Part 12
Ja: Gospodin Schjelting aus Petersburg wartete bereits. Ihm war die Einladung zur Hoftafel zu Teil geworden. Ein paar Minuten später verbeugte er sich vor dem Duodezkönig mit der Ehrerbietung des Fremden von Distinktion und zugleich mit dem Lächeln des Vertrauten. Er kannte die montenegrinischen Großfürstinnen am Zarenhof an der Newa, er kannte die faulenzenden Woiwoden von Cettinje, er kannte diese ganze bettelarme, bettelstolze Steinwüste, die man das Königreich der Schwarzen Berge nannte. Er hatte in einem leichten Gebirgsautomobil den Weg hierher gefunden. Aber er wußte: am schnellsten und besten ritt man auf dem goldbeladenen Esel über den Balkan.
„Was werden sie nun tun?“
„Wo, Gospodin?“
„Nun, in Wien!“
Ein Schweigen. Der Erzherzog Thronfolger und seine Gemahlin schliefen nun schon in der Gruft zu Artstetten den ewigen Schlaf. Die Welt ging ruhig ihren Gang weiter. Standrecht in Serajewo. Bürgerkrieg in Albanien. Derlei war hier das tägliche Brot. Aber sonst...
„Prenk Bibdoda steht mit tausend Mann in Durazzo!“
„~Ah -- ces bêtes-là!~“ sagte Nicolai von Schjelting mit einer wegwerfenden Handbewegung. Er sprach mit dem Fürsten französisch. Er wußte: Man haßte hier die Mirditen, weil sie katholisch waren, noch mehr, als die muselmanischen Albanier.
„Die Epiroten marschieren auf Valona!“
„Und Essad?“
Man wußte nichts Neues von dem Condottiere und dem Mbret. Aber dessen Ministerpräsident, Turkhan Pascha war in Wien...
Den bewaffneten Helden am Tisch schien dies wichtig. Nicolai Schjelting zog hochmütig die Brauen über den kühlen grauen Augen empor. Sein längliches, nervös bewegliches Gesicht verhehlte kaum den Petersburger Dünkel gegenüber diesem Frosch-Mäuse-Krieg von Blutrache und Hammeldiebstahl. Jetzt galt es größere Dinge. Er griff wieder das Wort Wien auf.
„Kaiser Franz Josef ist nach Ischl zurück, Sir!“
Ein nachdenkliches Kopfschütteln.
„Und Kaiser Wilhelm trat ruhig seine Nordlandreise an!“
Sollte der Frieden erhalten bleiben? Sorgenvolle Gesichter. Einer der bewaffneten Staatsräte meinte:
„Vielleicht will Gott, daß wir noch Zeit gewinnen. Wir sind noch erschöpft vom letzten Krieg!“
Nicolai Schjelting lächelte verbindlich. Er kam sich wieder einmal vor, wie der Tierbändiger im Käfig. Er benutzte die Frage, wohin er von hier ginge?
„Zunächst nach Skutari!“ sagte er harmlos.
In den Augen der orthodoxen Woiwoden glomm es wild auf. Da unten, in der Weite, jenseits der grünen Wellen, lag Skutari -- das reiche Skutari, das Ziel der Sehnsucht und Habsucht. Man hatte Monde lang davor gelegen und gestürmt. Der König hatte jeden Verwundeten umarmt und geküßt. Umsonst. Mohammeds Streiter hatten das Feld behauptet. Von den Moscheen sangen die Muezzin. Nicolai Schjelting sah, daß der krieghetzende Stoß saß. Er lächelte.
„Oder -- um ernsthaft zu reden -- möchte ich morgen mit Euer Majestät Erlaubnis und Geleit auf dem kürzesten Weg über Novibazar und Staratz nach Belgrad!“
„Eine beschwerliche Fahrt! Oder gar Ritt!“
„~Enfin, c’est le métier!~ Es lohnt die Mühe. Noch vor dem Fest des Heiligen Alexander Newski werden wir große Dinge sehen!“
„Und schon morgen wollen Sie reisen?“
Nicolai Schjelting beugte sich zu dem sieben Fuß langen, regenbogenfarbenen Minister ihm gegenüber vor.
„Wie denn, Exzellenz? Habe ich Zeit? Die Zeit drängt! Ich muß den Balkan durchfliegen! Ich eile von Belgrad nach Konstantinopel! Wo etwa noch zögernde Intelligenzen sind, müssen wir sie in letzter Stunde mit den Richtlinien der russischen Politik vertraut machen!“
Er dachte sich dabei: So viel Rubel wie diesmal reisten noch nie mit mir! „Wir müssen mit allen Hilfskräften des slawischen Genius die klare Analyse des Balkanproblems verbreiten!“ Und er dachte sich wieder: Schlimmsten Falls schicke ich ein paar von den Zähesten nach Rom, damit sie sich von dem faulen Westen bestechen lassen. In der französischen Botschaft giebt’s Geld wie Heu! „Ich werde Serbien von dem verwandten Brudervolk grüßen! Es braucht jetzt den Heldenmut der Cernagora!“
„Belgrad ist jetzt der Sturmbock der slawischen Welt!“
„Serbien ist nicht groß!“ murmelte wieder der Staatsrat mit den glühenden Augen und der furchtbaren Narbe eines Türkensäbels von der Schläfe bis zum Hals. Nicolai Schjelting hob feierlich die Hand.
„Hinter Serbien steht ein Größerer... Dessen Namen zu nennen mir die Ehrfurcht verbietet. Er wird Serbien nicht verlassen. ~Je vous le jure!~“
Zu seiner hageren und lässigen Gestalt paßte nichts besser als der mit allen Künsten eines Pariser Clubschneiders sitzende Frack, ohne den der König von Montenegro keinen Gast empfing. Das Schwarz sah seltsam aus in der grellen Sonnenwüste, während Schjelting langsam, den schwarzen Zylinder auf dem Haupt, zu Fuß die paar Hundert Schritte zu dem Städtchen zurückging. Die schönen Montenegriner Mädchen an den Cisternen schauten ihm neugierig nach, die heimkehrenden Ziegen- und Schafherden überpuderten ihn mit Staub, die Leutnants der montenegrinischen Lehrbatterie, die ihm, die ganze Brust voll Orden, begegneten, musterten ihn finster, weil sie ihn für einen Österreicher hielten.
„~Attendez, mes amis!~ Man wird Euch schon gegen Österreich führen!“ Nicolai Schjelting lächelte brutal und befriedigt vor sich hin, während er die Treppen seiner Herberge emporstieg. Diesen Balkanslawen gegenüber fühlte er sich als Träger des großen heiligen Rußland. Er war hier nicht mehr der Petersburger Europäer, sondern der Moskowiter. Er zündete sich eine Papyros an, ging unruhig auf und nieder, blähte die Nasenflügel, als atmete er ferne Gewitterluft. Vor zwei Tagen, unten in Podgoritza hatte es die ganze Nacht hindurch von der nahen albanischen Grenze her geschossen. Räuberei oder Blutrache... Grenzgeplänkel ... aber immerhin Schüsse, wie die ersten Regentropfen vor dem Wolkenbruch. ~Ah -- c’est ma guerre!~ Dann frug er sich: Warum denke ich als Russe immer auf Französisch? Vielleicht wegen meiner Frau, dieser Halbpariserin?
Pah -- Ghislaine... Er warf die glimmende Zigarette in die Ecke und sie im Geiste mit. Mag sie tun, was sie will. Mag sie sich von mir scheiden lassen -- das Schiff in dem Augenblick verlassen, nicht, wo es sinkt, sondern der Sturm seine Segel schwellt! Sie hat ihre Schuldigkeit getan. Wenn sie nicht will, ich brauche sie nicht mehr... Mit Gott!... Leb’ wohl!... An meine zweite Frau verkaufe ich mich nicht. Die hole ich mir, mit dem Recht des Stärkeren, mitten aus dem Feind, mitten aus Deutschland, aus Wiesbaden heraus. Sie wird nicht lang gefragt! Es tut auch nicht not. Sie wird sich in ihrer Angst an mich klammern, wird mir danken, daß ich sie aus dem Weltuntergang an den Ufern des Rheins rette...
In diesem Höhenrausch der Zukunft verschwamm ihm Inge Tillesen und ganz Deutschland in Einem. Er lachte in dem Blutgeruch der Schwarzen Berge um ihn her wild auf: Man wird Euch Beide besiegen, Dich und Deine Heimat! Bald läutet Iwan Weliki auf dem Kreml Sturm...
„~Eccellenza!... Eccellenza!~“
Unten stand der Cavaliere di San Vittorio, der verdächtige schwarzbärtige und olivengelbe Balkanagent, von dem man nie wußte, ob er Österreich an Rußland oder umgekehrt, oder -- was das Wahrscheinlichste war -- Beide an Italien verriet, und schwenkte den Panama.
„~Eccellenza!~ Kanonendonner in Südalbanien! Die Epiroten marschieren auf Argyrocastro!“
„Freiwillige?“
„~S’intende, signore!~“
Der Welsche lachte. Natürlich staken unter dem Czako mit dem Totenkreuz und in dem kurzen weißen Ballettröckchen richtige griechische Soldaten. Das wußte jedes Kind. Nicolai Schjelting nickte. Gut so! Zuckt nur, Ihr Flämmchen. Da und dort. Ihr seid noch klein. Aber wir wollen Euch schon anblasen. Besser als vor zwei Jahren. Er ging wieder vor die Gostinitza hinunter. Dort, auf der Straße, stand jetzt ein neuangekommener Montenegriner, groß und schlank wie Alle, aber in europäischer Tracht. Er trug nur das Cerevis mit dem eingestickten Namenszug des Königs auf dem Kopf und griff in kaltem Stolz daran, während er sich Schjelting näherte.
„Sie entsinnen sich meiner, Gospodin Schjelting?“
„Wie denn nicht?“ sagte Nicolai Schjelting ebenso hochfahrend höflich. Er hatte keine Ahnung.
„Dr. Woinowitsch! Wir trafen uns schon vor sechs Wochen auf dem Wiesbadener Internationalen Kongreß im Hause des Geheimrats Tillesen!“
Sofort fiel bei der plötzlichen Erwähnung Europas von Nicolai Schjelting die asiatische Tünche. Er war wieder der Petersburger Weltmann des Westens. Er sagte lebhaft: „Nun -- in der Tat ... ich vergaß ... ich war nicht Kongressist!“
„Ich auch nicht! Ich machte vier Jahre unter Tillesen Studien in der Serumtherapie!“
„Das wird Ihnen aber hier wenig helfen!“
„Ich kann auch Verwundete verbinden!“ sagte der junge Arzt. „Ich hab’ es in Deutschland gelernt.“
Die beiden Männer lächelten. Sie verstanden sich.
„Sie hielten es für besser, heimzureisen, Dr. Woinowitsch?“
„Ich melde mich morgen hier als zurückgekehrt bei Seiner Majestät. Ich bin mit ihm verwandt!“
Der Alte mag wieder schön an der Wiener Börse spekulieren, dachte sich Nicolai Schjelting, und dann weiter, ganz unvermittelt: Wie ist die Welt doch klein. Dieser Mensch da kennt Inge Tillesen seit Jahren. Weiß jedenfalls viel von ihr. Er konnte sich nicht enthalten. Er frug im Laufe des Gesprächs:
„Verkehrten Sie auch im Hause des Geheimrats?“
„Wenig.“
„Er ist Witwer, nicht wahr?“
„Ja. Eine Tochter führt ihm den Haushalt!“
„Ich entsinne mich ihrer flüchtig. Wird sie denn nicht auch einmal heiraten?“
„Ich glaube, sie ist verlobt. Schon lange. Mit einem preußischen Hauptmann!“
Der Montenegriner sagte es gleichgiltig. Er hatte andere Dinge in seinem kriegerisch wilden Gelehrtenkopf. Nicolai Schjelting frug nicht weiter. Sein Herz klopfte. Schlug wieder stürmisch im vollsten Dünkel des Herren des halben asiatischen und europäischen Erdteils, während er am nächsten Morgen im offenen Wägelchen dem einstigen Sandschak Novibazar zufuhr. Dieser Isebrink... Ein Offizierchen!... Pah!... Nicht einmal in der Garde!... Nicht einmal ein Edelmann! Was galt in Rußland ein bürgerlicher Hauptmann von der Linieninfanterie? Er gehörte halb zum Volk! Nicolai Schjelting lächelte hochfahrend unter seinem Sonnenschirm. Er sagte sich: Mit Dir wird man noch fertig werden, mein Brüderchen, mit Euch Deutschen Allen!
Überall in der grauen, glühenden Felseneinsamkeit schwangen längs des Saumpfades die Männer die Spitzhacke, klopften Frauen und Mädchen Steine, schleppten Kinder in Körben Schotter herbei. Die freien Cernagoren bauten neue Militärstraßen für den kommenden Krieg. Schjelting sah es mit Wohlgefallen. Dankte sogar hier in Montenegro auf die Grüße des Volks: Arbeitet nur für Moskau, die große Mutter, die Euch von dem apokalyptischen Tier erlösen wird! Schanzt nur fleißig gegen den Antichrist! Ihr kostet uns Geld genug, Ihr Flöhe der Schwarzen Berge.
Ihr Serben auch! Er liebte die Serben, aber er herrschte sie an wie seine eigenen Bedienten, während er, der große Herr aus Petersburg, auf der Bahn nach Belgrad fuhr. Da ragte schon draußen im grünen Bergwald das kleine steinerne Kreuz: die Stelle, wo Fürst Milosch von seinen Untertanen ermordet worden war. Man näherte sich der serbischen Hauptstadt, dem Hexenkessel Europas, auf langgestrecktem, schmalen Höhenrücken, äußerlich einer unkultivierten Mittelstadt mit steinernen Gassen und modernen Regierungsgebäuden ähnlich. Auf dem Bahnhof wartete Professor Korsakoff, der Panslawist. Der schmächtige Mann mit den fanatischen Blauaugen über den vorspringenden mongolischen Backenknochen, den breiten Nüstern, dem schütteren blonden Vollbart, stand da wie ein russisches Urbild inmitten der Serben. Er und Schjelting umarmten sich und küßten sich dreimal auf die Wangen. Hier war man ja unter sich. Schon auf slawischer Erde. Der faule Westen hörte hinter der Save auf.
Von der Gesandtschaft war niemand da. Das wunderte Schjelting.
„Nun -- und Sie sind so gedrückt, Wladimir Timoféitsch? Was ist geschehen?“
„Erbarmen Sie sich -- Sie wissen noch nicht, daß Hartwig tot ist?“
„Unser Gesandter?“
„Am Herzschlag gestorben! Und wo?: In der Studinitza!“
„Bei dem österreichischen Gesandten?“
„So ist es! Im Gespräch mit ihm!“
„Was haben sie sich erzählt?“
„Niemand weiß es!“
Ungarisch war eine der wenigen Sprachen, die Nicolai Schjelting nicht beherrschte. So verstand er es nicht, daß neben ihm am Ausgang ein reisender Magyare zu seinem Landsmann sagte: „In Kragujewatz im Staatsarsenal haben sie die Bombe für Serajewo gefüllt. Sie wußten Alle darum, die Schufte!“ Professor Korsakoff fuhr fort:
„Die Erbitterung gegen Österreich ist groß. Ein Teil der Schwaben verbringt die Nächte schon in der Gesandtschaft!“
„Gut so! Zeigt ihnen die breite slawische Brust!“
„Und eine bessere Nachricht. Soeben aus Petersburg. Rasputin ist durch Dolchstiche auf den Tod verwundet.“
„Ah -- Pascholl! Dieser Muschik hat uns lange genug geärgert!“
Rasputin, der in ganz Rußland bekannte Wunderpope, der Ratgeber des Zaren, der Freund des Friedens und der Frauen. Fort mit ihm! Mit Allen! Der Panslawist drehte sich nervös eine neue Papyros. Er hatte wieder gelbe Fingerspitzen und schwarze Nägel. Schjelting dachte sich: Ein Tier! Er sagte halblaut durch das Rasseln des Wagens:
„Es giebt jetzt eine Schwarze Liste von Totgeweihten in Petersburg, Wladimir Timoféitsch! Ein Kreuz hinter jedem Namen. Man staunt, welche Namen da stehen!“
„Ich sah die Liste!“
„Nun: Gott wird helfen!“
Korsakoff, der Panslawist, war draußen in der Neustadt bei einem befreundeten Popen abgestiegen. Den ganzen Nachmittag gingen da die südslawischen Agitatoren ein und aus, raschelten die Banknotenbündel in Schjeltings Händen, erzählte Vater Dimitrij vom Kloster Ostrog von seinen Erlebnissen in Istrien, den Kämpfen der kaisertreuen Küstenkroaten mit den Italianissimi der Adria.
„Unser Dampfschiff war weiß gestrichen! Großer Gott -- nach dem dritten, vierten Hafen hatte es schwarze Streifen von oben bis unten... Sie begreifen doch! Auch auf dem Deck bekam man Tintenflecke!“...
„Wie denn Tinte?“
„Nun -- man hatte alle Tintenflaschen in den örtlichen Magazinen gekauft und warf sie über die Köpfe der Soldaten am Landungssteg weg auf das Schiff! Es gab Handgemenge zwischen Morlaken und Welschen...“
Nicolai Schjelting lachte.
„Bald wird die Weltgeschichte nicht mehr mit Tinte, sondern mit Blut geschrieben werden,“ sagte er, während er mit dem Moskauer Hochschullehrer seinem Hotel zuschritt. Dann durchfuhr ihn wieder jäh die Erinnerung: „Entsinnen Sie sich, wann wir zuletzt zusammen waren, Wladimir Timoféitsch?“
„Vor der Butterwoche. In Moskau.“
„In Moskau. Im Petrowski Dwor. Wir tranken auf den Kreuzzug gegen die Deutschen!“
„Rußland wartet!“
„Hinter uns saß ein alter Deutscher!“
„So?“
„Ein alter Teufel von Arzt. Er hatte eine schöne Tochter bei sich. Wahrhaftig: ein schönes Mädchen!“
„Ich weiß es nicht mehr!“ sagte der Slawenapostel zerstreut. Nicolai Schjelting verstummte, ärgerlich, daß er sich wieder hatte gehen lassen, und musterte von der Seite die Schmutzflecken auf Korsakoffs Rock, den von den langen ungepflegten Haaren schwärzlich gefärbten Hemdkragen. ~Quel animal -- enfin~... Er frug sich: Warum fange ich denn schon wieder von ihr an? Vor diesem Professor, der wie ein Holigan aussieht?... Ja, Bruder, für Dich freilich wäre eine Zigeunerin noch gut genug! Mein Siegespreis soll edler sein! Nun -- Du hast nichts gemerkt!
Nein. Der Professor fing, lebhaft die Hände bewegend, von den Kutzowalachen an. Er hatte beunruhigende Meldungen über die Kämpfe dieser rumänischen Zinzaren auf dem Pindar mit den benachbarten Griechen. An der neuen serbischen Wardargrenze hatte es Feuergefechte mit makedonischen Komitatschis gegeben.
„Viel Menschen tot?“
„Nein. Höchstens hundert!“
„Nun -- und wie war es in Agram?“
Der Panslawist zuckte fatalistisch die abfallenden Schultern. Nichts zu machen. Die Zeiten waren vorbei, da man sich auf dem Jellachichplatz an dem Vicebanus vergriff. Gott schlug die Slawenbrüder dort mit Blindheit. Sie hingen an dem König von Ungarn, schauten, statt nach dem Kreml, nach der Ofener Hofburg. Die Schwaben hätten sogar ihn, Korsakoff, verhaftet, wenn er sich nicht als Mitglied der Reichsduma ausgewiesen hätte. Die Beiden gingen die Alexanderstraße entlang. Am Eingang zum alten Friedhof standen zwei elende, kleine Holzkreuze frei auf dem zertretenen Rasen. Menschen und Tiere zogen achtlos an der Stelle vorbei, wo der König und die Königin von Serbien, von ihren Untertanen ermordet und aus dem Fenster des Konaks gestürzt, eingescharrt worden waren. In der Terasiastraße fuhr der neue Herrscher, Peter der Erste, nach seinem Palais. Die Wenigsten kümmerten sich um den gekrönten Schatten oder um seinen liederlichen Sohn. Die Herren dieses Landes waren die Offiziere. Die Säbel rasselten, die Uniformen blinkten. Auf denen, in deren Mitte Nicolai Schjelting des Abends saß, waren vielfach die Abzeichen von Regimentern ferner Standorte, aus Laskowatz und Schabatz. Und doch waren diese Obersten hier und gehörten auch nach ihrem Äußeren vielmehr unter den Belgrader Convoi Leibgarde als unter die struppigen und ruppigen serbischen Linienmilitärs der Provinz. Das waren die Verschwörer von einst. Man zeigte die Königsmörder immer noch nicht gern an vorderster Stelle. Das hätte das Feingefühl des englischen Gesandten verletzt. Aber wo sie waren, war Serbien.
Die gepaschten Virginias qualmten über den Krügeln mit Dreher’schem Bier. Die Zeitungsjungen schrieen die „Neue Freie Presse“ aus. Die Erbschaft des toten Erzherzog Thronfolgers. Die blutbefleckten Soldaten lachten sich zu. Sie wußten Bescheid -- nicht nur wie man den eigenen Kriegsherrn beseitigt, sondern auch, wie man, jetzt eben, benachbarte Große der Erde mit dem Revolver aus dem Wege räumt... Ihre Augen funkelten. Ihre Gespräche waren der Krieg. Der Sieg. Sieg über die Türken. Sieg über die Bulgaren. Sieg über ... pst ... noch nicht davon sprechen... Ein Rausch von Blut lag über der Runde, ein Triumphgefühl des Mords, ein Fieber: Was werden sie da drüben machen, in den k. u. k. Landen? Und es war, als brächte der heiße Sommerwind von der Save her als Antwort die Klänge eines langverwehten Lieds:
„Prinz Eugen, der edle Ritter, Wollt’ dem Kaiser wiederum kriegen Stadt und Festung Belgerad!“
Ei was -- mögen die Schwaben kommen und die Ungarn dazu! Uns darf nichts geschehen! Wir dürfen tun, was wir wollen! Hinter uns steht das heilige Rußland. Heiße Blicke wie die gezähmter Raubtiere richteten sich auf Nicolai Schjelting.
„Ihr Ehrenwort, Gospodin Schjelting: was wird nun?“
„Schon einmal, vor fünf Jahren, mußten wir zurück!“
„Man tritt zurück, um einen Anlauf zu gewinnen!“ sagte Schjelting in lächelnder Ruhe.
„Aber die Tage drängen...“
„Und übermorgen begiebt sich der Präsident der französischen Republik nach Petersburg zu Seiner Majestät, dem Zaren! Ahnt Ihr, was das heißt?“
Wieder wehte es über die Tische: Der Krieg...
„Gott schütze den Zaren!“
„Laßt uns nicht im Stich! Sonst sind wir verloren!“
Der Serbengeneral Bratschinatz sagte es. Der alte Fuchs drehte, trotz der Hitze in einen verschlissenen grauen Feldmantel gewickelt, unruhig den weißen Spitzbart unter dem verschlagenen Gesicht. Ein langes Ordensband zog sich über seine Brust. Er kannte die Ungewißheit des Kriegs wie nur je ein Landsknechthauptmann. Nicolai Schjelting, der nie gedient hatte, musterte ihn mit einem hochfahrenden Lächeln.
„Belieben Sie sich zu entsinnen? Wie hieß zur Osmanenzeit die Stadt, in der wir slawischen Brüder hier beisammen sitzen? Dar el Dschihad!... Das Thor des Kriegs!“
„Es lebe der Krieg!“
„Mehr als einmal schon wurde der Krieg von hier über die Save getragen! Bis unter die Wälle von Wien!“
„Morgen bis in den Stephansdom hinein!“
„Nach Budapest!“
„Und an die Adria!“
„Wir sind bereit!“
„Ihr seid die Bannerträger der orthodoxen Welt, Ihr serbischen Helden! Gestattet, daß ich, der Petersburger, Euch die Schwüre unseres großen Rußlands bringe! Diesmal stehen wir hinter Euch und weichen keinen Zoll! Beim Wundertäter Nikolaus, bei allen Heiligen der Lawra: Im Sommer 1914, so werden noch unsere spätesten Enkel sprechen, ward nach Gottes Wille die slawische Idee zur Tat!“
„Hoch das Heilige Rußland!“
„Lasse Dich küssen, Bruder!“
Ein Sturm der Begeisterung hob die Runde säbelklirrend von den Sitzen. Aus wilden Augen fieberte der Größenwahn des kleinen Barbarenstaats, der im letzten halben Jahrzehnt zweimal schon die Menschheit bis dicht an den Abgrund des Weltkriegs gedrängt hatte. Skuptschinamitglieder und Journalisten am Nebentisch klatschten fanatisch Beifall. In ihren Taschen knisterten die Tausendrubelscheine, die Schjelting am Nachmittag wie welkes Laub verstreut hatte. Er lächelte gerührt beim Bruderkuß der bärtigen, nach mancherlei Schnäpsen duftenden Lippen. Er dachte sich dabei: ~Enfin... Rien à faire...!~... Nur jetzt diese Wilden bei guter Laune erhalten!
Aber als er am nächsten Tag im Orient-Expreß weiter nach Osten fuhr, sagte er sich: Es ist doch gut, daß es Eau de Cologne giebt, um die Liebesbezeugungen dieser Bären abzuwaschen. Tanzt nur, Brüderchen, tanzt! Wir an der Newa pfeifen!... der Zug war wie gewöhnlich überfüllt. Schjelting hatte den letzten freien Platz in dem Salonwagen gefunden. Draußen flogen die Kukuruzfelder Serbiens vorbei... Auf freiem Feld eine Kapelle.
„Ah -- Tschela Kula!“
Der Schädelturm... Aus vielen hundert serbischen Totenköpfen von den Türken als Siegeszeichen vor einem Jahrhundert errichtet. Nicolai Schjelting dachte sich zerstreut: Wozu die Mühe? Der ganze Balkan ist ein großer Schädelturm. Im Lehnsessel neben ihm ließ sich Salim Pascha, der greise osmanische Würdenträger, von einem der Effendi seines Gefolges die letzten Nachrichten des „Pester Lloyd“ auf türkisch vorlesen. Schjelting kannte den gefürchteten Diplomaten der Hohen Pforte wohl, ohne ihn zu grüßen. Der Pascha war schon sehr alt. Aber die hellen, haselnußbraunen Augen in seinem feinen, kleinen Gesicht blinkten noch so klug und aufmerksam wie je unter dem dunkelroten Tarbusch des Zivil. Der schlanke, junge Effendi, der ihm vorlas, trug zum Europäischen Anzug den Scharlach-Fez des Heeres. In sein Türkisch fielen im Gespräch deutsche Worte: Etwas von Militärmission.. Halblaut deutsche Namen von Offizieren... Kesselberg ... von Enkel... Boß... Isebrink...
Nicolai Schjelting horchte auf. Isebrink... Hauptmann Isebrink... Ein höhnischer Sonnenschein überflutete seine nervösen Züge. Siehe da! Nicht auf Freierfüßen, sondern auf dem Weg zu den Ungläubigen! Oder vielmehr: mit den anderen Mitgliedern der neuen Militärmission wohl schon dort! ~Ah -- je vous félicite, mon cher!~ Nein: Ich wünsche mir Glück! Wenn ich wieder nach Wiesbaden komme, werde ich vor einem gewissen Haus keinem Störenfried begegnen. Der Weg ist frei...
Jäh klirrte eine Scheibe. Die Reisenden fuhren auf. Ein Durcheinander:
„Ein Steinwurf!“
„Ein Flintenschuß!“
„Sind wir noch in Serbien? Dann war es eine Kugel!“ sagte auf Französisch Einer der Türken. „An dieser Stelle hat man schon auf dem Hinweg auf Seine Exzellenz geschossen!“