Das deutsche Wunder: Roman

Part 20

Chapter 203,617 wordsPublic domain

„Aber wir waren’s Alle! Es ging uns zu gut! Wir haben nicht mehr gewußt, was uns nottat!“

Sie schritten Arm in Arm weiter, umbrandet und umbraust von dem Rauschen eines uferlosen Meeres. Tausend Töne lebten darin, Gesang und Geschrei, Lachen und Grollen, und es war doch nur ein einziger unermeßlicher Gleichklang, das Atmen einer einzigen Brust. Alle Gesichter umher schienen einander ähnlich, leuchtende Blicke in unerschütterlich ernsten Mienen, ein großes Geheimnis über Jedem und Allem, eine trunkene und doch feierlich erhobene Stimmung, wie das letzte Abendrot dort über den Dächern oder wie das Morgenrot des kommenden, ungeheuren Tags.

Inge blieb stehen.

„Du... Was war das nur mit uns bisher?... Warum waren wir nur so verblendet...?“

„... weil wir Deutsche sind, Kind! Wir vertragen uns immer erst, wenn wir müssen! Aber dann auch gründlich!“

„Ach Gott ja -- was hat Jeder aus sich für ein Wesen gemacht!“ sagte Inge, während sie weitergingen. „Da dachte man, es käme auf Einen an und kam sich wichtig vor -- und nun sieh’ mal hier die Menge...“

„Ja, heut’ gefallen mir die Leute, durch die Bank!“

„Wer wußte denn auch, daß wir seit Jahren am Rand des Verderbens hingegangen sind...“

„Wir haben’s Euch ewig gepredigt!“

Die Leute umher machten unwillkürlich dem Hauptmann in Feldgrau Platz. Junge Männer schauten ihn ernst an, mit dem Gedanken: Also so Einer wird uns führen! Mütter betrachteten ihn, und es lag in ihrem Blick: Euch vertrauen wir unsere Söhne an! Ein vornehm gekleideter Herr sagte zu seiner Frau: „Siehst Du die roten Streifen? Das ist der Kopf! Wir von der Landwehr sind bloß die Faust...“

„Deutschland, Deutschland über Alles!“ Wieder klang das Lied. Ein Trupp Studenten in bunten Mützen zog vorbei. Auf dem Weg zum Generalkommando. Zur Meldung als Kriegsfreiwillige. Geschlossen, das ganze Corps. Sie riefen es lachend dem Hauptmann Isebrink zu. Er lachte und winkte ihnen mit der Hand zurück, schon wie jungen Kameraden! Eine Sekunde flackerte das Kriegswetter in seinen Augen. Es war Inge, als leuchteten all diese Menschen von innen heraus, als wären sie gar nicht mehr sie selbst. Sie dachte wieder an das Trauungswort der jungen Hauptmannsbraut von vorhin. Es war wie dessen Widerschein auf den tausend Gesichtern, in den tausend Augenpaaren umher: Unser Keiner lebt sich selber und Keiner stirbt sich selber! Sie hing sich fester an Isebrinks Arm und sagte:

„Weißt Du ... eigentlich ist das Alles ja ein einziges Wunder...“

Er lachte unbekümmert.

„Ein Wunder ist jedenfalls schon geschehen: Ich halt’ Dich! Und nun kommst Du mir nicht mehr aus!“

Und während sie umdrehten und den Weg zurückgingen, war ihr zu Mut, als hätten nicht nur sie Zwei sich gefunden, sondern so wie sie und in ihnen Beiden ganz Deutschland, als wäre das Alles miteinander eins, als gäbe es keine Grenze mehr zwischen Mensch und Menge, jeder Einzelne klein und doch groß und, was deutsch hieß, eine einzige Kraft, zu wagen, zu schlagen, zu tragen.

Zögernd legte sie mit Paul Isebrink die letzten Schritte zu der hellerleuchteten, offenen Veranda des Restaurants am Lenbachplatz zurück. Innen war es gedrängt voll. Uniformen, farbige Damenkleider, helles Sommerzivil der Herren. Die Musikkapelle spielte die Nationalhymne. An einem langen Tisch, zwischen Blumen und Sektflaschen, saßen abfahrtbereit die preußischen und die bayerischen Offiziere mit ihren Kameraden und ihren Damen. Der Flieger Graf Vläming war lang und ernst auf einen Stuhl gestiegen und spähte durch das Monocle auf den Platz.

„Na endlich! Immer unpünktlich, Isebrink! Nur noch zwanzig Sekunden. Los!“

Draußen auf der Straße war neuer Jubel. Ein mächtiges, kanariengelbes, offenes Reise-Automobil war vorgefahren. In Friedenszeiten beförderte es wohl zähnestochernde amerikanische Krösusse von den Münchner Hotelpalästen zwischen Breakfast und Dinner nach Hohenschwangau und zurück. Jetzt war es mit Feldkoffern und Ersatzreifen vollgepackt, Aushilfs-Benzinkanister für ununterbrochene Eilfahrt füllten den Boden, auf dem Wagenschlag stand mit schwarzer Farbe: „Nach Petersburg!“ Der Herrenfahrer in der Uniform des Freiwilligen-Automobilcorps, den Hirschfänger an der Seite, kurbelte eigenhändig die schwere Maschine an. Graf Vläming stand neben dem bayrischen Fürsten und schrie durch das Donnergerassel:

„...’rin in die Hochzeitskutsche, wenn ich gehorsamst bitten darf!“

„Hurrah!“ „Gute Reise!“ „Kriegsheil!“ Die Musik spielte:

„Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd...“

Und wenn es auch kein Pferd, sondern ein Auto war, so sang doch der Pilot Graf Vläming begeistert mit. Er lehnte, über die Menschheit erhaben, breitbeinig hoch auf dem Führersitz des Autos an der Windscheibe und sang:

„Da tritt kein Anderer für ihn ein! Auf sich selber steht er da ganz allein!“

Und dann:

„Los, Isebrink!“

Paul Isebrink zog Inge an sich. Jetzt durften sich, auch vor den Leuten, Jeder und Jede küssen, zum Abschied, fast schon vor dem Feind. Endlich klatschte der lange Junggeselle mit dem Einglas oben ungeduldig in die Hände. Da drückte er ihr noch einmal die Hand und sprang mit einem Turnersatz in den schon vollbesetzten Wagen.

„Also halt’ Dich bereit! Sowie eine Depesche kommt, los! In vierzehn Tagen ist Trauung!“

Sie nickte und lachte tapfer. Und ebenso die anderen Damen um sie. Vorn hallte die Doppelfanfare des Oberkommando-Rufs. Der Kraftwagen setzte sich in Bewegung und schoß durch die menschenwimmelnden Straßen, durch Hüteschwenken und Zurufe hinaus in die Nacht, dem Osten zu...

Die Damen waren eine Weile ganz still, wie betäubt. Sie hatten noch das Abschiedlachen auf den Lippen und feuchte Augen. Es war so plötzlich gegangen. Nun war auf einmal die große Leere da. Das Frösteln der Verlassenheit. Die Männer fort, die Verlobten, hinaus ins Unbekannte. Die Angst und Liebe und Stille in Einem. Und ringsherum wie bisher, die vaterländischen Weisen der Musik, Kellnergelaufe, Stimmengeschwirr an dicht besetzten Tischen.

Von einem dieser Tische, an dem nur zwei Herren saßen, flog ein Blick zu Inge Tillesen hinüber. Ihre noch nassen Augen trafen sich mit den großen, grauen dort drüben, weiteten sich in ungläubigem Zorn. Sie war auf einmal völlig bei sich. Eine rasche Röte lief über ihre Wangen.

„Das ist also doch zu toll!“ sagte sie zu der Hauptmannsbraut neben ihr. „Können Sie sich vorstellen, daß sich ein Russe, ein richtiger Russe, ganz ruhig hier mitten ins Lokal setzt?“

„Ein Russe?“

„Ein Herr von Schjelting. Dort hinten an dem Tisch. Den Andern kenn’ ich nicht!“

„Ist er denn verrückt?“

„Ich glaube, er hat die wahnsinnige Idee, daß die Bayern neutral bleiben! Wenigstens sagte er vorgestern so Etwas in Wiesbaden!“

„Sind Sie auch ganz sicher, Fräulein Tillesen?“

„Gott ... ich kenn’ doch den Menschen! Sehen Sie doch nur das dünkelhafte Gesicht!“

„Aber er trägt doch das amerikanische Abzeichen im Knopfloch!“

An den Tischen um Schjelting herum betrachtete man wohlwollend die Sterne und Streifchen des kleinen eingenähten Fähnchens auf seiner Brust. All die Tausende von Yankees in München und ihre Frauen und Töchter hatten es. Der Münchener Bürgersmann freute sich, wenn er sie sah und ihnen irgendwie gefällig sein konnte.

„Damit kann er freilich noch lange hier ungestört herumlaufen!“ sagte Inge Tillesen entschlossen. „Wo ist denn Ihr Bräutigam?“

„Im Saal drinnen! Er hat sich zu den Schweren Reitern gesetzt!“

„Bitte holen Sie ihn! Ich verliere inzwischen den Russen nicht aus dem Auge!“

„Und dann...?“

„Dann lassen wir ihn verhaften! Ganz einfach!“

Das junge Mädchen drängte sich nach dem Saal. Sie kam nur langsam vorwärts. Inge blieb am Eingang auf Posten. Auf Nicolai Schjeltings länglichen, nervösen Zügen bemerkte sie, während er wieder einen blitzschnellen Seitenblick herüber warf, eine plötzliche Unruhe, dann sah er wieder schweigend und brütend in den deutschen Jubel um sich, die wild erwachte Lust der Lieder und der Waffen, mit einem ungläubigen Staunen im Blick, wie es Inge nie an ihm beobachtet hatte. Sie zitterte vor Ungeduld. Vor ihr schwatzten zwei biedere Münchner beim Bier von den Buren.

„Drüben, auf dem Balkon vom Bayerischen Hof, hat er dazumal gestanden, der Botha. Geweint hat er, der dicke, große Mann! Zweiunddreißigtausend Markl haben’s ihm an dem einen Nachmittag ins Hotel gebracht, die Münchner... Sie, Herr Nachbar, dös haut! Dös war damals um Gottes Lohn. Aber keine Guttat is umsonst: Wenn’s jetzt wirklich mit den Engländern auch losgeht, nachher reden der Botha und die Buren auch ein Wörtel mit!“

„Ich hab’ mehr Fiduz auf die Japaner!“ sprach der Andere. „Die haben’s eh schon im Schwung, wie man d’ Russen drescht! Die haben ’was bei uns gelernt! Klein san’s, aber a Schneid haben’s schon. Na, zur Gesundheit!“

Er hob sein Glas und trank freundlich lächelnd zweien der vielen japanesischen Studenten Münchens am Nebentisch zu. Die gelben Geschöpfe wußten, was sich gehörte. Sie kamen grinsend nach deutscher Art nach. Draußen war wieder Lärm und Jubel. Ein Zug begeisterter junger Leute marschierte vorbei. Sie kamen vom italienischen Generalkonsulat, wo sie Hochrufe auf den Verbündeten jenseits der Alpen ausgebracht hatten. Nicolai Schjelting wandte nachlässig den Kopf nach ihnen. Sein spöttisches, sonderbares Lächeln machte Inge wütend. Wieder spähte sie nach dem Hauptmann. Da ... endlich...!

„Wo ist denn der Verbrecher, Gnädigste?“

Der kleine, elegante Herr von Hellfried hatte sich zu ihr durchgearbeitet. Ein paar andere Offiziere und ein Herr in Zivil hinter ihm.

„Dort am Tisch!“

Sie wies es unauffällig mit dem Kopf. Zugleich schoben sich neue Menschenwellen dazwischen und sperrten den Ausblick. Studenten von dem Demonstrationszug zu Ehren Italiens draußen. Die Musik empfing sie mit der Marcia reale, der italienischen Königshymne. Der Hauptmann wurde ungeduldig.

„Man kann ja nichts sehen! So: jetzt. Welches ist der Tisch?“

„Ganz in der Ecke!“

„Ja aber...“

„Herrgott ... der Tisch ist leer!“

Nicolai Schjelting und sein Begleiter waren in dem Gedräng verschwunden. Unauffällig hinaus in die wimmelnde, fiebernde, brausende, von Zehntausenden belebte Sommernacht, in der sich ihre Spuren verloren...

XII.

Nicolai von Schjelting’s Genosse an diesem Abend war ein Moskauer Däne, einer jener Finanzmänner, die sich den mächtigen Schutz der Kaiserin Mutter und der Kopenhager Clique für ihre Geschäfte im Zarenreich, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu Nutze machten. Er war klein, brünett und hager. Er hatte seine Freunde in dem Petersburger Minister-Komité, im Reichsrat und in der Gossudarstwennaja Duma. Mit Schjelting einte ihn der Deutschenhaß. Sie hätten sich trotzdem am leichtesten deutsch miteinander verständigt. Aber, um nicht durch dessen fremdartigen Klang aufzufallen, sprachen sie englisch.

„Nun -- Sie brachen so plötzlich auf, Herr von Schjelting?“

Sie gingen in der lauen Sommernacht durch die Ottostraße dahin. Nicolai Schjelting hatte seine Sicherheit wieder. Etwas gönnerhaften Hochmut gegen den ~homme d’affaires~ neben ihm.

„Ja wie? Man kann doch nicht ewig sitzen bleiben! Diese Deutschen...“

Herr Niels Poulsen war noch dänischer Staatsangehöriger und also neutral. Es war ihm, seit dem fluchtartigen Rückzug, in Gegenwart des Russen mit der Yankee-Schleife nicht mehr ganz behaglich zu Mut. Schjelting achtete nicht auf das betretene Schweigen des Andern. Er sagte wieder nachdenklich vor sich hin:

„Diese Deutschen...“

Und dann, in jähem slawischen Stimmungswechsel, seinen Begleiter am Arm packend.

„Wie ist das? Verstehen Sie das?“

„Was denn?“

„Haben Sie gesehen, wie dies gelbe Automobil vorhin abging? Diese Offiziere lachten und scherzten. Sie hatten sich mit Blumensträußchen bestecken lassen. Sie hatten Eichenlaub am Helm und am Wagen. Sie fuhren in den Krieg mit uns, mit Frankreich, mit England, mit der halben Welt, so wie man Sonntags auf die Datsche fährt! Belieben Sie! Was heißt das?“

„Es sind Soldaten!“

„Nun -- und ihre Frauen? Haben Sie bemerkt, daß keine von ihnen beim Abschied weinte? Auch die jungen Mädchen nicht? Die Bräute? Wie machen sie das? Sind diese Deutschen von Stein?“

„Vielleicht waren es nur entfernte Verwandte...“

„Es war schon eine Braut unter ihnen!“ sagte Nicolai Schjelting mit einem sonderbaren Lächeln. „Ich weiß es. Und auch, wem dieses Gretchen-Herz gehört!“

Er warf den Kopf höhnisch in den Nacken.

„Aber die letzte Stunde des preußischen Militarismus hat geschlagen. Der Krieg wird diese Kriegskaste verschlingen. Es ist ja nur eine Handvoll Menschen. Das deutsche Volk hat nichts mit ihr gemein!“

Um die Ecke der Briennerstraße wälzte es sich uferlos, tosend, im Sturm flutend, wie ein von Blitz und Donner der Berge angeschwollener Alpenstrom, in der Nacht verschwimmend, von Fackeln erhellt, von Fahnen überflattert, von geschwungenen Hüten und Tüchern, von Hurrah und Massengesang überbraust. Der Däne riß Schjelting zur Seite.

„Passen Sie auf! Das Volk reißt Sie mit!“

„Das Volk? Wie denn das Volk?“

„Nun, was ist denn das da?“ Der Andere mußte schreien, um sich in der tausendfach erschütterten Luft verständlich zu machen, und deutete auf die endlos in Schritt und Tritt über das zitternde Pflaster ziehenden Reihen. „Da marschieren junge Fabrikarbeiter und Studenten Arm in Arm, Handwerker, Ladenverkäufer, Lehrlinge, Mädchen, Frauen aus dem Volk... Alle aus dem Volk! Wo kämen denn sonst die Tausende her?“

Schjelting nickte.

„Ganz richtig!“ sagte er lächelnd. „Meine These! Sie demonstrieren! Gegen den Krieg! Gegen den Militarismus!“

„Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ Alle die vorüberzogen, sangen es aus voller Kehle. Schjelting zuckte zusammen. Er wollte es nicht hören.

„Sie demonstrieren!“ wiederholte er. „Sie rufen die Rechte des Volks gegen die Machthaber aus!“

Der Däne hatte sich höflich auf Deutsch an einen Herrn im Zylinderhut gewandt.

„Bitte! Wohin wollen diese Mengen von Menschen?“

„Dort, zum Wittelsbacher Palais, -- den König begrüßen!“

Nicolai von Schjelting drehte mit einer hochfahrenden Bewegung den Kopf zur Seite.

„Gehen wir!“ sagte er. „Gott mag wissen, was das für Leute sind! Der Polizeiminister hat diesen Aufzug bestellt. Man hat die Fahnen geliefert. Die Schreier. Die wahre Stimmung ist anders. Wir haben sie studiert. Wir wissen die Ergebnisse der Wahlen in Deutschland. Wir kennen die Unzufriedenheit des Handarbeiters, die Mutlosigkeit der Intelligenz. Beide gingen bisher nebeneinander her. Nun werden sie sich gegen den Militarismus vermählen! Ah da ... sehen Sie: da stürmen sie die Kasernen der Garde.“

Vor den langen blumengeschmückten Fensterreihen des Leibregiments in der Türkenstraße drängten sich lärmende Haufen. Fast nur junge Männer. Viele in bloßem Kopf. Im Schurzfell. So, wie sie von der Arbeit kamen. Sie hoben die Hände. Pochten an die Tore. Riefen. Schutzmannshelme dazwischen. Nicolai Schjelting trat triumphierend näher. Er hörte, wie ein dicker Polizist beruhigend sagte.

„San S’ doch stad! Es kommt a Jeds dran! Morgen früh um Acht!“

„Ja -- dös kennt ma! Nachher is wieder alles kumplett!“

„I steh’ seit heut Mittag und wart’, daß S’ mi nehme, bal Einer drin’ schlapp macht!“

„Da kannst nix machen! Es müssen ja net grad die Leiber sein! I fahr’ noch heut’ Nacht nach Nürnberg!“

„Hat’s dort Platz?“

„Dös glaabst!“

„Wart, i kumm mit!“

Ein paar junge Gesellen liefen in langen Sprüngen über die Straße, dem Bahnhof zu. Ein junger Kaufmann schüttelte den Kopf.

„Nürnberg nimmt seit heute Mittag nichts mehr. Alle Regimenter besetzt. Ich hab’s telefonisch. Ich reis’ morgen früh nach Metz, zur bayrischen Brigade!“

„Warum nöt gleich, Herr Nachbar?“

„Ich hab’ net Geld genug! Ich muß erst meine Uhr versetzen!“

„Jetzt i tät’ mi doch schämen, so zu drängen!“ sagte der Schutzmann. Und dann, auf die Frage des Dänen:

„Bald man sie hier los wird, ziehe sie vor’s Generalkommando oder zu den Schwollescheh’s!“

„Was wollen sie denn?“

„Aufbegehren tun’s, weil sie nöt glei’ alle als Kriegsfreiwillige eingestellt werden! Ja, lieber Gott, wann’s immer glei’ zu Zehntausend ang’ruckt kommen...“

Nicolai Schjeltings Züge zwinkerten unruhig. Er wandte sich jäh ab.

„Kommen Sie, Mr. Poulsen!“

Er schritt hastig die nächste Straße hinab. Zu seiner Rechten, in der Richtung gegen Nymphenburg, lagen die industriellen Vorstädte Münchens. Arbeiterviertel. Fabriken. Mietskasernen. Er horchte in die Nacht hinaus. Sein Gesicht verklärte sich.

„Hören Sie diese fernen, wilden Schreie?“

„Ja. Seltsam.“

„Sie kommen näher. Schreie der Verzweiflung! Nein, der Wut!... Der Schlachtruf des Volks... Endlich! Ah... Da naht der Aufruhr...“

„Juhu!!“

Es klang wie der Schrei des Steinadlers über Karwendel und Werdenfelser Land, wie der Ruf des Wanderfalken über Wildem Kaiser und Steinernem Meer. Weißer Adlerflaum wehte trotzig von den Berghüten. Braungebrannte Gesichter voll lachenden Schneids darunter, Holzhacker, Jäger, Senner, Bauernburschen, in grüner Jacke und kurzen Gamslederhosen an gestickten Trägern, mit nackten Knieen und Wadenstutzen und Nagelschuhen.

Die ersten Kriegsfreiwilligen aus dem Bayerischen Hochland. Die Vorboten von vielen Tausenden. Schjelting hörte, wie ein Bürger es dem andern ins Ohr schrie, und dann der, mit einem strahlenden Blick auf die wilden, stutzengeübten Burschen:

„Wo die Bub’n hinschiassen, da möcht’ i nöt an Franzosen machen!“

Sie sprangen und schuhplattelten im Marsch, klatschten mit der flachen Hand auf die Schenkel.

„Juhu! Juhu!“ Die ganze Menge jubelte mit, sang, schrie, riß Nicolai Schjelting in ihrem Brausen fort. Es klang wie eine Stimme. Es war, als schritte da ein unsichtbarer Riese neben ihm und brüllte ihm in die Ohren: ‚Ihr habt mich gerufen! Ich bin gekommen. Da bin ich!‘

„Nun -- was sagen Sie dazu, Herr von Schjelting?“

Sie hatten sich aus dem Gedräng herausgearbeitet. Schjelting war etwas bleich geworden.

„In der Tat: es ist anders, als ich... Ich war oft in München. Man traf sich hier. Man hatte seine Formeln und Schlüsse für die Stimmung... In Preußen sieht es jedenfalls ganz anders aus. Berlin ist in dieser Stunde unzweifelhaft schon in der Hand der Blusenmänner!“

„Oh...?“

„Ich kenne die wahre Seele Deutschlands. Man wird in dieser Nacht in Württemberg weinen, man wird in Sachsen die Faust gegen die Militaristen ballen!“

„Meinen Sie?“

„Man wird am Rhein zittern und an der Oder verzweifelt die Kirchen füllen.“

„Nun -- ich weiß nicht ... ich würde an Ihrer Stelle machen, daß ich hier nicht festgenommen werde!“

„Wie kann man das? Ich bin nicht wehrpflichtig -- meiner Gesundheit wegen. Man kann mich höchstens ausweisen!“

„Glauben Sie wirklich, daß man so viel Rücksicht nimmt?“

„Wir nicht! Aber Karl Karlowitsch wohl!“

„Der Deutsche?“

„Ja, er ist doch so pedantisch.“

Sie standen unter der Wölbung des Neuhausertors. Unheimlich ragten neben ihm die Trümmer des am Abend vorher der Volkswut gegen die Ausländer zum Opfer gefallenen Kaffeehauses. Drei Stockwerke hoch war alles, bis auf die Mauern, zerschmettert. Selbst die armdicken, gußeisernen Kandelaber davor von einer Riesenfaust krummgebogen. Es war wie der erste rasende, noch blind gegangene und irre geleitete Ausbruch fürchterlicher deutscher Kraft, die noch kein rechtes Ziel gefunden. Der Däne betrachtete es unbehaglich. Dann sagte er:

„Gestatten Sie, daß ich es Ihnen als Freund gestehe: es wird mir etwas unheimlich in Ihrer Nähe... Dies Volk hier... Kann ich Ihnen noch mit Etwas dienen?“

„~Da swidanje!~“

Zwei Fingerspitzen, die Hutkrempe einen Zoll hoch vom Scheitel. Dann ließ Nicolai Schjelting den Andern stehen. Ihn verabschiedete man nicht. Das tat er selbst. Er sagte sich, während er allein weiterging, verächtlich: Wie soll er nicht Angst haben? Eine Krämerseele... Ein Rubelraffer... Päh! Ein halber Ausländer außerdem...

Aber dann gab er sich mit einem Frösteln zu: Dieser Mensch aus der Antichambre des Finanzministers hat mich angesteckt! Wie ist das?... Man kennt doch die Deutschen!... Man belächelt sie!... Sind sie denn das noch, diese Menschen hier um Einen...? Sonst waren sie ruhig. Friedlich. Übertrieben höflich gegen Ausländer. Man machte unter ihnen, was man wollte. Deutschland war so recht der Ort, um sich gehen zu lassen. Eben hier in Bayern. Nicht umsonst hatte Iswolsky seinen ständigen Sommersitz in Tegernsee, Sonnino in Marquardtstein. Aber jetzt?

Er warf nervös seine Papyros weg. Lieber die Koffer gepackt und davon! Nein: am besten gleich, so, wie man ging und stand! Er hatte auf einmal Angst vor München, vor diesem tosenden, brausenden, erbitterten Bienenschwarm um ihn her. Arbeitsbienen -- ja. Aber sie stachen. Besser nach Berlin. Dort war man sicher. Wo man ohnedies bald dort einrückte, wo inzwischen schon der Mann der Straße, dieser aufgeklärte, mit den Zielen der europäischen Demokratie vertraute Mann des Vierten Standes sein Veto gesprochen und den örtlichen Machthabern die Gewalt entwunden hatte...

Er fand sich plötzlich in einem der vollgepfropften Nachtzüge nach Berlin. Auch draußen auf dem Gang stauten sich noch die Menschen. Um ihn herum waren lauter junge Männer. Er antwortete englisch auf ihre Frage, ob er sich bei der zweistündigen Ablösung von Sitzen und Stehen beteiligen wolle. Ein eleganter, junger, mit Schmissen bedeckter Student neben ihm sagte:

„Kinder ... quält nie einen Amerikaner zum Scherz! Der hat ja keinen Schimmer von deutsch! Der Fremdling bleibt sitzen!“

Nicolai Schjelting drückte sich in die Ecke. Er blinzelte nur zwischen den halbgeschlossenen Lidern. Er dachte sich: Ich habe jetzt keine Zunge. Nur Augen und Ohren. Aber die werde ich brauchen. Jetzt werdet Ihr ahnungslosen Deutschen mir Eure geheimsten Gedanken offenbaren... Eure dumpfe Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung...

Unter denen, die hereinkamen und mit den Anderen die Plätze tauschten, war ein blondbärtiger Dreißiger. Er ließ sich hinfallen:

„Donnerwetter ja... Das tut gut!“

„Kommen Sie weither?“

„Es geht! Aus Marokko.“

„Bei der Hitze!“

„Ich hatte als Ingenieur für meine Firma zu tun. Urlaub schon angetreten. Nun komm’ ich grade zurecht. Kolossales Glück!“

„Infanterie?“

„Regiment Elisabeth!“

„Ich bin Ulan!“ sagte der junge Graf. „Aber erst Unteroffizier der Reserve. Mein Bruder da, mit dem ich eben vom Tiroler Ferienbummel komm’, hat’s besser. Der ist schon Rittmeister!“

„Aktiv?“

„Nein. Im Hauptamt: Privatdozent der Assyriologie,“ sagte der ernste, bärtige Herr lächelnd. „Aber ich freue mich recht! Meine Familie hat durch vier Generationen das Eiserne Kreuz. Nun holen wir’s uns in der fünften!“

„Was der Amerikaner da ’rüberglupscht! Dabei versteht er doch nicht ’ne Bohne!“

Nicolai von Schjelting schloß die Augen. Er frug sich: Wie denn? Dieser deutsche Adel erkennt doch nichts neben sich an. Und doch trinkt da der Graf mit dem Ingenieur aus einer Flasche! Die deutsche Wissenschaft ist doch international. Und doch träumt dieser Assyriologe vom Eisernen Kreuz! Die teutonische Verschwörung geht weiter, als man in der europäischen Intelligenz dachte...

„Wohin denn, Herr Landgerichtsrat... Verzeihung, Herr Hauptmann?“

Ein großer, breitschultriger Herr war aufgestanden.

„Ich will mir ’mal den Mann da draußen hereinholen, der sieht ja elend aus! So kommen Sie doch schon!“

„Ich hab’ dritte Klass’!“

„Ach was! Hier giebt’s keine Deutschen erster, zweiter und dritter Klasse! Hingesetzt. So!“

„Danke, Ihr Herre!... ’s isch so saumäßig heiß...“

„Na, Sie Wüschteberger! Wollen Sie denn nach Berlin?“

„Ja. Ich meld’ mich bei den Preißen!“

Der Neuangekommene war ein einfacher Mann. Schon über die Mitte der Vierzig. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne.

„Mei alter Hauptmann, unter dem ich in Weingarte Unteroffizier war, hat jetzt ein Regiment in Spandau. Ich hab’s meiner Frau g’sagt: ’s isch so und bleibt dabei! Ich geh zu mei’m alten Hauptmann!“

„Wie lange ist denn das in Weingarten her?“

„Fünfzehn Jahr! Ich bin schon lang Rentamtsbote im Sigmaring’schen!“