Das deutsche Wunder: Roman

Part 26

Chapter 263,478 wordsPublic domain

„Und wie diese Frauen kreischen! Ich kann diese schrillen, heiseren Stimmen gar nicht mehr hören! Ob Eine von den Trinen sich jemals ordentlich kämmt und ihre schwarzen Haarwuscheln nicht so liederlich aufsteckt...“

„Aber Phila...“

„Liederlich sind sie... Betrügerisch ... niederträchtig... Es ist ein widerwärtiges Volk!“

„~Il Secolo!~“ Ein Zeitungsverkäufer stürmte vorbei. „Neue Niederlagen der Deutschen! Die Preise für Hundefleisch in Berlin schon unerschwinglich!... Die Russen rücken mit sicherem Schritt nach Berlin!“

„Ah -- der Ekel schüttelt Einen!“ sagte die kleine Frau. Sie war ganz bleich geworden.

„Dich auch?“

„Kennst Du das Märchen von Einem, der die Sprache der Vögel verstand? So ungefähr ging es die Zeit über jetzt mir! Fast alle Fremden sind doch weg! Ich sehe aus wie eine Italienerin, spreche es wie eine Toskanerin. Da glauben sie überall, ich gehörte zu ihnen, legen sich in meiner Gegenwart keinen Zwang auf ... ich höre Alles ... schaue in ihre Seelen ... wie in einen Abgrund von Gemeinheit...“

Sie gingen über den Mercanti-Platz. Viele Hunderte von dunklen Gestalten standen in der Nacht wie die Verschwörer beisammen. Ihr dumpfes Gemurmel glich dem Summen eines Bienenschwarms. Es war das alte italienische Bild. Aber Theophile Martius zog fröstelnd die Schultern hoch.

„Nur fort von hier! Nur nach Deutschland zurück! Wenn Du mir eine Liebe tun willst, reisen wir gleich! Wenigstens die paar Stunden bis Lugano! Daß wir nur aus Italien heraus sind!“

Als sie bald darauf reisefertig und auf den Omnibus wartend vor dem Eingang des Gasthofs standen, kam noch einmal, zum Abschied, die alte, deutsche Sehnsucht über sie. Da waren noch die silbergrauen Paläste, da hallte träumerisch der Glockenklang vom Campanile. Im Mondschein glitzerten fern die Wellen der Marina. Die Gondeln Venedigs, die Wolke des Vesuv, die Palmen und Veilchenhaine der Riviera -- Rom... Du ewiges Rom...

„~Il Corriere della Sera!~“ Die heisere Stimme durchschnitt wie mit einem rostigen Messer die Luft. „Neue deutsche Geldpreise für die Tötung belgischer Kinder unter drei Jahren! Die Bewohner der Erde zerfallen in Menschen und in Deutsche! Ein erhabener englischer Dichter sagt es!“

„~A l’eau les boches!~“ heulte es um die Ecke auf Französisch. Der Schutzmann in der Mitte der Straße hörte es und lachte.

Theophile Martius warf noch einen Blick umher.

„Leb wohl, Du entzaubertes Land!“ sagte sie. „Leb wohl für immer! Wir haben Dich verloren. Aber ich glaube, Du wirst auch selbst bald verloren sein!“

Dann wiederholte sie, langsam und deutlich:

„Ihr spielt ~palle o santi~! Aber Ihr werdet keines von Beiden gewinnen -- nicht die Heiligen und nicht die Kugeln -- nur Schimpf und Schande!“

„Warum so laut, Phila?“

„Der Ausländer soll es nur hören, der da den Kopf nach mir dreht... Der mit den großen, grauen Augen und dem unruhigen Gesicht, der da mit den beiden Italienern steht... Er kann Deutsch! Man merkt es ihm an!“

Innen, im Restaurant des vornehmen Mailänder Hotels, setzten sich inzwischen zwei der Herren an den gedeckten Tisch.

„Nochmals: Ihr sollt Euch rascher entscheiden! Warum warten? Ihr macht sie nur mißtrauisch...“

Der Deputierte di Barocelli wies, als er das hörte, heiter die Zähne über dem schwarzen Spitzbart und bewegte den Zeigefinger verneinend hin und her...

„Die ~Tedeschi~?... Niemals! Für sie ist Italien eine Theaterkulisse mit Hochzeitspärchen davor! Unser Lächeln ist das der Sphinx, Signore di Schjelting!“

„Aber man befestigt die Alpen!“ sagte Nicolai von Schjelting brüsker als es sonst seine Art war. „Im nächsten Frühjahr habt Ihr es schwerer!“

„Dafür zahlt man uns vielleicht auch mehr...“

Ein verständnisinniger Blick des Deputierten über die Oliven- und Sardinenschüsselchen. Schjelting fuhr sich mit der Hand über die Stirne. Er sah bleich aus. Er sagte verbindlich und konnte dabei doch kaum einen Anklang von Verachtung unterdrücken:

„Man zahlt schon jetzt! Ich habe Vollmacht aus Petrograd! Wieviel...?“

„~Zitto!~“ Der Onorevole legte ihm warnend die Hand auf den Arm, während sein Landsmann, der Herausgeber des „~Avvenire Italiano~“, herantrat. „Vorsicht! Unter vier Augen!... Corsi darf davon nichts hören!“

„Warum nicht?“

„Er ist längst von Barrère in Rom für die Politik der Westmächte gewonnen. Er arbeitet heimlich auf dem Balkan gegen Serben und Griechen! Schade um das Geld!... Nun, setze Dich, Agostino, mein Bruder! Was macht Donna Giacinta?“

Der Cavaliere dankte mit einer anmutigen Handbewegung. Ein Ordenskettchen schimmerte in seiner Frackklappe. Seine Lackschuhe glänzten ebenso wie seine spitzen Nägel. Ein geschmeidiges Lächeln übersonnte sein faltiges und hageres Gesicht.

„Wir sprachen von unseren Feinden!“ sagte Schjelting. „Ich komme von der russischen Front. Überall ist der Weltkrieg im Gang. Nur Ihr fehlt. Wie lange noch? Eine ‚Hülfe von Pisa‘ nutzt uns nichts!“

„Geduld, Signor -- Geduld!“

„Ich war jetzt in Lemberg beim Generalissimus! Ehrlich gestanden: Man hat Euch im Verdacht, daß Ihr es heimlich mit Euren Verbündeten haltet!“

Der Cavaliere legte mit einer Miene der gekränkten Unschuld seine lange, knochige Rechte auf die Herzgegend. Der Onorevole spreizte beide Hände in schmeichlerischer Abwehr.

„Beweist, daß es nicht der Fall ist!... Werft die Masken ab!“

Die Beiden lächelten einander, wie Geheimbündler, in die Augen und dann zu ihm. Sie erinnerten ihn plötzlich an die leblosen, weltmännischen Wachsköpfe in den Schaufenstern der Friseure. Er dachte sich ungeduldig: Was sphinxt Ihr Euch hier überall an, Jeder den Nächsten? Wozu jetzt noch diese ölige Glätte? Die Welt ward rauh. Braucht Taten. Ich will für Rußland nicht Aale kaufen, sondern Vipern! Laut sagte er:

„Diese kleine brünette deutsche Schönheit, die da vorhin in den Omnibus stieg...“

„Eine Deutsche und schön...“ Der Abgeordnete lächelte. Ein Lächeln vom Capitol herab. Ein Lächeln des Größenwahns. Dann fuhr er zusammen. So grimmig herrschte ihn plötzlich Schjelting an.

„Waren Sie je in Deutschland?“

Eine hoffnungslose Schulterbewegung als Antwort. Es hieß etwa: Frage mich doch lieber gleich, ob ich schon in Eurem Sibirien war! Ich, ein Sprosse latinischer Kultur im Schnee bei Bier und Sauerkraut in Bettlerhütten...

„... sonst würden Sie wissen, Signore, daß Gottes Wille selbst den Deutschen schöne Frauen gab ... groß ... blond und schlank ... wie die Königinnen...“

Eine Sekunde stieg Inge Tillesens Bild vor ihm auf. Er preßte unter dem Tisch die Faust wie in einem körperlichen Schmerz, einem Krampf von Wut und Grimm. Seine nervösen, länglichen Züge glätteten sich gleich wieder zu einer beinahe höhnischen und brutalen slawischen Gelassenheit. Er blies den Rauch der Papyros, die er zwischen den einzelnen Gängen des Diners rauchte, durch die geblähten Nasenflügel.

„Ich verstehe deutsch!“ sagte er. „Diese deutsche Dame vorhin, die ich nicht kenne, nannte Euch offen Verräter!“

Es machte gar keine Wirkung. Die Italiener lachten nur gutmütig. Er merkte: sie glaubten ihm kein Wort von der Geschichte. So wenig wie sie sich untereinander etwas glaubten. Ein tiefes, unbesiegbares Mißtrauen wohnte bei ihnen ganz hinten in jedem Blick, klang im Unterton jedes Wortes. Dann meinte der Onorevole di Barocelli, zärtlich in der Schüssel voll gebratener deutscher Singvögel auf Risotto wählend:

„Unser Gewissen ist so rein wie nach dem Stabstreich des Beichtvaters in St. Peter. Kann man dem Blinden die Madonna zeigen? Seit zwanzig Jahren bekämpfen wir Deutschland und Österreich bei jeder Gelegenheit. Wenn sie es nicht sehen wollen, so trifft sie allein die Schuld!“

Ein Kellner rief ihn an den Fernsprecher. Turin. In dringendster Angelegenheit. Kaum war er weg, so raunte der Cavaliere, an seinem Nachtigallenflügel nagend:

„Vorsicht!...“

„Wie denn?“

„Bieten Sie ihm nicht zu viel! Es ist umsonst! Er bezieht bereits dreitausend Lire monatlich vom englischen Botschafter in Rom. Er intriguiert in der Dardanellen-Frage gegen Rußland!“

„Danke.“

„Unterstützen Sie lieber unsere Gruppe. Ich werde Ihnen eine Liste meiner Freunde geben. Ich habe auch Verbindungen mit Bukarest! Nun... Paolo ... was war?“

„Ah -- es ist schamlos... Es geht eigentlich Dich an... Es heißt, die ‚~Stampa~‘ wolle eine Liste aller von der französischen Regierung unterstützten Zeitungen in Rom und Mailand veröffentlichen.“

„Aha... Giolitti ... warte nur...“

Draußen eine helle Knabenstimme:

„Der ‚~Avanti~‘! Verzeichnis aller bestochenen Deputierten!... Das Volk will den Frieden!“

„Es wird noch ein Handgemenge in der Kammer geben!“ sagte zornrot der Onorevole.

„Man wird sie hindern, zu erscheinen. Man wird die Straße organisieren. Tausende...“

„Aber jeder fünf Lire den Tag...“

„Wir brauchen Geld...“

„Geld, Signore di Schjelting... Ihr Zar ist ja so reich...“

„Und was tut Ihr für das Geld?“ Nicolai Schjelting war aufgestanden. Er verhandelte jetzt mit ihnen wie mit Neapolitaner Droschkenkutschern.

„Wir bereiten uns auf den großen Augenblick des Vaterlands vor!“

Das heißt: Ihr wollt bis auf weiteres von allen Seiten erpressen! dachte sich Schjelting und sagte:

„Das sind Phrasen!“

„Das ist heiliger Egoismus, Signore!“

„Jetzt solltet Ihr Farbe bekennen! Weshalb dies Versteckspiel bis zum Frühjahr?... Man wird aus Euch nicht klug...“

Ein pfiffiges, blitzschnelles Lächeln auf den Gesichtern drüben.

„Sie sind im Lande Macchiavells, Signore!... Wie... Sie wollen uns schon verlassen?...“

Nicolai von Schjelting gab dem Zeitungs-Politiker und dem Deputierten nachlässig die Hand.

„Eine Villa und einen Sack Lire kann ein Vater seinen Söhnen hinterlassen. Seine Klugheit nicht immer!“

„Was heißt das, Signore?“

„Das heißt: nichts schlimmer als ein +dummer+ Macchiavell!... Nun ... schlafen Sie wohl!“

Draußen war die laue Sommernacht noch voll von Menschen. Es war kein Murmeln der Menge mehr. Zornige Schreie, heiseres Stimmengewirr, Getümmel. Zwei nächtliche Demonstrationszüge waren aufeinander gestoßen. Der Führer des einen in phantastischem Garibaldi-Aufputz und der aus der Eisenbahnwerkstatt kommende Schlosser an der Spitze des anderen knufften und ohrfeigten sich. Um das rote Hemd und die blaue Bluse herum wogten geschwungene Stöcke, Realschüler schleuderten Steine gegen messerbewehrte junge Arbeiter, Frauen kreischten, eine Gruppe von Priestern stand mißbilligend und kopfschüttelnd als Friedensfreunde auf den roten Granit-Treppen des Domportals. Schjelting hielt es für besser, in sein Hotelzimmer zurückzukehren. Von da sah er durch das offene Fenster auf den wirren Kampf Aller gegen Alle. Aber er hörte nicht den wildzerrissenen Lärm da unten. In seinem Ohr klang wieder die eine ungeheure Stimme jenseits der Alpen, der Ruf des Riesen von Millionen Lippen, die eine Glut in vielen Millionen von Augen, diese furchtbare, selbstvergessene, erdentrückte Ähnlichkeit aller deutschen Menschen miteinander, diese Gleichheit in Allem, was sie dachten, wollten, sagten, taten. Und von ferne scholl es noch immer heiser: ~Aiuto!~... Zu Hilfe!... Gelle Schreie... Schrille Pfiffe...

Und wieder dachte sich Nicolai von Schjelting mit schwerem Herzen: Es fehlt Etwas!... Noch viel mehr als im heiligen Rußland. Wenn irgendwo, fehlt hier in diesem Land des heiligen Egoismus der heilige Geist...

Dann eine neue Hoffnung: Bald bin ich in Paris. Im Herzen Frankreichs. Dies Herz schlägt stark und kühn. An seinem Mut werden wir Alle uns beleben...

Im April war er zuletzt in Paris gewesen. Es war noch nicht ein halbes Jahr her und schien doch eine Ewigkeit. In weiter Ferne lag das Bild des Einzugs des Britenkönigs an der Seine und, im Sechsspänner hinter ihm, des eitel lächelnden Präsidenten der Republik. Ein Menschenalter war vergangen, seit damals die Frühlingssonne ihre goldenen Lichter durch das Grün der Elysäischen Felder auf jubelnde Menschenmassen geworfen. Nicolai von Schjelting hatte Zeit genug, daran zu denken. Die Züge in Frankreich fuhren noch langsam und unregelmäßig, mit langem Aufenthalt auf den Knotenpunkten, dann wieder, auf anderen Strecken, in wilder Hast, daß die Stationen wie Farbenflecken vorüberflogen, mit ihrem bunten soldatischen Gewimmel, den roßschweifbesetzten Stahlhelmen, den verschnürten schwarzen Attilas, den schiefen graublauen Tellermützen der Alpenjäger, dem schreienden Krepprot der Käppis und Hosen, ein Stück malerisches Theater für den, der draußen schon das eintönige feldgraue und feldbraune Gewimmel der deutschen und russischen Millionen gesehen.

Dann dämmerte es wieder. Die Lichter im Zug wurden gelöscht. „Warum?“ -- -- -- „~Ah -- le ‚Taube‘, monsieur!~“ Die kleine französische Offiziersfrau neben Nicolai Schjelting steckte seufzend den Liebes-Socken ein, an dem sie bisher, ohne aufzusehen, gestrickt, und saß stumm, die Hände im Schoß. Der dicke belgische Major gegenüber klappte sein „~Dressage de l’infanterie française~“ zu, in dem er bisher stirnerunzelnd gelesen, der junge südfranzösische Rekrut ihm gegenüber zündete sich, ohne sich viel um ihn zu kümmern, eine neue Zigarette an. Paris... Endlich Paris... Eine zögernde Einfahrt in tiefer Dunkelheit ... immer nur neben den Scheiben das rote Kreuz in weißem Feld. Der Verwundetenzug, der da auf den Schienen hielt, nahm kein Ende. Innen rührte sich nichts. Rote-Kreuz-Damen und ein Arzt schritten die Wagenreihe entlang. Ihre Tritte und Stimmen waren das Einzige, was in dem Todesschweigen unter der mächtig gähnenden, menschenleeren Riesenwölbung des Bahnhofs wiederhallte.

Paris... War das noch Paris -- diese Stadt ohne Licht, mit gelöschten Bogenlampen, schwachem Schimmer durch festverschlossene Läden, flüchtigen, zuckenden Mondscheinbahnen der zeppelinsuchenden Scheinwerfer am düsteren Herbsthimmel? Nicolai Schjelting fuhr sich mit der Hand über die Augen, während er durch die sonderbar fremdartigen Straßen zum Hotel am Vendômeplatz fuhr. Es war beinahe das einzige, das nach der Flucht der Regierung noch offen war. Ein Manager begrüßte den Stammgast. „~Ah, c’est triste, monsieur!~“ Das Wort klang überall. Es lag auf allen Lippen. Es raunte aus der Brettervernagelung der Juwelierläden in der Rue de la Paix. Es raschelte aus den Zeitungsblättern, die, statt der Menschenfluten, jetzt, um neun Uhr Abends, im Wind über den verödeten Boulevard des Italiens dahinflogen, es war, als murmelte selbst der kleine Korporal da oben auf seiner Säule ein: ‚~c’est triste!~‘

Eine Hoffnung nur... Der Manager plauderte sie aus und schwatzte... Jetzt waren ja nur wenig Gäste im Haus, Engländer im Dienst und in Geschäften, ein paar vorwitzige Amerikaner mit ihren Ladies, die ihren Generalkonsul so lange plagten, bis sie einen Passierschein für ihre Autos vor die Bannmeile hinaus bekamen, so weit, daß man den Kanonendonner vom Oisethal her hören konnte. Aber das waren ja nur die ersten Schwalben. Im Frühjahr, wenn die Deutschen endgiltig vertrieben waren, würde halb Amerika herüberkommen, um die Spuren der Barbaren und ihrer Schlachtfelder zu sehen. Oh -- die Saison 1915 -- die würde die glanzvollste seit lange werden. Die Welt ohne Boches! Ein Jubel auf der ganzen Erde!

„Also, Ihr werdet die Deutschen verjagen?“

„Wir halten hier aus, mein Herr, bis diese unwiderstehlichen russischen Millionen Berlin besetzt haben...“

Nicolai von Schjelting schloß nervös die Augen, erwiderte nichts und suchte sein Zimmer und die Ruhe. Aber am nächsten Morgen sagte ihm der greise General de Rigolet de Mezeyrac das Gleiche. Er stand mit ihm, nahe seiner Wohnung in einer der Querstraßen des Sterns, am Eingang des Bois de Boulogne. Wenn das noch das Boulogner Gehölz war -- diese Weidefläche für Tausende von Rindern und Hammeln da, wo sonst, auf der Fahrt zu den Rennen von Auteuil, der letzte Luxus der Erde seine höchsten Blüten getrieben. Gefällte Bäume vor den schimmernden Seeflächen, ein breiter Schützengraben quer über das aufgerissene Pflaster der Avenue du Bois de Boulogne, ihre Häuser zu beiden Seiten, so weit man sah, tot, mit geschlossenen Läden, auf der Promenade keine phantastischen Hüte und Trotteurkleider mehr, keine zweibeinigen Modejournale von Stutzern, keine Schoßhündchen, keine Halbwelt, keine Arche Noah von Fremden aller Völker ... nur ab und zu Frauen... Viele in Schwarz ... immer nur Frauen oder ganz alte Männer wie der General de Rigolet.

Der kleine dicke Achtzigjährige mit dem schneeweißen Knebelbart und den feurigen Augen trug wieder die französische Generalsuniform. Er hatte darauf bestanden, sich irgendwie im Kriegsministerium nützlich zu machen. Von seiner Tochter in Brüssel und von seiner Enkelin Ghislaine hatte er seit dem Kriegsausbruch nur Weniges und Unbestimmtes auf dem Umwege über England erfahren. Er wußte noch nichts von dem endgiltigen Bruch der Schjelting’schen Ehe.

„Hoho -- dieser Papa Lambert!“ sagte er kampflustig und voll Verachtung seines Schwiegersohns. „Er ist feige, nach Art der Krämer. Erst blieb er bei seinem Geldschrank in Brüssel, weil er nicht glaubte, daß die Preußen kämen. Dann, als sie da waren, floh er nur bis Antwerpen, um gleich mit den Engländern nach Brüssel zurückzukehren...“

„Nun gut...“

„Mein Freund! Antwerpen ist vorgestern gefallen. Die Öffentlichkeit darf es nicht wissen. Es ist streng verboten. Aber die Lage ist ernst... Sapristi...“

Nicolai von Schjelting biß sich finster auf die Lippen und schwieg.

„Zum Glück sind die Lamberts mit Ghislaine und Deinen Kindern schon in der Woche vorher über die Schelde hinüber nach Holland. Da sind sie nun in Sicherheit. Weiter hab’ ich nichts mehr von ihnen vernommen!“

Schjelting machte eine Handbewegung. Genug davon... Es handelte sich um die großen Dinge.

„Wie steht’s draußen?“

„Man kämpft!“

„Schwer?“

„Napoleon selber würde in Verwirrung geraten. Leipzig war dagegen eine kleine Affäre. Siebzig ein Aderlaß unter Freunden.“

„Aber es geht gut?...“

„Wie siebzig...,“ sagte der alte Kämpe des zweiten Kaiserreichs statt einer unmittelbaren Antwort. „Alles wiederholt sich. Sie sind wieder unversehens da! Sie stehen wieder nahe vor Paris. Wir laufen wieder gegen sie an, mit denselben roten Hosen, wie vor einem halben Jahrhundert. Ah -- dies Rot ist ein Verbrechen... Ich war draußen... Meilenweit, am Abend, diese Mohnfelder...“

„Trotzdem werdet Ihr siegen?“

Ein Achselzucken des alten Kommandeurs der Ehrenlegion.

„Sie haben nichts vergessen... Parbleu ... die drüben. Aber wir werden uns schon gegen Euch behaupten, meine Herren Pickelhauben...“

„Nicht mehr?“

„... bis der Einzug des Zaren in Berlin uns Luft macht! Ihr seid jetzt in Breslau -- nicht wahr?“

„Ja!“ sagte Nicolai Schjelting kurz.

„Bemüht Euch, daß Ihr von jetzt ab schneller vorwärts kommt. Habt Ihr schon Küstrin? Wir warten mit Ungeduld! Wir bluten! Ich habe seit dem Krimkrieg alle Feldzüge Europas mitgemacht. Aber es waren Spaziergänge gegen das da draußen...“

Sie drehten um und schritten zurück. Schjelting horchte.

„Kanonendonner!“ sagte er dumpf. Aber der Alte lachte. Der Pulvergeruch vor den Toren belebte ihn, trotz aller Sorgen.

„Die Untergrundbahn, mein Freund! Seit Jahrzehnten lebe ich hier und höre sie jetzt zum erstenmal. So totenstill ist Paris geworden!... Hoho ... halt da! Man passiert nicht an seinem alten General vorbei!“

Sie standen am Triumphbogen. Von Westen her jagte über die Avenue der Großen Armee ein offenes Auto heran. Es war über und über mit Kot bespritzt. Ebenso die französischen Offiziere in ihm. Ihre Käppis waren zerknittert, ihre Goldstickerei von Wind und Wetter gebleicht. Auf ihren hageren Gesichtern wohnte noch die Front: der allen Soldaten aller Heere eigentümliche Ausdruck des wochenlangen Schützengrabenkriegs -- die stete, forschende Spannung um die hart entschlossenen Lippen, die angestrengte Erwartung in dem starren, fast leidenden Blick. Herr de Rigolet begrüßte sie.

„Was Neues?“

„Man kämpft, mein General!“

„Dumenil ist gefallen. Ihr alter Freund Ayéma!...“

„Bernard.“

„Kergoleys zweiter Sohn. Armer Junge!“

Der alte General lüftete stumm sein Käppi. Aus dem Auto heraus sagte der Oberstleutnant Grégoire zu Schjelting:

„He ... wann seid Ihr endlich in Berlin, Ihr Russen?“

„Bald!...“

Es klang fast mechanisch.

„Schont Euch nicht ... hört Ihr! Frankreich streitet mit der letzten Energie der Nation. Ein Glück, daß Krakau sich Euch gestern ergeben hat...“

„Und wo kämpft dieser sympathische Leutnant Schouman?“ frug Schjelting, um abzulenken.

„Bei Mülhausen gefallen!“

„Und unser Freund, Major Michelin?“

„Er liegt bei Mörchingen begraben...“

Schjelting forschte nicht weiter. Der Oberstleutnant Grégoire beugte den gebräunten Kopf über den von Kugelspuren durchstanzten Blechrand des Wagens und sagte halblaut, damit es die Chauffeure vorne nicht hörten:

„Ihr habt es gut im Osten! Hinter Euch steht Euer allmächtiger Zar. Hinter diesen Deutschen ihr nationales Symbol, Wilhelm der Zweite im Lohengrin-Helm. Selbst die Belgier begrüßen ihren König im Schützengraben. Aber wir: Wo sind die hinter uns?... Wo sind sie -- diese Advokaten -- diese Minister -- diese Kammerschwätzer -- dieser vierkantige Lothringer selbst? Ausgekniffen nach Bordeaux...“

„Joffre befahl es!“

„Sehen wir zu: Er ist der Feldherr! Wir hier sind Frankreichs Arm. Aber hinter der Faust muß das Herz Frankreichs schlagen, so stark wie sie! Schauen Sie sich um: Ist dies noch Paris oder ist es Pompeji? Eine tote Stadt! Woher soll da uns die Wärme kommen? Vor zwei Stunden war ich noch im Feuer. Zu frösteln beginne ich erst hier!“

Der General de Rigolet de Mezeyrac blickte hinüber nach der fernen Kuppel des Invalidendoms.

„~Vive l’empereur!~“ sprach er. „Meinetwegen jetzt selbst: ~Vive le roi!~“

„Ein Banner, um das sich Frankreich sammelt ... seien es die Lilien oder die Bienen!“

„Nur nicht diese tauben Nüsse von Bordeaux!“

„Diese Geschäftsmänner!“ murmelte Einer der Generalstäbler, fiebernd in seinen Mantel gewickelt.

„Diese Hasenfüße...“

Und wieder ging es durch Nicolai von Schjeltings Kopf: Es fehlt Etwas... Es fehlt Etwas, auch hier ... trotz Mut und Zähigkeit... Etwas, was drüben, überm Rhein, mir jetzt noch wie ferner Donner nachhallt. Dort ist das Volk die Wetterwolke. Sein Heer der Blitz. Der Oberstleutnant Grégoire frug ihn:

„Kommen Sie mit? Wir fahren gleich wieder an die Front!“

Und seltsam: im selben Augenblick hatte Schjelting weniger eine Anwandlung von Kanonenfieber als einen Anhauch von Grauen ... von Entsetzen... Nur nicht wieder den Krieg sehen ... nicht wieder dies unvernünftige Gewirtschafte des tollgewordenen, trampelnden Riesen mit Menschen und Wäldern, Städten und Kirchen, dieser Brei von Eisenbahnen und Brücken, dies Versteckspiel in donnernder und grollender Leere, dies Geheul unsichtbarer Geister in der Luft, dieses Aufwirbeln knallender schwarzer Dreckfontänen in verräterisch friedlicher, niederträchtig im Sonnenschein lächelnder Sonntagvormittaglandschaft. Er sagte sich: Es ist doch +Dein+ Krieg! Wie hast Du ihn ersehnt. Dein Lebenlang an ihm gearbeitet. Nun ist er da. Über Erwarten erfüllt sich Dein Wunsch: Man schlägt sich am Ganges und am Sinai, in der Kalahariwüste und am chinesischen Strand, im indischen Ozean und im afrikanischen Urwald. Man schlägt sich in ganz Europa. Tausend Millionen Menschen sind miteinander im Krieg, mehr als die Hälfte dessen, was auf Erden atmet. Das Blut fließt in Meeren. Und das ist nur der Anfang...

Nicolai Schjelting schluckte unwillkürlich ein paarmal.

„Ich bin untröstlich...“

„Ah bah... Sie werden es nicht bereuen. Ich zeige Ihnen auch durch das Scheren-Fernrohr die Preußen!“

„Wie gerne folgte ich! Aber ich muß heute noch nach Bordeaux!“

„Das ist etwas Anderes! Viel Glück! Adieu!“