Part 23
Es waren nur wenige Kilometer. Dann war man zum zweitenmal über der Grenze. Dahinten lag Deutschland. Nicolai von Schjelting blickte bleich, mit eingesunkenen Augen, zurück. Und nun sah er da plötzlich den unsichtbaren Riesen. Seine Füße ruhten auf dem Horizont, sein Haupt ragte in den Himmel, seine Stimme war wie der ferne Donner der Geschütze und seine Augen wie deren Blitz: „Ihr habt mich gewollt! Ihr habt mich gerufen! Da bin ich. Die Menschen kennen mich. Ich bin zweitausend Jahre alt. Wenn ich erwache, bebt die Erde und bersten die Reiche. Ich bin der ~furor Teutonicus~.“
XIII.
Eine Ohrfeige klatschte. Eine zweite. Der kleine, dicke russische General von ausgesprochenem Mongolentypus kniff schmerzlich die Schlitzaugen zusammen. Seine Hamsterwangen brannten unter dem krausen, aschblonden Backenbart.
„Kaiserliche Hoheit...“
„Das nächste Mal wird man Dich davonjagen!... Genug! Hinaus mit Dir!“
Der Großfürst Nicolai Nicolajewitsch überragte ihn hager und baumlang, mit seinem grimmig funkelnden Geierkopf.
„Kaiserliche Hoheit... Diese Deutschen haben vier Füße! Sonst hätten sie nicht plötzlich meinen Rücken...“
„...Weil Du beim Stehlen warst... Man kennt Dich!“
„...Unsere Soldaten wurden verwirrt. Wer konnte die Preußen von hinten vermuten?“
„Geplündert habt Ihr! Man sah den Brandschein in Deinem Sektor bis hierher!“
„Kaiserliche Hoheit... Majestät...“
Der Generalissimus stampfte mit dem Fuß.
„Pascholl! An die Front!“
„Ich höre!“
Die geohrfeigte Exzellenz zog sich rückwärts gehend in das Vorzimmer zurück. Jetzt erst kam die Wut. Er schritt finster an den anderen Generalen und ihren älteren Gehilfen, an den Flügeladjutanten und Generalstabsoffizieren des Kaiserlich Russischen Hauptquartiers hindurch. Er hörte nur, wie der Eine der Machthaber durch den Zigarettenqualm, über sein Teeglas weg, einen andern frug:
„Sind die ostpreußischen Förster erschossen?“
„Erschossen, Euer Hohe Exzellenz!“
„Die Gestüte angezündet?“
„Angezündet, Euer Hohe Exzellenz!“
„Die Domänen niedergebrannt?“
„Niedergebrannt, Euer Hohe Exzellenz!“
Der kleine, mongolische General stieg grimmig an dem Garde à Cheval-Posten an der Türe vorbei, die winklige Holztreppe des Rheinischen Hofs in Insterburg hinab. Draußen brütete die Septembersonne auf dem durch feldbraune Posten weithin abgesperrten Marktplatz. In der offenen Glasveranda saßen viele russische Offiziere. Er wollte jetzt, in seiner Bekümmernis, nicht mit ihnen sprechen. Er warnte nur den Zivilisten mit der weißen Schirmmütze und dem eleganten Sommer-Raglan von Pariser Schnitt, der da eben aus der Droschke stieg.
„Gehen Sie jetzt nicht hinauf! Ich rate es Ihnen als Freund! Das ‚liebe Biest‘ ist böse!“
Sie umarmten sich und küßten sich nach Moskowiterart rechts und links auf die Wangen. Nicolai von Schjelting dachte dabei: ‚Was er für heiße Backen hat!‘ Dann erriet er den Zusammenhang und sagte sich beim Anblick des brutalen, dicken Kerls: ‚Nun -- der Generalissimus sieht sich seine Leute an! Er weiß, wen er prügelt und wen nicht!‘
„‚Er‘sitzt hier in Insterburg und ist damit beschäftigt, Ostpreußen unserem Mütterchen Rußland einzuverleiben!“ sprach die Exzellenz in der schmutzigen weißen Sommeruniform bitter. „Weiter sieht und hört er nichts. Und man hört es doch deutlich genug!“
Jetzt, wo es einen Augenblick still war, grollte dumpf aus weiter, weiter Ferne ein Rollen.
„Ein Gewitter!“ sagte Schjelting zerstreut und fuhr sich nervös mit der Hand über die Augen. „Gut. So bekommt Ihr Wasser. Man erzählte mir, die Wasserleitung hier sei in die Luft geflogen...“
„Ja. Ein Gewitter... Es scheint, es gibt viele Gewitter in diesen Tagen... In Gilgenburg ... in Ortelsburg ... bis Johannisburg hin... Du hörst es von Nikolaiken bis Tapiau, Bruder!... Freilich! Wie sollten es nicht Gewitter sein? Der September ist heiß!“
Ein Flügeladjutant kam sporenklirrend den Gang neben dem Wirtschaftsvorraum entlang. Er war wie aus dem Ei gepellt und legte den Kopf nach Petersburger Art etwas zur Seite, während er lächelnd und, aus Ehrfurcht vor der höchsten Person lispelnd, zu Schjelting sagte:
„Sie haben das Glück, von Seiner Kaiserlichen Hoheit empfangen zu werden!“
„Ich danke, Knjäs!“
„Nun ja... Sie zählen zu den hohen Günstlingen!“ Der General winkte einer Droschke. „He... Fuhrmann ... fahre hier vor!... Mich behandelt man wie einen Dwornik! Aber kommt solch Petersburger Herrchen... Nun -- mit Gott!“
Er schnaubte sich kummervoll mit der Hand, murmelte: „Gott hat mich gestraft!“ und fuhr in dem rasselnden Wagen nach dem Artillerie-Kasino. Dort speiste jetzt der Stab der Rennenkampf’schen Armee. Der Tisch-Älteste war ein General mit Bartkoteletten und einem fröhlichen, rohen und gesunden Gesicht. Er ließ sich eben von der Kasino-Wirtin, die vor ihm stand, die Speisen vorkosten. Der Generaladjutant seiner kaiserlichen Majestät von Rennenkampf hatte stets Angst, vergiftet zu werden.
Der kleine Front-General nahm Platz, langte unwillkürlich nach dem Schnapsglas, als Begleitung des Vorschmacks, und seufzte. Es gab kein Wässerchen. Der Alkohol war verboten. Wenigstens hier. Anderswo verschaffte man sich wohl Likör und trank ihn gewandter Weise „auf deutsche Art“ aus Kaffeetassen, um kein Aufsehen zu erregen.
„Nun -- es ist ja Einer von unsern Bismarcks eingetroffen!“ sagte der General mit heiserer Stimme. „Schjelting. Er wurde eben gewürdigt, sich bei ‚ihm‘ vorstellen zu dürfen!“
„Schjelting!“
Viele dieser weltläufigen, den Petersburger und Moskauer Fürstengeschlechtern und dem baltischen Adel entstammenden Offiziere kannten ihn.
„Ah... Schjelting ... von woher kommt er?“
„Wie ist es mit ihm? Was sagt er?“
„Er ist wie ein Träumer ... sieht an Euch vorbei ... hört kaum, was man spricht...“
Ein bebrillter Adjutant war dienstlich oben an den Tisch getreten, Papiere in der Hand. Der Oberbefehlshaber überlas die Todesurteile gegen den Unteroffizier Babikoff und die Gemeinen Tupik und Mokrij wegen Plünderns und unterzeichnete.
„Heute Nachmittag zu vollstrecken! Das schuldige Regiment wird an den Leichen vorbeidefilieren.“
„Die nach uns kommen, werden nicht so streng sein!“ sagte ein Rittmeister von den vornehmen Grodnoer Husaren, der den Arm in der Schlinge trug, halblaut zu seinem Nachbar. Sie kannten ihre slawischen Brüder, diese dumpfen, ungezählten Massen, die jetzt erst fern im Inneren des Zarenreichs von Omsk und von Turkestan und vom Amur, wie ein lehmfarbig trüber, angeschwollener Strom von auf Erden noch nicht erlebter Größe sich gen Westen wälzten.
„Da kommt ja Schjelting!“
Man schaute durch die Fenster. Nicolai von Schjelting überschritt eben die Straße. Zu Fuß. Seltsam. Das tat ein russischer Edelmann nur, wenn er nicht richtig im Kopf war. Den hielt er vornübergesenkt, blickte in Gedanken vor sich auf das holperige Pflaster.
„Du sprachst wahr, Andrej Konstantinowitsch... Er sieht wunderlich aus!“
„Wie ein Träumer!“
„Er sollte doch froh sein! Seine Ziele sind es doch, die sich jetzt erfüllen! Zehn Jahre sah man ihn tätig. Er war unser Windhund auf dem Balkan...“
„... und verdarb sich den Magen bei den Engländern...“
„... war mit diesen Eintagsfliegen von Pariser Ministern ~ami et cochon~...“
„... und küßte den kleinen Bürgersfrauen, ihren Gattinnen, die Hand!“ sagte ein Anderer lachend, der das blauweiße Band des Andreas-Ordens trug.
„... und nahm sich selber diese schöne Belgierin als ~amie et alliée~...“
„Ein Glückspilz! Ein Hauptkerl!... Nun: willkommen!... Nun hört man doch Etwas aus der großen Welt... Was bringen Sie Gutes...?“
Nicolai Schjelting hatte sich gesetzt und sagte unvermittelt:
„Was habt Ihr Euch hier für eine gewitterreiche Gegend ausgesucht...“
„Wie denn Gewitter...?“
„Es ist schwül draußen. Es donnert überall im Südwesten und Süden!“
Die im weißen Waffenrock lachten. Hier, im Stimmengewirr hinter geschlossenen Fenstern hörte man nichts. Und auch, wenn man draußen fuhr, übertönte das Rasseln der Räder jeden anderen Lärm. Schjelting hob unruhig die großen und klugen grauen Augen.
„Belieben Sie mir zu sagen: Wo stehen eigentlich die Deutschen?“
Sein Nachbar zur Linken, ein General mit einem Bart, der so lang war, wie der eines Moskauer Mönchs, wies unbestimmt in die Ferne und meinte mit tiefem Kirchensängerbaß:
„Gott allein weiß, bis wohin sie zurückweichen! Sie liefern nur noch Nachhutgefechte!“
„Wilhelm hat ihnen einen neuen General geschickt!“ rief lachend Einer oben am Tisch.
„Wie heißt er?“
„Chindenburg...“
Chindenburg..? Chindenburg..? Nun gut! Man beruhigte sich über Chindenburg, lächelte, frug Schjelting:
„Und wo waren Sie in diesen Tagen der allrussischen Sammlung?“
„In Deutschland.“
Allgemeines Erstaunen.
„In Deutschland?... Wie ist es möglich?... erklären Sie...“
„Ich habe dort die Mobilmachung erlebt...,“ sagte Nicolai von Schjelting mit einem dumpfen und sonderbaren Ernst.
„Man hat Dich nicht aufgehängt, Freundchen?“
„Lacht nicht ... laßt ihn doch...“
„Man ließ mich über die Grenze nach Holland. Ich wollte von da nach Belgien. Unmöglich. Überall die Deutschen.“
„An allen Straßenecken Insterburgs klebt eine Krons-Depesche!“ sagte der General mit dem weichen singenden Baß. „Die Deutschen gehen zurück. Sie ließen allein vor Namur zehntausend Tote liegen.“
„Namur ist in ihrer Hand!“
„Wie das?“
„Ein Leutnant nahm es mit vier Mann!“
Ein Leutnant mit vier Mann eine Panzerfestung... Schjelting sah besorgte Blicke auf sich gerichtet. Man zweifelte an seinem Geisteszustand.
„Ob ich den Umsturz in Berlin miterlebt habe?...“ sagte er, immer halb geistesabwesend, „... oder wo sonst den allgemeinen Zusammenbruch Deutschlands?... Nichts davon... Es ist Alles anders, als man... Wozu davon reden...“
„Sie sehen so bleich aus wie die Heiligen in der Lawra. Waren Sie krank?“
„Ich war. In Kopenhagen warf mich auf der Reise hierher die Aufregung nieder. Vierzehn Tage lag ich. Dann fuhr ich über Schweden nach Finnland weiter.“
Sonst gab es in einer Gesellschaft, in der Schjelting war, sofort Leben. Widerspruch, erregte Gesichter, Stimmengeschwirr, wenn er die bunten Leuchtkugeln seiner Doktrinen steigen ließ. Jetzt schwieg er wieder und starrte vor sich hin.
„Gott gab uns die Zunge zum Reden!“ sagte der Stabsrittmeister Kudriascheff. „Wie ist’s? Meine Frau schickte mir englische Zeitungen aus Petrograd. Fanden Sie das überall in Deutschland, daß sich die Reservisten weigerten, einzurücken? Warum lachen Sie denn?“
„Nun -- erlauben Sie mir doch zu lachen!“ sagte Nicolai von Schjelting.
„... daß die Krupp’schen Werke von den Arbeitern angezündet sind?“ forschte Fürst Donskoi.
„Schjelting lacht immer nur, dieser Spitzbube!“
„Er weiß mehr, als er verrät!“
„... daß Bayern seine Neutralität erklärt hat...?“ erkundigte sich der Generalarzt Professor Dr. Moskwin, der selbst seine wissenschaftlichen Kenntnisse München und Heidelberg verdankte.
Schjelting fuhr aus seinem Brüten auf und machte eine unruhige, abwehrende Handbewegung.
„Beliebt, mir das Erzählen zu erlassen!... Ich kann nichts sagen... Ich weiß es selbst nicht, was da war...“
Ein Schweigen. Dann rief der Generalstabs-Major Prokofjeff:
„Die Deutschen haben ihm Etwas eingegeben! Er ist wie vertauscht!“
„Macht nichts! Wir werden bald selbst sehen... Am ersten Oktober alten Stils sind wir in Berlin...“
„Ich habe mit Winogradoff von den Chevaliergarden gewettet. Er meint, erst am fünfzehnten!“
„Er ist mattherzig, weil die Gardekavallerie so viel Verluste hatte!“
„Wer hieß sie auch, die preußische Artillerie von vorn zu attakieren?“
„Höre doch: Man dachte...“
„Man dachte nichts! Jetzt ist von der ersten Kürassierbrigade nichts mehr übrig... Der Großfürst Oleg tot. Da hast Du’s!“
Man war eine Sekunde nachdenklich, in Erinnerung an diese Verheerung unter der Blüte des russischen Adels. Dann meinte der Major Prokofjeff:
„Wenn uns nur die Engländer nicht schon an der Elbe empfangen!“
„Zuzutrauen ist es ihnen, diesen Teufelskerlen!“
„Ein Engländer gilt für zehn Deutsche! Kein Deutscher hält vor den fixen Jungen, den Tommys, Stand!“
„Woher wißt Ihr das?“ frug Schjelting.
„Die Engländer sagen es selbst!“ rief der Stabsrittmeister Kudriascheff frohlockend. „Es steht in den ‚Times‘! Hier... Bitte...“
Nicolai von Schjelting seufzte und stand mit umdüsterter Miene auf.
„Es tut nicht not! Ich werde bald die ‚Times‘ auf der Straße kaufen. Ich gehe in den nächsten Tagen wieder in besonderem Auftrag nach London und Paris...“
Man kannte seine hohen Gönner. Er war der kommende Mann, wenn er auch jetzt sehr leidend schien. Man sah ihn schon, nach dem nahen Triumph, aus dem Salonwagen auf die hölzerne Plattform des Bahnhofes von Gatschina steigen, ehrerbietig auf dem Weg zum Zaren von allen Beamten und Gensdarmen begrüßt, man sah ihn im Auto, von Sebastopol her, in sausender Fahrt die Windungen hinter Baidar Thor hinab zum blauen Glyciniengerank des Kaiserschlosses Livadia am Krim’schen Meer. Man verabschiedete sich achtungsvoll von ihm und schüttelte erst hinterher den Kopf, als er in die Stadt hineinging. Wieder zu Fuß. Da hörte man dies unaufhörliche ferne Brüllen der Sommergewitter besser. Sie schienen sich immer weiter nach Süden zu ziehen. Hier störte das Niemanden. Die russischen Soldaten von dem baltischen dritten Armeecorps in Wilna, von denen viele Letten Deutsch konnten, standen in den Läden und feilschten so hartnäckig, wie sie es bei ihrem Generalissimus Nicolai selbst gesehen, um Tabak und Ansichtskarten. Nach der Bahnhofstraße zog eine Schwadron der Grodnoer Husaren auf ihren weißen Pferden. Schjelting rief einen der Schimmelreiter an:
„Seid Ihr auf dem Marsch zum Regiment?“
„Dies ist das Regiment!“
„Und die Anderen?“
„Alle tot!“
„Und Ihr?“
„Man ruft uns nach Petrograd zurück!“
Nicolai von Schjelting ging weiter. Er dachte sich: dieser Bauer zu Pferd hat etwas Gottergebenes. Sein... Nichtsein... Sieg... Niederlage.... Wie Gott will... Alles gleich... Was ist das Leben? Es ward befohlen, zu kämpfen, zu bluten, zu sterben!... Gewiß ... dafür bist Du ein Muschik. Ein Stück geduldige, russische Erde... Aber vor seinen Augen stand ein wildtosendes, grimmsprühendes feldgraues Gewimmel statt dieser feldbraunen Ergebung in das Schicksal, in seinen Ohren hallte ein eherner Trutzgesang von Zehntausenden statt dieses slawischen Schweigens, in dem die endlose Winterstille verschneiter Dörfer in weltfernen Steppen wohnte. Er fröstelte, als sei es Winter, trotz der Septemberhitze und der Glut der schwälenden Brandstätte gegenüber. Gensdarmen wachten und verhinderten das Löschen. Die Brasche’sche Fabrik war auf Befehl des Gouvernements angezündet worden. Weiter zum Bahnhof hin, an der langen Seitenmauer, klebte ein Aufruf des Generalissimus an die Polen. Nicolai Schjelting stellte sich davor und übersetzte es sich aus dem Polnischen: „...Mit offenem Herzen, mit brüderlich ausgestreckter Hand kommt Großrußland Euch entgegen. Der Morgenstern eines neuen Lebens geht für Euch auf...“
„So? Das ist mir ein feiner Vogel ... lacht vor den allerhöchsten Erlassen...“
Eine Hand zupfte ihn scherzhaft am Ohr. Der Staatsrat und Hofmeister Morskoi stand neben ihm. Der wohlbeleibte Herr trug die kleine Uniform eines hohen Zivil-Tschinowniks. Er wischte sich den Schweiß aus dem roten, vom schwarzgefärbten Kinnbart umrahmten Gesicht.
„Trifft man Sie endlich!... Man sagt mir, Sie sind da ... kommen aus Deutschland ... ich gestern aus Dwinsk. Man fährt ja nun schon mit der Bahn bis hierher nach Insterburg... Lange sahen wir uns nicht, Nicolai Wassiljewitsch!“
„Zuletzt in diesem April in Moskau.“
„In Kiew.“
„Im Petrowski-Dwor in Moskau!“ sagte Schjelting hartnäckig. „Dieser alte Teufel, dieser Deutsche, saß noch hinter uns.... Mit seiner Tochter...“
Es ging ihm durch den Kopf: Wie lang ist das her und doch nicht ein halbes Jahr ... da fing es an ... warf mich aus der Bahn ... man wird willenlos ... wird mitgerissen ... ich habe keine Frau mehr ... habe noch nicht sie, die Andere... Mein Reichtum ist mit den Belgiern hin ... mein Boden ist die große Zukunft... Aber was soll dies Zittern unter den Füßen?... dieser plötzliche Schwindel? ... so als ob Alles um Einen schwankte?...
Der Hofmeister rieb sich befriedigt die großen weißen Hände.
„Alles steht gut, durch Gottes Gnade!... Sie sollten unser Petrograd sehen!... Diese Macht des slawischen Gedankens, für den Sie und ich und wir Allrussen seit Jahren stritten... Wehe, wer auf dem Newski noch ein Wort Deutsch spricht! Man reißt die deutschen Firmentafeln ab... Man schließt die deutschen Läden ... man verhaftet alle Deutschen ... schickt sie nach Sibirien, Männer, Frauen, Kinder... Zehntausende sind schon unterwegs...“
„Auch die deutsche Botschaft wurde gestürmt?“
„Sie wurde von Grund aus zerstört und der örtliche Beamte erschlagen... Beklagenswert... Aber wer zügelt die russische Kraft?... Nun erst erkennen wir sie ... sehen, wieviel Freunde wir haben... Man küßt in Petrograd die Franzosen, man schüttelt den Engländern die Hand, man grüßt die Amerikanski, man ist in einem Rausch... Ohne ein Tröpfchen Wodka ... wie durch ein Wunder der Heiligen Dreifaltigkeit...“
„Man merkt es Ihnen an, Wassili Andréitsch!“
„Jedem im Mütterchen Rußland, vom Gossudar bis zum letzten Barfüßler! Nur Ihnen nicht! Was ist Ihnen?“
„Etwas fehlt!“
„Nennen Sie es! Ich werde Sorge tragen! Man wird es anschaffen!“
„Es hat keinen Namen...“
„Wie das?“
„Es ist Alles da! Sehen Sie den Soldaten da ... dieses Lederzeug ... diese Schuhe... Nichts wurde diesmal vernachlässigt... Niemals wurden solche Anstrengungen gemacht. Wir haben beinahe mehr Offiziere als Napoleon vor Moskau Soldaten...“
„Drum vorwärts mit Gott!“
„Aber Etwas fehlt...“
„Sie sind sehr klug, Nicolai Wassiljewitsch. Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Man bewundert Sie. Aber vielleicht sind Sie jetzt zu klug. Sie denken zu viel!“
Nicolai Schjelting scheuchte mit dem Fuß eine Taube, die vor ihm auf dem Pflaster Körner pickte.
„Da fliegt das Sinnbild unseres Glaubens!“ sagte er. „Der Heilige Geist. Ihn suche ich!“
„Nun...“
„Es geht nicht ohne ihn. Nicht ohne den Heiligen Geist. Das ward mir klar.“
„Nun -- diese Stadt hier ist voll von Balten, Fürsten, Garde. Das ist nicht echte russische Luft. Das echte, das heilige Rußland, unser Rußland, liegt dort draußen vor dem Feind...“
„Das hoffe ich...“
„Ich bin im Begriff, an die Front zu fahren und unseren Freund aus Moskau, den General Schiraj, zu begrüßen. Kommen Sie mit? Da wird sich Ihnen die weite russische Seele offenbaren!“
Die heilige russische Erde, aus der diese Soldaten selbst geformt zu sein schienen, die da drüben in ihrer seltsamen, halblauten, fatalistischen Ruhe den Bahnhof erfüllten, diese Muschiks in Waffen und die vielen Millionen ihrer Brüder, in ihrer erdfahlen Uniform, ihren erdfarbenen Bärten, ihren erdbraun gebrannten Gesichtern. Schjelting atmete etwas hoffnungsvoller auf und stieg ein. Der russische Infanteriehauptmann, der ihm und Morskoi im Auto gegenübersaß, zeigte auch eine jener fünf, sechs Massentypen, mit denen die russische Natur ihre sonst nicht zu bewältigenden Menschenmengen roh und oberflächlich abstempelte und schied. Er hatte eine kleine, knollige Nase, kleine tiefliegende Augen, war klein von Wuchs. Er lächelte fortwährend. Warum? Schjelting reizte das. Er frug schließlich:
„Wir fahren schon durch das dritte verbrannte Dorf. Nichts blieb, außer dem Kriegerdenkmal. Ist es überall so?“
„Es wird wohl so sein... Ich weiß nicht...“
Sie überholten einen Trupp Infanterie. Köpfe tief, tief aus dem Inneren, zwischen Wolga und Ural. Im Marschieren brachen sie mit einem mechanischen Handgriff jedes Obstbäumchen am Weg entzwei. Die Chaussee hinter ihnen war gesäumt von geknickten Stämmchen mit rotbäckigen Äpfeln. Schjelting schüttelte finster den Kopf. Der Hauptmann lächelte.
Schwerer schwarzer Qualm wälzte sich drüben am Walde. Millionen roter Funken tanzten in ihm. Darüber das angstvolle Todesflattern weißer Tauben. Ein großer Herrschaftshof stand da in vollen Flammen. Dragoner trugen noch armvoll Betten, Leinenzeug, Puppen, Matratzen, Damenkleider, Schaukelstühle, Wasserstiefel aus dem Hause und verstauten sie auf den Leiterwagen. Ein paar galoppierten den Weg heran, zwischen ihnen in langen, flüchtigen Sprüngen ein Dutzend edler ostpreußischer Remonten. Der vierschrötige kleine Hauptmann lachte aus vollem Hals...
„Krieg!“ sagte er, wie ein Naturkind, das sich an Etwas ergötzt.
„Gehen Sie gern in den Krieg?“
Der halbasiatische Hauptmann zündete sich eine Zigarre an und schnitt eine Grimasse. Er war nur an Papyrossen gewohnt. Dann spuckte er aus.
„Man dachte nur an Österreich und Serbien. Wir sollten inzwischen Deutschland in Angst halten. Unseren dicken Stabsoffizieren wäre es recht gewesen. Die schönen Mobilmachungs-Rubelchen ohne Strapazen... Sie verstehen?...“
„Und jetzt?...“
„Jetzt?... Es ist befohlen. Es ist auch so recht...“
Und wieder sagte Schjelting unvermittelt, nach langem Schweigen, zu Morskoi:
„Es fehlt Etwas...“
„Petró ... paß auf, Du!... He!“
Der Hauptmann hatte es zu dem Wagenführer hinaufgerufen. Die schnurgerade Chaussee nach Nordenburg lag vor ihnen plötzlich voll von Baumstämmen. Hunderte und Tausende von russischen Soldaten arbeiteten in fiebernder Hast am Fällen der prachtvollen Ulmen. Da waren sie in ihrem Element. So waren sie oft genug im roten Hemd, die Axt im Gürtel, als Bauern in den Wald gegangen. Sie hieben die Zweige ab, bauten kunstvolle Astverhaue längs des Straßengrabens.
„Das sieht ja nach Verteidigung aus!“ sagte der Moskauer Staatsrat stirnerunzelnd. „Wie das? Man erwartet doch nicht den Feind?“
„Ich weiß es nicht...“ sagte der Hauptmann.
Und Schjelting dachte sich: Ja ... ich weiß es nicht... Wo hört man es nicht bei uns ... dies: ich weiß es nicht! Niemand weiß Etwas... Alles ist unbestimmt... Alles verschwimmt... Von irgendwo wird befohlen...
Sie machten einen scharfen Bogen und fuhren gegen Gerdauen weiter, nunmehr genau in die Richtung nach Deutschland hinein. Das dumpfe, schwere Grollen umher wurde jetzt mit jedem Kilometer stärker. Wenn das Auto hielt, hörte man es vor sich, rechts, noch heftiger links, scheinbar von allen Seiten. Schjelting und Morskoi hatten nie gedient. Aber sie sahen sich trotzdem fragend und besorgt an. Der Hauptmann vor ihnen lächelte und rauchte. Träumerisches Asien war in seinem Blick.
Der Bahnhof von Gerdauen lag vor der Stadt. Ihm gegenüber flammte das große Kreishaus, das Landratsamt, die Reichspost... Die Güterschuppen längs der Schienenstränge standen in Brand. Glühende Getreidewirbel hoben sich knatternd gleich Raketen in die Luft, verkohlten noch im Fallen das verhungerte Vieh, das draußen in den Sumpfwiesen lag. Es war eine Hitze wie in einem Backofen. Mitten darin stand ein nagelneuer Petersburger Sanitätszug, weißlackiert, mit rotem Kreuz. Die Soldaten liefen und schleppten und stopften ihn im Schweiß ihres Angesichts voll mit Pflügen, Eggen, Heuwendern, Weinkisten, Zuckerhüten, Kleiderbündeln. Der Offizier, der dabei stand, strahlte. Er kannte den Hauptmann im Auto und reichte ihm die Hand.
„Wie wird sich meine Fenitschka freuen! Ich schicke ihr eine ganze Ausstattung für unsere Datsche bei Jekaterinoslaw. Sogar ein Klavier fand sich! Da steht es in der Ecke unter den Kopfkissen. Sie kann doch spielen. Sie lernte es in dem Pensionat in Odessa. Tafelgeschirr. Ein amerikanischer Lederstuhl. Selbst eine Spieluhr für meinen kleinen Fedka. In Öl gemalte Bilder. Hübsche Hörnerchen von Waldziegen. Ein Photographie-Album... Ich nahm nur die Bilder dieser deutschen Windhunde heraus. Nichts ist vergessen.“
„Und das nehmt Ihr Alles mit?“ frug Schjelting.
„Wie denn? Es ist doch Krieg!“