Part 13
Der Pascha verlor keinen Augenblick seine Würde. Er setzte sich jetzt nur so, daß man von außen seinen weißen Kopf aus Tausendundeiner Nacht mit dem Purpurfez nicht sah. Einer der Effendis bückte sich und schaute unter die Sessel. Da lag im Dunkeln ein verdächtiges Körbchen. Vielleicht auch eine Höllenmaschine serbischer Komitatschis. Moise Kabyljo, der in Nisch hinzugekommene Importeur aus Saloniki, fuhr entsetzt in die Höhe. Die weißgepuderte und schwarzbemalte, alleinreisende Französin drängte sich an dem Spaniolen vorbei und griff schützend nach dem Korb. ~Mon Dieu!~ Darin war ja nur Bibi, das eingeschmuggelte Schoßhündchen. Ein Aufatmen der Heiterkeit. Ein neuer Wortwechsel nebenan. Der hinter Pirot eingestiegene bulgarische Hauptmann mit dem brünetten, knebelbärtigen, an Wallensteins Lager erinnernden Wallonenkopf, weigerte sich entschieden, mit einem Serben an einem Tisch zu sitzen. Beide, Bulgare und Serbe, hatten die Hand an die Säbelgriffe gelegt. Der Haß von 1913 leuchtete aus ihren Zügen. Ein bleicher und verlebter junger rumänischer Bojar machte belustigt ganz leise: Kß... Kß ... so wie wenn man zwei große Doggen auf einander hetzt. Aber der kleine, runde Levantiner am Nebentisch rettete die Lage. „~Changeons, messieurs!~“ Er wechselte seinen Platz mit dem des Serben, und der kam wieder neben den breitschulterigen blonden deutschen Geschäftsreisenden zu sitzen.
Immer die Deutschen -- dachte sich Nicolai Schjelting. Diesmal nicht mit Haß, sondern mit Schadenfreude. Dieser Deutsche, dieser Hauptmann Isebrink war aus dem Weg. Wer konnte wissen, wie lange? Er sagte sich, in Unruhe und Tatendrang: Ich sollte die Zeit in Wiesbaden nutzen! Eine Entscheidung suchen, jetzt, wo sich Alles entscheidet...
Es dämmerte. Man zeigte sich durch das Fenster die Stelle, wo vor Jahren der Räuberhauptmann Athanas den Orient-Expreß überfallen hatte. Aristidos Papadaki, der nach Pera heimkehrende Fanariote und Millionär, erwachte aus seinem Halbschlummer und winkte ab: „~Ah bah! Monsieur Athanas s’est retiré des affaires!~“... Weiter rollte der Orient-Expreß und trug diesen Balkan im Kleinen gleich einem züngelnden Nattern-Nest voll Haß und Zwiespalt durch das Dunkel. Als Nicolai Schjelting nach einer schlaflosen Nacht, in der er mit einem verpariserten alten ägyptischen Prinzen dieselbe Koje geteilt hatte, an das Fenster trat, war draußen schon die feierliche Leere der türkischen Steppe. Aber da noch Etwas, hinter Hirt und Hund und Büffeln: Ein rauchgeschwärztes, zertrümmertes Haus. Da die menschenleeren Mauerreste eines ganzen Dorfs. Riesenkoffern gleichende viereckige Erdhügel: Massengräber. Die Namen von Gefechtsorten gingen von Mund zu Mund. Man fuhr über die frischen Schlachtfelder von 1912. Die Moscheenkuppeln von Adrianopel tauchten in der Ferne auf. Die Umrisse der Tschataldschalinien. Neue Ruinen am Bahndamm mahnten: Das ist der Krieg! Und Nicolai Schjelting atmete am offenen Fenster den Lokomotivqualm wie Pulverdampf ein und dachte sich in ungeduldiger Siegestrunkenheit: Der Krieg... Mein Krieg... Nicht das Balkan-Kinderspiel von gestern, sondern das, was morgen kommt...
Türkische Offiziere stiegen auf der letzten Station ein. Fern am staubflimmernden Horizont erschien eine Wolken- und Märchenstadt mit Hunderten von Kuppeln und nadelschlanken Türmen über der öden Steppe. Nicolai Schjelting kannte Konstantinopel in- und auswendig. Mit der Kälte eines von Nützlichkeitszwecken beherrschten Mannes sah er auf das graue Jahrtausend der byzantinischen Stadtmauer, das ewige Blau des Marmara-Meers, das feierliche Cypressengrün der Serailspitze. Für ihn waren Stambul und Pera die große Arena der russischen Politik. Alle die „Väter der Lüge“, die erfolgreichen Petersburger Diplomaten, hatten sich hier ihre Sporen verdient, von Ignatjeff bis Iswolsky. Er fuhr an der Säule von San Stefano vorbei und dachte sich: da standen schon einmal unsere Heere! Er sah hoch über dem flachen Dächermeer die Riesenwölbung der Hagia Sofia und sah da oben im Geist schon das Kreuz Katharina der Großen, er tauchte vor dem Bahnhof in jenes Geschrei in dreißig Sprachen der Erde, in jene zum wimmelnden Ameisenhaufen gewordene farbige Malerpalette unter, die das Goldene Horn hieß, und sagte zu dem Fürsten Tschewadse von der russischen Botschaft, der ihn mit allem Prunk bewaffneter Kawassen als ~étranger de distinction~ empfing:
„~Ah -- ça fait chaud!~ Wann geht Ihr nach Bujukderè?“
Fürst Tschewadses Großvater schon war als Geißel der Tscherkessenkriege orthodox im Petersburger Pagenkorps erzogen. Nichts an ihm selbst verriet äußerlich noch seine kaukasische Abstammung. Er war mager, bräunlich wie ein Zigeuner, mit schwermütigen Augen. Aber seine Instinkte waren noch dem Geist des Morgenlandes nahe. Er war hier, in dem wütenden Kampfe Peras um die Seele Stambuls, an seinem Platz. Für Schjelting bedeutete er nach Korsakoff, diesem „wahrhaften Russen“, nach diesen Vierhändern von Serben und Cernagoren den Träger von Petersburg-Pariser Kultur. Hier, seinesgleichen gegenüber, wurde er sofort wieder doktrinär.
„Wie denn, Fürst?“ sagte er, während sie im offnen Phaëton, einen mit dem Karabiner bewaffneten Wächter neben dem Kutscher auf dem Bock, durch den Turmbau von Babel dahinfuhren. „Die österreichische Note -- nun -- was wird sie enthalten? Einerlei -- wir werden antworten -- man wird diskutieren -- bis es uns beliebt, loszuschlagen. Wir haben Zeit. Ich richte mich hier am Bosporus auf Wochen ein!“
„Wenn aber doch...“
Eine abwehrende Handbewegung Schjeltings.
„Sie wissen, ich halte nicht viel vom diplomatischen Metier. Ich untersuche lieber als einfacher ~homme d’esprit~ die Vorbedingungen der Geschehnisse. Nehmen wir das Nächste: Unsere Mutter Erde! Niemand, außer dem Vater Iwan von Kronstadt oder sonst einem Wundertäter, kann zugleich mähen und schießen. Also kann der Balkan erst nach der Ernte in den Krieg. Der Oktober brachte uns vor zwei Jahren kein Heil. Also sagen wir September. Den Tag von Kreuzes Erhöhung!“
„Aber auch wir Russen müssen bereit sein...“
„Zeit... Zeit...! Zeigt, wozu Eure ~procès verbaux~ und Collectivnoten gut sind! Inzwischen marschiert Mütterchen Rußland vom Amur und Pamir ab auf allen Wegen. Stehen wir erst gleichzeitig mit den Westlichen an der Grenze, so ist die Welt unser!“
„Ha!... Da ist er!“
Mitten auf der Brücke ritt ihnen ein jugendlicher Pascha mit kühnem Antlitz und aufgedrehtem Schnurrbart entgegen. Die Moslim führten vor ihm die Hand an die Stirn und Brust, die Levantiner lüfteten die Hüte. Ein großes Gefolge von Offizieren war hinter ihm. Darunter ein paar unverkennbare deutsche Militärgesichter.
„Wenn nur Enver Pascha nicht wäre!“
Nicolai Schjelting hörte die Worte des Fürsten nicht. Da kamen nochmals zwei zu Pferd. Der Eine trug türkische Uniform, der Zweite Zivil, Beide den Fez auf dem Kopf. Aber sie saßen straff mit langen Bügeln im Sattel. Sie sprachen laut deutsch miteinander und lachten über die sonnverbrannten Gesichter. Schjelting erkannte in dem im Reitanzug den Hauptmann Isebrink. Er dachte sich schadenfroh: Da haben wir Dich ja!... Nun... Was macht Wiesbaden?
„Die Deutschen vermehren sich hier wie die Heuschrecken!“ sagte neben ihm der Fürst Tschewadse. „Jeder Tag bringt uns neue. Gott straft uns mit ihnen. Unser Spiel hier steht nicht gut!“
„... weil wir unsere Trümpfe noch nicht zeigen! Wir haben zehn Millionen Trümpfe. Gebt nur jedem sein Gewehr in die Hand! -- ~Ah -- j’adore le moushik!~... Ich bete den russischen Bauern an!“
Das hinderte ihn freilich nicht, im Vorhof der russischen Botschaft die dort in Massen wartenden, barhäuptig in Schafpelze und Bastschuhe gekleideten russischen Jerusalempilger rücksichtslos mit der Faust bei Seite zu knuffen: „Willst Du wohl einem Barin Platz machen, Du Hundesohn -- he!“ Innen in der Botschaft war es kühl. Der Lärm von Pera drang nur unbestimmt herein.
„Und Limpus?“
Der Fürst Tschewadse hob vielsagend die Achseln. Der Britenadmiral, dem die osmanische Flotte anvertraut war, tat ja, was er konnte. Wichtige Bestandteile der Geschütze und Maschinen waren in Galata und Tophana versteckt, kein Schiff war kriegsbereit. Und sollte eines doch in See gehen, so sorgte die geheime drahtlose Station auf dem Hausdach des Admirals für den Verrat.
„Sehr gut! Ein tüchtiger Kerl!“
„Was hilft es gegen die Deutschen zu Lande? Wie -- -- Sie wollen schon wieder aus? Und die Reisemütze auf dem Kopf?“
„Nun: ich promeniere ein wenig! Mit Gott!“
Nicolai Schjelting behielt seine Angelegenheiten für sich. Er hatte seine Londoner Aufträge und dazu die nötigen Sterlingwechsel in der Tasche. Er wußte, was ihm der große Higgins vor der Abreise gesagt:
‚Nichts täte uns jetzt mehr not als christliche Entrüstung. Ich brauche Türkengreuel für die öffentliche Meinung. Es wäre weise, sie mir so bald wie möglich zu verschaffen.‘
In einem halbdunklen Hausgang der Perastraße vertauschte Nicolai Schjelting seine seidene Mütze mit einem Fez, den er aus der Tasche zog. Als er wieder heraustrat, war er im Straßengewimmel einfach ein beliebiger Franke mehr, der zwischen dem Genueserturm und dem Hafen seinen Geschäften nachging. Er winkte einem Fiaker: „Rue Mahmud Pascha!“ Dort drüben in Stambul stieg er aus. Er war da unter grünen Turbanen, kamelfarbenen Derwisch-Zuckerhüten und schwarzen Persermützen wieder ganz im Morgenland. Er ging durch ein regelloses Gäßchengewirr bis zu einem der armenischen Hans. Das mächtige Gebäudeviereck war angefüllt mit Warenlagern, Geschäftsräumen und Schreibstuben. Alle Welt lief da achtlos ein und aus. Er konnte ganz gut ein Messerschalen-Fabrikant aus dem Riesengebirge sein, wie er in ein mit Haufen von Hirschgeweihen gefülltes Zimmer trat, und der breitschulterige, fleischige Armenier mit dem schwarzen Bart um die bleichen Hängebacken, der ihn empfing, ein schlichter Hornhändler aus Kaisarea in Anatolien und nicht der Hadschi Hassanhusseindian selbst, einer der Führer der armenischen Bewegung und dem Patriarchen aller Gregorianer in Konstantinopel nahe.
Nicolai Schjelting gehörte zu den Wenigen, die das Wirrsal all dieser christlichen Glaubenskulte der Melchiten und Maroniten, der Chaldäer und Jacobiten und ihre gegenseitigen Streitigkeiten beherrschte. Aber jetzt ging es gegen den eigentlichen und Erbfeind der Armenier, den Türken. Zu seinem Erstaunen zeigte der christliche Hadschi, der Wallfahrer zum Heiligen Grab, große Kühle und Zurückhaltung: Geld? War es das? Geld, so viel Ihr wollt! Bitte! Hier! Aber seltsam: sogar das verfing nicht bei einem Armenier, dem habgierigsten aller Menschen.
„Vor fünfzehn Jahren wart Ihr andere Kerle!“ sagte Schjelting erbittert. „Da stürmtet Ihr mit Dynamitbomben die ottomanische Bank. Die Rue Woywoda war in Euren Händen! Fast schon die Stadt!“
„Und was geschah, Herr? Die türkischen Hausdiener erschlugen uns, die Kurden zündeten drüben unsere Dörfer an...“
„... und in ganz Europa war ein Schrei der Entrüstung!“
„Macht ein Schrei Tote lebendig, Herr? Sonst hörten wir von Europa nichts!“
Sie konnten unbesorgt laut sprechen. Durch das offene Fenster drangen die gellen Rufe der Straßenverkäufer und nebenan rasselte ein halbes Dutzend Schreibmaschinen. Trotzdem dämpfte Schjelting seine lockende Stimme:
„Diesmal ist es etwas Anderes! Das ist nicht mehr das alte Osmanenreich! Von allen Seiten stehen seine Feinde auf!“
„Es hat auch Freunde!“
„Wen?“
„Deutschland... Es ist besser, wir halten uns still!“
Draußen wallten, als Nicolai Schjelting ärgerlich in das Sonnengeflimmer trat, riesige grüne Fahnen durch den Öl- und Fischgeruch und Staubdunst der Gassen. Derwische zogen mit entrolltem Banner des Propheten hinauf zum Seraskierat. Ihr wildes „Huk! Huk!... Er!... Er!... Allah!“ schmetterte durch das aufgeregte Brausen der Tausende auf dem weiten taubenüberflatterten Platz... Man wußte hier im Morgenland nie: War wirklich etwas los? Waren es nur lärmende Lungenübungen, zu denen Hassan den Ali mit sich riß und Sliman den M’hammed. Aber der Igumen Agathangel von einem der orthodoxen Klöster des Berges Athos, der in Geschäften zum ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel gekommen war, machte bei der Begegnung mit Schjelting jene kennzeichnende Slawenbewegung mit den Schultern, die Zweifel, Besorgnis, Fatalismus ausdrückt. Man hatte auf dem Weg über die Sinaiklöster Nachrichten vom südlichen Arabien. Die Beziehungen des Großscherifs von Mekka zum Goldenen Horn gestalteten sich freundlicher, die Wüstenkönige da unten bis Maskat gehorchten neuerdings ihrem Khalifen in Stambul. Ein Zeichen, daß sich etwas Großes im Islam vorbereitete. Seien wir auf der Hut...
„Man wird schon Sorge tragen!“ sagte Schjelting. Die Haltung der Jungtürken beunruhigte ihn, während er eben an dem großen Exerzierplatz inmitten des Häusermeeres vorüberschritt. Tausende von Soldaten übten da um den mächtigen Mahmudturm. Es erinnerte ihn an den Aufzug der Wachen in Berlin, den er oft genug spöttisch lächelnd mitangesehen. So stramm standen diese sehnigen, braunen Burschen aus Anatolien, so scharf und preußisch hallten in türkischer Sprache die Befehle. Nahe der Moschee Mohammeds des Eroberers, im Stadtteil Jani Bagtsche, stand der Konak Ali Fuad Beys. Er schien Schjelting der Letzte, bei dem man noch einen Besuch und Versuch machen konnte. Drei Menschenalter hindurch waren die Beys dieses Hauses und der jeweilige englische Botschafter drüben in Pera ein Herz und eine Seele gewesen. Hier fuhr Nicolai Schjelting am nächsten Tag mit Dienern und donnernden Rappen und aller Würde eines großen, fränkischen Effendi vor. Die kriegerischen, tscherkessischen Leibwächter auf der Schwelle verbeugten sich tief. Er trat ein. Da hörte er im kühlen Halbdunkel der Halle, von der Treppe her, zwei Männerstimmen. Deutsche Laute.
„Wann gehen Sie denn nun nach Mesopotamien, Isebrink?“
„Sobald meine Anstellungsverhältnisse geordnet sind! Ich denke, in vierzehn Tagen!“
„Um die Zeit rutsche ich gerade wieder nach Berlin!“
„Na -- grüßen Sie das sechste Garderegiment!“
Es klirrte von Sporen und Säbeln. Die beiden jungen Offiziere schritten kameradschaftlich an Schjelting vorbei.
„Bringen Sie ein bischen Leben an den Euphrat, Isebrink!“
„Lassen Sie sich’s gut gehen, Halim Bey!“
Erbittert trat Schjelting bei dem graubärtigen Hausherrn ein. Oh -- er kannte diese vornehme Höflichkeit des Orientalen. Diese feierliche Handbewegung, Platz zur Rechten zu nehmen. Diese geschäftigen, kleinen Diener mit den Kaffeetäßchen und dem Eingemachten. Er schob das brüsk zurück. Ali Fuad Bey lächelte unter kaum merklichem Stirnrunzeln. Verstöße gegen die Form waren ihm wie jedem Morgenländer ein Greuel.
„Wie ist das, Bey: Ihr Sohn dient in der deutschen Armee?“
„So ist es.“
„Warum nicht in der englischen Flotte?“
„Als vor vier Jahren die Italiener uns überfielen und unsere Inseln besetzten, sah ich vergebens nach der englischen Flotte aus!“
„Nun -- das war damals!“
„Als vor zwei Jahren die Balkanvölker gegen Stambul drängten, sah ich jeden Morgen nach dem Marmara-Meer. Es war leer bis zu den Prinzeninseln. Die englische Flotte war nicht da. Vielleicht ist sie überhaupt nicht mehr da. Gott allein weiß es!“
„Aber...“
„Aber die Deutschen waren da. Die Offiziere, die sie uns sandten, haben mit uns gekämpft und geblutet. Dem Kaiser tausend Jahre!“
„So? Nun wartet nur, was kommt!“
Der Hausherr stand auf.
„Effendi! Wir werden es bestehen!“
Noch im Landauer war Schjeltings Antlitz gelb vor Galle. Er warf seine angerauchte Papyros einem bettelnden Syrerknirps, der sich auf das Trittbrett geschwungen, an den Kopf. Steht es so um Euch, ~messieurs les Turcs~? ~Eh bien!~... Unerhört: Ein Bey -- ~rien qu’un simple bey~... der mich verabschiedet ... mich ... Nicolai von Schjelting... Das ist ja schon fast der Krieg...
Dann erhellte mit einem Schlag das gewohnte, hochmütige und selbstzufriedene Lächeln sein unruhiges Gesicht. Er mußte sogar über den kaffeebraunen Bengel lachen, der das Wurfgeschoß, die Zigarette von vorhin, grinsend weiterpaffte. Recht so! Jedes Ding hat seine gute Seite. Jetzt erst fiel ihm wieder ein, was der Hauptmann Halim Bey zwischen Tür und Angel den Hauptmann Isebrink gefragt: „Wann gehen Sie nach Mesopotamien?“
Nach Mesopotamien ging man nicht als glücklicher Freier. Dorthin ließ man auch keine Frau nachkommen. Nicolai Schjelting setzte sich behaglich in der Wagenecke zurecht und dachte: Also bist Du abgeblitzt, mein Lieber! Gründlich abgeblitzt in Wiesbaden!... Haha --! Umso besser für mich! Das ist mehr, als ich zu hoffen wagte! Das ist ein Sieg! Ein Sieg vor der Schlacht!
Es war ihm, als hätte er persönlich einen Triumph davongetragen. Es schien ihm eine gute Vorbedeutung für die große, allgemeine Kraftprobe der Zukunft. Er konnte Beides nicht mehr trennen: sich und das heilige Rußland. Er vermengte es in dem gemeinsamen Ziel: Deutschland besiegen -- Deutschland erobern. Er sagte sich: Ich darf nicht warten, bis der Krieg aufflammt. Ich muß als Einzelner dem Ganzen vorauseilen. Mein Eisen muß ich vorher schmieden. Sowie ich hier fertig bin, fahre ich nach Wiesbaden...
Nordwind vom Bosporus her kühlte an diesem Abend die Glut der beiden Weltteile an seinen Ufern. Das Perapalasthotel war noch offen. Nicolai Schjelting speiste da mit dem Fürsten Tschewadse und anderen Freunden. Sie tranken reichlich den lauwarmen französischen Champagner. Auch Schjelting, gegen seine Gewohnheit. Der Sekt hob seine Siegesstimmung.
„Neues aus Wien, Fürst?“
Nein. Auf der russischen Botschaft war noch nichts bekannt. Man entzifferte dort eben Depeschen aus Belgrad. Dicht daneben, in der österreichischen Botschaft, war auffallendes Leben. Viel Verkehr nach dem Boulevard Ayas Pascha, dem Sitz der deutschen Botschaft. Nun -- mochten sie... Als man aufbrach, um hinüber in den Cercle d’Orient zu gehen, fühlte Nicolai Schjelting, daß sein Kopf heiß war. Das hinderte ihn nicht, im Klub eine Gruppe jüngerer Diplomaten um sich zu versammeln und sie in seinem weichen, leise lispelnden und affektierten Französisch durch seine Antithesen zu verblüffen. Es waren allerdings nur die Kleinen von den Seinen: ein Portugiese, ein Argentinier, ein Brasilianer -- einerlei -- er hörte sich sprechen...
„Die Wurzel des Übels heißt Preußen!“ sagte er. „Belieben Sie, das Wappen Preußens zu betrachten! Es führt als Schildhalter einen wilden Mann. Einen nackten Barbaren. Geben Sie ihm eine Pickelhaube zu seiner Keule, so haben Sie den Militarismus!“
Die Südamerikaner ließen sich mit offenem Mund belehren. Schjelting machte eine wegwerfende Handbewegung in der Richtung nach Stambul.
„Daher die Seelenfreundschaft mit dem Halbmond da drüben. Der Wilde Mann und der Kranke Mann gehören zusammen. Der Lahme trägt den Blinden. Ein edles Paar. Aber die Menschheit wird sich dagegen erheben. Unser Muschik, in dem die Seele Rußlands schlummert, wird der Vollstrecker ihres heiligen Willens sein!“
Staunende Stille um ihn.
„Wir Russen vertreten den allslawischen Gedanken. Er reicht von der Adria bis zum Amur... Seit drei Jahrtausenden erfüllt die romanische Mittelmeerkultur Europa und giebt auch Ihren edlen lateinischen Staaten in Süd-Amerika, meine Herren, Sprache und Geist. Den Rest der Erde beherrscht das Angelsachsentum. Beglückwünschen wir uns dazu! Aller guten Dinge sind drei.“
„Sehr interessant!“ sagte andächtig der Argentinier zu dem Portugiesen.
„Gestatten Sie mir einen Blick auf die Geodäsie, meine Herren Diplomaten! Sand oder Stein -- das ist politisch dieselbe Formel. Montenegro -- das ist die Mark Brandenburg. Ein kleines Land, das seine Bewohner zu Eroberern erzieht, weil es sie nicht ernährt! Können Sie sich Montenegro als führenden Staat des Balkans denken? Nein. Im Deutschen Reich ist es der Fall. Das märkische Montenegro herrscht. Beachten Sie, meine Herren: ich gebe keine Meinungen. Ich gebe Tatsachen!“
„Man fängt an, zu begreifen!“ sprach der Brasilianer zum Portugiesen.
„Es giebt Methoden des geschichtlichen Denkens, die von selbst zu wichtigen Schlüssen führen. Aus einer Sandwüste ohne Küste kann logischerweise keine Weltmacht werden. Preußen ist ein geschichtlicher Irrtum. ~Winowat!~... Ich schlage hier vor Ihnen, als Vertreter des russischen Geistes, reuig an meine Brust. Wir und England haben das Potsdamer Monstrum gezüchtet, weil wir es gegen Frankreich brauchten. Aber jetzt ist der Hecht im Europäischen Karpfenteich zu groß und gefräßig geworden. Man wird ihn fangen und zerlegen!“
Einer der Zuhörer machte ihm mit den Augenbrauen ein warnendes Zeichen. Nicolai Schjelting drehte sich um. Hinter ihm hatten zwei neu eingetretene Herren Platz genommen. Ein Osmane in Uniform, den Zwicker vor dem feinen Generalstabsgesicht. An seiner Seite der Hauptmann Isebrink. Er war im Abendfrack wie die anderen Herren hier. Aber sein sonnengebräuntes preußisches Soldatenantlitz strafte förmlich das Weiß der Hemdbrust Lügen.
Der Argentinier kannte Mahmud Kiazim Bey. Er glaubte, seine Berufsgenossen mit dem einflußreichen türkischen Abteilungschef bekannt machen zu sollen. Der Hauptmann Isebrink sagte dabei lachend und harmlos zu Nicolai Schjelting:
„Na -- wir kennen uns ja schon! Erinnern Sie sich an unsere Begegnung in der Eisenbahn in Belgien? Sie fuhren damals im selben Abteil mit Mr. Nicholson.“
„Ich entsinne mich nicht!“
„Wissen Sie nicht, daß Mr. Nicholson jetzt hier ist? Er sammelt Schmetterlinge! Und wo? An den Tschataldschalinien. Zeigen Sie doch mal, Kiazim Bey!“
Er wies das prächtig, beinahe handgroß in bunten Wasserfarben ausgeführte Bild eines Falters.
„Das ist doch harmlos!“
„Gewiß. Wenn man nicht merkt, daß es die Fortlinie bei Tschokandsche darstellt. Hier, diese kobaltblauen Punkte auf den Flügeldecken sind die Geschützstände, die feuerroten Schlängellinien die gedeckten Gänge, das Datum oben enfiliert artilleristisch die ganze Stellung. Zum Glück kenne ich den Schmetterlingsfreund von früher. Unsere Zaptiehs haben ihm seine Pinseleien abgenommen!“
„Oh!“ Ein wahrer Schrecken unter den Südländern. Man wagte es, sich an einem Briten zu vergreifen.
„...Und Admiral Limpus ist ersucht, dahin zu wirken, daß der ihm zugeteilte Oberstleutnant Nicholson von dem Londoner Kriegs-Departement künftig an harmloseren Orten seinen Käscher schwingt!“
„Der Admiral weiß wohl selber, was er zu tun hat“, sagte Schjelting nachlässig.
„Gewiß! Er verrät seit Monaten das Land, dem er dient!“
„Ah... Sie erlauben sich...“
„Hört...“
„Ich bin noch nicht in türkischen Diensten! Ich gestatte mir diese Äußerung mit dem Recht des einfachen Privatmanns!“
Es war ein Schweigen. Die Worte klangen in ihm nach wie ein erster Trompetenstoß zur Schlacht um die Völkerstraße von Byzanz. In Nicolai Schjeltings Kopf perlte der Sekt. Er frug sich: Was ist das mit diesem Preußen? Wie kommt er zu dieser Sprache? Es ist solch ein entschlossen kaltblütiger Ausdruck in seinen Augen: Weiß er vielleicht Etwas? Etwas, was wir noch nicht wissen?
Dann kehrte der alte Hochmut zurück. Pah -- wer war denn der Sieger? Jener dort, der aus Wiesbaden Abgereiste, wahrhaftig nicht. Dieser kleine Hauptmann erschien ihm jetzt wie das Sinnbild Deutschlands selbst. Er war schon vor dem Krieg geschlagen. Schjelting wandte ihm, mit einer Drehung des Klubsessels, fast den Rücken und sagte halblaut und lebhaft:
„Wir sprachen von geschichtlichen Richtlinien zur Methode der Erkenntnis. Messen wir daran Preußen! Nun: Preußen ist ein Widerspruch. Etwas, was nach den natürlichen Entwicklungsgesetzen nicht hätte entstehen können. Dieser Widerspruch wurde zuerst im Siebenjährigen Krieg erkannt. Damals bemühte sich ganz Europa, ihn zu beseitigen!“
„... und bezog bei der Gelegenheit kolossale Dresche!“ ergänzte von drüben der Hauptmann Isebrink. Nicolai von Schjelting fuhr herum:
„Verzeihung ... ich glaubte, zu leise zu sprechen, als daß Sie...“
„Oh ... ich habe tadellose Ohren!“
Schjelting dämpfte seine Stimme, so daß Jener nun wirklich nichts mehr verstehen konnte: