Part 18
„Daß Sie dabei lachen können...“
„Aber wie!... Liebster, Bester...“ Er faßte ungestüm die Hände des Geheimrats und preßte sie zwischen die seinen. „Ich hab’ gleich nach Berlin telegrafiert. Eben hab’ ich Antwort! Stellen Sie sich vor: Ich krieg’ ein Kommando! Sie können mich alten Kerl noch brauchen! Und ich bin doch vor fünf Jahren schon ’raus! Ach, ich bin ja so glücklich wie ein Kind... Und erst meine Frau!“
„Hat sie denn nicht Sorge, daß Ihnen Etwas...“
„Na -- dann holt mich eben der Deubel! Dann hab’ ich diese Carcasse da lang genug in dem guten Wiesbaden spazieren geführt! Aber erst wollen wir sie verbimsen! Wichse... Wichse... Wichse...“
Der alte General hieb zornwütig mit dem Arm durch die Luft.
„Drei von meinen Jungens gehen gleich am dritten Tag mit ’raus! Mein Schwiegersohn auch! Blos der Älteste, der Paul, sitzt noch bei den Türken...“
„Ja. Ich weiß...“
„Zum Glück hat er sich dort noch nicht gebunden. Es stand gerade vor dem Abschluß mit seiner Anstellung. Ich hoffe immer, er ist schon auf dem Weg hierher. Dann ist Alles mobil, was von uns Isebrinks Beine hat! Famos!“
„Ich beneide Sie!“
„Ich freue mich vorläufig blos auf die ersten roten Hosen! Die haben sie nämlich immer noch, die dummen Kerle, genau wie vor ’nem halben Jahrhundert, wie wir den Napoleon fingen. Halten Sie nur blos den Daumen, lieber Freund, daß ich eine Verwendung vor dem Feind kriege und nicht das Herumgepeter hinter der Front! Das kann ich nicht leiden! Ich bin doch rüstig -- was?“
„Heute sind Sie ein Jüngling in weißem Haar!“ sagte der Gelehrte. „Und dabei, glaub’ ich, rund vier Jahre älter wie ich! Ich danke Ihnen...“
„Bitte gehorsamst! Gerne geschehen! Wofür denn eigentlich?“
„Nun: Man lernt nie zu Ende!“
Die beiden Männer, die des Kriegs und die des Friedens, trennten sich. Geheimrat Tillesen legte die paar Schritte bis zu seinem Haus zurück. Er sagte sich, in einer neuen Offenbarung: Ich hab’ die Nächte schlaflos im Laboratorium zugebracht und für die ganze Welt gearbeitet und der dort hat wach gelegen und an Deutschland gedacht. Ich habe die Bacillen vor mir gesehen und er die Kosacken. Ich habe den Frieden für selbstverständlich gehalten und er den Krieg. Wir hatten Beide Recht. Das wußte ich nicht. Jeder hatte seine Zeit. Die meine ist jetzt um. Die seine kommt.
Durch einen plötzlichen Riß der Erkenntnis sah er in diesem Augenblick die zweite, im Wirken der Wissenschaft ihm bisher verborgen gebliebene, nie beachtete Hälfte deutschen Wesens. Die Denker, die Dichter, die Erfinder verschwanden, mit denen vorhin sein Sinnen von der Waldwarte hinab die deutschen Lande vergeistigt hatte. An ihre Stelle traten eisengepanzert, in zweitausendjähriger Reihe, die Helden, die Krieger. Und obwohl er von ihnen viel weniger wußte als von jenen Anderen, schien ihm ihre Zahl noch größer. Ein Gewimmel von Recken, Rittern, Fürsten, Generalen vom Teutoburger Wald bis Sedan. Ein Zusammenbruch der Weltreiche vor ihrem Ansturm, von den Cäsaren bis zu den Napoleoniden.
Er dachte sich, während er das Tor öffnete: Der Alte hat vier Söhne für das Waffenhandwerk bestimmt und zieht mit ihnen ins Feld. Meine eine Tochter ist in Italien. Ihr Mann reist eben nach Paris. Meine zweite Tochter habe ich an einen Engländer verheiratet. Meine dritte, die Inge, ließ ich nach Amerika gehen. Ich selbst bin überall zu Hause. In Tokio und Columbia lehren meine Schüler, in Capstadt und Buenos Aires leben meine Patienten, in Irkutsk und Coimbra liest man meine Handbücher...
Er ging durch die verödeten Räume, in denen er so oft das ganze Ausland bei sich zu Gast gesehen. Seit ein paar Tagen war auch seine Sprechstunde von Fremden leer. Die vornehmen Russen waren, ohne ihn zu zahlen, abgereist. Es hatte eine Flucht vor Deutschland begonnen. Er begriff es immer noch nicht recht. Er stand am Fenster und dachte sich: Ja, wir haben uns tausendfach, mit den feinsten Saugwurzeln, über die ganze Erde hin verästelt. Da war kein Boden, aus dem wir nicht geduldig Nahrung zogen. Aber der alte Soldat da nebenan hat Recht, ohne es zu wissen: die Pfahlwurzel, die den ganzen Stamm trägt und hält, die geht steif und strack wie ein Preußenrückgrat, senkrecht hinunter in die tiefsten deutschen Tiefen..
Unten, auf der Sonnebergerstraße, gingen zwei Damen vorbei. Er war so in Gedanken an die Beiden, mit denen er zuletzt gesprochen: seinen Schwiegersohn, der sich des Friedens, seinen Nachbar, der sich des Kriegs freute, daß er Inge und ihre amerikanische Freundin erst erkannte, als sie ihm auf dem Weg zur Stadt von unten zuwinkten. Ethel Lawrence war lang und laut. Sie wirkte durch ihre Pariser Toilette und ihre sorgfältige Haut- und Haarpflege viel jünger als ihre vierunddreißig Jahre. Eigentlich war sie hübsch, trotz des zu großen Mundes, den ein oberflächliches und liebenswürdiges Lächeln kaum verließ. Sie schwatzte unaufhörlich. Man hörte ihr durchdringendes, näselndes Englisch noch auf fünfzig Schritte. Es fiel dem Geheimrat auf, daß Inge sehr still daneben ging, den Blick mit einem hartnäckigen und zurückhaltenden Ausdruck am Boden.
„Oh -- Dein Vater sieht sorgenvoll aus, Inge!“
„Ist das ein Wunder, jetzt -- zwischen Krieg und Frieden?“
„Er befürchtet wohl große Geldverluste im Krieg?“
„Geldverluste?“
„Nun ja! Wann ich den alten Gentleman sehe, ist er doch so ernstlich tätig!“
„Aber doch nicht blos wegen des Gelds!“
„Ja, wofür denn sonst? Warum antwortest Du denn nicht?“
„Weil Du es doch nicht verstehen würdest!... Früher schon! Für gewöhnlich schon! Aber jetzt ... die Zeit ist so furchtbar ernst...“
„Oh ja! Nichts kann ernster sein!... Ach,... sieh’ ’mal da den hübschen Hut... So ähnlich habe ich in Paris...“
„Laß jetzt die Schaufenster! Sieh lieber, wie die Leute da zu Tausenden auf der Wilhelmstraße stehen... Wie sie die Extrablätter lesen ... da pappen sie eben das Neueste an... Belgrad wird bombardiert!“
Ein dumpfes, ungeheures Summen und Brausen von Menschenstimmen ging über die weiten Straßenflächen und hinüber zum Kurhaus. Die Gesichter der Deutschen waren einander plötzlich alle ähnlich geworden. Auf Jedem lag der gleiche feierliche Ernst.
„Lache doch nicht so laut, Ethel!“
„Oh -- warum denn?“
„Die Deutschen drehen sich nach Dir um!“
„Ach -- laß sie...“
„Aber wir sind jetzt nicht in der Stimmung, Ethel! Wir verbitten uns das ... so nahe vor dem Krieg...“
„Oh ja: Krieg!“ sagte Ethel Lawrence gefällig. „Wir hatten vor siebzehn Jahren auch Krieg. Auf den Philippinen. Es war zu drollig!“
„Drollig...“
„Ja. Mr. Sandford. Ein Leutnant von der Flotte. Er hatte sich bei San Jago ausgezeichnet. Jede Miß mußte ihm einen Kuß geben. Ich auch. Dafür schnitt ihm Jede einen Uniformknopf ab. Er hatte nie Knöpfe. Ach, was mußten wir lachen... Warum siehst Du mich denn so an?“
„Ihr seid wirklich große Kinder! Ich drücke es höflich aus, Ethel!“
Miß Lawrence verstand das nicht.
„Damals machte Vater viel Geld mit Kriegslieferungen!“ sagte sie. „Vielleicht diesmal auch. Ach, ich möchte es ihm so wünschen!“
„Lieferungen?... Für wen?“
„Nun -- wer es zahlt...“
„Weiter denkt Ihr an nichts?“
„Oh, Kriege sind sehr teuer! Ihr werdet das auch merken. Die Soldaten sind wahrhaft anspruchsvoll. Sie verlangen sehr hohen Lohn und gute Verpflegung. Sonst entschließen sie sich nicht, sich anwerben zu lassen. Wir rechneten damals den Tag an Dollars etwa...“
„Höre endlich auf mit Deinen Dollars! Siehst Du denn nicht, daß das etwas Anderes ist? Siehst Du denn nicht all die Gesichter... Ich habe noch nie auf Menschengesichtern so eine Spannung gesehen!“
„Da solltest Du ’mal Wallstreet zur Börsenzeit sehen, wenn die Londoner Kabeldepeschen kommen!“
„Ich war ja mit Dir in Wallstreet, Ethel! Aber mir ist es, als sei es ein Jahrhundert her und nicht drei Jahre!“
„Sage das nicht! Die Prosperität hält an! Es hat sich dort nichts geändert!“
„Aber ich habe mich geändert...“
Miß Lawrence hatte wieder englische Bekannte getroffen. Sie sprach ein paar Worte mit den Damen. Eine von diesen, eine ältliche Jungfer, drückte im Weitergehen Inge, die sie gar nicht kannte, mit einem bedauernden Lächeln die Hand.
„Ethel: Was soll denn das bedeuten?“
„Sie sagte mir, Du tätest ihr so leid!“
„Ich?“
„Ganz Deutschland tut ihr so leid! Sie fürchtet, daß England Euch den Krieg erklären wird. Sie wollte Dir ihr Mitgefühl am Unglück Deines Vaterlands ausdrücken!“
„Ja, hör’ ’mal ... seid Ihr denn Alle verrückt? Oder war ich es bisher?“
„Oh -- was sprichst Du da?... So aufgeregt sollte eine Lady nie sein!“
„Ich pfeife auf Eure Ladies... Ethel: Mache Dir doch klar, was für uns auf dem Spiel steht! Unsere Feinde sind Zehn gegen Einen... Wir werden kämpfen müssen wie noch nie ein Volk!... Was soll denn dieser freundschaftliche Ellbogenstoß in die Seite?“
„Gestehe nur...“
„Was denn?“
„Dein Vater ist alt. Du hast keine Brüder, die sich einreihen lassen könnten! Also hast Du einen Herzensfreund, und er will durchaus mit hinaus...“
„Großer Gott ... kannst Du Dir nichts Anderes vorstellen?“
„Ich an Deiner Stelle würde es ihm nicht erlauben! Ich sicherlich nicht! Rede es ihm aus! Wozu denn?“
„Ethel ... fehlt Dir denn jedes Verständnis dafür, daß es jetzt gar nicht auf mich ankommt oder auf einen Herzensfreund, sogar wenn ich Einen hätte, oder sonst auf irgend einen Menschen in Deutschland, sondern nur auf Deutschland selbst! Betrachte nur die Männer und Frauen um uns! Das sonderbare Leuchten auf allen Gesichtern. Man ist sich auf einmal so nah. Man braucht gar keine Worte mehr! Es kommt etwas Unerhörtes über uns!... Aber wir fürchten uns nicht!... Glaubt nur das nicht! Auch wir Frauen nicht! Kein Mensch in Deutschland fürchtet sich vor dem Krieg. Das lesen wir Einer dem Anderen aus den Augen.“
„Oh -- der Krieg wird sehr interessant! Noch nie sah ich einen aus der Nähe!“
„Euch zum Spaß führen wir ihn nicht!“
„Du bist ja ganz atemlos, Inge!“
„Gottseidank bin ich eine Deutsche!“
„Oh ja, der Krieg!... Ich weiß nur noch nicht, wo ich hingehen soll, wenn die Heere den Rhein überschwemmen!“
„Unseren Rhein?“
„Oh ja! Was machst Du denn für Augen?“
„Die Feinde sollen zu uns ins Land herein?“
„Oh sicher! Wer hier englisch spricht, wird es Dir sagen!“
„Ja, was denkt Ihr denn von uns? Was habt Ihr denn die ganze Zeit über von uns gedacht? Ich bin ganz entsetzt! Und da ging man unter Euch drüben herum ... bei Euch ging ich in die Schule... Es fällt Einem wie Schuppen von den Augen!“
„Vielleicht reise ich nach Wien! Sage: gehört Wien zu Deutschland?“
„Nein. Zu China!“
„Oder nach Luzern! Oh ja: Luzern! Da sind ~First rate Hotels~! Da werden viele prominente Amerikaner sein!“
„Ja, macht nur, daß Ihr Alle dahinkommt!“
„Weißt Du was: Komm mit!“
„Ich? Jetzt?“
„Nun ja!... Da bist Du aus der Unruhe hier heraus! In guter Luft! Wir machen Ausflüge...“
„Man möchte sich wirklich an den Kopf greifen!“ sagte Inge.
„Berede doch Deinen Vater, so zu tun! Der alte Herr hat da auch seinen Frieden. Es wird ihm gut sein!“
„Jetzt Deutschland verlassen...?“
„Was willst Du denn hier, wo überall so viele Soldaten sein werden oder womöglich gar Verwundete und Kranke? Du bist eine unabhängige junge Lady. Du kannst doch Deine Rente verzehren, wo Du willst!“
„Jetzt geht mir allmählich ein Licht auf, wer Ihr seid und wer wir sind...“
„Ich bin so betrübt, daß Du wieder in Rätseln redest! Wir waren immer freundlich zu Dir, drüben, so als wärst Du Eine von uns!“
„Ich bin mehr und hab’s nicht gewußt!“
„Oh...“
„Der New-York-Herald!“ Ein Händler bot die neueste Nummer der Pariser Ausgabe an. Die Miß kaufte sie und studierte mit brennendem Interesse die Liste der in den dortigen Luxushotels eingetroffenen Amerikaner. „Heißes Wetter in Paris!“ verkündete sie dann. „Oh -- wieviel Volk ist nach Trouville abgereist! Sieh nur hier die Namen...“
Inge hörte nicht mehr darauf. Rings um sie knitterten andere deutsche Zeitungen, verfolgten gespannte Augen den Fettdruck der Riesenlettern der letzten Nachrichten. Ganz Europa fieberte in diesen kurzen, schwarzen Zeilen. Noch einmal drahteten sich in letzter Stunde die Großen dieser Erde vom Hohenzollernschloß zum Winterpalais, vom Buckinghampalast zur Hofburg, schossen die Automobile der Diplomaten nach Downingstreet und dem Ballplatz, nach der Wilhelmstraße und dem Quai d’Orsay, zitterten die Telefondrähte und Telegrafenkabel von den letzten Zuckungen des Friedens. Und doch war dies das Letzte, worin, auf lange Zeit hinaus, die Menschen dieses Weltenrunds einig waren: Es war zu spät! Das Schicksal schon im Gang.
Ringsum lachten und spaßten unbekümmert die Yankees. Für sie war Europa eine große „Schau“. Auch der Krieg war eine ganz neue Schau. Sie schoben der Miß Lawrence strahlend einen blatternarbigen, breitschulterigen jungen Mann entgegen. „Fighting Bob“ -- der Millionärsohn und Amateurboxer! Fighting Bob hatte Lust, den Krieg auf ein paar Wochen mitzumachen! Die Deutschen mochten sich hüten! Hinter seinem Knockabout wuchs kein Gras...
Das letzte Extrablatt! Eine Depesche des Deutschen Kaisers. Er beschwor den Zaren im Namen der Menschheit, seine Völkerwanderung abzurüsten, die von den Wolgaufern und den Steppen Asiens heranzog. Um Inge Tillesen schwirrten fremdartige Stimmen in einem halben Dutzend Sprachen. Schrilles Welsch. Lautes Russisch. Gekäutes Englisch. Ratterndes Französisch. Sonderbar, sie lebte seit acht Jahren mit ihrem Vater in Wiesbaden. Sie war in dieser Zeit fast täglich durch das Gedränge vor dem Kurhaus gegangen, ohne sich beim Anblick der vielen Ausländer Etwas zu denken. Heute auf einmal traten die Trennungslinien der Menschheit hervor, die ewigen Grenzen der Völker. Ein Ahnen. Beinahe ein Grauen... Dann ein Jubel: Drüben wurden Hunderte von Hüten geschwungen, Hunderte von Stimmen sangen. Das waren nicht mehr die Unmündigen wie in den Tagen bisher. Das war ein langer Zug junger, waffenfähiger Männer, Primaner, Handwerker, Bürgersöhne. Sie marschierten zu Viert und Fünft, Arm in Arm, nebeneinander. Ihre Gesichter waren begeistert.
„Heil Dir im Siegerkranz!“...
Hurrah! Es winkte aus den Fenstern. Tücher wehten. Inge Tillesen überlief ein Schauer. Ihre Augen wurden feucht. Sie wandte sich um. Sie sah wieder die vergnüglichen Zahnreihen der Yankees. Die spöttische Neugier der Italiener, das stechende Auge der Franzosen, das freche und belustigte Lächeln einiger junger Lawn-Tennis-Engländer. Auf einmal durchzuckte es sie: Das sind ja Alles unsere Feinde! Alle... Alle! Die ganze Welt! Und war es schon lange...
„Lachen Sie nicht!“
Sie sagte es mit so wildsprühenden Augen, daß der Boxer-Millionär sie fassungslos anstarrte. Man war doch in Deutschland, dem geduldigsten und gutmütigsten aller Völker! Man hätte in Rußland, bei der Zarenhymne das Haupt entblößt, man wäre in England ehrfurchtvoll bei „~God save the King~“ aufgestanden. Aber hier...
„Lachen Sie nicht über Dinge, die für Euch viel zu hoch sind! Ihr werdet das Lachen noch verlieren! Ihr Alle zusammen!“
„Oh... Inge...“
„Was hat denn die Lady?“
„Sie war früher nicht so!“ erklärte Miß Lawrence. „Sie war eine aufrichtige Kosmopolitin!“
„So? War ich das?“
„... aber jetzt ... Inge ... ich bin so bang... Jetzt spricht sogar aus Dir der Militarismus!“
„... wenn Ihr das Militarismus nennt, daß alle Welt über uns herfällt -- -- na gut -- aber da könnt Ihr ’was erleben!“
„Oh, Inge... Wie kannst Du das sagen?“
„Das fühlt jetzt Jeder bei uns! Einer wie der Andere. Der Droschkenkutscher da ... oder die Frau da ... oder der Briefträger da ... siehst Du: Ich brauche ihm blos zuzunicken! Da verstehen wir uns schon!“
„Oh -- laß doch den Mann aus dem Volke, Inge! Rege Dich nicht auf! Sieh hier! Ich habe eben von Miß Cooper zwei Karten für Bayreuth bekommen! Für übermorgen! Willst Du den Trip nicht mitmachen? Es wird Deiner Konstitution gut tun!“
„Du wirst bald andere Zeichen und Wunder erleben als in Bayreuth!... Leb’ wohl, Ethel!“
Der Händedruck mit der erstaunten Freundin aus Amerika schien Inge wie ein Sinnbild des Abschieds von Vielem in ihr und außer ihr. Sie lachte dabei und hielt den Kopf hoch im Nacken. Es war eine Bewegung von Stolz und Kampflust. Der Ausdruck eines allgemeinen und unermeßlichen Kraftgefühls, das sie jählings auch in sich spürte. Sie ging langsam und straff aufgerichtet durch die Ausländer, die ihr nachstarrten. Daheim setzte sie sich zu ihrem Vater in dessen Arbeitszimmer. Exzellenz Tillesen hatte sonst nie Zeit. Aber jetzt war die große, lähmende Stille vor dem Gewitter. Jedes Wort schien zu viel. Endlich sagte Inge:
„Was ist das nur, Vater?“
„Was denn, Kind?“
„Es ist alles so anders! Die Menschen draußen... Du ... ich...“
„Ja, Inge!“
„Aber wie geschieht denn das?... Es ist sonderbar... Man fühlt sich so leicht ... so befreit... Und dabei schlägt Einem doch das Herz und die Zeit ist doch so furchtbar ernst!“
„Man ist von sich befreit, Inge! Das ist’s!“
„Was meinst Du damit, Vater?“
„Vielleicht haben wir Alle zu sehr an uns und unser bischen Eigenes gedacht...“
„Ach so...“
„... und das war uns eine Last und wir wußten es nicht, daß wir an uns selber litten!“
„So ist es mir, glaub’ ich, gegangen.“
„... das merke auch ich jetzt, Kind, und vielleicht ein Jeder! Wir kannten uns nicht mehr und waren darum ungerecht gegen einander. Es ist nun einmal deutsche Art, seinen eigenen Weg zu gehen!“
„Das hab’ ich auch viel zu sehr getan!“
„Laß es gut sein, Inge! Es rinnen viele Wasser in Deutschland. Aber schließlich wird es doch der eine große Strom!“
„Ich mache mir doch Vorwürfe, daß ich das nicht früher verstand. Ich hätte mir und einem Anderen Manches erspart! Er hat das gewußt. Er hat mir immer gesagt: ‚Nicht das Ich, sondern die Pflicht, die das ‚ich‘ in sich schließt!‘ Ich hab’s in den Wind geschlagen. Und was ist das jetzt? Was ist man denn selbst? Es ist ja so gleichgiltig, ob man da ist oder nicht und wie es Einem geht und was man will!“
„Ja. Nun geht Alles weit darüber hinaus!“
„Aber warum erkennen wir das erst jetzt?“
„Liebes Kind!“ sagte der Gelehrte und stand auf. „In Jedem von uns steckt ein Stück Deutschland mit seinen Rätseln und seinen Tiefen. Wer kennt sich ganz und wer kennt Deutschland aus? Nun kommt uns vielleicht die Lösung des Rätsels von außen. Das Wunder geschieht nicht zum ersten Mal... Nun Inge... Ich geh’ jetzt wieder an die Arbeit!“
Ganz Deutschland ging an diesem Tag mit Exzellenz Tillesen noch einmal an die Arbeit, das schaffenfreudigste, das gewissenhafteste, das gründlichste aller Völker. Es war jetzt noch, in der Gewohnheit vieler Jahrzehnte des Friedens, mit frohem Eifer am Werk des Tages, während unter ihm die Erde schon bebte. Es riß sich schwer, zögernd, ungläubig von der liebgewordenen Beschäftigung am Schreibpult und Schraubstock, an Pflugschar und Ambos, an Hauptbuch und Heizkessel los, es schaltete langsam seine Gedanken um, bis zu der letzten Erkenntnis: Auch der Krieg ist deutsche Arbeit! Durch Jahrtausende bewährte deutsche Arbeit, so stark und gründlich wie die des Friedens.
Inge Tillesen stand am Fenster. Draußen warfen die Bäume schon ihre abendlichen Schatten über das heiße Pflaster. Karl, der Diener, lief eben in bloßem Kopf und weißer Schürze aus dem Haus. Er war alter 80er Füsilier. Er rannte alle Augenblicke bis zur nächsten Straßenecke, um nach Extrablättern zu schauen. Inge achtete nicht auf ihn. Sie fuhr zusammen und sagte halblaut zu sich:
„Herrgott ... da ist er ja wieder!“
Nicolai Schjelting stand auf der anderen Seite der Straße, gerade der Villa gegenüber. Stand nachlässig wie gewöhnlich, blendend angezogen, den Strohhut auf Pariser Art nach hinten geschoben, die Hände auf dem Rücken. Er schaute unausgesetzt, mit einem gespannten Gesichtsausdruck, nach dem Hause hin...
„Ach ... mag er schon...“
Inge Tillesen hob unwillig die Schultern hoch, trat in das Innere des Zimmers zurück und klingelte, um dem Diener den Herrn da draußen zu zeigen und ihm einzuschärfen, daß man für ihn unbedingt nicht zu Hause sei. Niemand kam. Sie wartete eine Weile. Dann öffnete sie die Tür und rief ungeduldig in die dämmerige Eingangshalle:
„Karl, wo stecken Sie denn, wenn man Sie braucht?“
„Guten Abend, Fräulein Tillesen!“
„Um Gotteswillen ... wer steht denn da?... Wer sind Sie denn?“
„Erlauben Sie mir, in den Salon zu treten! Ich bin kein Mann der Antichambre.“
„Ja, wie kommen Sie denn hier herein?“
„Ich kam zufällig an Ihrem Hause vorbei. Ich sah Sie am Fenster. Ich fand das Haustor offen. -- Ihr Diener hatte die Güte, es nicht zu schließen, während er um die Ecke lief -- -- ~Et me voilà!~“
Nicolai von Schjelting sagte es lächelnd, als sei heute ein Tag wie jeder andere. Er stand mitten im Zimmer, so hell im Abendlicht, daß sie deutlich die Schatten der Schlaflosigkeit unter seinen großen, grauen Augen, die tiefgefurchten Linien nervöser Unruhe auf seinen lebhaften länglichen Zügen erkannte. In der Art, wie er den Kopf etwas zur Seite legte und sie verbindlich ansah, war ein Gemisch von Dünkel und Schmiegsamkeit, fast Unterwürfigkeit. Der wohlbekannte leise Petersburger Hauch von feinstem Beßarabischen Tabak und Kölnisch Wasser ging wieder von ihm aus.
„Sagen Sie um Gotteswillen: Was suchen Sie eigentlich hier?“
„Sie.“
„Was...?“
„Wie denn nicht? Deswegen bin ich in Wiesbaden. Ich muß mich eilen, wenn ich mich Ihnen noch erklären soll! Denn in Kurzem...“
„Bitte! Ich wünsche nicht das Geringste von Ihnen zu hören!“
„Denn in Kurzem...“ sagte Schjelting lächelnd. „Nun -- unser Kriegsminister Suchomlinoff hat ja gestern Eurem Militärattaché sein Ehrenwort gegeben, daß er nichts von einer Mobilmachung weiß! Aber, unter uns, dies Ehrenwort taugt nicht viel!“
„Das glaub’ ich!“
„~C’est la guerre! Ou -- pas encore la guerre, mais~... Gestatten Sie mir, daß ich mich setze! Ich stehe schon seit einer halben Stunde vor Ihrem Haus!“
„Ich kann Sie nicht daran hindern!“
„Setzen Sie sich doch auch! Erbarmen Sie sich: Sie können doch nicht hier vor mir stehen! Erweisen Sie mir die Gnade! Plaudern wir ein wenig...“
„Was tun Sie denn noch in Deutschland, angesichts des Kriegs?“
„Noch ist nicht Krieg. Auch bin ich nicht wehrpflichtig. Ein ganz friedlicher Mensch. ~Un vrai philanthrope~...“
„Ich würde Ihnen doch raten, sich aus dem Staub zu machen!“
„Ich habe Zeit! Ich reise, wenn es so weit ist, entweder nach Westen, den einrückenden Franzosen entgegen oder -- da mich meine Familie in Belgien nicht mehr weiter interessiert -- ich gehe, ~en attendant~, nach Bayern.“
„Dort nimmt man Sie gerade so gut fest!“
„Pardon! Ich weiß das besser! Mich täuscht man nicht: Süddeutschland wird auf alle Fälle eine abwartende Haltung einnehmen! Man ist dort so sicher ~comme au sein de sa famille~!“
„Das ist verrückt, so was zu glauben...“
„Wir haben unsere Thesen!“ sagte Nicolai Schjelting und sah sie aufmerksam an. „Diese Formeln gründen sich auf eine Analyse der geschichtlichen Vorgänge in Deutschland, die sich nach gewissen Gesetzen wiederholen...“
„Wenn die Zeit nicht so ernst wäre, müßte man wirklich lachen!“
„... und außerdem hat man bei uns Deutschland im letzten Jahrzehnt genauer studiert! Früher schien es uns und den Engländern nicht so der Mühe wert!... Aber jetzt weiß man überall im Ausland mit Euch Bescheid. Deswegen bin ich ja hier, Fräulein Tillesen, weil die Gefahr für Sie so unmittelbar und dringend ist!“
„Ich fürcht’ mich nicht!“
„Ich schrieb es Ihnen ja schon! Wo wollen Sie denn eigentlich hin? Hier am Rhein donnern ja bald die Geschütze...“
„Am Rhein...?“
„Weiter ins Innere? Die großen Städte und die Industriebezirke werden bald ein Spielball Eurer Arbeitersyndikate sein...“
„Wessen Spielball?“
„Ach, stellen Sie sich nicht unwissend! Die Methoden des Europäischen Individualismus werden in Euren Vorstädten triumphieren: Eure Blusenmänner lehnen mit entschlossener Geste die Pickelhaube ab! Es wird ein Schrei aus der Tiefe der Bergwerke tönen: Kämpft Eure Kriege selbst!“
„Reden Sie eigentlich von China oder von uns?“