte ja Bescheid. War längst im Reinen. An einem der Fenster drängte sich eine Gruppe Offiziere und schaute hinaus auf Staub, Sonnenglut und Schmutz des fahnenumhangenen Opernplatzes, zwischen dessen Automobilgewühl sich von beiden Seiten der Boulevards her immer neue Menschenmassen ergossen. Der blonde Leutnant Schouman, der wie ein deutscher Lehrer aussah, drehte sich plötzlich um und gab dem Oberstleutnant Grégoire ein aufgeregtes Zeichen, heranzutreten.
„Da ist er!“
„Wer?“
Zugleich fuhr der Major Michelin auf, wie ein Jäger beim Anblick des Wilds.
„Er geht quer über den Platz!“
„Kommt er hier herüber?“
„Ja!“
„Ah -- das ist dreist!“
„Wer denn nur?“ Grégoire schob ungestüm die gespannt lauernden jüngeren Offiziere vom Zweiten Büro des Nachrichtendiensts beiseite. Er war etwas kurzsichtig.
„Wer? Isebrink!“
„Isebrink! Erkennen Sie ihn nicht, mein Oberstleutnant?“
„Sapristi! Ja -- das ist Isebrink!“
Draußen auf der flaggenbunten Rue de la Paix wimmelten im Sonnenschein die Pariser und ihre Gäste: Engländer, die zu vielen Tausenden mit dem König über den Kanal herübergespritzt waren, Yankees in Scharen. Nur durch seine straffe Haltung unterschied sich da einer von den Hängeschultern der Angelsachsen. Er schlenderte langsam die Diamantenstraße herab, mitten im Menschenstrom, und schaute harmlos neugierig nach rechts und links.
„Zeigen Sie ihn mir doch, Schouman!“
„Herrgott --... da drüben! In dem grauen Frühlingsanzug!“
„Mit dem dunkelblonden Schnurrbart und dem sonnenverbrannten Gesicht?“
„... und dem Strohhut im Genick! Er hat doch wahrhaftig die Stirne und sieht zu uns her und lächelt!“
„Er darf gar nicht nach Paris! Wilhelm hat es seinen Offizieren verboten!“
„Das ist Spionage!“
„Leider nicht!“ sagte der Oberstleutnant Grégoire vom Nachrichtendienst. „Es wurde uns von der Deutschen Botschaft amtlich mitgeteilt, daß der Hauptmann Isebrink auf vierundzwanzig Stunden zum Besuch eines Freundes Paris betreten würde!“
„Dann überwacht ihn wenigstens, parbleu!“
„Unbesorgt! Er hat schon sein Ehrengeleit, wo er geht und steht! Drei Schatten mindestens. Der Camelot da neben ihm ist einer von unsern Agenten, der Blusenmann hier auf unserer Straßenseite auch. Der alte würdige Herr im Zylinder zehn Schritte hinter ihm kontrolliert den Sicherheitsdienst!“
Paul Isebrink war draußen auf dem breiten Bürgersteig stehen geblieben, wartete, bis der Greis herangekommen war, und lüftete vor ihm den Hut. Eine Sekunde streifte dabei sein Blick die bunten Uniformen an den Fenstern des ihm wohlbekannten Cercle National.
„Jetzt läßt er sich auch noch von unserem Spitzel Feuer geben!“
„Verfluchter Kerl! Er macht sich über uns lustig!“
„~Ah -- v’là un type!~“
„Ist er so gefährlich?“ frug der Schotte.
„Gefährlich? Mein Gott -- er ist im Großen Generalstab in Berlin!“
„Und bis vor ein paar Jahren war er Hauptmann in einer kleinen Grenzgarnison in den Vogesen!“
„Ah -- wir kennen ihn wohl!“
„Wir verfolgen jeden seiner Schritte!“ sagte der Oberstleutnant vom Zweiten Büro. „Er kam gestern aus Luxemburg. Er wohnt im Grandhotel drüben. Er hat dort vorhin im Eisenbahnbüro eine Karte für den Brüsseler Nachmittagsschnellzug genommen! Wir wissen Alles...“
Der lange rote Brite grinste.
„Im Königlichen Jachtgeschwader in Cowes haben wir auch manche Sportcharaktere, die nirgends lieber als zwischen Emden und Brunsbüttel kreuzen!“
Um ihn lachten die jungen Offiziere zu dem kleinen blonden Leutnant.
„Schouman macht auch nächstens wieder eine Geschäftsreise über den Rhein!“
„Antonelli hat jetzt noch Schwielen an den Händen. Kein Spaß vier Wochen lang als italienischer Erdarbeiter zu schippen!“
Der Korse schwieg. Es war die Wagelust des Wilderers, das Pirschen an verbotener Grenze, bei den Offizieren, den Heeren in dem endlosen Frieden.
„Nun -- da hat der General ihn ja gefunden!“ sagte der Oberstleutnant Grégoire und blickte nach der Tür. Durch die kam Herr von Rigolet. Er hielt einen schlanken, aristokratisch aussehenden Mann in den Dreißigern mit unruhig belebten, schnurrbärtigen Zügen und klugen grauen Augen freundschaftlich unter dem Arm gefaßt.
„Eh -- dieser Nicolai! Läßt den alten Großpapa warten! Macht nichts, mein Bester! Man weiß, daß Du immer Wichtiges vorhast. Du warst, höre ich, schon bei unsern hiesigen Großfürsten?“
„Ich brachte ihnen Briefe aus Petersburg!“ sagte Nicolai Schjelting. „Ich war des Abends mit ihnen zusammen und -- natürlich -- zwei ~Mesdames telles et telles~. Sobald ich konnte, fuhr ich heim und schlief eigentlich bis jetzt.“
Für die Liederlichkeit der vornehmen Russen in Paris hatte er, der Mann des Ehrgeizes, nichts übrig. Das war nur Zeitverschwendung.
„Du kennst mich. Ich muß den Schlaf nehmen, wann ich ihn einmal finde!“ sagte er zu dem Großvater seiner Frau und wurde plötzlich erregt. „Neulich bot sich mir in Moskau eine Gelegenheit. Da war ein berühmter deutscher Arzt! Er hätte mir vielleicht geholfen!“
„Warum ließest Du ihn Dir nicht kommen?“
„Ich ging zu ihm. Stand da. Man ließ mich nicht vor.“
„Dich nicht vor?... Du scherzest!“
„Es war da irgend eine kleine Deutsche. Die wollte es nicht! Was willst Du machen? Überall in der Welt stößt man ja auf die deutsche Barriere. Wir Alle leiden darunter. Nicht ich allein!“
Nicolai Schjeltings nervöse und verdrossene Züge änderten sich plötzlich zu liebenswürdigem Lächeln. Er verdankte seiner Vielseitigkeit einen guten Teil seiner Erfolge im Leben. So, wie er gleichmäßig deutsch, russisch, französisch und englisch sprach, so schlüpfte er auch in jede dieser Nationalitäten, nicht anders, als wenn er, je nach Wetter und Laune, dies oder jenes Paar Handschuhe anzog, war drüben in Rußland lässig und breitlebend mit den Moskowitern, war hier freimütig und herzlich mit den Briten, fand den französischen Offizieren gegenüber die brüske, kurz angebundene Art, die sie unter sich liebten. Oh -- er kannte Sir Edwin, den scharlachroten Gardisten! Er hatte ihn vor zwei Jahren drüben an der Themse in Whitehall getroffen. Er wußte auch von Oberstleutnant Grégoire und seinem Büro, das den Tag vorbereitete, an den man immer dachte und von dem man niemals sprach...
Dieser Tag ... doch: es war Zeit, von ihm zu sprechen. Schjelting redete. Er war immer der Mittelpunkt.
„Es giebt Methoden des geschichtlichen Denkens, die zu Schlüssen für das Handeln führen! Was Riesen bauten, waren immer Kartenhäuser. Es erlosch mit ihrem Geist. Selbst Napoleons Weltreich hieß schließlich St. Helena, -- verzeihen Sie die Erwähnung hier im Dreiverband -- Friedrichs des Großen Grabschrift hieß Jena, für Bismarcks Werk fehlt noch das Endwort! Wir werden es prägen!“
„Bravo!“
„Ich war jetzt wieder in Berlin! Es ist der Turmbau von Babel. Sie machen die Nacht zum Tage. Aber dabei murren die Massen! Der Mann von der Straße will eine andere Methode des Lebens. Die süddeutschen Könige spähen nach Wien. Sie ahnen das Heraufziehen einer geschichtlichen Notwendigkeit, der Preußen verfallen ist!“
„Sehr gut!“
Der Engländer und der Schotte tauschten einen Blick. Das machte ihnen Spaß, wenn man sich auf dem Festland verdrosch. Es war der Traum der City und alles verschuldeten blauen Bluts, das dort in Shares spekulierte. Dann waren die Meere frei! Das Geschäft der Briten blühte. Die Franzosen machten ernstere Gesichter.
„Immerhin: die preußische Armee!“
„Hat man seit fünfzig Jahren von ihr gehört?“
„Aber sie ist da!“
„Wo blieb sie, als wir in Rußland nach dem Japaner-Krieg fast wehrlos waren?“ sagte Nicolai Schjelting nachlässig. „Nichts rührte sich an unserer Grenze!“
„Und ebensowenig bei uns, als wir im Burenkrieg feststaken!“ sprach der Brite in eisiger Ruhe. Der General de Rigolet pflichtete bei:
„Auch wir hatten Euch damals noch nicht zu Freunden! Auch unsere Ostgrenze war schwer bedroht!“
„Das Schwert Hermanns des Cheruskers aber blieb in der Scheide!“ Schjelting stand auf. Die Funken seines Asiatenwillens sprühten von ihm auf die Andern über. Die Augen ringsum leuchteten. Er lachte. „Vertraut auf das Heilige Rußland, Messieurs und Gentlemen! Diesmal saufen wir nicht! Diesmal stehlen wir nicht. Es wird ein Kreuzzug. Wir nahen zu Millionen, wie das jüngste Gericht!“