Das deutsche Wunder: Roman

Part 25

Chapter 253,575 wordsPublic domain

„Es wird Madame nichts nützen! Hein? Sie haben nie gedient? Sie sind vierzig Jahre alt. Ein großer, kräftiger Mann... Deutschland würde auch Ihnen die Muskete in die Hand drücken -- -- Jedem, um seinen unvermeidlichen Untergang um einige Tage zu verschieben! Wir stehen bereits am Rhein, mein Herr, unter dem Beifallsklatschen der gesitteten Welt. Diese tapferen Kosacken haben Breslau erstürmt -- Breslau, eine der glänzendsten Residenzen Ihres verbündeten Österreichs! -- -- Helgoland verneigte sich vor dem Donner der britischen Geschütze... Ihre Flotte ist da unten, bei den Fischen...“

„Es ist nicht wahr...“

„Hier die letzten französischen und englischen Zeitungen! Lesen Sie!“

„Ich danke!“

„Kurzum: Ihr Schicksal ist entschieden! Warum kamen Sie kurz vor Kriegsausbruch nach Frankreich? Niemand lud Sie ein!“

„Doch!... Jaurès selbst!“

„Monsieur Jaurès ist tot!“

„Ein Pro-Boche!“ sprach verächtlich der kleine, dicke, schwarzhaarige Hauptmann. Er hatte bisher als Beisitzer nur Zigaretten geraucht und teilnahmlos auf den Hafen hinausgeblickt.

Hugo Martius richtete seine stattliche, vollbärtige Erscheinung auf. Die französische Sprache gehorchte nicht so dem Wohllaut seiner Beredsamkeit, wie ihm sonst das Deutsch von den Lippen floß, aber es klang doch stark und überzeugend, als er sagte:

„Die Sache des Völkerfriedens führte mich mit Gleichgesinnten aller Nationen in Paris zusammen...“

„Deutschland und der Frieden...“

Der Schreiber lachte. Der Kommissar. Selbst der Hauptmann.

„Beinahe ein halbes Jahrhundert, meine Herren, hielt Deutschland den Frieden. Rußland bekriegte die Türkei und Japan. Italien bekriegte die Türkei und Abessinien. Die Balkanstaaten bekriegten die Türkei und einander selbst. Amerika bekriegte Spanien. England bekriegte die Buren, nahm Ägypten und den Sudan. Frankreich ging nach Tonking und Tunis, nach Madagaskar und Marokko. Deutschland allein zog in zwei Menschenaltern nicht das Schwert gegen seine Nachbarn!“

„Deutschland und der Friede! Ich beglückwünsche Sie, mein Herr Deputierter, daß Ihnen der Humor noch nicht ausging!“

„Es hätte das Schwert oft genug furchtbar ziehen können. Es konnte sich am Tage von Faschoda im Bund mit England vernichtend auf Frankreich stürzen. Es tat es nicht. Es konnte sich vor zehn Jahren auf das durch Niederlagen und Aufruhr wehrlose Rußland werfen. Es tat es nicht. Es konnte im Burenkrieg Englands Macht für immer brechen. Es tat es nicht!“

„Genug, mein Herr!“ Der Kommissar gähnte und stand auf. „Man wird die Erde jetzt für immer von der Kampflust der Pickelhaube befreien! Ihr Fall ist erledigt. Sie schließen sich morgen mit den drei Anderen, zur Nachprüfung Zurückgehaltenen, dem Transport nach Korsika an...“

„Nun gut!“ sagte Hugo Martius. „Ich bitte nicht für mich! Aber Sie haben unter den Zivilgefangenen, die Sie dorthin senden wollen, Männer von sechzig Jahren...“

„Oh, noch ältere, mein Herr!“

„Das Fieberklima dieser Insel wird sie hinraffen!“

„Es ist nicht so ungesund wie das der Sümpfe von Dahomey!“ sagte der Kommissar lächelnd. „Und auch dort sitzen schon Ihre Landsleute!“

„Und das können Sie verantworten?“

„Ah ... wenn der Zar Euch zu Zehntausenden nach Sibirien schickt!... Bei uns herrschen nicht Seuchen und Hungersnot in den Konzentrationslagern wie in England ... man erschlägt Euch nicht wie in diesem heldenmütigen Belgien...“

„Nun gut ... die Männer!... Aber ich sah unterwegs die Gefangenenlager mit Tausenden von deutschen Frauen und kranken Kindern!... Was haben sie verbrochen? Seit der Steinzeit steht die Frau außerhalb des Krieges...“

„... weil man Euch ausrotten wird...,“ sagte der Hauptmann plötzlich leise und ruhig. Nur in seinen pechschwarzen Augen funkelte die kalte Wut. „Ich bin ein Corse. Ein Landsmann Bonapartes. Jetzt ist die Zeit, sich seiner zu erinnern. Jahrzehntelang haben wir Euch ertragen. Eure Liebenswürdigkeiten waren uns noch verhaßter als Eure Drohungen. Nun jauchzen wir, indem wir Euch den Todesstoß versetzen. Panard, man führe diesen Herrn ab! Zu den drei Anderen, die morgen nachträglich auf das Schiff gebracht werden!“

Die Fenster einer kahlen Zelle im Fort St. Nicolas am Eingang des Hafens von Marseille gingen auf das Meer hinaus. Durch die Eisengitter sah man fernhin seinen strahlend blauen Glanz, mehr nach rechts das Mastengewirr und Schlotqualmen der Häfen, und weiter über Hügel und Täler die Dächermassen der großen Mittelmeerstadt. An den Luken lehnten drei deutsche Zivilgefangene. Sie hörten in dem Lärm von draußen den Eintritt des neuen Ankömmlings nicht und drehten ihm den Rücken zu. Der Eine, ein älterer Mann, sagte müde im österreichischen Tonfall:

„Aber ich bitte: Nehmen diese Wilden denn kein Ende?“

Und der neben ihm, der den Arm in der Schlinge trug und sich auf einen Stock stützte, mit Zwicker und Studentenschmissen auf seinem Gesicht:

„Das ist seit heute früh der vierte Dampfer allein mit dem roten Kroppzeug!“

Das Deck des schmalen, langen, von Algier kommenden Passagierdampfers „General Chanzy“ schien auf den ersten Blick vollbesetzt mit vielen Hunderten von mittelalterlichen Henkern. So unheimlich wirkten die Gestalten der Wüsten-Spahis in ihren bis zu den Füßen reichenden blutroten Mänteln. Erst in der Nähe unterschied man die wilden, kaffeebraunen Gesichter im Schatten der Scharlach-Turbane. Der Dritte der Deutschen, ein verwegener junger Geselle, bartlos und sonnverbrannt, in verschossenem Matrosenwams, lachte:

„Jongs, Jongs -- wenn Ihr wüßtet, wat die Klock’ geslagen hat!“

„Und da dieselbe Couleur in Blau!“ sagte neben ihm der Arzt mit dem Zwicker und wies auf die im Kielwasser des „General Chanzy“ steuernde „Ville d’Oran“. Bei diesem Dampfer schien es, als hätte er aus dem Azurblau des Mittelmeers einen Haufen auf Deck geschöpft. So dicht war das Gewimmel der langen blauen Mäntel der Oasen-Spahis, die mit ihren Tausenden von Schimmeln auf der Überfahrt nach Europa waren. Das Schiff glitt langsam dahin. Dicht vor ihm lag, gegenüber dem Joliette-Leuchtturm stoppend, schon von dem geschäftigen Gewimmel der kleinen Schlepper umgeben, ein mächtiger Ostindienfahrer. Hunderte von roten Kopftüchern, weißen Hemden, farbigen Flecken leuchteten auf. Zimmtbraune Männer mit seidenschwarzen Vollbärten kletterten wie die Katzen auf und nieder oder schauten gleichgiltig hinüber auf die Schiffsbecken von Marseille. Das war eine Hafenstadt der Engländer mehr, so gut wie Bombay oder Calcutta, von wo sie kamen. Den Engländern gehörte See und Welt.

Der Dampfer zog weiter. Seitwärts, gegen die Medizinschule hin, lag ein anderer verankert. Es sah aus, als hätte man seine Bordwand mit den schwarzlackierten, holzgeschnitzten Mohrenköpfen aus dem Aushang von Hunderten von Tabackläden und Gewürzkrämereien besteckt, so fletschten sie reihenweise die weißen Gebisse in pechschwarzen Zügen.

„Turkos!“

„Ich glaube eher Senegal-Neger! Ich habe mich als Arzt da draußen ein wenig mit Völkerkunde beschäftigt...“

„Ich bitte: Weshalb lassen sie denn die nicht an Land...?“

„Wahrscheinlich fürchten sie sich selber vor den swarten Düwels...“

Es war schon gegen Sonnenuntergang. Die Abendblätter waren erschienen. Die Stimmen der kleinen Zeitungsverkäufer gellten durch den Hafen- und Straßenlärm: „~Le petit Marseillais!... Le sémaphore...~“

„~Le soleil du midi!~... Sir Grey im Unterhaus: die Basutos bitten, Steine auf die Deutschen werfen zu dürfen!“

„~Le petit Provençal~... Die Maoris auf Neuseeland schiffen sich ein. Der König von Nepal bewilligt dreißigtausend Gurkhas mehr!“

„~Le Radical!~ -- Clemenceau gegen die deutsche Barbarei!“

„~Le Niçois~... Die Deutschen fliehen, wo sie den Feind sehen! Die Generale Wilhelms stürzen sich weinend in die Maas. Ihre Frauen plündern die belgischen Schlösser!“

„So geht das von Tokio bis hierher!“ sagte der junge Arzt zu Hugo Martius, mit dem er sich bekannt gemacht hatte. „In jedem Hafen, den wir anliefen, derselbe irrsinnige Dreck von Druckerschwärze!“

„Aber man glaubt es doch nicht?“

„... wenn die Engländer Etwas kabeln? Ganz Asien schwört darauf, vom Mikado bis zum Kuli!“

„Der Mikado? Die Japaner sind doch unsere Freunde!“

„So? Na -- ich kam gerade noch weg, ehe sie uns den Krieg erklärten!“

Hugo Martius schwieg.

„Und kurz vor dem Hafen hier haben mich dann die Mynheers auf dem Maatschappij-Schiff an die Engländer ausgeliefert.“

„Ja warum denn?“

„... weil die sie sonst nicht an Gibraltar vorbeigelassen hätten.“

„Da sollten Sie ’mal erst Südafrika sehen!“ versetzte der österreichische Diamantenhändler. „Kein Haus in Johannisburg mehr ganz, wo ein Deutscher wohnt!“

„Ja -- was sagen denn unsere Freunde, die Buren, dazu?“

„Die ziehen ja schon zu vielen Tausenden unter Botha gegen uns zu Feld.“

„Gegen uns?“

„Na ja... -- die hassen uns doch!“

Hugo Martius verstummte wieder.

„Ich hab’ gemacht, daß ich wegkam. Aber bei Cap Spartel kriegte ein französischer Kreuzer unseren Norwegischen Dampfer zu fassen!“

„Und die Norweger lieferten Sie aus?“

„Ja -- was sollen die wohl gegen die Engländer machen!“

Hugo Martius schüttelte den Kopf.

„Ich war die ganze Zeit in Einzelhaft!“ sagte er. „Ich erfuhr von nichts. Ich kann es kaum glauben!“

„Na -- dann belernen Sie sich ’mal da -- nich?“ Der junge Seemann gab ihm ein paar illustrierte Zeitungen. „Die hab’ ich noch von Buenos Aires her bei mir. -- So sieht es in ganz Südamerika aus!“

Hugo Martius sah die Bilder: die deutschen Fürsten, einander aus Totenschädeln Blut zutrinkend, Reihen gespießter belgischer Kinder auf Ulanenlanzen, preußische Generale in Photographenpose auf Leichenhaufen von Frauen, nackte Wilde mit Pfeil und Bogen und der portugiesischen Unterschrift: Verhungernde Bayern auf der Eidechsenjagd!

„Auf der ganzen Erde holen sie die Deutschen von den Schiffen herunter und lassen dafür solche Ansichtspostkarten da!“ sagte der von der Wasserkante, während er sich fortwährend dabei an dem einen Zellengitter zu schaffen machte. „Wie? Ob man das glaubt?... Na -- wenn es die Engländer sagen!... Und so, wie man uns in ganz Süd-Amerika haßt...“

„Ja, ist denn die ganze Erde wahnsinnig geworden?“

„Aber nich zu knapp! Bis New-York hinauf, da kam ich ja nun noch als Mexikaner durch...“ Er sah, mit seinem braungebrannten, verwegenen Gesicht in der Tat einem Gaucho ähnlich. „Aber nu? Jeden Tag marschierten die französischen Reservisten hinunter auf ihre Schiffe und sangen die Marseillaise?... Und die Engländer zogen Arm in Arm an und gröhlten den Tipperary. Aber, wenn die Deutschen kamen, da hieß es: Zurück! Erst versucht’ ich es bei einer dänischen Linie. Ja woll! German? Back!... nich?“

„Warum denn?“

„Die Dänen dürfen doch nicht anders -- nich? Da schmuggelte ich mich als Trimmer bei ’nem Griechen ein. Aber da haben sie mich an der Tätowierung auf dem Arm erkannt und gesagt: ‚Anker und Schlüssel -- das ist doch der Bremer Lloyd‘... nich?... und mich den Engländern ausgeliefert!“

„Die Griechen auch...?“

„Na -- die Engländer wollen es doch so -- nich?...“

„Aber die Amerikaner sind doch deutschfreundlich... Konnten die Ihnen nicht helfen?“

„Die Deutsch-Amerikaner beim besten Willen nicht. Und die richtigen Yankees -- na, die hassen uns doch -- nich?“

„Auch die...?“

„Jetzt ändern sie ja wohl nun erst ihre Fabriken um. Aber von Weihnachten ab, da schicken sie den Engländern die Granaten in Schiffsladungen hinüber. Wo hat man Sie denn eigentlich abgeklappt?“

„Ich war auf einem internationalen Friedenskongreß in Paris!“

Die drei Anderen lachten. Sie glaubten, er hätte einen Witz gemacht, und Hugo Martius lachte selber mit. Der junge Bremer Seemann bastelte wieder an dem einen eisernen Fensterkreuz. Es drehte sich sonderbar leicht in seiner Hand.

„Nun wart’ ich nur noch auf die Gorillas!“ sagte er.

Ein Transportdampfer hatte nahebei auf dem Exerzierplatz hinter dem Pasteur-Institut seine Ladung von marokkanischen Hilfsvölkern an Land gesetzt. Sechs Fuß lange, blauschwarze Menschenaffen kauerten nackt am Strand. Wildblickende, nußbraune Scheichs und Scherifs in breitkrämpigen Sonnenhüten und grünbesetzten, weißen Mänteln standen dazwischen. Von einem vorbeifahrenden Dampfer winkten Hunderte von roten Käppis, blinkten krepprote Hosen unter den blauen Tuniken. Er brachte die Eiterbeule der Erde, den Abschaum der Menschheit in Soldatengestalt, das erste Regiment der Fremdenlegion aus Sidi-bel-Abbés zum Kampf gegen Deutschland.

„‚~Le soleil!~‘ Glückwünsche des Zaren an Monsieur Poincaré zur Verteidigung der Zivilisation gegen den Teutonismus!“

Und eine zweite schrille Jungenstimme von der Gasse: „‚~Le petit Marseillais~‘.. Aufruf des Poeten Kipling! Deutschland der tolle Hund Europas! Ehrenpflicht, ihn zu erschlagen!“

„Mr. Roosevelt gegen die Wilden in der Pickelhaube...“

„Alt werd’ ich hier nich!“ sagte der Seemann. „Wenn man das Kroppzeug sieht, das sie gegen Deutschland loslassen, da muß man sich in die Hände spucken, um noch zurechtzukommen!“

Er schraubte plötzlich mit einem Griff die von ihm längst durchfeilten Eisenstangen aus ihrer Höhlung und steckte sie lose wieder hinein. Hugo Martius faßte ihn hart am Arm.

„Nehmen Sie mich mit!“

„Na -- Sie mit Ihrem Frieden...“

„Nur handeln ... nur dreinschlagen ... sich von diesem erstickenden Ekel vor der Menschheit befreien...“

„Ja ... zu Zweit wär’s schon besser -- nich?... Der Doktor hat ’nen kaputten Arm. Den haben sie auf dem Bahnhof hier lynchen wollen, weil er verwundeten deutschen Gefangenen half. Mit Mühe haben ihn die französischen Offiziere gerettet. Und der Andere ist alt und krank. Die schlafen auch schon Beide auf ihren Strohsäcken. Aber Sie... Können Sie denn zur Not ’nen Menschen umbringen?“

„Ja. Ja. Ja.“

„... auf die Gefahr hin, daß die uns so an die Wand stellen -- nich?“

„Ja. Ja. Ja.“

„Die Wache muß ja wohl eins von hinten auf den Kopf kriegen! Dann gehen wir ruhig ins Freie. Wir sind nicht im Fort selbst, sondern in einem Verwaltungsgebäude daneben für die eine Nacht eingelocht.“

„Und dann?“

„Dann weiß ich schon Bescheid. Dunkel genug ist es auch. Wir müssen nur warten, bis der Posten abgelöst wird. Dann kommt die Schlafmütze von vor vier Stunden. Den kenn’ ich schon. Da ... nehmen Sie ’mal die Friedensflöte!“

Er drückte Hugo Martius den einen Eisenstab in die Hand und frug etwas besorgt:

„Na -- wie fühlen Sie sich denn mit dem Ding in der Faust?“

„Ich fühl’ nichts ... ich denk’ nichts ... mag meine Frau zur Witwe werden und meine Kinder zu Waisen... Es ist mir Alles gleich! Ich will nur zuschlagen... Der Grimm erstickt mich...“

„Dann ist’s gut ... pst ... da draußen sind sie... Sie wechseln den Posten...“

„~Rangez-vous!~“

„~En avant...~“

Die Schritte der Ablösung verhallten.

„Nu durchs Fenster. Herz in die Hand! Um die Ecke!.. Die Stangen hoch ... so ... man fixing damit an die Mauer! Igitt ... igitt!... Der Hof ist ja leer...“

„Wo ist er denn?“

„Drin im Pförtnerhäuschen, bei so’ner lütten Deern!... Lacht nur, Kinnings... Immer ruhig daran vorbei. Sprechen Sie ’mal recht laut Französisch -- -- nich?... So -- das machen Sie ja wunderschön... Sie hätten Volksredner werden sollen... Uff...“

Sie waren im Freien. Es schien Hugo Martius wie ein Traum, daß sie durch das schwüle Abendgrauen der Gassen hingingen, auf einmal auf einer Schwebebrücke hoch durch die Luft über dem Eingang zum alten Hafen hinschwammen, sich drüben im Ameisengewimmel und Mastengewirr der Joliette verloren.

„Ich kenn’ mich doch in so ’nem Hafen aus!“ sagte der Seemann. „Sie haben Geld bei sich? Geben Sie mir ’mal!“

Er handelte in einem abenteuerlichen Spanisch Wurst, Brot und ein paar Flaschen Wein ein und steckte sie sich in die Taschen. Hier fiel keine Sprache außer der deutschen auf. Der Turmbau von Babel wogte durcheinander. Die indischen Söldner Asiens schritten hochmütig an den bewaffneten Negern Afrikas vorüber. Kanadische Offiziere Amerikas erwiderten kaum den lallenden Gruß betrunkener Quartiermacher der australischen Miliz. Die Mittelmeermenschen Europas schrieen dazwischen, und hoch oben von ihrem Hügel schaute als riesenhafter goldener Schatten die Heilige Jungfrau, Notre Dame de la Garde, auf diese Anglikaner und Buddhisten, diese Moslim und Hindus und Fetischdiener, diese weißen, gelben, braunen und schwarzen Menschen in Tropenhelm und Turban, in Käppi und Panama, die einander nie gesehen hatten, nicht kannten, nicht ansprechen konnten, einander haßten und fürchteten, sich vor einander ekelten und nur in dem Einen einig waren, Deutschland aus der Reihe der Christenheit auszurotten.

„Hier muß es doch irgendwo sein!“ sagte der von der Wasserkante. „Ich hab’ doch gute Augen. Ich hab’ es bei Tag deutlich von drüben gesehen... Aha ... da!“

Im bläulichen elektrischen Licht der Bogenlampen, dem Pfeifen der Hafenbahn, dem Rasseln der Kranenketten lag am Lazaret-Kai ein großes Handelsfahrzeug schon unter Dampfgekräusel aus den gelben Schloten. Der lange blaue Heimatwimpel spielte in der lauen Nacht. Die grün-weiß-roten Querstreifen der italienischen Handelsflagge, die tagsüber daneben geweht, waren eingezogen. Aber der Name des Dampfers an der Bordwand: „Città di Ravenna“ zeigte den neutralen Boden dieser Schiffsplanken, die der Bremer Seemann über eine Laufbrücke bestieg, als ob sich das von selbst verstünde.

„Nehmen Sie einige Papiere in die Hand... So!“ Und er begann plötzlich sprudelnd, mit den Handbewegungen des Südländers, spanisch zu reden: „~Le dije que se fuera sennor! Yo qensaba: Cuanto màs se da, màs piden! No puede ser... Eso no va asi corne tú piensas!~“...

Die herumhantierenden Schiffsleute schauten kaum auf. Der Dampfer war voll von Maklern mit ihren Konnossementen. Daß Jemand auf kastilianisch die Mehrforderungen irgend eines Kommissionärs ablehnte, geschah alle Tage.

„Hier herunter ... schnell!“

Sie waren schon im Schiffsraum. Noch standen die Deck-Luken offen. Ein Frachtstück nach dem anderen sank klirrend am Hebelarm in den eisernen Bauch. Dessen vorderer Teil schien schon ganz gefüllt.

„Noch ein Stockwerk tiefer! Fix, eh’ man uns sieht... So... In die Ecke kommt nichts mehr hin... Das ist ein ganz hübsches Plätzchen -- nich?“

Der Hanseate knipste vorsichtig in der hohlen Hand eine elektrische Taschenlaterne auf und las die Aufschriften auf den Kistenstapeln umher: Fratelli Ghirardini, Genova... Wieder die Fratelli ... nagelneues, würzig duftendes Holz... Überall auf französisch und italienisch darauf die Theerpinselzüge. ‚Vorsicht!... Leicht entzündlich! Nicht werfen!‘

„Das wird Alles in Genua ausgeladen -- nich? Wir mit! Lütte Küstenfahrt! Nur schade, daß man nich ein bischen smoken kann. Aber dann fliegen wir mit in die Luft...“

„Was ist denn in den Kisten?“

Ein Blitz der Taschenlaterne: „~Poudre. Polvere. Attenzione!~“

„Wie denn? Die Italiener holen sich da aus Frankreich Munition?“

„Aber nich zu knapp! Der ganze Steamer ist voll!“

„Aber gegen wen denn?“

„Ich werd ’nen Priem kauen -- das geht!... Na ... gegen uns und die Österreicher!“

„Ihre Verbündeten!“

„Na -- die Italiener hassen uns doch -- nich?“

Das Wort, das immer wiederkam, wie draußen, als der Dampfer längst die hohe See gewonnen hatte, der Wellenschlag an die Schiffswand. Das schwache, eintönige Gefühl des Hin- und Herschwankens im tiefen Dunkel. Haß. Haß. Haß. Haß überall. Haß der Menschen aller Farben und Erdteile, jedes Glaubens und jeder Sprache. Haß, bisher huschend im Dunkeln wie die leise pfeifenden Ratten zu Füßen. Haß, sorgfältig vorbereitet und zur Entscheidung aufbewahrt wie die stummen, todbringenden Kistengebirge um Einen. Giftiger, verpestender, brütender Haß, wie der ekle Gestank des faulenden Grundwassers im Schiffsbauch.

Und in dieser achtundvierzigstündigen Nacht, bis zum ersten Schimmer des Tageslichts von Genua durch die wieder geöffneten Luken, dachte sich Hugo Martius immer wieder und grub es in seine Seele und in seinen Willen ein: Nie ward Menschen ihre Liebe zur Menschheit so gedankt wie uns Deutschen. Nie empfing ein Volk eine so furchtbare Lehre. Ist +das+ wirklich die Menschheit und ihr Sinn, die mit Senegalnegern das Land Luthers und Goethes überfällt, nun, dann sind wir Deutsche zu gut für diese Erde. Dann wollen wir auf ihr nicht weiterleben, aus Ekel an ihr. Aber die Menschheit ist nur krank durch unsere Güte und Schwäche. Die Menschheit muß durch Blut und Feuer an Deutschland genesen. An uns und unserer Faust.

Er dachte es, und sein Herz wurde heiß von heiligem Zorn, und draußen sangen es die wandernden Wellen: ‚Wir haben lang genug geliebt -- wir wollen endlich hassen!‘ Und Hugo Martius sah in der Finsternis einen der ehrwürdigen deutschen Dome vor sich, aus deren Giebeln von allen Seiten der böse Feind, in Affen- und Bocksgestalt, als Basilisk und Fledermaus hinausschießt, und sagte sich: So verjagen wir jetzt die unsauberen Geister der Fremde aus unseren Herzen und Häusern, wie einen Spuk dieser Nacht um mich: Deutschland, Deutschland -- werde hart!

Der Seemann neben ihm pfiff sich ganz leise eins.

„Ich bin erst wieder froh, wenn ich in der Nordsee bin,“ sagte er, „und wir den lieben Kusängs auf den Kopf s--pucken! Aber nu still! Wir müssen noch warten. Das passiert den Maccaronis auch nich so bald wieder, daß sie Jemanden um Gottes Lohn s--pazieren fahren!“

Es war im Hafen von Genua ein noch wilderes Geschrei und Durcheinander wie in dem von Marseille. Mit dem Löschen der Ladung schien man, unberufener Augen wegen, erst in der Nacht beginnen zu wollen. So war es ein Leichtes, in der Dämmerung das fast menschenleer daliegende Schiff zu verlassen. Tiefaufatmend standen die Beiden auf der Ponte Adolfo Parrodi. Gingen hinüber nach dem Bahnhof. Der Seemann setzte sich unter die Palmen des Columbus-Denkmals.

„Ich warte bei dem ollen Vadding hier, bis Sie vom deutschen Konsulat zurückkommen!“ sagte er und dann, nach kaum einer halben Stunde: „Nun? Sie strahlen ja!“

„Ich habe die Adresse meiner Frau! Sie ist in Mailand. Wir erreichen noch den Zug! Und mit Deutschland steht es gut!“

Während sie durch den Apennin dahinfuhren, erzählte er das Nähere dem Seemann. Der wunderte sich nicht. In ihm war die Überzeugung von Deutschlands Sieg so klar, wie sich das Meer in seinen blauen Augen spiegelte.

„Die englischen Geschichten -- die sind immer lügenhaft zu vertellen...!“ sagte er gelassen. „Jongs -- warum schreit Ihr denn so?“

„Das ist schon Mailand!“

„Da ist eine Dame und winkt Ihnen!“

„Ja. Ich hab’ meiner Frau vom Konsulat telefonieren lassen!“

„Oh -- da will ich nich weiter stören -- nich?“ Der Matrose und der Millionär drückten sich fest die Hand, und Hugo Martius drängte sich durch das Gebrüll der Facchini auf die kleine, zierliche Gestalt mit dem schwarzen Gemmenköpfchen zu, die die Arme ausstreckte und ihm entgegenstürzte.

Als sie sich nach einer Viertelstunde das Nötigste gesagt hatten und den Bahnhof verließen, fuhren ihnen die Droschken quer über den Weg.

„~Signore!... Signorina!~“

Aber Phila Martius hatte nicht wie sonst das nachsichtige südländische Lächeln auf dem zarten, klassisch geschnittenen Gesicht. Sie sagte so scharf und ungeduldig wie nur irgend sonst eine Norddeutsche:

„Belästigen Sie Einen doch nicht ewig! Das ist ja gräßlich!...“

Das alte Geschöpf auf dem Bock begriff, daß das Deutsch war.

„~Abbasso la Germania!~“ brüllte es hinter ihnen her. Und noch aus der Ferne: „~Evviva la Francia! Evviva l’Inghilterra!~“

Zu Martius’ Erstaunen machte das ‚Nieder mit Deutschland!‘ auf seine Frau gar keinen Eindruck.

„Wenn ich mich darüber noch ärgern wollte!“ sagte sie. „Das ist das tägliche Brot in den sechs Wochen, daß ich hier und in der Westschweiz an der Grenze nach Dir bangte!“ Sie gab einem Bettelbuben einen Stoß: „Willst Du mich gleich loslassen, infamer Bengel?“

„Aber das sind ja Deine geliebten ~Ragazzi~!“

„Dreckspatzen sind’s!... Nein -- lieber nicht durch die enge Gasse!... Der Gestank ist ja ekelhaft! Alles voll Orangenschalen und Schmutz...“

„Nun ja: die Unschuld des Südens...“