Das deutsche Wunder: Roman

Part 2

Chapter 23,489 wordsPublic domain

„Ein Narr! Kuriert Muschiks und Popen umsonst! Als ob es nicht genug davon gäbe!“ sagte der General lachend und trat mit seinem Begleiter in die schwere byzantinische Pracht des Speisesaals. Ein huschender weißgekleideter Tatarenschwarm bediente da in einer Ecke Nicolai Schjelting und einen anderen Herrn. Die Beiden waren in ein tiefernstes Geraune verloren. Das glühend-heiße Weizenbrot erkaltete vor ihnen unbeachtet neben der wasserhellen Wodkaflasche und dem eisgekühlten Kaviarwännchen.

„Professor Korsakoff!“ sagte der Hofmeister. „Unser großer Panslawist!“

Der Moskauer Hochschullehrer trug heute auch die schwarze am Kragen gestickte Uniform seiner Rangklasse. Er hatte ein slawisch-längliches Gesicht mit dünnem Kinnbart. Zwei fanatische blaue Augen flammten hinter der Goldbrille des schmächtigen Mannes. Seine Fingerspitzen waren gelb vom Zigarettenrauchen, die Nägel schwarz. Man sah es, als er nach russischem Brauch mit seiner eigenen Gabel in die Vorschmackbissen auf den Frühstücksplatten fuhr.

„Korsakoff kommt eben von seiner Rundreise durch Serbien!“ erklärte Nicolai Schjelting nach der Begrüßung. „Alles steht dort gut!“

„Ihr sagt das immer! Aber nichts geschieht!“

„Es wird geschehen!“

„Was?“

Korsakoff, der Fanatiker, antwortete nicht. Auch Schjeltings Mienen waren undurchdringlich. Seltsame Dinge scheinen die Beiden zu wissen! dachte sich der General und forschte weiter.

„Und wann?“

Jetzt hob der Professor den gelbsträhnigen Kopf.

„Was hilft das Reden! Gott liebt die Tat! Ehe das Korn von den Feldern ist, heben wir die Welt aus den Angeln!“

Ein Schweigen. Am Nebentisch nahmen Gäste Platz. Ein Herr und eine Dame. Nicolai Schjelting gähnte nervös.

„Vergeben Sie! Mein altes Übel -- die Schlaflosigkeit ... die wache Nacht rächt sich! Kein Mittel hilft.“

„Nun, und jetzt eben ist doch hier über uns der deutsche Arzt...“

Plötzlich richtete sich Nicolai von Schjelting auf. Der Anfall von Müdigkeit war vorbei.

„Der Deutsche!... Das eben ist’s: wo ist der Deutsche bei uns nicht? Da: belieben Sie zu hören: der Alte am Tisch neben uns spricht Deutsch! Wie kommt er hierher in diese Gostinitza?... Wir dulden es! Wir dulden Alles! Unser Rubelkurs wird in Berlin gemacht. Unsere Hauptstadt trägt einen deutschen Namen...“

„Selbst unser Herrscherhaus kam aus Deutschland!“ sagte herantretend ein alter Herr mit hoher rechter Schulter, der mit seinem weißen Henriquatre wie ein stutzerhafter kleiner Marquis aussah. Schjelting reichte ihm im Sitzen flüchtig die Hand und sprach in einem weichen, reinen Französisch:

„Sie wissen, Knjäs: man nimmt Sie nicht ernst!“

Der Fürst Bulagin setzte sich und zwinkerte mit der trockenen Skepsis eines alten Parisers. Auch sein Französisch war wundervoll, so wie man es sonst nur noch am Louvre von den Schauspielern der ~Comédie Française~ hört.

„Eben ist der Colonel abgereist. Mit dem ersten Zug!“

Der ‚Colonel‘ hieß in diesem vertrauten Kreis der Zar, weil er es bei seiner Thronbesteigung bis zum Obersten gebracht hatte. Die Stunde seiner Abfahrt war stets geheim. Ebenso, in welchem der drei einander folgenden Hofzüge er wirklich saß. Nun rollte er durch die Steppen nach Süden. Ganze Armeekorps säumten hunderte von Kilometern weit reihenweise die Geleise, zeigten ihrem Kriegsherrn den Rücken, wachten schußbereit, daß kein Untertan sich nahte. Der Fürst Bulagin hatte noch eine zweite Neuigkeit.

„Krupensky ist außer Lebensgefahr. Er hat vorhin schon dem Stadthauptmann eine halbe Million Rubel für das Findelhaus geschickt, um seine breite, russische Natur zu zeigen! Der Deutsche, der alte Teufelskerl, hat ihn wahrhaftig gerettet!“

Bei dem Wort ‚Krupensky‘ hob der stille Herr am Nebentisch den schlichten, graubärtigen Kopf und lächelte. Vor ihm und seiner Tochter standen erwartungsvoll drei Tataren -- Großvater, Vater und Enkel. Aber die Speisekarte war nur russisch. Für die Deutschen unverständlich.

„Was macht man nur, Inge?“

„Wie gestern! Ich tipp’ auf irgend was! Wir lassen uns überraschen!“

Der Tatar begriff die Zeichensprache des jungen Mädchens, murmelte: „Ich höre!“ und verschwand. Nebenan kehrten die Russen, der Sicherheit halber, zu ihrer Muttersprache zurück. Der Champagner begann ihre Gesichter zu röten. Korsakoff entzündete sich nervös Papyrossen zwischen den einzelnen Gängen und warf sie halb ausgeraucht hinter sich auf den Boden. Nicolai Schjelting sprach rasch, in einer lebhaften und einschmeichelnden Art, gewohnt, daß man ihm zuhörte.

„Zum Beispiel Morskoi führt den Titel ‚Gofmester!‘ Warum Hofmeister? Ist die russische Sprache zu arm für einen Diener des Zaren? Müssen wir immer die Lehrlinge dieses kleinen Deutschlands sein -- wir, die Herren zweier Weltteile, die Überwinder Napoleons, die Erben von Byzanz? Wie, Bulagin? Wir seien eher die Schuldknechte Frankreichs? Das ist wieder das falsche Denken des Westens. Im Gegenteil: Borgen macht stark! Wer ist stärker: wer Etwas hat oder wer Etwas will? Wir haben das französische Geld. Also müssen die Franzosen tun, was wir wollen!“

Die Russen um ihn lachten und tranken. Schjelting fuhr fort und sah dabei unwillkürlich das junge Mädchen am Nebentisch an.

„Es handelt sich um die Absetzung Europas. Europa ist ein überkommener Irrtum. Europa ist geographisch nichts als eine Halbinsel Asiens. Asien sind wir. Nach Europa kommen wir von dort des Abends müde heim, wie ein Mann nach seiner Tagesarbeit. Da wollen wir unsere Ruhe. Aber giebt es Ruhe mit Deutschland?...“

„Nein! Da Deutschland seit 1870 ständig nach allen Seiten Krieg führt..,“ sagte der Knjäs Bulagin trocken. Schjelting überhörte es.

„Europa, in dem dies kleine Deutschland sich bläht, ist nur ein Zwischenfall. Asien ist die Wiege der Welt. Alle großen Religionen sind in ihm und an seinen Grenzen entstanden, alle Völkerstürme kamen von dort. Wir halten die Schlüssel Asiens. Uns ist es beschieden, den Westen auf sein winziges Maß zurecht zu rücken.“

„Der Westen ist faul!“ sagte der General Schiraj.

„Er ist faul! Aber stört uns ein bischen Hautgout? Polen stank auch schon, als wir es tranchierten.“

„Haben wir es verdaut? Und die Finnen? Die Deutschen? Die Hebräer? Die Letten? Die Esthen? Die Tataren? Die Kaukasier? Sie liegen uns wie Steine im Magen.“

„Sie lieben den Widerspruch, Fürst Bulagin! Man kennt Sie! Da sehen Sie eben einen russischen Kaukasier!“

Nach wahrhaft russischem Brauch wurde das Schaschlik vom Koch selbst in Tscherkessentracht mit umgehängtem Säbel und aufgenähten Patronentaschen dem Gast in den Saal gebracht. Die beiden Deutschen musterten erstaunt den kriegerischen Kerl, der ihnen die Stäbe mit aufgespießten gerösteten Hammelstückchen vorlegte. Das junge Mädchen lachte vergnügt.

„Ein tolles Land!“ sagte sie.

Nicolai Schjelting hatte sich wieder nach ihr umgewandt. Sie hatte freie und offene Züge und klare Augen. Schon an der reinen, frischen Hautfarbe erkannte man die Ausländerin. Die Russinnen hatten die Puderquaste immer zur Hand. Auch der verächtliche und lässige Gesichtsausdruck slawischer Schönheiten fehlte ihrer lachenden Unbefangenheit. Sie trug einen schwarz und weißgestreiften Reiserock und eine ebensolche Jacke. Auch noch die preußischen Farben, dachte Schjelting. Sie beachtete ihn nicht. Das ärgerte ihn. Er wußte nicht, warum...

„Inge ... ob der Mann ein Trinkgeld nimmt?“

„Na, Vater ... ich möcht’ mal den Menschen in Rußland sehen, der keins nimmt!“

Der bewaffnete Koch verbeugte sich tief und verschwand mit seinem Rubel. Schjelting sah immer noch gereizt hinüber und sagte sich: Eigentlich hat sie recht! Wir nehmen ja Alle! Der Geschäftsführer war an den Nebentisch getreten und begrüßte den alten Herrn. Dabei klang das russische Wort ‚Exzellenz‘ wiederholt von seinen Lippen. Morskoi winkte ihn heran und frug halblaut:

„Wieso Exzellenz?“

„Der deutsche Arzt ist Exzellenz, Euer Hochwohlgeboren. Ich schickte selbst seinen Paß zur Polizei.“

„Wie heißt er?“

„Geheimrat Tillesen!“

„Sie sehen schlecht aus, Schjelting!“ sagte der spöttische Fürst Bulagin. „Wenn die hohen Damen Sie nach dem Weltkrieg zum Minister machen, brauchen Sie Ihre Nerven! Lassen Sie sich rasch noch von dem Deutschen da nebenan kurieren, ehe Sie ihn und alle anderen Deutschen umbringen!“

„Ja, wahrlich, unsere Ärzte taugen nichts!“ versetzte der General in seinem tiefen Baß.

„Und da ist wieder unser Kleinmut!“ Ein plötzliches hochfahrendes Lächeln legte sich wie eine asiatische Tünche über Nicolai Schjeltings unruhige Züge. „Wieder der Deutsche in Ihnen, Pawel Antonowitsch! Die Deutschen verhexen die Welt. Sie erfüllen unsere Köpfe mit einem Nebel, und sie selber üben inzwischen Parademarsch. Gott will da endlich Klarheit. Wer groß ist, soll Großes tun. Wer klein ist, sich bescheiden. Was ist größer als unser heiliges Rußland? Was war je größer, seit es Menschen giebt, als dies Reich von der chinesischen Mauer bis nahe an Berlin? Fünf Meere umspülen unsere Küsten. Walfische blasen an der einen, Orangenbäume blühen an der andern. Einhundertundsiebzig Millionen Menschen gehorchen dem Weißen Zaren. Rußland und Unermeßlichkeit ist Eins. Der Muschik ist der Erderoberer. ‚Mir‘ heißt Dorfgemeinde und Welt.“

Außen, an einem der ebenerdigen Fenster des asiatischen Luxushotels bewegten sich zwei bloße Armstumpfe. Dazwischen ein nasenloses Gesicht. Das Wimmern der Bettler drang durch die Glasscheiben. Der Gelehrte aus Wiesbaden sah prüfend auf dies Häuflein Aussatz und Ekel da draußen, mit der Ruhe des deutschen Forschers, für den der Kolibri nicht schön ist und die Kröte nicht häßlich, die Mücke nicht klein und die Milchstraße nicht groß, sondern alle Dinge nur ein Weg zur Erkenntnis. Auch das junge Mädchen zeigte keinen Widerwillen. Sie schien an derlei gewöhnt, eine Gehilfin ihres Vaters. Sie sagte nur halb mitleidig: „Gott ... ja: Rußland...“ Ihre Teilnahme machte Schjelting wütend.

„Schaffe dies Gesindel fort!“ herrschte er den nächsten Tataren an. Dann zu den Anderen: „Belieben Sie einmal einen Blick auf die Landkarte zu werfen: Wie groß ist denn dieses Preußen? Ein halb Dutzend von unsern Gouvernements! Ein paar Ellen Küste, die ihm die Engländer sperren. Nicht genug Brot ohne uns. Frankreich, dies furchtbare Frankreich vor dem Tor. Ein solches Dreigespann von Großmächten...“ Er verfiel plötzlich, mit einer blasierten Handbewegung in Französisch: „~Quinze jours, mon prince! Je vous assure: pas plus!~“

„Und die Kultur, die da zu Grunde geht?“

„Kultur? Das ist wieder eine Suggestion des Westens! Werden Sie von Kant satt? Schlafen Sie besser nach Bismarcks Reden? Was heißt Kultur? Kann man sie essen? Kann man sie trinken? Schützt sie gegen Winterkälte? Gegen Alter und Tod? Glücklich ist, wer nicht lesen und schreiben kann -- keine anderen Bedürfnisse kennt, als die er zu stillen vermag! Unser Muschik!“

„Nun -- da ist er ja!“

Draußen auf der Straße fuhr ein Leiterwagen vorbei. Ein Dutzend Bauern lagen kreuz und quer wie die Mehlsäcke darauf, mit offenem Mund, verglasten Augen, einer mit dunklem Blut im Bart.

„Unglaublich, diese Masse Betrunkener hierzulande, Vater, nicht?“

„Ja, Inge!“

Schjelting sagte sich ärgerlich: Die Polizei brauchte die Kerle auch nicht grade vor den Augen der Deutschen zu sammeln und auf die Wache zu führen. Dann verloren sich seine Gedanken: Eigentlich ist dies Mädchen drüben hübsch... Es fiel ihm auf, wie er jetzt von der Seite ihr schönes Profil mit dem dunkelblonden Haar sah. Er kam zu sich und wandte sich jäh zu den Andern:

„Mag auch bei uns manches faul sein! Gut! Umsomehr brauchen wir den Krieg. Zur Ableitung. Die Bombe, die über die Weichsel fliegt, platzt nicht in Petersburg!“

Korsakoffs Augen glühten wie zwei blaue Kohlen. Er hob den gelblichen Zeigefinger:

„So ist es! Und mehr: denkt nicht nur an uns, sondern an unsere slawischen Brüder. Der Balkan ruft mit tausend Stimmen. Er ruft uns bei Tag und Nacht...“

„Zum Spaziergang zur Adria!“ sprach der General Schiraj und reckte sich in den breiten Schultern. Der Kellner schob die vierte Champagnerflasche in den Eiskühler. Die zweite Likörflasche auf dem Nachtisch war schon halbgeleert, jeder mit Ausnahme Schjeltings hatte schon seine zehn, zwölf Schnäpse im Leibe. Auf der Straße entstand ein wirres Geschrei ... Hufschläge ... ein paar Kosacken jagten vorbei. Sie schleiften einen barhäuptigen, jungen Menschen in grüner Studentenuniform neben sich durch den Straßenschmutz, schlugen auf ihn ein, die rechte Seite seines herabhängenden Kopfes war scharlachrot. Auf der langen Blutspur hinter ihm liefen andere Hochschüler und junge Frauen und schrien und drohten mit geballten Fäusten und leidenschaftlich verzerrten Gesichtern den Kosacken.

„Übelgesinnte, Euer Hochwohlgeboren!“ meldete der Tatar, den Champagner in die Kelche füllend. „Sie versuchten, das Volk beim Durchzug der ‚Unglücklichen‘ aufzuwiegeln!“

Die Russen rauchten ruhig. Derlei gehörte zu Moskau und Petersburg wie Schnee und Wind. Nur Schjelting vernahm nebenan ein helles, diesmal von wirklichem Grauen erfülltes:

„Furchtbar...“

Dabei stand sie mit dem Geheimrat Tillesen auf. Nun sah er, daß sie groß und schlank gewachsen war, wohl einen halben Kopf länger als der unscheinbare, stille Gelehrte neben ihr. Eben wollten sie zahlen -- da nahte es da draußen, was Nicolai Schjelting schon die ganze letzte Zeit unruhig von ihren Augen weggewünscht hatte: die ‚Unglücklichen‘ kamen, auf dem Weg nach Sibirien. Ein langer, langer Zug. Kerkerbleiche Gesichter. Kettengeklirr unter den Sträflingskleidern. Alt und Jung. Neben den Männern auch Frauen. Stumpfe Soldaten in schmutzigen Mänteln und Mützen, rechts und links. Viele der Begegnenden bekreuzigten und verbeugten sich, wateten auf die Straße und steckten den Gefangenen Almosen zu. Dumpf klang ihr: „~z’bogóm! z’bogóm!~ Mit Gott!“ Wie eine graue Luftspiegelung unter dem grauen Himmel zog der Zug der Verbannten vorbei, verschwand auf seinem weiten Weg bis zu den Bergwerken und Einöden Asiens.

„Schade, daß das die unerlösten Brüder auf dem Balkan nicht auch sehen!“ sagte der unverbesserliche Bulagin.

„Genug, Fürst! Sie sind kein echter Russe!“

„Nun -- ich bin aus Ruriks Stamm!“

„Dann vorwärts, Knjäs!“ Korsakoff stand auf und stürzte ein Glas Sekt hinunter. „Rußland vom Stillen Ozean bis zur Adria!“

„Also wollt Ihr wirklich den Weltkrieg?“

Nicolai von Schjelting sah um sich. Die beiden Deutschen waren verschwunden. Er sagte lächelnd:

„Vor hundert Jahren haben wir Moskau angezündet. Warum sollen wir nicht auch einmal die Welt anzünden? Unser Mütterchen Moskau ist schöner wieder auferstanden. Auch die Welt wird schöner auferstehen!“

„Und die Millionen von Menschenleben?“

„Einmal würden sie doch sterben!“

„Und die Milliarden von Geld?“

„Gehören sie uns? Wir haben ja nur Schulden!“

„Die Zerstörung von Hab und Gut!“

„... beim Feind, Fürst Bulagin!“

„Denken Sie an das Testament der Alten Katharina!“ schrie Korsakoff. Auch der General sprang empor.

„Noch steht das Kreuz nicht auf der Hagia Sophia!“

„Aber der Weg nach Stambul führt über Wien!“ rief Morskoi.

„Nein. Über Berlin!“

Schjelting sagte es. Er war allein ruhig sitzen geblieben und reichte so den Anderen die Hand zum Abschied. Der General Schiraj dachte sich dabei: Nun, mein Lieber, dumm bist Du freilich nicht! Aber Dich reitet der Ehrgeiz und Dein Pferdchen wiederum heißt Rußland! Und der Hofmeister meinte, halb im Scherz, halb im Ernst: „Vergessen Sie uns, Ihre Freunde, nicht, wenn Sie nach dem Sieg Minister sind!“

„Leben Sie wohl!“

„Grüßen Sie Paris!“

Allein geblieben, saß Nicolai Schjelting noch eine Weile da und rauchte. Dabei fuhr er ein paarmal mit der Hand über die geschlossenen Augen. Es war eine unwillkürliche Gebärde der Ermüdung. Nun kam der Rückschlag nach der schlechten Nacht. Er dachte sich: Heute und morgen und übermorgen wirst Du auf der Eisenbahn wieder nicht schlafen, bist bei der Ankunft in Paris bei wichtigen Geschäften und Geheimnissen matt und abgespannt. Bei den Boulevards fiel ihm Bulagin ein. Der alte Bajazzo hatte recht: auf dem Weg über Leichen brauchte man seine Nerven... Er schrieb zerstreut eine Depesche an seine Frau: ~A Mme Ghislaine de Schjelting, née Lambert à Bruxelles, Boulevard du Régent 311~, meldete, daß er sich noch ein paar Tage an der Seine aufhalten und dort auch ihren Großvater, den alten General de Rigolet, treffen würde, ehe er nach Belgien käme, und unterschrieb mit dem gewohnten kühlen und flüchtigen: ‚~Toujours à vous. Nicolai.~‘

Es war der Ton zwischen ihnen. Dann gähnte er und stand auf. Die Stühle am Nebentisch waren leer. Da hatte dieser alte Deutsche gesessen. Eine Exzellenz. Also sicher einer der ersten Ärzte seines Landes. Und für so etwas waren diese Deutschen doch schließlich gut...

Die Treppe war jetzt frei von den Patienten, die vor ein paar Stunden da wie die Bittsteller Reihen gebildet hatten. Jetzt traf man den Alten allein. Das war wie ein Wink des Schicksals. Vielleicht wollte er später, nach dem Krieg, keine Russen mehr behandeln. Man mußte die Zeit nutzen. Nahm sich ein Rezept mit. Möglicherweise half es doch. Schjelting klopfte kurz entschlossen und öffnete fast zugleich. Im Vorzimmer saß nicht, wie er erwartet, ein Diener, sondern das junge Mädchen von vorhin. Sie legte den Federhalter neben den angefangenen Brief und hob die Hand.

„Pst!“

„Was denn?“

„Leise! Mein Vater schläft nebenan!“

Schjelting blieb ärgerlich stehen. Sie musterte ihn mit einer halb fragenden Wendung des Halses.

„Was wünschen Sie, bitte?“

„Ich möchte den Doktor konsultieren!“

„Sie meinen Seine Exzellenz, Herrn Geheimrat Tillesen?“

„Nun ja -- die Exzellenz! Ich werde in einer Stunde wiederkommen!“

„Es tut mir leid! Heute ist es zu spät!“

„Wie denn: zu spät? Ein Arzt ist für die Kranken da!“

„In der Sprechstunde. Die ist von zehn bis zwölf.“

Überall im Zimmer standen Geschenke reicher russischer Patienten. Bunte Tula-Arbeiten, silberne Becher, kaukasischer Zierrat.

„Und Schlag Eins mache ich auch mit der Poliklinik Schluß. Mein Vater wird nächstens Sechzig. Er braucht seine Ruhe!“

Nicolai Schjelting liebte keinen Widerstand. Im Gegenteil: ‚dann grade‘! Er sagte in seinem reinen, tadellosen Deutsch, in dem nur die harte Aussprache den Russen verriet:

„Nun -- man wird mit mir eine Ausnahme machen!“

„Warum gerade mit Ihnen?“

„Weil ich in ein paar Stunden ins Ausland reise!“

„Dann müssen Sie das eben auf morgen verschieben!“

„Wie kann ich das? Äußerst wichtige Dinge rufen mich!“

Er dachte sich: ‚Dinge gegen Euch Deutsche! Dabei stehe ich hier vor dieser Deutschen und bitte. Was ist das mit mir?‘

„So kommen Sie nach Wiesbaden! Dort steht mein Vater jedem Patienten zur Verfügung.“

„So lange zu warten ist nicht meine Sache!“

„Dann vermag ich Ihnen zu meinem Bedauern nicht zu helfen.“

„Mit mir steht es aber schlimm! Belieben Sie zu begreifen: ich kann nicht schlafen! Also bitte, melden Sie mich!“

„Mir ist es im Augenblick wichtiger, daß mein Vater schläft, als daß Sie schlafen. Das können Sie mir als Tochter wirklich nicht übel nehmen!“

Durch ihre Worte klang immer dieselbe freundliche Entschiedenheit, die ihn so ärgerte. Er entnahm seiner Brieftasche fünf Regenbogenscheine und legte sie auf den Tisch.

„Hier sind fünfhundert Rubel! Ist das genug?“

Nun stand das junge Mädchen auf. Er sah wieder, wie groß und schlank sie war. Beinah so groß wie er. Eine feine Röte des Unmuts überflog eine Sekunde ihre hübschen Züge. Aber sie blieb ganz gelassen:

„Also nicht wahr: Sie stecken das da wieder ein? Das hat doch gar keinen Zweck! Das müssen Sie sich doch selber sagen!“

„Also tausend Rubel!“

„Herr Krupensky hat hunderttausend Mark auf der Bank hinterlegt, damit mein Vater überhaupt nur hierherkam. Was denken Sie denn von uns?“

Nicolai Schjelting schwieg und schob die Scheine in die Hosentasche. Nun kamen ihm, dem Mann von westlicher Bildung, doch wieder die Maße zu Bewußtsein, in denen ein deutscher Fürst der Wissenschaft lebte. Aber er war wütend auf das junge Mädchen, das zwischen ihm und der Nebentür stand. Er ging, in der plötzlichen herrischen Aufwallung eines vornehmen Russen einfach auf diese Türe zu, um sie zu öffnen. Aber sofort trat sie davor und ihr ‚Bitte!‘ klang trotz aller Höflichkeit so ernst und bestimmt, daß er wieder stehen blieb und die Achseln zuckte. Eigentlich war es für ihn, Nicolai von Schjelting, unter seiner Würde, hier zu streiten. Aber er konnte sich doch nicht enthalten zu sagen:

„Gut! Man hätte es wissen können! Wer mit Deutschen zu tun hat, stößt überall auf dieselbe Kleinlichkeit. Überall auf der Welt machen sich die Deutschen verhaßt. Sie werden’s noch einmal büßen!“

Er frug sich selber dabei: ‚Was sind das für Geschichten? Was schlage ich mich hier mit einer beliebigen Deutschen herum? Ein Mann, wie ich?‘ Es machte auf sie auch gar keinen Eindruck. Sie lachte nur hell und sah dabei reizend aus in ihrer blonden Jugend.

„So? Nun, wir fürchten uns nicht! Adieu!“

Als er mit der hochmütigen Andeutung einer Verbeugung das Zimmer verlassen hatte, setzte sich Inge Tillesen wieder an den Tisch und schrieb weiter:

„...Ich wurde eben unterbrochen. Ein Stück Halbasien kam herein. Die Unkultur auf zwei Beinen, das heißt äußerlich natürlich höchst elegant und also um so unverschämter. Ich mache eben das Fenster auf. Er hat so einen merkwürdigen Geruch von Zigaretten, Kölnisch Wasser und ganz feinem Juchten hinterlassen.

So! Also, lieber Freund, hier merkt man nicht das Geringste von Truppenbewegungen. Überall Ruhe. Tiefster Friede. Aber sonst ein Land, von dem man noch nach Jahren im Traum Alpdrücken kriegen kann. Es bestärkt Einen zum Glück in seiner Anschauung. Es ist die Verläugnung jeder Freiheit. Und Sie wissen, wie sehr ich für die Freiheit jedes Menschen bin! Der Mensch ist, nach meiner Meinung, in erster Linie für sich selber auf der Welt!

Das ist ja der alte, ewige Streit zwischen uns, seit ich aus Amerika zurück bin. Ich hab’ so gar keine Hoffnung mehr, daß wir da je zusammenkommen können! Sie schreiben: Im Wort ‚Pflicht‘ steckt das Wort ‚Ich‘ darin. Ich schreibe wieder: Für mich fangen Freiheit und Frau mit denselben Buchstaben an. Natürlich giebt es Pflichten. Aber selbstgewählte. Keine überkommenen. Keinen Zwang. Da draußen reiten eben wieder die Kosacken.

Über solchen Unterschied in der Weltanschauung kann man sich die Finger wund schreiben und bleibt doch auf demselben Standpunkt: Sie auf Ihrem: ‚Ich dien‘! und ich auf meinem: ‚Ich bin ich!‘ Wir müssen uns jetzt einmal endgiltig aussprechen, wenn Sie nach Ostern auf Urlaub zu Ihren Eltern nach Wiesbaden kommen. Ich bestehe darauf. Es geht so nicht weiter. Mit uns Beiden nicht. Für heut Schluß. Ich habe keine Zeit mehr. Sie sehen, ich lade mir freiwillig Verantwortung genug auf. Ich muß jetzt meinen Vater mobil machen, daß er nach seinem russischen Krösus sieht. Wir haben ihn glücklich durchgebracht! Also bald auf Wiedersehen in Wiesbaden.

Ihre

Inge Tillesen.“