Part 27
Paris... Du totes Paris... Nein. Es war nicht tot. Es war nur wo anders. Ausgewandert. Nicolai Schjelting fand es wieder, als er, nach endloser Fahrt vom Bahnhof die Garonne entlang die krummen, altertümlichen Straßen des inneren Bordeaux erreichte. Das war nicht mehr das verstaubte und verknöcherte Schattenleben französischer Provinzstädte. Zwischen dem Komödienplatz und den Alleen von Tourny waren auf einmal die Boulevards mit ihren skeptischen, trockenen Pariser Gesichtern unter Zylinderhüten, auf dem Richelieu- und Börsenplatz standen jene pfiffigen, rundlichen, die Renten Frankreichs in ihren weiten Taschen verwaltenden Gestalten, die man sonst an der Seine zwischen dem Boulevard Sebastopol und der Rue du Louvre sah, vor den altersgrauen, in engen Straßen gelegenen Palästen, in denen sich die hohen Würdenträger der Republik bleich und abgespannt vor der Außenwelt abschlossen, hielten wie in der Lichtstadt selbst die Reihen von Autos, liefen geschäftige Politiker aus und ein, verhandelten Deputierte achselzuckend und händefuchtelnd in der Vorhalle, umdrängten Journalisten am Eingang die herauskommenden Diplomaten. Selbst die weite, einsame Sandwüste der Quinconces war belebt. Paris überall. Der Komet hatte seinen Schweif nach sich gezogen. Die Kleinen waren nahrungsuchend den Großen in die Verbannung gefolgt. Der fette Kellner von Henry an der Madeleine lächelte einem an der Ecke entgegen, die Galgengesichter der Camelots schrieen hier den „Mann in Ketten“ aus wie sonst die zweite Ausgabe des „Soir“, die Spieler der nächtlichen Privatcirkel, die Schlepper, die sonst vor dem „Grand Hotel“ auf die Fremden warteten, die Glücksritter, die Buchmacher, Alles war da. Die kleinen Frauen zu Tausenden. Es amüsierte sie auch jetzt noch, die ehrsame Bürgerschaft von Bordeaux durch ihre Hüte und Toiletten zu verblüffen. Die großen Mimen promenierten majestätisch zur „grünen Stunde“, wenn die Cinémas aufzuleuchten begannen, die Bohémiens zeigten die übernächtigen Züge ihrer bis zum Morgengrauen geöffneten Cabarets -- selbst die Uniform schien hier nur ein blau-rotes Wappenschild des allgemeinen Leben und Lebenlassens. Nicolai Schjelting hörte, auf seiner Rundfahrt bei den Ministerien und Missionen, wie im Nebensaal ein Abgeordneter erschöpft sagte:
„Sie sind heute allein der Vierzehnte, dessen Sohn ich vor der Einstellung in die Front bewahren soll! Mein Gott: Man kann doch nicht alle jungen Leute als Schreiber in den Bureaux verwenden!“
Und der Dicke vor ihm, halblaut und bestimmt:
„Aber ich habe dreißigtausend Francs für Ihre Wahl gegeben, mein Herr Deputierter!“
„Nun -- ich werde sehen, mein Freund, was sich tun läßt!“
Und im Warteraum eines anderen Würdenträgers ein zorniger vornehmer alter Herr:
„Bei Kriegsausbruch wurde mir mein Automobil genommen. Ich gab es dem Vaterland umsonst. Ich gehe seitdem mit meiner Frau zu Fuß!“
„Vortrefflich, Herr Marquis! Und weiter?...“
„Weiter? Ich komme nach Bordeaux! Täglich sehe ich hier meinen Wagen! Ein junger Mensch in Zivil fährt eine dieser Damen darin spazieren! Ah, das ist zu viel!“
„Ein junger Mensch?...“
„Klein und blond. Seine Begleiterin nennt ihn Gaston!“
„Pst! -- das ist der Neffe des Herrn Ministers! Nichts zu machen!“
Und in einer der Botschaften ein steinerner Yankee, um ihn ein Kreis aufgeregter Finanzmänner.
„Sie müssen den Russen den Kredit eröffnen. Wir garantieren ihnen doch den Betrag der Gegenbestellung in Gold!“
„Well! Fünfundzwanzig Prozent Anzahlung!“
„Und zehn Prozent Provision für uns!“
„Keinen Dollar!“
„Sapristi! Man lebt nicht von der Luft, mein Herr!“
„Aber von den Russen! Ihr nehmt von ihnen zwanzig Prozent!“
„Kein Streit unter Freunden! Siebeneinhalb!“
„Fünf Prozent! Sie verdienen noch genug!“
Ein Lachen. Schjelting ging. Unten hörte er die zornmütige Stimme eines Abgeordneten in einer Gruppe:
„Diese Generale!... Diese Censur!... Da, statt eines Artikels in der Zeitung eine weiße Wüste!... Man tötet den gallischen Geist...“
„Du bist zu scharf gegen Deine eigene Partei!“
„... weil man mich zurücksetzt! Man intriguiert. Man verläumdet. Was soll ich meinen Wählern sagen? Das nächste Mal lassen sie mich fallen! Dann bin ich ruiniert, mein Freund! Denn der Advokatenrobe bin ich schon zu lange entwöhnt!“
Nicolai Schjelting kehrte in das Südbahnhotel an der Station zurück. Er saß schon stundenlang in dumpfem Sinnen, als es klopfte, und de Massa, der große Pressemann und Ministervertraute zwischen Paris und Rom, eintrat, lang, hager, grauköpfig, mit lauter Stimme.
„Nun -- findet man Sie hier draußen! Ich habe die Reise nicht gescheut!... Man sehnt sich, von Ihnen Näheres von dem Marsch dieser unbesiegbaren Russen nach Berlin zu hören!“
„Wer?“
„Nun -- ganz Paris ist ja hier versammelt! Sie werden zufrieden sein! Wir sind ~en petit comité~ -- unter Leuten von Welt! In der ‚Fetten Poularde‘. Drollig -- was? Es ist die Vorschrift des Tags, dort zu dinieren -- nicht weit vom Gambetta-Denkmal!“
„Schade, daß Gambetta selber Euch fehlt!“
„Wohl verstanden: Madame de Marly wird da sein! Ferner diese reizende, kleine...“
„Pascholl!“
„Was?“
Schjelting stand, die Hände in den Taschen, vor dem Besucher und blies ihm brutal den Zigarettenrauch mitten ins Gesicht. Aber er war dabei bleich vor Zorn.
„Pascholl!... Ich hab’ genug gehört!“
„Ah -- Sie sind nicht in Rußland! Spricht man so zu Verbündeten?“
„Mit Euch sich zu verbünden wäre nicht der Mühe wert! Euer Heer ist tapfer, Euer Bürger patriotisch -- Aber Ihr da oben taugt nicht mehr als unsre Tschinowniks. Ihr seid faul bis in die Knochen. Da ist drüben, jenseits der Vogesen, ein anderer Geist!“
„Mein Glückwunsch! Sie sind Pro-Boche, Monsieur?“
„Im Gegenteil!“ sagte Nicolai Schjelting. „Ich suche den Geist, der allein im Stande ist, den Deutschen zu überwinden. Auf dem Festland ist er nicht. Aber in England werde ich ihn finden!“
XV.
Der Herbststurm brüllte über dem nächtlichen, schwer donnernden Wellensturz des Kanals. Man hörte nur dies Heulen und Schwappen. Man fühlte fliegenden Gischt wie von Eiswedeln im Gesicht, schmeckte Salz auf den Lippen. Aber man sah nichts. Himmel, Erde, Meer waren Schwarz in Schwarz. Alle Leuchttürme gelöscht. Alle Schiffsluken abgeblendet. Man ahnte das Tappen von anderen dunklen mitreisenden Gestalten auf dem schwankenden und glitschrigen Deck, vernahm Stimmen, die flüchtigen Belgiern zu gehören schienen, Yankee-Genäsel, schnelles Pariser Französisch, englisch gekaute Worte. Alles Verbündete. Aber das Mißtrauen der Nacht machte dies Unsichtbare zum Feind, und wenn vor der Abfahrt in Boulogne die Pässe auch zehnmal von den Briten, den neuen Herren der gallischen Kalkküste, geprüft worden waren. Nicolai Schjelting vermied es, mit Jemandem zu sprechen. Er stand, mit der Linken sich an dem Stahlgestrick einer Wante festhaltend und schaute unverwandt vor sich in das undurchdringliche Dunkel, als wäre es die Zukunft selbst.
Er dachte sich: Sonderbar -- man sehnt sich nach den Ufern Englands wie der Schiffbrüchige nach der rettenden Insel -- dieses England, das doch nur ein Stein im Petersburger Schachspiel sein sollte! Wie oft habe ich an der Newa meine These entwickelt: das umgedrehte Problem Napoleon. Vor hundert Jahren verband man sich mit England, um Frankreich zu schlagen. Jetzt, um es zu retten. Das Rätsel von Waterloo hieß drei zu eins. Das Geheimnis von 1914 würde fünf zu eins heißen. Eine sichere Methode bot nur die Zahl. Auf Zahlen verstand man sich in der City...
Ein greller, prüfender Scheinwerferstrahl von hohem Mast im Finstern. Undeutlich drüben Etwas wie ein schwer in den Wogen rollender Saurier der Urzeit. Grimmige Fühlerpaare von Kanonenrohren. Wieder Dunkel. Zum zwanzigsten Mal. Diese ganze Nacht lebte von fliegenden Holländern. Man fühlte die Geisterschiffe der Briten rings um sich. Dutzende. Groß und Klein. Keine Maus kam ungesichtet durch dies Schwarz, das man mit dem Messer schneiden konnte.
Da endlich ferne, ängstliche Glühwürmchen in dem rauschenden und pfeifenden Nichts, zwei, drei, in weiter Ferne. Die Lichter von Folkestone. Ein Gedränge einer nassen, nächtigen Hammelherde von Menschen auf dem Landungssteg, der Schein elektrischer Lämpchen auf entfalteten Pässen, ein Waten im Sand durch Sturm zum nahen Strandhotel der Burlington-Gesellschaft. Wahrlich ... unbehaglich und unwirtlich empfangen mich diese Inseln der Freiheit, dachte sich Schjelting. Er hatte sonst immer die Abwehr des Nervenmenschen, des Intellektuellen, des nachtlebigen Slawen gegen diese gesunden Siebenschläfer mit ihren Straußenmägen, ihren strahlenden Wolfszähnen, ihrer Freude an Fußbällen und Pferdehufen, an Pfund-Shares und Portweinflaschen, an eisigem Morgen-Tub und Kirchengesang gehabt. Er fröstelte auch jetzt in den Luftwirbeln zwischen flackernder Kaminglut und kalt durch das Fenster sprühender Salzbrise. Diese Zugluft war überall in England. Man konnte ihr nicht entgehen. Alle Türen zwischen den Orkney- und Scilly-Inseln standen jahraus, jahrein offen. Man ging mit bloßem Kopf im Regen. Man fand es scherzhaft, wenn es in die Badewanne schneite. Es war ein furchtbares Land.
Dann aber sagte er sich: Gerade recht! So muß ein Land sein, um die da drüben zu überwinden. Diese Angelsachsen, die keine Pelze und Gummischuhe kennen, keine Hamletstimmungen und kein Zahnweh, das sind die wahren Widersacher der Teutonen. Sie werden diesen Riesen da drüben zwischen Maas und Njemen besiegen. Denn sie sind seines Stammes und Bluts. Wir werden sie zum Schluß am Bosporus und Amur nicht so übers Ohr hauen können, wie es sich die breite russische Seele vorgesetzt hat. Dafür nehmen sie uns die schwerste Arbeit ab. Sie haben den langen Atem, die zähen Nerven, den stierstarken Willen. Sie werden ihr Bestes und ihr Alles tun, um ~the Kaisers~ Macht zu zerschmettern.
Und nun freute er sich auf das gewaltige Schauspiel, das ihm die nächsten Tage bieten würden, dies Gegenstück zu dem deutschen Vulkan, dies sich Aufbäumen des ganzen, see- und weltbeherrschenden Inselvolks, ein einziger Schrei, ein Wille, ein Schlag, daß es aus dem Erdenrund durch die Jahrhunderte wiederhallte...
Da unten, im Frühstücksraum des Burlington-Hotels, saß schon trotz der frühen Morgenstunde ein junger Gentleman. Offenbar ein Offizier. Das Antlitz gebräunt von der Front und bleich von Strapazen, aber freimütig und fröhlich. Er erzählte den Ladies um ihn seine Abenteuer:
„Ein kolossales Trompeten ... ein betäubendes Krachen -- da stand er auf zehn Schritte vor mir ... weiß Gott, ein stattlicher Bursche ... stürzte sich wie ein Dämon auf mich...“
„Oh ... oh...“
„Aber ich kam noch zum Schuß. Mitten in die Stirne. Er lag da...“
„... oh ... in der Tat...“
„Seine Zähne stehen in meinem Rauchzimmer!“
„Sind sie lang?“
„Sechs Fuß. Es war einer der größten Elefanten, der je in Nairobi erlegt wurde.“
„Und was machen Sie jetzt, Mr. Jackson?“
„Ich denke, ich gehe für den Winter nach Ägypten.“
Am Nebentisch rieb sich Schjelting die Augen. Der Saal füllte sich allmählich mit Frühstücksgästen. Ausgeschlafenen, zufriedenen und hungerigen Menschen. Man brachte Haferbrei und Hummern, gebackene Weißfische und Schinken mit Eiern. Man aß und trank. Ein alter Herr in Reithosen meinte heiter:
„Schlechtes Wetter heute!“
„In Torquay waren gestern anderthalb Stunden Sonnenschein!“
„In Ventnor zwei!“
„Ich glaube, daß es Mittags eine Stunde hell wird!“
„Oh -- sagen Sie das nicht, Mr. Thompson!“
„Wir haben seit acht Tagen rauhes Wetter hier an der Südseite ... etwas Jam bitte ... danke...“
Wenige warfen einen Blick in die Zeitung. Nur ein junger Mann sagte zwischen zwei gerösteten Brotschnitten zum andern: ‚Goldgeränderte Werte flau!‘ und legte das Blatt wieder weg. Nicolai Schjelting stand auf, zahlte und fuhr nach London. Vor den Wagenscheiben war das friedliche Bild des endlosen englischen Parks. Grüne Wiesenflächen unter entblätterten Eichengruppen, weidende Herden, Schlösser und Städtchen, und, trotz der Vormittagsstunden schon überall Alt und Jung, Groß und Klein, Hoch und Niedrig auf den Hunderten von Spielplätzen bei Golf und Cricket und Fußball. Überall zufriedene, sorglose Gesichter. Tiefste Ruhe. Schjelting erschien es wie ein böser Traum. Da endlich riefen auf einer Junction die Zeitungsjungen: „Großer englischer Sieg!“ Er griff hastig nach der Nummer.
„Wo?“
„In Australien, Sir! Zwei Pence, Sir! Danke, Sir!“
In Australien? Er entfaltete und las: „Die Birmingham Mannschaft schlug im Fußball-Match den Melbourne-Team mit 6:2.“ Er zündete sich nervös eine Zigarette an und frug den einzigen Mitreisenden:
„Vergebung, Sir: Kümmert man sich denn eigentlich hier gar nicht um den Krieg?“
Sein Gefährte war ein Londoner Geschäftsmann mit einem glattrasierten, roten Bulldogg-Gesicht, dem man es förmlich ansah, daß er noch nie aus England herausgekommen war. Ein richtiger Cockney von der Surrey-Seite. Er sagte:
„Wohl: der Krieg wird nicht lange dauern!“
„Meinen Sie das?“
„Man wird sie aus ihren Löchern herausgraben ... haha ... lassen Sie nur Mr. Churchill gewähren!“
„Gewiß ... aber...“
„Man wird Wilhelmshaven besetzen, die Anlagen der Mrs. Krupp in die Luft sprengen. Der Frieden wird in Berlin diktiert. Der gute, alte Lord Beresford wünscht das ausdrücklich!“
„So?...“
„Unsere Sikhs und Gurkhas werden sich auf den Bänken von Potsdam sonnen...“
„Wer sagt das?“
„Lord Curzon, Sir, der frühere Vizekönig von Indien!“
„Und Sie sind davon überzeugt, Sir?“
„Ich möchte nicht klüger sein als die Lords, Sir!“
Der Geschäftsmann nahm sich ein Notizbuch vor. Es schien keine Handelseintragungen zu enthalten, sondern die Monats-Abrechnung seiner Rennwetten mit einem Buchmacher, die er stirnrunzelnd prüfte. Zwei athletische junge Männer stiegen ein. Offenbar aus einem der nahen Schlösser. Sie lachten. Sie hatten miteinander gewettet, ob Nevermore II väterlicherseite eine Enkelin von ‚Black Prince‘ oder des Derbysiegers ‚Primrose‘ sei. Sie reisten jetzt nach London, um das festzustellen, und sprachen davon die ganze, zwei Stunden lange Fahrt.
Auf der Waterloo-Station in London änderte sich jäh das Bild. Es erinnerte plötzlich an das fiebernde Festland. Schjelting atmete aus. Da waren endlich wieder die tausendköpfigen Menschenmassen auf dem Bahnhof, das wilde Stimmengeschwirr und Geschrei der Extrablatt-Verkäufer unter der rußigen Glaswölbung, da tauchten endlich Khaki-Uniformen auf -- eine Gruppe Offiziere, ärgerlich und aufgeregt im Wortwechsel mit dem Betriebsleiter:
„Sie müssen uns Durchgang zu unserm Zug verschaffen!“
„Unmöglich...“
„Er fährt sonst ohne uns ab! Wir müssen hinüber nach Frankreich! Wir müssen an die Front!“
„Wie soll ich es machen? Ich bin dafür verantwortlich, fünfzigtausend Menschen innerhalb einer Stunde hinaus zu dem Fußball-Match zu befördern! Urteilen Sie selbst, ob ich mich da noch um Einzelne kümmern kann!“
Nicolai von Schjelting hatte genug gehört. Er fuhr über die Themse in den Westen. Es war da und in der City das alte London. Geschäftsgewimmel bis zum Temple, Vergnügungsbummel am Strand, vornehme Ruhe vom Trafalgar-Platz bis zum Hyde-Park. Jeder ging seiner Arbeit, seinem Nichtstun, seinem Sport nach wie sonst. Nur zuweilen erinnerten große bunte Werbetafeln und Aufrufe an den Krieg. Irgend einen Krieg da draußen. England führte ja immer an einer Ecke der Welt Krieg -- den Krieg, den es seit achthundert Jahren im eigenen Lande nicht mehr gesehen.
Aber Lord Kitcheners brutaler Landsknechtkopf konnte lange lebensgroß von den Straßenecken herniederblicken und sein Zeigefinger auf den Beschauer weisen: „Kitchener braucht +Sie+!“ Niemand ließ sich dadurch in seiner Ruhe stören... Schjelting merkte das wieder Nachmittags in dem Klub in Piccadilly, dessen Mitglied er war. Ein alter, ausgedienter Oberst der indischen Armee schnitt da barsch jede Erörterung ab.
„England gewinnt! Fertig!“
„Sind Sie dessen sicher?“
„Ich denke britisch, Sir!... Haben Sie von dem köstlichen Gymkhana des Malva Bhil-Corps gelesen, Macdonald?... Hier... Unter den indischen Neuigkeiten...“
Und Nicolai Schjelting dachte sich: dieser vertrocknete, alte Junggeselle gehört nicht zu Europa, hat nie dazu gehört. Er ist mit achtzehn Jahren nach Indien gegangen, hat seine Zeit dort abgedient, gegen Afghanen, Aschanti, Boxer, Mahdisten gefochten. Er ist mit seinem engen Kopf auf der ganzen Erdkugel zu Hause. Ihn beschäftigen die Fragen des Stillen Oceans, Süd-Afrikas, des Panama-Kanals. Europa kennt er nur von einem gelegentlichen Aufenthalt in der Schweiz. Europa ist ihm ein staubiger, altmodischer Winkel. Ein unbeträchtliches Ding. Man betritt die Rumpelkammer nur gelegentlich, um die Ratten zu scheuchen, damit sie Einen draußen nicht stören... Ein kurzer Lärm. Nicht der Rede wert...
Dieser Anglo-Inder schien vor Schjeltings Augen plötzlich hundertfach in den Klubsesseln zu sitzen, durch Mayfair zu promenieren, er verwandelte sich in jeden zweiten Menschen in London und im Vereinigten Königreich, er war der Geist dieser Inseln selbst. Nicolai von Schjelting verließ schweigend den Klub. Er zitterte, während ihm der Diener in den Mantel half, er sagte sich in einer grauenerfüllten Ungeduld: Es muß Etwas geschehen! Man muß sie aufschrecken! Sie dämmern in ihrem Dünkel. Der Weltbrand vor ihren Toren ist für sie ein Kolonial-Krieg -- einmal ein wenig näher, einmal ferner... Sie kommen zu spät zur Erkenntnis ... sie kommen für uns zu spät...
Zu spät... Es war Freitag Abend. Wo er vorfuhr, waren Würdenträger und Machthaber schon zum langen Wochenende hinaus aufs Land. Bis Dienstag früh stockten jetzt alle Geschäfte. Stand die Welt still... Auch Sir Higgins, der Pressekönig, war nicht mehr in seinem Zeitungs-Palast in Oxford Street zu treffen. Er hatte, als leidenschaftlicher Yacht-Mann, seinen Ruheplatz auf der Seeseite des Ostens, zwischen Felixstowe und Harwich, dicht am Meer.
Es war das alte, englische Bild. Ganz England setzte sich aus fünfzehn oder zwanzig solcher Bilder zusammen. Eine ehemalige, zum Herrensitz umgewandelte Abtei, vor der man im Park, wenn der Mond aus den zerrissenen, über die nahe See jagenden Wolken heraustrat, das zahme Damwild auf breiten Wiesenflächen äsen sah, grüne Efeuteppiche über die verwitterten grauen Mönchsmauern und drinnen, im grellen Gegensatz des britischen Lebens von Zopfigkeit und ~up to date~, die glänzendhelle Dinnertafel, die weißen Frackwesten und Hemdeinsätze der Gentlemen, die weißen Schultern der Ladies, lächelnde Gesichter, heitere Stimmen, Orchideensträuße, altes Silber. Man sprach lachend, im frischen Frohsinn des Sports vom Segelwetter morgen. Es war das Erste, was Nicolai von Schjelting hörte, als er am Tische Platz nahm. Er war zu spät angekommen und hatte sich erst umkleiden müssen.
„Rauhes Wetter in Sicht...“
„Umso besser!“
„Lord Pierrepont ging heute Abend in See!“
„Oh ... ist er?“
Allgemeine Teilnahme. Wieder dieses Frösteln des Grauens bei Schjelting, als wäre er unter Verrückten. Und seltsam: Im selben Augenblick wandte sich die Lady links vor ihm, die bisher mit ihrem anderen Nachbar gesprochen, von dem ab, und sagte halblaut auf englisch vor sich hin: „Ein wahnsinniges Volk...“
Sie war mittelgroß, hellblond, von zarten Farben und sah doch nicht ganz englisch aus. Schjelting zuckte zusammen. Dann lächelte er.
„Oh... Mrs. Higgins... Entsinnen Sie sich unseres letzten Zusammentreffens? Vor Victoria Station?...“
Hannah Higgins, die Schwägerin des Hausherrn, schaute ihn unsicher an. Sie war etwas kurzsichtig. Ihre Züge zeigten nichts mehr von ihrem früheren Humor, sondern einen sonderbar starren Ausdruck. Er dachte sich: Nun ja. Eine Deutsche -- oder eine gewesene Deutsche -- jetzt hier als Frau eines Engländers und im Kreise der Engländer. Diese Menschen wissen ja nicht, was sie in dieser Zeit tun und sind. Plötzlich schien es ihm, als ob er und diese Fremde aus dem feindlichen Volk allein in dieser Tafelrunde das Skelett im britischen Weltschrank erblickten.
„Sie fuhren damals zur Kieler Woche!“ sagte er. „Auch ich ging später nach Deutschland. Ich traf Ihren Vater. Auch Ihre Schwester!...“
„So...“
„Wie geht es Fräulein Tillesen?“
„Ganz gut... Aber sie ist nicht mehr Fräulein Tillesen. Sie ist vor zwei Wochen in Königsberg getraut. Wir korrespondieren über Schweden.“
Er schwieg. Dann frug er:
„Wo ist sie jetzt?“
„Wieder in Wiesbaden. Aber mein Vater wird voraussichtlich bald als beratender Hygieniker einer Armee tätig sein. Natürlich hinter der Front, bei seinem Alter. Da wird sie ihn wohl wieder begleiten!“
Um sie ein heiterer Streit. Eine Miß hob beschwörend die Hand.
„Oh -- ~dear~ Mrs. Clarke ... welch häßlicher Gedanke: Sie wollen nicht mit nach Spanien?“
„Wir reisen morgen Abend von Liverpool, um den Indianersommer bei unseren amerikanischen Freunden zu haben. Wir wollen dann bis zur Baumblüte in Japan Halt machen!“
„Wenn Sie Mrs. Isebrink schreiben!“ sagte Schjelting mit einem sonderbaren Lächeln, „dann grüßen Sie sie von mir! Es ist ihr nicht gelungen, mich in München verhaften zu lassen. Sie tat ihr Bestes.“
Es sollte nur blasiert und ironisch klingen, aber er fühlte, daß auch auf seinem angegriffenen und abgezehrten Gesicht Etwas von dem leidenden Ausdruck seiner Nachbarin lag. Man litt unter diesem ewig heiteren Volk dieser fröhlichen alten Insel. Er dachte sich: Wenn ich der Mann dieser Deutschen a. D. wäre, so würde mich die Starrheit ihrer Mienen besorgt machen. Aber er, dieser Oxforder Professor, sitzt da unten mit seinem glattrasierten, schwammigen Chinesengesicht und der goldenen Brille und glänzt von Wohlwollen und guter Laune.
Ein Aufschrei:
„Oh -- das wäre schimpflich!“
„Was denn, Miß Lilian?“
„Keine Regatta in Cowes im nächsten Jahr!“
„Großer Gott! Warum nicht!“
„Hier -- der russische Gentleman aus Petrograd sagt es: wegen des Kriegs!“
Eine allgemeine stürmische Heiterkeit. Sir William Higgins, der Hausherr, strahlte wie ein Schuljunge über das zerknitterte, faltige Gesicht. Er, der trockene, wortkarge Zeitungskönig der City, war hier draußen am Abend der liebenswürdigste und schalkhafteste Wirt. Er drohte aufgeräumt mit dem Zeigefinger:
„Die Regatta wird sein. Glorreicher denn je. Man wird da kaum mehr an den Krieg zurückdenken. Vor Weihnachten ist er zu Ende!“
„Oh... Oh...“
„Wir werden Alle hinkommen. Auch die Deutschen werden kommen, als sei nichts geschehen!“
„Hört! Hört!“
„Sie haben bis dahin ihre Lehre empfangen. Wir haben ihre Kolonieen zwischen uns und Frankreich geteilt, und ihre Flotte samt Helgoland in Verwahrung genommen. Es wird ihnen so gut sein... Sie werden uns noch dankbar sein, daß wir ihnen ihren Platz in der Welt anwiesen...“
„... ohne dies unchristliche Schwarz-weiß-rot auf allen Meeren!“ sagte empört ein alter Herr. Der Professor Higgins neben ihm rückte an seiner Brille.
„Sie meinen, es sei ein rauhes Werk, Mr. de Schjelting? Oh -- wahrlich nicht! Nichts wäre kurzsichtiger, als das Säbelrasseln der preußischen Militärkaste zu überschätzen. Der Deutsche selbst ist weich und sanft...“
„Ihr werdet ihn kennen lernen!“ sagte seine Frau wieder halblaut vor sich hin, und es war Schjelting neben ihr plötzlich unheimlich zu Mut. In diesen halblauten, eisern ruhigen Worten aus Frauenmund klang seinem Ohr Etwas nach wie der letzte, äußerste Widerhall jener furchtbaren millionenfachen Stimme jenseits der Nordsee, die hier Keiner vernommen.
„Der Deutsche liebt seine Ruhe, sein Bier, seine Musik. Wir werden sie ihm wiedergeben. Er wird gern Potsdam missen, wenn man ihm Bayreuth läßt. Wilhelmshaven für Weimar. Essen für Göttingen. Er wird, wie vor dem Fehler von 1870, glücklich bei den wahren Methoden seines Lebens sein, dem Ackerbau für das Volk, der Philosophie für die höheren Stände.“