Part 19
„Flüchten Sie weiter nach Osten -- ~enfin~ -- ich gebe zu, daß Ihre Muschiks da unter der Faust der Junker sich schlagen werden. Aber dort, an der Elbe, sind ja inzwischen schon wir, die Russen...“
„Es steht Einem wirklich der Verstand still!“
„Und bis zu unserem Einzug in Berlin wird auch Ihre Hauptstadt kein Aufenthaltsort für Damen mehr sein. Alles bricht dort in sich zusammen. Ich kenne dies hektische Nachtleben -- diese engbrüstige Décadence der zu schnell Reichgewordenen!...“
Er zuckte mit einer beinahe müden Bewegung der Überlegenheit seine schmalen und hängenden Schultern und zog die Augenbrauen hoch.
„Aus diesem Euch feindlichen Europa flüchten? Erwägen Sie, Fräulein Tillesen: Die Engländer verbieten Euch die Meere! Sie sperren Euch auch die Nahrungszufuhr! Sie haben den General Hunger wie wir den General Winter. Beide sind unwiderstehlich. Selbst der große Napoleon wurde von uns besiegt!“
„Ich wollte blos, ich wär’ ein Mann!“ sagte Inge.
„Und endlich: Gott will es, daß zu allen Dingen dieser Welt Geld gehört! Nun ... sehen wir zu: Ihr Vater ist wohlhabend! Ich weiß es! Aber was hilft ihm das jetzt? Er wird sich umsonst in die Reihen der Verzweifelten stellen, die vor den verschlossenen Banken Spalier bilden. Diese Tore werden sich seinem angstvollen Pochen nicht öffnen... Warum lachen Sie denn?“
„Mein guter Vater und nach Geld hämmern... Da drüben hat er gerade wieder ’mal sein Portemonnaie auf dem Diwan liegen lassen!“
„~Enfin~: Euer wirtschaftlicher Zusammenbruch ist unvermeidlich. Als ein Teil der allgemeinen Katastrophe! -- ~une débâcle~ -- Ich bemitleide Sie!“
„Sind Sie nun fertig? Ich bewundere meine eigene Geduld, Herr von Schjelting, mit der ich die ganze Zeit diese bösartige Phantastik mit angehört hab’! Wir sind immer viel zu höflich mit Ausländern!“
„Wie denn? Ich rede zu Ihnen, nicht wie zu einer Moskauer Kaufmannsfrau, sondern zu einer europäischen Intellektuellen, die den Zusammenhang der Dinge übersieht! Bitte, nehmen Sie meine Worte ernst!“
„Ich hab’ davon Eines begriffen: Wenn der Krieg wirklich kommt, dann kommt er, weil Ihr keine blasse Ahnung habt, wer wir sind und was wir können!“
„Armes Mädchen...,“ sagte Nicolai Schjelting mit einem sonderbaren, beinahe leidenden Mitgefühl.
„Wahrscheinlich haben wir es dumm angefangen und Euch eine falsche Meinung von uns beigebracht, aus reiner Gutmütigkeit ... aus viel zu viel Anstand... Dadurch habt Ihr den Größenwahn gekriegt!... Und nun bitte: Schluß!“
Nicolai von Schjelting war sitzen geblieben, obwohl sie zornig aufstand. Er griff nach seiner silbernen Tulaer Tabakdose, rollte sich mechanisch eine Papyros, hielt inne.
„Vergeben Sie! Ich war in Gedanken... Der Rauch beruhigt meine Nerven...“
„Meinetwegen...“
Es klang wie: ‚Benimm Dich nun schon ganz als Asiate!‘ Nicolai Schjelting saß träumerisch da, stieß eine blaue Wolke durch die geblähten Nasenflügel und versetzte unvermittelt:
„Ich lasse mich jetzt von meiner Frau scheiden!“
„Was? Eine Frau haben Sie auch?“
„Nun wie? Man muß doch verheiratet sein!“ sagte er beinahe melancholisch. „Ich sprach vorhin schon von meiner Familie. Gott mit ihr!“
Der schwere Sessel rollte mit einem Ruck beinahe bis an die Wand zurück, so ungestüm sprang er plötzlich von ihm in die Höhe.
„Das sind Dinge... über die wird man später sprechen... Man wird das Alles ordnen... Der heilige Synod tut, was ich will... Sabler ist für mich jeder Zeit...“
„Was geht das mich an?“
„Ich habe Ihnen geschrieben... Noch nie gab mir Gott die Gelegenheit, mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen, so wie jetzt...“
„Kommen Sie mir nicht so nahe...“
„Bleiben Sie stehen! Wie werde ich Ihnen Etwas tun?... Ich will ja nur Ihr Bestes! Ich will Sie befreien!“
„Ja bitte, gehen Sie!“
„Sie wissen genau, wie das mit mir ist... Sie merkten es schon bei der ersten Begegnung in Moskau...“
„Ich hab’ Sie kaum angesehen...“
„Und doch sagt unser Sprüchwort: ‚Mit einem Dreierlicht setzte man Moskau in Brand!‘ Nun, so geschah es mit mir, in diesem Vorzimmer da oben im Petrowski Dwor...“
„Das war, weiß Gott, nicht mein Wunsch...“
„Moskau brannte. Morgen brennt die Welt. Warum soll ein armer, einzelner Mensch nicht auch in Flammen stehen? Es ist jetzt nicht die Zeit für kalte Charaktere!“
„Bleiben Sie mir vom Leibe oder...“
„Ich bin keine sibirische Natur. Mein Herz ist weich. Viele Frauen haben schon Eindruck auf mich gemacht...“
„Das glaub’ ich...“
„Aber Keine wie Sie!... Es ist ganz anders wie sonst... Ich bin wehrlos. Es ist Gottes Wille. Denn zu verstehen ist es nicht.“
„Wenn Sie mich jetzt nicht auf der Stelle verlassen, rufe ich meinen Vater...“
„Niemand hat Etwas gegen Ihren Vater! Nicht gegen die deutsche Gelehrsamkeit führen wir Krieg. Auch nicht gegen Frauen. In dem Frieden zu Potsdam wird seinerzeit das befreite Europa auch ihm die Ruhe seiner Studien wiedergeben...“
„Sehr gütig...“
„...Doch während des Krieges ... während dieser Zerschmetterung des preußischen Militarismus ... die russische Seele ist sanft ... aber immerhin ... ich kenne unsere Kosacken... Ich flehe Sie an: Flüchten Sie aus dieser allgemeinen Verwirrung in Deutschland...“
„Wer ist denn hier verwirrt? Wir sind Alle ruhig und klar! Einer wie der Andere!“
„Fliehen Sie lieber nicht in die Schweiz -- das ist für mich zu weit -- sondern nach Schweden! Ich schaffe Ihnen und Ihrem Vater Unterkunft im Hotel Royal in Stockholm. Das wird jetzt eine unserer Haupt-Etappen auf dem Wege von Rußland nach dem verbündeten Westen. Ich komme da oft durch. Ich kann Sie sehen! Mit Ihnen über die Zukunft sprechen!“
„Zum letzten Mal: Gehen Sie! Reisen Sie lieber selber schleunigst nach Schweden, ehe man Sie bei Kriegsausbruch hier verhaftet!“
„Der Krieg bricht aus, wann wir es bestimmen!“ sagte Nicolai von Schjelting hochmütig. „Noch sind wir nicht so weit! Bei Euch wird man verhandeln und telegrafieren! Das wissen wir!“
„Gottseidank, da höre ich endlich draußen den Karl im Garten! Soll ich Ihnen wirklich von dem Diener Hut und Stock bringen lassen, Herr von Schjelting?“
Nicolai Schjelting legte mit einem grausamen Augenblinzeln den Kopf zurück. Ein heißes und wildes Lächeln entblößte seine Zähne. Inge Tillesen trat wieder ein paar Schritte zurück: Nun stand der wahre Moskowiter vor ihr, der begehrliche Barbar. Siegestrunken, im Taumel der Zukunft.
„Mich entläßt man nicht wie einen Dwornik! Die Zeit ist vorbei, da man einen Russen hinausschickte! Wir werden Euch Deutschen kommen! Wir führen uns selber ein, ~sans être invités~! Wir sind zehn Millionen ungebetene Gäste!... Pah ... was ist denn dies kleine Deutschland...“
„Karl...“
„Es liegt in der Freiheit unseres allrussischen Herzens, was wir zertreten und was wir verschonen! Jeder nimmt sich, was er will!“
„Unterstehen Sie sich, mich anzufassen!“
„Ah ... man wird Euch jetzt noch lange fragen...“
„Sind Sie denn von Sinnen...?“
„Und wenn ich es bin...“
„Karl!... Karl!“
Er warf sich gegen sie und packte mit einem jähen Griff ihre Hände. Sie konnte nicht weiter zurück. Hinter ihr war der Tisch an der Wand. Sie bog sich, soweit sie konnte, nach hinten und kämpfte mit ihm, der blind ihre Lippen suchte. Sie mühte sich, sich seiner Gewalt zu entwinden. Wieder keuchte er, sie an sich zu ziehen. Dicht vor sich sah sie seine grauen Augen, die jetzt wie die eines Raubtiers glühten. Eines asiatischen Raubtiers. Das war schon wie das Vorspiel des großen Kampfes gegen die Horden des Ostens, dies kurze, atemlose Ringen mit einem von Sinnen geratenen Menschen. Dabei lachte er ihr noch ins Gesicht, heiß, herrisch, mit einem blendend weißen Wolfsgebiß. Der Grimm darüber verdoppelte ihre Kräfte. Sie riß sich los und versetzte ihm einen Stoß gegen die Brust und traf blindlings gut. Nicolai von Schjelting taumelte ein paar Schritte zurück, preßte die Hand auf die Herzgrube, rang nach Luft. Sie standen sich gegenüber.
„So! Das war nur die Antwort einer Frau! Unsere Männer haben andere Fäuste!... Karl ... hier!“...
Der Diener stürzte in das Zimmer. Er hörte sie nicht, in seiner atemlosen Meldung:
„Sie trommeln, gnädiges Fräulein! In zwölf Stunden müssen die Russen nachgeben oder...“
„Du lügst, Kerl...“
„Und in achtzehn Stunden die Franzosen!“
„Das wagt Ihr?“ sagte Nicolai von Schjelting langsam und fuhr sich mit der Hand über die Augen, als träumte er. „+Ihr+ fangt an?“
„Hurrah! Hurrah!“
„Hören gnädiges Fräulein? Da kommen sie die Straße herunter. Alles schwarz von Menschen!“
Draußen brausten Hunderte von Stimmen. Die Fenster dröhnten vom Trommelwirbel. In scharfem Kommandoton wurde durch die jähe Stille etwas verlesen. Etwas von drohender Kriegsgefahr. Als Inge Tillesen sich wieder umdrehte, war das Zimmer leer. Nicolai Schjelting war fort. Verschwunden draußen in der wieder strudelnden und jubelnden Menge, dem Hurrahrufen, dem Massengesang. Dann hörte sie hinter sich die heisere, aber glückliche Stimme des zu ihrem Vater in das Haus geeilten Generals Isebrink. Er mußte schreien, um das Jauchzen draußen zu übertönen.
„Uff!... Endlich!... Endlich!... Endlich hat’s ein Ende mit der verfluchten Zucht! Jeder Mistfink von außerhalb durfte frech gegen uns werden... Verzeihen Sie, Fräulein Inge...“
„Ach ... nur immer zu, Herr General!“
„Aber nu wird Deutsch geredet! Hol’s der Deubel! Nu hat’s sich ausgeglückwünscht! Nu hat sich’s ausgebiedert und Hände geschüttelt! Liebster... Bester... Ich möchte ja die Wände hochgehen vor Freude: Ich hab’ eben telegrafisch meine Ordre! An die Front -- wo’s am vordersten ist! Übermorgen früh meld’ ich mich schon hinterm Gießhaus in Berlin!“
„Herzlichen Glückwunsch!“...
„Ja, das wäre ja nun Alles schön und gut. Aber nun sehen Sie ’mal! Depesche Nummer zwei von meinem Filius Paul aus Konstantinopel! Das heißt nicht mehr aus Konstantinopel! Inzwischen ist er schon auf dem Weg nach Deutschland! Der Bengel ist verrückt!“
„Was?“
„Bildet sich ein: Ich hockte jetzt hinter dem Ofen! Drahtet mir in aller Unschuld seines Herzens: ‚Eintreffe ersten August‘ -- das ist übermorgen -- also, ‚ersten August München zu sofortiger Weiterfahrt und Verwendung im Osten!‘...“
„Nun -- das ist ja schön!“
„Ja, und gefälligst weiter: ‚Bitte erwarte mich dort Hauptbahnhof mit Geldern für Pferdeankauf und Equipierung und Kartenmaterial!‘ Ja, was glaubt denn das Paulchen?... Ich bin übermorgen in Berlin! Aber kriegen muß er seine Moneten! Meine Frau liegt an ihrem Asthma...“
„Schicken Sie mich!“
„Sie, Fräulein Inge?“
„Na warum denn nicht?“
„Sie wollten wirklich diesen Liebesdienst...“
„Ach, reden wir doch nicht lange! Geben Sie mir schon die Siebensachen! Ich reis’ noch heute Abend!“
Die beiden Andern schauten sich an. Sie waren Beide alt. Aber sie waren auch einmal jung gewesen. Darum dämmerte es in ihnen.
„Wie soll ich Ihnen denn das danken, Fräulein Inge?“
„Gar nicht! Das geschieht fürs Vaterland! Ja, was lachen Sie denn?...“
„Sie lachen ja selber...“
Inge Tillesen wurde über und über rot. Aber sie lachte wirklich und herzhaft. Der alte Isebrink breitete die Arme aus.
„Kommen Sie, Kind!“ sagte er. „Geben Sie mir ’nen Kuß! Er geht ja nicht an die richtige Adresse! Aber doch so nahebei! Nicht?“
„Ja.“
„Na, Gottes Segen!... Halt!... Wohin denn auf einmal?“
Aber Inge Tillesen war schon die Treppenstufen der Halle hinauf und weg. Unten sagte der alte Isebrink zu dem Geheimrat:
„Na -- da geben wir uns die Hand, Exzellenz! So geht’s! Nu erfüllen sich die Zeiten! Es hat ein Ende mit Vielem und viel Besseres fängt an!“
XI.
„Sagen Sie mir doch um Gotteswillen: Wann kommt der Zug aus Wien?“
Keine Antwort. Jeder hatte mit sich zu tun. Es war nur ein tausendfaches, wirres, abgerissenes Stimmengeschwirr unter der glühenden Glaswölbung des Münchner Hauptbahnhofs. Die Luft trüb von Staub. Unten das Gewühl eines durcheinanderwimmelnden Ameisenhaufens gleich dem Bild des aufgestörten Erdballs im Kleinen.
Inge Tillesen wurde hin- und hergestoßen. Sie wehrte sich mit dem rechten Arm gegen einen langen Bergstock und ein daran befestigtes Alpenrosenbüschel. Überall waren auf einmal Bergstöcke, saß Gamsbart und Lodenhut schief auf erregten Gesichtern. Die kamen vom Brenner. Aufgescheuchte Tiroler Sommerfrischler. Immer neue Tausende. Tag und Nacht. Sie erwischte glücklich einen atemlosen Beamten am Arm.
„Wann kommt denn wieder ein Zug aus Wien?“
„Ja, i woaß net!“
„Aber ich steh’ nun schon seit gestern hier! Ich muß doch...“
Der Mann war irgendwo und sie zehn Schritt weiter, eingekeilt in eine neue Menschenmasse. Nun waren plötzlich ringsum weiße Hauben, stille Gesichter, niedergeschlagene Augen. Ein ganzes Nonnenkloster, paarweise, die Köfferchen in der Hand, auf dem Weg von Oberbayern nach den Vogesen. Inge Tillesen dachte sich: die gehen schon an die Front! Er auch. Ich verfehle ihn noch hier!
„Bitte, wissen Sie nicht, wann der nächste Zug aus Wien...“
Aber nun war sie mitten unter Angelsachsen. Flüchtende Bayreuther und Münchner Festspielgäste. Engländer und Amerikaner. Sie saßen ratlos, wie die Schiffbrüchigen, auf ihren Koffern. Soldaten rollten Handwägen mit Kaffeesäcken, Gepäckträger schoben eine kranke Dame im Fahrstuhl. Neue Menschenstrudel hinterher, auseinandergerissene Familien, die sich zuschrien und winkten, Offiziere, Papiere in der Hand. Aber alle bayrisch hellblau. Von Paul Isebrink keine Spur. Sie dachte: Wahrscheinlich ist er auch noch in Zivil! Sie wurde von der Menschenmauer mitgepreßt. Dort in der Ecke stürmte man die Züge nach Berlin. Vielleicht saß er darin. Aber wie ihn finden? Es hatte keinen Zweck. Sie drehte sich um und arbeitete sich gegen die beiden Bajonettspitzen der Bahnhofwachen durch, die den Ausgang anzeigten. Draußen in der Vorhalle, die immer noch ein brausendes Menschengewoge erfüllte, machte sie mutlos Halt. Sie war erschöpft. Sie sagte sich, was sie sich schon den ganzen Tag bis in diese späten Nachmittagsstunden hinein gesagt hatte: Den Orient-Expreß hab’ ich glücklich verpaßt! Bis Mitternacht hab’ ich mir die Beine in den Leib gestanden. Bei Tagesanbruch soll er mit Gott weiß wieviel Stunden Verspätung angekommen sein. Behaupten sie wenigstens! Andre meinen, er wäre überhaupt noch nicht da...
Dann hatte sie noch eine Hoffnung: Wenn er vernünftig ist, geht er da draußen auf und ab, damit ihn sein Vater sieht! Sie trat ins Freie, schritt suchend bis zu dem Karlsplatz. Die Sonne brannte, die Luft flimmerte, die Menschen fieberten. Das Bild des Kriegs, wie es im Frieden nur der Süden bot. Tausende und aber Tausende, die scheinbar untätig auf Straßen und Plätzen beisammen standen, halblaut sprachen, sich um die Extrablätter drängten. Ein unterirdisches Brodeln und Kochen. Ab und zu ein jäher Ausbruch. Spione im Land... Spione... „Fangt’s die Schlawiner!“
Inge Tillesen konnte gerade noch zur Seite springen. An ihr vorbei stürmte es von überall nach dem vom Schutzmannspfiff aufgehaltenen Auto. Ein Handgemenge drinnen mit der wild um sich hauenden Mannsgestalt in Frauenkleidern ... fort ins Polizeipräsidium ... wieder ein Serbe weniger...
Das erste Aufzucken der seit Menschenaltern schlafenden Ur-Instinkte der Schöpfung. Der Kampf ums Dasein. Wie in der Urzeit. Auge um Auge. Leben um Leben. Vergiftetes Wasser... Französische Flieger über Nürnberg... Goldtransporte im Auto auf der Landstraße... Und wieder Sturmgesang um eine schwarz-weiß-rote Fahne: „Fest steht und treu die Wacht am Rhein!“ Es brandete und brauste um Inge Tillesens Ohren. Sie ging weiter. Sie suchte. Und dachte sich: Wie oft konnte ich das eine ‚Ja‘ sagen, das ich jetzt nicht anbringe! Damals war mir das Schicksal nah. Ich brauchte es nur zu rufen. Jetzt ist es zu groß geworden und ich zu klein. Es kümmert sich nicht mehr um Einzelne. Ich mag noch so sehr laufen -- ich hol’ es nicht mehr ein... Es geht mit Siebenmeilenstiefeln...
Vor dem großen gelben Eckgebäude des General-Kommandos hielten Reihen von Kraftwagen. Es war ein Hasten hin und her durch das Tor. Auf dem Bürgersteig davor standen Offiziere in Gruppen. Alle noch in bayrischen Friedensuniformen. Inge sah das Himmelblau des Fußvolks, das Grün der Chevauxlegers, die breiten, roten Beinkleidstreifen der Artillerie. Aber dann tauchte da aus dem Dunkel des Torwegs ein bisher in Deutschland nicht geschautes Waffenkleid auf. Alle Offiziere musterten es, während sie grüßten, und hatten dabei ein leuchtendes und kampflustiges Lächeln, alle Vorüberkommenden blieben stehen und wandten die Köpfe mit einem überraschten und oft ehrerbietigen Ausdruck: Es war etwas Feierliches um dies erste Feldgrau, diese gelbledernen Gamaschen, diesen staubfarben überzogenen Helm. Es war, im Fortfall alles Friedensprunks und aller Farbenfreude, die erste Verkörperung der ungeheuren Schicksalsstunde, das erste wandelnde Sinnbild des größten Krieges aller Völker und Zeiten.
Links davon ging, auch als ein Vorbote des kommenden Gewimmels feldgrauer Millionen, ein langer, hagerer Leutnant. Er trug in der Herzgegend ein Abzeichen auf dem Waffenrock, das Inge nicht kannte. Dahinter kam, noch in preußischer Friedensuniform des Großen Generalstabs der Armee, ein kleiner, eleganter Hauptmann. Zwei Damen begleiteten ihn, Mutter und Tochter. Man sah es an der Ähnlichkeit.
Paul Isebrink war in ein Gespräch mit dem anderen Generalstäbler vertieft. Aber seine scharfen Augen waren gewohnheitsmäßig überall. Ihn überraschte man nicht. Schon auf hundert Schritte Entfernung erkannte er Inge, die da unschlüssig mit umgehängtem Geldtäschchen, das Kartenpaket in der Hand, stand, sagte hastig dem Kameraden ein paar Worte und eilte allein auf sie zu. Ihr schien, als hätte er nie so gut ausgesehen wie in diesem Augenblick. Noch straffer, abgemagert und gebräunt von der Sonne des Südens, schon in Kriegstracht, und Kriegslust in den verwegenen Augen und um den lachenden Mund. Und eine ungläubige Freude, die ihr galt, die sie plötzlich stolz machte vor den Blicken all der Leute, die ringsum stehen geblieben waren und wohlgefällig auf ihn und sie schauten. Die dachten sich schon ihr Teil, während er auf sie zustürmte und ihre freie Hand zu fassen bekam und schüttelte, daß er ihr beinahe weh tat.
„Herrgott, Inge!... Das ist ja ein tolles Zus...“
Er wollte noch Etwas vom Zufall eines Zusammentreffens reden. Aber er kannte doch die Mappe, die sie in der Linken hatte.
„Das sind doch meine Karten...“
„Ja. Da!“
„Und ein Brief von Mutter!“
„Auch! Da!“
„Danke...“
In dieser Sekunde war er, der mit allen Hunden Gehetzte, in allen Sätteln Gerechte, fassungslos. Es wogte in ihm durcheinander, von Zweifel und Jubel. Sie schlug mit der freigewordenen Hand an das Täschchen.
„Und da ist auch’s Geld...“
„Von meinem Vater?“
„Ja. Er ist jetzt schon in Berlin. Sie brauchen ihn! An der Front!“
Sie stockte, schöpfte tief Atem und redete entschlossen, während sie sehr blaß wurde:
„Na -- und da hab’ ich mich nützlich gemacht und es Dir gebracht!“
Sie wußte, daß sie mit dem Wörtchen ‚Dir‘ ihr Lebensschicksal aussprach, und er verstand es auf der Stelle so wie sie. Sie sah es an seinem Gesicht, auf dem schon, in strengen Linien, der Ernst des Krieges lag, und darüber hin jetzt eine jähe Welle von Glück.
Küssen konnten sie sich, vor den Leuten, nicht. Er nahm nur ihre beiden Hände in die seinen und sagte:
„Endlich...“
Und sie, noch halb im Trotz und doch schon ganz ergeben:
„Na ja...“
„Ich dank’ Dir, Inge...“
Nun war sie sehr rot geworden. Jeder mußte es sehen. Auch der lange, feldgraue Leutnant und der Generalstabshauptmann mit den beiden Damen, die inzwischen herankamen. Paul Isebrink stellte hastig und verwirrt vor:
„Flieger Graf Vläming! Herr von Hellfried... Gestatten die Damen...“
Inge Tillesen verstand die Namen von Mutter und Tochter nicht. Sie war zu erregt. Sie hörte nur, daß Isebrink sie seine Braut nannte, daß man sie beglückwünschte und ihr die Hand reichte und ihm. Dann sagte er, schon mit einem Anflug von dem alten Übermut im Ton, auf den kleinen Generalstäbler und die junge Dame weisend:
„Die haben’s gut! Die werden morgen kriegsgetraut. Eben kommen sie vom Pfarrer!“
Dort hatten sie Alles für morgen beredet. Auch den Spruch der Trauung: ‚So gehen wir hin, nicht zu sterben, sondern zu leben!‘... Sie hatte feuchte Augen. Aber sie hielt sich tapfer. Sie war die Waise eines vor zwei Jahren verstorbenen Regimentskommandeurs. Sie frug Inge, eine Braut die andere:
„Lassen Sie sich denn nicht auch kriegstrauen?“
Ehe Inge Tillesen antworten konnte, fuhr Paul Isebrink in einem plötzlichen Zorn auf.
„Ja, das kommt davon! Wer konnte denn das ahnen, wenn man da unten bei den Türken sitzt!“
Er wies mit einer entrüsteten Bewegung auf das preußische Dunkelblau mit Carmoisin des kleinen, patenten Hauptmanns.
„Wenn man noch halb in Zivil herumläuft wie der Hellfried ... so’n Friedenssoldat, der erst am dritten Tag mit seinem A. O. K. hinausgeht, der kann sich das leisten! Aber ich muß doch in ’ner Stunde auf der Walze sein ... ich muß!“
Er wandte sich verzweifelt an Inge.
„Ich hatte ja keine Ahnung... Schon unterwegs bekam ich die Drahtbefehle. Vläming und ich und noch zwei Preußen und ein Haufen bayrische Herren -- wir sausen Tag und Nacht durch, mit hundert Kilometern, bis an die Ostgrenze! Es geht jetzt um Spitze und Knopf.“
„Tu Du nur Deine Pflicht!“ sagte Inge.
„Aber sowie ich ein bischen Luft kriege -- spätestens in ein paar Wochen -- ich mache es schon irgendwie ... ich telegrafiere Dir... Gottseidank hab’ ich ja die Strippe ständig zur Verfügung... Richte nur inzwischen Alles und halte Dich zur sofortigen Abreise bereit!“
„Ja.“
Der Pilot Graf Vläming befestigte das Einglas in der Augenhöhle seines hageren Rassekopfs und sagte zu dem Hauptmann von Hellfried und dessen Damen:
„Nu schlag’ ich aber vor: Wir gehen! Erstens sind wir hier total überflüssig! Zweitens hab’ ich einen kolossalen Hunger und drittens nur noch fünfzig Minuten Zeit. Isebrink ... Isebrink... Mensch... Wachen Sie doch auf!“
„Ja -- was ist denn?“
„Wir ziehen uns jetzt verständnisvoll zurück. Aber vorher vergleichen wir unsere Uhren! So!... Schlag acht Uhr fährt die Benzindroschke vom Freiwilligen Automobilkorps vor -- Sie wissen ja: dort drüben... Anderthalb Minuten vorher müssen Sie da sein! Da wird nicht gefackelt!“
„Eine halbe Minute ist auch genug!“
„Also schön! Ich bin großmütig! Sagen wir fünfundzwanzig Sekunden! Kommen Sie, Hellfried! Mit Euch Bräutigamen muß man aufpassen! Ihr seid nicht ganz zurechnungsfähig!“
Der späte Augustabend webte im Dämmergrün des Maximilianplatzes. In ihm das Gewirr von Tausenden von Stimmen, das Glühen der Luft, das Zittern der Seelen. Ein plötzliches Anschwellen des Menschenbrausens da zu den feierlichen Klängen der „Wacht am Rhein“, dort zu wildem Getümmel, geschwungenen Stöcken, Schutzmannshelmen im Gewühl um einen neu ertappten Spion. Hurrah, erhobene Hüte und wehende Tücher beim Anblick von Generalen und von Offizieren in polizeiwidrig sausenden Autos. Isebrink und Inge gingen im Strom dieser Massen. In ihnen und dem Zwielicht verschwand sein Feldgrau, wurde nicht mehr so beachtet. Sie waren ungestört und schwiegen eine Weile, wie Menschen, die sich zu viel zu sagen haben. Oder nichts mehr. Es lag ja alles hinter Einem. Die Flammen dieses August löschten überall, was an Irrtümern und Mißverständnissen in der Vergangenheit aufgestapelt lag, im Großen wie im Kleinen. Es war nicht der Mühe wert, davon noch zu reden, und Inge Tillesen sagte schließlich nur:
„Ja. Du brauchst nicht umzulernen. Du hast Recht behalten. In Allem!“
Dann fiel ihr wieder ein, was ihr die junge Hauptmannsbraut kameradschaftlich zum Abschied gesagt. „Gottseidank! Unsere künftigen Männer sind im Generalstab lange nicht so exponiert wie die ganz da vorn in der Front!“ Da dachte sie doch wieder mitten im Donnergang der Zeit an ihr eigenes bischen Schicksal. Sie merkte jetzt, an der Angst um ihn, wie lieb sie ihn hatte. Und wie sie ihn schon früher hätte haben können. Und sie sagte, sich fest an seinen Arm schmiegend:
„Ja! Ich war dumm!“
Er lachte.
„Du Schlaukopf -- Du?“