Das deutsche Wunder: Roman

Part 21

Chapter 213,645 wordsPublic domain

„Der Amerikaner ist gottvoll! Der macht ’n Gesicht, wie ’ne Katze, wenn’s donnert!“ sagte der kleine Graf halblaut. Nicolai Schjelting stellte sich schlafend. Er dachte sich: Immer hat man gehört, die Deutschen werden in den Kasernen geknechtet. Und da kommen sie, nach langen Jahren, von weit her zu ihren früheren Offizieren... Wieder Stimmen um ihn:

„Sie sind gewiß ein Frankfurter, Herr Doktor, nach Ihrer Sprache?“

„Nicht weit davon! Ein Offenbächer! Aber hören Sie ’mal den da draußen: wenn das kein Pälzer ist...“

„M’r wird doch noch kreische derfe... Wie?... Ha, freilich bin ich schon im Landsturm!“

„Der ist ja noch gar nicht einberufen!“

Aber der Metzgermeister und Kriegervereins-Vorstand aus der Pfalz verstärkte seine Lungenkraft.

„Jo -- do könnt’ ich lange warte! Ich will nix, als norr zu mein’m alten Regiment nach Nürreberg. Bei sellerer Artillerie hab’ ich als junger Borsch g’stanne. Do gehör’ ich nei!“

Und wieder frug sich Nicolai Schjelting: Das Volk ... ja aber da ist doch das Volk ... es drängt sich herein -- -- setzt sich zwischen seine Bedrücker, ist mit ihnen ein Herz und eine Seele... Wenn ich wirklich Amerikaner wäre, wofür sie mich halten -- ich müßte mich wie zu Hause fühlen, so gleich ist Einer dem Andern. Wo bleibt der Aufschrei der Massen!... Ah -- da endlich ein Weinen!

Der junge, kaum achtzehnjährige Mensch vor ihm kämpfte wirklich mit bitteren Tränen. Er war sauber gekleidet, guter Leute Kind, und hatte eine Pappschachtel mit seinen Habseligkeiten unter dem Arm. An dem schüttelte ihn Einer:

„Zum Donnerwetter -- wer flennt denn da? Sind Sie denn schon einberufen?“

„Sie wollen mich ja nirgends haben! Bei sieben Regimentern hab’ ich mich schon gemeldet. Immer sprechen sie, das wär’ noch nichts mit meinem Brustumfang...“

Er schaute kummervoll mit nassen Augen auf. Es zeigte sich, daß er ein Kaufmannslehrling aus Kassel war. Nun hatte er seine Stellung aufgegeben und reiste überall herum mit seinem Pappbündelchen unter dem Arm, und sie mochten ihn nicht. Seine Hoffnung war jetzt die Marine. Er war auf dem Weg nach Wilhelmshaven. Man tröstete ihn. Der Student gab ihm eine Karte:

„Mein alter Herr ist Staatsminister! Schlimmstenfalls kann er ’was für Sie tun! Aber eilen Sie sich. Er rückt zugleich mit mir und meinen Brüdern aus!“

Und vom Gang her rief es aufmunternd wie ein Hauch von Salz und See:

„Jong... Jong... Kopf hoch... Dich können wir bruken!“

Ein blonder Siegfried von einem deutschen Seemann war es, auf dem Weg von seinem Handelsschiff in Genua zu seinem Gestellungsort in Kiel. Er stand mit ein paar deutschen Köchen und Kellnern, die aus der Schweiz zu ihren Regimentern eilten. Er trug Bürgerkleid wie sie und all die Andern. Aber es war Nicolai Schjelting in seiner Ecke, als hätten sie alle zusammen schon denselben Waffenrock, denselben Willen, den die Pickelhaube krönte. Er begriff das nicht. Er versuchte, es sich zu analysieren. Er frug sich: Wie können die Deutschen denn jetzt auf einmal einig sein? Fröhlich? Herzlich wie Brüder. Der Alkohol? Er ist ja auf allen Bahnhöfen gesperrt. Nein: dieser Rausch kommt ihnen von Innen...

Dieses neue Fiebern und Brausen. Dieses tausendstimmige ‚Deutschland, Deutschland über Alles!‘ über strudelndem Menschengewoge. Es war wieder wie das grimme Lachen eines unsichtbaren Riesen unter der Bahnhofswölbung von Nürnberg. Dann fuhr der Zug wieder in die Nacht hinaus. Man schlief. Aber die draußen auf dem Gang Stehenden hatten kleine elektrische Taschenlampen, sahen nach der Uhr, lösten auf die Minute alle zwei Stunden die Innensitzenden ab wie die Schildwachen. Das war im Handumdrehen organisiert. Nicolai Schjelting saß wach. Er sann: Was haben diese Leute für Nerven? Sie haben ihre Heimat verlassen, Abschied von ihren Eltern und Familien genommen, ziehen in einen furchtbaren, aussichtslosen Krieg gegen die halbe Erde, und dabei schlafen sie! Und wenn sie aufwachen, machen sie womöglich im Dunkeln miteinander Witze... Wahrlich -- wenn sie nicht so verblendet wären, könnte man sich vor ihnen fürchten...

Ein Frösteln der Seele überlief ihn in der glühend heißen Augustnacht. Er prüfte sich mit gerunzelter Stirne. Er liebte es, immer mit sich und über sich im Klaren zu sein. Das war sein Vorsprung vor der Verschwommenheit allrussischen Denkens. Und er gestand sich: Das war etwas, was er noch gestern für unmöglich und lächerlich gehalten hatte. Das war Angst vor Deutschland! Unbegreifliche Angst...

Er wollte sich beruhigen: Das sind die Nerven. Die schlechte Luft. Die Enge zwischen diesen schnarchenden Teutonen. Man ist im Gefängnis. Wehrlos. Wenn sie mich entdecken, schlagen sie mich tot, oder werfen mich aus dem Zug. Diese lachenden Leute sind zu Allem fähig...

Nicolai von Schjelting schluckte ein paar mal heftig. Er hätte gewünscht, im Freien zu sein. In der schützenden Finsternis draußen. Seine Angst stieg und stieg. Er hielt es kaum mehr aus. Er wollte sich mechanisch eine Papyros drehen und zuckte im letzten Augenblick zurück. Um Gotteswillen -- dadurch verriet er sich wieder als Russen! Bei jeder Gelegenheit! Nur fort von hier ... fort... Das da um Einen -- das war nicht mehr der Deutsche Michel...

Der Zug hielt. Noch vor einer Station, die keine Einfahrt gab. Es schien ein Vorort von Leipzig zu sein. Man hörte es aus den Gesprächen von Menschen draußen, die aus den Wagen kletterten. Offenbar wohnten sie in der Nähe und legten die kurze Strecke lieber zu Fuß zurück. Nicolai Schjelting sprang auf, drängte sich zwischen den vielen verschränkten Beinpaaren durch, atmete auf dem Bahnsteig die kühle Morgenluft ... ah ... man war gerettet... Er fand sich allein auf einer der äußersten Randstraßen des rings um Leipzig gelagerten Fabrikgürtels, im Dämmergrauen, halb auf freiem Feld, halb zwischen den letzten Häusern. Und doch war ihm plötzlich jubelnd ums Herz. Er sagte sich: Hierhin hat mich das Schicksal geführt. Dies ist die Stelle, wo Deutschland sterblich ist. Ich habe dieses Problem studiert. Ich habe in meinem „~Essai contre le Teutonisme~“ geschrieben: Industrialismus und Militarismus heben sich in Wilhelms Landen gegenseitig auf. So wird uns in der Stunde der Entscheidung dort kein Bismarck, sondern ein Hamlet gegenüberstehen. Die Pangermanisten kennen sie wohl, diese Hymne: ‚Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will!‘ Sie wissen, daß dann allüberall eine schwielige Faust den ehernen Riegel des Volkswillens vor die Fabriktore legt!

Es glühte noch kaum das erste Morgenrot im Osten, und doch war ringsum im Zwielicht eine geheimnisvolle Helle, ein rotflackerndes Atemholen der Schlote, purpurnes Funkensprühen, ein summendes Stampfen von Nah und Fern. Im Zwielicht lebten die Wege. Waren erfüllt von langen Zügen dunkler, rüstig schreitender Männer. Reihen von Radfahrern schossen an ihnen vorbei. Die ersten Straßenbahnen klingelten. Nicolai Schjelting fuhr sich über die Stirne und sah im dumpfen Staunen: Deutschland ging, als wäre nichts geschehen, auch heute morgen mitten im aufziehenden Weltkrieg an die Arbeit...

Es fiel ihm schwer, das zu glauben. Wo blieben die roten Fahnen? Es wurde hell. Nichts war zu erblicken als Ordnung und Ruhe. Schjelting schritt nach der Stadt... Er sagte sich zum Trost: Man hat diese Enterbten unter die Waffen gerufen. Sie werden da innen irgendwo zusammenströmen, um zu protestieren! Ah -- da biegt es um die Ecke -- es nimmt kein Ende -- ein vielhundertköpfiger Zug. -- Sie marschieren in Schritt und Tritt, diese jungen Männer -- sie singen -- aber sie singen ein Schlachtlied des Trotzes! Das Pflaster zittert unter dem Tritt der Arbeiter-Bataillone... Die Kriegspartei zittert vor ihnen...

Er drängte sich heran. Er beugte atemlos, mit aufgerissenen Augen, den Kopf vor, um die Worte des brausenden Massenchors aufzufangen. Hunderte, die Bündel unter dem Arm, auf dem Marsch zur Kaserne sangen es in Schritt und Tritt:

„Mit Herz und Hand für’s Vaterland...“

Nicolai Schjelting eilte davon, blindlings die Straßen hinab, durch das immer wildere Gewimmel der Innenstadt, die Fahnen, das Hurrah, die Umzüge, alles, was er nun schon kannte. Er erreichte den Hauptbahnhof. Auch da, trotz des frühen Morgens, ein unabsehbares Gewühl. Aber sonderbar: ein unsichtbares Uhrwerk regelte das Chaos. Für jeden war gesorgt. Auch er fand seinen Stehplatz im Gang eines Wagens nach Berlin. Eben als man abfuhr, sprang noch ein kleiner, behender Sachse auf und drängte sich neben ihn.

„Gottvertimmich! Ich mächte doch ooch mitgommen!“

Dann winkte er, noch atemlos, seinen Freunden draußen:

„Adche Leipz’g! Mir wärsch lieber, ich wär schon in Johannisthal! Nu -- ich schreib’ Eich von dort ne Garte!“

Er erzählte unaufgefordert denen um ihn, daß er Optiker von Profession sei und sich als Flieger ausbilden lassen wolle. Ein stämmiger Maurer, in der zweiten Hälfte der Zwanzig, neben ihm, meinte trocken:

„Aujust -- fall nich’ von’s Jerüste!“

Und der Zweite, mit Vollbart, sein Arbeitskollege, sagte in tiefem Baß:

„Mensch: woher nimmste denn den Zimmt?“

„Hären Se -- ich hab doch mei’ Erspartes! Machen Sie ooch nach Berlin?“

„Ja, wat jloobste denn, daß die Jardepioniere ohne mir anfangen?“ sagte der Maurer geringschätzig. Und der Zweite mit dem heiseren Baß:

„Wat der Nicolajewitsch is, da wär’s doch jut, wenn der seine Knochen beizeiten numerieren tät’! Nachher will es wieder Keiner jewesen sind!“

„Pst! Wat schaut denn der da neben uns so ’rüber?“

„Der? Det is nur ein janz entfernter Fremder von außerhalb! Der kann nur Amerikanisch! Da kannste schreien wie Du willst -- der versteht Dir nich!“

Die beiden Berliner trugen rote Federchen am Schlapphut, der Leipziger eine blutrote Kravatte. Sie erkannten sich als Genossen. Der im Bart frug:

„Sind Sie ooch orjanisiert?“

„Nu freilich! Was dänken Sie denn?“

Und es ging Nicolai Schjelting durch den Kopf: Wie ist denn das mit Euch? Ihr seid doch die Unzufriedenen. Der eigene Hemmschuh der Teutobarbarei. Der Kummer Potsdams. Auf Euch steht unsere Hoffnung. Und nun?... Der Maurer neben ihm brannte sich eine Zigarre an.

„Ich war lange jenug im Osten uff Arbet, nah bei die Russen. Ich kenne die Brieder. Senge muß der Blutzar besehen, daß er denkt, Ostern und Pfingsten fällt uff eenen Tach!“

„Nieder mit dem russischen Despotismus!“ sprach der Andere. Er lachte nicht mehr. Jetzt war ein heißer und starker Haß in seiner tiefen Stimme. Nicolai Schjelting fuhr sich unwillkürlich mit der Rechten über die Augen, als lüftete sich da eine Binde. Also so war das?... Er frug sich: Ja, aber wo bleiben denn da die Methoden unseres experimentellen Denkens? Deutschland war doch für uns ein Präparat unter dem Mikroskop. Die pathologischen Resultate waren festgestellt, an der Seine und Themse, wie an der Newa. Und nun auf einmal... Ah, wir täuschen uns nicht. Diese Deutschen täuschen sich. Sie sind in einem Fieber!

„Morjen, Morjen, Herr Karfunkelstein! Immer flott auf der Tour bei die Zeiten?“

„Wie heißt auf der Tour, Herr Krause?“

„Na -- reisen Sie in Bettfedern oder nicht?“

„Zu meinen Eltern reise ich, nach Berlin. Um adieu zu sagen. Morgen werd’ ich in Zittau eingekleidet!“

„Nanu! Ich denk’, Sie hat man nicht brauchen können, voriges Jahr bei der Musterung!“

„Jetzt hab’ ich mich aber doch als Kriegsfreiwilliger durchgeschmuggelt!“ sagte der blasse junge Handelsbeflissene triumphierend. „Mein Vetter Sally auch! Und der kleine Lesser von Boas und Kompagnie, wenn Sie den kennen!“

Das wurde hinter Nicolai Schjelting gesprochen. Vor ihm sagte im Gedränge ein Achtzehnjähriger aus gutem Hause zu einem weißhaarigen Herrn:

„Es wird fein! Unsere halbe Prima geht ’raus mit dem Ordinarius zusammen!“

„Nun, Gott mit Euch Allen!“

„Ach, auf uns junge Leute kommt’s ja nicht so an! Besser wir fallen, als die Verheirateten!“

Wieder dachte sich Nicolai Schjelting: Die Deutschen fiebern! Sie lachen, aber sie sehen sich dabei an, als hätte Jeder über Nacht Ehrfurcht vor dem Andern bekommen. Einer wächst durch den Nächsten! Irgend etwas trägt sie empor. Sie verlieren den Boden unter den Füßen. Sie schweben über den Dingen. Das sind Symptome, die sich nicht so rasch analysieren lassen... Nun: wir nähern uns Berlin! ~Voilà le revers de la médaille!~

Er hatte sich angewöhnt gehabt, in seinen Petersburger Damenzirkeln im Salon Ignatjeff an der Newa, von Berlin nachlässig im Ton eines höheren Nachtasyls zu sprechen. Schlecht angezogene Leute und Dollar-Jagd bei Tag, Vergnügungstaumel, die Friedrichstraße bei Nacht, halb Chikago, halb Babel. Jetzt schätzte er es in seinen Gedanken höher ein. Es war die ragende Hochburg der Verneinung für ganz Deutschland. In der Spree floß nicht Wasser, sondern Lauge. Die geschmacklosen Zinspaläste an ihren Ufern waren die steingewordene Unzufriedenheit der preußischen Bürgerseele. Ah, nun würden die Steine reden! Die Steine von Berlin...

Sein Herz jubelte, als er, in Eile durch Koffer und Wäsche-Ankauf neu ausgerüstet, am Fenster seines Hotels am Brandenburger Tor auf die Linden hinausschaute. Da unten war endlich das Volk! Das wirkliche deutsche Volk. Ein Meer von Köpfen und Hüten. Eine unabsehbare schwarze Masse. Nicht mehr nach Tausenden, nur noch nach Zehntausenden zu zählen, vom Brandenburger Tor bis zur Spreebrücke. Es grollte und rauschte unheimlich aus diesen Tiefen wie der Donner zürnender Brandung. Auf Nicolai Schjeltings abgespannte Züge kehrte die lächelnde Ironie zurück. Er eilte hinunter, das Sternenbannerchen im Knopfloch. Hier im Hotel war alles voll Yankees und reisefertiger Briten. Der Krieg von England noch nicht erklärt. Er fühlte sich wieder ganz sicher inmitten der guten Deutschen. Er trat Unter den Linden auf einen Schutzmann zu, dem dienstfertige deutsche Gastfreundschaft das englische Dolmetscher-Zeichen verliehen, und frug:

„Wohin wollen diese Bürger Alle?“

„Zum Kaiser!“

Der Schutzmann wies nach dem fernen Grau des Hohenzollernschlosses. Ein kaum sichtbares Blinken von Uniformpünktchen war da auf einem Balkon. Helle Damenkleider. Eine Stille. Dann ein Brausen, wie wenn der Sturm über die Meeresfläche fegte. Das Auffliegen von Tausenden von Hüten und weißen Tüchern gleich den Schaumspritzern über den Wellen. Hoch oben von den Dächern wie Flaggenflattern am Schiffsmast die Reichsbanner mit dem Eisernen Kriegskreuz, der schmetternde Pariser Einzugsmarsch vor der verlassen daliegenden französischen Botschaft. Und dann weiterhin, die Linden hinauf, das Sturmlied von Blut und Eisen: „Ich bin ein Preuße! Kennt Ihr meine Farben?“ Tausende sangen es mit. Schjelting wandte sich wieder zu einem Schutzmann:

„Wo sind denn nun die Unzufriedenen?“

„Was für Unzufriedene?“

„Giebt es denn keine?“

„Höchstens als wie ich!“ sagte der Schutzmann Nr. 20103. „Daß ich nicht mit ’raus darf! Unabkömmlich! Aber ich werd’ denen was husten! Ich komm’ schon noch mit!“

Nicolai Schjelting stand wieder im Hotel. Er befahl geistesabwesend:

„Eine Fahrkarte. Zum nächsten Zug nach Kopenhagen!“

„Bedaure! Es geht keiner mehr! Um Mitternacht schließt in ganz Deutschland der Eisenbahnverkehr!“

„Auf wie lange?“

„Mindestens für Wochen. Vielleicht für Monate!“

Er suchte sein Zimmer auf, setzte sich hin, starrte verstört vor sich nieder. Gefangen! Was war denn das? Das hatte er nicht erwartet. In Deutschland wurde Einem doch sonst alles so bequem gemacht. Namentlich einem Amerikaner, für den er galt. Mit etwas Dünkel kam ein Ausländer da immer durch. Er frug unten am nächsten Morgen noch einmal:

„Die Fremden müssen doch abreisen! Früher nahm man doch auf sie jede Rücksicht.“

„Gewiß!“

„Warum nun auf einmal nicht mehr?“

„Ja, jetzt befehlen unsere Offiziere!“

Draußen wimmelte es von Offizieren. Viele nun schon in Feldgrau. Die Menge machte ihnen überall Platz. Die Massen schienen Schjelting noch gewachsen, die Stimmung noch gehoben. Ein feierliches Leuchten auf allen Gesichtern. Deutschland rüstete sich zum vierten August. Er, der Russe, verstand den deutschen Auferstehungstag nicht. Er hatte in der Verklärung draußen plötzlich noch eine letzte Hoffnung. Er sagte sich im Lauf der nächsten Tage: Wie war denn das mit Deutschland? Es trug in letzter Zeit nicht mehr die Pickelhaube, sondern kam mit dem Musterkoffer über die russische Grenze. Nicht mehr aus Potsdam, sondern aus Essen. Es nutzte nicht die heilige Allianz, sondern den neuen Handelsvertrag. Es war überall. Auf der ganzen Welt hatte es sich sein windiges Gerüst industrieller Unternehmungen gebaut. Nun kommt der Orkan. Wirft seine Kartenhäuser über den Haufen. Das Ende ist da...

Er lief hinüber in die Behrenstraße. Die dehnte sich still und friedlich. Nicht mehr Menschen als sonst gingen durch die Portale der Banken aus und ein. Er bog um die Ecke der Französischen Straße. Dasselbe Bild. Er stand auf dem Opernplatz vor der Dresdener Bank. Wieder das Gleiche. Diese deutschen Finanzpaläste ragten stumm und unerschütterlich, Schulter an Schulter, wie von Kopf bis zu Fuß gepanzerte Ritter.

Er bemäntelte sein hartes Russisch-deutsch, indem er am Bankeingang sagte:

„Ich komme aus Ostpreußen! Kann man da bei Ihnen herein?“

„Nu jewiß!“

„Ich meine, weil man so wenig Leute sieht...“

„Na, die Börse is doch jeschlossen!“

„Aber die vielen Tausende, die um jeden Preis jetzt ihr Erspartes wiederhaben wollen!“

Der Pförtner sah kopfschüttelnd den Herrn aus Ostpreußen an.

„Davon ist hier nischt bekannt!“

Und ein herauskommender Kassenbote ergänzte:

„Immer kalt Blut und warm anjezogen!“

Nicolai Schjelting schritt durch die Säle. Menschen genug. Geschäftiges Hin und Her. Gedränge und Wortwechsel an einzelnen Schaltern. Aber wenn man näher trat, hörte man meist Englisch, Spanisch, slawische Laute vom Balkan. Ausländer, die in Eile ihre Beglaubigungsbriefe zu Geld machen wollten. Die Deutschen, die verzweifelten, geängstigten Deutschen, die er mit grausamer Neugier suchte, fand sein Auge nicht. Die Deutschen waren draußen. Ein ungeheures Brausen klang vor den Fenstern, aus dem schwarzen Menschengewimmel der Linden. Sturmstöße von Hurrah über dem Meer von Köpfen, zu den grauen Zinnen jenseits der Spree empor, auf denen das Kaiserbanner purpur-golden vor dem tiefblauen Sommerhimmel wallte.

Auch dies ist anders als ich dachte, sagte Schjelting zu sich. Er stand immer noch, in Gedanken versunken, vor der Bank. Ein kleiner, dicker, brünetter Herr, mit pechschwarzen Rattenaugen in dem pfiffigen Gesicht kam heraus, stutzte und grüßte ihn. Er erkannte Achille Macrî, den Petersburg-Pariser Finanzagenten, den er zuletzt in Konstantinopel gesehen. Er frug den Levantiner halblaut auf Französisch von obenher:

„Nun... Sie noch hier?“

„Ich bin doch griechischer Staatsangehöriger. Ein Neutraler! Aber Sie, Herr von Schjelting?“

„Ich kann doch nicht mehr fort. Sie müssen mir helfen!“

„Unmöglich!“

„Nun: Im September werden hier in Berlin unsere Ussuri-Kosacken die Stirnringe der Gurkhas küssen! Man wird sich dann in Petersburg erinnern, wer am Vorabend des Siegs einen Sohn des großen Rußland im Stich ließ!“

Seltsam, in dem Augenblick, wo er das sagte, glaubte er nicht mehr so fest an den Sieg, wie sonst. Das schien ihm selbst unbegreiflich und unmöglich. Aber es war so. Auf Achille Macrî indessen machte die Drohung Eindruck. Er rollte unruhig die schwarzen Augen:

„Es fährt ein Amerikaner in dieser Woche im Auto nach Holland. Man hat es ihm erlaubt. Ich kenne ihn... Haben Sie gefälschte Pässe?“

„Wie denn nicht? Eben einen amerikanischen! Von einem unserer ersten Moskauer Spezialisten!“

„Dann halten Sie sich bereit!“

Als er einige Zeit später früh Morgens von Achille Macrî abgeholt wurde, lächelte er geringschätzig und warf die glimmende Zigarette im Hinabsteigen auf die Teppichecke.

„Haben Sie vor ein paar Tagen diesen Lärm Unter den Linden gehört? Diesen Jubel?... Diese Teutonen sind doch wie die Kinder! Sie lassen sich allen Ernstes aufbinden, Lüttich sei gefallen!“

Die beiden Ausländer sahen sich an und platzten gleichzeitig heraus. Schjelting war plötzlich guter Laune. Er lachte ebenso herzlich wie der Andere.

„Da sieht man, was man den bebrillten germanischen Augen bieten kann! Lüttich -- diese uneinnehmbare Panzerfestung, von Brialmont selbst erbaut, auf einem Nachmittagsspaziergang mit dem Bajonett genommen! Und sie glauben’s. Sie glauben’s!“

„Es sind Spaßmacher, diese Deutschen!... Da ist das Auto. Gestatten die Gentlemen: Mr. Ley...“

„Mr. Frank!“

Es war ein schweigsamer, älterer Amerikaner, mit einem faltigen, steinernen und sorgenvollen Gesicht. Er schwieg und sah nur zuweilen ungeduldig auf die Uhr. Schon nach einer halben Stunde Fahrt frug er:

„Was ist das für ein Platz?“

„Potsdam.“

Das preußische Sparta lebte von Soldaten. Trotzige Kreideinschriften an den Kasernentoren verkündeten: ‚Hier werden noch Kriegserklärungen entgegengenommen!‘

Schjelting zuckte die Achseln. Nun ja -- die Garde! Nun ja -- Potsdam! Nun ja -- Berlin! Das war nicht Deutschland! Deutschland, in seiner Not und seinem Bangen jedes Einzelnen und Kleinen, seiner Verzweiflung in Haus und Hütte, das würde man jetzt erst sehen! Man fuhr ja mitten durch Deutschland, bis an den Rhein.

Da schon ein Stück: Ein märkischer Edelhof, einstöckig, langgestreckt, im grünen Park. Der alte Junker auf der Freitreppe, mit Frau und blonder Töchterschar, Mamsellen und Mägden. Vor ihnen im Sattel ein junger Ulanen-Leutnant.

„Gott befohlen!“

„Kriegsheil!“

Galopp! Weg. Und der alte Herr grimmig zu dem Frauenvolk:

„Nu mal Kopp hoch! Alle Viere werden sie wohl nicht wiederkommen, Mutter! Na ... dann ist’s eben Zeit, daß wieder ’mal ’n Kalck für den König stirbt!“

„Können wir nicht rascher fahren?“ frug Schjelting nach einer Weile des Schweigens. Der Chauffeur zuckte die Achseln. Man wurde ja alle Augenblicke, so wie eben an dem Schloß, von den Schutzwachen angehalten, die Papiere durchbuchstabiert. Nie fehlte einer der bärtigen Männer auf seinem Posten.

„Es sind Pedanten der Pünktlichkeit, diese Deutschen,“ sagte Schjelting. Sie hielten wieder in einem Dorf. Die bekränzte Kirchentüre war weit offen. Ein weißhaariger, greiser Emeritus auf der Kanzel. Der Gesang der Gemeinde:

„Wir treten zum Beten Vor Gott den Gerechten...“

Er segnete eine Anzahl junger Männer, die vor ihm knieten. An ihrer Spitze ein vollbärtiger Reserveleutnant in Uniform.

„Es ist sein Sohn, der jetzige Ortsgeistliche. Er zieht als Offizier mit seinen Pfarrkindern ins Feld.“

„Der Pfarrer selbst?“

„Ja.“

Schjelting hörte es. Der Amerikaner frug ihn im Weiterfahren:

„Friert Sie’s?“

„Der Morgen ist kühl!“ sagte er und wickelte sich fröstelnd in seinen Mantel. Der Andere seufzte und rechnete:

„Morgen Nacht am Hook van Holland! Ich erreiche in Liverpool noch die Mauretania.“

„Haben Sie es so eilig?“

„Ich sollte längst drüben sein. Ich hatte hier eine Operation. Die deutschen Ärzte haben mir das Leben gerettet.“

Deutschland ringsum in Sommerfrieden und Erntesegen! Ährengold unter dem Himmelsblau. Die weißen Kopftücher der Frauen und Mädchen, die mit der Sichel die Garben schnitten, die grauen Schlapphüte der Wehrkraftjungen, die sie zu den kuhbespannten Leiterwägen schleppten.

Wo die Pferde? Sie füllten in langen Zügen die Landstraßen. Sie quollen in Massen aus allen Dörfern, von Knechten geführt. Schjelting dachte: Man sollte gar nicht glauben, daß es so viel Pferde auf der Welt gäbe...

Wo die Männer? Sie kamen aus jeder Hütte und aus jedem Haus. Sie wanderten auf allen Ackerpfaden, einzeln und in Gruppen. Sie nahten sich aus entlegenen Forsthäusern und Windmühlen. Es gab keine Schwelle, wo nicht Einer stand und Abschied nahm. Jeder hatte die gleiche Haltung. Jeder schritt rüstig, in wortkarger norddeutscher Art, der Station, der Kreisstadt in der Ferne zu. Nicolai Schjelting warf den Kopf zu dem Amerikaner herum.

„Können Sie begreifen? Diese Leute kommen von selbst! Niemand holt sie. Kein Kosack treibt sie. Wie ist das möglich? Dabei sind es nicht mehr die ganz Jungen. Sie lassen Weib und Kind zuhaus.“