Part 14
„Auf diese Zeiten müssen wir zurückgreifen. Wir müssen Preußen seine organische Stellung anweisen. Öffnet man den Hecht, so findet man zahllose, unverdaute Dinge in seinem Magen: In Preußen ebenso. Fort damit! Deutschland braucht noch viel mehr Kleinstaaten! Es ist von Natur zu einem lockeren Staatenbündel geschaffen. Das ist seine Geschichte.“
Während er sprach, tat es ihm leid, daß Isebrink das nicht hörte. Wieder kochte in seinem champagnerheißen Hirn die Eifersucht. Er lächelte ironisch, um sich zu besänftigen. Dabei sagte er sich: Wie denn? Er ist ungefährlich. Erledigt. Kanonenfutter. Mehr nicht! Da wirst Du noch viel Tausend Brüder haben, mein Lieber...
Ungefährlich ... ja ... das hieß... Als er sich unwillkürlich wieder umwandte und mit seinem Blick von nervöser Intelligenz dem stählernen Auge Isebrinks begegnete, fühlte er ein plötzliches und körperliches Unbehagen. Es fiel ihm ein: diese Abgüsse des Militarismus hielten die Pistole wie er die Papyros, handhabten den Degen wie Andere den Regenschirm. Der Raum von ihm zu Jenem schien von elektrischer Spannung erfüllt, eine Spannung wie über der ganzen Welt. Nicolai Schjelting erhob sich. Er war doch froh, daß ihm ein Diener meldete, ein Herr wünsche ihn dringend draußen zu sprechen.
Da stand Achille Macrî, der Pariser Finanzagent. Seine schwarzen Rattenaugen liefen glänzend und unruhig hin und her.
„Verzeihung, Herr von Schjelting... Haben Sie Nachrichten?“
„Ich verstehe nicht!“
„Ich würde Sie gerne an etwaigen Spekulationen beteiligen!“
„...Was giebt’s?“
„Eben bekam ich diese dringende Depesche aus Paris!“
Schjelting las: „~Madame Audouin revient soir.~“ Er gab dem Levantiner das Blatt zurück.
„Was geht mich dies Frauenzimmer an?“
„Herr von Schjelting...“
„Ich kenne sie nicht! Mag sie nach Paris zurückkehren, wann sie will!“
„Herr von Schjelting ... soll ich es erst sagen?... Es ist doch eine verabredete Geheimdepesche! Lesen Sie die Anfangsbuchstaben!“
„Wie denn: M...... A... Mars...“
„Der Krieg!... Herr von Schjelting ... der Krieg...“
Nicolai Schjelting zeigte seine undurchdringlichste Miene. Vor diesem Coulissier wahrte er seine Allwissenheit.
„Ich weiß von nichts!“ sagte er mit einem Lächeln, hinter dem man Alles lesen konnte, und kehrte mit pochendem Herzen in den Club zurück. Dort war er im Begriff, sich von dem Diener den Sommermantel umhängen zu lassen, um rasch einmal nach der russischen Botschaft hinüberzugehen und zu fragen. Dann dachte er sich: Man wird glauben, ich hätte mich vor diesem Preußen zurückgezogen! Er hörte von oben die Stimme der Ausländer. Er runzelte verächtlich die Stirne und betrat wieder den Raum. Eben sagte da Isebrink:
„Zum Beispiel: das dritte sibirische Armeecorps!... Nach dem amtlichen russischen Ausweis sitzt es nach wie vor friedlich in Irkutsk!“
Nicolai Schjelting warf sich in einen Klubsessel, legte ein Bein über das andere und versetzte scharf:
„Es steht allerdings in Sibirien! Wie denn nicht?“
„... weil die siebte und achte Schützendivision schon lange in Polen angekommen sind! Glauben Sie, wir wüßten das nicht?“
„Sie täuschen sich...“
„Ich bin Soldat! Sie nicht! Also bitte! Die sibirischen Reservedivisionen sind schon seit Mai auf dem Weg nach Westen. Ebenso die turkestanischen Schützenbrigaden. Das dritte kaukasische Armeecorps hat längst seinen Standort Wladikawkas verlassen. Es gefällt ihm, scheint’s, an der galizischen Grenze viel besser!“
„Woher wissen Sie das?“
„Werden Sie mir in Abrede stellen, Herr von Schjelting, daß im Odessaer Militärbezirk große Teile des siebten und achten Corps längst auf Kriegsfuß stehen?...“
„In der Tat: ich leugne es!“
„Auch die bevorstehende Mobilisierung der drei Reserve-Jahrgänge der Armee?“
„Wenn es des Imperators Wille ist, wird man sie einberufen! Niemand hat dem Zaren etwas vorzuschreiben!“
„Es ist nur, damit Sie Bescheid wissen, meine Herren, falls aus Versehen einmal die Gewehre losgehen sollten!“ sagte Isebrink zu den Kleinstaat-Diplomaten. Dann wandte er sich um und sah Nicolai Schjelting an. Es war eine unangenehme Pause. Dieser Blick hieß: Und wenn Du vorher auf eigene Faust Händel haben willst -- bitte: da bin ich!
Schjelting war verwirrt. Das widerfuhr ihm, dem Selbstsicheren, sonst nie. Er entschloß sich, mit einem kühlen Lächeln zu schweigen. Er atmete auf. Da kam der ehrenwerte Arbuthnot über die Schwelle, ein blonder junger Riese, der noch etwas Knabenhaftes an sich hatte. Er war als Kings Messenger zusammen mit einem preußischen reitenden Feldjäger und den Kabinetskurieren anderer Großmächte heute Mittag mit dem Orient-Expreß angekommen. Er brachte die letzten Nachrichten aus Europa. Neuigkeiten?... Nicht daß er wüßte!... Seine britische Majestät war in Windsor, ~the Kaiser~ irgendwo in Norwegen, der Kaiser Franz Josef in Ischl. In Paris, von wo er kam, sprach man von nichts als von dem Prozeß der Madame Caillaux. Der Wojwode Putnik befand sich ruhig außerhalb Serbiens: die Welt lag im tiefsten Sommerfrieden. Nicolai Schjelting strich sich nervös mit der Hand über die Stirne. Er frug sich: Was ist das nun Alles? Was haben sie in Wien vor? Man versteht nicht mehr recht... Dabei hatte er das Gefühl, diesem Preußen vorhin die Antwort schuldig geblieben zu sein. Pah... Ein Bluff eines dieser Säbelrasseler. Er versetzte süffisant:
„Man sieht mit Dank gegen Gott: Frieden überall. Nach Allerhöchstem Willen: Wer stampfte den Friedenstempel im Haag aus dem Boden? Seine Majestät der Zar!“
„Und seitdem hören die Kriege nicht mehr auf!“
„Wer rief die internationalen Schiedsgerichte statt der Kriege ins Leben? Wieder seine erhabene Person!“
„Eine Viertelmillion Menschen ist mindestens in der Mandschurei tot geblieben!“ sagte Isebrink trocken zu dem Argentinier.
„So wird das große, heilige Rußland auch diesmal der Soldatenfaust die Waffe entwinden...“
„... um die Mörderfaust zu schützen!“
Die Herren standen mit großen Augen auf und schauten auf Schjelting, der sich mit ihnen erhob. Er spürte ein sonderbares Zittern in der Herzgegend. Er dachte sich: he -- wie ist das? Ehe noch die Gewehre losgehen, soll ich mich hier vor die Pistole stellen? Nicht so ist es gemeint! Ich bin der Träger russischer Intelligenz! Mein Platz ist nicht die vorderste Linie...
Paul Isebrink war allein sitzengeblieben. Er sagte kalt und scharf, mit Worten wie gehacktes Eisen:
„Eine schamlose, hundsgemeine Mordtat ist in Serajewo geschehen! Wer zwischen die Mörder und die verdiente Strafe tritt, macht sich zum Mitschuldigen...“
„Bestraft die Mörder! Aber nicht ihr Land!“
„Ganz Serbien ist der Mörder!“
„Ruhe, meine Herren...“
„Entfernt doch die Diener!“
Nun hatte sich auch Isebrink erhoben.
„Serbische Offiziere haben den Mordanschlag geleitet! Serbische Beamte öffneten den Mördern die Grenzen! Die Mordwerkzeuge stammten aus dem serbischen Regierungs-Arsenal in Kragujewatz!“
„Woher wissen Sie das?“
„Bald werden auch Sie es wissen, Herr von Schjelting, falls es Ihnen wirklich noch nicht bekannt sein sollte!“
Ein Kanzleibeamter der russischen Botschaft drängte sich an den Dienern vorbei in den Raum zu dem Fürsten Tschewadse.
„Euer Erlaucht werden ersucht, sich sofort auf die Mission zu bemühen!“
„Was ist geschehen?“
„Ich weiß es nicht! Seine Hohe Exzellenz sandte nach vielen Herren!“
Nicolai Schjelting hörte es. Vor ihm flackerte wieder die Börsendepesche: „Mars“! Der erste Sturmvogel. Nun kamen sie von allen Seiten. Es legte sich ihm in einem roten Siegesrauschen vor die Augen, der Boden hob sich unter ihm, trug ihn zu einem ungläubigen Jubel empor: der Krieg! Der Krieg kommt!... Mein Krieg...
„Kommen Sie mit, zur Botschaft!“ Der Knjäs Tschewadse nahm ihn unter den Arm. Schjelting widerstrebte:
„Noch habe ich diesem Deutschen nicht geantwortet!“
„Nicht dazu ist die Zeit! Er sprach von Serbien. Rußland nannte er nicht!“
„Aber das große Rußland steht hinter Serbien!“
Nicolai Schjelting sagte es so laut, daß man es im ganzen Raum hören mußte. So! Nun konnte er gehen. Da eilte der Vicomte de la Motte herein, ein französischer Attaché.
„Wissen Sie schon?“
„Nein! Was?“
„Hier! Das Ultimatum Österreichs an Serbien! Es ist kein Geheimnis mehr! Wahrscheinlich sind jetzt schon in Wien die Extrablätter!“
„Ich wußte es schon seit heute Nachmittag!“ sagte Isebrink drüben zu dem Argentinier. „Sonst hätte ich nicht so auf gut deutsch meine Meinung ausgesprochen. Aber jetzt geht’s in Einem!“
Nicolai Schjelting hatte mit heißen Augen die Depesche überflogen. Er ballte die Faust. Er war bleich geworden.
„Nie wird Rußland das zugeben!“ sprach er beinahe feierlich.
„Und Österreich steht vielleicht allein!“
Irgend Jemand hatte es hämisch gemurmelt. Paul Isebrink trat in die Mitte.
„Neben Österreich steht Deutschland. Wie damals -- Wer in Europa Lust hat -- bitte!... Nun, Herr von Schjelting: Sie lächeln?“
„Ich freue mich, das von Ihnen zu hören! Es eröffnet mir den Ausblick auf die Stunde der großen Abrechnung, die die slawische Seele ersehnt!“
„... und vor dem Ernst des Augenblicks verschwinden diese kleinen persönlichen Differenzen!“ versetzte vermittelnd der Argentinier mit einem Blick auf den Hauptmann Isebrink. Der ließ sich schon, freundschaftlich neben Mahmud Kiazim Bey stehend, von dem Diener Hut und Handschuhe reichen.
„Ich hab’ jetzt wirklich Wichtigeres zu tun!“ sagte er. „Meine Herren: jetzt kommt das große Reinemachen! Weiß Gott: Es tat Not!“
IX.
In diesen Juli-Tagen hielt die Welt den Atem an. Dies Europa, das ganze Menschenalter des Friedens nicht mehr als Geschenk jedes neuen Morgens, sondern längst als selbstverständliche Pflicht der Vorsehung hinnahm, und dabei doch seit einem halben Jahrhundert von Waffen starrte, in Erwartung des Kriegs, des schon halb schattenhaft gewordenen Riesen der Urzeit.
Es ging ein Zittern durch die Mutter Erde. In ihr erwachten die schlafenden Heere. Tief im Süden stand eine pinienförmige Rauchwolke düster über dem Krater des Vesuv. Unten auf der Marina des Städtchens, gegenüber dem fernen Neapel, eine Gruppe Bersaglieri am Kaffeehaustisch. Die Hahnenfedern flatterten in der Seebrise. Listige Augen. Weiße Zähne. Das Händespiel von Jahrmarktsgauklern.
„~Che c’e di nuovo?~“
„~Tuttavia niente!~“
Was werden wir tun? Ein Zwinkern auf den braunen Gesichtern...
Was wir tun? „~Far vista di...~“ Ein Mund am Ohr des Andern. Ein Lazzaronenlachen. Nur Geduld...
Sturmstöße vom Schneemantel der Maladetta über die grauen Steinhütten des Pyrenäendorfs nahe der spanischen Grenze. Blutrotes Weingeträufel aus dem Zickleinschlauch an der Decke der Schmugglerherberge in die Becher der französischen Offiziere der Gebirgsartillerie. Finstere Blicke nach Osten. Wie weit von hier die Vogesen! Der Rhein, wie weit...
„~Ah -- ça commence!~“
„Und ohne uns!“
„Man wird uns rufen, mein Capitän!“
„Frankreich braucht jeden Mann!“
Dort im Osten wie weißes Pilzgewucher auf der grauen Steppe das russische Sommerlager. Ein ausgestopfter Zottelbär mit Dreispitz und Pförtnerstab als Schweizer vor der hölzernen Messe der Offiziere.
„Nun, Ossip Gregorowitsch?“
Ein Kranz weißer Schirmmützen um den Stabsrittmeister, der eben mit Hühnern und Gemüsekorb in rasselndem Wägelchen aus der Kreisstadt zurückkam. Er war in der Sobranje. Der Adelsmarschall hatte die besten Beziehungen zum fernen Petersburg.
„Nicolai Nicolajewitsch trägt den Mobilmachungsbefehl in der Tasche!“
„Vom Imperator unterschrieben!“
„Schon wieder Schnaps?“
„Trinken wir auf Serbiens Wohl!“
Sonnenschein über London. Rote Riesen zu Roß als Doppelposten vor Whitehall. Im Durchgang durch die Kaserne der Horse-Guards nach dem Paradeplatz von St. James Park eine Gruppe säbelrasselnder Gentlemen in Scharlach und Schuppenkette.
„~Have you news?~“
Jawohl. Nebenan, in Downing Street, ein schweres Wetterzeichen für das Schicksal der Welt: Bis zu dieser Stunde, Sonnabend Nachmittag um Drei, hatte der ehrenwerte Edward Grey London noch nicht verlassen, um Forellen zu fangen...
Noch ging die Menschheit auf Erden überall ruhig ihrem Tagewerk nach, läuteten die Sonntagsglocken von der Isaaks-Kathedrale und Notredame, vom Stephansdom und Lateran, von St. Paul’s und der Kaiser-Wilhelm-Kirche das Friedensgebet vieler Jahrzehnte ein: „Unser täglich Brot gieb uns heute!“ Nur durch die Welt der Waffen lief ein erstes, leises Raunen. Es war, als bewegten sich unruhig die Mannlicher-Gewehre in ihren Stutzen in der Hoch- und Deutschmeister-Kaserne der Wiener Edelknaben, als klirrten kaum merklich in Paris und Lyon die Pallasche der Kürassiere von Reichshofen, als summten schwach in Schottland die Dudelsäcke der Schwarzen Wache und der Gordon-Hochländer die alten Weisen ihrer Clans, als neigten sich in der Potsdamer Garnisonskirche stumm die zerschossenen Siegesfahnen über die Gruft Friedrichs des Großen, als wehe ein Erwachen durch die Heere -- ein Zurück in jene Zeit, da es noch Schlachten gab...
Nur in Belgien nicht. Zwischen Maas und Yser hatte man keine kriegerischen Erinnerungen. Erst seit wenigen Jahren dienten die Söhne aus gutem Hause, statt daß ihnen der Staat für tausend Francs einen Ersatzmann aus den Arbeitslosen der Straße auflas. Man trug die zwei Jahre mit gutem Humor. Man nahm überhaupt das Leben leicht. Dachte nicht unnütz über die Dinge nach. Die Saison in Ostende nahm ihren glänzenden Anfang. Brüssel amüsierte sich auch im Sommer. Man war galant. Man aß und trank gut. Man verdiente Geld. Man haßte jeden Zwang außer dem der Mode. Man war Klein-Paris -- jenes Paris, das übrig blieb, wenn man sich aus ihm alles hinwegdachte: Invalidendom und Bastillenplatz, Pantheon und Triumphbogen, Louvre und Sorbonne, die Gräber Voltaires und Rousseaus, Alles, was von geistiger und kriegerischer Welteroberung früherer Zeiten zeugte. Was für Brüssel davon übrig blieb, das war die Stadt oberflächlichen Genusses, gleißender Fäulnis. Ein „Morgen wieder lustig!“ im Gewühl der buntgeputzten Spaziergänger, dem Fluten der Massen zu den Sportplätzen, dem Tuten der Autos auf den breiten Boulevards.
Nicolai von Schjelting war ohne Aufenthalt von Konstantinopel nach Brüssel durchgefahren. Nicht unter seinem Namen, sondern als Lincoln J. Ley aus New-Orleans in den Vereinigten Staaten. Er hatte stets verschiedene Pässe bei der Hand. Man brauchte nicht immer und überall zu wissen, wo er gerade war. Er schrieb sich auch unter dem Yankeenamen in dem Hotelpalast am Bahnhof ein. Der Geschäftsführer verbeugte sich mit diskreter Zurückhaltung. Er kannte natürlich genau diesen berühmten Russen, der oft genug mit seiner schönen Frau bei ihm unten im Luxusrestaurant diniert hatte. Aber er wußte auch so gut wie halb Brüssel, daß der lang erwartete Bruch zwischen Monsieur und Madame de Schjelting dicht bevorstand. Er wußte auch noch mehr...
Und auch Nicolai Schjelting selbst erfuhr das. Er ging vom Hotel, lautlos, auf Gummischuhen trotz des schönen Wetters, zur oberen Stadt empor. Da hielt unten, noch vor dem Botanischen Garten, ein Renn-Automobil in Form eines elfenbeinfarbigen, in der Mitte durchgeschnittenen Eis. Der Oberbau bestand eigentlich nur aus einem mächtigen Benzintank und einem engen muschelförmigen Sitz für zwei Personen. Der Führer des Wagens war ausgestiegen, um die neueste Ausgabe der „Indépendance“ zu kaufen. Er war ein hagerer, langer Geselle, die Lederhaube bis an die Wurzel der verwegenen Hakennase in die Stirne gezogen. Er kehrte zu der schönen, jungen Frau zurück, die im Wagen auf ihn wartete.
„Ah -- papperlapapp... ~c’était pour rien~!“
„Nichts Neues, mein Freund?“
„Nichts!“
Dabei setzte er sich neben sie, kurbelte elektrisch an und sauste den steilen Boulevard hinauf. Nicolai Schjelting schaute den Beiden nach. Es wetterleuchtete wild über seine nervösen Züge. Er dachte sich: Ah -- meine gute Ghislaine -- steht es schon so? Du zeigst Dich bereits mit meinem künftigen Nachfolger vor aller Welt, um mir Deine Verachtung zu bekunden!... Nun: Täuschen wir uns nicht, meine Beste! Ich bin keine ~quantité négligeable~! Ich kenne die, die bald lachen und die, die bald weinen werden!
Er warf die Zigarette in weitem Bogen hinter sich. Es war wie eine sinnbildliche Handlung. Eigentlich frohlockte die Spielernatur in ihm: Meine Glückwünsche! Meinen Dank! Je freier, je besser. Nichts hinter mir. Die Küste schwindet. Der Sturm von Osten schwellt meine Segel in ungemessene Weiten...
Oben im Quartier Léopold stieß Nicolai Schjelting in einem der vornehmen Mietshäuser die Schreiber im Vorzimmer bei Seite und drang brüsk, fast ohne anzuklopfen, in das Allerheiligste des Maître Nicolas. Der grauköpfige Advokat erhob sich mit der glattrasierten Würde seines Standes. Er wollte seinen Klienten begrüßen. Aber der schnitt ihm, die Hände in den Taschen mitten im Zimmer stehend, das Wort ab.
„He: was ist das für ein Kerl?“
„Wen meinen Sie, Herr von Schjelting?“
„Wen soll ich wohl meinen? Diesen Barsoî -- diesen Windhund da unten -- diesen Narren in der weißen Nußschale von Automobil.“
„Ach so! Baron de Ridder!“
„Was ist er? Was treibt er?“
„Nichts!“
„Also Sport?“
„Ja!“
„Geld?“
„Eine Menge!“
Schjelting ging im Zimmer auf und ab. Plötzlich sagte er:
„Ich hätte gedacht, der Mensch sei klein und dunkel!“
Der berühmte Brüsseler Rechtsanwalt lächelte diplomatisch. Gewiß: Er war auch einmal von brünettem Äußeren gewesen. Er hatte auch schon einmal eine Glatze gehabt. Auch schon einmal friesisch gelbe Haare. Das wechselte. Die Brüsseler Skandalchronik war groß. Man kam kaum mit. Aber -- gestehen wir es ein: -- diese entzückende Madame de Schjelting war unvorsichtiger als ihre Freundinnen. War es wenigstens im Lauf der letzten Zeit geworden...
Das spielte um Maître Nicolas’ nachsichtig gekniffene Mundwinkel. Er sagte, immer noch lächelnd:
„Niemand kann zwei Herren dienen, Herr von Schjelting! Ihre Göttin ist die Politik! Ich verneige mich vor Ihrem Ehrgeiz. Aber er führte Sie zu oft auf Reisen...“
„Ah ... im Dienste Rußlands! Im Auftrag des Großfürsten!“
„Ich bewundere den Pflichteifer, den Sie seiner erhabenen Person zollen. Aber man soll eine Frau von Welt nicht zu lange allein lassen, Herr von Schjelting!“
Nicolai Schjelting fuhr sich, die blauen Schatten der Schlaflosigkeit unter den Augen, mit der Hand über die Stirne und machte dann eine Bewegung, als verscheuchte er eine Fliege.
„Gut! -- Wie’s beliebt...! Gott mit ihr! Kommen wir zur Sache! Wie steht es mit der Scheidung?“
„Monsieur und Madame Lambert und ihre Tochter sind einverstanden!“
„Pah -- diese Krämer...,“ sagte Schjelting. Ein höhnischer Dünkel kommender Vergeltung leuchtete über sein Gesicht.
„Die Schwierigkeit liegt nur in der Form. Die Söhnchen, dieser kleine Allard und dieser kleine René, sind orthodox getauft!“
Nicolai Schjelting durchmaß wieder zerstreut den Raum.
„Man wird das ordnen! Überlassen Sie das mir! Ich stehe gut genug mit dem Heiligen Synod. Ich erreiche am Petersplatz, was ich will. Ich brauche nur Zeit...“
„Madame de Schjelting wünscht im Gegenteil, so bald wie möglich...“
„Sie hat sich zu gedulden! Nicht darauf kommt es jetzt an. Nicht solche Händel liegen jetzt in Gottes Wille!“
„Mein Gott: Sie erschrecken mich!... Woher diese plötzliche Wildheit...“
„Ah ... ich bin Russe! Ich habe jetzt wichtigere Dinge im Kopf als Euch! Ich gebiete Schweigen. Nach dem Krieg wird man entscheiden!“
„Nach dem Krieg... Sie glauben doch nicht an Krieg...“
„Eh, Maître Nicolas?... Gut: dann glaube ich auch nicht an die Heilige Dreifaltigkeit und die Mutter Gottes von Kasan!“
„Je nun: Man glaubt, was man wünscht!“
Der Advokat lehnte sich in einer höflichen und lächelnden Abwehr zurück. Er sah kraft seines Amts in viele Brüsseler Herzen und Häuser. Er kannte seine Belgier. Er war selber Einer. Gewiß: Man war ein neutraler Kleinstaat und baute dabei mitten im Lande die größten Festungen der Erde gegen Deutschland. Man lehnte sich an den französischen Panzergürtel an; man unterschrieb geheime Abmachungen in London; man spielte mit dem Feuer und erzählte sich davon bei Gelegenheit auf der Getreidebörse in Antwerpen oder im Justizpalast zu Brüssel. Aber man spielte eben nur damit. Man nahm den Krieg so wenig ernst als sonst Etwas außer Geld und Liebe. Man konnte sich auch, in diesem durch und durch unmilitärischen Land, gar nichts Rechtes unter einem Krieg vorstellen.
„Nun, Maître Nicolas -- ich gehe! Ich habe jetzt mehr zu tun! Nur, um dies zu ordnen, kam ich in Eile auf ein paar Stunden nach Brüssel. Sehen Sie meinen Schwiegervater...?“
„Er sucht mich fast täglich in dieser Angelegenheit hier auf!“
„Dann bestellen Sie ihm, daß ich...“
Da öffnete sich die Türe und Herr Lambert trat ein. Groß, breitschulterig, blond, ein Rembrandt-Deutscher mit feiner, rosiger Haut und grau-goldenem, krausem Vollbart. Er hatte Schjeltings Stimme gehört. Er wollte ihm, vor dem Dritten, Aug’ in Auge als schroffer Schwiegervater gegenübertreten. Aber da sprudelte es schon von dort auf ihn hernieder, in nervösem Hin und Her durch das Zimmer, mit verächtlich zurückgeworfenem Kopf, mit einer wegwerfenden Armbewegung durch die Luft...
„Nun, wie denn, Monsieur Lambert? Wie ist es doch mit diesem Windhund da?... Gottlob entfiel mir sein Name!... Das ist schlechter Geschmack! Mag sie wählen, wen sie will. Man heiratet. Aber man kompromittiert sich nicht vorher! Nicht sich und nicht Andere. Bitte bestellen Sie das Madame! Ich wiederhole: Es ist schlechter Geschmack. Es zeugt von unkultivierter Erziehung!“ Plötzlich wandte er sich zu dem Anwalt und sagte lässig und vertraulich: „Aber was wollen Sie? Woher sollte sie es haben? Diese Kaufleute kommen ja alle von unten herauf! Bei uns in Moskau können Sie oft nicht lesen und schreiben!“
„Ah -- das ist ein wenig stark!“ Monsieur Lambert und der Advokat Nicolas tauschten einen Blick: da sieh: der Moskowiter!... Die Maske fällt...
„Ich bin ein russischer Edelmann! Ich könnte Adelsmarschall von Twer sein, wenn ich wollte! Ich fordere Ehrfurcht vor meinem Namen, so lange Ihre Tochter ihn noch trägt!“
„So? Und was Sie in Wiesbaden treiben...“
„Nichts, Du alter Vogel!“ sagte Nicolai Schjelting. Er verfiel, mit einem brutalen Lächeln, in das breite, hier der französischen Sprache ungewohnte, russische Du. „Du hast es nötig, mich zu verdächtigen, mich, der, bei meinem Ehrenwort, nichts in Wiesbaden tat, als einen alten Teufel von Deutschen wegen seiner Leiden zu befragen! Hingegen hier... Monsieur Lambert.... Wie ist es denn mit Ihrer Fahrt zur Pariser Börse an jedem Dienstag und Freitag? Geht es dieser niedlichen Madame Turlet noch gut, in ihrem Nest an der Ecke der Rue Soufflot und des Boulevard St. Michel? Man sagt, Sie hätten es entzückend möbliert!“
„Ah...“
„Nicht diese Intimitäten, Herr von Schjelting...“
„Pah... Ihr seid Einer wie der Andere! Auch Ihre Schwächen kennt man, Maître Nicolas!“ sagte Nicolai Schjelting. Es klang hochfahrend, als spräche er daheim auf schwarzer russischer Erde zu seinen ehemals leibeigenen Bauern. „Der Westen ist faul und hier bei Euch am faulsten. Ich bin anders! Ich spiele mit den Frauen. Sie sind für mich die Leitersprossen zum Erfolg. Aber ich liebe es nicht, daß man mit mir spielt! Merken Sie sich das, Monsieur Lambert!“
„Diese Sprache ... in der Tat... Wer sind Sie denn ... ohne Rang ... ohne Reichtum ... ohne...“
„Ich bin Rußland. Rußland steht hinter mir! Wir kommen. Der Krieg ist vor der Türe!“
„Nein ... nein!“
„Doch, Nicolas!“
Léon Lambert, der Großkaufmann, war von Paris her durch ein Ferngespräch besser unterrichtet als der Advokat. Diese kleine Madame Turlet hatte Beziehungen zu einem Minister der Republik. Man erfuhr da auf Umwegen mancherlei.
„Wenn sie kommen“... sagte er matt und angstvoll. „-- man glaubt es in Paris noch nicht recht -- aber wenn sie kommen, so lassen wir sie in Gottesnamen unten im Süden durchmarschieren! Ah -- wir werden klug sein! Wir ziehen unsere Regimenter zurück. Wir erheben Protest! Wozu Blutvergießen?“
Nicolai Schjelting zuckte geringschätzig die Achseln. Er dachte sich: diese Art Seelen sind doch immer gleich im Mauseloch. Er sagte nachlässig: