Das deutsche Wunder: Roman

Part 4

Chapter 43,601 wordsPublic domain

Draußen flatterten im Frühlingswind die blau-weiß-roten, die schwarz-weiß-gelben Fahnen, das rot-weiße Doppelkreuz im blauen Feld, dazwischen, als Gäste von jenseits des Ozeans, die dreizehn Streifen und achtundvierzig Sterne. Sie bauschten und blähten sich ineinander. Ein heißes Fieber wehte aus ihren Falten.

„Wann kommt Ihr Russen... Hand auf’s Herz?“

„Wer weiß, wann die Stunde da ist?“ Auf Nicolai Schjeltings Zügen lag einen Augenblick starr der Schatten von etwas Ungeheurem, von Etwas, das wohl geschehen, aber nicht von Menschenlippen ausgesprochen werden durfte. Um ihn war es still. Dann sagte er leichthin: „Übrigens fahre ich in nächster Zeit wieder zu der Pulverkammer!“

„Wohin?“

„Nun, in den Balkan! Zur rechten Zeit schiebt dort die rechte Hand den Riegel zurück!“

„Wir sollten noch zwei Jahre warten!“ murmelte nachdenklich der Major Michelin.

„Und Elsaß-Lothringen?“

Nicolai Schjelting kannte das Geheimschloß zu der gallischen Seele. Es zuckte verbissen zwischen dem schwarzen Knebelbart vor ihm.

„Ah! Wir sind bereit!“

„Das hofft Europa von seinen Tapferen!“

„Sie selbst haben nicht gedient, Herr von Schjelting?“

„Ich versuchte es als junger Mann bei den Chevalier-Garden in Petersburg! Aber leider ließ es meine Gesundheit nicht zu!“

„Nun -- dafür ist er stark hinter der Stirne!“ sagte der alte gallische Haudegen gutmütig. Über das, was er keinem Franzosen verziehen hätte, sah er bei dem russischen Großschwiegersohn mit Stolz hinweg. „Du willst schon fort? Ah -- man läßt Dich nicht!... Wie? Du mußt zu Iswolsky!... Das ist freilich etwas Anderes...“

Weit draußen im Westen, noch hinter dem Invalidendom, lag wie eine glimmende Kohle auf einem Pulverfaß die russische Botschaft. Schjelting betrat den Palast des Mannes, der hier seit Jahren mit beiden Händen Sturm säte und dabei den Sommer inmitten des Volkes, das er zu verderben trachtete, friedlich auf seiner Besitzung am Tegernsee in Oberbayern genoß. Er hatte eine längere Audienz bei dem gestürzten Petersburger Minister des Äußeren. Dann rauchte er im Weggehen eine Zigarette bei seinem Jugendfreund Wolkoff, der den langen, schmächtigen, eleganten Großfürstentyp zur Schau trug, und hörte lächelnd auf den Neid des Diplomaten.

„~Mon cher Nicolai!~ Du hast es besser als freier Mann! Es ist nicht mehr das alte Metier! Sieh Dir doch diese Tiere an, mit denen man hier umgehen muß! Hier auf unserem Seineufer sind ja noch einige Häuser, wo man verkehren kann. Etwas Welt! Aber drüben... Wasche Dich, so oft Du willst -- Du mußt doch gleich wieder einem Deputierten die Hand geben! Diese Minister sind unmöglich! Ihre Frauen... ~Ah -- passons là-dessus!~“

„Sascha! Liebe diese Leute! Wir brauchen sie!“

„~Mais c’est dégoûtant!~ Im Sommer reist der Präsident der Republik wieder nach Petersburg. Seine Majestät, der Zar, wird diesen Advokaten auf die Wangen küssen...“

„Der Kaiser von Indien tut es heute auch!“

„Die Musik wird die Marseillaise spielen, die einen sonst bei uns an den Galgen bringt. ~C’est une farce!~ Lüge -- gut! Dazu ist man da. Aber dabei schlechte Manieren... Sie sind hier wie das Vieh am Trog, wenn sie sich bereichern! Jeder nimmt! Alles stiehlt! Wir kämpfen mit Scheckbuch und Kurszettel! Übrigens: Higgins ist in Paris!... Aber Du hörst ja gar nicht zu!“

„Es ist merkwürdig, Sascha: kannst Du Dir vorstellen, daß man sich den Kopf darüber zerbricht, was für eine Augenfarbe Jemand hat?“

„Wer? Higgins?“

Schjelting tat, als hätte er sich nicht längst mit dem Londoner Zeitungskönig für diesen Nachmittag verabredet.

„Higgins? Wie kommst Du auf den? Higgins hat Augen wie ein toter Schellfisch! Den meine ich nicht!“

„Wen denn? Einen Mann?“

„Einerlei!“

Alexander Wolkoff drehte sich listig lächelnd eine neue Zigarette.

„~Oh -- ce bon Nicolai!~ Ich bin entzückt! Ich begrüße Dich! Also endlich einmal auch Du...“

„Blague!“

„Ich hätte es nicht mehr geglaubt...“

„Es ist auch ein unglückseliger Irrtum von Dir, mein guter Sascha! Erstens bin ich seit sieben Jahren verheiratet. Zweitens hab ich gar keine Zeit. Und drittens... ~enfin c’est ridicule!!~“ Er stand auf. „Also ordnen wir die Affaire mit dem Crédit Lyonnais! Ich fahre in den nächsten Wochen wieder nach dem Balkan. Man kommt nicht mit leeren Händen nach Cettinje! Der Floh nimmt das übel!“

Der Floh war der König von Montenegro, so genannt, weil er ungefährlich war, aber, einmal losgelassen, doch unangenehm biß.

„Leb wohl, mein Bester! Vergiß sie! Wohin jetzt?“

„~Les affaires sont les affaires!~ Ich frühstücke bei Macrî!“

Achille Macrî, der einstige levantinische Coulissier an der Pariser Börse und jetzige Vertraute des russischen Handelsagenten, des Geheimrats Raffalowitsch in Paris, selber und gleich ihm und den Ephrussi ein Sohn der weizenreichen Stadt Odessa. Schreiende Pracht in seinem Hotel in den Elysäischen Feldern. Gobelins und alte Niederländer an den Wänden. Draußen fuhr ein Automobil nach dem andern vor. Ein baumlanger Diener am Eingang des Empfangsaals rief die Namen:

~„Monsieur et Madame Bonvoisin!“~

Welche Menagerie ... sagte sich Nicolai Schjelting und betrachtete diesen Deputierten, diesen kleinen, spitzbärtigen, dürftigen Gewaltmenschen, mit dem goldenen Zwicker auf dem kalten Geschäftsgesicht. Bei wem bist Du wohl Kostgänger? Für wen stimmst Du? Wer zahlte Deine Wahl?

~„Monsieur et Madame Pollet!“~

Nun -- Dich kennt man! dachte Schjelting beim Anblick des grauköpfigen Chefredakteurs der ‚~dernière heure~‘. Gamins und Spatzen pfeifen es auf der Straße, wer Deinen dreistöckigen Zeitungspalast an den Boulevards besoldet! Und einen zweiten in Petersburg. Das City-Geld riecht nicht schlechter als anderes.

~„Le Chevalier de Massa!“~

De Massa ... de Massa ... ein langer, hagerer Südländer, der wie ein ausgedienter Fechtmeister aussah... Richtig: einer der Vertrauensmänner, die aus französischem Gold italienische Druckerschwärze machten! Manches blieb auf dem Weg nach Rom und Mailand hängen. ~Che volete? La mancia, Signore!~ Gesindel! dachte sich Schjelting. Wolkoff, dieser Schwachkopf, hat recht. Sie mästen sich wie die Schweine. Und er wandte sich, liebenswürdig lächelnd, zu dem feurigen, wohlbeleibten, rosig rasierten und pechschwarz gefärbten Gastgeber:

„Entzückend bei Ihnen, Monsieur Macrî! Wir armen Nordländer sind hier im Land der Sehnsucht. Nur in Paris weiß man zu leben!“

Er saß zur Linken der Hausfrau. Die frühverblühte, diamantenübersäte Griechin lebte auf, wurde warm und jung bei seinen lässig hingeworfenen Histörchen aus der hohen Petersburger Welt. Oh -- sie liebte dies edelmütige Rußland! Sie war nie dort gewesen. Aber wie bewunderungswürdig dies Volk, wie groß und gut der Zar! Rings herum sprach man von Boulevard-Klatsch und Geschäften. Es gab nur Zweierlei: Geld verdienen und es ausgeben. Die hier saßen, verdienten alle an Rußland. Verdienten an den Emissionen der ewigen Anleihen, verdienten an den Kursen, verdienten an den Eisenbahnen, verdienten am Wechseldiskont, verdienten an den Maschinenlieferungen und der Getreideausfuhr. Es war ein Schmatzen und Schlürfen die Tafel entlang, wie von gutgenährten Tieren. Ihretwegen mochte es immer so bleiben! Schjelting dachte an das Militär-Kasino an der Ecke der Opéra-Avenue. Dort harrte die „Große Stumme“, harrte die Armee des großen Tags. Aber diese Machthaber der Republik, diese Bourgeois, diese Jobber und Geschäftspolitiker, gaben sicher dazu niemals das Zeichen. Gegen Ende des Mahls sagte er plötzlich in seiner natürlichsten Art, einem kühlen Dünkel:

„Einmal muß es ein Ende nehmen!“

„Mit diesem Menü? Ich stimme bei! Das Haus Macrî verwöhnt seine Gäste!“

„Sie nennen es Geschäfte! Unser Bauer nennt es Hunger. Er erntet den Weizen. Das Brot ißt der Westen. Ihr kleiner Rentner in Frankreich hat die Arbeitskraft unseres Muschik gepachtet.“

„Ah, mein teurer Monsieur de Schjelting! Gold gegen Korn. Beides ist gelb!“

„Und wenn wir mit Beidem nicht mehr zahlen können?“

„Um Gotteswillen erschrecken Sie uns nicht!“

„Keine Angst, dann zahlt ein Dritter!“

„Wer?“

„~Vae victis~“, sagte Nicolai Schjelting wegwerfend. Einen Augenblick erschien es über den Köpfen der steinern dastehenden Diener, zwischen den alten Meistern im Goldrahmen, wie eine Flammenschrift an der Wand. Die Gesichter wurden besorgt. Es war eine Stille. Nun gewiß: man sprach davon... Jeder verlangte von dem Andern bei passender Gelegenheit die große Geste. Man spielte damit. Aber Spiel war doch nicht Ernst...

Nicolai Schjelting spuckte aus, als er draußen wieder im Wagen saß. Päh -- dies Paris! Er spritzte sich etwas Kölnisch Wasser auf sein Tuch. Dies Paris war eine Kloake. Sogar eine altmodische Kloake. Die schmutzigen, papierübersäeten Boulevards, durch die er fuhr, wirkten mit ihren Bierhäusern und Schundbazaren wie eine verstaubte Atrappe von vorgestern, Theaterplunder, in dem die Fremden einander selbst Komödie vorspielten. Briten und Yankees überall. Im Hotel Ritz, vor dem sein Wagen zwischen hundert Luxuslimousinen hielt, hörte man jetzt zur Teestunde durch das Fiedeln der Zigeuner mehr Englisch als Französisch. Die Blüte der Londoner Gesellschaft wohnte hier und nebenan im Bristol. Als ängstliche Schülerinnen saßen die Dollarprinzessinnen mit ihren Eltern und äfften ehrfurchtsvoll die Frauen und Töchter der Lords nach. Schjelting kümmerte sich nicht um dies New-York-Herald-Treiben. Er fuhr in den ersten Stock hinauf und hatte dabei doch, in dieser angelsächsischen Insel zu Füßen Napoleons, die Gewißheit: Nun bin ich nahe den Nerven, die die Welt bewegen! Am Mittelpunkt aller Dinge.

Wie eine Kreuzspinne saß inmitten dieses Netzes, oben an seinem Schreibtisch, Sir William Higgins, Mitglied des Unterhauses und einer der Zeitungskönige der City. Glatt rasiert, hager, mit scharfen Zügen. Schwer zu sagen, ob er dreißig oder fünfzig war. Hier gab es keine gallischen Phrasen. Hier war alles Ruhe. Geschäft. Das größte Geschäft, das je in der Weltgeschichte gemacht wurde und Weltkrieg hieß. Und hoffentlich auch das beste.

Der ehrenwerte Higgins verfügte über ein herzliches Lächeln und einen Händedruck, daß die Knochen krachten. Aber Nicolai kannte diese Frische, diesen Freimut, der anscheinend gar keinen Zweifel aufkommen ließ. Er schaute dem Andern kühl in die eisigen Augen.

„Also Ihr macht wirklich mit?“

„Ja.“

„Ihr laßt uns nicht im letzten Augenblick im Stich?“

William Higgins hatte für Alles eine Methode, wie der Franzose eine Formel.

„Es giebt verschiedene Methoden zu leben!“ sagte er. „Unsere heißt: wir sind zum Herrschen da! Die deutsche: wir sind zum Arbeiten da! Sie befolgen sie so gründlich, daß auch wir arbeiten müßten, statt zu herrschen. So zwingen sie uns zur rauhesten aller Arbeiten: dem Krieg!“

Er brach ab und fügte dann mit einem plötzlichen Sonnenschein des Lächelns hinzu:

„Oder können Sie sich uns arbeiten denken, arbeiten wie die Deutschen?“

Auch Schjelting lachte.

„Nein!“ sagte er. „Da kämpft Ihr lieber. Aber unterschätzt die Deutschen nicht. Ihr kennt sie viel zu wenig!“

„Ich doch! Mein eigener Bruder, der Professor in Oxford, hat leider eine Deutsche zur Frau. Er hat leider in Deutschland studiert. So wurde er leider der Schwiegersohn des deutschen Geheimrats Tillesen.“

„In Wiesbaden?... Sie ist doch nicht verheiratet!“

„Meine Schwägerin Hannah?“

„Oder ist das eine Schwester?“

„Ich kenne die Familie nicht!“ sagte William Higgins frostig. „Ich habe es von vornherein abgelehnt. Beim Boxen reicht man sich vorher die Hand. Aber dies wird ein Match bis zum bittern Ende. Nach den besten Methoden der Untersuchung wird es acht bis zehn Wochen und fünfzig Millionen Pfund kosten, bis wir unsere Hand auf Wilhelmshaven und Helgoland haben!“

Er begleitete seinen Gast bis an die Türe.

„Es wäre weiser gewesen, die deutsche Flotte schon früher zu vernichten. Wir steckten zuviel Geld in den Burenkrieg. Japan und die Finanzierung des fernen Ostens waren auch teuer. Wir haben über den ägyptischen Problemen und der Frage des Panama-Kanals Europa etwas vernachlässigt. Keine Wahrheit ist ernster, als daß alles Versäumte eine Guinea statt eines Shilling kostet. Nun -- die City wird das Risiko übernehmen! ~Good bye!~“

Nicolai Schjelting verließ den Mann, für den die Welt ein einziges großes Rechenbrett war. Er dachte sich: Wie klein ist dabei doch die Welt! Dieser Mensch aus Holz und Leder weiß nichts von Moskau, haßt Deutschland und ruft doch die Begegnung mit dieser Deutschen in mir wach. Er fuhr sich ärgerlich mit der Hand über die Augen, um das zu vergessen. Es war Zeit zur Bahn. In einem Buchladen kaufte er sich für die kurze Reise noch ein paar Broschüren: „Die Teilung Deutschlands“ -- „Preußens Ende“ -- „Das Lächeln des Elsaß“, wie sie da, erst seit ein, zwei Jahren, reihenweise im Schaufenster hingen. Aber am Nordbahnhof traf er Bekannte: den riesigen scharlachroten Coldstream-Major vom Vormittag, der einen Freund in Zivil, den Captain Nicholson vom Londoner Departement für militärische Operationen des Kriegsamts, an den Zug brachte. Der Wagen war überfüllt. In Paris war kein Bett mehr frei. So fuhren viele Fremde für die Nacht nach Brüssel. Auch eine amerikanische Gesellschaft, die von diesem schläfrigen, kleinen Nicholson vorgestellt wurde. Er gab sich kaum die Mühe, die Geringschätzung der Yankees durch den Briten zu unterdrücken. Er brachte beim Sprechen kaum die Lippen unter dem Zahnbürstenschnurrbart auseinander. Aber sie lauschten ehrfurchtsvoll in dem vollgepfropften Abteil dem Orakel, während der Zug durch das Hügelland Nordfrankreichs dahinjagte.

La Fère... St. Quentin ... nahebei Laon -- weiter nach links Amiens... Maubeuge ... jeder Name eine Schlacht ... mehrere am selben Ort im Lauf der Zeiten... Immer waren die Deutschen da gewesen und hatten die Franzosen geschlagen. Die Amerikaner staunten. Sie wußten das nicht. Für sie fing die Weltgeschichte bei Georg Washington an. Nicolai Schjelting löste in seiner lebhaften Art den langsamen Captain Nicholson ab und belehrte die Dollarmenschheit.

„Wodurch Deutschland die beste Kalkulation des Kriegs besitzt? Durch seine Barbarei. Es ist das bewaffnete Mittelalter inmitten der Kultur. Voll von Königen, Herzögen, Ordensrittern, Marschällen, Edelleuten, wie auf dem Theater. Das Volk hat zu gehorchen!“

„Oh!“

„Das ist ja schrecklich!“ sagte ein jüngerer Amerikaner mit dunkelblondem Schnurrbart aus der Ecke.

„Ein allerhöchster Kriegsherr über Allen. Zahllose Gerichtsherren unter ihm, mit Macht über Leben und Tod. Geheime Ehrengerichte, denen jeder Gentleman untersteht. Blutige Zweikämpfe, selbst unter den Jünglingen der Colleges! Säbelnarben auf den Gesichtern der Richter!“

„Da möchte ich nicht leben!“ meinte wieder in ehrlichem Abscheu der junge Yankee in grauem Sommeranzug.

„Es ist der Militarismus. Der volle Gegensatz angelsächsischer Freiheit und lateinischer Kultur. Er muß ausgerottet werden!“

„Sicherlich!“ sprach der alte fromme Petroleum-Jobber gegenüber von Schjelting. Die belgische Grenze! War denn Belgien wirklich ein Land? Eine Miß erkundigte sich. Es war doch wohl zu klein. Es gehörte sicher noch zu Frankreich. Der Londoner Generalstabshauptmann belehrte sie: dies hier war das große Kriegstheater Europas. Hier umging man Rhein und Alpen. Der Weg durch Belgien war ein gutes Ding, wenn England auf dem Kontinent Ordnung schaffte.

„Und wann werden Sie ihn gehen?“

„Ich schätze: bald!“

Nicolai Schjelting blätterte in „Die Teilung Deutschlands“. Auf der Landkarte des Umschlags war Köln bereits holländisch. Frankreich erstreckte sich bis Frankfurt a. Main. Alles östlich der Elbe war in Rußland, Bayern und Württemberg in Österreich aufgegangen. Schweden hatte seine Hand auf die Ostseeküste, Dänemark auf Schleswig-Holstein, England auf Hannover gelegt. Es war Alles in Ordnung. Die Yankees wunderten sich. Aber was ein Engländer bestätigte, war doch wahr. Nur der gebräunte jüngere Herr mit dem Strohhut frug:

„Und was werden denn die Deutschen selbst zu der Bescherung sagen?“

„Die Geschäftsmänner, die Farmer, der Mann auf der Straße werden froh sein, daß man sie befreit.“

Im Abenddämmern dehnte sich fern zur Rechten eine weite Ebene. Das Schlachtfeld von Waterloo. Davon hatten sogar die Misses gehört. Waren da nicht die Preußen gekommen?

„Wir werden ihnen kommen!“ sagte Nicholson zwischen den Zähnen. Schjelting lachte.

„Die Deutschen werden sich an der französischen Grenze verbeißen. Inzwischen rücken ihnen diese tapferen Briten unversehens durch Belgien in die Flanke!“

Man war in Brüssel und verabschiedete sich von den Amerikanern. Ihr Landsmann in Grau grüßte lächelnd und ging.

„Gehört er denn nicht zu Ihnen?“

„Ich kenne den Gentleman nicht!“ sagte der Alte von der Standard Oil Company. Im Getümmel des Bahnhofs stand der belgische General Janssen in Zivil, einem kleinen, weißköpfigen Wachtmeister ähnlich, und drückte Schjelting, den schon als Gatten einer Belgierin Jedermann in Brüssel kannte, die Hand.

„~Ah, ce gaillard!~ Sehen Sie ihn? Seit acht Tagen haben wir ihn hier! Oh -- wir kennen ihn wohl!... Da geht er eben durch die Sperre ... da ... der straffe Preuße in grauem Rock und Strohhut!“

„Das ist doch ein Amerikaner!“

„Haha!... Ein Amerikaner im preußischen Großen Generalstab!... So dumm sind die Preußen nicht! Das ist Einer ihrer Schlauesten. Der Hauptmann Isebrink. Eben dreht er sich noch einmal um und lächelt!... Spitzbube... Was haben Sie denn, Herr von Schjelting?“

„Nichts! Nichts! Adieu, mein General!“

Im Auto, das ihn hinauf zum Quartier Leopold trug, biß sich Schjelting wütend auf die Lippen, schlug sich mit der Hand an die Stirne, sagte sich: Was ist denn das? Ich bin verhext... Seit Moskau. Ich habe nicht mehr die leichte Hand. Den feinen Instinkt. Erzähle einem Soldaten Wilhelms die Geheimnisse der Engländer. Er weiß sie ja längst. Aber immerhin...

Auf dem vornehmen Boulevard du Régent, inmitten der Stätten der Reichen, lag mit weitem Blick über den königlichen Park und auf die Stadt da unten das Haus seiner Schwiegereltern. Das obere Stockwerk war zur Hälfte ein für allemal der einzigen Tochter, Schjeltings Frau, und ihm vorbehalten, wenn sie, wie gewöhnlich, einen Teil des Jahres in Brüssel, der Vorstadt von Paris, verbrachten. Er stieg nervös und mit umwölkter Stirne die Treppe hinauf.

„Hier bin ich, Ghislaine!“

„Ah -- willkommen, mein Freund!“

Er küßte ihr höflich die Hand, flüchtig und kühl die Lippen. Musterte unwillkürlich ihre Erscheinung. Das war seine Bedingung und Forderung: keine Frau in dem luxustollen Brüssel durfte besser angezogen gehen als die schöne Madame de Schjelting. Sie war schön. Bereits für den Abend gekleidet. Perlenglanz auf der mattweißen Haut des Robenausschnittes. Feiner weißer Puderhauch auf den regelmäßigen, ovalen Zügen unter dem kunstvoll erzeugten venetianischen Rotblond ihres Haars. Es war ihr Ehrgeiz, einer Vollblut-Pariserin zu gleichen, die sie nur zur Hälfte war. Sie hatte die feine Nase, die großen, dunklen, noch leicht untermalten Augen, diesen amüsierten, unerlernbaren Ausdruck auf den leichtbeweglichen Zügen.

„Was machen Allard und René?“

„Es geht ihnen gut! Sie schlafen schon!“

„Wolltest Du ausgehen?“

„Nur hinunter! Es ist Empfang bei den Eltern.“

„Hat sich etwas Neues ereignet?“

„Nichts, was Dich interessieren könnte, mein Freund!“

Er schritt unruhig durch die Zimmer und blieb vor der Alabasterschale im Vorraum stehen und musterte die Visitenkarten. Er war eifersüchtig wie ein Tiger und ließ dabei, in der Geschäftigkeit seines Ehrgeizes, seine Frau oft viele Wochen allein. Er wußte, daß sie sich dann rächte. Sie schaute ihm über die Schulter.

„Was suchst Du denn, Nicolai?“

„Wer war denn inzwischen wieder Alles da?“

„Du siehst es ja: Madame Daras. Madame Vaillant. Madame Thomas. Madame...“

„Ah ... wer ist das hier -- dieser Monsieur de la Kéthulle?“

Sie wiegte tändelnd den hochfrisierten Kopf und sagte unschuldig:

„Armer Freund!... Das habe ich total vergessen!“

Er wurde wütend.

„Ich will es aber wissen! Du hast nicht zu lachen!“

„Soll ich denn jetzt, vor der Gesellschaft, weinen?“

Da war schon wieder der Streit. Ihre ganze Ehe war ein ewiger Zank. Sie wußten es schon gar nicht anders. Heute war er doppelt heftig.

„Ich verbitte mir das!“

„Was denn, mein armer Nicolai? Erkläre Dich näher!“

Ghislaine Schjelting stand vor dem Spiegel und prüfte noch einmal mit dem Ernst einer Frau von Welt das Gesamtbild ihrer Erscheinung. Dann lachte sie wieder und wandte den Kopf über die weiße Schulter hinweg ihm zu. Sie sah verführerisch aus in diesem Augenblick. Er legte zögernd, wie unter einem Befehl, die Karte des Monsieur de Kéthulle wieder in die Schale. Die Frauen konnten mit ihm machen, was sie wollten. Es war seine alte Schwäche. Vielleicht auch ein Teil seiner Erfolge im Leben durch die Frauen. Er frug versöhnlicher:

„Was hast Du denn die Zeit über gemacht?“

„Nun -- man amüsiert sich!“

Der harmlose Ton, das Achselzucken dabei, brachte ihn von Neuem in Harnisch. Er bekam wieder seinen roten Kopf.

„Ich verbiete Dir, Dich über mich lustig zu machen, Ghislaine!“

„So streng, mein Freund?“

„Viel zu wenig streng! Dir zu Liebe verbringe ich das halbe Jahr hier als Gast bei Deinen Eltern...“

„Du bist ja nie da!“

„Statt daß Du auf meinen Gütern bist...“

Sie machte eine Gebärde des Abscheus. Diese Güter, irgendwo fern hinter Moskau, am Ende der Welt, Sumpf, Weide, Birkenwald, in dem noch Wölfe und Bären hausten, flößten ihr Entsetzen ein... Man war da wie in Sibirien, nach diesem vergnüglichen, lebenslustigen Belgien.

„Du bringst mich höchstens einmal im Winter nach Petersburg!“ sagte sie. „Oh, ich bete diese Muschiks an! Es ist jetzt Stil in Paris!“

Er verzog spöttisch die Lippen bei dem Gedanken: dies verzärtelte, schillernde und schimmernde, parfümierte Geschöpf neben einem dieser fuseldünstenden, wildmähnigen ehemaligen Leibeigenen. Sein Lächeln reizte nun wieder sie. Es ging bei ihnen immer reihum. Sie fuhr auf.

„Wünsche wird man doch noch aussprechen dürfen. Erfüllt werden sie Einem ja doch nie!“

„Wie das?“

„Andere Männer führen ihre Frauen aus. Du reist in der Welt herum. Ich sitze inzwischen als Strohwittwe bei meinen Eltern!“

„Ich habe wichtige Dinge zu tun!“

„Und wer hat den Lohn davon? Du nicht! Sie nutzen Dich aus! Deine Großfürsten! Deine Montenegrinerinnen. Alle Deine Russen.“

„Das verstehst Du nicht!“

„Du bist zu eifrig! Es fängt schon an, komisch zu werden, mein Lieber!“

„Still!“

Seine Eitelkeit bäumte sich auf, eben weil er ein Körnchen Wahrheit darin empfand. Er schrie es fast.

„Ah -- die Moskauer Manieren!... Ich beglückwünsche Dich!“

„Ich mich nicht!“

Sie fing an zu weinen.

„Ich möchte nur wissen, warum wir uns geheiratet haben!“

„Ich auch!“ sagte er erbittert. Dabei wußten sie es Beide ganz genau, waren auch eigentlich an diese unvermeidlichen Auftritte zwischen ihnen längst gewöhnt. Ghislaine schluchzte jetzt, lang auf die Ottomane hingeworfen, wie ein verzogenes Kind. Er stand finster daneben. Nun kam über ihn die Angst eines auf ihre Schönheit stolzen Gatten. Er dachte sich: Sie wird sich Frisur und Robe zerdrücken. Sie bekommt verweinte Augen und ein verwaschenes Gesicht. Man kann sie ja gar nicht zeigen da unten!

„Ghislaine...“

Keine Antwort.

„Ghislaine, meine Freundin: Deine Geduld wird sich noch belohnen. Große Dinge bereiten sich vor. Ich verspreche Dir: Du wirst noch einmal in einem Botschafterpalais residieren. Du wirst die Erste unter den Damen sein. Man wird Dich Exzellenz anreden...“

Das schmeichelte ihr. Seine weiche und sanfte Stimme beruhigte sie. Sie richtete sich auf und begann stumm und energisch sich mit dem Puderbausch die Thränenspuren wegzutupfen. Es klopfte. Ihre Mutter, Madame Lambert, trat ein. Kleiner als ihre Tochter, zur Fülle neigend, die gestickte Robe zu jugendlich für die verblühte Pariserin. Sie legte die kleinen fetten, reichberingten Hände ineinander.

„Müßt Ihr Euch denn ewig streiten?“

„Es scheint so, meine Mutter!“

„Und warum denn?“