Das deutsche Wunder: Roman

Part 28

Chapter 283,583 wordsPublic domain

„Dabei hast Du in Deutschland gelebt und eine Deutsche zur Frau!“ sagte Hannah Higgins zu ihrem Mann laut auf Deutsch über den Tisch. Es war ein peinliches Schweigen. Frostige Gleichgiltigkeit der Gentlemen, mißbilligende Augenbrauen der Ladies bei diesen fremden Lauten, die wie aus feindlicher Weite, aus fernen, fernen Schlachtfeldern herüberklangen. Und noch mehr:

„Ihr habt ja keine Ahnung, was Deutschland ist. Es wird sich rächen. Ihr werdet es furchtbar erkennen!“

„Was sagt die Lady?“

Man übersetzte es der alten Dame. Sie tat sofort, als sei sie taub, und bat um etwas mehr Haddock. Jerôme K. Higgins fühlte das Bedürfnis, seine Frau zu entschuldigen.

„Mrs. Higgins ist seit Beginn des Kriegs ernstlich leidend!“ sagte er. „Sie legt mir Schweres auf. Sie sehen es. Täglich mehr!“

„Oh -- oh... Mrs. Higgins...“

„Ihre Nerven versagen, weil meine Vernunftgründe versagen! Nichts ist schwieriger, als Mrs. Higgins begreiflich zu machen, daß dieser Krieg gar kein Ding von ernstlicher Bedeutung ist! Eine kleine Lektion für ihr Land. Weiter nichts!“

„Oh bitte -- hören Sie es doch, Mrs. Higgins!“

„Tun Sie es uns zu Liebe! Bald ist ja Alles vorbei!“

„Sie brauchen doch keine Schiffe und nicht so viel Soldaten!“

„Ihre Landsleute werden viel ruhiger leben ohne die Sorgen der Seefahrt und die Plage mit den Kolonieen!“

„Wie gut von Ihnen, wenn Sie das einsähen!“

Hannah Higgins schaute mit einem sonderbaren Ausdruck auf die lächelnden Gesichter.

„Schauderhaft ... diese Heuchelei...,“ sagte sie wieder auf Deutsch. „Alles Andere könnte ich eher ertragen!“

„Was?... Was?“

Aber die paar, die es verstanden, hatten keine Lust, es zu übersetzen, und nun wurde auch der Hausherr nachdrücklich.

„Ich hege ernstliche Zweifel, ob man sich zur Zeit in Deutschland in englischer Sprache unterhält! Ich wünsche in meinem Hause kein Deutsch mehr zu hören! Wenigstens nicht bis zum Einmarsch dieser unwiderstehlichen russischen Riesen in Berlin! Wollen Sie mir das Vergnügen machen, ein Glas Wein mit mir zu trinken, Mr. Schjelting?“

Er hob lächelnd sein Glas. Nicolai Schjelting tat ihm Bescheid. Er wurde dabei den Gedanken nicht los: Ich und diese blonde junge Frau neben mir -- wir bilden hier einen Geheimbund. Sie, die Deutsche, ahnt mit der Seele, wie es in Deutschland steht. Ich, sein Todfeind, sah es mit Augen. Und um uns das frohe Alt-England. Er konnte sich nicht halten. Er frug -- und bei den ersten Worten des vornehmen Verbündeten aus Rußland trat Stille am Tisch ein.

„Immerhin: die Heere Wilhelms II. sind zahlreich!“

„Die Euren noch mehr!“

„Wir brauchen große Anstrengungen!“

„Wir machen sie! Wir sind bereit, bis zu fünfhundert Millionen Pfund auf diesen Krieg zu verwenden!“

„Silberne Kugeln...,“ sprach der alte Gentleman von vorhin beifällig, und ein Anderer: „Wir und Deutschland im Kampf um die letzte Million! Das ist ein Rennen zwischen einem Derby-Crack und einem Youngster!“

„Der prominente Australier, den ich gestern traf, hatte Recht!“ sagte Sir William. „Der Match wird im Wesentlichen durch die Kontrolle über Kupfer und Baumwolle entschieden!“

„Sie hätten das glorreiche Bankett in der Guildhall mitmachen sollen, Mr. de Schjelting! Da war ein wahrer Jubel: ‚Geschäft wie immer!‘...“

„Die Versicherungen bei Lloyds sind um 7⅜...“

Schjelting unterbrach, mit einer ungeduldigen Handbewegung, den achtungswerten Stock-Broker. Man sah nur ihm, dem Russen, den Verstoß gegen Britensitte nach.

„Niemand kann zweifeln, daß man auf mechanischem Weg zu unumstößlichen Formeln des Erfolgs gelangt!“ sagte er. „Aber ich bin bekümmert, ob dieser Weg nicht doch weiter ist, als man denkt! In der Tat: wir brauchen mehr!“

„Wir haben es!“

„Wieso?“

Sir William Higgins sah strahlend umher.

„Wohl: Soll ich das große Geheimnis verraten?“

Ein Händeklatschen.

„Ja! Ja!“

„Es ist ja gar keines mehr, Sir William! Man spricht ja davon schon in allen Klubs!“

„Oh ... bitte!... bitte!“

Die Damen bogen sich neugierig vor. Der Hausherr zerlegte das mächtige Roastbeef und bat um die Wünsche der einzelnen Gäste.

„Der Gedanke ist nicht neu und wahrhaft einfach!“ sagte er. „Wir hungern Deutschland aus!“

„Hört!... Hört!“

„Eine magere Scheibe, Mr. Ash?... Deutschland hat wenig Korn im Land. Wir sperren ihm jede Zufuhr. Binnen Kurzem wird der letzte teutonische Laib Brot ein Schaustück für Barnum sein!“

Er strahlte und legte der alten tauben Dame auf ihre Bitte ein besonders braungebratenes Stück vor.

„Sie werden morgen in meinen Blättern bereits einen Artikel finden: ‚~The Hungerkur in Germany!~‘ Er ist spaßhaft zu lesen...“

Die Herren lachten herzlich. Die Misses kicherten. Ein mit ihnen flirtender, athletenhafter junger Gentleman meinte hoffnungsvoll:

„So ist bis zur Season Alles im Rechten?“

„Längst! Wenn die letzte Krume verzehrt ist, -- was sollen dann Wilhelms Grenadiere machen?“

„Die Daheimgebliebenen werden mit ihnen ihr Brot teilen!“ sagte plötzlich Hannah Higgins auf Englisch. „Die Greise. Die Frauen. Die Kinder...“

„Die haben doch selbst nichts!“ Ihr Schwager lächelte freundlich. Er stand vor dem Braten, das blutige Messer in der Hand. „Noch ein Stückchen, Mr. Lumley? Bitte?“

„Die sollen mithungern?“

„Anders geht es leider nicht!“

„Mitverhungern?“

„Deutschland braucht sich nur zu unterwerfen!“

„Und wenn es das nicht tut? Wenn es lieber stirbt?“

„... das mögen die Teutonen unter sich entscheiden!“

„... dann sterben doch zuerst die kleinen Kinder ... die zarten Frauen ... die alten Leute...“

„Ja. Der Gedanke ist wahrhaft betrübend...“

„Und Ihr könnt das vor Gott verantworten? Ihr habt die Bibel neben Eurem Bett und sprecht hier mit vollen Backen vom Hungertod von siebzig Millionen Christen! Könnt Ihr den Aschanti-Negern noch in die Augen schauen? Denkt an den bethlehemitischen Kindermord...“

Jerôme Higgins erhob sich halb.

„Ich verbiete Ihnen, weiter zu reden, Hannah!“ sagte er scharf zu seiner Frau. „Diese Sprache ist nicht britisch. Sie gehört sich hier nicht!“

„Also auch Du billigst das?“

„Vollkommen! Genug!“

Sobald es ging, gab die Dame des Hauses den anderen Ladies einen Wink. Alle erhoben sich. Die Herren überließen sie oben im Drawing-Room sich selbst und rückten an der Tafel beim Portwein zusammen. Sir William sagte halblaut zu seinem Bruder:

„Ich bin ängstlich, zu sehen, ob Hannah in dieser Stimmung bleibt!... Es wäre eine ernste Sorge für uns Alle, Jerôme!“

„Sie hat einen Briten zum Mann! Sie soll britisch sein!“

„Aber ihr Bestes, es zu werden, tut sie nicht!“

„Sie wird es schon, je mehr das ‚Vaterland‘ zusammenbricht! Sie wird den Herrn preisen, hier in Sicherheit und Freiheit zu sitzen, wenn drüben die Kosacken und Turkos in Deutschland hausen! Es wird ein trauriges Schauspiel. Auch unsere Gurkhas und Australier möchte ich lieber nicht am Werk sehen! Es ist höchst schmerzlich, daran zu denken!“

Jerôme K. Higgins sprach das, die Zigarre in der Hand, mit zürnender Strenge. Sein früheres, gönnerhaftes Wohlwollen für das Land Goethes und Beethovens war geschwunden. Erst mußte da Ordnung geschaffen werden. Er hatte den Ausdruck eines respektablen Hausvaters, der mit der Rute in der Hand den Erdball mustert. Er seufzte und trank einen Schluck Port. Es war ein unter Kennern seit einem halben Jahrhundert berühmtes Faß, das schon oft die Reise um die Erde gemacht hatte, häufiger noch als die, die es austranken. Sie waren schon wieder beim Yachting. Der Wind war stärker geworden. Man hörte sein stöhnendes Heulen über der noch dunklen See. Schjelting schwieg. Sein Blut war erstarrt. Er dachte sich: da draußen jagen die apokalyptischen Reiter über Länder und Meere. Wir haben sie entfesselt. Wir haben einen Weltensturm beschworen, von dem die Menschheit noch nach tausend Jahren sich mit Schrecken erzählen wird... Und diese Geister sind stärker als ihre Meister. Sie wachsen uns kirchturmsgleich über den Kopf... Ihr aber sitzt da im brennenden Hause ... schwatzt ... lacht...

„Sie waren auf der ‚Sunbeam‘, Mr. Lumley?“

„Sicherlich! Wir hatten den Tee bei Seiner Herrlichkeit!“

„Wie glorreich!“

„Gentlemen!... Die Ladies...“

Sir William Higgins, ~M. P.~, mahnte zum Aufbruch. Man stieg hinauf zu den Damen. Setzte sich mit ihnen um das knisternde Kaminfeuer, genoß das warme Behagen des großen hellen Raums in dunkler Nacht, der die Unangreifbarkeit der alten englischen Insel selber inmitten der Stürme draußen in seiner Flackerglut widerzuspiegeln schien. Hannah Higgins war nicht da. Die anderen Damen hatten nicht auf sie geachtet. Sie vermuteten, daß sie schon vor einer halben Stunde, gleich nach Tisch, gegangen sei, um nach Bob und Bill, ihren beiden Boys, zu sehen.

Sie kam nicht wieder. Vielleicht hatte sie es als Pro-Deutsche für besser befunden, sich an diesem Abend überhaupt zurückzuziehen. Man begriff das. Auch der Professor. Er unterhielt sich lebhaft mit einem weißhaarigen Reverend über die wahren Methoden der Lachsfischerei in den norwegischen Flüssen. Es gab da verschiedene, sich ernstlich befehdende Schulen. Nach einer Stunde ließ er das Angeln sein und stutzte:

„Ich muß doch einmal nach Mrs. Higgins schauen!“

Zehn Minuten verstrichen. Man hörte seine Stimme im Hause. Treppauf, treppab. Erst leise, dann immer lauter, angstvoller, fragender. Antworten der Dienerschaft. Rufe durcheinander. Aus dem Garten. Sir William hob stirnerunzelnd die dürre befrackte Gestalt aus den Abgründen des Klubsessels. Da stürzte sein Bruder herein, außer Atem, die Brille über die Stirn geschoben, mit schreckensstarren, kurzsichtigen Augen.

„Sie ist weg...“

„Wer?“

„Bill und Bob sind weg! Alle Drei!“

„Wann?“

„Vor zwei Stunden schon. Zu Fuß durch den Park!“

„Wohin?“

„Auf die Straße nach Harwich! Die Gärtner sahen sie!“

Sir William riß die Taschenuhr aus der Westentasche.

„Zehn Minuten nach zehn!“ sagte er und dann halblaut, vor sich hin: „Um zehn Uhr fährt der Dampfer nach Holland!“

Der würdevolle Haushofmeister in Kniehosen und Halskette wand sich durch die Gruppen. Er trug einen Brief auf silberner Schale.

„Soeben abgegeben, Sir! Ein Mann brachte ihn zu Rad. Von Harwich!“

Jerôme K. Higgins griff darnach, riß den Umschlag aus, las:

„An Bord der City of Vienna, 9.55 p. m.“

„Bis heute habe ich es ausgehalten. Ich kann es nicht mehr, seit ich Euch heute Abend bei Wein und Braten über die Hungersnot deutscher Frauen und Kinder lachen sah. Ich glaubte, Euch zu kennen, aber ich erkannte Euch erst in dieser Stunde. Ich gehe jetzt mit Bob und Bill, um in Deutschland mitzuhungern. Und mitzuverhungern, wenn es so sein sollte! Aber Ihr werdet uns nicht besiegen!

Hannah.“

Professor Higgins zerknitterte das Blatt. Er sprang auf. Er schrie in Todesangst:

„Um Jesu Willen! Meine Frau ... meine Kinder...“

„Komm’ zu Dir!“

„Helft mir! Rettet!“

„Jerôme ... sei ein Mann!“

„Haltet sie zurück!... Sie fahren ja nach Deutschland... Es giebt ja dort nichts zu essen... Sie kommen ja um...“

„Oh armer Mr. Higgins!“

„Erbarmt Euch!... Telefoniert nach Harwich!“

„Zu spät!“

Ein bläulicher Mondstrahl zuckte suchend über das Meer. Er kam von den Scheinwerfern des Hafens, an dem sonst alle Küstenlichter gelöscht waren. In seiner Helle sah man draußen auf der See gleich einem Geisterschiff einen mächtigen Dampfer. Er stampfte schwer in den grauen Wellen. Schwarze Zerstörer umhuschten ihn wie Ratten der Nacht. Ein grüner Stern stieg auf...

„Die ‚City of Vienna‘...“ sagte Jemand halblaut. Es wurde draußen wieder dunkel. Jerôme K. Higgins umklammerte das Fensterkreuz. Er lallte vor Schrecken:

„Meine Frau ... meine Kinder... Sie fahren nach Deutschland ... dort sind ja die Kosacken. Sie morden und brennen!“

„Oh ... sagen Sie das nicht vor Mr. Schjelting!“

„Dorthin kommen ja die Senegalneger ... die Marokkaner... Die Turkos...“

„Beruhigt ihn doch!“

„Ich werde ja wahnsinnig! Das sind ja Bestien! Die läßt man doch nicht gegen Weiße los! Man läßt doch Frauen und Kinder nicht verhungern!“

„Oh -- the Hungerkur in Germany!“ Im Nebenraum lachte die aus der Nachbarschaft zum Besuch herübergekommene Miß herzlich. Ein junger Herr hatte ihr den Spaß erzählt.

„Sie kommen ja erst in acht Stunden nach dem Hook! Ein Funkenspruch nach Holland ... rasch ... rasch... Sir Francis Oppenheimer aus Frankfurt tut dort für uns Alles, um die Deutschen zu schädigen!“

„Er wird nichts machen können!“ sagte Sir William kalt. „Eine freie Britin in einem neutralen Staat kann gehen, wohin sie will!“

Jerôme K. Higgins brach auf einem Sessel zusammen. Er warf das Gesicht auf die Kniee und schluchzte laut und hell. Die Miß von nebenan stand mit großen Augen auf der Schwelle. Sie frug verdutzt:

„Oh -- was ist das?“

„Ein Echowort aus Deutschland!“ sagte Nicolai von Schjelting. Die Engländer schauten ihn an. Sie verstanden ihn nicht. Er setzte hinzu:

„Ihr wißt hier nicht, gegen wen wir kämpfen! Und wenn Ihr es wißt, wird es zu spät sein für uns Alle!“

Wieder ein Kopfschütteln. Was wollte nur dieser bleiche Geisterseher aus Petrograd? Ein neuer Mondstrahl glitt draußen über die Wasserwüste. Die ‚City of Vienna‘ war schon weit hinaus. Das Licht um sie schwand, und sie arbeitete sich weiter durch Wind und Finsternis dem Festland zu...

Zwei Tage später sagte Hannah Higgins im Abenddämmern des deutschen Eisenbahn-Abteils zu Bill und Bob:

„Da schaut!“

„~What’s the matter?~“

„Wer Englisch spricht, kriegt einen Klaps!... Da fließt der Rhein!“

„Buh -- der ist zu schmal zum Segeln!“

„Er ist nicht zum Segeln. Er ist ein heiliger Strom.“

„...Kann man in ihm Fische fangen?“

„... und die große Stadt dort drüben -- die heißt das goldene Mainz...“

„Ist sie englisch oder schottisch, Mutter?“

„Sie ist nicht britisch, sondern deutsch!“

„Es ist doch Alles britisch, Mutter! Ist es nicht?“

„Da irrt Ihr Euch gründlich, Ihr Bengels!“ sagte Hannah Higgins schon mit einem Anflug ihrer alten Tatkraft. „Das werdet Ihr schon merken! Ihr heißt von jetzt ab überhaupt nicht mehr Bob und Bill, sondern Max und Moritz. Verstanden?“

„Oh -- wird das Vater recht sein?“

„... wenn es nur mir recht ist... Ihr werdet deutsche Jungen! Verstanden?... Und nun macht Euch zurecht. Wir sind gleich in Wiesbaden!“

In der Halle des Hauses Tillesen in der Sonneberger Straße standen gepackte Koffer und Kisten mit wissenschaftlichen Instrumenten. Das Mädchen meldete, Exzellenz reise als beratender Hygieniker morgen zum Heer. Ein bärtiger Landwehrmann kam hinter ihr lachend auf Hannah Higgins zu. Es war die letzte Abbröckelung englischer Gewohnheit an ihr, daß sie unwillkürlich bei der Annäherung eines gemeinen Soldaten erschrak, bis sie in ihm ihren Schwager, den Reichstagsabgeordneten und Kriegsfreiwilligen Hugo Martius erkannte.

„Alt werde ich hier beim Ersatztruppenteil nicht!“ sagte er. „Man ist ja eigentlich gar nicht mehr Mensch, eh’ man nicht im Schützengraben war!... Dein Vater ist im Laboratorium!“

In einem sonst zu Versuchszwecken dienenden Ofen brannte ein Feuer. Geheimrat Tillesen saß davor und legte, ehe er morgen sein Haus verließ, langsam die Dokumente in die Flammen, die ihm seine Töchter Inge und Phila reichten. Es waren die Ehrenmitgliedsdiplome all der wissenschaftlichen Vereinigungen der Welt, die jetzt die Deutschen aus ihren Reihen ausgestoßen hatten. Sein stilles, graubärtiges Gelehrtenantlitz, über das der Flackerschein spielte, war sachlich und ruhig wie immer, während er von der Grundlage seines Lebens und Forschens, der Gleichheit aller Menschen vor der Wissenschaft, Abschied nahm. Nur einmal sagte er durch die Stille dieser Räume, in denen sonst die Vertreter aller Völker als Jünger und Gäste geweilt hatten, alle Sprachen des Erdballs erklungen waren: „...Röntgen, Ehrlich und Behring von der Pariser Akademie ausgeschlossen...“ und lächelte. Es war ein deutsches Lächeln.

Dann steckte seine eine Assistentin, Dr. Käthe Cornelius, den Kopf durch die Nebentüre.

„Wir sind so weit, Exzellenz!“

Er erhob sich und ging in den anstoßenden Raum. Da standen zwei Offiziere und ein Chemiker im Bürgerkleid. In einem Glaskäfig saß leise winselnd ein dreibeiniger Spitz. Die eine Hinterpfote war ihm von einem Lastwagen abgefahren. Dr. Irma Enderlin kniete davor. Sie trug einen Respirator vor dem Mund und leitete den Inhalt eines Gasschlauchs in den Kasten. Die Luft innen färbte sich grünlich. Das Tierchen begann zu taumeln, fiel um...

„Tot!“ sagte der Geheimrat ruhig. Von den Wandregalen blinkten Reihen von Gläsern mit Reinkulturen. Auf den Tischen lagen die Glasplättchen unter den Mikroskopen, die Tabellen der geimpften Versuchstiere. Die unsichtbaren Schädlinge des Seins wurden hier erkannt, Gift fand sein Gegengift. Eine Zwergschlacht zwischen Angreifern und Schutztruppen der Menschenzelle hatte da im Stillen getobt, wie jetzt draußen in Europa die Riesenschlachten der Menschen selbst. Viele Gelehrte aller Völker der Erde, Slawen, Angelsachsen, Romanen, gelbe Asiaten, braune Inder hatten hier gesessen und gelernt. Was sie hier als Gäste aus goldenem deutschen Überfluß geschöpft, bannte jetzt draußen in ihrer Hand die tausendjährigen Furien der Menschheit, Seuchen und Pestilenz.

Auf einem Stuhl lag eine englische Zeitung. Sie war anonym aus der Westschweiz gekommen. Ein Bild im Text blau angestrichen: Alle Völker des Erdballs, bis zum winzigen Japanesen und vierschrötigen Buren hin schlugen blindwütend auf eine zähnefletschende Dogge ein, die eine Pickelhaube trug. Darunter stand: „Halloah: Alle Mann ans Werk! Man muß den deutschen Wehrwolf niederknütteln!“

Und es war, als spräche aus diesen Retorten und Reagenzgläsern und Mikroskopen eine Geisterstimme zur Antwort: ‚Der Erde geschehe, wie sie gewollt! Deutschland war das Licht der Welt. Es kann auch seine Nacht sein. Deutschland gab den fremden Völkern blühendes Leben. Nun sendet es ihnen ebenso den Tod. Es ist stark in Einem wie im Andern. Schöpfung, Sein und Vernichtung, die geheimnisvoll dreifache Gottheit vom Ganges, wohnt auch hier am deutschen Rhein, in der angewandten Wissenschaft, die hinter dem ~furor Teutonicus~ steht...‘

„Menschen werden durch diese chemischen Mischungen selbstverständlich nur betäubt, nicht erstickt!“ sagte Geheimrat Tillesen ruhig, auf den toten Spitz weisend. „Genügt Ihnen diese Gasentwicklung so?“

„Ich denke, ja, Exzellenz!“

„Wir werden weiter daran arbeiten. Man muß praktische Versuche in leeren Schützengräben machen. Ich schreibe Ihnen noch. Oder vielmehr: ich diktiere es meiner Tochter. Sie begleitet mich nach Posen.“

„Sehr wohl, Exzellenz!“

Nun erst, nachdem die Versuchskommission sich verabschiedet, kam Geheimrat Tillesen aus der Wissenschaft zur Gegenwart zurück und sah, daß da auch seine dritte Tochter mit ausgebreiteten Armen stand. Und die sagte nach der ersten Begrüßung nur:

„England liegt hinter mir!“

Ihr Vater nickte. Es war wie ein:

„Und hinter mir die internationale Gelehrtenrepublik!“

Und ebenso lag es auf dem Antlitz seines Schwiegersohns:

„Und hinter mir das Traumland des ewigen Friedens!“

Und auf dem seiner Frau:

„Und hinter mir die alte deutsche Sehnsucht, die Insel der Seligen im Süden!“

Und auf dem ihrer Schwester Inge:

„Und hinter mir die Luftspiegelung angelsächsischer Freiheit überm Meer!“

„Du kannst Dich nützlich machen, Phila, und während des Kriegs auch auf meine beiden Bengel aufpassen!“ sagte Hannah Higgins. „Ich melde mich morgen als Pflegerin!“

„Morgen ist das Haus hier leer...“

Und doch fühlten Alle: Wir sind in unser Haus zurück. Was Deutsch war, giebt die Fremde wieder. Alles kehrt heim. Von allen Seiten rauschen die Wasser. Tausend Bäche sprudeln und eilen. Fluß an Fluß flutet dahin und ergießt sich in den einen heiligen Strom. Feierlich, in mächtigem Schwall, wälzt dort drüben der deutsche Rhein seine Wogen zum fernen Ziel.

XVI.

Die Schneeflocken, die strömend dicht in diesen letzten Januartagen des Jahres 1915 von dem eisgrauen Himmel des östlichen Ostpreußen herunter wirbelten, erreichten kaum die breiig fließende, mit verschlammten Laufbrettern belegte Sohle der russischen Schützengräben. Sie schmolzen schon beinahe in der Luft zu Wasser, so heiß war der stinkende Brodem, der aus den holzüberdachten und warm überschneiten Unterstand-Tunnels in die offenen Laufgräben quoll. Es war in diesen geschützten Unterkünften dämmerig wie in einem Bärenlager zur Winterzeit. Pelzig behaarte Gestalten tappten aufrecht im Zwielicht, brummten tief, schnarchten in den sargähnlichen Seitenverschlägen. Ein scharfer, süßlicher tierischer Geruch lastete zäh unter dem Balkengewölb, das die Axt feldbrauner russischer Muschiks gezimmert. Der Staatsrat Morskoi blies, um sich davor zu schützen, ein Papyros-Gewirbel durch die Nasenlöcher, blieb kurzatmig und wohlbeleibt, wie er war, stehen und sagte:

„Feldwebel!... Fragen Sie wieder, wo der General eigentlich ist!“

Er war in der Uniform eines hohen Zivil-Tschinowniks mit übergehängtem Mantel. Sein Begleiter, der Panslawist Korsakoff, trug die Genfer Binde auf dem Ärmel seines Waschbär-Pelzes. Eine Ottermütze bis über die Ohren. Filzstiefel bis über die Kniee. Man sah von dem hageren, blonden Mann wenig mehr als die fanatisch starren, hellblauen Augen unter der angelaufenen Brille.

„Der General Schiraj? Weiter vorn!... In der ersten Schützengrabenstellung!...“

Ein kalmückisch ausschauender Hauptmann murmelte es. Er saß auf einem Empire-Sofa, das schon halb eingesunken war, und hatte die Füße auf den Seidendamast hinaufgezogen, um sie vor dem Urbrei von Wasser, Schlamm, Kohlstrunken, Hühnerfedern, Knochen und menschlichen Auswurfstoffen am Boden zu schützen.

„~Ah -- voilà un courant d’air!~“ Der Hofmeister Morskoi atmete draußen zwischen den engen Wänden des nach vorn führenden Sappengangs auf, und wehte sich mit der Hand Luft in das rote, von schwarzen Bartkoteletten umrahmte Gesicht. „Daß sie nicht krank werden, in diesen verpesteten Höhlen...“

„Sie sind’s gewohnt, die Seelchen!... Diese Falken. Sie haben es im Winter in ihren Dörfern auch nicht anders!“

Der Professor Korsakoff hatte, während er das sagte, keinen weiteren Ausblick als dicht vor sich die steten Winkel des Wegs und über sich, zwischen den verschneiten Grabenkämmen, einen Streifen flockenwimmelnden Himmels. Der Feldwebel, der den beiden Moskauer Politikern als Führer diente, drehte sich mit breitem Lachen um:

„Belieben Sie, Herren!... Dies ist doch kein Winter... Für uns Sibirier!...“

Auf dem Auftritt des Schützengrabens, in den sie eintraten, hielten die langen, sehnigen Kerle dieses sibirischen Corps Wacht. Ihre Pelzmützen -- daheim in den Urwäldern erbeutet oder Liebesgaben aus den Muffen der vornehmen Petersburger Damenwelt, -- waren so hoch, daß sie bei einer unvorsichtigen Bewegung des Trägers bis über die Brüstung ragten. Aber es hatte keine Not. Es war überflüssig, daß man die eingebauten Maschinengewehre durch Decken gegen Sicht schützte. Der Schnee besorgte das selbst. Er fiel immer noch in dichten Strähnen. Man konnte kaum hundert Schritte weit sehen. Kein Schuß fiel in diesem zähen Grau und Weiß der Luft. Der Krieg schlief. Weithin längs der endlosen Front hörte man nichts als ab und zu das Gekrächze der Krähen. Der General Schiraj war, wie er selbst von sich sagte, keiner von diesen Petersburger Herrchen. Er war ein Feldsoldat. Er hatte im Frieden im Kaukasus und in Transkaspien gestanden. Er paßte auch jetzt zu seiner Brigade von Sibiriaken. Die beiden Besucher trafen ihn am Fernsprecher in einem vorn in den äußersten Schützengraben hineingebauten Bretter-Unterstand. Er redete selbst mit seinem ruhigen, tief durch seinen verschneiten Vollbart grollenden Baß nach hinten, mit der Division seines Abschnitts. Neben ihm stand sein Adjutant. Auf einem Bänkchen hockte ein blasser, jüdisch-russischer Einjähriger, mit um die Ohren festgeschnallten Hörrohren, die ihn mit der Beobachtungsstelle verbanden. Ein Unteroffizier saß neben ihm, bereit, durch das zweite Telefon Anfragen nach dorthin zu übermitteln.