Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1916 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche, altertümliche und regional gefärbte Ausdrücke wurden nicht korrigiert; fremdsprachliche Zitate und Ausdrücke wurden unverändert übernommen -- insbesondere wenn diese in ihrer ‚eingedeutschten' Form verwendet wurden --, sofern die Verständlichkeit dadurch nicht beeinträchtigt wird.
Im Original wird als Vergleich zum russischen (kyrillischen) ‚N‘ der lateinische Buchstabe ‚I‘ bzw. ‚J‘ herangezogen, was faktisch nicht korrekt ist. Tatsächlich entspricht der lateinische Großbuchstabe ‚H‘ dem Aussehen nach dem kyrillischen ‚N‘ (Н). Die Passage auf S. 335 (vor dem Satz ‚In Wirklichkeit war es ein russisches „N“, ...‘) wurde dahingehend abgeändert.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt. Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Das deutsche Wunder
Roman von Rudolph Stratz
26. bis 35. Tausend
1916
Verlag Ullstein & Co, Berlin und Wien
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co, Berlin.
Inhaltsverzeichnis.
Seite Vorwort 7 I 13 II 41 III 74 IV 86 V 112 VI 125 VII 155 VIII 171 IX 207 X 246 XI 285 XII 300 XIII 338 XIV 368 XV 402 XVI 426
Vorwort.
Darf der Dichter die Gegenwart schildern? Das, was erst anderthalb oder zwei Jahre hinter uns liegt und noch bis in die Zeit des großen Kriegs hineinreicht?
Oder soll man dem Ruf der Kunstrichter trauen: Nein! Die Zeit ist noch zu nah. Zu groß. Ihr habt zu schweigen.
Geschwiegen haben wir Alle bisher von selbst! Vom Tage des Kriegsausbruchs ab hat wohl Jeder die Feder aus der Hand gelegt. Manche Schriftsteller kämpften im Felde. Anderen war es vergönnt, als Johanniter, Krankenpfleger, Automobilisten, Kriegsberichterstatter, überhaupt eben als zeitweilig zur Front zugelassen, in West und Ost das ungeheure Schauspiel des ungeheuersten Kriegs aller Völker und Zeiten in sich aufzunehmen. Zu den Letzteren gehörte auch ich.
Und daheim sah Jeder von uns das zweite, nicht minder riesige Bild: die zweite deutsche Front, die Front der Frauen und der Gelehrten, der Arbeiter und der Sparer.
Und draußen sehen wir den Feind: die schamloseste Lüge der Weltgeschichte, die England, den schamlosesten Verrat der Weltgeschichte, der Italien, die schamloseste Mordbrennerei, die Rußland, die satanische Wut, die Frankreich heißt. Wir sehen den Deutschen vogelfrei fast auf dem ganzen Erdball, wir hörten von dem Massenhungertod, der an dem größten Kulturvolk der Welt das Schlächterwerk des Senegalnegers vollenden sollte. Uns würgte der Ekel an der Menschheit, von dem nur der Gedanke an Deutschland uns in heiligem Grimm befreite.
Und von alledem sollen wir schweigen?
„Oh nein!“ sagt der kritische Germanist. „Nur laßt Euch Zeit! Distanz! Distanz! In fünf Jahren -- oder in zehn -- oder in dreißig -- je nachdem -- da wird der Abstand von den Dingen und Leidenschaften groß genug sein, um ein gereiftes Kunstwerk zu schaffen!“
Ja, zum Donnerwetter, ist denn Abgeklärtheit allein der Zweck der Kunst? Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe nichts? Das, was wir jetzt Alle mit allen Fibern unserer Seele im Brausen der Völkerdämmerung und Weltenwende in uns erleben, was draußen mit tausend feurigen Zungen auf den Schlachtfeldern redet und daheim von tausend Kirchturmglocken läutet? Das, woran Jeder denkt, wofür Jeder atmet, wovon Jeder spricht: Nur der Dichter nicht?
Aber nehmen wir an: der Kunstrichter hätte Recht: Was sollen wir nun in dieser Zwischenzeit bis zum richtigen literarischen Abstand tun?
„Inzwischen? Mein Gott -- sehr einfach: Wählt Eure Stoffe aus der Zeit vor dem Krieg wie bisher!“
Die Zeit vor dem Krieg? Wann war das eigentlich? Man reibt sich die Augen: Es kommt Einem wie ein Jahrhundert vor. Es ist eigentlich gleich, wie lange es her war. Es ist ja Alles so anders geworden. So neu. So gewaltig. Die Menschen jenseits des deutschen Jungbrunnens vom 4. August -- das sind nicht mehr wir! Wir sind weit über sie hinaus...
Mit anderen Worten: Wer die Zeit bis vor dem Jahr 1914 beschreibt, der schreibt einen historischen Roman. Historische Romane sind nicht Jedermanns Sache, zumal jetzt, wo vor Aller Augen die Historie selber mit Donnerschritt über die Erde geht.
Also kommen wir wieder auf die Gegenwart zurück! In scheuer und zögernder Ehrfurcht steht der Schriftsteller vor dem jedes Menschenmaß des Auges und Geistes übersteigenden Rundbild des flammenden Erdballs und sagt sich, wenn er versuchen will, ein Stück auf’s Bild zu bannen, von vornherein:
„Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis!“
Ja gewiß: Unzulänglich, Stückwerk wird Alles sein, was der, der Zeit und Krieg sehend miterlebte, jetzt schon gestalten kann. Er kann nichts tun, als eben aus sich heraus sein Bestes zu geben. Er muß versuchen, aus seinem Wesen, seiner Weltanschauung, seinen Eindrücken den Beobachtungswinkel zu gewinnen, wo sich ihm, durch einen Strahl von oben, die Welt draußen so deutlich widerspiegelt wie die feindliche Stellung im Scheren-Fernrohr.
Die feindliche Stellung -- das ist es, von der ich ausgehen möchte. Ich meine damit nicht den Krieg selbst. Von ihm und seinen Einzelheiten darf jetzt aus naheliegenden Gründen noch nicht viel gesagt werden. Und ist es späterhin militärisch möglich, so bleibt es ein selbstverständliches Vorrecht derer, die ihn kämpfend miterlebten. So liegt über meinem hier folgenden Werk der Krieg mehr als Stimmung denn als Geschehnis.
Aber ein Anderes glaubte ich, jetzt schon schildern zu dürfen. Gerade jetzt. Das, was vor uns Allen noch, inmitten aller Siege, als ein unheimliches Rätsel steht: Wie kam es, daß auf einmal gegen uns der Haß eines Irrenhauses über die ganze Erde aufflackerte? Wie kam es, daß hysterische Lüge die Druckerschwärze der fünf Weltteile in schwarzen Eiter verwandelte? Daß russische Große ihre Ehrenwörter gegen uns wie Zahnstocher zerknickten? Daß ein Bandit nackt, mit dem Dolch in der Faust, hervortrat und sich mit pathologischem Grinsen als der Verbündete jenseits der Alpen vorstellte? Daß Japanese und Bur einträchtig wie ein paar Schlächterhunde Deutschland an die Gurgel sprangen? Daß die schwarze, weiße, braune und gelbe Menschheit sich vor unsern Augen wie berauscht in einem Kotmeer von Eidbruch, Verrat, Niedertracht und Blutdurst wälzte?
Zu unsern Feinden will ich den Leser führen, ihre Pläne belauschen, ihren Zusammenkünften beiwohnen, bei denen überall wie Bankos Geist der Schatten Eduards VII. unter den Verschwörern sitzt. Aus seinem Geist, aus der Geistesverfassung -- oder Geistesverwirrung -- unserer Gegner allein läßt sich der Ursprung und rächende Verlauf des Weltkriegs erklären. Den wir nicht wollten. In dem wir siegen. Den unsere Feinde bereuen werden. Dessen sich -- uns und unsere Bundesgenossen ausgenommen -- die Menschheit noch nach Jahrhunderten schämen wird.
Unsere Feinde! Ich glaube, sie, nach dem Lauf meines Lebens, besser zu kennen als Andere. Ich kenne Rußland vom Eismeer bis zur Krim. Ich kenne Frankreich aus mannigfachen Beziehungen. Ich kenne ebenso England. Ich habe mit immer wachsender Sorge in dem letzten Jahrzehnt in London und Paris, in Belgrad und Moskau, in Brüssel und Rom, in Kairo und Cettinje die Unterwelt gegen unser arbeit- und festfrohes Deutschland emporsteigen sehen.
Ein garstig Lied -- pfui -- ein politisch Lied!
Ja, schön im alten Sinn friedlicher Gesittung ist die Welt augenblicklich nicht. Daran sind wir Deutsche nicht schuld. Und doch ist sie schön, hinreißend schön, denn sie ist groß!
Groß wie noch nie! Und Größe tat uns in Deutschland not. Größe! Größe! Wir haben seit Jahren nach Größe gelechzt, ohne es zu wissen. Nicht nach Größe des Kriegs, aber nach Größe der Menschen und Dinge, in unserem innerpolitischen Kleinkampf, in unserer liebevoll alles Kranke und Schwache hätschelnden Kunst, in unserem uns selbst schon unbehaglichen Interesse für alle gleichgiltigen Entartungserscheinungen des Auslands. Deutschland braucht zu seiner Gesundheit Helden. Sie sind das Eisen in seinem Blut. Nun hat es Helden! Hat, über sie alle hinaus, einen einzigen Helden: sich selbst! Das erste und hehrste und älteste Vorrecht des Dichters ist es, den Helden zu besingen. So sei es mir vergönnt, so gut ich es eben vermag, von Deutschland zu sagen und wie es, als ein Wunder vor sich selbst und mehr noch vor seinen Feinden im Kampf gegen die Menschheit der Menschheit Würde wahrte.
I.
„Gott will den Krieg!“ sagte der russische Generalmajor Schiraj mit seiner tiefen Stimme.
Sein Nachbar verstand ihn nicht. Es war zu viel Dröhnen um ihn. Alle Glocken von Moskau läuteten, während der Zar an diesem Apriltag des Jahres 1914 die Uspénsky-Kathedrale auf dem Kreml verließ. Es hallte neben ihm von der Archangelsky- und Blagoweschtschensky-Kathedrale, hoch vom Turm Iwan Weliki und aus dem heiligen Synod, von der Kasanschen und Basileus-Kathedrale unten, von der Erlöser-Kirche drüben, vom Wunderkloster bis zu den Zinnen des Jungfernklosters fern vor der ungeheuren Stadt. Es war ein Sturmläuten wider einen unsichtbaren Feind über den hundert goldenen Kuppeln, den Tausenden von grünen Dächern. Und im Sturm flogen dicht darüber am niederen Himmel die grauen Schneewolken, von Osten her über die moosfarbenen Turmhauben der Kremlmauern aus Tatarenzeit, selbst dahinjagenden, zusammengeballten Reitergeschwadern ähnlich, in ihrem endlosen Zug von Asien nach Europa.
Nikolaus der Zweite hatte dem Gnadenbild der Muttergottes von Wladimir seine Ehrfurcht bezeugt. Nun verblaßte hinter ihm der byzantinische Goldglanz des Ikonostas, die weißbärtige Patriarchengestalt des Metropoliten von Moskau, verhallten die Donnerbässe der Mönche: „~Gospodi pomilui!~ Herr, erbarme Dich!“ Er durchschritt den schmalen Platz zwischen der Kathedrale und der Löwentreppe des Kreml. Ein unscheinbarer blonder Schatten in dunkelgrüner, russischer Generalsuniform, sah er noch kleiner aus zwischen den schwarzbärtigen Riesengestalten der Tscherkessen seines Leibgardeconvois, die in ihren hohen Fellmützen alles überragend rechts und links von ihm und seinem Trosse gingen. Vor ihm schritt, für alle Mordversuche der Untertanen verantwortlich, der stellvertretende Generalgouverneur von Moskau, dicht hinter dem Selbstherrscher, sonderbar inmitten der Exzellenzen und Hohen Exzellenzen, ein einfacher, dunkelbärtiger Matrose in reiferen Jahren, der Batka, der Gefährte des siechen kleinen Thronfolgers, den er wie eine bleiche, in den langen Waffenrock der Gardekosacken gesteckte Wachspuppe auf den Armen trug. Dem winzigen Hetman aller Kosacken folgten in einer Reihe nebeneinander seine vier Schwestern, alle in Weiß, mit weißen Pelzen um die Schultern, dann, voll Orden und Bänder, in hohen Stiefeln und weiten Hosen, in Lammfellmützen und grünen Röcken, die Großfürsten und Generale, in Klapphut, Degen und goldgestickter Gala, breite goldene Borten an den weißen Beinkleidern die hohen Tschinowniks in Zivilrang. Die ganze Kremlstadt auf dem Hügel inmitten Moskaus war, solange der Zar sich hier auf der Durchreise nach der Krim aufhielt, streng von Menschheit und Außenwelt abgeschlossen. Aber aus der Uspénsky-Kathedrale strömten immer noch zu Hunderten die Uniformen, zerstreuten sich, belebten die toten Straßen und Plätze von der Stelle, wo der Großfürst Sergius in die Luft gesprengt wurde, bis zum Denkmal des ermordeten Zar-Befreiers. Im Innern der Kirche sangen immer noch die langhaarigen Mönche in dumpfen Bässen ihr Kyrie Eleison, immer noch läuteten nah und fern die Glocken, immer noch stöhnte der Steppenwind um die heiligen altslawischen Stätten und stoben vom Himmel die stürmenden Hunnenwolken gen Westen.
„Gott will den Krieg! Sonst hätte er nicht den Wunsch danach in unsere Brust gelegt!“
Der Generalmajor Schiraj wiederholte es mit einer starken und entschlossenen Stimme. Er war vom Äußeren des wahren Großrussen, schwergebaut, mit breiten Backenknochen, geblähten Nasenflügeln, dichtem, blondem Bart.
Sein Begleiter, der Hofmeister Morskoi, blieb stehen und schaute nach der langen gelben Fensterfront des Kreml-Palais zurück, auf dessen Zinnen die schwarz-gelb-weißen Zarenflaggen scheinbar hilflos im Sturme hin- und herflatterten.
„Gott mag wollen! Aber ob der Gossudar will...“
„Er wird!“
„Oder er wird nicht! Wer kann das bei ihm wissen!“
Eine Gestalt tauchte im Geist vor Beiden auf, die sie vorhin gesehen. Ein baumlanger, ältlicher General, mit seinem, von Leidenschaften verwüsteten aristokratischen Geierkopf weit den kümmerlichen Neffen überragend.
„Wenn Nicolai Nicolajewitsch...“
„Ist er schon Zar?“
„Pst! Pst! Still!“
Der General schaute besorgt umher. Mauern und Pflaster hatten hier Ohren, plauderten wieder, was man von den Geheimnissen von Gatschina und Livadia wußte... Der Höfling drehte sich eine neue Zigarette.
„Der Krieg ist eine Kleinigkeit, Pawel Antonowitsch! Das Schwere ist vor ihm: der eine Federzug des Zaren!“
„Er muß!“
„...Wenn Alle um ihn einig wären! Aber diese Verdächtigen im Lande ... ist da nicht Witte? Ist da nicht Rasputin?“
Die grobknochigen Züge des Generals verfinsterten sich bei dem Namen des wundertätigen russischen Popen und Günstlings der vornehmen Petersburger Damenwelt, der beim Zaren aus- und einging. Er sagte ruhig:
„Und doch ist der Stein im Rollen! Ich komme aus Bochara. Überall in Zentral-Asien zieht man unsere Truppen auf Kriegsfuß zusammen. Im Kaukasus rüstet man. Auf allen Bahnhöfen zwischen Wolga und Ural trifft man Vorbereitungen. Aus dem östlichen Sibirien sind unsere Truppen schon auf dem Marsch...“
„Von der Krim aus wird der Herrscher Paraden abhalten. In Odessa. In Nicolajeff. In Cherson. Alle diese Divisionen kommen auf Kriegsstärke und bleiben es! Aber gehen wir, Pawel Antonowitsch!“
Sie schritten die weite Kremlterrasse entlang. Unten rauchten schmutziggraue Wasserflächen der Moskwa zwischen den morschen Resten der Eisdecke. Bäche von Tauwasser durchfurchten den fußdicken gefrorenen Straßenschlamm. Es triefte von den Dächern. Der kurze Kampf zwischen russischem Sommer und Winter hatte begonnen, und der General sagte:
„Die Zeit ist gekommen. Wir haben sie seit Jahren genutzt. Unsere Kriegsausrüstung ist unermeßlich -- war noch nie da. Nichts wurde diesmal verabsäumt. Nun -- was ist?“
Der Staatsrat und Kammerherr Morskoi neben ihm hatte den rechten Handschuh abgestreift. Kurzatmig und wohlbeleibt, eilte er doch, so rasch es die Pfützen gestatteten, quer über den Zarenplatz auf das Kleine Palais zu, wo ihm vom Fußsteig her ein hellblonder schlanker Mann in den Dreißigern lässig lächelnd mit der Rechten herüberwinkte. Es war eine fast gönnerhafte Gebärde. Dabei trug der drüben nicht einmal irgend eine Uniform des russischen Tschin, sondern eine schwarze Krimmermütze, einen nach europäischer Art geschnittenen, schwarzen Krimmer-Paletot, Pariser Bügelfaltenbeinkleider über den Lackgaloschen. Auch sein Gesicht war westlicher geschnitten als das des Andern: schmal, nervös, lebhaft, mit großen, grauen Augen. Der blonde Schnurrbart war auf englische Weise gestutzt. Darunter das ironische und liebenswürdige Lächeln eines Weltmanns. Der General Schiraj frug:
„Was ist das für ein Vogel da drüben?“
„Ein Vogel? Erbarmen Sie sich! Das ist doch Schjelting!“
„Schjelting?“
„Nun ja doch! Nicolai Wassiljewitsch Schjelting!“
„Nun weiß ich nicht mehr als vorher!“ sagte der General ruhig.
„Gott schütze Sie, Pawel Antonowitsch! Man merkt, daß Sie acht Jahre in Transkaspien waren! Kommt zurück und hat nichts von Schjelting gehört!“
„Ein Russe?“
„Ein Russe durch und durch! Nehmen Sie sich in Acht: Sie stehen vor einem der gefährlichsten Männer Rußlands!“
Nicolai von Schjelting nickte den Herankommenden lächelnd über die Schulter zu. Er verabschiedete sich eben von einem baumlangen Flügeladjutanten aus dem Militärstaat des Zaren. Dieser Petersburger, auf dessen Antlitz der Asiatendünkel in breiten Lettern geschrieben stand, verbeugte sich beim Händeschütteln vor ihm tief. Dann wandte sich Schjelting zu den Andern und frug, sobald er den Namen des Generals erfahren:
„Nun -- und die Afghanen? Sie stehen doch in Kuschk?“
„Ich befehligte dort! Aber vor zwei Jahren...“
„... kamen Sie als Älterer Gehilfe nach Bochara! Verzeihen Sie! Ich vergaß...“
„Aber woher wissen Sie überhaupt...“
„Schjelting weiß Alles!“ sagte der Hofmeister Morskoi.
„Man verfolgt wenigstens die Taten unserer Helden draußen!“ versetzte Nicolai Schjelting. Es klang beinahe bescheiden. Der General lächelte geschmeichelt. Er frug: „Nun, und Sie nahmen nicht an dem Gottesdienst in der Kathedrale teil?“ Und Schjelting zog, wie um Entschuldigung bittend, die Schultern hoch:
„Ich fühlte mich heute früh nicht wohl. Die ganze Nacht war ich wach. Morskoi da weiß es: ich kann seit Jahren nicht schlafen! Gott hat mich damit gestraft. Wenn andere Menschen schnarchen, liege ich mit offenen Augen, bis die Hähne krähen...“
„Sollten da nicht die Ärzte...?“
„Keiner kann mir helfen! Genug davon! Wie? Ob ich in Moskau bleibe? Nein: ich reiste zufällig durch...“
‚Zufällig, weil der Zar hier ist‘... dachte sich der General.
„... und fahre heute Abend wieder ins Ausland! Nach Belgien. Zu meiner Frau. Ich verabschiedete mich eben von einigen Freunden im Palais.“
Dies mächtige Palais da hinten, in dem, solange der purpurtragende Schatten und sein siecher Sohn darin weilten, die unsichtbaren Fäden aus Belgrad und Paris, aus Cettinje und London, aus Kopenhagen und Tokio zusammenliefen, in dem spitze, diamantengeschmückte Damenfinger die Schicksalsnetze der Völker knüpften und aufdröselten -- dies Palais, das mit seinem Ränkegewirr der Vorzimmer, seinem Hauch von Blut und Mord um die Kremlmauern an ein orientalisches Serail erinnerte... Die drei Männer schritten nebeneinander dem nächsten Ausgang, der Heiligen Pforte zu. Alle Drei entblößten vorher ihre Häupter, und in dem schneidenden Sturmwind, der ihnen in der düsteren Wölbung entgegenpfiff, raunte Morskoi dem General zu:
„Wissen Sie, was Schjelting ist?... Er ist einer der Vertrauten des Großfürsten!“
„Nicolai Nicolajewitschs?“
„Nicolai Nicolajewitschs selber! Und ein Günstling der Montenegrinerinnen!“
Nie wären vornehme Russen ihrer Art sonst so lange zu Fuß gegangen. Aber in diesen Tagen war der Kreml für Fuhrwerk gesperrt. Erst unten auf dem Roten Platz, nahe der Kathedrale Iwans des Gräßlichen, hielten in langen Reihen die Wagen der Würdenträger. Nicolai Schjelting stieg in den seinen. Die Zigarette zwischen den Lippen, meinte er dabei in jener raschen und lächelnden Art, mit der er jeden Bekannten als Vertrauten zu behandeln schien:
„In den Adelsklub? Erbarmen Sie sich! Dort ist heute das ganze Gouvernement! Ich bekomme keinen Bissen in den Mund! Jeder redet mich an! Ich speise in Ruhe bei mir, im Petrowski Dwor! Auf Wiedersehen dort!“
Fast ohne die Antwort abzuwarten, fuhr er davon. Die Aufforderung, mit ihm gemeinsam das Gabelfrühstück einzunehmen, dünkte ihm offenbar Auszeichnung genug. In der hinterher rasselnden Droschke schrie der General Schiraj seinem Begleiter zu:
„Belieben Sie... Schjelting? Ist er Edelmann?“
„Vom Adel des Twer’schen Gouvernements. Er hat dort Güter.“
„Ich kannte die Familie bisher nicht!“
„Es sind nur Wenige! Sie sind ursprünglich -- glaube ich -- schwedischer Herkunft. Aber seit Peter dem Großen schon slawisch und orthodox.“
„Er scheint klug zu sein!“
„Gott gab ihn uns. Hätten wir nur mehr! In dieser Zeit! Wir stehen vor dem Kampf, der für ein Jahrhundert über Europa entscheidet.“
Der Generalmajor riß die schwarze Lammfellmütze vom Kopf. Rings auf der Straße bekreuzigte sich das Volk und kniete nieder. Das Bild der wundertätigen Iberischen Muttergottes zog in seiner vierspännigen, von barhäuptigem Kutscher und Spitzenreiter gelenkten Glaskarosse vorbei. Der Hofmeister sagte:
„Kennen Sie Krupensky? Den millionenreichen Holzhändler, der sich den Wolkenkratzer in der Twerskaja gebaut hat? Er gibt der Kirche zu verdienen. Jeden Tag läßt er sich das Bild an sein Krankenbett kommen!“
„Und geht es ihm schon besser?“
„Vorgestern lag er noch zwischen Tod und Leben. Auf alle Fälle hat er sich außerdem einen berühmten deutschen Arzt für schweres Geld eigens aus Wiesbaden hierher verschrieben!“
„Nun ... lassen wir ihn! Was ist dieser Schjelting denn eigentlich?“
„Nichts!“
„Nichts?“
„Das eben ist seine Stärke! Er hat keine Rangstufe. Keinen Titel. Keine Orden. Keine Vorgesetzten. Ist Niemandem verantwortlich. Niemandem Rechenschaft schuldig.“
„Was erstrebt er dann?“
„Wer kann es wissen? Vorläufig steht er im Dunkel. Hält sich bereit. Er kann ja warten. Ist unabhängig... Sehr reich...“
„Sind seine Güter so groß?“
„Wie denn? Klein und verwahrlost. Aber seine Frau ist eine Belgierin. Die Tochter des Hauses Lambert in Brüssel. Es ist da ein großes Eisenwerk, das ihrem Vater gehört. Und dessen Schwiegervater wieder ist der General de Rigolet in Paris. Uralt und lange außer Dienst. Aber sein Name gilt noch viel in der französischen Armee!“
„Ich las erst neulich sein ‚~Manuel sur la tactique de l’artillerie~‘ wieder,“ sagte der General Schiraj. Sie fuhren durch die breite Twerskaja dahin. Kurze Zeit hindurch klang das Räderrasseln gedämpft. Stroh lag auf dem Pflaster. Hier, in seinem zehn Stockwerke hohen amerikanischen Geschäftspalast lag der ehemalige Bauer und fünfzigfache Millionär Krupensky auf den Tod. Gleich darauf hielt die Droschke vor dem Petrowski Dwor, dem altrussischen Gasthof zum Peter dem Großen, in dem nichts an den Europäischen Westen erinnerte, in dem man kein Wort außer Slawisch verstand und schlitzäugige Tataren in weißen Kitteln bedienten. Hier war man unter sich. Nur russische Militärs, Beamte, Edelleute vom Lande, russische Damen in grellen Kleidern und Parfumwolken, russische Offiziersburschen und Diener in kaukasischer Tracht im Flur. Außerdem aber waren da heute noch auf der Treppe Menschen aller Stände und Schichten Moskaus. Langbärtige Bauern in umgedrehten Schafpelzen, Handwerker im Gürtelrock, ein Gymnasiast in Uniform mit seinen Eltern, ein wirrmähniger Pope mit seiner kranken Frau, zwei blasse junge Cursistinnen, ein hustender Viertelsmeister in schmutzigem Dienstmantel. Leidende Gesichter, emporgerichtete Augen, die eine Tür im ersten Stockwerk suchten, vor der ein Kommissionär des Gasthofs Wache hielt. Unten wandte sich Morskoi brüsk an einen Geschäftsführer:
„Habt Ihr hier ein Nachtasyl eingerichtet -- he? Was will das Volk?“
„Zu dem deutschen Arzt, Euer Hochwohlgeboren! Gospodin Krupensky hat unsere Paradezimmer für ihn gemietet, um ihn immer in der Nähe zu haben. Seit in den Zeitungen stand, daß der deutsche Arzt da ist, kommen die Kranken den ganzen Tag. Schon in aller Frühe um zehn Uhr halten die ersten Equipagen vor dem Peterhof!“
„Equipagen -- gut! Aber jage dieses Volk weg!“
„Wie darf ich denn, Euer Hochwohlgeboren? Der Deutsche will es so! Jeden Mittag hält er eine Sprechstunde für Arme!“