Das deutsche Wunder: Roman

Part 24

Chapter 243,473 wordsPublic domain

Naive Genugtuung lag in seinen Worten. Da waren tausend Dinge. Die hatte man bisher nicht. Nun durfte man sie nehmen. Sie gehörten ja den Deutschen. Endlich erlaubte es der Zar. Schjelting dachte sich: Für Euch da ist das Alles nur ein Europäischer Pogrom. Mehr begreift Ihr nicht. Jeder sackt ein, was ihm Gott beschert! Und der Offizier auf dem Bahnsteig bestätigte das auch, nicht ohne Neid, indem er sich zu dem Hauptmann wandte.

„Prjanikoff... Du weißt: Der Lange ... der mit dem Ziegenbart ... der kann lachen! Er kommt in ein verlassenes Adelshaus... Man zündet es an... Was findet er, schon im Weggehen?... Ein ganzes silbernes Tafelgeschirr, der Glückspilz...“

„...Und das Alles stopft Ihr in die Wagen mit dem roten Kreuz?“ forschte Schjelting finster.

„... auf sie allein schießen die Deutschen nicht. Sie sind ja so dumm!... Bald fahren wir ab!...“

„Warum denn? Kommt denn der Feind...?“

„Man weiß es nicht...“

Sie sausten weiter. Umgestürzte Flüchtlingswagen lagen am Weg. Zerwühlter, ärmlicher Hausrat. Große Blutlachen. Schjelting dachte sich: Kaum eine Stunde Fahrt liegt zwischen Insterburg und Asien -- da, wo Ihr nicht seid, Nicolai und Rennenkampf ... liegt zwischen Euren Garden und der breiten russischen Seele hier. Von ihr und ihrer Art des Kampfs seht Ihr nur, was Ihr wollt...

Immer wieder rauchende Scheunen, die Brandmauern von Domänen, eine in die Luft gesprengte Kirche... Ein betäubender Gestank von faulenden Karpfenmassen im Schlamm des nutzlos abgelassenen Teichs. In einem leergeplünderten Entenweiher schwimmend ein halbaufgelöstes Ding wie eine Mumie, das die Kosacken aus der Ahnengruft gerissen und hineingeworfen hatten. Schjelting schlug sich zornig auf das Knie:

„Was soll das Alles?“

Der Hauptmann lächelte ein Lächeln, nun schon mehr vom Amur als von der Wolga.

„Krieg heißt nicht, daß wir uns wie die Schweine benehmen!“... sagte Nicolai von Schjelting. Der Andere warf ihm einen tückischen Blick zu. Darin hob sich Etwas empor, von Asien, aus Tatarensteppen -- gegen diese feinen Petrograder Herrchen -- -- gegen diese Westlichen ... oh -- wartet nur! Auch Eure Zeit wird kommen! Auch Euch wird man verjagen ... später... Alles, was nicht Rothemd und Bastschuhe trägt...

Die Straße entlang galoppierten Dragoner, krumm wie die Fiedelbogen, mit hohen Knieen, die struppigen Klepper ihre Sternguckerköpfe steil in der Luft. Die Kerle sahen aufgeregt und unruhig aus. Man konnte nichts Rechtes von ihnen erfahren. Auf der Bahn da vorne, die von Gerdauen gegen Allenstein hinführte, rollte langsam, dichthintereinander, Zug auf Zug, gegen Norden, rückwärts. Es lag Etwas in der Luft, eine Unbestimmtheit ... eine Ungewißheit ... ferner Donner durch die Schwüle... Schjelting sagte sich wieder: Kaum eine Stunde zwischen Insterburg und hier... Wißt Ihr denn wirklich, Ihr dort hinten, Nicolai und Rennenkampf, was hier vorne vorgeht...? Und nicht nur in der russischen Seele?

Seltsam, daß die Tauben sich nicht von ihren Schlägen in den brennenden Giebeln trennen konnten. Da kreiste wieder eine über dem flackernden Gelb und Purpur, stürzte flügellahm hinein. Das rief eine Gedankenverbindung in Schjelting wach.

„Ja -- wo ist der Heilige Geist?“

„An der Front!“ sagte der Staatsrat mit seiner starken, russischen Stimme. „Bald sind wir dort!“

Der General Schiraj lag noch vorwärts von Barten in einem Gutshof im Quartier. Er war nicht da. Er war mit seinem ganzen Stab nach vorn gefahren. Ostrussische Infanterie und Kosacken, die nicht zu seinen Truppen gehörten, waren nachgerückt und richteten sich eben ein. Ein riesengroßer, weißblonder Major stand mit offener Hemdbrust auf der Schwelle. Sein Gesicht war fröhlich und gerötet. Er war stark angetrunken. Er streckte stürmisch den beiden Ankömmlingen, obwohl er sie gar nicht kannte, die Arme entgegen.

„Gott brachte Euch, Brüderchen! Beliebt einzutreten!... Was ist das für ein Land! Warum nehmen wir es erst jetzt?... Alles in Fülle! Was das Herz begehrt... Traubenwein!... Man trinkt Sekt, Bordeaux, Kognak... Unten ist der ganze Keller voll...“

„Man merkt es...“

„Man raucht Zigarren! Schläft unter Seidendecken!... Schweine, Hühner, Gänse ... man ißt, soviel man kann... Man bekreuzigt sich und ißt wieder... Ihr bleibt zum Nachtessen da, Brüder! Meine Kosacken sind eben Hühner kaufen gegangen! Sie sind darin gewandter als unsere Burschen...“

Draußen sah man die roten Hosenstreifen der Kosacken. Sie umstellten die flatternden Hennen wie der Jäger das Wild, klatschten in die Hände, fingen die Tiere aus der Luft. Der Major schluckte ein paarmal und zeigte selig auf die Kiesfläche der Auffahrt vor dem Herrenhaus. Da war aus Hühnerköpfen im Sand riesengroß ein Schnörkel gebildet, der wie der Buchstabe H aussah. In Wirklichkeit war es ein russisches ‚N‘, der Namenszug des Zaren Nikolaus.

„Die Kaiserkrone kommt aus Gänseköpfen darüber! Es sind Spaßvögel!... Schleppt es dort hinüber, Kinder! Setzt es vorsichtig auf freiem Felde nieder, damit kein Unglück geschieht...“

„Was tragen die vier Leute? Einen Sarg?“ frug der kurzsichtige Staatsrat.

„Nein. Ein deutsches Ding. Ich kenne es nicht. Besser fort damit, ehe es explodiert!“

„Es ist der Schokoladen-Automat aus der Ausspannung gegenüber!“ sagte Schjelting zu Morskoi, während sie eintraten. „Welch ein Gestank!... Sind denn die Schweineställe hier im Hause?“

Die altpreußischen Ahnenbilder der Halle schauten durchstochen und durchlöchert auf eine halbmannshoch das Parkett bedeckende Schicht von Stroh, Roßdünger, Bettfedern aus aufgeschnittenen Matratzen, zerfetzten Kleidungsstücken, Kohlstrunken, Knochen, Suppenresten, Stuhlbeinen, Hirschgeweihen, zerrissenen Briefen und Aktenbündeln, zertretenen Damenfederhüten, Sofakissen, Lappen, Straßenschmutz. Zersäbelte Sofas und Plüschsessel ragten nur noch mit den Lehnen aus der weichen, wie ein Misthaufen dünstenden Masse, durch die der mächtige und feierliche Saal des alten Grafenhauses weit niedriger als sonst erschien. Viele Soldaten hatten sich in das warme Nest eingewühlt und schnarchten. Man unterschied sie kaum von dem Schmutze selber. Dazwischen standen die Pferde. Die Luftmischung schwankte zwischen dem scharfen, säuerlichen Brodem des Schweinekobens und dem Aasgestank vor einem Fuchsbau. In der Ecke lehnte schief, mit aufgeklapptem Deckel und zerschmetterten Beinen, das Klavier. Der Bechsteinflügel diente als Abort wie auch sonst jeder Perserteppich, jede Bronzevase, jeder Zylinderhut, jeder Winkel im Haus. Der Major musterte, mühsam in dem federnden Trümmerhaufen sich auf den Beinen haltend, befriedigt die eine leere Wand.

„Seit vielen Stunden bestreichen sie sie mit Honig!“ sagte er. „Von oben bis unten!... Seht die hundert leeren Gläser!... Gut!... Munter sind sie, die Seelchen!“

„Und warum tut Ihr das?“ frug Schjelting einen der Kerle, dem ebenso wie seinem Kameraden der Schweiß der ungewohnten Arbeit von der Stirne rann. Der überlegte und sagte dann, mit einer plötzlichen slawischen Entmutigung in den wasserblauen Augen:

„Man weiß es nicht, Herr!“

„Woher kommst Du?“

„Aus Samara, Euer Wohlgeboren!“

„Bist Du gern im Krieg?“

„Gern, Euer Wohlgeboren!“

„Warum?“

„Ich weiß es nicht, Euer Wohlgeboren!“

„Haßt Ihr die Deutschen?“

„Man haßt sie, Euer Wohlgeboren!“

„Und warum?“

„Ich weiß es nicht, Euer Wohlgeboren.“

„Weißt Du, wo Du jetzt bist?“

„Nein, Euer Wohlgeboren!“

„Weißt Du, wohin Ihr geht?“

„Nein, Euer Wohlgeboren!“

„Kannst Du lesen und schreiben?“

„Nein, Euer Wohlgeboren!“

„Was denkst Du Dir also bei dem Krieg?“

„Es ist befohlen, Euer Wohlgeboren!“

„Nun genug der Fragerei!“ schrie der Major. Er war plötzlich zornig geworden. „Euch Monumente vom Newski-Prospekt braucht man hier nicht! Dort ist Gott und die Türe.“

Er stapfte schwerfällig in den Raum gegenüber, setzte sich vor die halbleere Kognakflasche und brütete vor sich hin. Während die Beiden vor das Haus traten, schrie er ihnen noch nach:

„Nicht ausleben soll man sich! Ihr seid mir schöne Vögel! So ist’s hier überall! Wenn’s Euch nicht gefällt, geht zu den Deutschen!“

„Ja -- so ist’s hier überall!“ sagte Schjelting. Er hatte mit dem Hofmeister in einer Laube im Garten Platz genommen. Bis hierher waren noch nicht einmal die Kosacken gedrungen. Angefangene Handarbeiten lagen da, Bücher, ein Band Tauchnitz-Edition, ein französischer Roman, eine Übersetzung von Tolstois ‚Auferstehung‘, die indischen Gedichte des Rabindranath... Er setzte sich. Er wollte nicht sprechen. Er zog finster die Nummer der ‚Times‘ heraus, die ihm vorher der Stabsrittmeister Kudriascheff gegeben, begann zu lesen. Die engen Buchstaben tanzten vor seinen Augen. Er warf das Blatt zornig zur Seite.

„Eine nette Sprache gegen Verbündete!“

„Wie das?“

„Nun -- da ist von den modernen Hunnen die Rede -- von den Barbaren...“

Der Staatsrat nahm das Blatt und lachte:

„Das sollen doch nicht wir sein, sondern die Deutschen!“

„Ach so ... ich war zerstreut...“

„Kinder, laßt Euch nicht durch diese Weißhändigen verwirren!“ schrie im Hause der Major. „Wo stehen wir? Dicht vor Berlin!“

„Urraha! Vor Berlin, Euer Hochwohlgeboren!“

Es grollte dumpf in der Ferne. Dazwischen in Abständen ein schweres, dröhnendes Aufpoltern. Fast nur ein einziger Schlag.

„Die Deutschen schießen schon mit Batterielagen,...“ sagte ein staubbedeckter Dragoner-Unteroffizier vor der Laube zu einem Burschen. „Wo ist Dein General?“

„Eben kommt er, Herr Wachtmeester!“

Der General Schiraj fuhr im Landauer des geflüchteten Gutsherrn heran. Die Gäule keuchten. Das Handpferd blutete von einem Granatsplitter. Das Wappen am Kutschenschlag war von einem Sprengstück geborsten. Der General stieg aus, finster wie seine Begleiter, drückte stumm den beiden Gästen die Hand, fertigte den Dragoner ab, schritt dann unruhig auf und nieder, schaute nach allen Seiten, witterte förmlich in der Abendluft, die voll war von fernen, unbestimmten, murmelnden, schütternden, sausenden, heulenden, hämmernden Tönen, wandte sich nach dem Herrenhaus. Dort war ein zorniger Wortwechsel. Er jagte den Major mit seinen Leuten nach hinten in die Scheunen, setzte sich an das Feldtelefon, sprach immer wieder hinein, mit ernstem Gesicht, kam plötzlich wieder angeritten, vollbärtig und stattlich, den Feldstecher in der Hand.

„Ich muß noch einmal nach vorn... Es ist soeben... Wie?... Ihr wollt fort? Bleibt lieber hier! Da sind ja Fremdenzimmer genug im ersten Stock... Wie es steht? Gut ... gut... Aber es finden Truppenverschiebungen in der Nacht statt ... man gruppiert um... Ihr kämt da in der Dunkelheit mitten hinein... Auf Wiedersehen!“

Schjelting konnte nicht schlafen. Er lag mit offenen Augen in der Giebelstube des Herrenhauses. Sonderbar... Er war mit seinen Gedanken immer in Deutschland ... in einem Brausen von Massen, einem feldgrauen Gewimmel, einem Stürmen der Glocken, einem ehernen Gesang... Er sagte sich: Ich bin ja in Deutschland. Als Eroberer. In einem deutschen Bett. Alles hier fängt gut an... Freue Dich...

Dabei stand er voll Unruhe, mit überwachten Augen auf, kleidete sich an -- mochte Einer schlummern bei diesem ewigen Scheibenklirren und Bodenzittern von dem schon viel näher gekommenen Erdbeben draußen in der Runde -- trat in das Freie, machte jäh Halt...

Die Nacht war dunkel und doch hell. Wohin er sah, brannte Ostpreußen. Rechts, links, nah, fern, überall flackerte es wie von Scheiterhaufen im Schwarz, rötete den Himmel fleckenweise mit einem unheimlichen Widerschein. Die Feuersbrünste all dieser Dörfer und Domänen, dieser Mühlen und Weiler, dieser Schlösser und Höfe schienen zu leben, in Flammen zu atmen, zu schwinden, in neuen Funkengarben aufzusprühen. Darüber zogen sich am Horizont sonderbare feurige Bogen wie von zu niedrig gehenden Raketen...

Schjelting sah stumm auf das Schauspiel. Er dachte an die Brandfackeln der Kosacken, die er am Tag vorher gesehen, so wie sie sie fertig aus Rußland mitgebracht -- Dinger, die man auf die Erde werfen, mit dem Fuße treten, ins Wasser halten konnte, ohne daß sie verlöschten. Dann sagte er sich: Aber wenn wir Alles einäschern, dann bedeutet das doch den Rückzug...?

Neben sich hörte er ein Seufzen. Da saßen im Halbdunkel der General Schiraj und der Hofmeister, Beide wach wie er, schwiegen und rauchten. Er nahm neben ihnen Platz. Eine Weile hörten alle Drei stumm auf den Kanonendonner. Dann sagte Schjelting:

„Es fehlt Etwas...“

Morskoi wandte sich an den General.

„Das ist seine stehende Rede!“

„Was denn?“

„Wer kann es nennen? Sie wollten es mir an der Front zeigen. Aber es ist nicht da...“

„Wahrlich -- wir haben uns bemüht, Alles zu schaffen!“ sagte der General Schiraj mit seiner ruhigen Stimme.

„Alles haben wir geschaffen! Nur ... sehen Sie ... da treiben Feuerfunken durch die Nacht vorbei! Vielleicht mangelt uns dieser eine Funke...“

„Anderswo aber ist das anders?“

„Anderswo -- ja...“

„In Deutschland?“

„Was heißt das für uns... Deutschland?...“

„Sie kommen doch von dort, Nicolai Wassiljewitsch?“

„Nein.“

„Wie denn nicht? Sie erzählten doch selbst...“

„Ich war in einem Land, das wir nicht kennen!“ sagte Nicolai von Schjelting. „Sie werden es auch auf keiner Karte finden!“

„Er spricht in Rätseln...“

„Kurz ... es existiert nur für den, der es erlebte.“

Dann, nach einem Schweigen:

„Viel haben wir vor dem Krieg erwogen! Aber vielleicht das Letzte nicht!“

Um sie die fremdartig rotgefleckte, unheimlich wie ein Raubtier murrende Nacht. Morskois Stimme:

„Wie steht’s in Wahrheit? Ist unsere Lage gefährlich?“

„Ja -- wenn wir Japaner vor uns hätten!“ sagte der General langsam. „Aber die Deutschen...“

Er stand auf.

„Damals vor zehn Jahren ... in Mukden... Einerlei... Gehen wir schlafen! Wir haben noch ein paar Stunden bis Sonnenaufgang!“

Und nun war Nicolai von Schjelting doch so ermüdet, daß er den Schlummer fand. Träumte. Er stand in der großen Dorfschmiede seines Guts im Twer’schen Gouvernement. Inge Tillesen neben ihm. Es schien, daß sie jetzt seine Frau war. Sie trug nun auch russische Züge. Sie sagte ihm Etwas oder schrie es ihm vielmehr in die Ohren. Er verstand es nicht. Der Schmied machte einen so furchtbaren Lärm beim Beschlag der kleinen Bauernpferde. Es waren mehrere Schmiede. Sie hämmerten durcheinander. Die Ambosse dröhnten, schmetterten, knallten...

Schjelting fuhr empor, angekleidet wie er war, stürzte an das Fenster, riß es auf. Es war ein klarer, blauer Septembermorgen. Und in dieser milden Spätsommerluft zwischen Himmel und Erde ein unsichtbares, stürmisches Leben wie von tausend Geistern. Ein langgezogenes Heulen, zorniges Hämmern, wie von einer Riesenfaust an eine Haustüre, heiseres, metallenes Gelächter, das Gepolter von Fässern, peitschenknallähnliche Töne. Dabei erblickten seine Augen nichts. Die weite Landschaft lag völlig menschenleer, wie ausgestorben, im hellen Sonnenschein. Auch die Züge auf der Eisenbahn verkehrten nicht mehr. Nichts regte sich. Nur da jagte ein reiterloser Gaul die Straße entlang. Er schleifte seine Eingeweide zehn Fuß lang hinter sich her, verschwand taumelnd um die Ecke. Schjelting überwand einen Anfall von Übelkeit... Er nahm seine Mütze, rannte die Treppe hinab. Durch das gespenstig leere Haus. Traf vor ihm Morskoi.

„Wo ist der General?“

„Längst nach vorne geritten!“

„Und dieses Viehstück von gestern Abend...“

„Weg, mit seinem Bataillon...“

„Und unser kleiner Hauptmann...“

„Auch verschwunden...“

„Ja -- was ist denn?...“

„Sie sind doch klug! Begreifen Sie’s noch nicht...? Gott hat uns verlassen... Schon seit Tagen... Nur wußte man es nicht... Er strafte uns schon dort vorn, im Süden von Ostpreußen...“

„Dort steht doch unsere Narew-Armee...“

„Nichts steht dort! Nichts ist da! Nichts mehr!“ Morskoi schien beinahe zornig, daß man seinen Nachrichten widersprach. Er badete sich förmlich in diesem Worte ‚Nichts‘.

Fern in der Luft entstand ein weißes Wattebäuschchen und stand wie mit der Scheere ausgeschnitten vor dem blauen Himmel. Plötzlich waren dort überall am Horizont diese zarten Federwölkchen.

„Eile Dich, Wanja!“

„Bemühe Du Dich auch!“

Zwei Kosacken kauerten da am Bach, die Zottelgäule frei neben sich. Der Eine war im Hemd. Er hielt seine Hose auf den Knieen und riß in Eile den breiten, roten Besatz, der ihn als Kosacken verriet, herunter. Der Andere steckte die Füße in das Wasser und rieb das gleiche verräterische Rot von ihnen herunter.

„Seid Ihr verrückt, Euch jetzt die Füße zu waschen!“

Der Eine der beiden Kerle blinzelte stumpfsinnig aus seinem bartlosen, rohen Gesicht zu Schjelting hinauf.

„Es ist besser, Herr...“

„Wie das: besser?“

„... falls man uns gefangen nimmt! Sie sind ja schon überall...“

„Die Deutschen?... Lüge nicht!“

„Man sieht ja weit und breit keinen Deutschen!“ sagte Morskoi und zündete sich mit zitternden Fingern eine Papyros an.

...Er lag vor Schrecken auf der Erde. Er wußte nicht wie. Die Andern kugelten sich über ihn, um ihn. Um sie wirbelte die Luft von einem jäh herangeflogenen, nervenzerreißenden Heulen, der Boden tat sich, vierzig, fünfzig Schritte von ihnen entfernt, donnernd auf, spie einen schwarzen Pinienbaum von Rauch, Erde, Steinen und sausenden Splittern über sich in die Höhe. Über Schjeltings Kopf war das helle Klirren der getroffenen Dachziegel. Sie fielen langsam, stückweise herunter. Die jäh bloßgelegten weißen Sparren lugten neugierig in das Freie und fingen dann rasch an zu kohlen. Das war das Erste, was er sah, als er, betäubt aufstehend, sich mechanisch den Staub von den Kleidern klopfte. Ein Gardeoffizier ritt in Karriere vorbei. Ein Petersburger Beau. Sein keuchendes Tier wies die deutschen Farben. Auf sammetschwarzem Fell weiße Schaumflecken und in den Flanken das rote Blut der Sporenstiche. Morskoi rief ihn an: „Was geschieht?“ -- Der Andere wies mit der Hand atemlos hinter sich...

„...Chindenburg...“

Es verhallte im Hufschlag und dem letzten Nachgrollen der Granate. Da stand das Auto. Der Chauffeur, ein Pole, geängstigt daneben. Sie sprangen hinein. Sausten blind hinter dem Petersburger Adjutanten her. Immer näher schob sich der Donner. Rauch- und Brandwolken in der Ferne.

„Wir fahren ja nach Süden!“ schrie Morskoi, sich im Wagen aufrichtend. „Das ist ja Torheit. Dort eben ist ja Chindenburg ... hört doch nur!“

Zurück. Hinauf nordwärts in der Richtung nach Gerdauen, woher sie tags zuvor gekommen. Schjelting biß die Lippen zusammen.

„Wir fahren ja abermals in den Kanonendonner hinein!“

Eine Gruppe Offiziere, abgesessen hinter einem Haus und um ein Fernrohrgestell herum. Ein abwehrendes Winken.

„Hier kann man nicht weiter. Die Straße liegt unter Feuer!“

„Wohin?“

„Nach Osten! Über Drengfurth! Sputet Euch!“

Sie fuhren dahin, kreuzten am Seeufer wieder eine Eisenbahn. Eine Lokomotive schoß mit Volldampf vorbei, der Tender dicht gedrängt voll von Rotekreuzdamen und Popen mit flatternden Haaren und Bärten. Der Pole steuerte das Auto wieder angesichts der Wasserfläche gen Norden, verirrte sich in den Wäldern, arbeitete sich stundenlang durch Sandwege, blieb stecken ... weiter ... da endlich die Türme von Insterburg. Vor der Stadt trafen sie den Generalstabsmajor Prokofjeff, bemüht, Ordnung in ein staubbedecktes Gewirr von Fuhrwerken zu bringen.

„Fahrt nicht erst in die Stadt. Es steckt alles voll von Truppen und Kolonnen!“ schrie er. „Fahrt außen herum, nach Gumbinnen. Der Großfürst ist schon dorthin voraus!“

Der Großfürst auf der Flucht!... Schjelting und Morskoi schauten sich bleich und stumm an, während sie zwischen den Teichen durch und an der mächtigen Brandstätte des Gestüts Georgenhof vorbeiflogen. Nun lag schon die Flußniederung der Angerapp in ihrem Rücken. Der Staatsrat atmete auf.

„Wir sind in Sicherheit!“ sagte er.

„Was kommt uns denn da auf der Chaussee entgegen?... Ein ganzer Zug Automobile...“

„Sie rasen nur so...“

„Es sitzen Zivilisten darin!... Was heißt denn das?...“

„Sehen Sie den Langen, Hageren... Mutter Gottes von Kasan: der Generalissimus in Zivil ... bin ich denn wahnsinnig geworden?...“

„Dreh’ um, Chauffeur ... dreh’ um...“

Dadurch zwangen sie den nächsten, heranflüchtenden Wagen, langsam zu fahren. Zornige Rufe:

„Macht Platz, Ihr da! Wir haben keine Lust, gefangen zu werden!“

„Wie denn -- -- in Gumbinnen?...“

„Sie sind schon hinter Gumbinnen...“

„Die Unsern?“

„Die Deutschen!“

„In unserm Rücken?...“

„Chindenburg in Gumbinnen...“

„Chauffeur ... zurück, was der Wagen kann...“

Eine Sturmfahrt durch Staubwirbel. Wildes Gedränge vor dem Bahnhof in Insterburg. Trotz des strengen Verbotes standen schon die Einwohner auf den Dächern, riefen, winkten zum Himmel hinauf. Dort zog ein Eindecker als Vorbote des deutschen Heeres seine Bahn. Das Eiserne Kreuz schimmerte von seinen Tragflächen. Aus dem ‚Dessauer Hof‘, der mit seinem hohen graugetünchten Aufbau und Turm die Stationsgebäude gegenüber überragte, rannte ein Herr in Zivil mit ausrasiertem Backenbart und hochmütig-brutalem Gesicht und kletterte in ein Auto. Ein Kellner hinterher.

„Exzellenz ... die Wochenrechnung...“

„Ich komme in vierzehn Tagen wieder!“

Rennenkampf fuhr davon. Nur seine hohen Stiefel aus feinstem Juchten standen noch oben vor seiner Tür. Die beiden Russen sahen dumpf den Generaladjutanten des Zaren und Führer der Njemen-Armee im Bürgergewand fliehen. Um sie herum waren Rufe. Deutsche jubelnde Stimmen. Sie pflanzten sich fort. Man wußte nicht, woher sie kamen. Es flog durch die Luft, von Haus zu Haus...

„Ulanen...“

„Preußische Ulanen...“

„Man sieht schon einzelne Garde-Ulanen vor der Stadt...“

Morskoi faßte einen russischen Heeresintendanten an der Schulter und frug heiser:

„Wohin floh Seine Hohe Exzellenz!“

„In der Richtung nach Tilsit! Dort ist der Weg noch frei...“

„Dort allein ist Chindenburg noch nicht!“

„Mit Gott! Über Skaisgirren! Fahre wie der Teufel.... Du dort oben!“

Sie rasten dahin, durch Tilsit hindurch, über die Königin-Luisenbrücke auf das Nordufer der Memel. Nun trennte sie der breite Strom von den Verfolgern. Fern vergrollte das Ungewitter. Wie weit es nach Süden hin noch seine Verheerungen erstreckte, wußte Keiner.

„Auch bei Lyck wird gefochten!“ sagte neben dem haltenden Auto ein sibirischer Schützenoberst aus tiefer Brust, und ein Anderer neben ihm, mit einem fatalistischen Zug um die bärtigen Lippen:

„Diese Tage kosten uns viel... Die Deutschen sind anders als man dachte...“

„Uns Beide hat Gott bewahrt!“ versetzte der Hofmeister Morskoi zu Schjelting. „Doch was nun?“

„Zurück nach Kowno!“

„Und dann?...“

„Dann gehe ich gleich mit meinen Aufträgen nach dem Westen!“ sagte Nicolai von Schjelting. „Dort ist unsere Hoffnung. Denn das Eine habe ich nun schon erkannt, Wassili Andréitsch: Wir hier allein, mit der Kraft der russischen Erde, erreichen es nicht...“

XIV.

Der schlampige französische Polizeikommissar stand auf und schloß trotz der Oktoberglut des Mittelmeers die Fensterscheiben. Nun brauchte man wenigstens nicht mehr den tausendfältigen Lärm des Hafens von Marseille, sein Sirenengeheul und Peitschengeknall, sein Wagengerassel und Kranengeklirr zu überschreien, um das Verhör fortzusetzen.

„Schreiben Sie, Panard! ‚Es erscheint der Zivilgefangene aus dem bisherigen Konzentrationslager bei Château Borély, Hugo Martius, Groß-Industrieller aus Deutschland‘...“

„... und Mitglied des Reichstags...“

„Ah -- -- das wird Ihnen wenig helfen, mein Herr Deputierter, im Gegenteil ... schreiben Sie, Panard:... ‚zu nochmaliger Vernehmung auf Antrag des amerikanischen General-Konsulats!‘... Wie kommt der dazu?“

„Meine Frau hat, soviel ich vom Vertreter des Konsulats bei seinem Besuch hörte, alle Hebel in Bewegung gesetzt. Sie hält sich seit Kriegsbeginn an der französisch-italienischen Grenze auf...“