Part 29
„Nein, Exzellenz! Gar nichts Neues! Drüben Alles ruhig wie immer!“ sprach der General in den Apparat. „Aber ich bin in Unruhe... Unsere Gräben füllen sich mit Schnee... Wie?... Beim Feinde auch...?... Ach so... Ja ... wenn +wir+ etwa anzugreifen gedenken...“
Er lachte tief und befriedigt, hängte ab und begrüßte mit Wangenküssen die beiden Gesinnungsgenossen.
„Nun, Ihr hier?... das deutet auf wichtige Dinge ... solch seltener Besuch...“
„Sie werden heute noch einen anderen Besuch erhalten, Pawel Antonowitsch!“
„Und wen das?“
„Schjelting!“
„Vortrefflich! Warum habt Ihr ihn nicht gleich mitgebracht?“
„Wir kommen lieber allein!“
„Und er auch!“
Korsakoff hatte, während er das sagte, die Brille abgenommen. Nun war der Glanz seiner blauen Augen noch unheimlicher. Unerbittlicher. Schiraj dachte sich, wie schon oft bei seinem Anblick: Gut, daß du Panslawist bist, Bruder! Sonst wärst Du Nihilist geworden, mit Deinem Fanatismus! Er schaute von dem Einen zum Andern.
„Ihr seid so seltsam... Was ist?...“
„Man kann es nicht hier sagen! Gehen wir hinaus!“
„Einen Augenblick!“
Der sibirische General erledigte noch einige Dienstbefehle. Als sie dann aus dem Dämmern in das Freie traten, hatte das Schneetreiben aufgehört. Die Luft war für einen Augenblick dieses Spätnachmittags hell. Sofort zwitscherte es oben in ihr von den huschenden, unsichtbaren Vögelchen. Schiraj hielt das schwere Schweigen seiner Freunde für Kanonenfieber.
„Es kann Euch nichts geschehen!“ sagte er. „Sie sind mehr als eine halbe Werst von hier! Steckt nur nicht den Kopf über den Graben!“
Der Hofmeister lehnte mit einer Schulterbewegung ab.
„Nicht das!... Du glaubst, der Feind sei eine halbe Werst von Dir. Nein: Er ist hinter uns...“
Schiraj wandte unwillkürlich seine breitschulterige Pelzgestalt in jähem Schrecken nach rückwärts. Er dachte an die masurischen Seen.
„Schon wieder?... Chindenburg?...“
„Nicht Chindenburg!... Der Feind, von dem ich spreche, ist ein russischer, Bruder...“
„Erbarme Dich...“
„... und heißt Nicolai Wassiljewitsch Schjelting!“
Über ihnen, hoch im Grau, zog ein durchdringendes Heulen, verlor sich. Dumpf trug die Winterluft den Knall des Abschusses hinterher, dann, wie ein Echo von irgendwo hinten, den Einschlag.
„Gleich fangen sie doch an...,“ sagte der General vor sich hin. An der Front begann es zu plackern. Es tönte in unregelmäßigen Raumabständen und Zwischenzeiten von hüben und drüben: ‚Peng‘, und wieder kurz und scharf: ‚Peng‘, wie bei einer Treibjagd im Winter. Dann wandelte sich Schiraj wieder vom Militär zum Allrussen.
„Schjelting ... sagt Ihr...?“
„Ja. Er.“
„Er ist doch Einer der Unseren...“
„Nicht mehr.“
„Jeder schenkte ihm doch sein Vertrauen... öffnete ihm sein Herz...“
„Das eben ist ja die Gefahr...“
„Wie denn Gefahr?...“
„Er weiß zu viel!“ sprach Korsakoff zwischen den Zähnen.
„Viel zu viel...“
„Er hat unser Aller Freundschaft mißbraucht!“
Der General Schiraj schüttelte den Kopf.
„Traurig ist es!... Um mir das zu melden, seid Ihr gekommen?...“
„Um Schjeltings Ankunft zu melden...“
„Was machen Sie für ein Gesicht, Wladimir Timoféitsch?“
Korsakoffs hageres, von der Kälte bleiches und echt russisches Antlitz mit den vorstehenden Backenknochen, den weiten Nasenflügeln, dem wirren und dünnen, blonden Bart war leidend vor Entschlossenheit. Kränklich, unruhig, aber fanatisch starr. Er versetzte:
„Sie sagten eben selbst, daß es hier gefährlich ist. Mancher geht an die Front, aber er kehrt nicht zurück!“
„So ist es! Gott allein weiß das.“
„Zuweilen auch der sündige Mensch...“
„Ich verstehe nicht, Wassili Andréitsch!“
„Er meint,“ sagte Korsakoff halblaut an Stelle des Hofmeisters, „Mancher bestimmt sich selbst sein Schicksal! Wer heißt Schjelting, sich hier heraus zu begeben? Er ist nicht dumm. Er weiß recht wohl, daß hier überall der Tod ist...“
„Aber nicht für ihn!... Ich werde ihn schon schützen...“
Morskoi sah sich um, ob Niemand in nächster Nähe sei, trat dicht an den General heran und murmelte ihm etwas ins Ohr. Der prallte zurück und bekreuzigte sich rasch zwei-, dreimal über der Brust, wo er, unter der Uniform, das Heiligenbild trug, das ihm seine Frau mitgegeben.
„Wie denn?... Wassili Andréitsch...“
Wieder ein paar geflüsterte Worte. Schiraj’s gesundes und derbes Antlitz wurde bleich. Er streckte abwehrend die Hände aus.
„Laßt mich... Mit Gott: Geht!“
„Höre doch!“
„Ich hab’s vergessen! Es ist genug gesprochen!“
Das schwärzliche Gewimmel der Krähen hob sich hundertfach von dem Schnee des Bodens und flatterte krächzend zu dem schützenden Geäst des Kiefernwaldes. Schiraj kannte die Flucht der Tiere vor dem, was sie für einen fürchterlichen, riesengroßen Vogel Greif hielten. Er schaute rasch zum Himmel. An dessen Nebelwölbung entstanden kurz hintereinander zarte, weiße Federwölkchen, bildeten ein unregelmäßiges, rasch heraufsteigendes Zickzack.
„Kaum ist die Luft rein, da ist er schon da...,“ sagte er und musterte finster die surrende Libelle. Man mußte geübte Augen haben, um sie und das Kreuz auf ihren Tragflächen zu erkennen. Dann lächelte er grimmig. Er spürte die ersten neuen Schneeflocken im Gesicht. Immer mehr... ‚Kehr’ Du nur um, Du Verwegener da oben -- sonst findest Du trotz roter und grüner Lichter nicht mehr Heimweg und Landungsplatz ... aha... Er dreht ab ... steigt ... verschwindet... Aber gesehen hat er doch wieder genug...‘
„Nochmals...: Mit Gott...“
„Pawel Antonowitsch: Das Mütterchen Rußland will es!“
„Aber nicht von mir...“
„Gerade Sie wählte Gott...“
„Ich bin Soldat. Ich stehe im Feld...“
„... gegen alle Feinde russischer Erde! Auch hinter uns steht das apokalyptische Tier...“
„Der Antichrist des Kleinmuts...“
„Des Verrats!“
„Schjelting weiß zu viel!“
„Viel zu viel!“
„... weil er Gönner hat ... bis hoch ... hoch da oben... Hütet Euch... Schjelting ist gefährlich...“
„Gerade den Höchsten wurde er lästig...“
„Denen, die zu belohnen wissen, Pawel Antonowitsch...“
In der Ferne hämmerte es noch einmal kurz und wütend: Tak ... tak ... tak ... tak ... tak... Der deutsche Flieger mußte noch für einen Augenblick in die Sicht von Maschinengewehren gekommen sein. Dann wurde es wieder überall still. Der Schnee fiel eintönig herunter. Die Dämmerung kam. Der General Schiraj wandte sich ab.
„Gehen wir heim!“ sagte er. „Hier ist nicht der Ort...“
Sie schritten wieder durch das endlose Grabengewirr des unterirdischen russischen Misthaufens, stiegen ins Abendlicht hinauf, wanderten im Gänsemarsch und, der Vorsicht halber, mit zwanzig Schritt Abstand, eine halbe Stunde lang finster und stumm durch den Schnee bis zu einem einsamen Bauernhaus. Da wohnte der General. Die Stube eines geflüchteten ostpreußischen Besitzers mit einem Bett, einem Gottesbild in der Ecke und einem Kartentisch genügte ihm. Er wusch sich zuweilen an der Pumpe draußen im Hof. Er setzte sich schwer und müde und sagte:
„Erzählt!“
„Da ist nicht viel zu erzählen, Pawel Antonowitsch! Die Deutschen haben Schjelting verhext!“
„Eine Deutsche!“ sprach Korsakoff höhnisch. „In Wiesbaden. Man weiß es jetzt!“
„Nicht sie! Was gehen uns jetzt die Weiber an? Nein: die Deutschen -- begreifen Sie wohl: alle Deutschen zusammen haben Schjelting verhext. Er war während ihrer Mobilmachung in Deutschland, entkam...“
„Ich weiß es...,“ sagte der General. „Nun entsinn’ ich mich: Schon damals, im September, erschien er mir verändert...“
„Er wurde tiefsinnig, zog sich auf seine Güter im Twer’schen zurück. Wir dachten: Bleibe Du da! Es geht auch ohne Dich!... Aber als nun um Weihnachten die gefährliche Schwenkung in unserem heiligen Rußland kam...“
„Ah ... die Friedensfreunde ... diese Westlichen...,“ sprach Schiraj grollend.
„... da taucht er plötzlich wieder auf ... gesellt sich eben zu ihnen ... entwickelt neue Thesen ... verwirrt die Köpfe der Unwissenden ... macht die Gutgesinnten irre ... nun... Ihr kennt ja seine glänzende Art...“
„... und was predigt er nun?“
„Deutschland ist anders, als wir dachten!... Verstehst Du wohl, Bruder! Nie werden wir es schlagen, ehe wir nicht selber anders werden!... Es sind dort Mächte, die uns fehlen...“
„Das begreife, wer mag...“
„Diese Mächte sollen wir in uns gewinnen. Ohne sie stürzen wir in den Abgrund. Bis wir sie besitzen, sollen Eure siegreichen Heere aus dem eroberten Feindesland zurück...“
„Ah...“
„Man wird sich vertragen ... man wird Euch verabschieden...“
„Das erlaubt Gott nicht...“
„Erwägen Sie, wie gefährlich solch ein Mensch ist... Er hat viele Anhänger ... er kennt alle Wege ... bis hoch hinauf...“
„Wahrlich...“
„Er verrät Euren Eifer. Alle russischen Mühen. Ein deutscher Teufel wohnt in ihm...“
„Und doch kann man nicht wissen...,“ sagte der General Schiraj langsam mit seiner tiefen Stimme.
„...Was denn?...“
„... wie es oben aussieht ... ganz oben...“
„Unbesorgt!“
„Vielleicht ist er klüger als wir! Vielleicht weiß er besser, was man neuerdings hoch da oben beliebt!“
„Ich werde Ihnen zeigen, was man oben will!“
Morskoi zog ein Blatt Papier hervor und hielt es dem General im Halbdunkel vor die Augen. Der las die Unterschrift. Diesen Namen kannte er. Den kannte Jeder im Heere des Zaren. Unwillkürlich wurde seine Haltung straff und dienstlich, und er sagte dumpf, als wäre Jener selber anwesend:
„Ich höre...“
Es war schon gegen Mitternacht, als der Staatsrat Morskoi weit hinter der Front auf dem verschneiten Marktplatz des ostpreußischen Städtchens stand, in dem die hohen Stäbe der vorne kämpfenden russischen Armee lagen. Im Schein der elektrischen Straßenlaternen ragten rechts und links die Giebel und Brandmauern rauchgeschwärzter Ruinen. Das eingeäscherte Landratsgebäude. Das zerstörte Postamt. Ein zuckerhutartiger Kirchturmstumpf in dunkler Nacht. Granatenlöcher in den oberen Stockwerken von Häusern, in deren Erdgeschoß noch Menschen wohnten und Kaufmannswaren hinter den Schaufenstern feilhielten. Dazwischen unversehrte Straßenzeilen mit lichthellen Scheiben. Geschrei und Gelächter, Klaviergeklimper und Geigenspiel. Gesang von russischen Zigeunerinnen aus einem Hinterzimmer des Gasthauses.
An den Fenstern daneben waren die Läden geschlossen. Aber man sah durch die Spalten russische Offiziere um einen Tisch. Alte und junge. Alle ernst und gespannt. Auf dem Tisch die Spielkarten. Der Hofmeister runzelte die Stirne. Er stieg die Treppe hinauf und dachte sich: ‚Nun -- man hat den Schnaps verboten! Man kann nicht alle Laster unterdrücken‘. Oben öffnete er die Türe zu einem Vorraum und schlug dem Soldaten, der ihn im Halbdunkel daran hindern wollte, mit der Faust ins Gesicht.
„Pascholl, Du Hundesohn!... Siehst Du versoffenes Viehstück nicht, daß Du einen vornehmen Herrn vor Dir hast?“
„Ich bin schuldig, Euer Hochwohlgeboren!“
Der Staatsrat Morskoi trat ein. Innen in dem Zimmer brauten dicke Papyrossenwolken über den Teegläsern und Sektkelchen. Russische Stimmen lärmten erregt durcheinander. Erhitzte slawische Gesichter. Ein Gedräng von Gestalten in Uniform und Zivil um einen Einzigen in der Ecke herum.
„Du kommst gerade zurecht!“ sagte mit der trockenen Skepsis eines alten Parisers der kleine, hagere, selbst hier im Felde stutzerhaft gekleidete Fürst Bulagin und zog die rechte Schulter noch höher, als sie von Natur schon war. „Sie haben diesen Schjelting, diesen Fuchs, in die Enge getrieben!... ~Il ne faut jurer de rien~... ich glaube doch sonst an nichts, aber an ihn hätte ich geglaubt!“
Nicolai von Schjelting stand, die Hände in den Taschen, vor dem schreienden Halbkreis, an die Tischkante gelehnt. Er war sehr bleich, mit tiefliegenden Augen. Aber er sprach gelassen wie sonst und hielt dabei die Zigarette schief zwischen den Zähnen.
„Wer +wir+ sind, braucht man mir nicht zu sagen. Wie sollte ich es nicht wissen? Aber wer Jene sind, das wißt Ihr nicht!“
„Wilhelms Windhunde sind es!“ brüllte ein riesiger Gardeoberst. „Man wird sie schon verjagen!“
„Ich aber weiß es! Denn ich war unter ihnen, als dies Volk aufstand! Man trieb es nicht -- begreift es nur -- wie wir die Muschiks in die Viehwagen treiben. Es kam von selbst...“
„Das verstehe ich nun schon gar nicht...,“ brummte ein dicker, brutaler Petersburger Flügeladjutant neben ihm in den Bart.
„Es war da ein Geist... überall war er... ~comme le Saint-Esprit~...“
„Lästere nicht!“ grollte es dumpf hinter ihm.
„Wir hatten ihn nicht erkannt! Ihn können wir nicht schlagen...“
„Er ist übergeschnappt!“ sagte Bulagin seelenruhig zu Morskoi.
„Ich fürchte es schon seit Wochen, Knjäs!“
„... und darum sollten wir es zügeln, unser feuriges, russisches Dreigespann, ehe wir am Abgrund sind!“
„Er hält es mit Witte!“
„Mit Witte! Mit Witte!“
Viele Stimmen riefen den verhaßten Namen. Schjelting zuckte die Achseln.
„Beliebt zu antworten: Ist Graf Witte Einer der Übelwollenden oder ist er durch die Gnade des Gossudar Senator und...“
„Pah... Senator...“ Die Anderen lachten. Man wußte: der einst Allmächtige war in Ungnade.
„Wann ward es verboten, mit ihm zu sprechen?“
„Das tatst Du also?“
„Ich trat in Konversationen mit ihm ein,“ sagte Schjelting kaltblütig. Ein neuer Aufschrei folgte seinen Worten.
„Witte will den Frieden mit Deutschland!“
„Ich auch!“
„Aha ... da hat man Dich!“
„Wie ist es denn mit Eurer Zusammenkunft in Wilna, nächsten Monat..? Ja, leugnen Sie nur, Nicolai Wassiljewitsch... Wir wissen Alles!“
„Wie sollte ich es leugnen! Wir werden uns in Wilna versammeln! Wir wollen Rußland retten...“
„... indem Ihr es verratet...“
„Witte verwirrt die breite russische Seele...“
„Aber nicht mehr lange...,“ sagte eine tiefe Stimme. Man wußte nicht, woher sie kam. Man drehte sich um. Keiner gab sich den Anschein, als habe er gesprochen. Nur ein Nachhall blieb -- eine Erinnerung ... das Bild einer Petersburger Liste, die den Eingeweihten hier von Augenschein vertraut war. Eine lange Reihe von Namen. Und hinter vielen Verdächtigen ein Kreuz: das Todesurteil, von unbekannter Hand...
„...In der Tat... Nichts wird Rußland auf seinem Siegeszug hemmen!“ sagte nach langer Pause der Hofmeister Morskoi. Ein schweres Schweigen antwortete ihm. Es war die Stille der Zustimmung. Schjelting war jetzt ganz fahl geworden. Er nahm die Papyros aus den Lippen, um lauter zu reden.
„Tun wir es aus Liebe zu Deutschland? Wahrlich nicht! Wir hassen es!“
Morskoi sah ihn rasch und zweifelnd an und dachte sich: Solltest Du doch noch am Leben bleiben, Bruder?
„Ich bin klüger, als die Meisten unter Euch!“ sagte Schjelting hochmütig. „Ich sehe sechs Monate weiter! Schreit nur! Ich weiß es. Deutschland ist unser Feind. Aber wir haben einen Schlimmeren!“
„Wo?... Wo?“
„Soll ich ihn Euch nennen? Aber erschreckt nicht...“
Die Türe ging auf. Baumlang, in Khaki, mit frischem Lächeln um die blendend weißen Zähne, glattrasiert, guter Dinge stand da der britische Major der Coldstream-Garde, den Schjelting vom April her aus Paris kannte. Hinter ihm her schlüpfte wie der Mephisto hinter seinem Herrn ein gelbliches, steinern grinsendes Männlein in Feldgelb, der Japaner.
Der Lord drückte den Russen die Hand, daß ihnen die Finger krachten. Er strahlte von aufmunterndem Freimut.
„Gute Nachrichten!“ sagte er herzlich. „Die Hungersnot in Deutschland wächst! Ernstliche Unruhen in Berlin!“
„Ah ... ah...“
„Die deutsche Flotte entscheidend geschlagen. Helgoland vor dem Fall!“
„Gott hilft!“
„Ernstliche Anzeichen deuten auf die Räumung Belgiens...“
„Es ist nicht wahr...“ sagte Schjelting. „Ich müßte es doch wissen, als Mann einer Belgierin...“
„Still...“
„Es ist Alles nicht wahr! Ihr meint, die Deutschen hätten mich verhext. Nein -- die da verzaubern die ganze Welt...“
Er wies auf den Briten, der ihn freundlich anlächelte, weil er sein Russisch nicht verstand.
„Nicolai Wassiljewitsch ... dort ist Gott und die Türe... Fort mit Ihnen!“
„Es sind Lügner. Sie Alle. Sie belügen Gott im Himmel und die Menschen auf Erden. Sie belügen auch Euch und unser heiliges Rußland...“
„Geh...“
„Hört mich, Brüder...“
„Man will Dich nicht hören ... fort...“
„Was will der Gentleman?“ frug der Brite und rieb sich lächelnd die vor Kälte starren Hände. Der Hofmeister Morskoi suchte sein Englisch zusammen. Er folgte mit starrem Blick der Gestalt Schjeltings.
„Nichts von Bedeutung, Eure Lordschaft. Unser Landsmann erkennt selber, daß er hier zu viel ist. Draußen reichen ihm schon die Soldaten den Pelz.“
Nicolai von Schjelting trat vor den Gasthof. In der Nacht hielt da ein Schlitten. Ein Unteroffizier mit hoher sibirischer Kegelmütze stand daneben und grüßte.
„Schickt Dich der General Schiraj?“
„Der General Schiraj, Euer Hochwohlgeboren!“
„Dann setze Dich neben den Fuhrmann und sage ihm Bescheid!“
Der Schlitten fuhr in das sternenlose Dunkel der Winternacht hinaus. Die letzten Haustrümmer blieben zurück. Baumstümpfe und aufrechte Ulmen säumten die zerfahrene Straße. In schwarzer Ferne flackerten ein paar purpurne Irrlichter, blähten sich auf, duckten sich, spielten und blieben doch auf einer Stelle...
„Unteroffizier ... brennen dort Dörfer?“
„Dörfer, Euer Hochwohlgeboren!“
„So geht Ihr zurück, weil Ihr sie anzündet?“
„Man sagt, es sei eine List, Euer Hochwohlgeboren! Wir würden nächstens angreifen!“
Um sie herum lebte die Chaussee. Ein brauner Heerwurm kroch auf ihr hin, stumm, stumpf und dumpf. Kein lautes Wort fiel zwischen den starrenden Gewehren. Es war, als hätte sich die russische Erde selbst auf die Wanderschaft begeben und riesele da in Gestalt von tausenden und tausenden von lehmfarbenen Menschenbrocken durch die Nacht. Es nahm kein Ende. Schjelting dachte sich, in seine Decken gewickelt: Seit Stunden fahre ich an der Infanterie vorbei. Wie viele mögen es sein? Zehntausend? Fünfzigtausend? Wer kann es wissen? Wer kennt Rußlands Größe? Und doch ... und doch...
Er fröstelte. Der Schein der Schlittenlichter fiel auf Reihen von rollenden Kesseln und Schornsteinen. Struppige Ponys vor den Feldküchen. Dann Wagen ... zwölf ... hundert ... fünfhundert hintereinander ... man konnte sie nicht mehr zählen... Es knarrte und ächzte durch das Dunkel. Es schien, als würden sie von angespannten Rauchwolken gezogen, so dampften die Pferde in der eisigen Nacht. Man hörte ihr Keuchen. Niemand sprach...
„Was ist das, Unteroffizier?“
„Munitions-Kolonnen, Euer Hochwohlgeboren!“
Und immer weiter dies sonderbare Wandern der Schatten, dies geheimnisvolle Stampfen und Waten und Murmeln der Nacht, dies Vorübergleiten von Umrissen, die der Tag nicht kannte, diese Kälte, die immer schneidender durch die Hüllen drang und die die da draußen nicht zu spüren schienen. Es war etwas Seelenloses und Körperloses in ihrem unbestimmten Geisterzug nach vorn, etwas von einer blinden Naturgewalt, als flögen Wolken am Himmel dahin, lösten sich beim Morgengrauen, schwänden. Und jener einsame Offizier da am Grabenrand würde im Tageslicht zum Weidenstumpf und jene Massen von Menschen dort auf dem Feld zum Binsenröhricht und diese Reitergruppe mit dem Blinken der elektrischen Laterne auf der Generalstabskarte zu einem Granitblock am Weg.
Unheimlich war das... Besser der Tag als die Nacht. Aber der Unteroffizier auf dem Bock drehte sich um und sagte:
„Die Nacht ist gut! Niemand schießt. Man kommt leicht nach vorn...“
Und Schjelting dachte sich: ‚Wer bist Du eigentlich da oben, der meine Gedanken errät?... Du hast so eine sonderbare Stimme...‘
Der Schlitten hielt an. Denn nun kam ihm auch von links ein Zug von Planwagen entgegen. Sie fuhren ganz langsam. Ihre Laternen schaukelten.
„Was ist in den Karren, Unteroffizier?“
„Verwundete, Euer Hochwohlgeboren!“
Hundert Karren ... zweihundert ... dreihundert... Schjelting sagte sich: Still seid Ihr da drinnen ... seltsam still...
Weiter ... weiter... Im Lichtstreifen der Laterne Grabkreuze auf den Feldern. Immer mehr und mehr. Rehwild huschte zwischen den verwitterten Pickelhauben, den vergilbten Tannenkränzen auf den Russengräbern. Jetzt ganze Reihen da, wo man die Gefallenen früherer Kämpfe in zugeschütteten Schützengräben beerdigt hatte. Die ganze Leere umher schien auf einmal ein weiter Kirchhof. Die Straße war öde geworden. Nur ein Licht. Ein Leiterwagen wankte heran. Vorn, auf dem Stroh, ein Pope und eine Frauengestalt. Dahinter ein Sarg. Auf ihm ein Säbel und eine russische Generalsmütze. Vorbei. Der Schlitten schwenkte plötzlich wie erschrocken von der Hauptstraße ab und glitt seitwärts auf einen schmalen Weg in den Tannenwald hinein. Nun war es stockdunkel. Kein Laut umher. Dann ein Ruck. Ein Halt.
„Belieben Sie, die Leiter hinunterzusteigen!“
Eine Luke in dem beschneiten Boden öffnete sich. Ein vorsündflutliches Ungetüm wohnte in dem unterirdischen, elektrisch beleuchteten Raum. Ein Riesenmörser mit seiner dreifachen Auswölbung und seinen Schaufelrädern, das glotzende Maul steil aus seinem Versteck nach der Decke von verschneiten Fichtenzweigen gerichtet, die den Lindwurm vor Feindesaugen schützte und zurückgeschoben wurde, wenn er den Inhalt der halbmannslangen Geschoßkörbe neben ihm brüllend über die Wipfel des Tannenwalds in den Himmel hinaufspie. Ein Offizier saß auf einem Schemel, an die Lafette angelehnt. Schjelting hielt ihn für den General Schiraj und trat auf ihn zu.
Aber das Gesicht, das sich langsam nach ihm wandte, kannte er nicht. Es hatte den länglichen Schnitt der Ukräne, war abgezehrt bis auf die Knochen, mit in den Höhlen eingesunkenen Augen. Schjelting dachte sich: ‚Der sieht ja aus wie der Tod!‘ Er reichte dem bleichen, unbekannten Offizier die Hand. Die des Anderen war kalt und bleiern.
„Der General Schiraj erwartet Sie vorne in der Stellung...“
Der Offizier sagte es dumpf und teilnahmlos.
„Ist es weit bis dahin?“
„Sie sind hier dicht hinter der Front. Eine halbe Stunde zu Fuß.“
„Kann ich nicht fahren?“
„Man wird sie umwerfen! Es sind überall frische Granatlöcher im Schnee. Man muß den Fußstapfen dazwischen folgen.“
„Und wie kommt man bei Tag zurück? Bald graut der Morgen...“
„Zurück? Nun ... irgendwie ... macht nichts...“
Der Artillerie-Offizier sagte es mit tiefer Gleichgiltigkeit und schaute, den Rücken an die eine Auswulstung des Mörserschlunds gelehnt, geistesabwesend vor sich hin. Schjelting fröstelte.
„Man kann dabei fallen...“
„Man fällt ... man lebt ... einerlei...“
„... wie denn einerlei?... Nun ja ... wenn man nur siegt...“
„Man siegt ... man siegt nicht... Gott allein weiß es...“
Schjelting dachte sich: ‚Nun, Du Bruder mit dem Totenkopf ... hast Du Furcht...?‘ Da sah er auf dessen Brust das Georgskreuz, die Auszeichnung für Tapferkeit.
„Wie lange sind Sie im Felde?...“
„Seit Mitte Juli alten Stils!“ sagte der fahle Artillerist und blickte stumpf nach dem stählernen Götzen neben ihm, der, einem kleinen Elefanten an Größe nah, fast bis an die Decke aus beschneitem Tannenreisig reichte. „Wir haben viel zusammen durchgemacht ... der Spitzbube da und ich...“ Er horchte jäh mit seinem gespannten Geistergesicht in die Nacht und machte dann eine matte Handbewegung. „Noch ist es ja dunkel ... ich höre immer die Flieger brummen... Macht nichts...“
Und Schjelting sagte sich:... ‚Der Krieg..! In Petersburg ... in den Salons meiner Freundinnen ... hatten wir ihn seit Jahren auf den Lippen... ~c’est ma guerre~... der Krieg... Das war der Einzug in Berlin ... Mütterchen Moskau in Fahnenpracht... Glockenklang von der Isaak-Kathedrale... Das waren Orden ... Gelder ... Exzellenzentitel... Nun ist dies hier der Krieg ... dieses unbestimmte Schwarz ... diese Grabkreuze ... diese weite Leere ... diese furchtbare, erwartungsvolle Stille wie vor etwas Ungeheurem ... dieser Mann da mit den niedergebrochenen Nerven...‘ Er mußte sich zusammennehmen, um einen Schauer zu unterdrücken.
„Nun denn ... ich gehe...“
„Mit Gott!“
Der Unteroffizier schritt im Finstern voraus, schwer, bärtig, im Pelz, aufrecht wie ein Bär durch den Schnee. Schjelting folgte ihm. Er sagte sich: Wir führen Rußland nicht mehr! Ich folge diesem Stück russischer Erde da vor mir, die wir aufstehen und wandeln hießen, -- folge ihr in das dunkle Land vor mir hinein...