Part 17
Gegenüber, in der Sonnebergerstraße, saß der Geheimrat Tillesen nach Tisch mit seinem Schwiegersohn, dem Großindustriellen Martius, im Schatten der Veranda. Der Reichstagsabgeordnete hielt die glimmende Havannah schräg in dem mächtigen, rotbraunen Vollbart. Ein großer, schöner Mann zu Anfang der Vierzig, hatte er die starke Stimme und die ungestümen Bewegungen des Volksredners.
„Nee, Schwiegervater -- ich bin doch auch nicht gerade ein Waisenknabe -- nicht wahr? Ich stehe doch mitten im praktischen Leben. Ich bin, wie ich da geh’ und steh’, täglich fünfhundert Aktionären, zweitausend Arbeitern und fünfzigtausend Reichstagswählern Rechenschaft für mein Tun und Lassen schuldig! Auch ’n Vergnügen, besonders das Letztere! Na -- was tut der Mensch schließlich nicht Alles freiwillig, wenn er muß?“
„Wer zwingt Dich denn?“
„Ich mich selber! Ich brauche Umtrieb um mich! Wo ich hinkomm’, da kriegen die Leute Beine! Das ist komisch!“
Er lachte tief und stark, mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes, dem das Leben durch Erfolge über Erfolge, im Hause wie auf dem Markt, Recht gab.
„Die Phila, die jammert auch immer, daß ich mich wieder hab’ wählen lassen! Das sei so roh -- unsere innere Politik! Ich sag’ ihr: Zum Deubel auch! Teures Weib: Ich muß mich ’rumschlagen, das bin ich meiner Gesundheit schuldig!“
Exzellenz Tillesen lächelte einen Augenblick. Dann wurde sein stilles, graubärtiges Gelehrtengesicht wieder tiefernst. Er hatte die Brille abgenommen. Goldene Sonnenlichter spielten durch das Buchenlaub auf seiner mächtigen, hochgewölbten Stirne. Er unterbrach den Schwiegersohn nicht. Er wußte: der hörte lieber sich selber reden als Andere.
„Kampf war, ist, wird immer sein! Die Menschen sind nu ’mal eine verwünschte Rasse! Das hat der alte Fritz schon richtig erkannt! Aber die Mittel, wie sie sich verkeilen, wechseln. Heutzutage führt man den Krieg im Frieden. Es braucht doch nicht ewig der olle Schießprügel zu sein, um zu ermitteln, wer der Stärkere ist. Der synthetische Indigo tut’s unter Kulturmenschen schließlich auch.“
„Also glaubst Du wirklich nicht an die Möglichkeit eines Weltkriegs, Hugo?“
„Weißt Du, was die Geschichte unter Brüdern kosten würde -- Einhundertfünfzig Millionen täglich! Fünf Milliarden Mark in jedem Monat! So viel Geld giebt’s ja gar nicht. Das weiß jeder Fachmann. In einem Vierteljahr ist der Erdball pleite!“
„Ja -- davon verstehe ich nichts!“
„Weiter: die Menschenkräfte! Zwanzig Millionen Männer in Europa unter Waffen! Ja, zum Kuckuck! Wer pflügt denn für sie? Wer steht denn für sie am Heizkessel? Hinterm Ladentisch? In der Werkstatt? Frag’ die ’mal Alle! Die wollen bei ihrer Arbeit bleiben und ihre Familien ernähren und nicht über Andere herfallen!“
„Wir Deutsche gewiß nicht!“
„Und ebensowenig die Übrigen! Glaubst Du, daß ein Bergmann in Wales oder ein Winzer in Frankreich oder ein Bauer in Rußland Krieg will?... Die denken nicht daran!“
„Die nicht, aber Andere!“
„Ja -- zum Donnerwetter -- verzeih’, Schwiegervater, wenn ich ’mal auf den Tisch haue -- wo stecken sie denn, diese verfluchten Kerle, diese Massenmörder, diese...“
„Bei uns sicher nicht!“
„...’Raus mit der Bande!... An’s Tageslicht, daß man diese gottverlassenen Visagen ’mal sieht! Für die Gesellschaft würde sich ja die Verbrechergallerie in Kastans Panoptikum bedanken!“
„Höre, Hugo...“
„Und endlich die Herrscher selbst! Sonst überlegen sie es sich, ob sie ein Todesurteil gegen einen Verbrecher unterzeichnen sollen! Bei der Unterzeichnung des Mobilmachungsbefehls handelt es sich um das Todesurteil gegen Hunderttausend, die nichts verbrochen haben! Das kann doch Keiner von ihnen! Da sträubt sich ihm ja die Hand...“
„Und doch hat der Zar die Mobilmachung der russischen Armee befohlen!“
„Wer sagt das?“
„Ein Balte, einer meiner Patienten, der sich heute morgen in aller Eile von mir verabschiedet hat. Der Mann hatte Tränen in den Augen!“
„Die Mobilmachung gegen Österreich?“
„Nein! das ganze russische Heer!“
„Auch gegen uns?“
„Auch gegen uns!“
Die Männer schwiegen. Aus dem Parkgrün gegenüber jauchzten die Kinder. Von fern klang der dumpfe Paukenschlag der Kurmusik. Endlich sagte Hugo Martius entschlossen:
„Dein Balte in Ehren! Aber das glaub’ ich einfach nicht! Er hat irgendwas läuten hören und nicht schlagen...“
„Es ist ein Graf, mit vielen Beziehungen scheint’s, in Petersburg!“
„Na eben!... Was mag dort jetzt Alles gemunkelt und gestänkert werden, was nachher ... nein ... ich glaub’ es nicht! In acht Tagen lachen wir darüber!“
„Geb’ es Gott!“
„Geht Deine Uhr richtig, Schwiegerpapa? In fünf Minuten halb Vier?... Na, dann wird’s Zeit!“
„Du willst doch nicht wirklich heute Nacht nach Paris!“
„Da unsere internationale Gruppe von Friedensfreunden sich zu Ende Juli zu einer Sitzung dorthin verabredet hat...“
„... aber doch unter anderen Voraussetzungen...“
„... so würde das Fernbleiben eines Deutschen eben jetzt doppelt mißdeutet werden! Gerade in dieser kritischen Zeit ist es meine Pflicht, nach Paris zu gehen! Ich sehe Jaurès morgen früh, gleich nach meiner Ankunft. Sein Wort ist in Frankreich eine Macht! Man muß ihn und alle vernünftigen Menschen draußen in ihrer Überzeugung bestärken, daß Niemand in Deutschland den Krieg will!“
„Nun ... das weiß der Himmel!“ sagte der Geheimrat. Wieder verstummten die Beiden. Durch das Gebüsch blinkte von der Nachbarvilla des Generals z. D. Isebrink her ein scharlachroter Schein. Ein Diener hängte einen funkelnagelneuen Waffenrock über die Stange und begann ihn auszubürsten. Er hatte bei der Kavallerie gedient. Man merkte es daran, daß er, in seiner blauweiß gestreiften Jacke, abwechselnd den Finnischen Reitermarsch und „Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!“ vor sich hinpfiff.
„Und Phila läßt Du vorläufig auch ruhig in Italien?“
„Na, Du kennst doch Deine Tochter, Schwiegerpapa! Die kriegen doch zehn Pferde nicht aus ihrem geliebten ~bel paese~, wenn sie ’mal wieder glücklich da unten sitzt!“
„Vielleicht kommt sie von selbst auf den Gedanken...“
„Phila und in Italien denken! Da wandelt sie Mond mit offenen Augen. Ißt und trinkt nicht, sondern wird vom Süden satt und kriecht friedlich unter ihr Moskitonetz. Flöhe? Oh bitte: das ist kein Floh! Das ist ~una pulce~! Hut ab vor dem Vieh. Es ist klassisch!“
„Nun ja... Schließlich ist das auch ein Stück unseres Wesens!“
„In Deutschland sollten ’mal in so ’nem finsteren Stinkgäßchen mit darüber gespannten Lumpen solche schmutzigen Bälge sie am Rock zupfen. Die hätten gleich eins hinter’m Ohr. Aber dort... ~Oh -- questa ragazzaglia!... prenda! prenda!~... Da habt Ihr, Kinder! Rein närrisch!“
Hugo Martius hatte gelacht. Jetzt wurde er doch wieder sehr ernst. Er sagte, unwillkürlich und halb in Gedanken: „Der Zar, der den Friedenstempel im Haag gebaut hat ... ach wo... Es ist einfach ein Petersburger Bluff... Darin sind die Herren Russen Meister...“ und dann, sich ablenkend: „Wo steckt denn eigentlich Inge?“
„Drüben, im Hotel, bei ihrer amerikanischen Freundin!“
„Der berühmten Ethel, mit der sie uns früher nach ihrer Rückkehr aus den ~States~ zur Verzweiflung brachte?“
„Ja, eben der... Sie ist zum Besuch hier...“
„Na -- dann wird Deine Tochter wohl wieder ganz verdreht...“
„Ich weiß nicht ... sie ist anders... Es wird Niemand mehr aus ihr klug...“
„...Sie sieht blaß aus! Du solltest ihr Eisen verschreiben, Schwiegervater!“
„Wenn die Zeit uns nicht Allen Eisen verschreibt... Die Inge ist doch eigentlich so ganz ein Kind unserer Zeit. Aber sie findet sich in ihr nicht mehr zurecht...“
„Ach ... heiraten soll sie...“
„Sie hat ja eben ihr Schicksal aus der Hand gegeben. Manchmal kommt es mir vor, als bereute sie’s und wollte es zurückrufen... Es kämpft Etwas in ihr ... so wie da draußen Krieg und Frieden miteinander kämpften. Ich merke es wohl, wenn sie auch nie mit mir darüber spricht!“
„Kannst Du denn da nicht vermitteln?“
„Nein, Hugo! Sie muß selber sehen, wo sie bleibt. Im Krieg oder im Frieden!“
Hugo Martius stand auf.
„Also nochmals: ich glaube an den Frieden!“ versetzte er. „Wir können mit mehr Recht als der kleine Napoleon sagen: ‚Das Kaiserreich ist der Frieden!‘ Seit Versailles hat Europa Ruhe! Das verdankt es uns!“
„... wenn es uns das dankt!“
„Na bitte: Wen reizen wir denn? Wen verletzen wir denn? Wen schädigen wir denn? Wir sind doch mit aller Welt Freund! Wir haben ein offenes Herz für Hinz und Kunz. Wir sind doch nun ’mal Idealisten. Ich glaub’ an die Menschheit. Das ist nun ’mal deutsche Art!“
„Und soll es bleiben...“
„... soll es bleiben ... in ehrlicher Friedensarbeit ... die sollen sie uns nicht stören, die verfluchten Kerle... Es brennt mir auf den Nägeln, so hab’ ich zu tun! Du hast zu tun! Jeder hat bei uns zu tun! Keiner hat Zeit! So ... nun kurbeln Sie ’mal an, Mann Gottes! In sieben Minuten muß ich am Bahnhof sein!... Adieu... Adieu!“
Geheimrat Tillesen kehrte von dem Parkgitter, bis zu dem er seinen Schwiegersohn geleitet hatte, in das Haus zurück. Das war still und leer. Auch in dem Laboratorium, in das er hinüberschritt, empfing ihn nicht die halblaute Unterhaltung in fünf, sechs Sprachen wie sonst. Feiner Staub lag schon auf dem Platz, wo früher der Montenegriner Dr. Woinowitsch seine betäubten Frösche präpariert hatte. Nur eine Karte an einen Kollegen war von ihm aus den Schwarzen Bergen gekommen. Er hoffe, in Kurzem im Kampf gegen die Schwaben seine Pflicht zu tun...
Der Gelehrte schüttelte still den Kopf. Er trat an den Nebentisch und frug dort den bartlosen jungen Amerikaner Washington J. Parker, der mehr wie ein Baseball-Athlet als wie ein Physiologe aussah:
„Nun -- nicht bei der Arbeit?“
„~Oh -- I beg your pardon, Excellency -- but...~“
„Wollen Sie nicht Deutsch in meinen Räumen mit mir reden? Was heißt denn das?“
„~Well.~... daß ich abreisen möchte! Ich schätze: Es giebt Krieg und man braucht mich drüben!“
„Doch nicht in Amerika?“
„~Oh no!~ In England! Ich bekam heute Kabel-Neuigkeiten aus New-York. Manche meiner Freunde wollen einen freiwilligen Sanitätsdienst mit Automobilen einrichten. An der englischen Front. Da tun modern geschulte, junge Ärzte not...“
„Mit dem, was Sie hier gelernt haben...?“
„Oh -- ich kämpfe doch nicht! Ich helfe doch nur -- wenn es welche geben sollte!... den Verwundeten!“
„... auf der Seite unserer Feinde?“
„~Yes, Sir!~“
Der Amerikaner hatte vor Erstaunen ganz runde Augen. Natürlich half man den Engländern. Das war doch selbstverständlich. Ehrenpflicht des Erdenrunds. Es gehörte zu den Sonderbarkeiten der Deutschen, das nicht einzusehen. Immerhin: die zwei Jahre hier waren nicht verloren. Er drückte seinem bisherigen Lehrer kraftvoll zum Dank die Hand, zeigte freundlich lächelnd die goldplombierten Zähne und ging. Exzellenz Tillesen zuckte gelassen die Achseln und trat in den Nebenraum. Da hörte er die laute Stimme der Besobrasowa zu den beiden deutschen Assistentinnen:
„Läbben Sie wohl! Ich gähe!“
„Tun Sie’s oder ich melde es Exzellenz, was Sie hier für Ungezogenheiten vorbringen!“
„Umso bässer! Ich habe genug bei ihm gelärnt. Oh -- Ihr seid dumme Mänschen!“
„Sie ist so frech, Exzellenz!“ sagte Dr. Käthe Cornelius. Und Dr. Irma Enderlin, mit rotem Kopf über dem weißen Kittel:
„Ich möchte sie am liebsten ’rausschmeißen!“
Die kleine, dicke Russin zog höhnend den Mund von einem Ohr bis zum andern.
„Oh -- Vor Ihnen habe ich Aehrfurcht, Exzellenz! Ihnen wird man auch nichts tun!“
„Sehr gütig!“ sagte der Geheimrat. „Und uns Andern!“
„~Pomiluite!~.... Die Wurstfrässer wollen uns Gesätze vorschreiben! Nun: man wird sähen! Wir wärden kommen!“
„Den ganzen Nachmittag nennt sie uns Wurstfresser, Exzellenz!“
„’raus!“ schrie Irma Enderlin wütend und schwenkte ein Reagenzglas.
„Ich glaub’ wahrhaftig, sie hat draußen noch die Zunge ’rausgestreckt!“
„Bleiben wir bei der Sache, Fräulein Cornelius. Wie steht es mit den Tabellen?“
„Wir kommen nicht vorwärts, Exzellenz! Die Ausländer sind ja über Nacht alle ausgerückt. Es ist zu viel!“
Die beiden Damen saßen vor einem kleinen Berg toter weißer Mäuse. Andere huschten oder wankten, je nach ihrem Impfungsstadium, in kleinen Käfigen um sie herum.
„Ja, da sollte aber Katsura doch selber so vernünftig sein und Ihnen ein bischen zur Hand gehen? Wo steckt er denn?“
Niemand wußte, wo der Japaner geblieben war, der seit sieben Jahren in diesem Hause ganze Assistentengeschlechter überdauert hatte und in alle Forschungsgeheimnisse des Laboratoriums eingeweiht war.
„Da kommt eben der Mathes zurück!“ sagte Fräulein Cornelius. „Der hat, glaub’ ich, nach dem Kerlchen geschaut!“
Der Laboratoriumsdiener trat ein. Er war in der Großen Kirchstraße gewesen. Die Wohnung des Dr. Katsura stand leer. Er war ganz heimlich und plötzlich mitten in der Nacht abgereist. Weder Miete noch Rechnungen hatte er in der Eile bezahlt. Auch keine Zeile zurückgelassen.
„Seltsam ... sehr seltsam... Nun, mein lieber Dr. Pfeiffer ... dann werden Sie jetzt für die Hauptarbeit einspringen müssen...“
„Für die nächsten Tage gern, Exzellenz!“
„Und dann?“
„Ich bin dienstpflichtig, Exzellenz!“
„Ach so -- ja --“
Exzellenz Tillesen erschienen seine eigenen, durch die Gewohnheit langer Jahre vertrauten Forschungsräume plötzlich verändert. So still. So leer. Eine unsichtbare, unbekannte Macht griff herein, holte sich die Menschen nach anderen Orten, zu anderen Zwecken...
„Wir müssen mit der Arbeit fertig werden!“ sagte er. „Ich brauche die Grundlagen für meinen Vortrag im August, auf dem Internationalen Kongreß in Kopenhagen.“
Dabei fiel ihm wieder ein: Was sprichst Du da? Vielleicht werden die internationalen Begegnungen bis dahin anders und furchtbarer. Es war so schwer, sich aus dem Geleis der Gewohnheiten loszulösen. Fast fünfzig Jahre Frieden. Frieden und Lebensluft war fast dasselbe.
Er machte seinen gewohnten Nachmittags-Spaziergang die Höhen hinter Wiesbaden hinauf und sein Herz war schwer. Er dachte sich: habe ich richtig mit meinem Pfund gewuchert oder tat ich zu viel, indem ich Jedem, der da kam, den deutschen Überfluß bot, dem Weißen wie dem Gelben, dem Amerikaner wie dem Asiaten?
Von oben konnte er sein Laboratorium sehen. Das war nun verlassen wie ein sinkendes Schiff. Alles fort in der Stunde der Not. War das der Dank? Er war sechzig Jahre alt und kannte die Welt. Darum ging es ihm durch den Kopf: Zuviel Dankesschuld verkehrt sich in Haß. Bei dem Einzelnen wie bei den Völkern. Wir waren zu arglos. Wir waren zu reich. Wir gaben zu viel... Und zu Vielen...
Die Straßen der Bäderstadt unten waren jetzt, gegen Abend, wieder wimmelnd belebt. Aber anders als sonst. An allen Ecken und Plätzen weiße Punkte und schwarze Flecken. Die Extrablätter und die Menschengruppen vor ihnen. Darüber, müde hängend, wie welk, die Festfahnen.
Und wieder dachte er sich: Nein. Es kann ja nicht sein! Die Welt wider Deutschland!... Die Welt ohne Deutschland! Ein Körper ohne Herz und ohne Hirn!...
Mit dem geistigen Auge sah er von seiner Waldwarte oben weit über das gesegnete deutsche Land und seine Ströme und seine Städte. Er sagte sich: Dort in Mainz haben Deutsche die erste Bibel gedruckt, dort in Freiburg haben sie das Pulver erfunden, dort am Bodensee erfüllten sie den tausendjährigen Traum der Menschheit und lenkten ihr Schiff durch die Lüfte, dort in Heidelberg entdeckten sie die Spektral-Analyse, dort in Heilbronn das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Dort in Jena lüfteten sie die Welträtsel. Dort in Frankfurt, dort in Marburg, dort in Berlin ersannen sie die Gegengifte gegen die Geißeln der Menschheit. Dort in Würzburg die Röntgenstrahlen. Dort in Mannheim und Stuttgart den Explosionsmotor?. Und er dachte sich: Ja -- was wollt Ihr denn noch von uns, Ihr Anderen? Von uns, den ewig Gebenden?
Und dies Alles war nur sein eigenes Feld, die exakte Wissenschaft. Und er übersann es im Weiterwandeln: Ein Deutscher schlug dort in Wittenberg seine Thesen ans Domtor. Ein Deutscher lehrte dort in Königsberg der Menschheit den kategorischen Imperativ. Deutsche prägten den Arbeitern aller Länder die Gesetze des vierten Standes und seiner Zukunft...
In der Stadt unten ging etwas Seltsames vor: die schwarzen Flecken schienen sich aus sich selbst heraus zu vergrößern, schwammen auseinander, bedeckten Kopf an Kopf die Straßen und Plätze, lösten sich in Gruppen, in laufende Punkte... überall dazwischen, immer neu, die weißen Extrablätter...
Exzellenz Tillesen oben sah es mit einem eigenen stillen Gram um die Menschheit. Er glaubte immer noch nicht daran. Es kam zu rasch. Es widersprach Allem, was sein Leben geleitet hatte. Er ging weiter und dachte sich: Wissenschaft ist Stückwerk! Taten wir Deutsche denn nicht noch viel mehr? Schenkten wir der Welt nicht das Wunder von Weimar? Den Zauber von Bayreuth? Gaben wir ihr nicht die Bibel wieder, begnadeten wir sie nicht mit dem Faust, der Neunten Symphonie?...
Und das der Dank?... Und das der Dank?
Es wollte dem Geheimrat Tillesen nicht in den Kopf, der sonst Alles in der Natur, vom Regenbogen bis zum Regenwurm, mit gleicher Liebe begriff und umfaßte. Man mußte dazu umdenken -- ganz von vorn anfangen, bei den primitiven Instinkten der Steinzeit und ihres noch halbtierischen Hasses... Er frug sich wieder: Woher der Haß? Wir schenkten doch nur! Spendeten mit vollen Händen! Gaben mehr, als ich übersehen kann, in Technik, Handel und Verkehr. Unser Schutz der Alten und Kranken war vorbildlich für die anderen Staaten, unsere Offiziere waren die Waffenmeister fremder Völker, unsere Tore der Erkenntnis standen Jedem offen, vom Balkan bis nach Japan. Unser Herz auch. Die Hälfte aller ausländischen Menschen, die bei ihrem Volk berühmt sind, sind es, weil wir sie dazu machten, sie besser verstanden, als ihre eigenen Landsleute. Und wir waren so froh, daß wir neidlos geben konnten. Da unten im Tal hingen die Fahnen und sprachen: Wir feierten Feste. Bunte Wimpel überall. Kein Flecken ohne ein Jahrhundertgedächtnis, keine Stadt ohne Ausstellung. Noch ist auch heute der Himmel über uns blau, scheint golden die sinkende Sonne, singen die Vögel im Grün ihr Abendlied. Aber es geht ein Ahnen durch die Welt... Etwas Ungeheuerliches...
„Der Kaiser ist schon unterwegs aus Norwegen!“ sagte in eiligem Vorbeischreiten ein Herr zu einem Anderen. „Zwanzig Panzerschiffe fahren ihm durch die Nordsee entgegen!“
Und der Zweite, etwas atemlos, nebenher:
„Kaiser Franz Josef ist schon in Wien!“
Der Geheimrat Tillesen setzte seinen Weg fort, in einem wunderlichen, ungläubigen Schmerz. Jahrzehnte der Kopfarbeit hatten ihn gelehrt, die Menschheit als eine große geistige Gemeinschaft aufzufassen. Es gab einmal Zank, wie in jeder Familie, man sprach verschiedene Sprachen, wie ja auch von zwei Brüdern der Eine blaue, der Andere braune Augen hatte, aber in Sinn und Ziel des Seins war man doch einig von Melbourne bis Hammerfest, von Shanghai bis Lissabon. Er konnte sich nicht vorstellen, daß der Dieselmotor nur den Deutschen, der Kehlkopfspiegel nur den Portugiesen, die Marconistrahlen nur den Italienern, der Fernsprecher nur den Amerikanern, die Schutzimpfung nur den Engländern, das Radium nur den Polen gehören sollte. Jeder gab und Jeder nahm. Jeder brachte seinen Baustein und fügte ihn zu dem des Nachbarn. Mein Gott -- was hatte der Weltlauf denn sonst für einen Wert?
Er blieb stehen. Da war eine Erinnerung, durch den Schleier ferner, ferner Zeiten. Er wußte nicht, woher sie ihm plötzlich kam und das Herz rascher schlagen machte. Es war nichts Besonderes umher. Nur eine kleine, schwarz-weiß-rote Fahne bewegte sich den Hang hinauf. Sie war ziemlich schmutzig und an einem einfachen Stecken befestigt. Ein Junge aus dem Volk trug sie. Ein ganzer Haufen hinterher. Die hellen Bubenstimmen schrieen aus Leibeskräften:
„Lieb Vaterland, magst ruhig sein! Fest steht und treu die Wacht am Rhein!“
Sie zogen vorbei. Exzellenz Tillesen sah ihnen nach. Er dachte sich: Ich war ungefähr so alt, wie Ihr jetzt, da sang ich auch, an einem ebenso heißen Julitag im Jahr siebzig, die Wacht am Rhein. Jetzt, wo ich sechzig bin, steigt die neue Weltenwende auf. Dazwischen liegt ein Leben. Ich glaubte das Leben ganz zu kennen und zu nutzen. Aber man lernt nie aus. Mein Leben war nur die eine Hälfte der Dinge. Nun kommt die andere...
Auf seinen schlichten, graubärtigen Zügen lag die tiefe und ernste Ruhe des Forschers, für den Alles, was sinnfällig in die Erscheinung trat, nur ein Gleichnis ewiger Gesetze war. Noch zögerte er, von dieser hohen geistigen Warte leidenschaftsloser Erkenntnis hinabzusteigen in den Lärm des Tages, diesen Lärm, der bald zum Brüllen der Geschütze anzuschwellen drohte. Noch schwindelte ihm bei dem Gedanken. Noch stand er einsam auf ragender Wacht. Noch war es nicht so weit. Vielleicht war es nur ein Fieberschauer der Erde, von dem sie in einigen Tagen genas. Während er in die Stadt zurückkehrte, stand er im Geist vor der zitternden Menschheit dieser letzten Julitage wie der Arzt am Krankenbett...
„Na ... na ... na... Exzellenz! Nu aber ’mal ’runter vom Mond! Nu wird’s hier nächstens höchst prosaisch!... Das geht nun nicht mehr so, daß Sie in Gedanken an Ihren alten Freunden vorbeilaufen!“
Sein Nachbar, der Generalmajor z. D. Isebrink, stand vor seiner Villa. Er war in voller Uniform. Sein weißer Schnurrbart sträubte sich kampflustig über dem breiten Scharlach der Aufschläge. Auf seinem Helm blinkten Preußenaar und Gardestern. Die Eisernen Kreuze Erster und Zweiter Klasse im Knopfloch und auf dem Herzen stammten ihm von St. Privat und der Lisaine. Seine Augen blitzten wie die eines Leutnants. Er lachte und schlug dem Gelehrten freundschaftlich auf die Schulter.
„Warum denn so sorgenvoll, mein Guter? Nu hilft das nichts! Nu heißt’s durch! Donnerwetter ja... Nu ziehen wir endlich der Gesellschaft die Hammelbeine lang!“
„Und das sagen Sie so strahlend, Herr General?“
„Jawoll, Exzellenz! Tu’ ich!... Ganz gehorsamst!... Ich bin ja wie erlöst... Endlich ... endlich... Lieber, verehrter Nachbar: Sie und Ihr Alle ahnen ja gar nicht, was wir alten Soldaten gelitten haben, in diesen letzten zehn Jahren!“
„Man kann doch nicht wegen Euch Weltkrieg führen!“ sagte der Gelehrte beinahe unwillig.
„Wir! Wir!... Die Anderen sind die Karnickel!... Seit Jahren rüsten sie wie besessen, im Osten, im Westen... überall... Wir ollen Kriegsknechte merken doch so ’was! Im Generalstab in Berlin wissen sie’s natürlich längst!... Aber wir Anderen in Deutschland taten, als wäre nichts! Priesen nur immer rastlos den Frieden! So, als ob es blos auf uns ankäme...“
„Meinen Sie wirklich...?“
„Meinen?... Mein bester Geheimrat. Ich bin ein ganz fideler alter Knabe -- nicht wahr? Verzehre hier meine Pension mit Anstand, laufe täglich dreimal die Wilhelmstraße ’rauf und ’runter, spiele meinen Whist im Klub -- gut! Aber wieviel Nächte ich wach gelegen hab’ und an Deutschland gedacht -- das weiß Keiner außer mir, Exzellenz!“
„Das taten Sie wirklich?“
„Nicht ich allein. So mancher von uns Ausgedienten hier! Wir haben uns oft des Morgens sorgenvoll angesehen... Wozu reden?... Der Soldat hält den Rand, -- besonders wenn er schon abgehalftert ist. Aber denken kann man sich sein Teil! In den Fingerspitzen tut’s Einen kribbeln. Aus den Tisch hab’ ich gehauen... Immer bei uns Alles in Liebe und Güte, Herr Nachbar... Immer waren wir die sanften Heinriche, während ringsum die ganze Schwefelbande schon dabei war, ihre Donnerbüchsen zu laden...“
„Wenn das wirklich...“
„Soll ich da erst warten, wenn mich im Wald so ein Lausekerl überfällt, bis er mit seiner Knarre schußfertig ist!“ schrie der alte Herr grimmig, unbekümmert, daß ein Haufe vorbeikommender Ausländer ihn mißbilligend anstarrte. „Nee -- danke...! Da hole ich meinen Browning aus dem Hosensack und knalle ihm bei Zeiten in den Bauch...“
„Ja. Ein Räuber...“
„Die Russen sind Räuber! Sie überfallen uns! Alle Bahnen bei ihnen sind seit vorgestern voll mit Militärzügen!“
„Wissen Sie das auch?“
„Jawoll! Exzellenz! Wissen wir! Sie wollen Hiebe! Alle zusammen! Können sie haben! Hiebe wie noch nie! Donnerwetter ja...“