Part 22
„Bei uns verdient ein Arbeiter Dollars fünf den Tag!“ sagte der Yankee. „In den Zeiten der Prosperität läßt er sich nicht leicht anwerben!“ Dann plötzlich, unvermittelt, mit einem Seufzer: „Meine Mutter war noch eine Deutsche! Sie kam mit sieben Jahren hinüber!“
Sonderbarer Mensch! dachte Schjelting. Sie hielten auf dem Marktplatz einer kleinen altmärkischen Stadt. Wieder die Ausweise. Nebenan war das Bezirkskommando. Das Klappern der Schreibmaschinen durch das offene Fenster. Junge Mädchen zur Aushilfe. Und ihre geschäftsmäßigen Stimmen: „Zweihundert Doppelachsen Preßheu um 2 Uhr 20 an Rampe II des Güterbahnhofs.“... „Fräulein Runge -- geben Sie mir doch mal die Benzin-Beschlagnahme-Liste herüber!“... „Heute Abend noch diese Verfügung ins Amtsblatt, betreffend Erdarbeiter für Pommern.“ Und im Nebenraum saßen die Unteroffiziere in ihren blauen Litewken wie sonst, fertigten die Wehrpflichtigen ab, die sich draußen auf dem Hof vor dem Bezirksoffizier aufreihten. Und in dem nächsten Zimmer telefonierte eben der Bezirkskommandeur selbst nachdrücklich und langsam an die Bahnhofswache: „Also punkt 12 Uhr 35 fassen 1018 Mann hier Mittagessen... Von Nachmittags 4 Uhr ab abgestandenes Wasser in Eimern zum Tränken der durchkommenden Kavallerietransporte. Nicht frisch vom Brunnen. Sonst holt den Betreffenden der Deubel. Für Kaffee sorgt das Rote Kreuz!“ Und dann, das Hörrohr abhängend, zu der Dame hinter ihm: „Aber ununterbrochen, wenn ich gehorsamst bitten darf, gnädige Frau. Die Züge folgen sich nach wie vor mit fünf Minuten Abstand!“ Und die frische Landrätin hinter ihm lachte. „Na -- auf meine Helferinnen-Organisation können Sie sich verlassen. Die Mädels sollen nur springen!“
Die Telegrafen-Apparate tackten rastlos. Radfahrer in Uniform flitzten davon. Bestaubte Ledergestalten sprangen vom Motor ab. Stadträte, Ärzte, Lieferanten gingen aus und ein. Aber Alles erfüllte sich in Ruhe wie das Walten eines Naturgesetzes. Im Weiterfahren schleuderte Schjelting jäh die Zigarette aus dem Wagen:
„Das ist kein Land -- das ist ein Mechanismus! Es hat keine Seele! Wo bleibt die allgemeine Unordnung? Sie ist doch unvermeidlich, wenn man Millionen aufruft! Aber hier ist alles zur Stelle. Jeder Mensch ist numeriert. Jedes Ding hat seinen Stempel. Das begreife, wer mag!...“
„Ich habe von Deutschland nur Gutes erfahren!“ sagte der Amerikaner langsam. „Es rettet mir jetzt mein Vermögen, indem es mir die Ausreise erlaubt!“
Es klang bedrückt. Er hörte kaum, wie Schjelting fortfuhr, mit einer Hoffnung in der Stimme:
„Aber vielleicht endet diese Maschine mit dem eigentlichen Preußen. Wir haben die Elbe hinter uns!“
Niederdeutschland begann, mit seinen fruchtbaren Ebenen und dem Dämmern der Harzberge im Süden, den mächtigen Dächern seiner Bauernhöfe, den mittelalterlichen Fachwerkbauten der Welfenstädte. Aber das Bild blieb das gleiche. Nur die Pferde, in ihren zusammengetriebenen, endlosen Zügen auf der Landstraße, scheuten jäher als bisher vor dem der sinkenden Sonne nachrasenden Kraftwagen. Denn sie waren hier von edlerem Schlag. Dann grüßte plötzlich zwischen wilden Heckenrosen ein Muttergottesbild am Wege. Nicolai Schjelting war orthodox. In seinem Byzantiner-Glauben trat die Jungfrau Maria hinter die Taube des Heiligen Geistes zurück. Trotzdem lächelte er mit neuer Zuversicht beim Anblick der sieben Schwerter im Herzen der Dolorosa. Nun verblich der harte Luthersche Norden. Der weichere deutsche Süden und Westen hub an. Klöster auf den Hügeln. Heiligenbilder und Blumensträußchen hinter Glas im Steinschrein am Weg. Nun würden auch die Menschen anders werden... Gedankenvolle, träumerische Deutsche, wie er sie liebte...
„Halten Sie s--till, nich?“ Da standen jetzt blonde, blauäugige Riesen der roten Erde statt des weißen märkischen Sands und hemmten das Auto. Es war unter den Mauern eines großen Klosters. Aber dieses Kloster lag leer mit gähnend offenen Zellenfenstern. Der eine Niedersachse erklärte es dem Chauffeur, die Papiere zurückgebend.
„Die hochwürdigen Herren haben sich zur Verfügung der Militär-Behörden ges--tellt! Der Prior, der Subprior, die Patres, die Fratres, die Novizen, alles ist im Feld!“
Am Dorfeingang stand noch ein bärtiger, kräftiger Mönch. Er war gestiefelt und gespornt, trug Schlapphut und Reitgamaschen und über dem violetten Feldbesatz der Kutte ein großes Kruzifix. Er nahm Abschied und schüttelte rechts und links die Hände seiner Beichtkinder. Der Kraftwagen schoß dahin. Nach einer Weile sagte Schjelting erbittert:
„Erklären Sie mir! Wir fahren seit vierzehn Stunden durch halb Deutschland. Warum findet man denn nirgends ein erschrockenes Gesicht? Warum verzagt denn Niemand? Wo sind denn die Kleinmütigen? Hat die Polizei sie eingesperrt? Man sieht sie nicht.“
„Ich schätze: es giebt keine!“ versetzte der Yankee trocken.
Nicolai Schjelting zog wieder, mit einem leichten Schauer, den dicken Mantel fester um die Schultern. Sie hatten einen Bogen um das Ruhr-Kohlengebiet gemacht, durch dessen zusammenhängende Industriedörfer man nach der Versicherung des Chauffeurs nicht vorwärts kam. Nun stand da ein mächtiger Dom mit himmelsuchendem, gothischem Steingerank vor der Abendglut des Westens. In silbernen Lichtern blinkte feierlich der Rhein. Das alte heilige Köln nahm sie auf. Ein schwarzes, stürmisches Menschengewimmel zwischen Bahnhof und Fettenhennen. Heißes rheinisches Leben. In schweren Klängen von oben das Geläute der Domglocken. Nicolai von Schjelting rieb sich die Augen, kam wie aus einem Traum zu sich und sagte tonlos:
„Das versteh’ ich nun schon gar nicht...“
„Was denn?“
„Die Engländer...“
„Welche Engländer?“
„Die englischen Garden. Ihre Schotten. Ihre Rifles. Ihre Lancers. Sie müßten doch längst hier sein... Oder in der Nähe...“
„Es scheint nicht.“
„Niemand erwartet sie hier am Rhein. Niemand fürchtet sich. Was soll nur dies bedeuten?“
„Da kommen Offiziere auf uns zu. Aber es sind Deutsche!“
„Was sind Sie? Amerikaner? Ja, hier in der Festung können wir keine Ausländer brauchen! Fahren Sie schleunigst über Grevenbroich-Gladbach nach Holland weiter! Wie, Chauffeur? Sie müssen Benzin fassen? Na denn ’mal fix!“
In der Zwischenzeit betrat Nicolai Schjelting den Dom. In geheimnisvollem Licht dämmerte ganz dort hinten der Hochaltar, feierlich hallten in den Steinwölbungen die Responsorien. Kopf an Kopf die Schiffe füllend, stand und kniete die Menge. Viele Soldaten darunter. Offiziere mit ihren Frauen. Da vorn ein hoher General mit schlohweißem Haupt und Schnurrbart. Feldbereite Nonnen in weißen Flügelhauben. Maltheserritter. Ärzte. Nicolai Schjelting sah diese andächtigen Gesichter, diese Hände, die sich aus dem Weihwasserkessel heiligten, die ernsten Reihen harrender, barhäuptiger, feldgrauer Männer vor den Beichtstühlen. Er frug sich: Wie? Dies ist doch nicht mehr Potsdam, von dem man die Welt erlösen will?... Dies ist... Ja, was ist das Alles? Er gab sich keine Antwort. Er lief hinaus.
„Können wir noch nicht fort?“
Und auch der Yankee drängte.
„Vorwärts! Ich bin es unsern Shareholders schuldig!“
Als sie nach kurzer Zeit die Grenze der Niederlande hinter sich hatten, brach er in hoffnungsvollem Ton das Schweigen.
„Voriges Jahr zahlte die Kanaan-Steel-Company Dollars fünfundvierzig auf den Share. Aber dies Jahr will ich eine Rekord-Dividende erzielen!“
„Womit machen Sie Ihr Geld?“
„Granaten, Sir! Von jetzt ab Granaten!“
Nun begriff Schjelting, woher Achille Macrî den Mann aus den Vereinigten Staaten kannte.
„Granaten für die Engländer?“
„Von allen Sorten. Auch mit Dynamit und mit giftigen Gasen. Manche Engländer hielten das im Burenkrieg für weise!“
Er schaute nach dem letzten deutschen Haus zurück, das friedlich in der nächtigen Ferne im Schein des schwindenden Mondes lag. Seine Läden waren geschlossen wie im Schlaf. Ein sauber gepflegtes Blumengärtchen umduftete das stille Stückchen deutscher Welt.
„Ein Treffer und dies ganze Ding dort und was darin ist, wird zu Staub,“ sagte er und preßte die dünnen Lippen zusammen. Dann, nach einer Weile: „Und dabei ist heute Sonntag...“
„Stört Sie das?“
„Ich habe die Kirche versäumt. Ich tue das sonst nie!“
Der Mond war gesunken. Die Nacht dunkel. Der Wagen suchte sich langsam und vorsichtig mit seinem weißglühenden Augenpaar den Weg. In den Limburgschen Dörfern standen noch viele aufgeregte Leute auf den Straßen. Aber man verstand ihre holländischen Wegweisungen nur schwer. Dann verloren sich auch sie. Man fuhr in Finsternis und Leere. Schließlich schon ins Ungewisse. Stunde auf Stunde verrann. Endlich hielt der Chauffeur ratlos an. Rings tiefes Schweigen.
„Wieviel Uhr?“
„Halb drei Uhr Morgens. Ich kann nicht weiter!“
„Wir müssen weiter! Wir müssen doch schließlich an die Maas kommen!“
„Dort ist sie ja! Dort drüben!... Nun immer nur am Ufer entlang!“
Der Wagen rannte wieder in die Nacht hinein, folgte dem Fluß, dann über eine Brücke, durch eine ausgestorbene Stadt. Immer weiter mit dem Lauf der Wellen. Der Yankee saß mit der Taschenuhr in der Hand und entzündete zuweilen ein Streichholz. Dann tat es nicht mehr not. Der neue Morgen graute. Ein Mensch stand am nebeligen Rain.
„Geht es bald ab nach Nymwegen?“
„~Que voulez-vous, monsieur?~“
„Er spricht Französisch!“
„Wir sind doch in Holland?“
„In Belgien, mein Herr!“
Der Mann sah sie tückisch wie Feinde an und war plötzlich verschwunden.
„Unmöglich! Wir hatten doch die Maas zur Linken. Also fuhren wir nach Norden!“
„Aber vorher über eine Brücke! Also maasaufwärts nach Süden!“
„Umso besser!“ sagte Schjelting. Aus einer Hecke hinter ihnen krachte es kurz und scharf. Auf der Chaussee wirbelten Staubwölkchen im Hagel des kleingehackten Bleis.
„Der Kerl schießt auf uns!“
„Er hält uns für verirrte Deutsche!“
„Schnell los, eh’ er wieder ladet!“
Sie sausten dahin, sahen sich um, waren in Sicherheit... Bis zu irgend einem neuen Schuß... Weiter ... nur immer weiter ... unter Menschen... Schjelting, der von dem Knall etwas bleich geworden war, sprang jäh im Wagen auf und schwenkte verbindlich mit slawischem Lächeln seine Kappe.
„Die Engländer! Die Engländer! Ich sehe dort hinter der Mauer ihre Bärenmützen!... Ah -- diese tapferen Söhne Marlboroughs und Wellingtons! ~Good morning, Sir --... good morning!~“
Aber der Husarenleutnant zu Pferde vor ihnen sagte auf Deutsch, durch sein Monocle die Yankee-Abzeichen der Beiden betrachtend:
„Ja -- wo kommen Sie denn her?“ Und dann zum Chauffeur: „Merken Sie denn nicht, daß Sie hier zwischen den Forts spazieren fahren, Sie Transuse!?“
Die Forts... Was für Forts? Es war nichts davon auf dieser sanft gewellten, gegen Westen ansteigenden Saat- und Ackerfläche zu sehen. Nur ein sonderbarer, endloser Erdeinschnitt, so schmal und tief, daß ein Mann gerade in ihm stehen, aber sich kaum umwenden konnte. Der junge Leutnant warf einen Blick auf die ersten, in fliegender Hast, in der Not der Stunde ausgescharrten Feldbefestigungen und sagte:
„Diese Schützengräben sind gar nichts für Neutrale! Bitte los... Richtung Herstall! Ulekamp, fahren Sie mit und melden Sie unten, die Herren kämen aus dem Abschnitt Pontisse-Liers!“
Der Wagen rollte davon. Der Husar auf dem Bock drehte sich um und deutete nach rechts in die Ferne. Dort flatterte, scheinbar über dem gewellten Erdboden, eine kleine, schwarz-weiß-rote Fahne.
„Fort Loncin!“ sagte er befriedigt. Der Amerikaner frug mit trockener Kehle:
„Wo sind wir denn?“
Und Schjelting, ebenso heiser:
„Wir sind offenbar auf einen kleinen deutschen Streiftrupp gestoßen!“
„Einen Streiftrupp..?“
Eben waren es noch ein Dutzend Lanzenreiter vor ihnen auf der Chaussee gewesen. Jetzt waren es hundert, wurden zu einem nickenden Wald von weiß-schwarzen Wimpeln. Pickelhauben tauchten dahinter auf. Erst einzeln, auf Rädern, zu Pferd, dann Klumpen, Bäche, Massen, eine graue Flut von Trommelwirbel und Piccoligeschrill, Paukenschlag und Musik, dumpfem Kollern der Geschütze. „Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ Die Häuser der Stadt, durch die das Auto fuhr, hallten von dem Gesang von tausend Kehlen. Tausend Gesichter lachten unter laubbestecktem Helmgrau, machten Witze: „Jongs, da kommen die Unparteiischen!“
Nicolai von Schjelting saß wie im Traum. Er frug sich: Was ist das für eine Stadt? Was ist das da vor uns für ein Platz, wie ein kochendes, graues Meer? Was sind das für Geräte, diese plumpen, aufglotzenden, ungeheuerlichen Geschöpfe der Urzeit, scheußlich seitlich und unten von kleinen Nebenschlünden umquollen, auf einem grotesken Räder-Rund abgestufter breiter Bretter? Was sind diese halbmannslangen, drehbaren Bulldogg-Revolver auf fauchendem Motor, diese fahrenden Trommeln mit Schornstein und Erbsensuppen-Geruch... Platz... Platz... Da donnern Ungetüme, lächerlich zwitschernd wie die Spatzen um die Ecke -- -- -- ein Lastauto nach dem andern... Warenhaus Tietz... Nordseebäderdienst... Aktienbrauerei zum Storchen... Rheinische Zeitung ... was wollen diese Leute denn hier? Dort schleppen sie Reihen sonderbarer, riesiger, eiserner Waschtröge auf Wagen ... dort fahren sie den Vogel Rock spazieren, ein Ding, wie eine zwanzig Fuß lange, leinenverhüllte Taube, dort wachsen geheimnisvolle Masten und Drahtgewirr und Räderkasten empor... Immer neue graue Massen entstehen aus dem Morgengrauen. Es ist Alles ein Traum! Ein grauer Traum. Es ist Alles nicht wahr...
„Also bitte, über die Maas! Und das Vesdrethal entlang. Der fußkranke Unteroffizier fährt bis Herbesthal mit! Los!“
Der Generalstabsoffizier war trotz der frühen Stunde im Feld so tadellos angezogen, rasiert und manikürt, als ginge er zum Ball. Er setzte hinzu:
„Hier können wir Sie nicht brauchen! Hier ist nämlich Krieg!“
Er lachte dabei. Und Schjelting hätte am liebsten mitgelacht. Alles herum lachte ja. Viele Tausende von Männern, diese ganze unwahrscheinliche Luftspiegelung einer grauen Springflut lachte.
„Verzeihen Sie eine Frage: Wo sind wir eigentlich?“
„Na, in Lüttich!“
„In Lüttich?“
„Ja, was dachten Sie denn?“
„Lüttich ist doch uneinnehmbar.“
„Gewiß!“ sagte der Generalstäbler trocken. Und die um ihn lachten wieder, als er’s übersetzte. Und die Heiterkeit rollte weithin. Und hinter dem davonfahrenden Auto her. Und Schjelting dachte sich, fahl geworden vor Schrecken: Was hat man mir denn in Paris gesagt? In London? Alle Sachverständigen? Auch der Großpapa Rigolet: Hinter der Maas sollte doch das englische Flankenheer aufmarschieren! Nun steht da mitten auf dem Platz ein Deutscher. Hält seine Morgenzigarre in der Hand. Empfängt Einen, als müsse das so sein!
„Der Fall der Festung hat Sie erschüttert?...“ sagte der steinerne Yankee. Schjelting wollte antworten: „Meine Frau ist eine Belgierin!“ und machte doch nur eine stumme Handbewegung. Ghislaine ... das lag so fern. War ohne Bedeutung. Alles. Man wurde mitgerissen. Die Dinge um Einen verloren Farbe und Wert. Feldgrau und blutrot wurde die Welt. Er sagte sich, beinahe mechanisch: „~Ah, c’est ma guerre!~“ Der Amerikaner neben ihm fuhr plötzlich auf und wies nach vorn. Ein Zucken ging über seine Züge. Da vorn kam erst endlos aus dem flimmernden Staubschleier auftauchend die eigentliche Völkerwanderung in Waffen. Ein Heerwurm von Pickelhauben wälzte sich ihnen in den Krümmungen des steilen Flußbetts entgegen. Soweit man blickte, solange man fuhr, er nahm kein Ende. Staubwolken standen über dem Brausen seines Gesangs. Staubwolken zogen sich seitlings über das Land. Staubwolken brauten noch am fernen Horizont. Ohne Anfang und Ende rollte dazwischen und hinterher das Fuhrwerk. Die Doppelgestelle der Munitionskolonnen, die Leinwandplane der Proviantwagen, die Feldschmieden und die Feldbäckereien, die schweren Parke auf dem Marsch. Schjelting sah das Stund’ um Stunde und fragte sich: Wo bleibt die Verwirrung? Es muß doch ein Chaos von Rädern, Pferdebeinen, Menschen geben. Aber nein: dies deutsche Uhrwerk läuft und schlägt... Von der ersten Stunde ab pünktlich auf die Minute...
Und nun begriff er und sagte sich: Was man gestern auf der Fahrt durch Deutschland sah, vom Klappern des Schreibmaschinenfräuleins im Bezirkskommando bis zur bärtigen Wache an irgend einer einsamen Brücke -- das da hinten war die Wolke. Hier zuckt der Blitz!
Und schlug ein. Ihn beschlich jenes seltsame erste Gefühl der Sinnlosigkeit beim Anblick der langsam auftauchenden Kriegszerstörung. Jenes weiße Schloß, mit seinen weißen Brücken im Wasserpark -- warum lagen da innen in den Zimmern so unordentlich verkohlte Balken auf den seidenen Möbeln? Eine alte Dame, ein Ölbild im Rahmen, lächelte liebenswürdig durch das zerschossene Fenster. Warum baute man eigentlich den Vordergiebel eines Hauses mit Gardinen und Blumentöpfen und dahinter weiter nichts als schwarzes Steingerümpel? Warum dies Bauernhaus da hinten nur zur Hälfte? Warum errichtete man eine Gruppe Schornsteine auf freiem Feld und grade auf so einer häßlichen, versengten Stelle? Hatte es einen Zweck, eine verbogene eiserne Veranda verkehrt an eine freistehende Brandmauer zu hängen, ein Dreieck von einem verbogenen Blitzableiter davor, und dann darunter zu schreiben: ‚~Hotel des familles~‘? Was sollte der halbe Hühnerhund auf der Straße? Die vordere Hälfte. Wo war die andere? Wer hatte jetzt die Zeit gefunden, aus dem mannshohen Pappelstumpf eine schöne Fächerpalme von weißem Splitterholz zu schnitzen? Jagte denn Niemand das sonderbar dicke Pferd aus dem Rosenbeet, in dem es so behaglich und still in der Sonne lag. Ein Hinterbein vergnügt nach oben? Der Kies zur Seite dunkelbraun. Da und dort breite, rostrote, fliegenumsummte Flecken...
Nicolai Schjelting schluckte heftig: Was hat sich dieser bärtige Kerl dort drüben mitten in der Prallsonne auf freiem Feld schlafen gelegt, um sieben Uhr Morgens -- liegt verkrümmt, mit geballter Faust, rührt sich nicht?... Päh -- wieder dieser bittre Rauchgeruch in der Nase... Geruch von etwas Angebranntem? Wer brät denn da die Ochsen ganz, wie bei der Kaiserkrönung des Mittelalters, und noch dazu im eigenen Stall und mit dem eigenen Stroh des Dachs? Rasch eine Papyros an die Lippen... Was war das im Vorbeiwehen für ein furchtbarer Verwesungsdunst am Weg aus verschütteten Kellerluken? Was bedeutete dies Kanapee mitten im Kartoffelacker?... Die drei leeren Stühle am Kreuzweg?... Waschbecken und blutbeflecktes Handtuch auf einem?... Weshalb räumte man das nicht auf? Die Deutschen waren doch sonst so ordentlich...
‚Vorsicht! Marie ist krank!‘ Warum hebt der Unteroffizier vor der Kreideinschrift an der Wegbiegung warnend die Hand zum Chauffeur? Warum reißt der den Wagen zur Seite? Da ist die kranke Marie. Eine abgestürzte Lokomotive mit zerschelltem eisernen Eingeweide. Warum räkeln sich denn überall diese Lokomotiven neben der Bahn, statt daß sie auf ihr stehen, und strecken wie die Maikäfer auf dem Rücken ihre drei Räderpaare in die Luft? Welcher kirchturmlange Riese hat denn alle tausend Schritt so dumm gespaßt und Reihen von Eisenbahnwagen von den Schienen in die Tiefe gefegt und zu einem Brei von Stahl und Holz zertreten, auf dem noch steht: ‚~Défense de fumer~‘? Warum hat das unsichtbare Ungetüm, weil es grade dabei war, im Weiterbummeln die Telegrafenstangen bündelweise wie Streichhölzer geknickt und die stählernen Brücken in der Mitte mit einem Handgriff auseinandergebogen, daß die Schnörkel zierlich in die Luft starren? Warum hat es im Wasser unten die vielen Autos ertränkt? Die Kette von Lowrys drüben am andern Ufer mit einem herausgerissenen Eichbaum erschlagen und liegen lassen?
Wer hat das Zweirad an den Baum gelehnt und ist weggegangen, Gott weiß wohin? Was sind das für viele, kleine frische weiße Holzkreuze mit Pickelhauben und verwelktem Laubkranz mitten in zertretener Saat? Warum haben sich diese deutschen Eisenbahnbeamten in dem entgleisten Schlafwagen vor dem Tunnel eingerichtet wie die Biber im Bau, kochen da, schlafen auf Stroh, telefonieren in die dunkle Nacht der Wölbung hinein, aus der Pioniere kommen, der kalte Luftzug Stimmen und Hammerschläge mit sich trägt? In seinem Hauch tanzen dicht davor am aufgehängten Faßreif die drei lebensgroßen, ausgestopften Puppen: Albert von Antwerpen, der Zar, Poincaré! Der dicke Landwehrmann schreibt bedächtig, wie daheim als Gastwirt seine Speisekarte, unter die drei wirbelnden Schächer: ‚Mit unserer Macht ist nichts getan! Wir sind gar bald verloren!‘...
Wer ist nur der unsichtbare Riese, der hier Alles so durcheinanderwirrt? Der dem Kirchturm da vorsichtig seine Stützmauern wegzieht, daß die Uhr oben wie ein Vogel beinahe in freier Luft schlägt? Warum liegt die ganze Dorfstraße vor dem Schulhaus voll von Uniformstücken, lehmigen Stiefeln, weißen und dunkelroten Lappen? Die Genfer Kreuz-Fahne über dem Eingang. Eine bleiche Krankenschwester tritt auf einen Augenblick heraus, schöpft hastig frische Luft, geht wieder hinein. Schjelting und sein Begleiter folgten ihr mit den Augen, fuhren zusammen, wurden stumm und gelb, wünschten, daß das Auto Flügel hätte, um dem Anblick zu entfliehen...
Und Nicolai Schjelting dachte sich: Das ist der Krieg. Nein. Sein erstes Aufdämmern nur. Sein schwacher Anfang. Der Krieg, an dem ich in meinem „~Essai contre le Teutonisme~“ den Geist in tausend Fazetten schliff, den unsere politischen Petersburgerinnen auf den lächelnden Lippen führten, wenn sie nicht grade verzuckerte Kronsbeeren dazwischen schoben. Der Krieg, den dicke Männer in Frack und blau-weiß-roter Schärpe beim Ehrenpunsch der Patrioten-Liga in Paris mit einer großen Geste begrüßten. Der Krieg, über den die belgische goldene Jugend in den Kaffeehäusern Witze riß, weil sie nichts von ihm wußte. Der Krieg, der in der City nur die eine Seite des großen Hauptbuchs der Gewinn- und Verlustrechnung war. Nicolai Schjelting fuhr empor, in einem Zorn, in einer Angst, in einer Handbewegung der Abwehr: Nicht um Euch geht es mehr! Nicht um Jobber und Mondänen, um Stutzer und Festschwätzer dreht sich mehr die Welt. Sie wurde anders über Nacht. Wurde finster. Wurde furchtbar. Die Wirklichkeit ist da. Unsere Gedanken wurden zur Tat. Wir ließen den unbekannten Riesen von der Kette...
Um ihn herum donnerte, lachte, lärmte, befahl, pfiff, sang, wirtschaftete mit tausend Zungen, Kehlen, Händen, Beinen, qualmenden Lokomotivschloten, fauchenden Motoren, rollenden Rädern, wiehernden Pferden, brüllenden Ochsen, schrillen Signaltrillern, schmetternden Trompetenfanfaren, lief, sprang, drängte sich in grauem Gewimmel der unsichtbare Riese. Nicolai Schjelting stand vor dem Bahnhof in Herbesthal. Er sah den stürmenden, mit rastlosem Schlagen hämmernden Pulsschlag der Etappe hinter der Front. Er sah, wie die endlosen bekränzten Züge einliefen, wie auf den Hornstoß: ‚Geht langsam vor!‘ feldgraue Sturzbäche aus den Abteilen sich ergossen, Bahnsteige und Schienen weit überschwemmten. Er sah, wie ein Güterwagen sich in endloser Reihe an den andern schob. Vorsichtig -- ohne Stoß. In jedem schlief tausendfach, in Granaten- und Schrapnell-Wölbung gebannt, der Feindestod. Er sah das langsame, feierliche Zurückrollen langer Reihen weißer Wagen mit dem roten Kreuz. Sah um sich immer wieder diese furchtbaren, lachenden, jungen Mienen, die wild blitzenden Augen, hörte wieder den ehernen, tausendstimmigen Vollklang: ‚Deutschland, Deutschland über Alles!‘ Drüben winkten die Verwundeten, Einzelne richteten sich auf und sangen mit. Ein ungeheurer Höhenrausch hob all die Menschen umher empor über Tod und Leben und Ich und Vergangenheit. Und Nicolai Schjelting stand vor einem fliegersicher eingedeckten Benzintank und las mechanisch das Verbot, die oberste, noch gefährliche Wassertröpfchen enthaltende Benzinschicht an die Luftfahrer statt an die Kraftfahrer abzugeben, und dachte sich dumpf: die Deutschen denken an das Kleinste! Aber was ist klein und was ist groß?
„Ihre Papiere sind in Ordnung!“ sagte neben ihm eine Stimme. „Nun fahren Sie unverzüglich wieder über Moresnet nach Holland!“